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Full text of "Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. 1881 pt.2"

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nni?im l | NKLIJKB bibuoth EEK 




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lln|ere Jett. 

SDeutfcfje Geölte ber ©egetmart. 


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llnfm Ml 



ffltutffyt JHjcdujc iXjcr (ß*gmu)arf. 


£>erau«geget>en 


Iiiimlf non (fiot!fi1)all, 


Saljrgang 188 1. 


Breiter SBanb. 



* W0: 

2t. 23 r o dt Ij a u 8. 
1881 . 


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ilciffcr ©otffrteir, 

®on 

Sari ßertt.*) 

Slm ^immet flammt ber SJiorgen purpurrottj; 

Xer SJteifter riitjrt fich emfig fd^ort im §aufe, 

©efchafft beit Smbifs, SOtitch uttb fdjWarjeS ©rot, 
©erfdjtiefjt baS Xhor: leb’ Wohl, geliebte Staufe! ... 
Unheimlich, ftumrn unb fteinig ift ber ©runb, 

Xen wir gewählt, bie Pilgerfahrt ju fürjen: 

Sein Sperling t)ufd)t batjin mit feinem gunb, 

©om Seifen bro^t ber morfdje ©tocf ju ftür^en. 

SftingS atleS hart unb herb unb hoffnungslos! 
©erjwergteS fpotj unb gtutberfengteS äJiooS 
©efpiilt ein ©ächtein, burch bie SBitbnifj tärmenb; 
©ergnügtich thut eS mit öerftetttem $erjen, 

(Sin echter greunb, ber, fetber ftitf fid) härmenb, 

XeS SreunbeS SBeh betäubt mit feinen Scherben. 

©om rauhen Steg auf glatten SBeg! ©om ©rauen, 
XaS uns beftemmt, §u ©ilbertt froher Strt! 

StugS bieten uns bie ©turnen auf ben Sluen, 

Xie ©öget, bie gefdjwäfcigen, im ©tauen 
Stach Sinberbrauch ihr ööttigeS ©ertrauen. 

§ab’, grembling, Sicht, bie Quellen finb' fo jart, 

©in berber Xritt oermöchte fie ju ftauen. 

Xen $öhenjug umfäumt ein junger Xann, 

Xa Weitet fich bie ©ruft bem SBanberSmann: 
©hrifrtinbtein fieht er im ©ehege weiten, 

(SS muftert fdjarf ber ©äumchen lange Setten; 

©ebädjtig mertt eS fich bie fchönften an, 

Sttrforgtich fucht eS jefct bereits bas ©efte, 

©Somit eS naht am tiebtichften ber Sefte. 


*) Xer zehnte ©efang einer gleichnamigen gröjjcrn Xicfftung, bie fich int Slachfaffe beS 
am 10. Stpril 1879 oerftorbenen XidfterS gefunben unb noch nicht beröffetitlicfit ift. Xer 
fflefang bebarf feiner ©rtäuterung; er ift ohne Kommentar oerftänbtich unb charafteriftifch 
für beS ebelit begabten XidjterS Sinn ft- unb Söettanfcbauung. X. 9teb. 

Unfere «Beit. 1&81. II. 1 


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• 2 


Unfere <3eit. 


Su SEBafferfatl mit bumpfem Sonnetfcball, 

Sßit beinern garbenfpiel unb gunfentegenl 
UnS wetjrt unnahbar bott bet ÄlippenwaU, 
©efräßig g<Ujnt uns ^iet bie Stuft entgegen. 

Sie ^olbeften bet Steige becft Statut 
3« teuftet SBeiWidjfeit mit ftrengem Soleier, 

Unb fie betttaut ein füg ©ebeimniß nut 
Stadfj fpröbem SSiberftanb bem Tütjnften greiet. 
Stunmebr bergan! Sie Seinen gilfs ju fpannen, 
Un8 überrafcßt fobann ein feltner Sohn; 

Sßit tunten erft am Süße jener Sannen, 

3efct wanbetn mir ob ihren SSipfetn fcßon. 

©emacb entringen mit bem plumpen Stiefen 
Sen ©djtüffetbunb ju ©rbenparabiefen. 

0, Weither ©lief bon biefem SuginSlanb 
Stuf ©ee unb Stiften, ©<bnee unb' Sllpenbranb! 
Uralten SBunbem bat beS SOtenfdjen §anb 
Sie neuen tjier, bie größeren, gefeilt: 

Sen ©ifenbrabt, morauf um eine Sßelt 
SaS SBort mit Ungeftiim beS Siebtes fc£»netlt; 

Sen ©djienenmeg, morauf baS Sampfroß ftürmt. 
Sie Ströme jwingt, bie kuppen, ftolj getbürmt. 
@o maltet benn ibr beiben, treugepaart, 

3u aller $eil bom ©eift geoffenbart! 

Sbt würbet tperrn ber Seit» beS StaumeS fperra, 
3b r tädtet nab, ®aS früher meilenfern; 

3b r b°bt baS Stacbeinanber umgefebafft 
Bum äJliteinanber bureb bereinte Sraft. 

3<b möchte fdjauenb fort unb fort genießen, 
©erebfant mich im SBonneraufcb ergießen: 

©in 91<b, entfloßn bem 3nnerften ber ©ruft, 

Sft ber gefammte ©praebftbab meiner Suft. 

81IS einft bem ©migen mit Ueberfibmang 
Sie ©reatur im Gben £>t)mtten fang, 

Sa wollte fester ein freuet |>alm betragen, 

@r batte nur jmei SBörtlein auSjufagen, 

Gin ©ilbenpaar, boeb mar’S ein ganzer ©faltet 
©oH Sinblicbfeit unb ©ottberfunfenbeit, 

Grftaunen, San! unb SebenStrunlenbeit. 

3u güßen lag baS ©räSdjen bem Grbalter 
©etbauten SlngefidjtS unb bannte bin 
inmitten aß ber ^errlicßfeit: 3cß bin! 


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ZTCeifter (Sottfricö. 


3 


SBir fteigen auSgerugt üorn ©ipfel nieber. 

©rjäglt ein Stärdgen mit ©djegerejabe? 

0 Sürdgerftabt, mein Sluge ftgaut bieg toieber! 

®ie $ulb beS Rimmels Weift auf beinern Ißfabe. 

StingS ladgenb ßaub, fo weit bet ©ilger fpägt, 

9lm #orijont ber Sirnen 3Kajeftät; 

$ie Jpügel fanft mit trauten ©ommerfrifdgen 
©efpiegeln fitg im ©ee, im träumerifegen; 

2)ie ßimmat raufet getan mit grüner gfot, 

2)rauS taucht empor bie Königin ber Seien, 

©eftrieft baS 0gr mit fügen Stelobeien: 

„®omm, Stenfcgenfinb, itg linbre beine ©lut." — 

®er Steiftet ruft: „®en 2t6cnb an ber ©rüde! 

©o lebe mögt, unb gälte Staff im ©lüde!"... 

9luS tieffter 8tug’ nun plöglieg ins ©ebränge, 

3Bo ©rbenluft mit taufenb Bungen fpricgt! 

33erfüljren mein ©egör bie 3ubelflänge? 

©erblenben all bie Sorben mein ©efiegt? 

3cg ganble franl, itg bin auf wenig ©tunben 
©om #auSgefeg beS Steiftet gier cntbunben. 

©etroft, getroft, idg übergreife nidgt, 

©erfülle nidgt ben Stenfdgen unb ben ©acgen: 

2>u legrteft mitg, gocggeilig ©leitggemidgt, 

Ob beiner 9torm unauSgefegt p toacgen. 

®ie Ueppigfeit ber SBelt fotl feiner Seit 
3m ©ufen mir bie Wüfte ©ier entfacgcn, 

Stein gern gegegter §ang pr ©infamfeit 
Stieg irgenbtoann pm Slofterbruber maegen. 

3<g lange ftiHoergnügt nacg meinem ©lafe, 

©rgöge mitg mit taumelfreiem ©inn 

2lm ©tgelmenblid ber fcgmucfen ©cgweijerin; 

3tg fdgtoeife burcg bie ©tragen bann unb blafe 
®en Saucg, ben buftgemürsten, bor mitg gin. 

©ift lieblidg, bift begegrenStoertg, ©enug, 

$odg unentbegrlitg nitgt p meinem ©lüde; 

©ift bennotg bloS ber golbne Ueberftgug, 

Sein ßebenSbrot, baS täglicg toatgfen mug; 

3cg fügtte, wenn bu fegtteft, nitgt bie ßüde. 

2)aS aber ift’S: ber Stnerfennung tootl 
©eniegen geut, was uns bie ©terne gönnen, 

Unb beffen, toaS ba geftern ftrogenb quoll, 

©elaffen tags barauf entratgen fönnen! 

l* 


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Unfere <5 eit 


‘k 


3um See jurüd! 3^r tjotben Panoramen! 

®a pttftlidß ruft ed midfj bet meinem 9tamen: 

„Srgib bi«ij! $att! 3)u bift ereilt, erfannt, 

©ertjdrenb Ijätt bidj feft bein ©tjabamant. 

3<fj fdjliej?« bir ben SJiunb mit flüffen ju; 

Sei mäu^enftiH, idj bin gemiOt ju regten, 

3nbem um beinen §atd, ©errättjer bu, 

SJtit dörtli^feit fidj meine Hrme flehten. 

Sind Waren Wir, ba reid) bie Sode flog, 

®ad ©^idfat tjieß und audeinanbergetjen; 

3efct feiern wir bei (argem £>aar, ©enoß, 

3m fremben Sanb ein fpäted SBieberfe^en. 

Saß ffirber und üon neuem ©rüber fein, 

Gegeben ift'd in beine $anb allein! 

„SBir finben und fo fpät. $urdj weffcn ©djulb? 
$>urdfj weffen Xrofo, unfteter SBanberboget? 

©ntftieljft bir fetber, jagft in Ungebulb 
Surdj $eibe, SBalb unb SBiefen auf ben ftoget, 

©on ftitter ?Hp ju wüftem ÜReergebraufe, 

©om SDtarftgeWüljt jur abgefperrten fitaufe. 

SOtir aber warb ein ftSnbiged ©enift. 

9lun? Defter jietjt bidj an auf fnappe grift 
SDtein tljeured SBien — warum, bu fdjjlimmer Gf>rift, 
SBarum erfdtieinft bu nidjt in meinem |>aufe? 

SBSie, Sarbe, (annft bu jemald 3)en bergeffen, 

®er f)od)ergtütjt unb tuftberaufdfjt unb jag 
Unb treuticfj an ber SSiege mitgefeffen, 

Star in bein Sieb, bein erftgeborned, tag?" 

— „©ergeffen? Dlein, bodj (raufte ntidj bein Ireiben, 
Unb feft befdjtoß idj, ferne bir ju bteiben. 

$u wurbeft groß unb mächtig, tjaft im ©tanj 
©eljenbe bidfj getjäutet gar unb ganj. 

34 Ijabe, wad idi braune, ban( bem Steiße; 

SJiein ©önner bin idj fetber — ei, fo heiße 
Sföidfj immerhin ben ftotjgefinnten Slrmen, 

S>er feine ©unft erljeif4t unb (ein -©rtiarmen. 

9Jti4 förbert nid|t ein müßiger ©erfeljr, 

34 fudje ben gebanftic^eu, ben Warmen. 

©ebürfniß fei bem Sreunbe metir unb metjr 
S)er ecEjte greunb, (ein fatjriged 93egef»r, 

Sein Sültfet btod, (ein btoßer ©pielgenoffe, 

®ein ©ufc, womit man ftunfert bor bem Iroffe. 


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ZTTeifter (Bottfrieb. 


5 


„Su fdjwärmeft jefct, bu fpri(§ft oon Sruberfjanb, 
Sott Sruberfufj, oott ewigem Serbaitb. 

3Ser ahntet, bettt Oott feinet etften Siebe 
(Sin SJtaljnen leis im $erjen nicfjt oerbliebe? 

Sod» Ijoffe nidjt Oon folgern Stieb Seftanb! 

(Srblidft bu mid), fo hämmert auf in bit 
(Sin abgeblafjter Sraunt aus frühen Sagen, 

(Sin tttücferinnera an üerljattte Sagen; 

(Srregter mu| bein ißuls ein 2Beild)en fotogen, 

Su fieljft ja beiner Sugenb SBilb in mir. 

3<tj blieb getreu, bu fdjwureft ab bem (Mott, 

Sem einft mit Snnigfeit oon bir oeretjrten, 

Unb toanbteft rafd), tote alle bie Sefeftrten, 

Sidj toiber iljn mit rüdfidjtSlofem Spott." 

— ,,3 e fe( fdjwärmeft bu! SBeit reifer, mir geregter, 
SEBeil tlitger idj geworben, wär’ id) fc^tec^ter? 

Sott id) baS (Mlüd nur in bet Sugenb ftitt, 

9tid|t aucfj jugleidj im ®füd bie Sugenb fefjeit? 
Seidjtbtütigfeit ift meine gee! loitt 
Kn intern Slrm nadj frifd)en IRöStein gefeit. 

(Sfebulbig redjnet fie mit meinen Sinnen 
Unb fegnet, wo bie Unnatur oerbammt; 

Sie lehrte mid) beS SEBeltüerforgerS 9lmt 
©efunben SelbftgefüIjlS bei mir beginnen. 

3Rag um ein Stihtbcfjen fpäter auf ber (Srben 
©in jeber gut, ein jeber Weife werben, 

SBenn jeber uut baS Sefte nid)t oergifjt, 

9iur um eitt Stüitbdjen eljer fetig ift. 

„Su tabelft, baff idj Willig mid) üertor 
2ln biefe üßett unb Ujr oerfefjrtcs Straffen? 

3fd) tabte, ba& bu Ijeute wie juöor 
3br trofcig brotjft mit fdjneibigcn (Mewaffett. 

Oft fpradj idj beingeben! in wahrem SBelj: 

(St prebigt — wem? Sen SBctten unb ben SBinben! 

(Sr fudjt erljifct — wonat§? D, Wirb er je 
Stuf folgern ffieg bie blaue Slume finben? 

(Sr iiberjieljt mit Ärieg, toaS obenan; 

SEBaS fegnen mag, was ©rot oergeben fattn, 

Selegt er unoerföfmt mit raufiem Sann — 

5ür wen? 3um ^»eile nur ber feigen Raufen, 

Sie fdjliefjlidj bod) ben abgeljefcten 2J?ann 
SWit altgewohntem SubaSfufj üerfaufen. 


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6 


Unfere «Seit. 


„3<b table bidj, bemt einfant gingft bu Ijin; 

SBaS beiner Strt, ber fdjüchternen, entfproffen, 

SBerfdjrieeti balb als fteifen ©igenfimt, 

SB Dünfet gar bie jümenben ©enoffen. 

3$ tabte bidj — warum? Du wußteft nie 
3u fchmeidjetn bem unb jenem, bort unb bie. 

3<h fabelte, laß mich fabelten, SDtufenfoIjn, 

Denn bir genügt bie füge ÜJtülje fabon, 

Serftanbeft nie mit Stufen ju oerwertben, 

SBaS bottet §ulb bie $immel bir befeuerten; 

Unb nie berftanb mein blöber ftamerab 

Den tarnen fein auf manchem Seitenpfab 

Den SBtaffen ins ©cbäcbtniß fc^fau ju fabwärjen, 

Da« leiber flüchtig ift Wie Schnee im SDtärjen. 

„3<h table bidj — warum? SBem !ann es frommen, 
SluS ganjem #olj ju fefjneiben? Stippen! Stippen! 

3Jtit feiften Suchern fpät ju Sötarfte fommen? 

Ein fliegenb Statt genügt ben flachen Sippen. 

©eftatte mir ju bilbern: fchnefl erreicht 
Sein Steifejiel ber bürbenlofc Sote; 

SDtit Keinem ©etb hantiert bie SJtenge leicht, 

3ebocb fie wechfelt febwer bie große Stote. 

SBoju, was edjt? Dem Solle paßt ber Schein. 
UrfprünglicbeS mit reiner SBeihe fdjaffen? 

SBir abmen nach, Wir ftammen bon ben Stffen. 

©in Sraufepulber wirf in fabwacben SBein; 

©bampagner foebft bu fo nach meinem Statbe, 

Das Säcnlum gehört bem Surrogate. 

„SBoju, was echt, nach gutem Sraucb ber Slbnen? 
Stein, ©cbteS nicht, wo Scbminle berrfdjt unb Stifter! 
©en fchnöben Scbwinbelgeift ein fester Stifter? 

Sin jenen bon 2a SKancha muß er mahnen. 

Statt ebler 2iebeSglut im £>erjen innen, 

Die Srunft, ißoet, ben Wiiften ©ult ber SSabe! 
Seethoben'S Sang? @S fuppett unfern Sinnen 
Den frechen Staufdb bie Dffenbadjiabe. 

Der Sltaler barbt, benn billig matt baS 2icf)t 
3um (Sprechen treu beS ÜJienfdjen Stngeficht. 

Der Siegelftein erfejjt ben SDtarmorblod, 

Der Krämer baut, er gipfelt Stocf auf Stocf, 

Sielfenftrig prahlt fein ungefdjladjteS £muS, 

Der junger nach &en SJtiethern glofct heraus. 


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ZTCeifter ©ottfrieö. 


7 


„2)ie Kunft b erbrängt, baS ipattbtoetl flott om Stüber! 
2)aS ift toerbrieft, baS ift Befiegett, ©ruber! 

3 m äJtajje tote ber jarte IrieB berfteugt 
©ebanHidjeS im Siefften ju empfangen, 

©rlifdjt augleid» baS feurige ©erlangen 

2 ) et SJteifter, bie fo rüftig fonft gejeugt. 

3 h targer Steft bon ©eetentrunfenijeit 
3ft einem SräuBdien gleidj jut Sefejeit, 

©om SBinjer unbemerft, im ßaub berborgcn; 

Sei befj getoifj, er überrafdjt es morgen. 

©efdjäft, ©ttoerb: benn täglich toädjft bie StoÜj! 

©o Hagen Bang bie Stilen unb bie jungen; 

©elbft ©^öbu§ Ijat fidj unbertoeitt berbuttgen, 

2ttS er auf ©rben ging, er brauste ©rot." 

— „©ebanHidjeS toirb freubig nodj empfangen, 
©ebanHidjeS toirb freubig nodj gejeugt: 

3 dj fei)’ bie 3 «genb an ben SJteiftern fangen, 

Unb SReifter fe£>’ idj arm, bodj ungebeugt. 

3) ie grauen fet)’ idj finnig nadj wie bor, 

@ie Ijätfdjeln fanft bie Kunft an ilirent ©ufen, 

SlpoH jur ©eite toanbeln ja bie SRufen; 

©ie tauften ib»m mit Hangoettoö^ntem Oh- 
2 Bie ^olb unb weife fpridjt bie ©riedjentoelt! 

3 a, grauen finb bem Künftter eng gefeilt, 

©inb ©Hüterinnen iljm unb Seherinnen 
Unb feines StufS berebte SReherinnen 
Unb fingen ilim, bem gläubigen ©emütlj, 

©on allem, toaS Ijtcmeben blüh unb glüh 

„©etoifj, baS ^anbtoerf podjt auf golbnen ©oben, 

®S mäftet jtdj, es tooht im eignen IpauS, 

©S brüftet fidj unb forbert gern h rfl uS; 

©i freilidj 0 eh bie hh e Kunft in Soben. 

3h taugt ein Kämmerlein, baS griebcn beut, 

©enügt ein SDtaljl, baS geftern fHlidjt wie h ut - 
greihit unb ©ettelfad — ift bie 2)ebife! 

SBenn jenes nur bet SageSmobe fröht, 

©rmifjt ein lünftigeS 3 a hh n bert biefe; 

SBenn jenes ruh, fobatb bie ©eSper tönt, 

3ft biefe nodj im 2tmt beim Sampenfdjeine 
Unb bitbet fadit unb bilbet formgelen!, 

®er ©HöpferpfliHt, beS SRantenS nur geben!, 

S)eS KränjleinS aucf) bereinft — am Seidjenfteine." 


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8 


Untere 


— „SeS StänjleinS, baS öon ©ift gefattigt ift! 
Sie 9torne nabt, um üftottj unb matte Heroen 
Unb Mmmemife entgegen bir ju werfen; 

3n beinet ©ruft erregt fie fdjlimmen 3wift: 

Su jweifelft jefct am SBertbe beiner Strebung, 

Unb fiinbigft halb barauf burcb Ueberbebung. 

Sie lüde wirb tra geinbe leicht entfalt, 

Ser bitter Warb im SBeb ber eignen @$wä$e, 

Ser auf bie SJtittel immerbar bebaut, 

3Bie feine Ouat an beinern ©lüd ficb räd)e; 

Senn ©lüd benennt er, Sieg burcb fremben Schub, 
3Rit feiner 2ift erfc^Iic^en unb erzwungen, 

SEBaS eingeborne föraft mit ^elbentrufc 
Unb wahrlich hart ben ©eiftern abgerungen. 

„Sieb, opferft bu mit fieberhafter ©runft 
Sie ©egenwart um eines ©nfels ©unft? 

©rblicfft bu ihn bereits mit ßränjen reich 
Sin beinern ©rab, boffärtig bicb jugleicb? 

Unb foltfjeS SReiS bereinft am $ügel bein, 

So wäfineft bu, fotl uttbergänglicb fein? 

SaS Pergament ber Sitten, blieb eS? 9tein! 

©ab Dmar nicht bas ewige ber ©lut? 

3unt Sroge warb bet Sarg aus SRarmelftein, 

Ser unoergefiticbe, brin baS ©ebein 
Son SRomeo unb ^ulia geruht. 

3m ffanaan ber SJtaler war ich, fab 
©in ewig Stüd, in giidcn hing es ba, 
gfir Sröbler reif — sic transit gloria! 

„2BaS unoergdngtich h' e 6 > es warb junicbte: 
ßäfaren, einft fo berrlid) unb fo grob, 

Sie ragen noch als SJJeilenjeiger bloS 
©erwittert auf am SBege ber ©efchichte; 

Unangetaftct blieb lein ©iSttertljron; 

Sebooab liegt jweitaufenb 3“b re fdw« 

©iubalfamirt im biblifchen ©cbidjtc; 

3um SDtt)tbuS - Wirb bereits SDtaria’S Sohn; 

Sie $ir<be ftanb auf einem gelfenwatlc; 

Ser gelS ift brödlig worben, neigt junt gatte; 
©cwäffer ftürmt, wo fefteS 2anb geruht, 

©erbunften muh jule|t bie Sonnenglut, 

®ema<b erfriert ber fdhauernbc planet — 

Su aber ftmchft oon ©wigfeit, ©oct? 


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2Tfeifter (Sottfrieb. 


9 


„$att, mögen mit in borgerücften lagen 
SKadj Änabenart einanber uns üerftagen? 

3«^ ^atrte lang auf biefeS SBieberfefjen; 

2Bir foQten Diel bes §erjlidjen uns fagen. 

SSie fam'S jebodj? 2Bir tjaben loSgefdjfagen. 
©ergib unb toofle felbft um ©nabe fielen! 

Safe allen ©roll mie trüben SRaudj betmef>en, 

$en Süftdjen gutgelaunt Don Rinnen jagen. 

3dj benfe, gteunb, bet Kampf ift auSgetragen, 
3ur greube tafc uns auf bie greite geljen! 

2)a fiel), bet Schiffer meift nad) feinet ©onbet, 
Uns fingen ein, uns toiegen fanft bie gtuten; 

3unt SJtaljle bann, mo eble SBeine bluten; 
SBoljtan, fo reiche mit ben ?lrm, mein Stonbel!" 


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ft\Uxanfd)t fJIautrmtnx aus ÜÜtabrii). 

»Ott 

Wilhelm Caufer. 

Stuch bei giemlich flüchtigem Äufentljalt in SJiabrib ift eS nicht fchWer, einen 
Ueberblicf über bie fjertiorragenbem ©tftfjeinungen ber jeitgenöfftfdjen Siteratur 
Spaniens ju gewinnen. SBenn man bei bem gtembling einige aufrichtige Steigung 
für baS fpanifche SBefen boranSfehen barf, fo öffnen .fidj ihm leicht bie Spüren 
ju ben angefehenften Häuptern ber Siteratur. Der SJtinifter, bet Sammerpräfibent, 
ber Stbgeorbnete, ber ©taatSratlj hat immer ein ©tünbchen übrig, um mit feinem ®aft 
über bas ©chaufpiel, baS er eben aufführen läßt, ober über ben ©anb Iprifcher 
©ebichte ju plaubern, ben er gerabe herausgegeben. @S gibt nämlich — unb biefen 
für baS moberne Siteraturieben Spaniens charafteriftifchen 3ug wollen wir gleich 
fefthalten — wenige Dichter unb ©chriftfteller bon ©ebeutung in Spanien, bie 
nicht auf bem Umwege über ben ißarnafj ju hohen Remtern unb SBürben gelangten. 
HJtögen biefe ©chriftfteller noch fo fehr burch amtliche Stellung ober politifdje 
tßarteimeinung auSeinanbergehalten fein, fo taffen fie ftch burch literarifche 3n= 
tereffen unb coUegiale SRücffichten boch immer wieber jufammenführen, fobafj ber 
Srembe, ber einen bon ihnen lennen gelernt unb Zugang in irgenbeinen beftimmten 
Sreis gefunben hat, ficher fein barf, halb in immer weitem Greifen berlehren ju 
fönnen. ©in Slbenb j. ©. im Stteneo jugebracht genügt, um bie werthboflften 
©elanntfchaften anjufnüpfen; bie ©ebnet, welche hier ' n öffentlichen ©ortrügen 
unb Disputationen bie gro&en wiffenfchafttichen unb potitifchen fragen ber 3eit 
behanbeln, bie ©chriftfteller, bie hier ihre neueften SSerfe einer ©erfammtung bon 
Sennern borlegen, bie Siteratur* unb Sunftfreunbe, bie fich hier ©teUbidjein geben, 
beeifern ftch, bom Stugenblid an, ba bu ihnen borgefteüt bift, bir bie SBege nach 
allen ©eiten gu öffnen unb bidj über alles aufguflären, was es bei ihnen ©e= 
merfenSwertheS auf geiftigem ©ebiete gibt. Die ©efchichte beS Slteneo lann 
nahezu als bie ©efchichte ber geiftigen ©ntwidetung Spaniens Währenb ber lebten 
^ahrjehnte gelten. §ier würben bie grofjen Sümpfe gwifchen ber romantifchen 
unb ctaffifchen Schule auSgefochten, hier neue Datente mit bem Sorberfrang gefrönt. 
$iet Würben Sangen für Sant, $egel, Sraufe gebrochen unb ißropaganba für ben 
beutfchen ÜJtaterialiSmuS unb für Darwin'S Dheorien gemacht. ©ebner, bie heute 
ber ©uhm ber fpanifchen Dribüne finb, bitbeten fich hier aus, unb man nennt 
mehr als ©in SRinifterium, baS aus bem Stteneo herborgegangen fein fott. 


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Citerarifdje piaubereien aus IRabrtb. 


U 


(Eigenartig wie biefer allgemeine ©ereinigungSpunft bev fpanifchen Siteratur* 
Häupter unb greunbe finb auch bie literarifchen Sränjchen (Tertulias), benen wir 
am häuslichen §erb biefeS unb jenes SchriftftetlerS in SJlabrib beiwohnen burften. 
@o fammelt ftc^ um ben SJtooettiften Suan ©alera eine Schar $idjter unb 
Sdjriftftetler, beten SSege fonft weit genug auSeinanbergehen. ®er Slmphitrpon 
felber, ber Wie wenige ju lefen oerfte^t, erfreut uns burch ben ©ortrag ber 
tprifchen Steile beS ©oethe’fcpen „Sauft", bie er mit »ottenbeter 3Jteifterf<haft ins 
Spanifche überfept h«t. @r entwicfelt uns bie ©runbibeen feiner Slbhanblung, 
bie feinen SanbSleuten baS ffierftänbnifj biefer ®icfjtung »ermitteln foH, unb Wir 
ermatten einen ©inblid in bie fegenSreidfie 2§ätigfeit beS SWanneS, ber, nicht ju* 
frieben mit feinen öffentlichen ©ortefungen über beutfdje Siteraturg efchichte, auch 
burch Uebertragung #eine’fcher, SRüderffcher, Uhlanb’fcher, ©eibel’fcher ©ebichte 
feiner Station bie Sdjäfce &e* beutfchen SHdjtfunft erfchliefjt. Quan ©alera liebt 
es, über feine ©equemlidjfeit $u feufjen, unb hoch erfcheint er in furjen Swifchen* 
räumen mit immer neuen Stoöeüen auf bem ©üchermarft. Saum hat er bie leichte 
SbpHe „®aphnis unb ®hl°e" fpanifch aufgefcpürjt, fo »erfenft er fich in bie ernfte 
Aufgabe, ben StefchpluS ju überfein, daneben führt er Safuente’S „©efchichte 
Spaniens", bie beim lobe Serbinanb’S VII. fcpliefjt, bis jur Shronbefteigung 
Stlfonfo'S XII. fort, unb veröffentlicht in ben mabriber SeitfdEfriften gehaltoolte 
Slrtifel über bie neueften ©rfdjeinungen auf bem ©ebiete ber heiwifchen unb 
fremben Siteratur; auch fehlt er feiten mit einem ©eitrag bei ben literarifdjen 
Seften beS Stteneo. 

®er liebenSWürbige ©enoffe ©alera’S ift ber SBunberjüngling ®on 9Jtarce= 
lino ÜJtenenb ej ^5eIat) o, ber faft mehr SBerfe als Sah re jählt. SDtenenbej 
©elapo, heute faunt 24 3ahte alt, nimmt ben Seljrftuhl für fritifche ©efchichte 
ber fpanifchen Siteratur ein, ber burch ben ®ob beS »erbienftooHen 3 . Simabor 
be loS 8 U 0 S »erwaift würbe. Unb eS ift ©erleumbung, wenn feine ©egner be¬ 
haupten, er werbe nur feiner reactionären ©efinnung, bie man hohe« QrteS gern 
fehe, feine ftcher beöorftehenbe 28aI)I in bie Spanifche SItabemie »erbanfen. ®aS 
literarifche ©epäd, mit bem er (ich ausweifen !ann, ift »ielmehr ftattlich genug, 
©on SlefdjpluS, in beffen Ueberfefcung er fich mit ©alera theilt, hat er bereits 
iWei Stüde fertig gebracht. Seine auf nicht weniger als acht ©änbe angelegte 
„©efchichte ber Seher in Spanien" ift jwar in bef<hrän!t fatholifchem, romanifchem, 
antigermanifchem ©eifte gefchrieben, aber gefällig ju lefen unb auch in ©ejiehung 
auf felbftänbige wiffenfchaftliche Sorfcpung nicht »erbienftloS. Seinen ftattlichen 
©anb „Horacio en Espaüa" fömten Wir als eine »oUftänbige fritifche ®efcfjichte 
ber gelehrten Iprifchen ©oefie in Spanien gelten Iaffen, wenn es uns auch fomifch 
berühren muff, baff er mit Seuereifer bie ÜRöglicfjfett jurildweift, es fönnten ben 
fpanifchen Spettern burch bie ©efanntfcpaft mit ben beutfchen, bie ihm hoch felber 
fremb finb, Quellen ber ©rfrifdjung unb ©etjüngung erfcploffen werben. Seine 
fpanifche ©aterlanbSliebe fuchte er auch burch ein SBerf: „La ciencia espafiola", 
ju bethätigen, Welches ©uropa bemeifen foH, baff bie Spanier nicht fo wenig für 
bie SBiffenfcpaft geleiftet haben, als man gemeinhin annimmt. Slufjer anbern 
gelehrten Slbhanblungen hat er audh einen ®anb „©ebichte" »eröffentlicht »oll 


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Unfere ^eit. 


V 

blüßenber Slßetoril. Unb er läßt fidj ntcßt lange bitten, um mit feiner woßlllin» 
genben Stimme ©erfe oorptragen, in melden er bie Schönheiten feiner $eimat, 
ber cantabrifcßen 3Reere«lüfte, befingt. Docß fdjeint e«, al« ob borjug«weife bie 
Sntrüftung biejenige Stimmung fei, bie ißn jura Dichter macht. @o ift er jeßt 
außer ficß batüber, baß 9tune$ be Hrce in feinem Schießt über Sutßer: „Vision 
del Fray Martin", fidj an Spanien unb bem $atßolici«mu« berfünbigt tjabe, unb 
er glüßt oor Verlangen, biefen £>odjöerratß burdj eine non ißm berfaßte „Vision 
de Loyola" ju föhnen. Dem Dichter mürbe atlerbing« trefflich borgearbeitet burcß 
bie ©riefe be« ©ater« be« 3efuiti«mu«, in benen berfelbe botl büfterer ©oefie feine 
©ifionen felbft fdßitberte. 

(Sine Hießt minber merlwfirbige Srfdjeinung al« biefer frühreife liierter unb 
©djriftfteHer war in biefem Greife fein Sanb«mann au« ©antanber, Safimiro 
bei Sotlabo, geftern nodj in Spanien ein Unbelannter, heute al« eine 3ierbe 
ber nationalen ttjrifdjen Didjtlunft anerfannt. Sotlabo tna<ßt in feinem Heußem 
eßer bett Sinbrud eine« behäbigen SRanne«, ber ficß non ben ©efdjäften jurüd= 
gezogen, al« eine« Dichter« bon jarteftem ©efflßl, tiefem Deuten unb feiner Statur* 
empfinbung. SRan ftüftert un« benn au<fj, al« er au« feiner Dafdje Drudbogen 
eine« tßrifdjen ©änbeßen« ßerborjießt, ba« er eben ßerau&jugeben im ©egriff 
fteßt, mit bem 8lu«bru<fe großer Iwcßadjtung §u, baß Wir bie Sljre ßaben, einen 
Millionär bor un« ju feßen, ber nunmehr, naeßbem er fidj in SRejico feine fReidj» 
tßümer gefammelt, auöfcßtießlicß ben SRufen opfert. Sotlabo war, al« er fidj in 
fräßet Sugenb ber unfruchtbaren Steigung be« ©etfemaeßen« ganj ßinjugebett 
broßte, bon feinem ©ormunb in ein Äaufmann«ßau« nach SRejrico gefdjidt worben. 
Dort machte er, wie fo biete feiner Sanb«leute, fein ©lüd unb lehrte bann ju 
feiner erften Siebe jurüd. Da« fpanifche Slmerita, ba« bem SRutterlanbe feit 
Saßrjeßnten fo biele feiner lünftterifchen latente entjog, hot bie«mal bie ©chulb 
jurüdgejaßlt unb ben dichter mit bem Sßrentitel eine« SRitgtiebe« ber SRejica* 
nifchen Sltabemie ber Heimat Wiebergegeben. SBie wir nun wol bei au«geroan* 
berten ©ebötterungen Wahtnehmen, baß fie ihre Sprache getreu in bem ©tanbe 
erhalten, in Welchem fie biefetbe au« bem ffiaterlanbe in bie grembe getragen, fo 
gemahnen un« Sollabo’« Dichtungen biel mehr an bie etaffifeßen ©orbitber au« 
bem Stnfang be« Saßrßunbert«, bie auf feine Sugenb eingewirlt, al« au bie 3lrt 
ber jüngern 3eitgcnoffen. ©ollen wir Sollabo mit einem ber Sitten bergleidjen, 
fo brängt ficß un« bei ber geierlicßteit unb bem SBoßlllange feiner ©erfe wie bei 
ben ©egenftänben, bie ißn begeiftem, noeß am eßeften ber Stame Strgenfola’« auf, 
bon welcßem un« S. Dorer in feinem reijenben „Sancionero" (Seipjig, D. D. 
SSeigel) einige trefflicße Stadjbidjtungen geliefert ßat. 

Sine ganj anbere Statur lernen wir in IR. Sottea lernten, Sorrea fteßt mit 
bem einen guße in ber feßönen Siteratur, mit bem anbern in ber mabriber 
Kampf c«journaliftil. Sr ßat ßeute, um unferer literarifdjen ©efeüfdjaft beiju« 
woßnen, mit allen feinen Seben«gewoßnßeiten gebrochen, benen gemäß er erft, 
Wenn e« Stbenb Wirb, ©ett unb £au« bertäßt, um bie Stacßt in politifcßen Stub« 
unb im Songreßgebäube jujubringeti; tag«über bictirt er bon feinem ©ett au« bie 
Slrtitel für feine 3cituitg „Los Debates". Die feßöne Siteratur berbanlt ißnt 


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Citerarifcpe piauiereien aus 2Tlabrib. 


13 


mehrere ötoOetten, befonberö bie gemütpbotle „Rosas y Perros", uitb bie heraus* 
gäbe bet ©t}äplungen unb ©ebidpte beS ungtücftiepen ©uftaoo Secquer, ber 
naep feinem attju frühen lobe ber Siebling bet fpanifc^en Sugenb geworben ift, 
wie eS in Deutfcptanb #einricp §etne, in grantreidp Sltfreb be Sötuffet ift. Secquer 
freilicp, wie bie ©panier häufig tt)un, überhaupt mit biefen beiben §u bergleiepett, 
Oerbietet, abgefepen oon bem ÜDiafje ber ^Begabung, bie ganje Stiftung feines 
©efüpts* unb ©ebanfenlebettö. ®r ift oor allem ein ecf)t fpanifeper Sfatpotif unb 
burdpauS oerfunfen in ben fötpfttciSmuS feiner Religion. 9tm liebften fcpwämtt 
feine fßpantafie unter ben Denfmätern unb Stuinen ber faiferticpen (Stabt Xolebo, 
bie er mit ben jarten Suftgebilben feiner Dräume bebfltlert unb fcpmüctt. SBir 
finb fepon pter unb bort beutfcpen Uebertragungen feiner ©tjäplungett unb' Segenben 
begegnet, ©an} neuerbingS pat 31. föteinparbt perauSgegeben: „©ecquer, au3= 
gewählte Segenben unb ©ebic^te" (Seip}ig, SB. griebricp). ©twaS Oon beutfeper 
©efüplsinnigfeit unb ©cpwermütpigleit peimett uns pier an, unb bie Slbwefenpeit 
jener tönenben grafen, bie unS fonft bei ben jilngern Spaniern ftören, erpöpt 
noep ben ©inbrud, als pabe man einen Dicpter oor fiep, ber gan} bei ben 
Deutfcpen in bie ©cpute gegangen. DpnebieS burcp ben beutfdp ttingenben tarnen 
Secquer ftupig gemacht, forfdpten wir naep beS DicpterS Urfprung unb SebenSgang. 
©orrea war fein brübertieper greunb unb Pfleger bis }u feinem tepten Sttpemjuge, 
unb WaS er unS berietet, Hingt tpeitweifc rec^t feltfam. SBecquer’S SBorfapren 
fepeinen aDerbingS Deutfcpe gewefen }u fein, bie fiep in ©eoifla niebertiejfen, wo 
auep ©uftaOo geboren Würbe; bie gamilie fiiprte ein beutfepeS SBappen. ÜDlan 
möepte nun faft an eine Strt SttaoiSmuS glauben, Wenn man bie gan}e beutfepe 
3trt }U benfen unb }u empfinben bei biefem anbatufifdpen Dicpter waprnimmt, ber, 
bei Seb}eiten meprfaep beSWegen }ur 3tebe gefteüt, boep immer oerfiepern muffte, 
bafj ipm baS Deutfcpe unb bie beutfepe Siteratur oötlig fremb feien. 33ei feinem 
93ruber ©aleriauo, einem fötaler, ber gteiep ipm burcp früpen Dob pinweggerafft 
Würbe, wieberpotte fiep bie merfwärbige ©rfepeinung. SBir fapen bei ©otrea 
Silber oori feiner #anb, wie Die SBatpurgiSnacpt, bie oon irgettbeinem büffetborfer 
Stomantiter gemalt fein fönnten; unb bodp patte auep er Wie fein ©ruber niemals 
beutfepe ©orbitber gefepen. 3luS ©uftaüo’S ©tpriften erlernten Wir, baff er für 
bitbenbe ftunft, inSbefonbere Strcpiteftur, ein fcpatfeS 3tuge, für Söiufif ein wunber» 
bares ©epör gepabt paben muß. SBaS teptcreS betrifft, fo be}eugt unS ©orrea 
fotgenbe Dpatfaepe. Sinntal ppantafirte ©uftaöo, ber nie fttaoier fpieten gelernt, 
lange auf feinem ÄlaOier unb enttoefte bemfelben immer fepönere SIccorbe; bie 
genfter beS 3immerö waren geöffnet unb bie klänge brangen über bie ©tröffe in 
baS StatpbarpauS. SDtit einem mal Hopft eS an bie Spür, unb perein ftürmt ber 
berüpmte Sänger SDtario, bet brüben wopnte, mit ben SBorten: „SBer pat biefc 
pimmlifepe fötufif componirt? Wer pat fo pimmlifcp gefpiett?" ©uftaoo Secquer, 
wie auS einem Draum erwaepenb, antwortete: „3cp pabe gefpielt, aber was icp 
gefpielt, lamt icp niept Wieberpolen; benn icp pabe nie eine 91ote gefcpricben, noep 
gelernt, naep fJioten }u fpieten." Utidpt lange naep 93ecquer’S Dobe fanb fiep bei 
©orrea, wie biefer unS erjSptt, eine beutfepe Dante ein, bie, oon ber geiftigen 
SBaptoerwanbtfcpaft mit bem fpanifepen Didpter ange}ogen, beffen ©ebiepte überfept 


■ '.rCn . 


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Unfere ^eit. 


11 

hatte. Sie lieg baS HRanufcript in ©orrea’S $änben gurüd, bet eS noch als 
Reliquie aufbewahrt. Sietleicht werben wir bodj einmal in bie Sage tommen, 
biefe Uebertragungen mit ben jefct erfchienenen Don SL HReinharbt gu Dergleichen. 

Die geffihlsinnigen ©ebichte Secquer’s haben Diel bagu beigetragen, befonberS 
unter bem jflngem ©efchtecht bie Siebe gu ben Werfen, gut Ihrifdjen fßoefie, neu 
gu erWeden, Welche infolge ber frühem Ueberfättigung an bem phrafenreidjen 
unb inhaltsleeren ftlingltang, ber aügu lange in HRobe war, faft erftorben wäre. 
Die öffentliche Xheitnahme würbe auch baburch noch befonberS angefacht, bag ber 
auSgegeichnete ©djaufpieter JRafael Salto Sortefungen Ihrifcfjer Dichtungen auf 
ber Sühne Deranftaltet, unb bag bie Dichter, wie 3. Salera, ßorritla, Htuneg 
be Slrce, Sampillo, fßatacio unb anbere, wieber bie ©emognheit aufgenommen 
haben, ihre ©rgeugnige, beDor ge biefelben ber Deffentlidjleit übergeben, bem 
auSgewählten Greife beS Slteneo Dorgutragen. Slugerbem gnb neben ben alten 
anerlannten ©rügen, Sampoamor unb gorriUa unb 3. Ä. ©aliano, eine Slngaht 
neuer Shrifer Don Serbienft aufgetreten: ber junge Selatbe, ©rilo, ben man ben 
neuen BorriUa nennt, unb Dor allem Sluiteg be Slrce. Hluiieg be Slrce ift gang 
ber SRann unb ber Dichter feiner Beit* 3« feinen „Gritos del Combate" fchwingt 
er fein fcharfeS Schwert für feine gttlidjen, gefeUfchaftlichen unb politifchen Sbeale; 
an allen Kämpfen, ©chmergen unb ©nttäufdjungen feiner Nation nimmt er innigen 
Slntheil. Unb ftatt geh in ihr eigenfteS ©efühlSleben eingufphtnen, tritt feine 
HRufe heraus auf ben SRarlt beS SebenS unb erhebt bie Stimme beS öffentlichen 
©eWiffenS. Stuneg be Slrce fucht Weber bloS bem Keinen Greife literarifcher 
geinfdjmeder gu gefallen, noch &uljlt er um bie ©unft ber HR enge ober ber ißar» 
teien. @t ift ber Anhänger ber ©eptemberreoolution unb ihrer 3been geblieben 
auch nach ben SluSfdjreitungen berfelben, bie er in feinen Serfen bejammert, Der» 
fpottet unb geifeit. Die Freiheit beS DenlenS unb gorfdjenS ift fein 3&eal, aber 
ber DollSbethörenben Serebfamleit eines Saftetar ruft er prophetifche SBantungen 
gu, unb über bie Sehren eines Darwin bricht er ben Stab als über eine $eft, 
bie baS menfchliche Seben feines fünften 3«halteS gu entleeren broge. SRan 
mag mit bem Denier unb $olitiler iRuiteg be Strce nicht immer übereinftimmen: 
bem ehrlichen SRamte ift jeber Dolle Sichtung fegutbig, unb ber Dichter weig uns 
ftets burch ben männlichen Slang, ben fyotyn Schwung, bie reine 3orat feiner 
Serfe gu feffetn. 3a ben herrlichen Stangen feiner Dichtung „Ultima Lamentacion 
de Lord Byron" führt er uns in bie innerfte ©efühtS» unb ©ebanfenwelt beS 
grogen englifchen SBeltfchmergbichterS ein unb entrollt Dor uns in prächtig büftern 
Silbern bie SeibenSgefchidjte unferS nach Freiheit ringenben 3ahthunbertS. ©riechen» 
lanb, baS feinen alten Serler auffprengt, ift ihm bet Sorbote ber Freiheit für 
alle Söller. „Die ©ötter ©riechenlanbS", fingt er, „leben noch in ber SBelt beS 
©ebanlenS. $omer erhebt gef) auf ber beS ißarnaffes unb wiberftefjt ber 
Beit unb Sergeffenljeit. ©ine Strophe, ber Dorfo einer Statue wirb genügen, 
um bich nicht gu Dergeffen, o SBiege ber ©ötter unb ber Sunft! ©ebenle, o 
©riedjenlanb, beiner alten Dhaten, beinet hochhergigen unb tapfem Söhne; wer 
gu fterben weig, Weig frei gu fein. Die Freiheit gaben bie ©uliotinnen ihren 
ft'inbern, ba fie, um Dor ben Dürfen ge gu retten, fie fetbft in ben Slbgtunb fchteu» 


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CHerarifcße piauöeretett aus JRabrib. 


*5 


betten." ©iettei<ßt baS befte unter ben neuern ©ebicßten bon {Runej be Strce ift 
feine, unferS SEBiffenS aucß ins Deutfcße überfeßte „Vision de Fray Martin", bie 
er unter ungeßeuerm ©eifall gleichfalls juerft im Slteneo borlaS. Der Dichter 
malt f|ier in lebensvollen unb großartigen Silbern bie ©ebanfen unb Steifet aus, 
bie fiutheFS ©ruft beftfirmt haben mochten, beOot er ben Sampf gegen {Rom unter» 
nahm. Sr Will jtoar in feiner Dichtung ganj uitparteiifeß erfreuten, aber er ift 
hier bodß unoerlennbar mehr Sutßeraner als ®atßolil unb mehr {Rationalift als 
Sutßeraner. ©eine teßte uns belannte Dichtung „El Vertigo", eine in bolfstßüm» 
liehen {Reimen erzählte Segenbe, berlaffen mir mit bem Sinbrucf, baß ein Dieter, 
ber mie SJZuitej be 9lrce mit folcher SReifterfcßaft alle gormett ber Spil unb Shri! 
ju ßanbßaben meiß uub burch alle gafem feines SBefenS mit ber mobemen Seit 
bermaeßfen ift, feiner {Ration ein alle ihre ©eftrebungen, Seiben unb greuben 
erfcßöpfenbeS bichterifcheS ©emälbe ßerguffellen berufen märe. 

Der mobeme {Realismus, jum großen Dßeil {Racßaßmung unb Uebertreibung 
beS franjöfifcßen ©orbitbeS, unb bie romantifeße {Ricßtung, meteße mefentlicß auf 
beutfdßen Sinftuß jurüefjufüßren ift, belämpfen fieß unb bermifeßen fieß gelegentlich 
im fpanifdßen Dßeater ber ©egenmart. 3 . ©alera ßat erft neuerbingS rnieber in 
einem ©ortrag, ben er in ber SIfabemie hielt, ßerborgeßoben, baß Spanien bie neue 
©etanntfeßaft mit ben literarifcßen ÜReiftermerten feiner ©ergangenßeit großentßeils 
ben Deutfcßen berbanlt, einem Seffing, 3afob ©rimm, ©ößt bon gäbet, griebrieß 
unb SOBilßetm ©cßleget, ©cßulje, ©outermel, Diej, Diecf, ©eßacl u. a. Diefer 
Dage finb nun rnieber bie SrftlingSmerle, bie unter bem ©influß ber {Romantit 
in ber HRitte ber breißiger 3 fl ßte entftanben maren, baS {Ritterbrama „El Tro- 
vador" bon ©arcia ©utierrej, in ber gorm ber ©erbi’fdßen Oper in ganj Suropa 
populär, unb „Los Amantes de Teruel" bon |>arßenbuf(ß mit größtem ©eifall 
gegeben morben. Diefer ©eifall mar baS leucßtenbe Slbenbrotß, in metdßem baS 
fo reieße Dicßterleben bon £arßeitbufcß erlofcß; ©arcia ©utierrej aber fonnte 
44 Saßre nadß feinem erften großen Srfolge mit einem neuen Drama: „El 
grano de arena", baS im December 1880 im Deatro be la Somebia jur Sluf» 
füßrung !am, mie ein Srititer gut bemerfte, „jene rußige SEBirfung erzielen, 
meldße man beim Slnblid großer ©cßönßeiten empfinbet, nidßt jene gemaltfams 
Srfcßütterung, mit melcßer bie furchtbaren unb gefueßten Situationen baS ©ubtilum 
ermüben". 3« ber Dßat fdßeint baS fpanifeße ©ublifum bureß bie Irampfßaften 
©erfueße, ben franjöfifcßen {Realismus noeß §u übertrumpfen, feßon ermübet ju fein. 
€>onft mürbe ein fo einfach aufgebautes, mit fo rein natürlichen URitteln mirfenbeS 
©tücf mie „Consuelo" bon bem atlju früß berftorbenen Slpala nießt fo anßalten» 
ben Seifatl gefunben ßaben, bie meiften ©enfationSffücfe eines 3- ©eßegaraß unb 
@. ©elleS nießt fo halb rnieber bom {Repertoire berfdßminben, naeßbem fie ben 
©taub teibenfeßaftlicher Iritifcßer Kämpfe emporgernirbelt. ©on bem ©erbammungS» 
urtßeil über biefe reatiftifeße SRidßtung auf ber fpanifdßen ©üßne finb übrigens 
mehrere ©tücfe, mie „Sobre quien viene el castigo" bon 3 < Slntonio Sdbeftanp, 
auSjuneßmen, einem Dicßter aus ©ebilla, ber als jmeiunbjmanjigjäßriger junger 
3Rann mit feinem „El esclavo de su culpa" fieß bereits baS ©ürgerreeßt unter 



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Unfere ,3ett. 


\ß 

ben onecfanntcn fpanifchen Sramenbicfjtem, toic Xamaho, $orriC(a, Q. (EoeHo, 
erworben hat. 

(Sine ungemeine gruchtbarfeit hertfdjt auf bem ©ebiete ber Slobelle unb 
(Strahlung. Sie Äleinmalerei eines Äntonio be Xrueba unb ©ereba finbet 
ihre ©ettung neben ben grünem t>fh<hologifchen SompofUionen eine« Ätarcon 
unb ©alera. ©erej ©alboß forgt faft im Uebermafje für ein ftüe^tigereS 2efe- 
bebürfnifs, unb wenn wir bie tarnen 3. g. ©remott, <S. QoeUo, 3. Staoarro 
©itloßlaba, 3R. gernanbe^ h ©onjalej angeführt hoben, fo bärfte laum einer auß 
ber ©tejabe fpanifdjer ©ooeHiften in unfern Sagen übergangen fein, ber nach 
bem befonberß in Seutfdjlanb feljr gefehlten gernan Caballero noch baß Sntereffe 
im Slußtanbe jn erWecfen oermßchte. 

Sie tiierarifchen, titeratur* unb funftgefdjicbtlicfjen arbeiten g. 9J?. Xubino’ß, 
©litgliebeß ber ©panifdjen SRabemie, oerbienen in Seutfchtanb ganj befonbere 
©eadjtung. 3<h barf wo! baß ©ehetmniß Oerrathen, ba§ ber unermübliche ©olh« 
hiftor, ber fdjon im Slteneo fo häufig für beutfdje SBiffenfdjaft gegen bie Satiniften 
gefämpft hot, ein brutffertigeß SDlanufcript oerwahrt, welcheß an ber $anb mit 
forgfältigftem gleite gefammelter Säten ben oielfach beftrittenen, thatfädjHch nicht 
hoch genug anjufdjtagenben (Sinfluß bartegt, ben beutfche SBiffenfchaft unb Sichtung 
auf baß geiftige 2eben ©panienß in biefem gahrhunbert außgeübt hoben. Surch 
bie ©ielfeitigfeit feiner ©Übung, bie Unbefangenheit feiner SBeltanfdjauung, bie 
Stenntniß beutfchen SBefenß, bie er noch burch Steifen in unferm ©atertanbe unb 
burch Wahrhaft rührenbe ©emühungen, baß Seutfche gu lernen, ju ergänzen fuchte, 
war Subino wie teiner feiner ßanbßleute ju einem fotchen SBerfe berufen. 3Ro= 
nate hinburch aUabenblichet ©oft in feinem traulichen ©tubirjimmer, fuchte ich 
bem greunbe bie Sebenfen außjureben, bie ihn bißjefct abljietten, feine Strbeit ber 
Oeffentlidjleit ju übergeben, ©eine ©efürchtung, Ijierburch oon ben anbem großen 
titerarifdjen Unternehmungen, in bie er ficfi fetber geftürjt hat ober bie ihm bon 
gelehrten ©efettfchaften auf bie Schultern gelegt worben finb, auf einige Seit abge= 
jogen ju werben, Wirb hoffentlich noch ber (StWägung weiten, baß baß gelehrte 
4 tnb titerarifche Seutfchlanb ihm ben San! für feine Strbeit gewiß nicht oorent* 
halten wirb. SnjWifcßen hot fich Subino bie ooUfte Slnerfennung unferer $Homa= 
niften unb unferer ©ulturhiftorifer bereitß burch fein jüngfteß monumentaleß SBer!, 
an bem er feit fahren mit Stiefenfleiß arbeitete, feine „Historia del renacimiento 
literario contemporaneo en Catalufia, Baleares y Valencia", Oerbient. Saß 2Bieber= 
aufleben ber catalanifchen ßiteratur in unferm Sofwhuttbert, bie man erftorben 
glaubte, wie in granfreich bie prooenjatifdje, bie ganje hiermit jufammenh&ngenbe 
(Sutturentwicfelung mit ihren fegenßreidjen golgen wie mit ihren Stußfcßreitungen 
hat in Subino ben gewiffenhaften, unparteiifdjen, feinen fchwierigen ©egenftanb 
ooQfommen beherrfchenben $iftori!er gefunben. Sie noch heute io SRabrib oer= 
breitete theilß nnr titerarifche, theilß fogar politifdje (Siferfudjt unb ©oreingenommew 
heit gegen ben „Gatalanißmo", bem man gelegentlich auch otit ©egierungßoerboten 
an ben Seib gehen Wollte, lonnte nicht beffer belämpft werben alß burch Subino’ß 


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£itcrarifcfjc ptaubereicn aus Jttabrib. f? 

tidhtoofle Darftetlung, bie unS 31 t bett Ursprüngen btefer ganzen Bewegung jurüif* 
führt, ju ben SBerfen, bie auf biefem ©oben entftanben finb, unb bie uns oertraut 
macht mit ben heutigen Korpphaeu ber catatanifdjen SRenaiffance. 3 n biefem 
Sinne ift ttubino'S SBerf baS neüefte ©tieb in ber Kette oertoanbter cutturgefcfjicht» 
tiefer Schöpfungen bei ben anbern großen Nationen Europas, bie 2tbjaf|Iung einer 
Ef)renfcf|ulb Spaniens gegenüber ben ©erbienften unferer Diez unb ©artfdj um bie 
Sprachliche Kenntnifj beS Eatatanifchen unb, wie wir namentlich bei ber Unermüb* 
tidjfeit unb Unioerfalität Dubino’S fetbft hoffen bürfeit, ber ©ortäufer anberer ähn= 
lidjer SBerfe über bie übrigen ißroüittjtiteraturen beS Oietgeftattigen fpanifdjen 
Königreiches. Seinen Stanbpunft benjenigen gegenüber, Weiche bie catatanifche 
©ewegung anfeinben ober biefetbe in fatfefje ©ahnen ju teufen fudhen, bezeichnet 
Dubino u. a. in fotgenben Sähen: „Es ift ein ^rrthum, wenn einige Katalanen, 
in einfeitiger Erinnerung an Stjatfachen, beren ©ergeffen ber gefunbe 9Renfdjen= 
oerftanb unb Patriotismus empfiehlt, in 9Rabrib, ber ©erförperung EaftilienS, 
ben ©ebanfen üorauSfcfcten, Katatonien 31 t tprannifiren unb bemfetben nicht eine 
gefdjwiftertiche, fonbern eine Sftaoenfteöung anzuweifen. Kaftitien ift Weber Spa= 
nien, noch beftetjt Kaftitien anberS benn als ^iftorifc^er StuSbrucf. SBaS man 
wahmimmt, finb nur üerfchiebene Königreiche, in ©roöinzen oerwanbett, oerbunben 
burch eine alte umfehtingenbe potitifche ©erfaffung." 9tn anbern Drten macht uns 
Dubino mit einer catatanifchen Partei betannt, welche nichts ©eringereS oertangt, 
atS bah Katatonien ftetS im SRinifterium feine eigenen ©ertreter hübe, Weit „baS 
catatanifche ©eOötferungSetement allein ben üerhängnifwoHen ©ang ber fpanifdjen 
Potiti! anbern !önne". daneben zeigt er uns auch, bah man nicht gtauben bürfe, 
„bie Erneuerung beS ^iftorifd^en ©eifteS, ber in Katatonien unb Salencia tjei ä 
mifchen Sprache unb Siteratur begegne unter ben Katalanen -unb ©atencianern 
fetbft feinem SBiberfpruche; im ©egentheit hätten fich in ©arcetona wie am Ufer 
beS Duria energifche Stimmen beS SBiberfprucheS gegen bie ©eftauration atS 
gefährlich, unzeitgemäh, ungeziemenb erhoben, unb fetbft bie Poefie, bie «Juegos 
«orales» unb bie SRenaiffaitce ber Sprache feien zur 3ielfdjeibe heftigen DabetS 
gemacht worben“. 

Um ein SBerf oon ber ©ebeutung unb bem Umfange ber „©efcfjidjte ber cata= 
tanifchen SRenaiffance" auszuführen, beburfte eS ber umfaffenben gerichtlichen, 
Sprachlichen, Kterarifchen, fünftterifchen, ethnographifdhen unb potitifchen ©itbung 
beS ©erfafferS. 3n ber Xhat gibt es auch fnurn einen ßweig ber mobernen 
SBiffenfdjaften in Spanien, in Wetehern Dubino nicht bemerfcnSWerthe Arbeiten 
aufzuweifen hätte, bie Wir alte zufammen heute atS eine Slrt ©orarbeiten zu feinem 
eben oottenbeten groben SBerfe anfehen bürfen. SRennen wir aus bem reifen 
Katalog nur feine titeraturgefehichttichen SBerfe: „El Quijote y la Estafeta de 
Urganda“, „Cervantes y El Quijote"; feine funftgefchidjtlichen: „Murillo", „Pablo 
de Cespedes“, „El Arte", „La Exposicion permanente de beilas Artes en Madrid"; 
feine gefdjichtti<hen: „Gibraltar ante la historia", „Estudios contemporäneos", 
„Estudios prehistöricos", „Viaje cientifico a Dinamarca y Suecia", „Patria y 
Federalismo". 3u einet groben SRoOeHe: „La historia de un cautiverio", hat 
Dubino neben bem SRättberlebcn bie ootfsthüintichen Sitten unb gefetlfchafttichen 

Unfrrc 3ri»- 1961 • H. 2 


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Unfere Seit. 


*8 


Suftänbe feinet anbatufifdicn Veimat gefdjitbert. 6t ift Secretär bcr 9lntßropo< 
togifcßen ©efeDfcßaft in ÜRabrib unb f>at ju aQen biefen Arbeiten unb Aufgaben 
nun noch bie anfttengenbe Scßriftfüßrung bei bet Verausgabe beS ©racßtwerfeS 
„Xie ©aubenfmäler Spaniens" übernommen. Solche Seiftungen finb freilich nur 
möglich bei einem faft mönchifchen ©eleßrtenleben, Wie eS feit fahren bet einft 
fo heißblütige Sohn StnbalufienS führt, ber mit beS SübenS ©lut beS SRorbenS 
2tuSbauer tounberbar ju bereinigen weiß. 

2)ie fpanifcße Siteratur, WenigftenS bie neuere, ift außerorbentlicß arm an 
Xenlwürbigleiten unb ©rieffammlungen bebeutenberer Perfönlicßleiten. SBer in 
ber Sage ift, ©riefe ber meiften Staatsmänner ju lennen, welche eine h crüor; 
ragenbe SRoHe in ber neuem ©efchichte Spaniens gefpielt hoben, fann laum 
bebauem, baß ihr ©riefwecßfel nicht baS Sicht ber Deffentlidjfeit erblictt. 'Cie 
©Spartero, Serrano, Starbaej, D’XonneU, ©tim lönnten als ©ßaraltere nichts 
burch fotche Veröffentlichungen gewinnen, unb bie Siteratur als foldje hatte an 
ihnen nichts ju berlieren. Slnbere hoben fi<h in ©arlamentSreben, SeitungS- 
artilelit ober Parteiprogrammen jeberjeit fo boUftänbig ausgegeben, baß für öer* 
traulichere ©rgüffe in ©riefen an greunbe ober in Aufzeichnungen beS Selbft= 
erlebten unb ©mpfunbenen nicht Seit noch Suft übrigblieb. 2)aju ift ben 
Spaniern, Wie cS fcheint, inmitten fortwäßrenber StaatSerfchütterangen, ßeißer 
©arteilämpfe unb fieberhafter joumaliftifcher Xhätigfeit ber Sinn für rußige Se 
tracßtung beS Xßatfäcßlichen, unb wir möchten fagen für innere ßiftorifcße Samm= 
lung, in einem ©rabe abßanben gelommen, baß es nirgenbs fo fdjwer hält wie in 
Spanien, auch nur notßbürftige biograpßifcße ÜJtittßeilungen über ißre Staatsmänner 
unb Scßriftftelter z« erholten. 

So ift benn allen benjenigen, bie ficß für Spanien unb feine ©ultur inter* 
effiren, eine recßt angenehme Ueberrafdjung bereitet Worben mit ben „Memorias de 
un Setenton, escritas por Don Ramon de Mesonero Romanos". SRefonero, 
ein in allen mabriber Steifen woßlbefannter unb wohlgelittener $etx oon 
76 Jahren, erjähtt uns ßier, geftüfct auf ein außerorbentlicß treues ©cbäcßt 
niß, alle bebeutenbern ©reigniffe in bcr erften Välfte beS JaßrßunbertS, bereu 
Augenzeuge er war. ©anj ÜKabrib lannte ben „Curioso Tacente" ober ben 
„Cnrioso Parlante", unter Welchen etwas attfränlifcß ftingenben Pfeubonßmcn 
Sötefonero feit langen Jaßrzeßnten in Seitungen unb Seitfcßriften feine Stimme 
über alle Vorgänge im öffentlichen, gefeUfchaftlicßen, lünftlerifchen unb Xßeaterteben 
ber fpanifcßen Vouptftabt abgegeben hotte. Scßwerßörigfeit, bisjefct baS einzige 
Anzeichen tion AtterSfcßwäcße bei ißm, hat SJtefonero gezwungen, baS Amt beS 
XageScßroniften nieberzulegen. ©r bertanfcßte baffelbe mit bemjenigen beS ©ultur* 
hiftorilcrS, inbent er in feinen „Xenlwürbigfeiten" bis in bie Anfänge feines SebenS 
unb unferS JahvßunbcrtS ßinaufftieg unb baS ©ilb ber innem ©ntwicfelung 
SRabribS unb Spaniens entrollte, wie er baffelbe mit eigenen Augen ficß ge* 
ftalten faß. 

©r berfcfct uns zunäcßft in bie patriarchatifcße Suft feines ©aterßaufeS, in 
welchem obenbs greunbe unb ©efannte oon Srieg unb SriegSgefcßrei ficß unter* 


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Citerarifdfc piaubereien aus ZTlabrib. 


19 

Rieften, fotocit bieS bie änherft mangelhafte ^enntnij? bet eigenen unb fremben 
Staatsangelegenheiten bamalS gestattete. ScWegung fam auch i« biefen Kein* 
bürgerlichen ÄreiS, als eines £ageS bie aufgeregte SJtenge baS Nachbarhaus, baS 
bem übermüthigeu |iofgünftling ©obop gehörte, ftürmte unb oermüftete. ©obot/S 
trauriges ©nbe in ißariS erzählt uns ber SSerfaffer, ber ihn noch lurj oor feinem 
Jobe auffuchte. Nun folgen bie ftiirmifchen Auftritte ber franjöfifchen SnDafion, 
bie Stbreife unb Spätere Nüdlcf>r gerbinanb'S VII., bie Erhebungen ber Ntabriber. 
Son bem Wnblicf unb bem Suftanbe ber Stabt SNabrib um biefe Seit entwirft 
SNefonero ein fehr anfcfiaulic^eS 93ilb. „®ie $auptftabt ber SSelten", Wie fich 
SNabrib bamalS noch nannte, „hotte bie Sinien noch nicht Übertritten, bie bereits 
ju Anfang beS 17. SahrhunbertS um biefelbe gezogen Waren; ihre ©eüölferungS» 
jahl War beiläufig ein drittel ber heutigen, 160000 Seelen; etwa 70 fflöfter 
mit auSgebehnten Anbauten unb ©ärten bebedten ben Stabtbcjirl. 2)iefe Käufer* 
maffe burdjaogen enge, Irumrne, unebene, burch bie SNauent ber Älöfter unb ihrer 
®ärten üerbnnfelte ©affen, Don benen Diele ungepflaftert ober nur mit beweglichem 
Stcinfdjotter Derfehen Waren unb in benen etliche fdjntale unb Wacfclige Stein* 
platten als Trottoir bienten. krümmer Don einftür^enben Käufern lagen in ben 
©affen umher; ber in biefelben geworfene Unrath Würbe nur jWcimat in ber 
SSodje Weggeräumt; ber Schmu j brang in bie ©runnen, bie ©ewölbe unb &auS* 
thorc ein; ber Serlehr in ben ©affen war auf Schritt unb Xritt unterbrochen 
burch ©«hären Don Ninbern, Siegen, ©chafen, Schweinen, kühnem, bie man im 
grcieit ihre Nahrung Suchen lieh, Don ©feilt, Welche Saumaterialien herbeiführten, 
Don Sferben, bie mit Srot unb geflüchtetem Sieh belaben Waren. Siebes ber 
Keinen unb fehmucflofen Käufer ber Stabt glich einer Seftung, bie $auSttjore 
waren mit biden ©ifennägeln überbedt; Schlöffet, Niegel, ©ifenftangen unb $oIj 
ballen Waren an Slltanen unb Säben angebracht, um einem Singriff mit bewaffneter 
|>anb ju wiberftehen. $aS SSanbent in ben bunleln, einfamen ©affen lonnte fdjon 
in ben erften Stunben ber Nacht als ein SSagnifj betrachtet werben, wenn man 
fich nicht Don einem Nachtwächter ober Wiener begleiten lieh, aber WenigftenS in 
ber Sedjten einen Stodbegen, in ber Sinien eine Saterne hielt. Sie Seoötlerung, 
ohne Qnbuftrie, Slderbau, ^anbel, faft ohne ©cfi|, in ihren Seftrebungen auf ben 
engften Sreis befchränlt, lieh ^STage, SNonate, Sapre in Döllig orientalifcher Un- 
thätigleit hinfliehen. ®eS SNorgenS nahm ber Sürger feine ©hocolabe, um 
11 Uhr fein ©rötchen mit SS ein, um 2 Uhr fein unDermeiblidieS ©rbfcngericht, 
worauf er bis jum folgenben Sage jebe geiftige Strbeit einfteüte, jWei Stunben 
Siefta hielt unb bann in ber baumtofen, ftaubigen Umgebung ber Stabt fpajieren 
ging. ®ann pflegte er eine Simonabc ober ein ©las lalter NJilch ju fich ,5« 
nehmen, fpielte bis 10 Uhr Sorten, genofj noch eine fileiniglcit unb legte fich 
bann fchlafen. $>ie ©införntigleit beS täglichen SebenS Würbe nur unterbrochen 
burch baS Öfter* unb NeujahrSfeft, burch bie $ahnenlampfe im ßarheDal, bie 
prochtboUen ©roccffionen in ber ©harwoche, bie Sahrmärttc, bei benen bem guten 
SamilienDater häufig nicht bloS fein ©elbbeutel nnb feine Uhr, fonbern auch burch 
irgeitbcinen $on 3uan fein SSeib entführt würbe, burd) bie Stiergefechte an jebem 
SDtontag, burch baS Sabcn in bem immer burftigen NtanjanareS." 

2* 


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20 


Unfere <3eit. 


$aö 4? offeben gerbinanb’S VII., öon welchem SRefonero am österlichen $erbe 
ersten hörte, Würbe iljn terlodt haben, einen neuen „Gil Blas" ju ßhreiben, 
wenn ihm nicht bie fortwährenben Verbannungen furcht eingeflößt hatten. ©o 
befdjränft er {ich benn auch in feinen „$>enfwürbigfeiten" barauf, einige befonberS 
merfwürbige düge über ben unmäßigen SRinifterconfum, ben fjerbinanb trieb, unb 
über bie ©amaritla mitjutheilen. $)ie einen feiner SRinifter entließ Jerbinanb, 
weil fie turjfichtig waren, anbere wegen ihrer großen |>änbe, anbere als Immnt« 
fö<jfe, anbere als ju gefdjeit: bie einen f(hielte er nach Hmerifa, um bie Suft ju 
wechfeltt, bie anbem fperrte er in bie bunfetn ©chtöffer non Gorufia ober ©egosia 
ein; im Beitraum non fedjS fahren nerbraueßte er fo niete SRinifter, baß auf 
jeben berfelben im $urd)fchnitt nur jwei SRonate 2tmt3bauer tarnen, hiermit 
nicht pfrieben, hatte er eine ttrt non ©egenminifterium eingerichtet, Welches, ba 
es feine Verfammtungen in einet eigenen Kammer ^iett, fpäter unter bem Slawen 
„Gamarilla" befannt Würbe, ber auch * n anbere ©brachen aufgenommen würbe. 
CDie politifdje (Sprache ©uropaS hat ben Spaniern überhaupt eine SRenge Ramen 
entlehnt; man benle nur an ^rogreffiften, Opportunsten, Bntranfigenten u. f. w.) 
Sliefe SRitgtieber ber Gamarilla, §um Xljeit ganj untergeorbnete Sßalaftbiener, ließ 
Serbinanb nor feinen SRiniftem ftetS wie baS ©efpenft Vanquo’S auftauchen unb, 
wenn er fie felbft bei irgenbeinem Vergehen, Veftechung u. bgt., ertappt hatte, 
wieber in einem Slofter ober unter ber ®ienerfchaft irgenbeiner (öniglicfien Ve* 
fifcung terfdjwinben. Vei ber ©ntlaffung feiner SRinifter nahm gerbinanb übrigens 
burcßauS leine tragifdje SRiene an; er fdjenlte ben Unglürflidjen Cigarren unb 
©üßigteiten, trommelte mit ben Ringern auf ben Xifdj, ober fragte fich bie 01j« n 
unb bie ©tirn, waS bei ihm baS Beiden guter unb fchledjter Saune war. 

SRefonero’S „$en!würbigteiten" gehalten fi<h t>on bem 3eitpunlte, wo biefelben 
ben Äampf jWifchen bem StbfolutiSmuS unb ber Resolution berühren, oom 
Bahre 1820 an, in bem fich baS $eer in Slnbalufien für bie Verfaffung Oon 1812 
erhob, ju einem für ben #iftorifer äußerft wertljtotlen Veitrag jur ©eßhichte un= 
ferS BahrhunbertS. ®er SBedjfel in ber Stimmung beS $ofeS unb beS VolfeS, 
bie mabriber ©traßenauftritte, bie allgemeine Vegeifterung, welche bie „Riego» 
fpgmne", bie Sßuth, Welche bie ©pottlieber „Tragala" unb „Lairon" Werften, baS 
BeitungSWefen, baS unter bem fauche ber Freiheit entftanb, bie ©rünbung wiffeit’ 
fdjaftlicher unb literarifcher VereinigungSpuntte wie beS Slteneo unb Siceo, baS 
SBieberaufleben ber claffifrfjen ©türfe auf ber nationalen Vüljne, baS Stuftaurfjen 
neuer bramatifcher latente Wie SRoratin, SRartinej be la Rofa, 21. ©aaöebra, 
Oionifio ©oliS: alle biefe ©Meinungen beS öffentlichen SebenS in Spanien wäh* 
renb ber jWanjiger Bah« Werben hier mit großer Xreue unb ber grifdje beS Slugen- 
jeugen gefchilbert. SRefonero, ber ben 2lu3pg ber mabriber 9Ri(ij mit bem Könige 
nach Gabij mitmachte, ßhitbert uns ben SRarfdj felbft unb fobann bie Velagerung 
biefer ©tabt burch ben $erjog ton 2lngouteme halb in ergreifenben, halb in 
fomifchen Bügen, ©in ©ulturbilb ton großem SBertlje ift bie Veßhreibung ber 
©ebräudfc, brachten unb (Gewohnheiten ber mabriber ©efeüßhaft im Bah« 1826 
fowie ber literarifdjen ©trömungen ber bamaligen Beit, beS IheaterS unb ber 
2 )idjter. 


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Ctterarifdje piaubereien aus 2Ttabrib. 


2\ 


SluS biefen ©tilberungen mögen nur p>ei ©pifoben ^erüorge^oben Werben. 
Die erftere ift bejeitnenb für bie gefeflfdjaftftcfjen 3«ftönbe SDlabribS im Anfang 
ber breißiger ga^re. SBäßrenb beS ©arnebalS 1832 ttiar ein ©ad üeranftaltet 
Worben, an bem gnfanten, ©ranben, $ofteute unb bie Sngenb ber SJtittelflaffe 
t^eitna^men. Slls eben ber Satt im beften ©ange mar, „erftien ber ©tanfpieler 
©alero, ber nämtidje, ber ^eute noch um feine ©tläfe einen foftbaren Sorberfranj 
trögt. Sebermann Weiß, weite ungereimte ©erattung not in jener 3eit auf ben 
©taufpielern taftete; in Spanien oerweigerte man bettfelben fogar baS ärmlite 
«Don» bor bem Kamen. 3ene ©efettfe^aft na^m benn Slnftoß an ber Slnmaßung 
beS ©taufpielerS; eS begann ein allgemeines 3ifdjetn, eS fam p unhöflichen 
fombgebungen unb bann p einem wirfliten Singriff gegen ben S'omifer; man 
brängte im« nat ber Xf)üt unb nötigte ihn fchlie§lich, ben ©aal p berlaffen. 
Der beleibigte ©taufpieler eilte pm Deatro bei ©rincipe, wo fit gerabe ber 
Äönig unb bie Königin befanben, brang bis p tuen bor unb beflagte fit bitter 
über bie ©eleibigungen, bie er in einer großenteils aus Röfleuten befteßenben 
©efettftaft empfangen, gerbtnanb, ber aut bieSmal Wie feßon oft fein Sebenfen 
trug, fuß gegen feilte eigenen Wiener p erflären, beauftragte ben ©orregibor 
Sarrafon, bie Slngelegenßeit pr ©efriebigung beS ©taufpielerS p ftlitten". 
Durt SWefonero’S ©ermittelung mürbe jene Sattgefettftaft beftimmt, ben ©tau» 
fpieler jeßt in aller gorm einplaben. „©alero jeigte fit im graef mie poor, 
fpajierte ptei», breimal in berftiebenen tttittungen butt ben ©aal, unb niemanb 
Wagte ben ÜRunb aufplfjun." 

Die anbere ffipifobe betrifft einen beutften Sanbsmann, ber bor lurjem als 
eine ber erften Sieben ber pitgenöffiften Siteratur ©panienS geftorben ift. 
SRefonero erjämit in feiner ,,©eftit te ber Stomantif in Spanien", weite, was er 
atterbingS m^borplpben unterläßt, bon Slnfang an mefentlit unter beutftem 
©influffe geftanben: „3n ben testen Dagen beS Januar 1837 fam ein Drama 
pr Äuffüßrung, Wie eS ^«6 öon einem jungen fpanbmerfer, beffen ©efteibenljeit, 
3 urüifgepgenmeit unb fteuer ©ßarafter feine großen Hoffnungen rege gematt 
hotte; bie übelmottenben Stitifer ftettten bem Hattbmerfer, ber fit in einen Ditter 
berwanbelt matte, ein fiteres giaSco in SluSfitt. 3t» ber it t n » wenn aut 
nur fehr oberflätlit fannte (it tonnte aber aut einige Slbftnitte beS Dramas), 
war ganj entgegengefeßter Stnßtt, unb mirflit» faum matte man bie erften ©eenen 
beS leibenftaftlit bewegten Dramas «Los Amantes de Teruel» gehört, faum 
matten fuß öor ben Slugen beS ©ublifumS jene ©tönmeiten erften KangeS in ben 
intereffanten Situationen, ben fßmpatßiften ©erfonen unb ber poetiften ©prate 
entfaltet, fo brat alles bott ©egeifterung in bonnernben ©eifatt aus unb rief ben 
©etfaffer bor bie Kampe. Diefer matte fit aber in feiner Slngft berfteeft unb mar 
nitt im Sweater anroefenb; fo mußte fit baS ©ublifum bamit begnügen, ben 
wenig Womiflingenben unb claffiften -Kamen Soßann ©ugen Harßenbuft p 
erfamren, ber feitbem unfern Dßren als einer ber ßerrlitften ber fpaniften Site» 
ratnr erflingt. Der fo befteibene Ditter, ©omn eines beutften DiftlerS, War 
im ©eftöft feines ©aterS tätig unb arbeitete gerabe bamals, mie er fpäter p 
erzählen liebte, an ben ©änfen für ben ©ißungSfaal beS ©enatS; aber fein innerer 


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22 


Unfcre <5cit. 


Seruf führte Üjit jum ©tubium unb zur pflege bet Siteratur. <5r ^atte fich bet 
(extern fdjon fehr jung insgeheim gewibmet, unb unter feinen ücrfdjiebeucn SBerfen 
befanb fi<h auch bie Umarbeitung einer finnlofen flomöbie non fiaoiano (aus bent 
©nbe beS oorigeu 3af|*hunbertS), "®ie (Eroberung oon SRabrib». Xiefctbe tourbe 
erbarmungslos auSgepfiffen; unb it| oeröffentlichte als Xheaterfritifer in ber 
«Rcvista Espafiola» einen gleichfalls erbarmungSlofen artifel, ben ich bem armen 
©erfaffer ber Umarbeitung jufchidte. tiefer (teilte fid) mir betrübt anbem lages 
oor unb antwortete mir, als ich «h n burch ^öflic^e Sntfdjulbigungcn $u tröffen 
fuchte: «SRein, nein, bie ftomöbie ift elenb, unb ihre Umarbeitung noch fdjlechter; 
aber ba es mir fchmerjlich Wäre, wenn ©ie mich nach biefer ungtücftichen Arbeit 
beurtheilen wollten, fo bringe ich h*er einige meiner poetifchen arbeiten unb 
Wünfche, ©ie möchten biefelben lefen.» £>amit legte er einen Ißad äRanu* 
feripte auf ben Sfch unb ging. 2Bie grofj war mein ©rftaunen, als ich hier 
einen herrlichen ©traufj poetifcher ©lüten entbeefte, in benen fich ein feiner lite- 
rarifcher ©efdimad enthüllte unb unter benen fich einige ©eenen beS bramatifchen 
(Entwurfes oLos Amantes de Teruel» befanben. «3ft eS möglich», fagte ich i u 
bem befümmerten jungen HJtann, als er mich Wieber befuchte, «bafj ein SKann, 
ber folcheS ju fchaffen weil, fich mit fo nichtigen unb ruhmtofen arbeiten befcf)äf= 
tigt wie bie Umarbeitung fchtedjter Äomöbien? ©ie tönnen ohne frembe J£>ülfe 
ihren 2Seg machen unb fich ntit mächtigen Schwingen auf bie $öfjen beS jßaruaffeS 
erheben.» S)aS Ißubtifum gab mir in jener Qanuarnacht 1837 recht Unb ich 
beeilte mich, nachbem ich ben fo befcheibenen unb herüorragenben ©erfaffer herzlich 
bcgtüdfwünfdht im teitenben auSfcijufj beS ateneo, beffen ÜJlitglieb ich war, einen 
Slutrag zu fteHeit, ber oon allen meinen Kollegen unb allen äJtitgliebern beS ateneo 
unterzeichnet würbe unb burch ben biefe ©efeflfdjaft bem gefrönten ^Dichter ihre 
©puipathie unb ©egeifterung auSbrüdte unb ihn zu ihrem @^cenmitgliebe ernannte. 
3dj fonnte nicht weniger für benjenigen thun, bet h erna 4 "«in treuer greunb 
unb ©enoffe würbe, fobafj wir nebeneinanber als zwei Xrauercppreffen auf bem 
griebljofe unferer bereits zu fahren gefommenen zeitgenöffifepen Siteratur er* 
fdjeinen." 

aus biefen Keinen ©roben fann man fich überzeugen, baff biefe „$enfwürbig= 
feiten eines Siebzigjährigen", bie bis zum 3 fl h re 1850 reichen, in ber Ifiat ein 
fehr werthooKer ©eitrag zur neuern Kulturgefchichte ©panienS finb. ©S wäre 
nur zu wünfehen, bafj ber liebenswürbige ©reis fich entfdjliefjen fönnte, feine auf* 
Zeichnungen noch bis zur ©egenwart fortzufefcen. ©ei ber 2Jiilbe feines UrtheilS 
ift ja nicht zu befürchten, bafj er bei ben noch Sebenben anftofj erregen fönnte. 

®S liefje fich eine intereffante fßaraKele burdjführen zroifepen bem zeitgenöffifepen 
grofjett fRebner ber fpanifchen ®emofratie, (Emilio ©aftelar, unb ®onofo 
KorteS, SRarquiS oon ©albegamaS, ber oon ber ÜDtttte ber oierziger bis zur 
erften §ölfte ber fünfziger 3apre als ber berufenfte ©orfämpfer beS abfolutiSmuS 
auf ber SRebnerbüpne beS mabriber KongreffeS galt, ©eibc haben gemein eine für 
fpanifchc ©egriffe aufjerorbentlicpe gefchicptlicpe unb philofoppifcpe ©itbung, eine 
reiche unb glühenbe Ißpantafie, feltene ©ilberfütle unb ein nur allzu leicht aus* 


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Citerarifdjc piaubercien aus ITTabrib. 


23 


fchweifenbeS SathoS. Seibe finb weniger parlamentarifche Stebiter im möberuen 
©HI al$ afabemifdje, bie ben 3uf|örer mit einer SDtenge ^iftorifc^er (Erinnerungen 
überfdjütten unb fein Xenloermögen burcf) (Einftreuung philofophifdjer 3been unb 
Stneinanberreihung politifdjer Silber gefangen nehmen. Seibe lieben es, fi<h z u 
ben Ijödjften fpöljen beS menfcf)tichen ©ebanfenS aufjttfdjroingen, ftatt bei bem 
gerabe bet Serathung untertiegenben beftimmten ©egenftanbe ju bleiben unb it)r 
Xalent einem unmittelbaren politifdjen 3 )l)e cEe bienftbar ju machen. S33ie Saftelar 
bei jebem 2Inlaß, gelegentlich auch °h ne irgenbeinen Slitlaß ben unfehlbaren ©ieg 
bet bemofratifchen Sbee in ber ganzen 2Belt weiffagt, fo pflegte fi<h ber S to bh ct 
beS SlbfolutiSmuS in feierlicher SorauSfage fchtecflicher Kriege unb blutiger Um» 
Wälzungen ju ergehen. Um bie geiftige Serwanbtfdjaft beiber ficfj ju bergegen» 
wattigen, erinnere man fich nur an irgenbeine ber großen Xiraben (Eaftelar’S über 
bie aHeinfetigmachenbe Stepubli! unb h Q U e bagegen Xonofo SorteS' feurigen 
^pmnuS auf baS ftönigtljum: „Xer $önig ift im ausgezeichneten ©inne ber Ser» 
tretet ber Station. Die nationale (Einheit ift in feiner Sßerfon bertreten, bie 
(Ewigleit ber Station in feiner gamilie. Xer ^önig ift baS ©hmbol ber SKacht, 
beSWegen ift er mit bem Xegen umgürtet; er ift baS ©hmbol ber nationalen 
jperrlidjleiten, beSWegen trögt er ben ißurpurmantet; er ift ber Dberrichter beS 
SolfeS, beSWegen berlangt baS Sol! in feinem Stauten ©eredjtigfeit. 3« Xotta 
3fabeßa II. bon Sourbon barf man nicht ein ®inb bon 13 fahren feheit; fie ift 
ein K*inb bon 13 Saljren, ja, aber fie ift noch etwas anbereS: fie ift eine 3nfti» 
tution, welche 14 Sahrhunberte zählt." 

Stie hoi baS SlutoritätSprincip in ©panien fowol auf retigiöfem als politifchem 
©ebiete einen feurigem unb berebtem Sertljeibiget gefunben als Xonofo (EorteS. 3» 
ben Streitfragen zwifchen ben Söllern unb Königen gab er ben lejjtera, in benjenigen 
ZWifchen bem ißapft unb ben ÜJtonardjen bem erftem recht. 3» feiner berühmteren 
Siebe, in welcher er 1848 bie Aufhebung ber SerfaffungSbürgfcljaften burdj Star» 
baez gegen ben. bon ber Dppofition feftgehaltenen ©tanbpuntt ber unbebingteit 
©efefclidjleit bertheibigte, rief er unter anberm auS: „3«h staube, baß bie ©efefce 
für bie ©efeßfehaften gemacht worben finb unb nicht bie ©efeUfcljaften für bie 
©efefce; ich f a 8 e ©efeflfcljaft: alles für bie ©efeßfehaft, bie ©efeflfcljaft immer» 
bar, bie ©efeßfehaft unter aßen Umftänben, bie ©efeUfchaft bei aßen ©elegenheiten; 
Wenn bie ©efe&lidjfeit genügt, um bie ©efeßfehaft zu retten, bie ©efejjlicfjleit; wenn 
fie nicht genügt, bie Xictatur." — „Xer Seim bet Stebolutionen liegt in ben bon 
ben Xribunen überreizten SEBünfchen ber SJtaffe; «ihr werbet fein Wie bie Steidjen», 
baS ift bie Sofung ber focialiftifchen Stebolutionen gegen bie SPtittelflaffen; «ihr 
werbet fein Wie bie Sorneljmen*, baS ift bie Sofung ber Stebolutionen ber SDtittel» 
Haffen gegen bie Soraehmen; «ihr werbet fein wie bie Könige», baS ift bie Sofung 
ber Stebolutionen ber StbelSflaffen gegen bie Könige; «ihr werbet fein Wie bie 
©ötter», baS ift bie Sofung ber erften (Empörung beS erften SJtenfdjen gegen ©oft. 
Son Slbam, bem erften (Empörer, bis Ißroubhon, bem lebten ©ottlofen, ift bies 
bie Sofung aßer Stebolutionen." Son biefem mhftifdjen ©tanbpunltc aus hutte 
aßerbingS ber ißubticift zum Sßriefter, ber S ar tamentörebner zum ißrebiger, ber 
Ißolitifer zum Propheten nur noch einen Keinen Schritt zu tljun. 


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Hnferc <3eit. 


2 A 

Die innerften ©ebanfen ton Donofo Sorten finb und nun enthüllt in ben 
©riefen („Deux Diplomates, par ie Comte Adhdmar d’Antioche", ©arid, <£. ©Ion), 
bie er mäßrenb ber 3«>t 1848—52 mit feinem gteunbe unb ©efinnungdgenoffeu, 
bem bamaligen preußifcßen ©ertreter in Sütabrib @rafen ffiaczßndti, weeßfelte. 
Diefelben finb jur #dlfte aud ©erlin, jur Hälfte aud ©arid batirt, wo Donofo 
(Jorted in biefer fturmooßen 3«it bie Regierung Sfabeßa’d II. oertrat. Der 
$eraudgeber biefed für bie 3eitgefeßicßte ßöcßft intereffanten ©riefwecßfeld bat, um 
bie t&Ieicßartigfeit bed SBerfed nießt ju burcßbreeßen, bad fpanifcße Original ber 
©riefe öon Donofo ßorted in bie franzöfifcße Sptacße übertragen, in weleßer @raf 
Staczßndti feßrieb. SBir lönnen und an oielen ©teilen !aum enthalten, an ber 
©teile ber abgefcßliffenern formen bed granzöfifcßen und bie raufcßenbetn, in ber 
©rächt ber Dollen ©ocale glänjenben, an bad lateinifcbe Urbilb unmittelbar ge* 
mahnenben fpanifeßen SBorte bed Originatd ju Dergegenmärtigen. 

SEBie man fich oorfteßen tarnt, ift Donofo Sorted ein unbebingter Anhänger ber 
^eiligen 8Dian§. SIber zu feiner tiefen ©etrübnij? fieht er, nadhbem er faum in 
©erlin fich einigermaßen orientirt hat, baß bie Siferfueßt zwifeßen ©reußen unb 
Defterreicß ein fräftiged 3 u fammenwirten bet Storbmäcßte gegen bie ©eDolution 
unmöglich mache. Die Sticberlage ber SReOolution in Ungarn, ©aben, ©arid unb 
Italien, bie er im Sluguft 1849 ald unDcrmeibtich anfieht, Dermag ihn nicht ju 
tröften, ba, wie er fchreibt, „Schlachten nichtd entfeßeiben". „SBenn ein ftranfer 
©ift einathmet, fo muß er fterben. Dad Uebel aber, an bem Wir tränten, ift 
ganz moralifeßer Statur, ift in unfern Seelen; ed befteßt im Siacßlaffen oder 
©fließtbegriffe, in ber ®ntfeffelung aller fcßlimmen $nftincte, aller fcßlimmen Seibcn- 
feßaften." Diefe peffimiftifeße Slnfcßauung, bie ficß in ©etreff ber allgemeinen 
Gntwicfelung ber meHfcßlicßen ©efeßfeßaft grünblicß irren mochte, ließ ißn häufig 
genug in bie näcßfte 3utunft mit itberrafeßenber ©ießerßeit bliefen. Äud ©arid 
feßreibt er am 12. gebt. 1849, bie einzige Söfung ber Sage fei bad ftaiferreieß. 
„Sin bem Sage, ba ber ©räfibent übet einen Slufftanb triumpßiren Wirb, Wirb er 
ficß unter begeiftertem ©eifaß zum ffaifer audrufen laffen." Unb Wie rießtig be= 
urtßeilt er feßon bamald Souid Stapoleon! „3cß weiß nießt", fagt er, „ob Souid 
Stapoleon Dalent hat, icß Weiß meßt, ob er ©ßarafter ßat; aber icß weiß bad, 
baß er gatalift ift wie ein Dürfe. @r glaubt an bad ©efeßiet; er ift feft über¬ 
zeugt, baß er bie ©eftimmung ßat, Äaifer ber granjofen ju werben. Stfle feine 
SBorte, mit benen er übrigend feßr geigt, fein berüßmted ©eßweigen ift aud* 
,fcßtießlicß auf biefed eine 3'fl angelegt: Don ben Egmperialiften jum ffaifer aud* 
gerufen, Don aßen geinben ber Ütepublif ald folcßer angenommen ju werben." 

©cßwerlicß ßat ficß jemald ein fpanifeßer ©taatdmann fo lebhaft unb aud* 
bauernb für bie Söfung ber beutfeßen grage intereffirt wie Donofo (Eortcd. grei* 
ließ feßien bemfelben aueß, wie er in ben SDtärjtagen 1849 unaufhörlich wieber- 
ßolt, bad Sod ber SDtonarcßie nießt blöd in Deutfcßlanb, fonbern in ber ganzen 
SSelt baüon abzußängen, baß ber fiönig oon ©reußen bie ißm Don ben „Demagogen" 
angebotene beutfeße Sfaiferfrone zurüdweife unb ficß mit Defterreicß Derbinbe. 2Bad 
bie beutfeße grage überhaupt betrifft, fo ftimmte er mit feinem Sorrefponbenteit 
barin überein, baß man ©reußen, naeßbem cd einmal bureß ben ©roteftantidmud 


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Citcrarifdjc piaubcreien aus 2TTaöri6. 


25 


auf 2l6toege gerätsen, nic^t bet Stebotution in bie Slrme treiben, fonbern für bie 
gute ©adje gewinnen fotte, inbem man iljm ben ©laß fixere, ber il>m als einer 
wefentlit mititärifc^en unb friegerifdjen Station gebühre. Ta ein einiges Teutft- 
lanb unmöglich fei, fo muffe man baS proteftantifc^e Storbbeutfdfjtanb unter baS 
Scepter ©reußenS, baS fatljolifte Sübbeutfttanb unter baSjenige DefterreitS ßeßen. 

Sein Urzeit unb feine SBeiffagungen übet ben tiinftigen ®ang ber Tinge in 
granfreit würben burt bie Güreiguiffe beffer beftätigt als biejenigen über bie 
3ufunft TeutftlanbS. Sctjon im SRai 1861 fagt er mit ©eftimmttjeit ben Staats» 
ftreidj borauS; im Dctober beffetben Saures ßtjreibt er, wenn ber Staatsftreidj 
ßtjeitere, fo würbe ©uropa in eine ©eriobe ber Serwirrung eintreten, baß ber 
Teufel fetbft nidjt bie folgen baöon borauSfefjen föunte. 8lnt Tage üor bem 
StaatSftreit ttjeitt er feinem gteuttbe mit: „TaS Parlament ift tobt, feine $äupter 
jittern, unb einige Ijaben ßt fc^on mit ©äßen berfefjen; ber ©räfibent ift $err 
ber Sage unb wirb ben StaatSftreit an bem bon ißm fetbft gewählten Tage 
madjen, unb er wirb ifm halb machen; feien Sie auf etwas ©rnßeS in furjem 
gefaßt!" Sfat 3. Tecember jubelte er: „Ter Streit ift geführt worben, unb es ift 
ber gefdjidtefte Streidj, ben bie ©efdjidjte je berjeitnet tjat: ein SJtann, ber nodj 
bor furjem für einen Slbenteurer galt, f»at geftern bie fjödjften potitiften unb 
militäriften ©erfönlitfeiten granfreitä hinter S(f|(oß unb Stieget gefefct; biefer 
Stann tjat alle fiinberniffe, bie ifjnt entgegenftanben, jcrbroten unb ift ju biefer 
Stunbe ber #err granfreitS." Sinige Tage barauf nennt er Siapoteon gerabep 
bas SBerfjeug ber ©orfefiung; „eine neue Seit", fagt er „beginnt; bisjefct fjabcn 
äße für i$n gearbeitet, nunmehr wirb er für bie anbern arbeiten; laissez passer 
la justice de Dien". Slußer ber ©efriebigung über ben Sieg feiner Säte f)at er 
aut nodj baS ftolje ®efül)l, uitt wie alle feine Kollegen bie Sage berfeljrt be» 
urtljeitt p fiaben. @r nennt aber babei ein SJtittel, bie Tinge richtig p beur¬ 
teilen, baS Wir nidfjt unbebingt allen Tiptomaten empfehlen mödjten: „3t ergebe 
bie Stugen p ®ott, unb in ifjnt felje id|, was id) umfonft in ben (Sreigniffen an 
ßt fudbe." 

©alb aber läßt iljn fein Starfblid in bem Äaiferreit fetbft wieber eine große 
©efafjr für bie SBett erfennen. 3 n einer Steife bon ©riefen aus bem 3aljre 1852 
fagt er borauS, granfreit unb ©nglanb, baS er als ben #ort beS europäiften 
SiberatiSmuS berbammt, werben ein ©ünbitiß fttießen unb baburt bie Storb» 
matte la^m legen. „3t fürtte", ftreibt er nat ber ©erljeiratfjung Stapoleon’s 
mit (Sugenie bon SRontijo, „Stapoleon III. wirb halb anfangen bie Stationali» 
täten auSpbeuten, biejenige bon Selten/ bon ©ölen, bon Ungarn; it fürtte, er 
wirb ßt ftl*eßl»<ß mit ben ©nglänbtrn berftänbigen. 3t fürtte ben (Siußuß 
ber Äaiferin ©ugenie auf tren ©emaf)I unb bin bon bem ©ebanfen gequält, 
ße werbe ber Steigung ifjrer ganzen 3»9^ natgeben, ©ßect p maten unb 
burt iljre Saunen unb if»re Sonberbarfeiten Staunen p erregen." „Sfber", 
feufjt er, „in biefem Sanbe gilt jeber mefir als ein ©fjitofoplj ober ein ©rofeßor." 

®uijot nannte Tonofo ©orteS einmal einen Ijumoriftiften 3f«miaS. Slts 
3erenriaS aßerbingS erfteint er uns buntjweg in biefem bertrautiten ©riefwetfet, 
aber bon $umor iß faum eine Spur p entbeden. <St fieljt immer nur mit beut 


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26 


Unfcre ,geit. 


trübften SÖIicf in bie Bufunft. „@ine fd^recflic^e Angft", fcßreibt et im 3u(i 1849, 
„bebräitgt mein #erj, menn icß bie Allgemalt bebente, bie im ganzen Sauf bet 
Oefcßicßte bas ©öfe befeffen hat. 3» fageu, baß bie SEBaßrßeit fdjließlicß immer 
triumpßire, baß baS Oute ftärfet fei als baS ©öfe, ift teere StebenSart unb ©elbft= 
täufcßung. Sie glauben nid^t, in melcße Xraurigfeit micß biefer Oebanfe berfenft." 
Qm $erbft beffetben 3 fl ßreS fagt er, er beginne ju gtauben, baß er non einer 
magren moralifcßen firimfßeit angeftetft fei, bie ißn bie öffentlichen Angelegenheiten 
in ben bfifterften garben feljen taffe. „3a", ruft er um biefe 3*it feinem preu= 
giften greunbe ju, „mir ftimmen oollftänbig überein, ber SiberatiSmuS unb bet 
©onftitutionaliSmuS ftnb bie gorm beS Söfen in biefem Saßtßunbert; baS ©öfe 
ift nicßtS anbereS als ber ©tolj, bon bem alte ffataftropßen unb Siebolutionen 
ßerfommen; ja, taufenbmat ja, ber ginger OotteS ift ficßtbar in ben ©reigniffen 
ganj ©uropaS, unb ®ott fetbft berbammt ben SiberaliSmuS, baS heißt ben ©totj, 
ju ber fcßmäßlicßen Ohnmacht, in bie mir berfallen finb." ©ine grimmige greube 
berurfacht ihm bie SButß, mit metcher alle Siberaten fein ©uch „©erfuch über ben 
StotholiciSmuS, SiberaliSmuS unb ©octaliSntuS" jerriffen. Saum hat er aber bie 
©eßnfucßt auSgefprocßen, ficß aus biefer eitetn, unberbeffertiihen ©Jett in eine 
abgefcßiebene ©robina jurüdjujießen, fo nimmt er mit einem mal einen mächtigen 
Antauf, um enblicß feine autoritären StegierungSgrunbfäfce ju bertoirflicßen. ©ein 
©riefmechfet enthüllt uns hier eine bisher jiemlicß bunfte ©pifobe in ber neuern 
®efcßicßte Spaniens. ©lonofo ©orteS glaubte, jut ^Durchführung feiner 3been nur 
„eines ©legenS" ju bebürfen. Unb biefen liegen gtaubte er gefunben ju haben, 
ats im .fterbft 1851 ber bcrbannte Siarbaej mit ber ©itte ju ihm fam, ihm einen 
©aß nach Spanien ju geben. @r berföhnte fich mit feinem feitßerigen ®egner, 
ermirfte bemfetben bie ©rlaubniß jur §eimfeßr, aHerbingS unter ber ©ebingung, 
baß berfetbe borläufig feinen ©ebraucß babon madhe. Allein Siarbaej ließ nicht 
aus fich machen, maS ©lonofo ©orteS mollte, fonbern fehrte plöfcticß jum großen 
©cßreden beS #ofeS unb URinifteriumS nach ÜDtabrib jurüd. ©lonofo ©orteS mar 
getäufdjt unb mit einem mal mieber in feinen h 0 ffttungStofen ©effimiSmuS jurüd» 
gemorfen. 

©liefe ©pifobe hat ein unberfennbar fpanifcßeS ©epräge. Stießt minber beließ* 
nenb für bie ©emoßnßeiten ber fpanifeßen ©iplomatie ift eS, menn ©lonofo ©orteS 
feinem greunbe einmal fcßreibt: „SBenn Sie bie 3afttuctiouen tefen mürben, bie 
mir mein ©ßef SRirafloreS feßidt! Aber glüdlidjertoeife ßanbte icß, mie mit be= 
liebt!" So ift nodj, mie mir uns erinnern, im 3aßte 1870 Olöjaga mit feinem 
©ßef ©agafta berfaßren, inbem er beffen gnftruction, nur offieiöfe ©ejießungen 
jur Regierung beS 4. September anjufnüpfen, einfach in bie ©afeße fteefte. Stoeß 
bejeießnenber für bie fpanifeßen Sitten ift bie fotgenbe luftige ©efeßidjte eines 
gemiffen ©ßico, bie fidß ©lonofo ©orteS bon feinem greunbe im 3uwi 1852 be* 
rießten läßt, ©liefet 3Jtenfcß mar lange 3eit ©egenftanb ber ©eraeßtung unb beS 
ScßredenS für alle SESelt. „SBäßrenb er bon ber fpanifeßen Regierung bermenbet 
mirb, um bie ©liebe unb Stäuber aufjufpüren, unb mäßrenb er bie geheime ©olijei 
leitet, fteßt er an ber ©pifce einer ©anbe Uebettßäter. Äönig gerbinanb hatte fieß 
feiner bebient, um feinen ©ruber ©Ion ©arloS ju übermaeßen. Später bertraute 


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fiterarifctje piaubereien aus JTla&rib. 


27 


Sarbaej feine eigene Sicherheit einer 83anbe non 93raboS an, beren Oberhaupt 
ßhico war. ©eitbem tjat biefer nicht aufgehört, baS ©piongefdjäft p betreiben, 
mit feinen ©efetten bie grudjt ihrer Siebftäljte p Reifen, anbere Sauber aufp* 
fpören, einige ber ©einigen p betragen unb fogar ben ©eridjten auöpliefetn. 
Seulictj nun !am jemanb p ßt)ico unb bat ihn, ifim eine UIjr Wieberpfinben, 
bie man ihm auf ber ißuerta bei ©ot geflöhten hotte. 6f)ico übernahm ben Stuf* 
trag unb brachte bie Utfr auch atöbatb in feinen Sefifc. ßr bertangte als Sohn 
bom ßigenttjümer brei Unjen. SDiefer wollte nur eine geben. Sie tonnten fidj 
nicht berftänbigen, unb ber ©eftohtene ging p Drbonej, bem ßibitftatthatter bon 
SKabrib, um fidj ju betlagen, tiefer Wollte fd)on lange bem ©tanbal mit ßhico 
ein ßnbe matten unb ließ benfelben feftfe&en. Sie Königinmutter aber ber* 
wanbte fid) für itjn, inbem fie fagte, bie StuSfagen beS Stngettagten fönnten einem 
©cbädjtnifs fcfjaben, beffen ßhre itjr treuer fei. Ser Statthalter antwortete, man 
muffe jwifdjen ihm unb ßhico Wahlen. 30?an jeigte pgteidj ber Königinmutter 
Suwelen, bie jutn St) eit ih r > 5 um Xheit ber jungen Königin geftohlen Waren; 
alle Waren in ßhico’S $auö gefunben worben. Siefc erbrüdenben SSeWeife 
ftimmten bie Königinmutter um. Sie ©efdjidjte ift jebenfattS pitant unb Werth, 
berichtet p werben." 


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fanb uni> fltuit dDjtrmneUens.*) 

Son 

<8m|laü Äraljmer, 

Wajor im 0ro§tn 0eneralftabr 


3n bett lebten Sauren ift bie Slufmerffamfeit bet gefammten politifdjen SBelt 
©utopaS burd) bie ©reigniffe auf ber ©alfanbalbinfet gefeffelt worben. 35ie Sie» 
gelung bet ©ejieljungen ber Oerfchiebenett bort woljnenben d)riftlirf)en ^Rationalitäten 
ju ber Regierung beS DSntanifcljen SteidjeS ift ber Mittelpunft, um welchen ftcß 
alle politifchen Motionen, feien fie biplomatifd^er ober friegerifdjer Statur, gebreßt 
haben unb noch breijett. 

3)er Serliner ©ongreß oont 3abre 1878 bot biefe Siegelung im toefentlitben 
juitt Slbfdjluß gebraut. 35ie bis babin nodj unter ber Oberhoheit beS ©uftanS 
ftebenben SBafallenftaaten Montenegro, Serbien, Slumänien Würben felbftänbig, unb 
ber bulgarif<ben Nationalität würbe man baburcb geregt, baß man bas gürftett- 
tbum Sulgariett unb bie autonome tiirfifcbe ®rot>inj Oftrumelien ins Sebctt rief. 

3ur gijiruttg ber neu üereinbarten ©rennen entfanbte man ©renjregulirungS» 
ßontmiffionen an Ort unb ©teile. 35er oftruntelifdjen ©reit,$regulirungS=6ommiffiott 
gehörte ich als beutfcber 35elegirter an. 

©in uiermonatlidjer Slitt bom Schwarten Meere über Slbrianopel bis jum 
©ungurlu unb Mantfcbo im Slbobopegebirge b«t mir Gelegenheit gegeben, Sanb 
unb Seute DftrumelienS lernten ju lernen. 3Darauf bin Wage ich e &> hier fycwov* 
jutreten mit bem Slefuttat meiner bort gemachten ^Beobachtungen, bie ich h' er 
unb ba burcß ©tubien erweitert höbe.**) 

2>er mächtige ©ebirgSjug, Welcher Oftrumelien oon bem fjnirftentbum ^Bulgarien 
fcheibet, ift ber Sallan, ber $ämuS ber Sitten, bie ©tara ®lanina ber Bulgaren, 
ber ©bobtfche fflallan ber lürfett. ©ine bintmelanftrebenbe ©ebirgSmauer, bietet 
ber ©alfan oon ©üben her einen großartigen Slnblid. ©ott Slorben lommenb 
wirb man ficß bagegen faum feiner Nähe bewußt, inbem er hier in niebern $öben= 
jügen ober terraffenartigen ©tateauflädjen allmählich jur 35onau abfällt. 


*) Sortrag, gehalten im SBiffenfdjaftlidjen Serein ju Serlin. 

**) Sgl. SameS Safer, „Sie Sürfen in ©uropa" (Stuttgart 1878); „©efdjidjte 

ber Sulgaren" (©rag 1876). 


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29 


£anb unb £eutc Oftrumeliens. 


3wifcßen bem ©cßiplapaß, einem ber Srennpunlte bei testen ruffifc^=türfifd^en 
Sriegel, unb bem fßaß tton ©litten liegt ber ßöcßfte unb toilbefte Sßeil biefeS 
©ebirgel. Urwätber erfüllen hier bie faft unzugänglichen Später unb bie büftem 
©cßlucßten. Äaßte gelfenletten überragen bie bitten Sucßenmälber ber niebrigen 
Stegtonen. Siefe für unüberfteigbar gehaltenen £>ößen, bie fiebern ©cßlnpfwinlel ber 
$aibulen, finb in bem lebten Kriege tion ben brauen ruffifeßeu Gruppen unter ben 
größten ©cßwierigleiten überfeßritten ttorben. 

DefHicß ©litten tßeitt fieß ber Sallan in mehrere betten. 2>ie gornten feiner 
meift mit Suchen unb (Sichen bettalbeten Serge werben weither unb bie ©ang« 
barleit bei ©ebirgel nimmt bebeutenb ju. 

parallel bem Sallan erhebt fi<h zwifeßen ber Xunbja unb ber ©iopfa bie 
Ifcßerna ©ora, ber Äarabja ®agß ber Gürten, unb zwifeßen ber ©iopfa unb Sopol« 
nißa bie ©rebna ©ora ober ber Drta $>agß. Seibe ©ebirgljüge finb in ihren obem 
Stegionen bettalbet, bie ©übhänge inbeffen mit SEBeinreben bepflanzt. 

3n bem bon bem Sallan unb ber Sfcßema ©ora gebilbeten ©ebirgltßale 
burchraufcht bie Xunbja zwifeßen herrlichen Stofenfelbem eine ber fünften ©egenben 
ber SEBelt, in Welcher bal reijenbe ©täbtehen S'efanlpf liegt, belannt burch bal 
in aHet SBelt berbreitete Stofenöt. 

$al Sehtimaner SJtittelgebirge, bon ber ©rebna ©ora burch bie Xopotnißa 
getrennt, bitbet in norbfüblicßer Stichtung bie SBafferfcßeibe zwifeßen ber $onau 
unb bem Slegäifcßen SReere unb bie 3Beftgren$e Dftrumelienl, inbem el bal Seelen 
bon ©ofia bon ber tßrazifeßen ©bene fcheibet. 

Sin ber ©übtteftgrenje erftreeft fich bal tteitberjtoeigte ©ebirglfßjlem ber Stßo« 
bope, bor 30—40 faßten noch völlig unbelannt. Dßne genaue harten, bie ja auch 
heute noch nicht bortiegen, war el leine leichte Stufgabe für unfere ßontmiffion, 
bie ©renje hier in ber Sthobope feftjutegen. 

3n ben lefcten Sagen bei 3uni 1879 Waren Wir längl ber Strba bil nach 
&irbjali gelommen. Slm 28. 3 uni betraten wir bal ttilbromantifche Sthobope« 
gebirge jum erften mal. SBir wollten bal 3Tßat bei Etfcßambere erreichen: ber 
SBeg, ein lauut erlennbarer ©aumpfab, führte an einem Seifenhange hi«. Sbraßim« 
©fenbi, unfet türlifcher Sühnet, bann Wir fieben Sommiffare, bie Slbjointl, bie tür« 
tifeße ©chtoabron all ©Icorte unb feßtießtieß gegen 60 ©aumthiere; fo bettegte fich 
unfer 3 «fl auf jenem fßfabe, nicht breiter all jttei guß: jur Sinlen eine gelfenntauer, 
bie, aul Weißem ©pat beftehenb, unbarmherzig bie brennenbheißen ©onnenftrahlen 
jurüdtoarf unb fo bienbete, baß bie Slugen ju feßmerzen anfingen; jur Siechten 
einen $unberte bon guß tiefen Stbgrunb, in welchem bie Slrba raufeßte unb braufte. 
§iet unb ba trafen wir ttol auf etwal ©icßengebüfcß, fonft war alle! laßler gelfen. 

©raufeger aber war noch ber Stitt am 1 . gult aul bem 2 ßate bei Sfdjambere 
nach bem ßoeß oben im ©ebirge gelegenen fßomalenborfe lletfcßtepe. Slucß hier 
führte uni ein 3 i* 0 *npfab an einer feßroffen getlwanb entlang. Seim Seginn 
bei Stittel flogen ttol noch einige Scherzworte hin unb her, aber gar halb ßerrfeßte 
eine lautlofe ©tille im 3 uge. 3 ober war fieß bewußt, baß ein geßltritt bei 
Ißferbel, ein fieß löfenbel getlftüct ißm fießern Sob bringen mußte. 3 « fcßließlicß 
Waren Wir fogar gezwungen, bie ^ßfeebe am 3üget z« fußten, bil wir enblicß, 


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30 


Unfere ^ett. 


nach bangen fünf ©tunben, jum lobe erfdjöpft, auf bet $ölje anfanten, too und 
ein fjerrftdjer gichtenwatb ben lange erfeljnten ©Ratten fpenbete unb und burd) 
feinen Zuft wunberbar erquidte. 

Sun waren Wir atlerbingd hoch oben int Gebirge, wol an 1500 Steter ^otft; 
aber trofebem war unfer SBeg auch noch am anbem Zage ein gefaljröotler. Zer 
dürfen, welcher bie SEBafferfcheibe jwifchen ber Ärba unb Siatifca bitbet, gleicht 
bid junt Sarafotad Zagh einet Stefferfchneibe. Zie fteilen ffetfenmanbe finb 
immer noch unbewatbet unb ber ©aumpfab sieht fich batb recht«, batb tinfd am 
§ange, batb auf ber Stete fetbft hin. ©ergafj man aber auf ÜRomente bie ©efahr, 
fo fonntc fith bad Äuge nicht fatt fet}en an ber prachtootlen ©ebirgdtanbfchaft, an 
bem ©ewirr bon ©ebirgdrüden, Zhätern unb Äbgrünben, in welchen fich ©eWäffer 
wie ©itberfäben hinjietjen. 

Zer Äarafotad Zagh unb Zodpab Zagh, jene 3weige bed Shobopegebirgcd, 
über welche bie ©übweftgrenje Oftrumetiend h'njieht, h a &en einen wefenttich 
anbern Sharafter: bie Süden oerbreitern fich ptateauartig unb eine Stenge ©erg^ 
feget finb aufgefe$t. Zer ^errlic^ftc bunfte Zannenwatb wedjfett mit ben buftigften 
©ergwiefen, unb Wenn bie hier unb ba emporftrebenben ffetdppramiben unb bie 
weithin gtänjenben ©chneefetber nicht an bie Wot 2000 Steter unb mehr betrat 
genbe £öhe erinnerten, man hätte glauben lönnen, fich * n einer hügeligen SBatb* 
tanbfchaft ju befinben. 

freilich bad ©etebenbe, ber Stenfch, fehlt. Sur fetten trifft man auf einzelne 
Jütten unb ©djuppeu, bie ben aud ber ©bene herauffommenben Wirten unb beren 
beerben atd Unterfunft bienen. Zie tieffte ©infamfeit herrfcht in bicfen mächtigen 
SSBätbern, in benen teiber ber Sorfenfäfer fein SBefen treibt. ©djon weite flächen 
finb nur noch mit trodenen Saumffeteten beftanben. Unb Wad ber ©orfeufäfer 
toerfdjont, bad Oernichten bie fteten SBatbbrünbe. @d finb meift Wirten, Welche, um 
fich SEßeibe §u fdjaffeit, ben SBatb anjünben, unbefiimmert barum. Wann unb Wo 
bem berljeetenben ©tement ©inhatt gethan Wirb. Sweimat hoben wir brenncnbc 
SEBätber burchfdjreiten mfiffen. 

Slm ©ungurtu unb Stantfdjo, ben testen üon und paffirten £>öhen bed Zodpab 
Zagh, trafen wir auf ein Subet ©entfett. Än fonftigem SEBitb ift fein Stängel; 
fetbft ©ären fotten borfommen, bocf» haben wir nie eine ©pur gefunben. 

Zie ©orberge bed Sfjobope erftreden fich foft bid jur Starifca. 

ftenfeit biefed gtuffed, in bem bon ihm unb ber Zunbja gebitbeten SB infei, 
erhebt fich ber etwa 900 Steter hohe ©penitberg ©afar Sair. Stan h°t bon 
hier aud eine weite Äudfidjt nach bem ©atfan im Sorben, nach ^ß^itippopet h'« 
im SEBeften unb nach bem Zunbjathate im Offen. Sltd wir im Sobember bort 
waren, tag bad weite Zunbjatljat atd bichted Sebetmeer ju unfern güfjen, währenb 
wir fetbft im hellen ©onnettfchein ftanben. 3m £>erbft bleiben biefe ungewöhnlich 
bidjten Sebet oft Zage lang in ben Ötufjthätcrn liegen, unb auch bamatd mufften 
wir bedhatb unfere Arbeiten für mehrere Zage unterbrechen. 

SBeiter nach Often jenfeit ber hier tief cingefchuittenen Zunbja trifft man auf 
bie Äudtäufer bed tängd bed ©djwarjen Steered jietjenben ©tranbjagebirged. 

inmitten biefer ©ebirgdjüge behnt fich ein reidjed Ättubiattanb aud: im SEBeften 


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Cattö unb £eute Oftrumeliens. 


31 


bon bet Srebna ©ora big ju bett Sorbergen bet SR^obope bie unabsehbare ©bene 
beg obern ®hragien mit tieffdjwarzem #umugboben, burchftrömt bon bet Sföarijja. 

SRicht weniger ertraggfähig ift im ßften bie ©bene gwifdjen ber lutibja nnb 
bent Schwärzen ÜReere. So fiegt gamboli inmitten eineg fc^loeren ©etreibelanbeg, 
unb bei Surgag finbet fid) fdjwarge ©rbe, wie ich f> e nur in Siibrußlanb gefe^eu habe. 

dagegen macht bag ©renggebiet gwifchen Cftrumetien unb ®ürfifch=9tumelien 
bom Schwarten äReere big gut SRarifca hin ben traurigen ©inbruef einer ©inöbe. 
Dbmot gewiß ertraggfähig, ift eg faft gar nicht angebaut. ®iefe welligen, ja oft 
bergigen Strecfen tragen meift nur mehrere guß h°dj aufgefchoffeneg, nur zu halb 
bon ber Sonnenglut berfengteg ©rag, $eibefraut unb ©ichengebiifdj unb finb bon 
unzähligen Schitblröten bebölfert. 

SBälber trifft man auf biefer Streife nur am Schwarten SDteere, an ber lunbja 
unb auf bem Safar Sair. 

2)ie Serftörung ber SBälber überhaupt in ber gangen Xürfei fennt feine 
©rengett. ®ic ©benen finb fd^on ganz bon Säumen entblößt. SBalbbäume zu 
pflanzen fam big bahin Weber einem dürfen noch einem Sutgaren in ben Sinn. 
3)ur<h eine geregelte gorftwirthfefjaft für bie Bufunft zu forgen, bürfte allerbingg 
wol ben bigherigen Serljältniffen faum entfprochen haben. 

©in üppigeg, bon gruchtbarfcit ftrofcenbeg Sanb finbet man gu beiben Seiten 
ber Slrba, welche, aug ber 5Rh°i> 0 P c fommenb, bom ©influffe beg Xfchambere ab 
big Stbatfdjati Dftrumelien im Süben begrenzt. 

3n bem bon ziemlich h°h en Sergen eingefchloffencn Slrbathate liegt Drt an 
Drt, unb alle taffen auf eine große SBohthabenheit ihrer türfifchen Sewohner 
Schließen. ®ie fc^önften ®etreibe=, 2Raig= unb Jabacffetber, bagu forgfam gepflegte 
SBeinberge geben Beugniß bon einer im h°h en SRaße hier borhanbenen ©ultur. 
®agu herrfeßt auf ben gelbem bie größte Xhätigfeit, überall Würbe fleißig gearbeitet, 
bon 3Rännern unb felbft auch bon grauen. 

®ie weißgetünchten maffiben Raufer ber Drtfcßaftett liegen Weit augeinanber. 
3Ran lönnte fie für mit ©ärten umgebene SSiHett hatten. Slber nur butch Saum* 
pfabe finb biefe Wie jene miteinanber berbunben. gn bem gangen Slrbatljale gibt 
eg nicht eine einzige gahrftraße. 

9Rit ber SBegbarfeit fieht eg 'in jenen ©egenben traurig aug. Sefonbcrg Wenn 
bie glüffe unb Säche, bie faft alle ben ©harafter bon ©ebirgggewäffem tragen, 
nach ber Schneefdjmetge im ©ebirge ober nach oft wolfenbruchartigen SRegengttffen 
angefchwotlen finb, ift faft jebe ScrbinfTung unterbrochen ; benn auch Srücfen 
gehören gu ben Slugnahmen. 

®ie bigherige türfifche SSerWaltung hat für ben Sau bon ©ommunicationen 
fo gut Wie gar nicht geforgt. Unb wo man einigermaßen gute Straßen finbet, 
berbanft man fie nicht fetten ber gnitiatibe ber höhetn Seamten, bie mehr ober 
Weniger felbfifüchtige S^ecfe babei berfotgt haben mögen. 

3n ber SRljobope fanben wir allerbingg bie prachtootlften maffiben Srücfen. 
Slber nicht einmal Saumpfabe führen gu ihnen heran. Steile getfen machten fie 
boUftänbig unzugänglich. Stnch bie Sluffiihrnng biefer Sauten fotl nicht gerabe 
aug lautem ©rünben entfprungen fein. 




— 




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32 


Unferc ^eit. 


Den Quellen ift jebodj int ganzen Sanbe eine überanl große (Sorgfalt juge- 
Wanbt. ©elbft bie im hohen ©ebirge an ben Säegen liegenden finb ehtgemauert 
unb mit Xrögen berfe^en, fobaß auch bie Xhiere bequem getränft werben lönnen. 
(Sin unbefdjreibbarel ffintjüclen fiat und oft erfüllt beim Xlnblicf einer folgen 
Quelle nach ftunbenlangem 99itt in ber ©onnenglut. 

SBenben mir uni ju ben $robucten bei fianbel, fo werben jwei Drittheile 
bei in Sultur genommenen Bobenl bem SRailbau jugewiefen, nrnprcnb nur ein 
Drittljeil auf ben Einbau bon Seil, SBeijen, ©erfte, Stoggen, ©efatn, Xabad, 
Baumwolle, SBein entfällt. 

Der Steilbau ift inbeffen im obem SRarifeathale jur Seit ber rufftfdjen Ber= 
Waltung oerboten, ba bie Ijäufige Bemäfferuttg bei Bobenl ffiebermialmen erzeuge. 

<SoWol Älima wie Boben finb für ben Säeinbau außerorbenttich günftig. Bil 
jum fünften 3at|re tragen bie Stehen leine Xrauben, bann nimmt aber bie ©rnte 
bii jum je^nten 3“hre ju unb ergibt pro SRorgen Wol an 6000 ißfb. Säeintraubett. 
Da man aber bie Weiterung fepr wenig forgfältig betreibt, fo ift ber Säein nur 
bon geringer Qualität. Bon einem Sufbewaljren ift leine Siebe, unb fo wirb er 
in bemfelben 3aljre feinei Säadjlthuml auch getrunten. Die Dürfen oerwenben 
bie Säeinbeeren bielfat^ jur Bereitung bon ©onfituren. 

9tudj bie SBatnußbäume, welche man faft überall in uralten prächtigen ©fern« 
plaren finbet, geben einen reifen ©rtrag. SluffäHig ift ber bon ihnen aulftrömenbe 
ftarle Duft, Welker oft fopfwef) berurfachte, wenn man bie Statut in ben häufig 
in einem Stußbaumwälbdjen aufgefchlagenen 3elten jugebradjt batte. 

Der ©eibenbau foH abnehmen, unb obwol el in Ißhilippopel unb anbern Orten 
©eibenfabrifen gibt, hält man fie im allgemeinen für wenig ertragfähig. 

©ine fbftematif<be Bebauung bei Bobenl ejiftirt borläufig in ber ganzen 
Xürlei notb nicht. Die Sldergeräthfdjaften finb bon ber primitibften 9lrt, unb 
foHte Stoab febon einen ißflug gehabt haben, fo Wirb er nicht biel bon bem bort 
gebrauchten abgewidjen fein. 

©ebüngt wirb ber Boben faft nie. Die fetten StUubialebenen fcheinen biel 
aber, Wie ja auch bie fchtoarje ©rbe ©übrußlanbl, ju bertragen. 3<h habe Sattb* 
ftreefen gefehen, bie jahraul jahrein ben reichten ©rtrag geben, obwol ihnen nie 
eine ©pur oon Dünger jugeftthrt ift. 

9111 Durcbfcbnittlernte Wirb ber achtfache, all gute ber jeljnfache, oll eine 
borjüglidje ber jwötffache Betrag ber 9lulfaat angefehen. SJtail gibt aber ben 
jwei», brei-, ja jumeiten ben bierhunbertfachen Betrag ber 9lulfaat. 

Die Biebaudjt gibt auch reiche Slulbeute. Dal Stinbbieh ift jWar Hein, aber 
gut gebaut unb faft burdjweg bon gleicher garbe: gelblichgrau mit braunen Xupfen. 
Die Süffe geben fehr wenig SJtilch; gewöhnlich bient fie nur all Stafjrung für bie 
Sfälber. gum 3iehen unb pflügen werben Büffel gebraucht. 

Befonberl lohnenb ift bie Schafzucht. 3m allgemeinen ift bie Säotle rauh 
unb jottig, in ber ©egenb bon Slbrianopel finbet man inbeß eine folche bon fei» 
ner Qualität: bon hier anl Werben jährlich 1—2 9RiH. Ißfb. nach ffranlreich 
ejrportirt. 9lul ber Sliitch Wirb Butter unb fiäie bereitet. Xaufenb ©chafe follen 
in ber Sommerzeit Butter unb Sfäfe im Säerthe bon 150 IJSfb. ©t. liefern. Die 


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£ant> unb £eute £>ftrumcliens. 


33 


Strafe leben aulfcßließlich üon ber SBeibe, mal übrigenl aud) oon bem SRinbüieß 
unb fetbft Don ben Ißferben gilt. Unfere tßacftljiere menigftenl haben in bet ganzen 
Seit fein ®orn Jfjafer befommen. 

Tie beerben merbcn int Sommer auf bie (Gebirge, im SBinter in bie Gtbenen 
getrieben, unb ni(ßt feiten liegen bie SBeibepIäße Diele 3JteiIen Doneinanber entfernt. 

Tie bortigen ißferbe finb flein, aber Don großer Stulbauer. gn jenen ©e- 
genben toerben fie neben ©fein — 3Raultßiere habe i<ß nur feßr feiten gefeßen — 
faft aulfcßließlicß all Tragtßiere ücrmanbt. Selbft in Sonftantinopel fennt man 
eigentlich feine anbere Slrt, Saften fortgufdjaffen, all auf ißferben. 

Taß aber ein unermeßlicher Steicßtßum noch > n ber ©rbe Derborgcn liegt, bürfte 
mol faunt begmeifelt tu erben fönnen. Um ißn gu heben, ift aber Dor allem eine 
grünbliche geognoftifcße Turcßforfdjung bei Sanbel nothrocnbig. Taß ©ifen unb 
Sohlen Dorhanben, ift fchon jeßt conftatirt. 

Tal Älima ift im allgemeinen gefunb; in ben hochgelegenen ©egenbcn inbeffen 
günftiger all in ben Stieberungen, tuo in ben Sommermonaten häufig gieber ßerrfcßen. 
Ta ber Salfan bie ©benen gegen bie falten Storboftminbe fcßüßt, fo geigt bort 
bal Thermometer im SBinter faum eine geringere Temperatur all — 5°. Ter 
Schnee bleibt feiten lange liegen. Sm Sommer bagegen ßerrfcßt, befonberl in 
ben Thälern, eine unerträgliche $iße. SKI mir im guni bal Slrbatßal burcßgogen, 
hatten mir faft nie unter 25° SBärme im Schatten. Untermegl mar folcher aber 
nie, auf ben Sagerpläßen nur fehr feiten gu finbcn. Ter ©ifer ber Ticner, für 
bal Seft ißrel $crrn einen Saum gu finbcn, artete nicht feiten in §änbet aul, 
in bie man oft mit fchmerem bergen eintrat, menn bal Unrecht auf feiten bei 
eigenen Tienerl mar. Oft fangen mir unfere Seite in ben Törfcrn auf, um 
menigftenl etmal Schatten Don ben Raufern gu haben. 3« ben Selten auf freiem 
gelbe mar el gerabegu nicht aulguhalten. Ohne mciße 9?acfenfcf)lcxer gu reiten, 
märe ein gemagtel Unternehmen gemefen. Sluch bie tiirfifcßcn Solbaten tragen 
gnm Sdjujj gegen bie Sonne toeiße Tücher unter ihrem gel. 

Smifcßen ber Tagei» unb SRacßttempcratur ^crrfcht ein großer Unterfdjicb. 
SRit Sonnenuntergang tritt felbft an ben heißeften Tagen eine folche ßüßle ein, 
baß man bei ÜRantell nicht meßr entbehren fann. Tie größte Tiffcreng in biefer 
Begießung hoben mir in ber SJßobopc in einer ungefähren ^ößc Don 8500 guß 
gehabt, mo mir unfer Säger in ber Stöße einel Scßnccfelbel hotten auffchlagen 
müffen. Slm SRittag geigte bal Thermometer -f- 25°, abenbl bei Sonnennnter» 
gang fanf bal Quecffilber auf -f 2° unb in ber Sta<ßt gefror SBaffcr in einem fupfer» 
nen ©efäßc im Seite. Um fieß nur in etmal ermärmen gu fönnen, günbete bie ©I- 
corte Säume an. 

Slul biefer Sfiggirnng bei Sanbel bürfte man nun mol git bem Scßlnffe 
berechtigt fein, baß baffclbe alle Sebingungcn einer Diclfeiligen fßrobuction in fieß 
trägt unb feinen Scmoßnern reiche ©rmcrblqncllen bieten fann. 

Tie Sebötferung Dftrumelienl, gu melcßcr icß mich nunmehr menbe, ift aul 
Derfcßiebcnen Statioualitäten gnfammengefeßt. Tic ©efammtgaßl ber ©inmoßner 
beträgt naeß officiellen Taten 815513 Seelen. Ten ^auptbeftnnbtßcil bilben 

Unfere 3eit. IHM. II. 3 



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gq _Unfcrc (Beit.__ 

bie Bulgaren mit 573231 köpfen. ©S folgen bann 176759 Dürfen, 42516 
©tiefen, 19524 3igeuner, 4177 gfraelien nnb 1306 Armenier. 

Die Wenigen Stäbte haben gewöhnlich eine auS allen Nationalitäten gemifchte 
Seöötferung. ©ne größere Scßeibung berfelben tritt in ben Dörfern ßeroor, 
inbem folcße häufig nur üon ©ulgaren ober Dürfen, ober oon beiben jufammen 
in ber ^auptfacße bewohnt werben. 

Die ©utgaren, als fmuptbeoölferung DftrumelienS, bürften uns hier am meiften 
intereffiren. 3cß Will fie ju fchilbem oerfuchen, wie ich fl« in ihren Dörfern 
lennen gelernt habe. 

Die bufgarifcßen Dörfer, groß ober flein, reich ober arm, tragen mol alle 
benfelben Gßarafter. Ohne regelmäßige Straßen ju bilben, liegen bie einzelnen 
©eßöfte, aus einem SBoßnßaufe, Stall unb einer Stroßfcßeune beftehenb, mit einer 
Umzäunung umgeben, meift ohne ©arten auf einem größern ober fleinem Staunte 
jufammen. Sage ich „SSoßnhanS", fo ift baS in gemiffer ©ejießung ein ®upße= 
miSmuS. Sine einftöcfige, mit Stroh gebecfte Seßmßütte, welche eine Denne, baneben 
ein ober jwei anbere Sfäume, unb bann unb Wann eine ©eranba enthält, ja 
häufig nur aus einem einjigen Sfaume befteht, möchte faum ein 2BoßnhauS in 
unferm Sinne genannt werben fönnen. Selten habe ich fünfter gefunben; bie 
Dhür unb ber Stauchfang finb oft bie einzigen Oeffnungen. Skber Difch noch 
Stuhl, gefchweige benn ©etten finb ttorhanben. 9ln ber einen SBanb brennt Dag 
unb Stacht ein geuer, über bem ein Seffel hängt; an einer anbern finb Decfen unb 
Deppidje aufgeftapelt. Wenige Döpfe unb ©fannen machen baS fpärliche |>auS= 
geräth aus. £>ier unb ba jieren $eiligenbilber bie SBänbc. 

©S war gerabe nicht beneibenSWerth, einen foldjen Staum mit einer ganjen 
©ulgarenfamitie feilen ju müffen, Welche, oft aus brei ©enerationen beftehenb, 
fidj allabcnbtich um baS geuer lagerte. Doch muß ich ßerüorßebcn > baß faft 
immer bie größte Steinlidjfeit ßerrfdjte. 3m Nooember 1878 haben wir auSfdjließlicß 
bie ©aftfreunbfehaft ber ©ulgaren in Slnfprucß genommen. Unb fließt wenig 
Srftaunen erregten unfere gelbbetten, Difcße unb Stühle, unb gar bie oerfeßiebenen 
Doiletteurequifiten. 

Die ©ulgaren, bie SJtänner, finb fräftige, muSfulöfe ©eftalten. Die ©efießtS* 
bilbung ift oüal, bie Stirn hängt etwas über, bie Singen finb enggefcßlifct unb 
bie ©aefenfnoeßen öorfpringenb. 

Die SRäbcßen mit ißrem Wunberbar ftarfen £jaat, mit ißren bunfeln Stugeu, 
muß man ßübfcß, wenn uießt feßön nennen. Sie ßeiratßen aber früß unb weifen 
bann feßneff. Die auffatlenb flehten £>änbe unb güße, ber etaftifeße ©ang, bie 
elaftifcßen ©ewegungen taffen fie aber immer noeß gefällige Grfcßeinnngcn bleiben. 

3« ben einzelnen Dörfern ßerrfeßt gewößnlicß biefelbe Dracßt; ein großer 
Unterfcßieb jwijcßen arm unb reich tritt feite« ßerüor. SJtir ßat biefe ®leießmäßig= 
feit immer ben ©nbruef gemacht, als orbne fid) ber ©njelne ber ©efammtheit unter. 

Die SKänner tragen gewöhnlich eine braungelbe, blufenartige 3“de, türfifeße, 
unter bem Stoie üerengte, mit Sebetviemen ober rotßen ©Mbänbera umwidelte 
Weite ©einfleiber, unb feßr häufig aus grobem SBoÜftoffe oerfertigte Soden. Um 
bie $iiften ift ein breiter, farbiger Sßawl gewidelt ober ein oft geftidter ©ürtcl 


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Canb uni» £eute Oftrümetiens. So 


befeftigt, in welkem baS SDteffer ftedt. ©ine faXpafartige Scßaffettmüße bebecft 
baS fd|ti(ßte, bunffe §aar. 

S8ci Weitem anmutßiger ift bie £radjt bet grauen. §ier fprit^t ficß ein ent» 
fdjiebener ©(ßönßeitsfinn unb große greube an fcßönen ©ewäitbern unb Scßmud 
aus. Sie tragen ein fdßneeWeißeS Sopftutß. 3)er bitfwotlene, turje, blaue 9?od, 
unten mit oerfdjiebenfarbigen — gelben, blauen, rotten — unb mit ©otbborten ein» 
gefaxten Streifen befeßt, wirb in enge gatten gelegt, ©in blaues ober rotßes 
SRieber, aus welkem ein reinweißes, weitärmetigeS, an ber ©ruft, ben Stcßfetn 
unb ütermetenben mit ©eibe ober bunter SBotle funftoolt geftitfteS $emb Verbot» 
fießt, umftßließt ben Dberförper. gn bem S)orfe ÜJtuftapßa ^Safc^a trugen bie 
äRäbcßen lange, mit ©turnen burtßflotßtene 8°pfe, was idj inbeß fonft nirgenbs 
bemerft ßabe. Sunftoott gearbeitete, aus Silber getriebene Dßrgeßänge, $atS» 
gefcßmeibe, Strmfpangen tragen bie ©utgarinnen faft ofjne StuSnaßme unb tegen 
fie aucß bei ben gewößntießften Arbeiten ni<ßt ab. 9tur ungern trennen fie ficß 
babon; eine fotd^e Strmfpange ju erwerben foftete große Ueberrebung. gm ©a$ar 
ju Sonftantinopel fanb man nacß bem Stiege berartige Scßmudftütfe in großer 
Stnjaßt; bie früßern ©igentßümerinnen waren Wot alte Opfer jener nur ju bekannten 
©reuetfcenen geworben. 

$>ie in SEBaßrßeit reijenbe Sracßt ber grauen contraftirt nicßt wenig mit beren 
Umgebung, in Wetcße bie 3Jiänner oiet beffer ßineinpaffen. 

®er Xanj bitbet ein $auptöergnügen ber ©utgaren. 2tn ben geiertagen ber» 
fammetn fidj bie ©täbcßen unb ©urfdjen, reifen ficß bie fpänbe, bis fie eine tange 
fiinie bitben, bie fidj bann in ©djtangentinien nacß bem Stange einer ©acfpfeife 
— beS einzigen gnftruments, wettern man bort begegnet — tangfam ßin» unb 
ßerbewegt, fidß jum SRinge ffließt unb ficß wieber öffnet. 

Slucß SRingtömpfen ßaben wir beigewoßnt. 2)ie ©eWanbtßeit unb Sraft ber 
fRinger ßaben immer unfere ©ewunberung erregt. 

2)aS gamitienteben ber ©utgaren fcßeint ein feßr inniges, patriarcßatifcßeS ju 
fein. 9iie ßabe icß 3unf unb Streit gehört, ©erfcßiebene Heine ©orfätle ßaben 
micß aber barauf ßingewiefen, baß bie grau eigentlich bie Seele bet gamitie ift. 
®on morgens früh bis abenbS fpät ift fie tßätig. Scßon bei Xageöanbrucß faß 
man fie mit ber Spinbet in ber $anb, SBotte unb ©aumwolle fpinnenb; fie 
webt ben ganjen ©ebarf ber gamitie an Steibem unb SBoKftoffen fetbft. 

S)ie ©utgaren Werben atS tudjtige unb gefcßicfte £>anbwerfer gerüßmt. Sie 
befcßäftigen fidj mit £ot$fcßnißerei, finb ©über», Supfer» unb ©ifenarbeiter unb 
oerfertigen lucße unb Seppicße. ®ie teßtern finb oon geringerer Ouatität, als 
bie in Smßrna, Werften unb ÜDlittetafien angefertigten, werben aucß ßauptfäcßticß 
im Sanbe gebraust unb nicßt oerfanbt. gßre 2Jtufter finb aber feßr ßübfdj. 
gebet Ort ßat feine eigene garben^ufammenftettung unb fein eigenes ©ewebe. 

®er Sanbbau ift bie £>auptbefdjäftigung ber ©utgaren. 3tn Sinn für biefen, 
wie atterbingS aucß für gnbuftrie, übertreffen fie atte ißre SRacßbarn, bie Serben, 
©riecßen, Sflbanefen, tRumänier. 

®ie ©erßättniffe, unter benen ber butgarifcße Sauer bis baßin gelebt ßat, 
waren ni<ßt banadj angetßan, ißn jur Ißätigfeit anjufpornen. gcß erinnere nur 

3* 


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36 


Unfere 


an ben 3efjnten, welcher Don aßen SanbeSprobucten an bic tfirfiföe Regierung 
gejault merben mußte. $)a3 gefchat) aber nicht etwa an biefe birect, fonbern an 
bie 8e{)ntenpäcf)ter, Unterpä(fjter, ja Unter=Unterpädjter, toetd^e aße baran Derbienen 
ftoßten. 2lbgefehen baDon, baß nicht fetten eine ganje ©rate, wenn ber 3«^nten« 
ergebet nicht jur regten 3^it erfcfjien, ju ©rutibe ging, arbeitete ber Sanbmann 
eigentlich nur, um bie Säcfe ber Sßädjter ju füßen, nicht einmal^ pm Stufcen ber 
Stegierung. SBoju fich atfo für anberer ßeute Xafdjen mühen unb plagen? 

@o lebt benn ber bulgarifche Sauer Don ber £>anb in ben SNunb. Cr baut 
nicht mehr, als er p feinem eigenen Sebarf nöthig §at; unb baS ift hetjlidj wenig: 
gutes SEBeijenbrot, gefatjene Sifc^e, Schafmilch unb fiäfe, an ben Feiertagen ein 
ßamm ober Rammet, im ganzen Stücf am Spieß gebraten, genügen ihm Doßftänbig. 

So fommt eS benn, baß in biefem fo überaus fruchtbaren, Don ber Statur fo 
fetjr begünftigten Sanbe faurn bie |)älfte beS SobenS, unb baS ift wot fchon h®«h 
gegriffen, cuttiDirt ift. Unb Wäre auch Wirtlich ein Ueberfdjuß an fßrobucten Dor= 
hanben, nur auf ^fßacft^ieren tonnte man fte nach auswärts in ben $anbet bringen, 
ba bie wenigen Dortjanbenen SEBege meift in einem erbärmlichen 3nftanbe fich bcfinben. 

$ie 3eit, in Wetter ich bie Sutgaren fennen gelernt habe, geftattete nicht, fich 
ein in jeber Sejiehung ptreffenbeS Urtheit über fie p bitben. Stach ber größten 
Slufregung war eine nicht minber große Stpat^ie eingetreten. Sie fehienen mir 
bamatS noch unter ber Doflen SEBucht ber ©teigniffe p fielen: eS fchien ihnen 
SRütje p machen, in gewöhnlicher SEBeife ihren ©efchäften nadjpgehen. $ie 
erlittenen fchweren, großen Serlufte hatten fte, fo tarn es mir Dor, niebergebrüctt 
unb muthfoS gemacht. 

3)aS ftnb bie Sutgaren, wie ich f» c in ihrer Familie, in ihren Sefdjäftigungen 
fennett gelernt habe. Sh ren ©harafter als Soll tann uns nur bie ©cfdjichte jeigen. 

SeDor ich jeboch mich biefer pwenbe, möchte ich, Wenn ich auch Don einer 
Schilbcrnng ber anbern ben Soben OftrumelienS bewohneteben ^Rationalitäten 
abftehen muß, hier WenigftenS noch baS eine herDorheben, baß man, um fich ein 
Urtheil über bie Xürten p bilben, fie nicht in Si'onftantinopel, fonbern im Innern 
beS SanbeS beobachten muß. $ort ift ba lürte ein anberer, unb wir aße haben 
ihn, ben Sftann aus bem Solle wohlDerftanbcn, achten gelernt. 2)ie prächtigen, 
frönen, fraftooßen ©eftalten, ber wirtlich eble Slnftanb, ber fluge, offene SluSbrucf 
beS SlugcS, bie große ©aftfrcunblichfeit flößen unwißfürlich Spmpathien ein. 
Specieß in bem Slrbathale finb unS bic Xiirfen näher getreten. $ier machten 
Wir a»tch bie perföntietje Setanntfchaft ber $auptführer in bem Sthobopeaufftanbe. 
Sticht etwa bie türtifdje Stegierung hatte biefen SEBiberftanb organifirt, fonbern 
beim Sötte Ijochangefehcne SJtänner, »Die es $abji $ömael 21, 3uffuf fßeliwan, 
Stara Suffnf Waren, Welche unS burch ihr ©ebiet geleitet haben. 3<h fage „ihr 
©ebiet", benn jene ©egenb hat fich immer mehr ober weniger unabhängig ber 
türtifchen Stegierung gegenüber p fteßeit gewußt. Stoch bamatS, im Sah« 1879, 
erhoben jene SJtänner ganj regelrechte Steuern. SBährenb aber £>abji ^Smaet 21 
eine größere Summe an 9teuf=Saf<ha, nad; beffen Ucbernahme ber Serwattung 
beS SißajetS 2lbrianopel, fchon abgcliefert hatte, ftanb Sara Suffnf noch immer 
an ber Spifcc einer Keinen 2trmee Don 4000 Safchi=SofutS. 2lu<h feine eigene 


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£anö unb £eute Oftrunieliens. 


37 


©renje hotte et gegen Dftrumefien gezogen, feibet nic^t im Sinne beö Serfiner 
Sertragö. Seine ©renjmachen ftanben närnfid) auf bem ^ö^enjuge nörbfidj ber 
Sftba, mährenb botf) biefe fefbft bie ©ren$e bifben feilte. Sara guffuf, bet Sdjmarje 
Sofeph, begleitete bie Sommiffiou afö eoftftänbig fouoeräner $err. @t öetfe^Ite 
aud) nid)t, unö feine SDtadit ju jeigen, inbem et unö öfter feine ©renamadjen*) 
paffiren fieß: fie traten ins ©emepr unb präfeutirten, mäfjrenb mit unö einer 
gemiffen Seforgniß für unfere nadjfofgenbe Sagage nicht entf^Iagen fonnten. ®er 
Iefcte §äubebrud, benmir mit Sara guffuf**) mechfelten, lieg unö, aufrichtig geftanben, 
feistem $erjenö unferö SBegeö Reffen. 9?ur ber ©efepieffiepfeit unferö türfifdjen 
Sollegen oerbanfen mir eö, baß mir unbehelligt pict unfere Stufgabe föfen fonnten. 

®er 3ug burep bie SNpobope pat unö «och mit ben ißomafen jufamraengefüprt. 
®iefe eigenartige Söfferfdjaft ift bufgarifeper ^Nationalität, aber jum Söfam über* 
getreten. 3pre Sfeibung, oft feuerrott), ift türfifcp; ihre Spraye, Sitten unb 
©ebräuepe finb aber bufgarifcp geblieben. Sie fdjeinen mir fanatifeper ju fein 
atö bie dürfen fefbft. 

$ocp jurücf ju ben Sufgaren. 3« ber 33eurtljeifuug ipreö Sofföcparafterö 
bfirfte unö ein Jöfidf in ipre ©cfdpicptc einen Sfnpaft geben. Sind) bie heutigen 
Schiebungen $mifcpen Sufgarcn, dürfen unb ©riechen, mie fie fidj im Saufe ber 
^[aprpunberte perauögebifbet hoben, biirften fich nur att ber fpaitb ber ©efebiebte 
erffären taffen. 

Sffö bie Sorfaprett ber heutigen Sufgaren betrachten mir bie im 7. gaprpunbert 
faft bie ganje Saflanhafbinfel bemobnenben Sfatocn. Sie mürben Don ben bott 
bem SNorbmeftufer beö Sdjmarhcit läNccrcö tommenbeu Sufgareit nntermorfen. ®ie 
Sieger gingen aber in ben Scfiegtctt auf: erftcrc gaben Ieptcrn nur ben 9tamen, 
nahmen bagegen ihrerfeitö beten Sprache utib Sitten an. 

fNacpbent im 9. 3 a h r hu»bert Soriö, gürft oon Sufgarieu, jum ©priftentpunt 
übergetreten mar, brach unter feinem Sohne Spmcott (893—937) bie gofbene 
3eit beö bufgarifchen SNeicpcö an. Stjmeon brachte baö Sphantinifcpe 9tcicp an ben 
9tanb beö Serbetbenö: oiermaf belagerte er Sonftantinopef, jmeimaf nahm er 
Slbrianopef. Stad) ber fiegreichen Schlaft gegen bie Spjantiucr am 20. Sfug. 917 
am Sfcpefonöffüßcpcn ftanb bie ganje Jgmfbinfcf bem Sieger offen. Sfußer Sonftai« 
tinopef unb einigen Süftenftricpcn mar fie faft ganj in feiner ©emaft. 

®en biöherigen Xitel „khh3i", gürft, fegte Spnteott ab unb nahm ben Saifer* 
titet an: er nannte fich ».8or ber ^Bulgaren unb Sefbftherrfcher ber ©riechen". 
$ie butgarifche ßtationaffirepe mürbe fcfbftänbig, baö ©rhbiötpum ju einem s $a= 
triarchat erhoben. ®ic Siteratur nahm einen fofehen Sfuffdjiuuug, baß fie auf firep» 
fichem ©ebiete ber bamafigen Iateinifchen unb grieepifepen faum naepftanb. 

Sfber fchon nach bem ®obe biefeö mächtigen gürften trat ber S erfaß ein, unb 
bie Spjantiner begannen Sufgarien ju beperrfepen. 


*) Such Bon butgarifdjer ©eite waren bamalö ©renjwacpen auögefteßt. Ter |>aupt= 
jweef war mo(, bie bie ©ren^e überfdjreitenben Rammet burdi bereit SBegnapme ju beftrafen. 

**) ©r ift jept oftrumetifcher ©enöbarm unb pat bic erlaubniß, ben geö weiter jn trogen. 


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58 Untere <3ett. 

©rft im 12. gafirfjunbert gelang es ®fen I-, ein ©ulgarenreidj 

jmifdjen ber ®onau unb bem ©alfan mit ber ^auptftabt lirnoma mieberljerjuftefltn. 

SoaniteS 2lfen II. 1218—41 braute ganj Itirajien «nb ©tacebonien mieber 
unter bulgarifdje ©otmäßigleit. ©ei bem Xobe biefeS „3aren ber ©ulgaren unb 
©riedjen", beffen Sbeal ein flamifdjer Staat mit ber ^auptftabt ftonftantinopel 
gemefen mar, berührte bas Sulgarenreid» bie ©eftabe breier ©leere, ©in reger 
HanbelSberfeßr, pradjtootle ©auten, non benen befonbetS bas alte Xirnoma Seugniß 
ablegte, unb eine feltene ©eligionSfreißeit fennjeidjneten ben innem Äuffdjmung 
©ulgarienS. 

Sin biefe ©tadjt aber ftanb unb fiel mit bem Seben biefeS einen Stannes. 
deiner feiner Stadjfolger mar im Stanbe, baS SBiebergemonnene ju fdiüfeen, ju 
erhalten, ©ulgarien, halb ein uneiniges, verfallenes SReidj, fonnte ben DSmanen 
nic^t miberfteljen. ©djon 1393 fiel bie alte 3ctrcnftobt Zirnoma unb mit ber 
(Eroberung SonftantinopelS burdj ©toljammeb II. 1453 mar baS ©efd)id ber ©alfan» 
ßalbinfel auf niele 3a^r§unberte entfliehen. 

Z)aS bulgarifdje ©ol! tritt uns mäljrenb feiner ©elbftänbigfcit als ein friege» 
rifdjeS, tljatfräftigeS entgegen. Unter ber Seitung non oft Ijodigebilbeten, politifdj 
gemanbten dürften mar es im Stanbe, bie Hegemonie auf ber ©alfanljalbinfef }u 
erringen. SllS eine Ijodjangefeljene Station fonnten bie ©ulgaren ber übrigen orttjo* 
bojen ©lamenmelt Siteratur unb Kultur mitt^eilen. SBäre es bemnadj ju gemagt, 
äljnlidje Hoffnungen auf bie 3 u lnnft ber jefct bem Seben miebergegebenen bulga» 
rifdjen Station ju fefeen? 

®et Untergang beS bamaligen SReidjeS mar bie jfolge beS ©influffeS ber 
©gjantiner, melier, maßgebenb gemorben, bie ©ulgaren mit in baffelbe ©rab 
reißen mußte. 3aljrfjunberte foHten ttergefjen, elje eine Sluferftetjung möglich fein 
fonnte. 

Z)ie türfifdie $errfcf|aft mag im Slnfange nid)t gar brüdenb auf ben ©ulgaren 
getaftet tjaben. ©rft gegen ©nbe beS 16. 3aljrf|unbertS traten mirflid) fernere 
Seiten ein. Zer Uebermutl) ber priüilegirten ©eoölferungSflaffe, ber ©tof)amnte= 
baner, fannte feine ©renjen, unb halb fanfen bie ©ulgaren ju einer ©laffe nur 
gebulbeter, auf alle möglidje Slrt gebrüdter, unglüdlidjer SRajaf) fjerab. Zer 
ftiegerifdje ©olfSdjarafter fdjlug in eine ft^eue Untermürfigfeit um. 

©eit 400 Sagten jebeS politifdien unb firdjlidjen SebenS beraubt — benn 
audj bie ®irdje mar fdjon feit 1394 bem ©atriardien üon Äonftantinopel mieber 
untertan gemorben — maren bie ©ulgnren ju Anfang unferS 3afjrl»unbertS noH» 
ftänbig aus bem ©efidjtsfreife (Europas oerfdjmunben. Hatten jte ja bodj felbft 
»ergeffen, baß fie einft unter eigenen 3n«n, unter eigenen Patriarchen ein freies 
Staats» unb Kulturleben geführt Ratten. 

Zennodj Ijat es ju feiner Seit an ©lännern gefehlt, bie nid)t mit bemaffncter 
Hanb berfudit hätten, ben dürfen entgegenjutreten. 3$ meife auf bie Häufen 
bin, beren SebenSaufgabe es mar, SRadje an ben ©ebrüdern ifjrer ©laubenSgenoffen 
ju nehmen, biefe, bie Kljriften, bagegen ju befdjüßeu. 

3n ben Ijoljen ©ebirgen, im Salfan, in ber Srebna ©ora, in ber Stßobope 
mar iljr SlufentfjaltSort. ©on hier aus malten fie ifjre Strcifjüge. Slur ©er» 


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£anb unb Ccutc 0ftrumeliens. 


39 


jweifetnbe fonnten fid) jenem 33erufe meinen, gebet ^aibu!e war ben Xürfen 
rettungstos oerfatten. 316er was War bas gegen bas ©efchicf, baS jene SKämter 
ju ertragen Ratten! 2)em einen Ratten bie Xiirfen bie Stettem ermorbet, bem anbem 
bie ©efdfjwifter, biefem bie ©raut entfahrt,' jenem bie Sdjwefter entehrt. ÜDtancfje 
Waren auch burch bie ©rpreffuttgen ber Seis ober burch räuberifdje Ueberfätte 
an ben SBettetftab getommen. 

®er Ha ibufe fammette entmeber fetbft eine Schar auSertefener, tapferer, uner* 
fdjrocfener Seute, ober fcfjtoß [ich einer fotzen an. ©inanber treu ju bleiben unb 
fidj nicf»t ju trennen, mar ihr ©ctübbe. SBar ber Sommer unb fomit bie allein 
ben §aibufeu günftige 3eit üorbei, fo oergruben fie iljre SBaffen unb oerabrebeten 
geit unb Ort ber nädjften gufammenfutift, um oon neuem ben dürfen ein ©chredfen 
ju werben. ®en SBiuter oerlebten fie bei ihren ©taubenSgenoffen in ben $örfem. 

Sie ftanben im f)oI)en Slnfeljen unb in ben butgarifchen 93otföIiebern leben 
iljre Späten fort. 

Stber auch bie SKaffe beS butgarifchen SSoffeS tjat nie eine ©rfotg oerfpreeijenbe 
©elegenheit unbenufct gelaffen, um baS oerhaßte türfifcf»e godjj abjuwerfen. gtei» 
lieh, ihre Hoffnungen auf frembe Hülfe fdjlugen bis auf bie neuefte geit immer 
fetjt. @0 glaubten fie — oerweiten wir nur bei unferm gatjrfjunbert — fc^ott 
Hoffnungen auf ben ruffifch-türfifchen Krieg oon 1806—12, auf bie griediifdje 
SReootution, auf ben ruffifchen getbjug 1828/29 fefcen ju biirfen. ©rfotgtoS waren 
auch bie eigenen StufftanbSDerfuche in ben gafjren 1841, 1861, 1862, 1864, 1866. 
9Zur noch graufamere Scbrücfung war bie gotge biefer ©reigttiffe. geh erinnere 
an bie Stnfiebetung oon 12000 Krimtataren 1861, an bie Stnfiebetung ber nach 
SRieberwerfung beS KaufafuS burch bie SRuffen nach' ber Siirfei auSgemanberten 
Xfcherfeffen 1864 in bem butgarifchen ©ebiet. 3)ie fct)önften gelber mußten bie 
Sutgaren biefen ungebetenen ©äften übertaffen, ja ihnen fetbft unentgeltlich Höufer 
bauen, gdj erinnere an baS oon SDtibtjaMßafdfja 1867 ins SBerf gefegte grauen* 
Hafte Strafgericht für bie ben Häufen gewährte Unterftüfcung unb eine oerrattjene 
finbifdje SBerfdfjwörung. ©ine SDtenge günglinge, ja felbft Kinber, würben gehängt, 
unb wegen angeblicher ©eljeimbünbe begann eine allgemeine SSerfotgung ber ge* 
fammten butgarifchen gntelligenj. 

gaft mehr noch als unter bem leiblichen 2)rucfe ber dürfen litten bie Bulgaren 
aber unter bem geiftigen ®rucfe ber ©riechen, ber griedhifchen Sifct)öfe, ber 
ganarioten. 

®ie äRacfjt ber ganarioten war feit bem 18. gatjrhunbert bebeutenb erftartt: 
bie ftawifche Siturgie War burch bie griechifche erfefet, bie butgarifchen Schuten ju 
griechifdjen geworben, ghr Hooftbeftreben War bie Heöeniftrung ber ©utgaren, 
obwot ihnen bie eigene ©ereidfjerung auf Soften jener wot nicht weniger, wenn 
nidht noch wehr am Herjen tag. 

®ie griechifchen ©ifdjöfe waren feine SDiufter chriftticher Uneigennüfcigfeit: nur 
©elb beherrfchte bie fonftantinopeler Kirche. $a baS ©infommen ber ©ifcijöfe 
lebigtich oon ben ©emeinben aufgebracht werben mußte, fo fanb ein ©rpreffungS* 
fpftem ftatt, baS jeber ©efdjreibung fpottet. gebeS äRittet war recht, unb gamitien, 
ja ganje Dörfer finb burch ihre geglichen Hirten an ben SBettetftab gebracht. 


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llnfcre ^cit. 


40 


Aucß ißre Sittließleit ftanb nur auf fcßwacßcn Süßen: fcßöne (Griechinnen unb 
Armenierinnen ßcrrfcßten an ihren $öfen unb feine grau ober Jungfrau war Dor 
beit Gtacßftetlungen eines gauarioten ficßer. 

liefern 2)rucfe gegenüber bolljog fuß innerhalb beS bulgarifcßcn SBotfcö eine 
©ewegung, welche baS SBiebererwacßen beS 9tationalgefüßtS in fuß trug. ©ßarat* 
teriftifcß ift es für bie ©ulgaren, baß fie cS oerftanben haben, Don innen herauf, 
allein auf ißre eigene ftraft geftüßt, bie abfotute $errfeßaft ber (Griechen über fie 
5 U brechen. 55aS SJtittel baju war bie nationale Schute. 

$urcß bie Schriften beS SDJöncßeS ©apfij, burch ben ©ifcßof Sofronij — beibeö 
echt nationale SDtänner — auS ihrer Sethargie aufgerültett unb jum SBiberftanbe 
gegen bie ©riechen bureß SBieberbetebung ber eigenen SWutterfpracße angefeuert, 
Waren cS bufgarifche Staufleute, welche fich bie ©rünbung eines nationalen Schul* 
WefenS, einer nationalen ßiteratur angelegen fein ließen. 

Am 2 . San. 1835 würbe in ©abrowo bie erfte bulgarifcße ©olfSfeßute er* 
öffnet; jeßn Saßre fpäter gab cS beren feßon 53, unb bie faunt 20 3 a h re alte 
Siteratur Wies feßon ©üeßer auf, bie 2000 Subfcribenten iäßltcn. 

Sn ben fünfziger Saßren War biefe ©ewegung feßon fo mächtig geworben, baß 
man, ben nationalgefinnten Scßulmeiftcr hinter fieß, ben grieeßifeßen ©eiftlicßen 
mit ©rfolg entgegentreten tonnte. ®iefer mit Dotier ©nergie unb großer ©onfe* 
quenj bureßgeführte Äarnpf um bie SBicberaufricßtung ber bnlgarifcßen Stationat 
fireße, welcßer bureß bie ©ntennung beS erften bnlgarifcßen ©jareßen am 11. gebt. 
1872 fiegreieß jum Abfcßluß fant, betßätigt gewiß ben innern SBcrtß beS bulga- 
rifcßeit ©olfeS. SBoßt bürfte baffelbe jene ©igeufeßaften befißen, bie ju einer 
ftaattießen Sctbftänbigfeit berechtigen. 

®iefe aber, bie ftaatlicße Setbftänbigfeit, freiließ lange bureß frueßttofe Auf* 
ftanbSDerfucße angeftrebt, haben fieß bie ©ulgaren nießt fclbft crfämpfeit fönuen: 
fie ift ißnen geworben als ein ©efeßenf oou außen. 

®ie leßten ©reigniffe, ben bulgarifcßcn Aufftanb im 2Kai 1876, bie lieber* 
werfung beffetben bureß Scßeffet-©afcßa, wobei 118 Dörfer mit einer ©iuwoßner* 
jaßl Don 10000 Seelen im ©ejirf Don ©ßilippopet gcrabe^u Dom ©rbbobcit Der* 
feßtoanben, baS ©ingreifen ber europäifeßen ©roßmäeßte auf biplomatifcßeni SBcge, 
ben 8Juffifcß*2ürlifcßcn frieg 1877/78 übergehe icß. Als 9tefuttat biefer Actionen 
feßen Wir baS gürftenthum ©ulgaricn, bie ©roüiiij Cftrumclien entfteßen. 

£>ier ßabe icß nur bie leßtere im Auge. Oftrumelieu ift eine unter ber poli* 
lifcßen unb militärifcßen Dberßoßeit beS Sultans fteßenbe, alfo türfifeße, unb nur 
in abminiftratiDer ©ejießung fetbftänbige ißroDinj. Xic ©erfaffung berfelbeit ift 
bureß eine aus ben $etegirteu ber Signatarmäcßte beS ©crliner gricbenS 311 * 
fammengefeßte ©omntiffion bis auf baS fleinfte ausgearbeitet unb in bem „Statut 
organique" niebergetegt. 

$cr SteUbertreter beS Sultans unb biefem berantwortlicß ift ein im ©inber* 
ftänbniß mit ben Signatarmäcßten auf fünf Saßre Dom Sultan ernannter cßrift- 
lidßer ©cneralgouDenteur, jur 3eit Atefo=$af<ßa, ober. Wie er fieß jeßt jn unter* 
jeießnen pflegt, giirft ©ogoribeS. 


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£anb unb £cute 0 ftrumclicns. 




ÜJJit bet Gjecutibe betraut, leitet er bie ©robinziatgefefcgebung, fdfjreibt bte 
2 Bnt|len für bie ©robinztalberfammlung aus, beruft uub fchtiefjt biefetbe. 

®er «Sultan Ijat bagegen baS VeftätigungSrecht ber bon ber partamentarifcheu 
Vertretung ber ©tobinz befchtoffenen ©efefce unb ernennt bie f)ö<hften Stbminiftratib» 
unb Suftijbeamten. 

®er ©eneratfecretär, ebentueß Stetibertreter beS ©eneratgouberneurS, unb 
gleichzeitig ®irector beS Innern, bie ®irectoren ber Suftij, ber Finanzen, beS 
StcferbaueS, $anbets unb ber öffentlichen Arbeiten, beS öffentlichen Unterrichts unb 
ber ©ommanbeur ber ÜJtilij unb ©enSbarmerie bilben baS ©onfeil beS ©enerat» 
gouberncurS. 

®ie ©robinzialberfammtung, auS 10 Viritftimmen, 10 bom ©ouberneur er» 
nannten unb 36 aus birecten geheimen SESa^fen herborgehenben ®eputirten befteheub, 
bitbet bie partamentarifche Vertretung ber ©robinz. 3« beit attjährtich ftattfinbcn» 
ben zweimonatlichen Si^ungen toerbcn ettba bon feiten bcS ©eneratgouberneurS ein» 
gebrachte ©efefcentwürfe berathen unb bor aßen Gingen baS gahreöbubget feftgefteflt. 

3 ur geftfehutig ber tegi^tatiben Ihätigfeit jur 3cit ber SRidhtberfammlung ber 
Vrobinjiatbertretung functionirt ein permanenter SluSfchujj bon zehn getoähtten SDiit= 
gtiebern ber le^tern. 

®ie ©robinz ift in 6 »Departements unb 30 Gantone gethcitt. Sin ber Spifce 
ber erftern fteht ein ®epartementSrath. 

®ie SahrcScinfünfte finb auf 800000 türfifche ©funb angenommen, mobon aß» 
jährlich brei Sehntet an bie ©forte ju jahten finb. 

Sn bem officießeti Vcrtchr ber ©robinz mit ber |>oheu ©forte ift bie türfifche 
Sprache bie SlintSfprachc. ®ie ©efcfce für bie ©robiitj loerben in türfifchcr, bnt 
garifcher unb grie^ifchcr Sprache pubticirt. Sw fonfligcn officießcn Vcrfehr inner» 
halb ber ©robiuz rietet fich bie Slmoenbung ber einen ober anbcrn Sprache nach 
ber Nationalität ber ÜJtajorität ber Vebötfernng beS bezüglichen ®iftrictS. 

®ie ßJtititärinftitutionen beruhen auf ber aflgenteinen SBehrpflidjt. Vom 
20 . Sahre ab ift jcber ßtumetiotc in ber ©tiliz toehrpftichtig; bier 3 “h re gehört er 
bem erftcu, bier 3<>h re bene zweiten Stufgebot, uicr 3ih re ber SRcferbe an. 

®aS Sanb ift in 13 ßtefrutirungSbezirfe getheitt, uon benen jeher ein ÜDtiliz- 
bataiflon bcS erfteit unb zweiten Stufgebots ü bier ©ompagnien auffteflt; im gricbcn 
ift jebodh pro Vataißon beS erften Stufgebots nur eine Gompaguie präfent. Stufjer» 
bem beftetjt noch ein SeljrbataiUon. 

®ie actioe tBienftzeit beträgt nur zwei ©lonate, fobafj, um bie Seute ber bier 
©ompagnien eines jeben VataißonS auSzubitben, acht ßßonatc, bom 1 . Dct. bis 
30. SJtai, erforbertidh finb. Sic ©ionate 3uni, 3 u t>, Stuguft finb für bie SluSbit» 
bung ber nicht actiuen Offiziere unb Unteroffiziere beftimmt. 9tn ben im September 
ftattfinbenben ©ianöbern nehmen fämmttiche Seute bcS erften Stufgebots theit. 

Sie SJtitiz bient im ^rieben g ur Unterftüfcnng ber ©enSbarmerie. Sw firiege 
ift fie als ein Veftanbtheit ber türfifchen Strmee zu betrachten unb fann inner» 
halb bcS europäifchen ©ebiets ber Sürfei oermanbt werben. 

Sie Stufredhthattung ber ©uhe unb Orbnung innerhalb ber ©robiitz ift 3wecf 
ber ©enSbarmerie. 


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42 


Unfere <3«t* 


Das Statut organiquc fefct feft, baff jeber Sumeliote ohne Südficht auf feine 
^Rationalität unb Stetigion gleichberechtigt ift; feine inbiüibueße freiheit ift garantirt, 
fein Gigenthum unüertefctich, GultuSfreiheit, f reijügigteit, freies VerfammlungSrecht 
unb Vrefjfreiheii finb eingeführt. 

SEBaS für ein Slbftanb jwifdjen bet centralen unb localen SBißfür ber bisherigen 
türfifchen Verwaltung unb biefen Snftitutionen, welchen bie tnoberaen ©taatsoer» 
faffungen jum Stufter gebient haben! 

©inb bie Vulgaren reif für biefe Snftitutioneu? ©inb fie befähigt, in ruhiger, 
ftetiger Seife bie Sahn geiftiger unb materieller Gntwidclung einjufchtagen? Das 
finb unwißfürlich ftd) aufbrängenbe fragen. 3h te Veantwortung bebarf aber tool 
einer längern Erfahrung, als fie uns jefct fchon bie furje Seit ber ©elbftänbigleit 
biefeS Volles geben fann. (Sin Gjperimentiren wirb wahrfcfjeinlich no(h lange 3«t 
ber naturgemäfie 3uftanb ber beiben Valfanlänber fein. Sieht Daft, mehr Gin» 
fitht, ja mehr politifche Seife als ihre Vrüber nörblich beS ValfanS haben aber bie 
Oftrumelioten gezeigt. 

Slan bliefe nur in bie jüngfte Vergangenheit jurüd, unb man wirb über biete 
Vortommniffe billiger urteilen, als bieS in ber Segel ju gesehen pflegt. $at 
man mit eigenen Singen ben 3»ftanb beS SanbcS unmittelbar nach bem Stiege 
gefehen, fo Wirb man fich auch öon ber Unmöglichleit überzeugt haben, ba& fchon 
jept alles bort regelrecht unb ohne frictioncn oon ftatten gehen fann. 

$ätte man es ruffifcherfeits gleich bei Veginn beS SriegeS für gut befunben, 
bie paffioe Haltung ber Vulgaren in eine wohl organifirte ©elbftthätigfeit ju Oer» 
wanbeln, fo würben Wahrfcheinlicherweife bie atterbingS granfigen SfuSfchreitungen 
berfelben unterblieben fein. Die Formation oon feefjs Drufhinen (Vataiflonen) 
bulgarifcher freiwilliger, bie fich, nebenbei gefagt, Oorjüglich gefdjlagen haben, war 
eben nur ein fehwaefjer Slnfang, ber ju ganj anbem Dimenfionen hätte ausgebaut 
werben lönnen. 

Die oon bem fürften DfcfjerfaSfi organifirte, ober oielmehr nid)t organifirte 
Verwaltung lonnte bie bulgarifcfje Veoölferung nicht in georbnete Verhältniffe 
hinüberführen. Suffixe ©arbeoffijiere waren bie Sepräfentanten biefer Verwal» 
tung. Ohne auch nur bie geringfte Snftruction erhalten ju haben, abminiftrirte 
jeber fo gut er eS terftanb, unb nicht feiten auf höcfjft eigentümliche SBeife. Die 
Sagaifa, bie Äofafenpeitfcfje, foß als baS befte Stittel angefehen worben fein, bie 
Vulgaren jur Saifon ju bringen. 

Die nach bem 3ahrh un *’ ert£ bauernben fdjweren Drud ber Dürfen unb ©riechen 
plöfclich junt SluSbruch gefommenc entfeffelte freiheitsluft unb ben an fich natur» 
gemäßen VergeltnngSbrang ber Vulgaren jenen Völferfcfjaften gegenüber in ben 
©tranfen ber ÜJtenfchlichfeit unb Sedjtlidjfeit ju halten: baS muhte bie Stufgabe 
ber Verwaltung fein. 

SBir haben bie ©tätten ber fchredlichften Verwüftungen puffert: aus ben 
Drümmern unb Suinen mohammebanifcher Dörfer fprach ju uns bie Sache für 
bie butgarifchen ©reuel. 

Gine traurige Seaction trat aber ein, als bie ruffifefjen Druppen bie unter 
birecter türfifcher Verwaltung terbleibenben ©ebiete eüaeuirten: bie Vulgaren 


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£anb unö Ceutc £>ftrunteliens. 


*3 

bertießen bie Dörfer mit SBeib unb Kinb, aus gurcßt, oßne ruffiftßen ©cßuß bon 
beit Dürfen erfdjlageit ju werben. ©anje Dörfer ßaben wir bertaffen gefunbcn: 
bie wenige $abe, baS ©ieß war mitgenommen, bie $äufer ftanben leer, bie be= 
ftellten gelber waren nicßt abgeerntet, @S ift borgefomnten, baß, wenn ein bul» 
garifcßer Drt bon unferer ©ommiffion ben Dürfen jugefprocßen werben mußte, 
tiocß an bemfelben Stbenb ein geuerfcßein am Fimmel uerfüitbete: bie ©ewoßner 
ßaben ißre SBoßnftätten ben Stammen übergeben, um nur nicßt bon neuem unter 
türfifdße ^errfcßaft ju fommen. 

Daß folcße ©erßältniffe nicßt aucß it»re ©acßweßen nocß in ber ©egeuwart 
ßaben fotten, wer fönnte'baS erwarten! 

©in weiteres $inberniß für bie rußige ©ntwicfelung ber ©robinj ift baS Stre¬ 
ben berfelben, mit Bulgarien bereinigt ju werben. Daß bet 4?erb bicfer UuionS= 
beftrebungen ßauptfäcßticß in Dftrumelien ju fucßen ift, ßängt wefentlidß mit ben 
©anben jufammen, welcße bie ©robhtj nocß an baS DSmanifdße SReicß feffctn. 
Die gurcßt bor türfifcßen Uebergriffen, bor ber SBieberfeßr turfifcßer ©arnifotten 
treibt bie ©eWoßncr bem ©anbutgariSmuS in bie 2lrme. 

©on außen fommenbe Slgitationen, bie SltaulwurfSarbeit eines panflawiftifcßen 
©entralcomite, baS über ein Kapital bon 4 Sftilt. grS. berfügen foll, taffen bie 
©robinj nicßt jur 9tuße fommen. Die ©jecutibe biefeS ©omite feßeint ben be= 
rücßtigten Durnbereincn jugewiefen ju fein. 

Dennotß aber ftnb jeßt feßon feit bem ©efteßen DftrumetienS in ©tabt unb 
Dorf tn inbuftrieHer unb lanbwirtßfcßaftticßer ©ejießung gortfdßritte bemerfbar. 
©efonberS ßebt fieß bie $auSinbuftrie ber ©ulgaren immer meßr. Der Slcferbau 
fängt fieß meßr ju entwicfeln an, naißbem im Statut organique bie ©erpaeßtung 
beS $cßnten berboten unb barauf ßingewiefen ift, baß eine ber näcßftcn Aufgaben 
ber ©efeßgebung fein müffe, ben ßeßnten in eine ©runbfteuer ju berwanbelit. 

Der #anbet, Welcßer bis baßin faft auSfdßließlicß in ben |>änbcn ber ©rieeßen 
War, btüßt jeßt meßr unb meßr auf, unb bie Sulgaren fangen an, ben ©rictßcn 
©oncurrenj ju rnaeßen. 

©eßr biel gefeßießt bon feiten ber ©robinj für bie ©cßulen. Da bas Statut 
organique ben obligatorifcßen Unterricßt für bie Kinber bom 7. bis 13. SebenSjißre 
eingefüßrt ßat, fo wirb bemnädßft jeber Drt feine ©dßute ßaben. Unb bieS ift 
wot baS befte SJJittet, bie bitbungSfäßigen unb aueß bon einem ernften ffiiffenS- 
brange befeelten ©utgaren fo reifen ju taffen, baß fie in bie fo freifinnige ©on- 
ftitution ißrer ©robinj ßineinwaeßfen. 

Dftrumelien ift ein retdßeS Sanb; es bietet alles, was ju einer gebeißtießen 
©ntwicfelung bon #anbel unb SBanbel, bon Slcferbau unb gnbuftrie notßwenbig ift. 

©fügen bie ©ewoßner ftets beS SBorteS eingebenf fein, baß baS Soll baS 
gtücflicßfte ift, baS Wenig politifirt, aber biel arbeitet! 


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3Dtf Jtfus-JDramnt btr ffleujrif. 

»on 

ftnMf oon ©ottfdjall. 

Die oberammergauer fßaffionSfpiete ^aben bie Erinnerung an bie mittelbeutfcbe 
fßoffionSbramatil ber Deutfcben unb bie Aatos sacramcntalcs ber ©panier wieber 
lebenbig warf) gerufen, unb es ift auch bie (frage aufgeworfen worben, ob baS 
fiebeit 3efu nid)t oon ber SBolfSbüljne ber oberbairifeben Alpen auf bie ffunftbälfne 
ber ©egenwart oerpflanjt werben tönne, ob ei berfetben nicht eine religiöfe Sßeibe 
ju geben unb bamit überhaupt ihr einen gehobenen, ibealen ©tanbpunft wieber» 
jugewinnen üertnöge? Die ffirc^e f>at ju allen feiten bie fßaffionSfpiele begünftigt, 
wir meinen natürlich bie fatbolifcbe Äircbe; benn bie proteftantifcbe b<»t oon Anfang 
an gegen ben SilbercultuS geeifert, unb was fmb bie fßaffionSfpiete anberS, als 
„(ebenbe Silber" auf bem ©olbgrunbe ber Eoangelien? Die SeibenSgefdjicbte 3efu 
ift fdjon früher bramatifcb bebanbelt worben: wir erinnern an bie erfte djrift* 
tid^e Dragöbie: „E^riftoS fßaScbon", beren Autor angcbtid^ ber Zeitige ©regor Oon 
Stajianj ift. DiefeS Drama ift im ©til beS griediifd^eu DrauerfpielS gehalten, ein 
oornehmeS S'unftbrama mit ausgiebiger St^etorif: EuripibeS war baS Sorbilb beS 
StutorS; es Ifat mit ber fpätern SolfSbramatif ber fßaffionSfpiete nur ben gläubigen 
©inn gemein, auS bem eS ljeroorgegangen ift. ©eit jener Seit, feit bem 4. 3ab r " 
bunbert n. Ef)r. bis jur ©egenwart jietjt ftd) bie S^riftuS Dramatif wie ein rotier 
gaben burdj bie ©efdjidjte beS D^eaterS, obfdjon faft nur auf ber SollSbüljne 
beimifcb unb Oon ben clafflfcben Autoren beS alten ©nglanbS, ber glorreichen fran» 
jöfifc^en £ubwigS=3eit unb beS beutfeben fßarnaffeS im 18. 3aljrf)unberi Oerfcljmäbt. 
Die Sefu^^i^tung ber filncftpoefie gipfelte in eine mepif^en SBerf, ber „fKeffiabe", 
wäljrenb es in ber großen gauft*Dicbtung ©oetbe’S wol nicht an einer djriftlicben 
©lorification fehlt, aber oon ben Uebertieferungen ber Eoangetien fonft nicht bie 
Siebe ift. 

3n neuerer Seit bat man fief) wieberunt an bie 3efuS=Dramatif gewagt: unb 
einige biefer Dichter fd^reefen auch oor bem ©ebanlen nicht jurücf, ihre Dichtungen 
auf bie Sühne ju bringen; baS fo in gtor fteljenbe oberammergauer fßaffionSfpiet, 
ju welkem fo üiele grembe htojuftrömten, baS eine ganje Siteratur ins Seben 
rief, mufjte ju folgern SBagnifj anregen. 3 n ber Db at batten fidb ber in AuSficbt 
genommenen Aufführung eines biefer Dramen bie weltlichen Sebörben nicht feinb» 
lieb gezeigt; eS lam auS anbern ©rünben nicht baju; aber nachträgliche fßrotefte 
hätten oorauSfichttich bem Serfucb nur eine furje SebenSbauer gewährt. 


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Die 3efus*X)ramen 6er Heujett. 


45 


Unfere profane Siißne ift an unb für fieß gereift tiidjt feßr geeignet für ein 
berartigeS ©Eperiment: bie ^offenreißereien unb grioolitäten fpielen gegenwärtig 
auf berfelben eine fo große SRoHe, baß fc^on bie ernfte tragifeße 2Jlufe fieß fcßeucn 
ntuß, bie oft entweißte ©tätte ju betreten, ©in 3efuS*Srama neben Dffenbacßiaben, 
auf berfelben Süßne, beten IßrofceniumSlampen bent ©ancan ber freeßen parifer 
Orgie leueßten, müßte gewiß als eine Slnomalie betrachtet werben. Unfer ganges 
Sßeaterwefen ift profan, in beS SBorteS oerwegenfter Sebeutung: gum profa- 
num Tulgus, welcßeS feßon #orag oon feinem $ßmnuS abfperrt, welcßeS man no<ß 
meßr oon 8efu8*Sramen abfperren müßte, geßören faft alle, bie mit bem Sßeater 
in näßerer Segießung fteßen, unb Oor allen Gingen baS eigentliche Xßeatcrpublifum. 

SEBie fotlte aber baS Sßeater beSinficirt werben, bamit bie ©cßauftellung eines 
SramaS, beffen «Stoff ber ßeiligen ©efeßießte angeßört, auf bemfelben möglich wäre? 
3Ran baeßte baran, ein foleßeS Srama in ber ©ßarwoeße gu geben, an ben Sagen, 
an benen fonft bie Sßeater gefcßloffen ftnb; einige Sorfcßläge gingen baßin, ben 
äußern ©lang ber Secorationen gu oermeiben, für biefe Stuffüßrungen gut ©in* 
facßßeit ber @ßaffpeare*S3üßne gurüefgufeßren: alles oorgüglicß beSßalb, um benfetben 
eine ÄuSnaßmeftetfung gu fießern, um feßon bureß baS Sleußerlicße anbere ©tim* 
mungen, anbere ©ebanfengänge ßertorgurufen. SieHeicßt läge aueß ber Ausweg 
naße, nießt in ben Sßeaterräutnen felbft eine folcße Süßne eingurießten, fonbern 
in irgenbeinem großen ©aale, ber ein gaßlreießeS Slubitorium faßt: aber bie meiften 
großen ©äle in ben ©täbten werben gu noeß profanern ©cßauftctlungen benußt, 
als fie bie Süßtie felbft bietet. $urg, es feßlt an einem ©oben, auf welcßem fieß 
ein berartigeS Srama frei entfalten lönnte, oßne fogleicß Oon bem Untraut über* 
wueßert gu werben, beffen feimfräftiger ©ame ßier überall mit oollen $änben 
auSgeftreut worben ift. 

SBaS aber bie moberne Q;efu8*Sramatit ton ben alten unb neuen ^JaffionS* 
fpielen unterfeßeibet, ber ÜDJangel an jener 9?aioetät beS ©laubenS, weleße allein 
bie Vorgänge auf ber ©iißne gu ßeiligen oermag: baS wirb ber Sluffüßrung ber* 
felben überall neue $inbemiffe * n ben SBeg legen. Sie DrtßoboEen werben 3lnftoß 
neßmen an einer rationaliftifcßen Wuffaffung ber bramatifeßen ©efeßießte, welcße 
fie in baS profane ©ebiet ßerabgießt, unb baß eine anbere bramatifiße ©eftaltung 
beS ©toffeS unmöglicß ift, baß niißt bie alten ©öangelienßarmonien, nicht bie 
„SReffiabe", fonbern Paulus, ©trauß unb 3icnan bei neuen 3efuS=Sramen Sßatßen 
fteßen müffen: baS liegt fdßon in bem SBefcn beS bramatifeßen SunftWerteS, Wäßrenb 
bie Solfsbüßne nießt über lebenbe Silber ßinauSgeßt, unb in ber Sßat nimmt 
aueß feinS ber nnS befannten 3efu8=Sramen einen anbern ©tanbpunft ein. Ser 
bramatifeße $elb muß, wenn er ttnS Slntßeil einflößen fotl, nießt über bas 3Raß 
menfeßließer ©röße ßinauSWaeßfen; nur feine freie ©elbftbeftimmung, nießt ein 
ßößerer Statßfeßluß muß fein ©cßicffal geftalten. Sie moberne neuteftamentließe 
Sramatit ift burcßauS rationaliftifcß; fie fennt nur ben SDlenfcßen, nießt ben ©ott* 
menfeßen SefuS; bamit bringt fie aber eine Auslegung beS ©rebo auf bie ©reter, 
Welcße bei ben SBäeßtem ber fircßliißen ©aßung Slnftoß erregen muß. 

©in beutfeßeS Srama Würbe bei feiner 9lnnäßerung an bie ©üßnen Wol äßn* 
ließe ©eßicffale ßaben wie baS italienifeße Srama „SefuS ©ßriftuS", Oon Selice 


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46 


ttnfere <3eit. 


©obean. Ueber biefe Sdjicffale berietet ber Siebter felbft*): „8eßotti=8on reifte 
bet ©räfectur in SWailanb ein Drama «Sefud ©hriftud» ein. Der $err ©räfect 
lad cd, genehmigte ed, ohne ein SEort baöon ju {treiben, unb fyracfj fid) fogar 
fehr freunblidj Uber mich aud. Stäubern 8elotti«8on bie ©rlaubnift erhalten hotte, 
bot er mir, ohne baf} ich ed oerlangte, Honorar an, wie ed bidjefct in ber @e» 
fdjichte bed italienifchen Iheaterd noch nicht oorgefommen toar, befteßte bie Slud* 
ftattung unb neue Softüme. Stuf eine Nachricht barüber in ben Bettungen erhob 
ein Oon ©eiftlichen gefchriebened Blatt ein lauted ®efd)rei; felbftoerftänbtich ohne 
meine Arbeit gelefen ju hoben, unb atd ob bie fogenannten SWhfterien bet Seibend* 
geeichte niematd auf bem Xheater aufgeführt toorben mären. Sch fahre nur 
ungern fort, allein ich miebethole ed, ich berichte nur Xhatfachen. Stuf bad ©efchtei 
jener ißfaffen hin moßte ber £>err ©räfect jeber Berantmortlichfeit aud bem SBege 
gehen, forberte bad bereitd genehmigte SJtanufcript mieber ein unb fehiefte ed nach 
9tom an ben ÜRinifter Sonja. Die Slufführung mürbe nicht erlaubt unb ich fühlte 
mich in meiner ©hre unb in meinem Sntereffe Oerlefct. fturje Seit «ach bem 
©erbot bed Dramad bemühten fich ber SancbSlmbrofiud Berein, ber ftatholifcije 
Sugenb* unb ber Sßiud»Berein ber latholifchen grauen in SRailanb 7000 Unter» 
fcfjriften unb 1972 Sire 16 ©ent. ju fammetn, bie in einem eleganten Sllbum, auf 
beffen Borberfeite bie SBorte ftanben: «Die S'atfiolifen oon Sßlailanb, megen ber 
burdh bad Drama oon ©ooean Sefud CEfiriftuö, bem ©rlöfer ber SBelt, angethanen 
Unbitben u. f. m.», unb anbere berartige Sludbrücfe, bem ^eiligen Bater ju güfjen 
gelegt mürben, ©iud IX. anttoortete bem ÜJtonfignore Baßi, ber ihm bie oieten 
Unterfchriften unb bad rnenige ©elb überreichte: «Der Sdjufc bed heiligen Slmbro« 
fiud habe mehr atd jebe anbere ©rbenmadjt öerhinbert, bah mein Drama in äRaitanb 
aufgeführt morben fei.» Stlfo hätte fich on<h ben SBorten bed ©apfted ber Ijeilige 
Slmbrofiud mit mir befchäftigt unb nicht bie beliebige ©rbenmadjt bed ©räfecten 
unb bed SDlinifterd. 2Bie unbanfbar!" 

Slnfängliche ©rlaubnifj, bann fpätered Berbot: bad mirb ungefähr ber ©ang 
bet ©efchide fein, metche bie 3efnd=Dramen im beften gafle bei ber Bühnencenfur 
erleben, ©ooean’d „Sefud CEEiciftuß" hat biefe üorbilblichen Schicfjale burchgemacht. 

©in anberer biefer Dichter, Sllbert Dul!, oerjidjtet für fein ©affiondfoiet 
„Sefud ber ©hrift" jtoar auf bie Bühne ber ©egenmart; aber er hofft, bah eine 
Bolfdbühne ed jur Slufführung bringen mirb, in melier er bie Bühne ber Sufunft 
fieht. @r fagt in ber Borrebe: „Dbmol biefer Dichtung burch bie Ungunft ber 
Berhältniffe bie Bühne (bie Bolfdbühne) fehlt, miß fie an fich leinedmegd ein 
literarifched Drama fein. Die bramatifche ©oefie, reelle barauf berjichtet, bar« 
fteßbar ju fein, gibt mit ber äftfjetifcfjen Boßenbung ihred Begriffd jugteich ben 
eigentümlichen höchften Borjug bed Dramad auf: mie bad Seben fetbft, tljatfäch 5 
lieh, ergreifenb ju $erj unb «Sinn ber SUenfchen ju treten. Dad Drama «SefuS 
ber ©hrift» ift in aßen Dljeilen aufführbar unb für bie Bolfdbühne beftimmt in 


*) Sgl. „Der ©alon für Literatur, ffunft unb ©efeßfdjaft" (Seiojig, ßlatjne), Qahrg. 
1875, §eft 1. 3» biefem unb im jtoeiten §eft bed 3ial)rgangd finbet fidj eine Ueberfejjung 
bed ©obean’fdjen Stücfed bon Suliud ©chanj. 


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Die 3 c fus 5 Drantet! 6er Heujett. 


4? 


bem Stafjmen unb tuefentlic^ in ber ©Seife, »nie nodj heute in einigen Orten $eutfch* 
lanbS bie fogenannten ^ßaffionöfpiete fie aufzeigen. ©ine folche ©eftinmtung ift 
leine ©pecialität. Stur bie ©olfäbüljne bereinigt in fich bie mögliche ©efrtebigung 
ber t)öd|ften etljifchen wie äfthetifdjen Änfprache be§ $rama6, unb Wir Werben fie 
auf ber $ölje unferer nationalen $unftentwicfetung haben, fo gewiß einft auf foldjer 
H»>h e bie ©rieten fie tjatten, unb fo geW ift auch in JJeutfctjlanb bie allmächtige 
Strebe in ihrer ©tätejeit fie entführte, obwol nur ju ihren 3t®eden unb barum 
ohne Äunftbottenbung." 

SDtan fief)t nicht recht, ob Albert $ulf meint, unfere Sunftbühne werbe fich 
jur Soltdbüljne geftaften, wie bied hoch in ©riechenlanb ber Satt war, ober bie 
lefctere neben ber erftern fich ju oorwiegenber ©eltung fterau^bilben. keinesfalls 
ift aber bie Soltebüljne, bie etwa nach bem SRufter ber ©affionSfpiele eingerichtete 
©olfsbühnc baS 3iel, Z u welchem bie kunftcntwidelung ber ©egenwart Ijinftrebt. 
©liefe graoitirt nach ber entgegengefefcten ©eite hi«: fie verlangt ©oncentration 
unb Äbbreoiatur gegenüber bem epifdjen Erguß ber fich inS ©reite entfaltenben 
©oltSmufe. ®arum werben ja bie ©tjalfpeare’fdjen §iftorien mit fo Wefentlicheu 
Ablösungen unb 3ufantmenaiehungen gegeben. 2)ie nertöfe Ungebulb beS Saljr* 
hunbertS, ber inftinettoe ßug ber 3eit geh* «uf eine ©ühnentedjnif, bie ja jefct 
fchon weit fnapper ift als jur Seit unferer ©laffifer. ®iefe Stiftung ift »or= 
hanben, fclbft wenn bie Aefthetit fie als oerwerf(id) bezeichnen Wollte. ©loch ihr 
llrtljeil Wirb teineSfatlS ju ©unften beS ©olfSbramaS auSfaüen. 3u ben SStpfterien 
unb SDtoralitäten unb ihren 9ia<hbilbungen fteljt ba$ äußerliche ©efchehen in erfter 
fiinie unb bie ©oltSmaffen Wirten nicht nur mit als dramatis personae; fie 
fteßen oft im URittelpuntte ber ^mublung. $aS moberne S)rama »erlangt aber 
bie SoSlöfung ber ^»auptchnraftcre »on bem SRaffentableau unb einen fcharfen auf 
ihre innere ©ntwidelung gelegten Accent; eS »erlangt ben Sufnntmcnfchluß ber 
bramatifchen ^anblung; baS ©affionSftütf unb bie $iftorie entfpredjen nicht ben 
fünftlerifchen Anforberungen, Welche eine ©lieberung beS bramatifchen Organismus 
unb ben Kreislauf beS SebenSbluteS in allen feinen ©heilen »erlangen; cS »erlangt 
nicht eine aufeinanberfolgcnbe, fonbern eine ineinanbergreifenbe |>anblung, ben 
fcharf fich fteigernben ©onftict, nicht bie allmählich »orüberjiehenbe ©roceffion. 
2)arum Würbe in äfthetifdjer Hinfidjt bie ©üdfehr jur mittelalterlichen ©aittetät ber 
©affionSftüde eine SReaction gegen ben gortfcfititt ber bramatifchen ffinnft bebeuten. 
©laß man neuerbingS baS S)rei=gächer=©hftem ber oberammergauer ©üfjne auch 
bei ben Aufführungen beS gauft=©ltamaS angebracht hat, ift nur ein bramaturgi» 
fcher ©chnörlel, ber wenig in ©etracht tomrnt unb auf bie ©ütjne ber ©egenwart 
weiter leinen Einfluß auSüben wirb. 

@o ftnb bie Hoffnungen auf eine ©larftellung ber 3efuS»©)ramen wot in jeber 
Hinficht fehr herabjuftimmen: prüfen Wir fie jefct nach ih tem bichterifchen SBertß. 
Äußer bem „3efuS ©hriftuS" »on gelice ©o»ean, bem „gefuS ber ©tjrift" »on 
Albert ©lult tomrnt befonberS noch ber „3nbaS 3f<h ar * ot ^" öon ©life ©chmibt*) 


*) Sn »ierter Auflage in ber SReclam’fdjen „UniDcrfal SSU'Iioüjel" abgebrudt, 91r. 1246. 


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ttnfere ^cit. 


£ 

unb bet ,, 3 efu« üon 9 la 5 aretß" üon ©raf Sießbinber für unfere bramaturgifcße 
parallele in Setracßt. Stofflich am reicßßaltigfien ift ba« Irama üon Stfbert 
lutf: man tönnte e« eine bramatifirte ©üangelienßarmonie nennen; er füßrt und 
bie größte Steife üon ©eenen auf ©runbtage ber biblifeßen Uebcrlieferung üor; 
er greift am toeiteften jurürf, wäßrenb bie anbern Iramatifer fieß im toefenttidßen 
auf ba« teßte ©tabium ber Saufbaßn üon 3efu$ befeßränfen, auf bie ©affion«* 
tragöbie unb bie fie begrünbenben ©lotioe. 

5 )ie erfte Srage bei alten 3efu3=5)ramen ift mol ber Gßarafter be« gelben. 
3 ft 3efu3 überßauöt, entfteibet oon feiner über ba« SRenfcßlicße übergreifenben 
göttlichen ©ebeutung, ein bramatifeßer $etb? Stur Gtife ©eßmibt hat oon biefen 
IramatiTem 3«ftt« fetbft nicht 3 um gelben gemalt: er erfeßeint nur at« eine Sicßt* 
geftalt im Gontraft mit bem Gßarafter be« 3uba« 3fdjoriotß, ber bei ißr Iräget 
unb SRittelpunft ber $anblung ift. $utf, ©oüean unb ©raf Steßbinber ßaben aber 
ben Grlöfer fetbft jum litelßetben unb jum toirftichen gelben ißrer ©tücfe gemacht. 

St« ber feinerjeit tonangenbe Dramaturg ©rofeffor Stötfdher in ben „ 3 nßr= 
luicßerit für bramatifeße Sunft unb Siteratur" ben „3ubaS 3fcharioth" mit einer 
gtänjenben Sritif in bie Siteratur einführte, fagte er: „Gßriftu« lonnte ber Statur 
ber @a<ße nadß nur in toenigeti großen $ügen ßingeftetlt toerben. ®er ©inn 
feiner Siebe mußte weiter reießen at« ba« SBort unb bie SBirfungen, toefeße er auf 
feine Umgebung an«itbte, feine ftifle ©etoalt über bie ©emütßer mußte feine ©röße 
am berebteften jeießnen. 3Ran toirb bem dichter ba« Beugniß nießt oerfagen, baß 
er bureß ben cinfachften, an bie nenteftnmentlicßc ©pradße anftingenben Ion bie 
©eftatt Gßrifti ßöcßft toiirbig unb cßarattcriftifdß ßingefteltt ßat. 3 ^ cr Suftoanb 
üon ©erebfamleit, jebc« Streben naeß letaitmaterei ßcitte ben ©inbnirf einfacher 
©röße beeinträeßtigt." 

@« ift toaßr, bie licßtcrin läßt 3 ^fu« nur fetten auftreten, nur in einer gc= 
toiffen magifdßen ©eteueßtung, Wie auf bem ©erge gegenüber 3»ba«; er betet, 
Sölagbatcne neben fidh, unb at« 3 uba« biefe be« ©itatu« Urne nennt, ba tßut er 
ben biblifeßen 9tu«fpru<ß: „98er rein Oon ©üuben ift, ber toerfe ben erften ©teilt 
auf fie"; fpäter fatbt fie ißm bie Süße, ©ei feinem erften Stuftreten ßört man 
nur feine fünfte Stimme hinter ber ©iißnc; gegen ben ©eßtuß ßin toirb ber ©e- 
freujigte fießtbar; hoch in stoei größem ©eenen gönnt fie 3cf»ö ba« 98ort 31 t 
langem Grgüffen, unb ba ßat man at«batb ba« ©efüßt, baß ber 3 cfu« ber ließtung 
unb ber bibtifeße fieß feine«toeg« beefen. @0 in ber großen ©eene mit 3 >*ba«. 
Die ©ßilibßifa gegen bie Sautßcit, bie er ßier ßätt, bie er aufrüttetn Witt burcf) 
ba« ©dfjtoert, bie ©erßerrlicßung be« SSeibe«, ba« befriebigter unb boflfontmener 
at« ber SRann unb beftimmt fei, „bie ©rtöfung über bie 9BeIt 3 U bringen": ba« 
finb alle« bureßau« moberne ©etracßtungöloeifen, toctdße bem SRcffia« ber Sibcl gä« 3 = 
ließ fern liegen. Unb Wenn 3cfuö in ber 3 tocitcn großen ©eene bor bem Statß 
ber ©dßriftgeteßrten eine ©teile au« bem latmnb interßretirt, fo riieft aueß bie« 
bie ©eftatt be« Grtöfer« in ein gan 3 frembartige« Sidßt. ®cr 34 1I§ in ,,3uba« 
Sfdßariotß" ßrebigt 3 toar Siebe unb SSaßrßeit; aber er fagt bodß aueß maueßertei, 
toa« mit ben Ucbertieferungen ber ©ibet nidßt in Ginftaug 3 U bringen ift, toa« 
an bie neuere potitifeße Sßrif ober an bie Seitartifet in Srauenseitungen erinnert. 


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Die 3«fus* Dramen 6 er Heujeit. 49 

SBeit entfernt bon bent im ©anjen färgticEjen 3Jtaß rbetorifdber SluSftattung, 
Welches ©tife ©cbmibt ihrem ©rtöfer juwenbete, bat 2llbert Sulf feinem gelben 
3efu§ ber ©b«ft*) aus eigenen SDtittetn eine Sülle poetifdber Sfnfpirationen ju* 
erteilt, beren iiberfliegenber Sicbterfd)Wung über bie biblifcben Sernfprüdje unb 
©ebanfenfreife binauSgreift. S9ei ©tife ©cbmibt erfc^eint 3efuS mit ber Staibetät 
bet biblifcben ©röße, ohne alle ffeptifd)e ©(offen unb rationatiftifcbe ©rflärungS* 
berfuebe; bei Sllbcrt Sulf machen bie (extern ficb in febr merflidber SBeife gettenb; 
aber feine berftanbeSmäßige Stüdbternbeit, fonbern ein 2JtbfticiSmnS beS ©emütbS 
tmb ber ißbantafie tritt an bie ©teile, Welche bie fritif^e gorträumnng ber bibli= 
f<ben SBunber übriggelaffen bat. ©ein 3efu3 ift burdbauS ein SJtenfdbenfobn, ein 
3ögling ber ©ffäer, beS Sofepb bon 9Irimatbia, ber ibn in bie Sünft ber SeibeS» 
beilung eingemeibt bat. 3>efu§ ift nach Sulf baS ffinb eines ©ffäerS; aber in 
einer p>bontaftifc^ beleuchteten ©cbtlberung einer gebeimnißboHen ©ütterfcene mirb 
baS SBunber als eine ©elbfttäufcbung ber überfcbwenglid) erregten, in bimmlifcben 
Sräumen fdbwelgenben äJiaria fjingeftellt. 91 u bie ©teile beS aufgelöften SBunberS 
tritt aber baS pbilofopbifcbe Stätbfet; benn ber Ijödjfte 9luffdb»ung ber Seele unb 
bie äußerfte Eingabe ber Siebe finb bocb noch burcb eine »eit größere Stuft ge= 
trennt, als uns ber Siebter glauben machen will. 9Iudb bie SBerfudbung erfebeint 
in einer biebterifdj großartigen ©eene als eine pbantaSmagorifdbe ©etbftbefpicgetung; 
bie SBerlodfungen ©atanS finb in baS innere $efu oertegt. SBäbrenb eine SReibe 
bon ©eenen »ieber ficb an bie biblifdje Srabition antebnt unb, »ie fdbon ermäbnt, 
eine bramatifirte ©bangelienbarmonie bilbet, wie: Sefu Sebramt, bie SBerbung ber 
jünger, bie Sempelreinigung, bie ©eene mit ber ©bebreeberin, ja auch bie eigene 
lieben (ßaffionSfcenen, fo bewegen wir uns bei bem SreujeStob felbft, bei ber 
©rablegung unb Stuferftebung öoKftänbig auf bem ©ebiete rationaliftifdber Seu* 
tungen. 3°febb 0011 SlrimntEjia, ber effäifebe SBunberarjt, gibt uns pbbfiologifcbe 
(Erörterungen über ben ^reu^eStob, ber banacb fein boUftänbiger ift; »eißgefleibete 
©ffäerjöglinge Walken ben ©tein bon ber ©ruft, eS finb bie ©ngel ber Sibel. 
Sie Himmelfahrt ift bei aller rofigen Verdatung burcb t:eicf»e Staturlprif, bei all 
bem Stufgebot ftimmungSbofler poetifeber 9lccorbe, nichts anbereS als baS Scheiben 
3efu bon feinen Sängern, ein ©dbeiben, baS SefuS felbft für uötbig hält, bamit 
biefe burcb feine äußere Hoffnung, fonbern burcb eit» innere Vertiefung ju ©ott 
geführt Werben, bamit fie ©otteS SBiHeit nicht mehr in ihm, fonbern in ficb felber 
fueben. Sie „Himmelfahrt“ erfebeint alfo als eine Sbat ber päbagogifcben SBeiS» 
beit 3efn, ber feinen Siingern gleicbfam ein 3eugniß ber Steife auSfteßt. 

Sn bem,, SefuS ©briftuS" öon Setice ©obean, einem Srama, beffen grorm fidb 
am beften als biejenige epigraminatifdfcr ©fijjirung bezeichnen läßt, bie nur hier 
unb bort burcb einen längern rebnerifdben Erguß unterbrochen Wirb, erfebeint ber 
Helb meiftenS mit bem S3i6elwort auSgerüftct, bocb i« fefjarfer rationaliftifdber 
33eleucbtung. 3« ©obean ift feine Stber bon SötpfticiSmuS wie in 9llbert Sulf; 
ba gibt eS teine SRbftcrien, auch teine poetifiben unb pfpcbologifdben. 91IS ein 


*) „3efu£* ber ©l)rift. ©in Stiicf für bie SBotfSbüfme in neun Handlungen mit einem 
SRadjfpiet oon 9f. 95. 3)11(1“ (Stuttgart, ©bner, 1865). 

Untere fleit. 1881. II. 4 


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50 


Unfere ,geit. 


üJleifter ber Slugeußeiffunft läßt fidj ftefuS oon feinem jünger bie 9?abel geben, 
um ben ©linben p operiren: mau glaubt fid) in einer ftlinif p befinben; als 
©erfudjer tritt nidßt ber Teufel an ißn ßeran, fonbern ber ©riefter $amta, ber 
ißu fiir ben Wienft beS ©rieftertßumS unb feiner fjerrfdjenben ÜDtadjt anwerben 
miß; nädjftbem aucfj 9Raria SDtagbatena, eine ©eene, in Weldjer bie intenfioe 
Seibenfdjaft beS SDZäbcfjenS einen teuften ÄuSbrudl finbet. 

Tiefe Widjtung ift baS SBerf eines Äatfjolifen, unb ber ©eift, ber fic befeett, 
ift ber Sämpf gegen baS nadj SBeltmadjt ftrebenbe ©rieftertfjum. 3ßm gegenüber 
erflärt ber ©ropßet, baß fein SReidj nidjt Oon biefer 2Belt fei: baß biefe nur SWiS- 
gunft, ©roß unb 3>»ietrac^t auSfäe, um über bie Uneinigen p ßerrfdjen. „SBaS 
liegt ©ott an euerm Tempel? ©ebarf er, ber fjerr beS Rimmels unb ber ©rbe, 
oießeidjt ber Sampen unb ber Sfltäre? Sprint er nidjt mit bem SKunbe oon 
3efaiaS: waS foß mir bie äUenge euerer Opfer? 3<ß bin fatt ber ©ranbopfer 
oon SBibbern. ©uer SBeiljraud) ift mir ein ©reuel, benn euere £änbe finb ooß 
©luteS. ©item Tempel jerftöre idj, um einen neuen p bauen, ber Weber aus 
SDtarmor nodj auS ©rj fein foß, aber ewig bauern wirb, benn er wirb in bie 
$er$en ber SÜölfer gebaut." Unb an einer anbern ©teße erfdjeint baS ©atfjoS, 
baS fief) gegen baS jübifdje ©rieftertfjum wenbet, bem Wicfjter noch nidjt beneid)» 
nenb, nic^t beutlidj genug; er oerftattet QefuS einen ©lief in bie 3*tfunft unb 
madjt ißn fetbft p einem Tenbenprebiger, ber fein TünftigeS eigenes ©rieftertljum 
ücrurtfjeilt: „SBie cS fjeute falfdje ©riefter beS ©efefceS gibt, fo Wirb es audj 
falfcfjc ©rieftet geben, bie fid) nach ©IjriftuS nennen. Unb bieS wirb fo lange 
bauern, als pnfdjen ©ott unb ben SDtenfdfjen Tein anberer ÜJlenfdj fteßt. SBenn 
ber Dftenfdj ©ott oon Slngefidjt p Slngefidjt gegenübertritt, wirb er fein ©ewiffen 
prüfen unb fürsten, feine ©erjeüjung p erhalten, unb tfjun, als ob er fein eigener 
©riefter Wäre unb ©ott burdj feine SBerfe im ©eift unb in ber SSaljrljeit anbete." 
SBir finben biefe ©teße, bie propfjetifdj fein foß, im ©runbe anadfjroniftifdß; benn 
wie fommt biefer 3 e f u§ bap, oon feinen ©rieftern p fprcdfjen? SEBaS in feiner 
ganjen Sefjre gibt iljm einen Slnfjaft bap? fpier wirb er nur baS Organ für 
ben Widfjtcr felbft, baS ©pradjrofjr für feine Tenbenj, beren ©tifette fjier in uw 
fünftlerifdjer SBeife angeßeftet ift. 

©ad(j ber Slnfdjauung ©ooean'S ift SefuS ein ©riefterfinb. „SDtaria, beine 
äJiutter", fagt §anna, „war als SJtäbdjen eine ber Wienerinnen beS Tempels. 
SEBir fjaben biefetbe an Sofeplj Oer^eiratljet. 2Bir finb ifjr im Traum erfdfjienen 
unb Ijaben ifjr gefügt, baß fie ben ©oljn beS ^eiligen ©eifteS gebären unb bafj 
er grofj werben unb ber ©oljn beS fpödjften Reißen unb baß ©ott ber fperr ißm 
ben Tfjron Waüib’S, feines ©aterS, geben Würbe." WieS afleS ift TeineSwegS 
mtjftifdj, aber bodfj unflar unb etwas toeit ^erge^olt. SJtit bem Wraum Tann bo^ 
nur ber SBad^traum ber Somnambulen gemeint fein; benn bie ffnnft ift nod^ nidf)t 
erfunben worben, um üößig ©djlafenben im Wraum jn erfd^einen. SEBir hätten 
eS alfo f)ier mit einer fünftfidfj erjeugten ©liantaSmagorie p tfjun, im ©egenfafe 
pnt felbftäubigcn unb unbeeinflußten Traumleben ber Wulf’fcfjcn SKaria. SEBarum 
aber, muß man fieß fragen, ßaben bie ©rieftet gerabe biefer Tempelbienerin foldfje 
Offenbarungen gcmadßt, warum gerabe bei ifjr es für nötßig gefunben, ben ganzen 


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Die 3 { fus* Dramen 6er Heujeit. 


51 


Apparat iljrer geheimnifjbotlen SDZafchinerie fpiefen ju taffen ? Unb warum, wenn 
baS gefdjeljen, haben fie fiefj um ben bon ihnen berheifjenen .fieilanb gahr^ehnte 
hinburch fo Wenig gefömmert? Sein ißriefterthum ber Seit würbe bie SJlobijen, 
bie eS feinem $ienft geweift Tjat, befonbcrS mit einem folgen Slufwanb bott 
©aufelfpiel, fo frei nm^erjic^en unb bie eigenen Sege Wanbern taffen, bis biefe 
bie irrigen freujen. ©in fotd^er für ben Sfjrou $abib’S beftimmter ©rbe wäre 
oon §auS au§ ber ftreugften Srcffur berfaßen gewefen. SDlau fietjt, auch hi« fjat 
ber dichter ben ©ogen ber Xenbenj ju ftraff gefpannt. 

9tuch ber Sampf jWif^en Staat unb Sirdje ift mit etwas aufbringtidjer 9tb= 
fidjtlichfeit in bieS gefuS=$rama tjereingejogen. ipier fielet mau ben fatljolifdjen 
gteibenfer, ben ©olitifer ber UZeujeit, ber biefen ©onflict mehrfach betont, gür 
bie eöangetifd^e IReftaurationSpolitil War ftetS bie $ebife: „Sfiron unb 9lttar, bie 
©emeinfamleit oon Staat unb S’ircfie", bie Sofung; ber ©cgenfajj jwifchen Staat 
unb Ätrcljc gehört bem SatholiciSmuS an. gelicc ©obean fprid^t barüber als ein 
Italiener, Wetter bem 3 e itattcr bcS mit bem ©annfluch behafteten ©önigS ©ictor 
©rnanuel angehört. „gljr feib bie geinbe ber Strebe", fagt hi« gefuS ju ben 
ißrieftern, „unb oder berer, Welche in 9tmt uub Sürben finb, Währeitb ihr für fie 
beten fotttet, Wenn ihr fromm unb ehrbar wäret. Dtternbrut, bie ihr ben SDZäct)' 
tigen wie ben Schwachen befehteit unb tiiemanb gehorchen Wollt." 9lnt Schluß 
aber, atS baS ©rbbeben ©olgatha erfchüttert, als bie jünger in ber üerfatlenen 
#ütte ber ©rjäljtung SWagbalettenS getaufefjt über ben SreujeStob gefu: ba ftcHt 
ber dichter noch einmal baS ißetrinifdje ©hriftenthum, bie nach SSeltherrfchaft 
ftrebenbe Sir che, bem gofyanueifchcn gegenüber. „2JZacheu Wir ißrofelpteu", fagt 
©etruS, „baß toir }H Segionen anWachfeit unb mächtig werben, unb fein lob wirb 
gerächt fein unb Wir werben in feinem Flamen bie ©rbe beherrfdhen." 2)Zagba= 
lena, welcher ber dichter bie ©hre erweift, ihr ben bebeutfamen ©pitoguS feines 
2>ramaS in ben SJlunb ju legen, entgegnet: „D ißetruS, wenn ihr jefet, wo er 
Jaum tobt ift, fdioit feine Sorte fälfcf»t, toaS werbet ihr nicht fpäter tl)un? ©r= 
hebe bich, jugenblicher gotjanneS, erhebe bidj, bu fein SieblingSjünger, unb fdfjreibe 
nieber, Was bu bon ihm gehört ljaft unb was meine 9lugeit mit angefehen haben. 
Ürenne baS ©ebädjtnifj beS SDZcffiaS Oon ben ©ewaltthätigen unb bon ben 2Jlän= 
nern beS BornS. Schreibe im 5lamen bcS $D?effiaS: ©ott ift baS Sicht unb in 
ihm ift leinerlei ginfternijj. Ser nidht lebt, ift nicht jur ©rfenntnifc ©otteS ge= 
fommen, benn ©ott ift bie Siebe. Schreibe über fie unb fage eS beut lieh; fie 
finb auS unferer SÖlitte herborgegangen. Slber nein, nein unb aber nein, fie ge* 
hören nicht ju ben Unfern; fie finb nicht bie Söhne beS göttlichen gefuS." 

©ei bem ©obean’fchen gefuS überwiegt ber ißroteft gegen bie SluSwüdjfe beS 
ißriefterthnmS, gegen bie hi« in jübifdjeS ©ewanb maSfirte päpftliche 2fjeofratie 
baS ißofitioe feiner Moral, unb auch bie $arftcHuug feiner Schicffate tritt bagegen 
in ben fpintergrunb. 2)ie große ©affionStragöbie fpielt hinter ben ©ouliffen: 
©ilatuS hält eine 3tbiefprad)e mit ihm, bon ber wir nichts SZähcreS erfahren; 
nur angelünbigt wirb bie 9(ubienj, bie ber römifdje Statthalter bem „Sönig ber 
gaben" gewährt: wir feljen nur ben gegeifelteit gefuS jwifdhen jWei Sachen 
ftumm über bie ©ühnc fchreiten. $aS ift bie ganje feenifeh bargefteßte ©affion. 

4* 


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52 


Unfere ^eit. 

Sa« Würben bie Dberammergauer ju biefer homöopathifcßen Dofi« bramatifdjer 
unb tßeatrafifdjer ©ißauftellungen bet großen ©hriftu«=Dragöbie fogen? 

©raf SReßbinber bagegen hat in ben ©cßfußacten feine« Drama« „SefuS 
üon SRajareth" *) mcßt nur bie große JßoffSfcene bon bent Statthafter fßifatu« mit 
aufgenommen; er fiat auch nicf)t baoor gefreut, bie Dobeöfccne theatralifcß ju 
berWertßen. Unb jwar in eigentümlich biScreter Seife. Die ©eene fpielt am 
jjnße bet SRic^tftätte bon ©ofgatßa. Da« Äreuj, ba« recht« außerhalb bet ©eene 
angenommen narb, ift nicht fießtbar; hoch ba« berfammefte SS off oernimmt bie 
Stimme be« ©cfreujigten, bie oon ben ©bangefien überlieferten Sorte be« fter* 
benben Sefu«. 

3m übrigen tritt biefer in bem Drama be« ©rafen SReßbinber toefentlich af« 
fßrebiger auf, toenn aut bic ©ergprebigt bielfad) oariirt unb umgebichtet ift. 
©ine große ©eene führt ißn un« bor, wie er bie Sechster au« bem Dempef jagt. 
3n biefer Siebe erinnert ber £>cfb fReßbinber’S an benjeitigen ©obean’S: e« ift 
berfefbe fßroteft gegen ba« fßrieftertßum toic bei biefem: 

Seß euch, iß* fpriefter»Heucßler, bie bott Herrfcßgier 
Da« Himmelreich ben ftRenfcßen ihr erfcßließt; 

3hr tretet nie hinein ... unb bie ba ftreben. 

Drängt ihr aurüd oom Dhor burch eure Sehren. 

Seß euch, ihr Sßriefter, bie ber Sitwe ®ut. 

Der Saifen Hobe mit (Debet ihr raubt, 

Unb benen nicht ber Strmutß bange« Stehen, 

9?idjt ber Serjweiftung Schrei ba« Hera bewegt; 

Da« Her} Oon Stein, ba« menfdjtich nie gefchtagen. 

Sie übertünchte ©räber fteht ihr ba, 

SSon außen gfänaeitb, innen boch bott 2Rober; 

Dann wahrlich fag’ icf) euch, iß* feib Oerworfen! 

©in neue« Sicht fteigt ntilb am Himmel auf — 

Qur Setigfeit bebarf man eurer nicht — 

Senn ftch be« Solle« Stuge enblidj öffnet 
Dem Strahl ber Sonne, bie ihr nie gefannt. 

Die Sonne heißet Siebe, heißet greißeit, 

Freiheit bon ©eifteSjwang unb ©cifteSmacht, 

3ßr lennt fie nießt — unb icß bermerfe eud)! 

Darüber, ob fieß bie ©eftalt be« ©rföfer« überhaupt baju eignet, eine bra= 
matifehe §anbfung ju tragen, barf man mof berechtigte ßweifef hegen. Der ©ott= 
menfeh gehört bem @po« an unb $War bent ®po«, ba« oft bie gornt be« $ßmuu« 
unb be« Oratorium« annimmt: Ifopftocf’S „SReffiaS" ift bie SDJufterbicßtung, welche 
ben ©ottmenfehen feiert; benn bie naiben ©oangefienharntonien unb ooff«thümfichen 
fßaffionSftücfe, bie auch au f berfefben ©runbfage ftehen, hoben feilten bießterifeßen 
Sertß. 

Doch bie Slufffärung, mefeße ben ©ottmenfeßen in ben göttlichen SRenfcßen 
aufföft, tritt feineStocg« au« bem ©ereieß be« Sunber« heraus. Daß ein einziger 


*) „SefuS oon STCajaretß. Drauerfpiet in fünf Steten bon SRicotai ©raf SReßBinber" 
(SieSBaben, H- ©Bbecfe, 1875). 


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Die 3efus» Dramen 6er Heujeit. 


53 


SOtenfch aße SBofllommenheit in fid^ oereinige, ift eine Slunahme, bie nicht minber 
ber gerichtlichen Ueberlieferung aßer Seiten toiberfpricht; eS ift biess ebenfo ein 
„einmal ©cfdjelieneS", toie eS baS SBanbeln ©otteS auf ©rben in 2Renf<hengeftatt 
toäre. ißf)ilofopljen ber |»egel'fc^en Schule, mie Sari Stofenlranj, haben an ber 
©eftalt ©Ijrifti als bein gbeal abfoluter SBoßfommenheit feftgeljalten; Saüib Straufj 
proteftirte bagegen, inbem er behauptete, eS fei nicht bie 2trt ber Sbee, in ein 
einzelnes Snbiüibuum ihre ganje güße auSjufdhütten. 2BaS aber auch bie fßhilo* 
fophen hierüber beulen mögen: für ben bramatifdjen Siebter ift ein fpelb, ber baS 
gbeat aßer menfchlicheit Sofltommenheit ift, nicht junt Sräger eines ©chaufpielS 
geeignet; er tarnt nur mie eine Sichtgeftalt im Schein ber Slpotheofe Ooräbergleiten, 
nur feinen glorienhaften Schimmer über bie 9tacJjt be§ SlbgrunbeS breiten, ber fich 
ihm gegenüber öffnet mit aßen Siefen bämonifcf)er Seibenfdjaft; aber meitn mir 
ihm menfchlich nähet treten, feine Seftrebungen oerfolgen burch eine Steilje üon 
©eenen unb mechfelnben kaltblütigen, fo mirb uns ber fcf;attenlofe ©lattj halb 
befremben unb jute|t ermüben; eS fehlt jebe ©nttoidclung, jebe Steigerung. Unb 
in ber Shat betoegt fich bie kauptgeftalt ber 3efuS»Sramett in lichter SSerfläruttg; 
nur bie JBerfuchungSfcenen bieten bem Sichter einen Stnljalt, bämonifche Sclcudh» 
tungSeffecte ber kattblung aufjufefjen; hoch eine oitbere als fehr biScrete Sar» 
fteßungSmeife läßt bie Ueberlieferung nicht ju; nicht bloS bie heilige ©eftalt beS 
©rtöferS miirbe baburch entfteflt merben, auch biejenige, bie als muftergiiltige im 
profanen ©tauben ber SDtenfchen lebt. Slm tühnften geht noch Sllbert Süll ju 
SSJerle in ben SSerfudhungSfcencn: bieS SSagnifj ift inbefj bei ihm geringer megeit 
beS phautaömagorifchen ©eloanbeS, in tuelcfies er baffelbe lleibet; eS finb nur 
Slbgrünbe beS ©ebanlettS, bie fich plö^lid) aufthun, über melche ittbefj ber nädfjfte 
Slugenblid fd^ott mieber bie 8 rüde baut. Sluch ©ooean magt nur eine Slnbcutung, 
bah ©h r if tu5 c i ne Steigung für SDtagbalenen ju befämpfen hot- Socf) mir miffen, 
bah ber ©rtöfer ber SBerfudjung gemachfen ift; gefuS, ber ihr unterläge, hörte 
auf, 3efu$ ju fein: barum lönnen unS aße biefe ©eenen leine Spannung ein» 
flöhen. SaS ift gleichfam nichts als bramatifdjer ©dhaum, mie er bie SBoge 
Irönt, bie am Reifen emporfpri|t. 

®och foßte SefuS nicht im gleichen Sinne ein tragifdjer kelb fein mie ©o» 
IrateS? 93eibe haben baS gemeinfam, bah leine entfeheibenbe ®h at baS eingrei» 
fenbe ©cfjidfat über fie h^aufbefchmor, fonbern nur ihr ftißeS SBirlen als Sehrer 
ber SDtenfdjheit; eS mar bei ihnen nur ber bibaltifche SBorberfajj, ber jum tra= 
gifdjen ©dhluh führte. 3m ©inne gefchidhtsphitofophifcher Sluffaffung erfdheint 
auch «in ©onflict oon gleichberechtigten Söeltanfdhauungen tragifch, mie eine ßoßi* 
fion oon gleichberechtigten fittlichen Pflichten. ©olrateS gilt baher als $elb ber 
Sragöbie: baS alte Slthen, gegen baS *r burch feine Sehren anfämpfte, hatte baS 
gute Stecht für fich, nicht minber aber mar bie Steuerung, melche ©olrateS lehrte, 
berechtigt, toeil ber fortfehreitenbe Seift ber ©efchichte fie ihm eingegeben haß«. 

SJtit Stührung erfiiflt uns baS iDtärtprerthum ber SDtäntter, melche unter baS 
jermalmenbe Stab foldjer Eoüifionen oon ber SSoge ber ©efchichte geriffen merben; 
aber biefer Störung fehlt nicht ein 803 ber SBerföhnung, nicht ber erhabene 2luf* 
fchmung, mie ihn bie ißerfpectiben beS hiftorifchen gortfchrittS mit fich bringen. 


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54 


ttnfcre ,3cit. 

Doch fein« ber ©hriftuS = Dramatifer hot ber jübifahen Xljeofratie, gegen tuclcl^c 
fiel) bie Sefjre 3 efu auf lehnt, irgenbeinen 3 t *8 bon ©rhabenheit ober auch nur 
irgenbeinen ©<f>ein oon Berechtigung gegeben, ©obean nimmt einen flüchtigen 
Slnlauf baju, wo er beS $antta $errf<hfu<ht fchitbert. Dod) im ganzen toirb baS 
fübifche ißriefterthum oon allen biefen Dramatifern burdjauS würbeloS, als ein 
fahmadjboßer 9luSmud)S religiöfen SebenS gefcfjifbert, als eine Otternbrut, welche 
alles Sble mit ihrem (Gift Oerfolgt. gefuS fällt als ein Opfer oon nichtsmürbigen 
$eucf)lern unb hodjmüthigen 3 «toten; bie (Gegenpartei, mit ber er fämpft, ift ohne 
©röjje unb Roheit; fie oertritt fein Ißrincip, baS mit einem gewiffen Dachhoß in 
bie SEBagfchale bet (Gefehlte fällt, ©o fann auch oon feiner ©oßifion gleichberech¬ 
tigter äRädjte bei bem ^efuö - Stoff bie Siebe fein: baS oerbietet auch fah° n bie 
übergreifenbe Bebeutung beS ©rlöferS. 

®anj anberS üerhält eS fich mit 3ubaS 3f<horioth, beit ©life ©chntibt jum 
gelben ihres Dramas gemacht hot unb ber auch in ollen aubern eint herbor* 
ragenbe Stolle fpielt. freilich, ber rothhoarige Berräther ber alten SlbenbntahfS* 
bilber, ber für breifjig ©ilberlinge ©IjriftuS an bie Bharifäcr oerfchachert, bebnrftc 
einer grünblichen poetifdjen Vertiefung, wenn er als ber bämonifche .'pelb ber 
3efuö=Dramen erfaheincu faßte. Die (GeftaltungSfraft ber Dichter oerfuchte nach 
oerfchiebenen Dichtungen hi« fich on biefem ©harafter, unb baS SKotio feines Bcr= 
rathS fahiflert halb in biefer, halb in jener garbc. Den mittelalterlichen ©rjfahetm 
gubaS aber, wie er noch btn BoffioitStragöbien fpuft, h fl t natürlich fein mo= 
berncr dichter iu feiner naioeti £>abfud)t unb (Gemeinheit ber (Gefimtung in fein 
Drama aufgenommen. 

Der SubaS Sfafjarioth ber ©life ©djmibt ift ein ^ßeffimift de pur sang, bem 
ber jum SebeitSblut geworben ift. Sie führt ihren gelben genial 

genug ein: er ift glcichfain bie gcljlgeburt beS ÜÖtcffiaS. ©r fühlte in fiel) geloaD 
tige Sfraft, fein Bolf p erretten, als ein Ueberbleibfcl aus £>cuoch’S 9fiefengcfcfjlec^t; 
er wollte Sfraet freimachen unb Oerbanb fidh 311 biefem Bwedc mit ben wilben 
(Genoffen oon BarnabaS; bann burchwanbcrtc er gfract, um beS BolfeS $cr 3 eu 
3 U prüfen: nidfptS blieb ihm oon biefer Sßanberung, als Bcrachtung ber 3uben 
unb ©fei; er begrub fein groffaS (Gefühl unb fagte 31 t fich falber: „DaS Bolf ift 
nicht baS auSerWählte, es ift uttWürbig ciueS DröfterS unb gan 3 unheilbar, Ocr= 
ältlich wie afleS übrige auf ber SBclt. ©S faß fein SOieffiaS fommen, Weber bu 
noch «io anberer!" DaS ift ber Schlüffel 3 unt ©harnfter beS IgubaS unb 3 um 
SBefen ber Dichtung. Der aubere SJieffiaS crfchcint uitb er hoffa ihn; hofit ihn 
um fo mehr, als baS ©Oangelium ber Siebe feinem innerften SScfeu wiberfpricht, 
unb als er fich ber geiftigen 3Jiaci)t, welche ber Bcrtrcter beS ihm feinblicheu 
fßrincipS auSübt, nicht 3 U ent 3 iehen Oermag; fein £>af? wächft mit ber unfreiwißigen 
Slnerfennung, bie er ber (Gröfje beS ©rlöferS joßett muff. @r Wiß bie .jxiligfeit 
beffelben, bie Eingebung an bie 3bce 3 erftöreu, baS SKeffiaSthum mit ber 3 öur 3 el 
auSrotten, inbem er burtf} bie SRacht ber heimlichen Siebe $efuS in fitfje geffeltt 
fchlagcn Wiß; er Wiß ihn in SOtagbalencnS Banbe bcrftricfcit, über bie er aflerbingS 
in bem ©tücf berfügt wie über ein wißenloS Ding; barauf empört er baS Bolf 


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Die 3°fus- Dramen öer Hoheit. 


55 


gegen ben 9?ajarciter: alles »ergebend. $er innere 3wiefbaÜ treibt ißn ju einem 
Selbftmorbberfucß, öon bem ißn bie ©rfeßeinung Gßrifti wie mit einem mäeßtigen 
3auber jurüdßält: jeßt erftrebt er ben Untergang gefuö bureß Verratß. fRötfcßer 
fagt: „Ser ©ebante, aus ber Vernichtung beö größten unb berßaßteften SJtenfcßen 
Sefriebigung ju [cßöpfen, mar ein SBaßn beö gubaS, ber fieß an bem Urheber ber 
öoQbracßten Sßat furchtbar rächt. Surdj ben Sob ©h^ifti empfing gubaS bie fo= 
gufagen finnlicße ©eftätigung jener uueitblichen Selbftoerleugnung unb aufopfernben 
Siebe, gegen melcße fein ganjeö SBefen anfämpfte. ©s fcheint bnreh bie 2ßat baS 
Ungtanbfichfte, baS Ungeheuerfte befiegelt: bamit finb bie Kräfte feines $affeS er= 
fchöpft unb eS brechen bie finftem jerftörenben ©etoalten nur noch gegen ißn felbft 
herbor. gubaö ftirbt bon eigener $anb, ba ber Dpfertob Gßrifti jebe Sebeitsfraft 
in ihm aufgeaeßrt unb ißn in bie Gebe jeine« ©ctoußtfeinS ^inauSgeftojsen hat.“ 

gn ber Xfyat hatte baS Seben beS gubal mit biefem Sobe feinen SBertß unb 
gnßalt bertoren; e$ erhielt ißn nur bureß ben Sampf gegen ben großen geinb; 
er tonnte mie SRofen’S „äßaöoer" in ©e§ug auf gefuö fagen: 

®ir gegenüber ßa&’ icß mich gefteüt 
SBie ein ©ebante gegen ben ©ebanfen. 

Siefe Sebeutung feines SelbftmorbeS mirb aber roefentlicß abgefeßmäeßt bureß 
ben OorauSgcßeubeu ©etbftntorbeerfucß, ber un« als ein bramatifeßer geßler er 
feßeint, inbem babureß bie Steigerung aufgehoben mirb. 

2)er Veffimiömuö beS gubaS gfeßarioth, fein gammer nicht bloS über feines 
©olfeS Grbärmlicßfeit, fonbern aueß über baS SBeltelenb, bemegt fieß gattj im 
Stil ber genialen ftraftbramatif; c$ finb granbiofe gelsblöde beS ©ebantenö, bie 
ßin= unb ßergemäljt merben; eS ift ein oertuegeneS ©aflfpiel mit .ppperbetn, bie 
fieß nur jum Sßeil bor bem Ricßterftußle beS guten ©efcßmadS tegitimiren tönnen. 
Ginigeö mie ber SRonolog beö guba» in ber Sturnmacßt jmifeßen ben ©ergeu 
®bel unb ©arijim ober ber anbere im Ißal ©cu=|>innom ßat troßbem bennoeß 
eine gemiffe (griffe Stimmung, einen ßoeßtragenben Dbenfcßmung. gm ganjeu 
feßft biefem gubaö mäßrenb feines Sebettö nießt bie battteSfe ©eleucßtung, bie es 
gtaubmürbig maeßt, baß ißnt ber Sicßter beS „Inferno" bie Gßre jutßeil merben 
läßt, in ber äußerften Spiße beS |)öl(entricßterS bon Sucifer felbft beqeßrt ju 
merben, ber fauenb in feinen brei SDläulcrn ben btutrotß übergoffenen ©errätßer ßält. 

Ser gcifteSüermanbte, fraftgeniale Sramatifer Sllbert Sulf gibt feinem gubaS 
eine anbere gärbung: bei ißin ift ber ©errätßer beS peilanbS ein ebter Patriot, 
ein politifcßer Äopf, ber aus bem ÜReffiaStßum gcfuS eine SBaßrßcit ju ntaeßen 
fueßt. ®r nimmt gcfuS gefangen, um ißn an ber Spiße feiner 3eloteu mieber 
ju befreien nnb bamit baS Signal jmn allgenicineu Stufftanb ju geben. Sic 
©efreiung gfraelS feßeitert aber an einem unglüdlicßen 3ufatl, au einem, mir 
möchten fagen, ftrategifeßen SRiSüerftänbniß; bie £>äfcßer fiißrcu gefum einen aitberu 
SBeg, als gubaS ermattet ßatte; er liegt bergebfieß mit ben Sefreiern auf ber 
Sauer. SaS SJlotib erfeßeint ju geringfügig, um ein großes Unternehmen gu galt 
ju bringen, dagegen ßaben bie Sterbcfcenen bcS gnbaS im 2ßal tpinuom etmaS 
unleugbar ©roßartigeS; in ber fcßauerlicßen feenifeßen ©eleucßtung ntacßeu bie 
uußeimticßeu ©ebantengänge einen um fo ergreifenbertt Ginbrud. SBic ber gubas 


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56 


Unfere <geit. 


ber ©life ©cfjmibt fte^t and) ber bon Stttbert $ulf unter bern Sann non 3*fu mac^t* 

boller ^erfönlicbfeit. „£abe icb il)m nid)t angebangen", ruft er au$, „ber noch 

nidjt mar mie mein Sruber? $abe id) mich nid)t umgemanbt bon meinem SBege 
unb bin il)m gefolgt? $abe id) nic^t mein £erg beratet unb mein £>erg ber* 

ftoßen unb bin ifym gefolgt? ©iebe, ma$ ^abe id) alles erlernt bei il)m unb über- 
munben. Stod) mehr Semutl)? ©oUt’ icb gar nichts motten? SRagbalena für 

3frael — unb aud) Sfrael nicht?“ Stuc^ biefeS ÜDiotib ift SHbert $ulf gcmeiitfam 
mit ©life ©cbmibt. I)er SubaS $utfS burcbftößt juerft mit bem ©djroert feine 
©lieber; bann erbtidt er baS ®reug in ben SBolfen: „5luf bem ftreug fomrnt er 
baber, in ben ©türmen mit Sidjt. SBie fomm' ich 51 t bir? $inan, ^inan an bicfy! 
SBic fomm' ich Ijinan!" 2)ann errängt er fic^ an einem Saum, ben ber ©türm 
umreißt. 

©änjftd) unbebeutenb ift ber SubaS in bem ©obeatt’fcben 3)ranta. 2)ie SJSriefter 
ergäben bon itjm, baß er unruhig, neibifd), geizig ift, auch ift bie Siebe bon feinem 
mibermärtigcn 2(uSfeben. ©briftuS fagt ihm furg bor bem entfdjeibenben Serratb: 
„2BaS bu tfjuft, baS tt)ue balb." ®ie auSgefcbriebene SioUc be$ 3ubaS mürbe 
nicht eine ^al 6 e ©eite füllen. 

Sebeutenber ift ber SubaS in bem Sraucrfpiel beS ©rafen Sie^binber. |>ier 
erfcbeint er gleich am Anfang im gmiegefpräd) mit SarnabaS, ber ein SolfSmann 
ift unb feinen Stönig mitt; auch er benft anfangs baran, mit £ülfe 3 efu bie Sie-- 
bolution ^erborgumfen, menbet ficb aber bon biefem ab, als er in iljm nur einen 
Sipofiel beS gmbenS erfennen fann. SarnabaS bilbet gfeidjfam bie äußerfte fiinfe, 
SubaS ift gemäßigter; aber er träumt bon ber tyxatyt unb |>errlicbfeit eines irbifdjen 
SfönigtbumS, meld)e ber -DteffiaS ^erauffü^ren foll. ©r befenut ficb als begeifterten 
jünger 3 efu: 

SIIS id) ifjn fab, 

5TIS mich fein fjttteä lidjteS 3Tuge traf, 

SltS feines SttunbeS mädjt'geS SBort ich §örte, 

$a mußt' id): biefer ift'S, ben bu ernmrtet. 

2)er ©ott ber Später bat bie ©nabe mir 
©ernährt, baS Stieberfteigen beS SJieffiaS 
$u febn unb feines Reiches §errlicbfeit! 

$)a toarf icb bi n / ^aS id) befaß unb liebte, 

5>a toarf id) üon mir Sruber, ©ebtreftern, greunbe, 

Unb folgte ibm unb gab mich ibm gu eigen. 

Unb ßteic^ barauf fagt SträaS: 

3n niebrer §utte fud)t er feine Xreuen 
Unb fammeli feine ©djaren mit bem SBort. 

$)ocb fommen toirb ber Sag — 0 er ift nab! 

2Bo er üon ficb bie arme §uHe toirft 
Unb auffteigt in bem ©fange beS ©efrönten. 

5>ann fteigt empor baS Stei^ beS ©ottgefafbten, 

2)aS Steid^ beS etoigen SerufalemS; 

2)aS auSermäblte S8o(f beberrfebt bie ©rbe 
Unb unfrer Änecbtfcbaft betten fallen ab. 


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Die 341*5=Dramen 6er Heujett. 


57 


®er gortgang ber |>anbtung ift ätjnlic^ mie in ber $utf’fd)en $id)tung: 
3ejuS erftärt 3fubaS, ber mit ber SSärme fd)öner Segeifterung bie batbige Ser» 
tferrtidjung beS ÜReffiaS ßerbeifefjut, baß fein Seid) nid)t oon biefer SIBelt fei. 
SubaS füt)lt fid) fdjmerjtid) enttäufdjt; bod) noc^ gibt er bie Hoffnung nid)t auf; 
er mitt SefuS jmittgett, fid) als UReffiaS ju offenbaren: 

SBeun er in feiner getnbe fjanb, 

SBenn fie in geffeln feinen 2Irm gefdjlagen, 

Unb i^re |>änbe beben, um itjn ju 
SSernidjten, oon ber ©rbc auSjurotten — 

$ann muß er’S tfjun — er muß bie niebre |mlle 

Slbroerfen — feine geffeln fallen unb 

2Kit Süß unb Bonner fteigt er auf ben Jfjron. 

©otoot ber 3ubaS oon 2ltbert ®utf wie ber oom ©rafen tReßbinber motten 
3efuS jmingen; jener miß itjn in ben ©türm beS StufftanbeS ^ineinrcifecu, ben 
feine ©efangennaßmc eutfeffetn foü; biefer ermattet bie ©etbftoffcnbarung beS 
©ottgefanbten. ®od) als fein SSunber gefdjicEjt, nadjbem ber ©rtöfer burcf) feine 
©djutb oerßaftet roorbeti ift: ba erfennt er, baß IgefuS nur ein SRenfd) ift, baß 
er in ißm einen SRenfcßen, einen greuttb oervatßen ßat, unb im Stngefidjt beS 
©efreujigtcn Oerftudjt er fid). 

®te ®icßtung beS talentbotten, ju früß bcrftorbenen tibtänbifcßen ©rafen ift 
nid)t im ©tit ber ®raftbramatit gehalten, fonbern maßrt im ganjen einen ebetn 
©dßmung. ©otcßer ®arftettungSmeife festen bie SRittet, baS SRadßtbilb beS gubaS 
mit tiefen ferneren Sacßtfdjatten ju bctaften; er ift ein ebter ©cßmärmer, ber in 
feiner ©eßmärmerei fefjtgreift, ein jünger, ber beit StRcifter nießt üerftanben Ijat 
unb ber biefen unb fieß fetbft ju ©runbe rießtet bureß bie ßaitbgreifticße Sluffaffung 
feiner nur bem SReicße beS ©eifteS gettenben Offenbarungen. 

©in ßrobtematifeßer grauentßarafter, ben fdßoit bie ©bangetien mit ©ßriftuS 
in Sejießung bringen, ift äRagbalena, unb bie 3efuS»®ramatifer oßne 2IuSnaßme 
Ijaben fie jur meibtitßen ,'pauptperfon ißrer ©tüde gemacht. SRagbatena ift ja 
ein anjießenber poetifdßer XtRiuS; bie äRaterei ßat bie büßenbe ©ünberin ibeati» 
firt, unb oon bem frönen SBeibe, meines ber ^ßinfel ©orreggio’S auf bie Seinmanb 
gezaubert, bis ju ben ßantettienbamen ber neufranjöfifcßen ®ramatifer finb bie 
©nnberinnen, toetdje freimittig Süße tßun ober über melcße baS ©cßidfat bie Süße 
oerßängt, SiebtingSgeftatten ber fünftterifeßen ©djöpfungen. gür ben ®ramatifcr 
ßaben ©ßaraftere großen SEBertß, in benen pfßcßotogifcße SBanbtungen oor fieß geßen. 
3u biefen gehört ÜRagbalena. Unb menn eS an unb für fid) nießt leießt ift, foteße 
SBanbtungen in ber furjen Seit eines SüßncnabenbS ju motiüiren, fo tommt bei 
biefer frönen ©ünberin bem ®ramatifer ju ftatten, baß ißre SBanbtung in eine 
reuig Süßenbe eine feftfteßenbe bolfStßümlicße Uebertieferung ift, toeteße baS ißubti» 
!um aueß bann gläubig ßimtimmt, menn fie ber $ramatifer mit ungenügenben 
SKittetn in ©eene gefegt f>at. 

©ine ®icßterin mie ©tife ©eßmibt ßat natürlich bie ßeröorragenbe granengeftatt 
ißreS ®ramaS mit befonberer Sortiebe beßanbett. gt)re SRagbatena ift alter» 


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Uttfcre <5ett. 


58 


bingö eilte Süttberin in bcS SBorteS bcrwegenfter ©ebeutung, nicht ein leichtlebiges 
Steib, baS toechfelnben Steigungen hulbigt, fonbent eine ©roftituirtc, wie e3 einft 
bie Staljab bon Jericho gewefen; fie hat fich ben Wirten hingegeben für wenig 
Silberlinge unb reichen £anbel$herren für ©erlenfdjnuren nnb ©efdjenfe unb ift 
bor allem bie ©eliebte beS 3uba$ 3f<harioth gewefen. „Der Steg, ben ich Wanble", 
fngt fie gu ihm, „ift bie grucht ber ärrnuth, unferer Siebe unb beiner Sehren." 
Sie berntag Slrmuth nicht gu ertragen. Xodj forgt fie auch für ihren franfcn 
©ruber SagaruS. Da faßt gubaS ben ©lan, fie bent ©ontiuS ©ilatuS guguführen; 
er Witt fie jur §errfcf|crin machen über Slubäa; fte fott ben ©ewaltigen beraufchett, 
bis er gunt Schwächling wirb an ihren Steigen. 3« bie fdjön gefchmücfte SJtagba» 
lena bertiebt fich ber Stömerhauptmann glabiuö, welcher bem ©ilatuö bie entgücfeube 
Schönheit nicht gönnt. 3 n ber ^auptfcene gmifchen bem Statthalter unb ber 
©uhlerin wehrt biefe ben bom 3J?al)l fommenbett Schwelger bon fich ab: „Dein 
SJtwtb ift heiß bon Stein, Wiberlich! 3dj tarnt nicht! SJteine Sippen fdjliehen fich 
fchaubernb bor ihm, wie Slumen bor ber Sonne." Die Steigerung ber SDtagba- 
(etta werfest ben Statthalter in beSpotifdje Saune; ba ertönt QcfuS milbeS Stört 
hinter ber Scene: „Kommt alle gu mir, bie ihr mütjfelig unb belaben feib"; 
SJtagbalena ftürgt auf bie Knie: „3u bir, gu bir! — Du hift bie Siebe!" Doch 
che fie bie güngerin beS ^eilanbö wirb, hat fie noch bie! Sümmemih gu erfahren; 
fie geht mit ihrer Schwefter SJtartha aufs gelb; hoch bie Schnitterinnen befefjimpfen 
fie uttb wottett nicht in ©emeinfchaft mit ihr arbeiten; fie ift in ©ergweiftung; fie 
fatttt nicht gurüd, nid^t borwärtö: „geljobah, ftrenger ©ott, war meine Sünbe 
beim fo grojj, bah bu gur Strafe mir bie ©rtenntnif? gibft unb mich mit 'h 1 in$ 
alte Siinbenmeer gurücffchleuberft? Stöhnt fein ©rbarmen in beinern burch bie 
Fimmel auSgeftrecften $aupt? Sott ich bettaffen h' er besagen? D beine SBelt ift 
eng Wie biefeS Dhal, ein fchauerlich ©efängnifj, wohin ich greife, h°h c ©ifenthore 
berfdjliehcn mir ben fttnSgang hinaus — ftumm bie Stilbnijj, gefühllos!" — 
Diefer tpöljepunft ber initern KrifiS ift fcharf bezeichnet: eS ift bie ©ergweiflung 
am alten 3ehobal), welche bie Sünberin bem neuen ©laubett ber Siebe in bie 
Strmc führt. 3efuS finbet bie ©ergweifelte, tröffet fie, gibt ihr Speifc unb Dran!, 
bettet bie ©rmübete neben fich im buftigen ©rafe; fie folgt ihm, fie ift bon ihm 
begeiftert wie eine berjücfte Somnambule. Die jünger fehen bie Sdhlutnmernbe. 
„@S ift SJtagbalena", ruft gubaS, „bie Schmefter beS SagaruS unb nebenbei auch 
beS ©ilatuS Dirne." 3cfuS aber breitet fegnenb bie $anb über fie: „Ster bon 
euch Wirft ben erftett Stein auf fie?" Die fpätere ©egegttung SJtagbalena’S mit 
3ubaS fdjwächt bie ©ebeutung jener Scene Wicber ab; ein folcher Stiicffatt mag 
mcnfchlich fein, boch er ift nicht brantatifch: 3“baS fagt, bah cr ih r erfter ©e» 
liebter gewefen; fie gibt gu, bah bie alten böfen Steigungen uns utnfdjwirren 
Wie ftete ©erbatttmitih, bah fie tjiugeriffcu wiber ihren Stillen ibm folgt, bor bem 
il)r fchaubert. Die Scettc ift ohne bramatifdje golge. ©ei bem ©ingug 3efu, 
beS griebenSfürfteu, begrübt ihn SJtagbalena mit begeiftertem ©falm uttb falbt ihn 
als König; SubaS geräth barüber in wilbc Stuth- Stoch einmal erfeheint fie im 
©arten bon ©ethfemane unb ift bereit, 3efuS mit bem Schwert gu fdjüfcen. Stach 
bem KreugcStobc 3cfu aber erflärt fie, in bie Stüfte ziehen gu Wollen: „Sieh' boch 


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Die 3cfus» Dramen ifer Heujeit. 


59 


bie cinfame Sitte, fie fdjaufelt fid) auf ihrem grünen Stadien auf ber gtut, forg= 
lob, ob biefe größer loerbenb fie üerfdringe. $ie glut cf)rt il)r Vertrauen, unb 
fromm fdjmiegt fi<fj bab witbe Element um ihre SSurjrin, liebfoft fie unb fingt 
itjr Schlummerlieber. Sin i<fj, bie ber Sperr geheiligt, beim loeniger alb eine 
Sitte?“ Unb alb Startha fie bittet, fie möge bei ihnen bleiben, ruft fie aub: „Safe 
nach, Startlja, eb bürfeit feine anbern Stimmen fiier ertönen, loo bie glitte feiner 
SBorte aufgefpeichert liegt. Safe meine übrige $eit ein 2anfgebet fein, ein reiner 
$on ^erauögegriffen aub ber berftimmten Stelobie beb Stenfchentebenb.“ 

®iefe Stagbatena ber Elife Sdjmibt ift jebenfallb bie bebeutenbfte unter ben 
grauen ber neuen 3efub=$ramen; fie richtet fid) aus tieffter ©ntwürbigung auf 
3U fdjöner Sebeutung unb nimmt auch in ber Slrcfjiteftur beb Stücfeb eine beredt 
tigte Stellung ein; „fie reif)t fidj“, toie SRötfdjer fagt, „gleichfam alb bab ber= 
mittelnbe ©lieb 3Wifdjen Subab ^fd^ariottj unb ß^riftuö ein, ittbem an ihr felbft 
bie Dljnmadjt beb erftern unb bie Stacht beb ledern ftar wirb“. 

3 n bem ®rama bon geliee ©obean erfdjeint Stagbalena in feljr unbibtifdjer 
SBeife alb bie ©eliebte beb ißilatub, eine glänaenbe Iwdjgebilbete $ame, welche 
Sflabinnen Ejat unb ein prädjtigeb Sanbljnub, bie ißlato’b „^Sfjäbra" lieft, Welker 
ber Statthalter bann bie „Ars amandi“ beb Dbib 311m Sefen geben will unb bie 
bon ihm bie wieberauferftanbene Slfpafia genannt wirb; fie hört, wab bon Scfub 
erzählt Wirb unb faßt nun innige Xheilnahme für ihn. Sab SGSeib beb ißilatub, 
Glaubia, befugt bie Maitresse en titre beb eigenen Stanneb unb beibe jufammen 
toanbern ju gefub, um ihn prebigen ju hören. Sie plö^lic^e SBenbung ber Stagba= 
lena ift bramatifch faum genugfam motibirt; hoch liegt bieb aud) in ber aphoriftifcheit 
©eljanblungbweife ©obean’b: fie empfinbet auf einmal einen tpaß gegen bie Herren 
ber SBelt unb bie mitfdhulbigcn ißriefter; ihre Sehnfudht toenbet fiel» bem armen 
SJolfe 311. „0 mein ©ebanfe, herangereift in ben burdjwachtcn Stuuben ber Sacht, 
enblidj erftheinft bu mir wie bie Siorgenröthe, Welche bie graufigen Säufdiungen 
ber Sacht berjagt, erhaben Wie bab große ©eftirn, bab fich erhebt, um bie bunfle 
glädje beb Steereb mit ©olbftaub ju befäen. ißrächtigeb fpaub ber Stagbala, bu 
Warft für mich w ' c bie Stauern eineb ©efängniffeb. SBefdjeibeue Stumm beb 
gelbeb, ich fomrne ju euch.“ 

Sie bcibeit Schwärmerinnen für Sefub treten üerfdjleiert 311 ihm, alb er bei 
ben Sinnen erfdjeint, ihnen ©enefung uitb Sroft fpenbet. Staria fchlägt ben 
Schleier 3ttrüd, fuiet bor itjin nieber unb fucht heimlich ben Saum feineb ©c- 
loanbeb 3U ergreifen, um ihn 3U fiiffen. Scfub legt Staria bie .'panb anfb £>aupt. 
„SBeldj hblbcb ©efühl", ruft fie aub, „rinnt burd) meine Slbern, ich fönnte ftcrbeu 
bor greube!" Später begegnet fie ihm wieber am Dclberge; fie macht aub ihrer 
gtüheuben, überfdjwenglidien Siebe 3U gefub fein ©cheiinniß. gefub fagt, alb fie 
ihn berlaffen: „Stenfchcnfohn, auch bab war eine Prüfung.“ 2 llb gefub gefangen 
genommen, erfdjeint Stagbalena bei ißilatub unb bittet ihn um ©nabe; ißilatnb 
berfpricht bie ^Berufung an bab SSotf. 3 fn einer .fiitie am guße beb ©olgatha 
fpiclt bie Sdjlußfcene: Stagbalena beridjtet bie Steigung ©h r *fi* uttb fpridjt am 
Schluß bab gegen bab GEjtifteut^um beb betrüb unb feine Sachfotger gerichtete 
Slnathem beb Sichterb aub. djue gragc ift cb bemfelben gelungen, bie Eingebung 


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60 


Utifcre <3eit. 

ber SJtagbalena an SefuS mit einer fßrägnanj auSjufprecfien, Welche bem SluSbrue! 
glühenber 2eibenfcf)aft öoHfommen gerecht wirb. 

3n bem Sulffcljen Srama ift SJiagbalena bie ©eliebte beS BubaS, ber fie 
für Sfrael an SefuS £)ingeben will. SBie bei ber ©life Sc^mibt erfc^eint fie als 
baS biSponi6le ©igentljum beS Sfdjariotf). Cbfdjon fie auch in ber Serfucf)ungS= 
feene auftritt, ift fte bodj weniger bebeutenb als in bem anbem Srama. Sul! 
hat befto mehr ^ßoefie an bie Sarftellung ber Sftaria oerwenbet, bie bei ©obean 
gar nicht erfcheint, bei ben anbem Sramatifem eine gan$ untergeorbnete Stolle 
fpiett. Sei Süll ift fte bie Jfjjelbin jener wunberbaren „©mpfängnifj", bie er im 
Son einer mpftifcfieu Orgie fdjilbert. 

Sie SJtagbalena in bem Srama beS ©rafett SWe^binber. ift fdjon, als fie auf¬ 
tritt, im Sann beS GrtöferS. hinter ifyr liegt bie 3eit beS 9tauf<heS, ber ©itelleit, 
beS gebanfenlofen SaumelS; fie befennt $efuS feine Siebe; ganj anberS atS ber 
SefuS ©obean’S erwibert er bieS Selenntnifj mit ben SBorten: „Sn armes SSBeib", 
inbem er itjr bie £anb aufs $aupt (egt; bann flet)t fie ihn an, nicht nach 3eru» 
falem ju gehen. Sfofeph non Slrimatfjia ocrwanbelt fid) ihr gegenüber in einen 
Srafenburg: er bietet ifjr feine tpanb an; fie weift it)n juriief, Weil fie SefuS 
liebt. SieS SJtotib erfdjeint ju mobent bürgerlich; eS oerbirbt bie Stimmung. 
Sei ber ©efangcnnatjme Sfefu auf bem Celberge ift fie jugegen, unb als er fort» 
geführt ift, ruft fie auS: 

SBo finb bie ©hären, bie bem SBorte bordeten 
Unb bie ba jubelten bei feinem Slnblidf? 

2Bo ift baS Soll, baS blinblingS ihm gefolgt 
Unb baS i^n OotteS Sotjn unb fjeilanb nannte? 

SBo finb bie jünger, bie er fidj erwählt 
Unb bie ber SDleifter an fein |jerj gefcfiloffen ? 

©ntflobeit alle — alle — unb nidjt Einer 
8n feiner ©eite in ber ferneren ©tunbe. 

3erftöubt wie ©anb im ©türme finb bie ©einen, 

©ie haben ihn — fie tonnten ihn oerlaffen. 

©ie werben alle — alle ihn öerleugnen. 

(Die J&dnbc an« ^erj brürfenb.) 

Stur nii^t bie ©ine, bie ihn beiß geliebt! 

Stach b« Sfreujigung hat SJtagbalena nur noch bie SBorte ju fpredjen: 

©r ift mir nicht geraubt ... er lehret wieber. 

SBenn bie SJtagbalena ber ©life <Scf)mtbt eine tiefgefunfene fßroftituirte ift, 
fo ift biejenige beS ©rafen Stehbinber nur ein eitles SBeltfinb, baS aber fchon 
bcleljrt auf bie Sühne tritt. 

3n ßontraft ju ben tiefer angelegten Staturen ift fchon burdj bie bibtifd^e 
Ueberlieferung fßontiuS fßilatuS gefteüt; er erfcheint als ein ©feptifer gegenüber 
ben bogmatifhen ©iferern unb Beloten; etwas oon bem freien heitern ©eift beS 
^eibenthumS bringt er in eine oon tiefem Problemen bewegte SBclt. SBäre biefe 
©eftalt nicht burd) bie Sibel gegeben: bie Sichter hätten fie erfinben muffen. 
Offenbar hat fchon bie ©ruppirung ber ©oangetien einen lünftlerifchen Bug. 


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Die 3 e fus=Dramen bet Heugeit. 


6 f 


Ser ©ontiuS ©itatuS bet Etife ©dimibt ift in etwas anbete ©eteudjtung gecücft; 
er fennt gwar feinen ßüib unb Witt bet babenben ttRagbatena gegenüber ben 
SdjWan ber Seba fielen; et Witt fidj oon Ei)mbet|c^tägern ben ©ofat befrängen 
taffen; bod) er ift ein Styramt im ©tit beS £ebbet’f<hen fpotoferneS; er Witt bie 
jtch fträubenbe ©tagbatena mit feinem Solche burdjbotjren; er Witt fie burd) feine 
©raufamfeit gegen bie Sieben bemütf)igen unb befiehlt, mehrere wegen teilten 
SeIjtS ans Sreug gu fotogen. Sann fiat er auch wieber Stlnwanbtungen oon ©roß* 
muth: ben SubaS, ber fid) fetbft atS ©enoffen ber SRebettion benuncirt, läßt er 
gieren. Sie ©eftatt OerfdjW inbet inbeß halb gängtidj aus ber Sichtung: für ein 
Sranta, beffen fjelb gnbaS 3fc^ariot^ ift, hat fie nur geringe ©ebeutung. ©ang 
anberS in ©ooean'S „SefuS EhriftuS“: fjier ift gerabe ber Eharafter beS ©itatuS 
mit befonberer ffiortiebe behanbett; ljier ift er ffeptifch, friüot, geiftreief), bem jübU 
fchen ©eftenftreit unb retigiöfen Fanatismus anfdjeincnb überlegen; er oerfpottet 
ben atS einen £>eudjler bargeftettten ffait)f)aS, Wetter SBein unb Sßcibet liebt, ben 
echten ©afeb föfttich finbet unb wettern ©itatuS bie gwei ©ftaüinnen ber ©tagbatena 
geigt mit ben SSorten: „SieS ift bie btonbe $ebe, bieS bie gtängenbe EreboS, ber lag 
unb bie SRadjt — ßberpriefter, wenn bu bie SBatjt hätteft? Su würbeft gar nicht 
Wägten, fonbern ben Sag unb bie ©acht miteinanber oereinigen, bu mußt bie Sämme* 
rung lieben.“ 2ltS Epifuräer ift ©itatuS fein greunb pfatonifc^er ©tubien, unb atS 
©tagbalena in bem „©häbroS“ ©tato’S Sroft fud^t unb finbet, fagt er gu ißr: „SaS 
Seben ift fo furg, baß ich niefit begreife, wie matt eS fidj burd) bie frühzeitige 
fjerbeirufung beS SobeS noch oerbüftern fann. S<h fürchte ben Sob nicht, idj 
fehe ißm inS 2luge, wenn es fein muß, aber id) rufe ihn nicht herbei. 5Ra<h bem 
Sobe gibt eS nichts unb fetbft ber Sob ift nichts.“ Sem ffaiphaS gegenüber Oer« 
tritt er bie römifcfie ©taatSraifon; er Oertljeibigt ben ©agauener, rühmt feine 
mebicinifc^en ©eitntniffe, feine Sotjatität, bie bem Äaifer gibt, was beS SdiferS ift, 
feine ffliitbe gegenüber ber Ehebrecherin, bie er oor bem Sobe ber Steinigung 
fdiüfct. „Sch gehe nicht fo weit", fagt er, „einen Schwärmer oertjaften gu taffen, 
bem ein Raufen armer SBciber unb ®inber nachtäuft." ©pätcr räumt er inbeß 
ben ©rieftem baS ©ed)t ein, ihn, Weit er ben Sempct getäftert, mit ©uthenfdjtägen 
gu gültigen; bann Witt er ihn unter oier Stugcn fprechen unb fagt, nadjbem er 
ihn gebrochen, etwa Wie fällig ©hitipp oon ©ofa: „Ein fettfamer ©ienfd) baS, 
ein ilbetgeugungSOotter ©eWoßner einer SBett ber gufunft, bie nie fomtnen toirb.“ 
Ser bittenben ©tagbatena gegenüber tritt er mit ber ©ruße beS römifdien Sicta» 
torS auf; ©oüeatt Wußte bem Eharafter hier einen imponirenbeit 3ug gu geben: 
„SBarum wittft bu bie mtjftifdie Süngerin d)imärif<her Sehre werben? .£>errf<he wie 
guoor über bie .fpergen, fei wieber bie ©öttin ber grenbe. Su oertangft, o ©iagba« 
tena, nichts ©eringeS bon mir unb baS ©eringc ift oft fernerer gu erreichen atS 
baS ©ebeutenbe. S<h bin römifcher ©roconfut unb fann ba mit meinem Schwert 
ein ©tücf oon ©atitäa ober ©itfjtwien abfehneiben unb bidj gnr Königin bariiber 
machen. SBittft bu eS? ©ei ©om geßorfam unb ich wadhe bich gur gürftin. 
SBeißt bu, WaS ©om ift? Ein ungeheueres ©ab oon Eifcn, welches bis in bie 
SBotfen reicht unb bie SBett Wie fein gelb burchfurcßt. ©ei Königin, wenn bu 
wittft, aber phüofophüe «ich *> lege nicht bie ginger gwifeffen ©aum unb ©htbe; 


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62 ltnfcrc ^cit. 

bentt wäßrenb baä große 5Rab übet Sehern ßinweggeßt, jerfcßmettert, jermalmt unb 
jevftäubt e3 alle $inberniffe, unb wenn e$ Serge wären." 2Bie erwähnt, läßt 
er bie ^Berufung an ba3 Soff ju, er!(ärt aber, toie in ber Sibel, baß er feine 
©cßulb an 3fcfu§ finbet. 

Sn bem JJrama öon Sltbcrt Julf ift fßilatud feine ßeröorragenbc ©eftalt: er 
ift aiemlicß treu bureß bie biblijcßc Ueberlieferung burcßgc^cicßuct. Sebeutenber 
ift er in bem Jrama be3 ©rafen SReßbinbcr, obfcßon er ßier Weber a(3 J)e3pot 
uod) nl§ ©pifuräer auftritt, fonbern als anfgeffärter $»eibe mit einem ffeptifeßen 
3ug. ©egen bie fßriefter fpritßt er fitß äßnlitß Wie ber IßilatnS ©ooean’S aus. 
Jod) bie große ©eene jWiftßen bem ©tattßalter unb weltße ©ooean ßinter 

bie ©onliffen »erlegt ßat, fpielt ßier auf ber Siißne fclbft. IßilatuS füßlt fitß 
burtß beii ßelbenßaftcn JobeSmutß üon SefuS mädjtig angejogen; bie biblifeße 
Stage „SßaS ift Söaßrßeit?" rießtet er an ben Grlöfcr unb gibt feinem ©fepticiSmuS 
berebten 3lu3brud; er nennt ißn einen ©eßwärmer, ber »ergeblitß an ben ftarren 
Seifen ber SJtenfcßcntßorßeit poißt, nadj beffen Job feine Spur ooit feiner Seßre 
bleiben loerbe, nnb angenommen, eS fei ber SnH: 

©(au6ft bu, tS märe beiite Seßre ttotß? 

Unter DJtenftßen loerbe fie SDtenftßenWerf werben, 

Unb beiner Seßre Ißriefter werben fein, 

S8ic alle Ißrieftcr aller Seßren waren. 

Verätßtlitß fpvießt er fieß über baS ©efinbel au§, baS $efu Job »erlangt, unb 
toäfcßt bann in Unfcßulb feine .'öänbe, naeßbem er feßon oorßer in feinem Monolog 
e§ auägefprocßeti: 

Unb fällt er aueß als Opfer oßne Gtßulb, 

@r ift ein Opfer ber SRotßwenbigfeit. 

©raf SReßbinber ift ber einjige biefer J)ramatifer, ber ben SarnabaS mit als 
Hauptfigur in ben Vorbergruttb gcftcltt ßat, ben fRebolutionär, ber SefuS als 
einen ©cßtoäcßfing Ocrnrtßeilt, ben Vertrauten beS ÄaipßaS, ©amaliel, erftießt, 
unb bann, als ScfuS bem Jobe geweißt unb er felbft freigegeben toirb, Pott bem 
Icßtcn Slitf beS 9Rartl)rerS getroffen, Poll Sewunberung feiner ©eclcngröße fitß 
ju feinen Sängern toenbet, um ißm fein Jafein ju weißen. Jicr politifeße 9iet)o 
Intioiiär SantabaS ift oßne Swge ber geeignete ©egenfaß gegenüber bem focialen, 
bem ißropßeten einer neuen SBeltanfcßauung, weltße bie folgcnftßwerfte Umloäljitng 
naeß fiiß jießt. J)o<ß barf biefer ©egenfaß nitßt fo leitßtßin oerlöftßen, Wie cS 
in bem fReßbinber’ftßen J)rama gefeßießt. @1 ßeißt einen Gßarafter auf ben ®opf 
fteUcn, Wenn man ben Wilbeit SarnabaS jnlcßt in einen Sänger Scfu ocrwanbelt. 
Jcr SRationaliSmuS biefer Ißoeten löft oiele SBunbcr auf; aber er ftßafft amß neue 
pfßdjologiftße SBunbcr. 

J)ie J)ramen Don Glife ©djmibt unb Sllbert Jnlf finb fraftgeniatifcß; in bei* 
ben finben fitß poetiftßc ©eenen, benen eS an einem großen 2Burf nießt feßlt; boeß 
in beiben geigt fitß autß bielfatß falftße ©enialität, Ucbertreibung unb Uebcrfcßmctig= 


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Die 3efus = Dramen ber Heujcit. 


63 


lichfeit beg ^tjperbolifc^en Augbrudg, ber bei Albert Sulf oft big gut ©fftafe gef;t, 
bei ©life ©cßmibt big gu ben tjeraugforbernben ©eberben beg prometßeifcheu 
©pigonenthumg. Sßenn biefe Autorin erflärt, jefct auf bie Siif)ne ber ©egenwart 
gu regnen, fo mag man ifjr gugefteljen, baß ihre Sichtung and} theatrnlifdj effect 
»olle SKomente hat, wie man bag Don bem SSerf einer ehemaligen ©djaufpielerin 
erwarten burfte, unb baß fie fidj für bie Sühne aßenfattg burdj Sürguugen unb 
ßufammenjiehungeu einrichten unb bearbeiten faßt. Sie Aufführung beg Sulf'fcheit 
Sramag bagegen würbe einen halben ober ganzen Sag für ficß in Anfprudj ließ’ 
men. Ser Sichter hat eben für bie oberamntergauer Sühne getrieben. Sie Seco* 
rationen bitben nur einen großen Stahmen für bie ^Bewegung ber Sföaffen; ja bie 
Arrangementg finb in einer SBeife getroffen, baß bie ©Icichmäßigteit mehrerer 
.fpanblungen nicht auggefcßloffen ift. gn ber bunten ©cenenfolge, ben gasreichen 
©ruppen» unb SKaffentableauf, benen ber burcßfd)Iagcnbc Sliß ber bramatifchen 
£anblung fehlt, liegt eine lleberlaftung ber mobernen Süljne, wie fie faum in 
ben Augftattunggftücfen »orfommt. Sodj Süll öergidjtet ja auf bie Äuitftbühnc. 
Sem ©tüd »on ©ooean fehlt eg an ©jpanfioit; eg ift gu concentrirt, gu epigram» 
matifcß; ber Sramatifer, fagt #egel, fotl fein ißatljog ejplicireit. 3« mancher 
§infi<ht »erlangt bag ©tüd bie Sorftettung; benn wo ber Sicßter nur ffiggirt hat, 
üennag bag Salent ber ©chaufpieter oft bie ©figge wirffam augguführen. Sag 
Srama Don Steßbinbcr gehört in ben Screid) ber beclamatorifchen 3ambeittragöbie; 
cg ift burdjweg correct unb bühnengerecht; eg hat an eingelnen ©teilen auch 
©<hwung unb ißrägnang; aber ihm fehlt gu fcßr eine originelle ^hßf<° 9 nomie unb 
ebeufatlg bie bramatifcße ißointirung: ber ©inbrud einer Aufführung foitute feine 
burchgreifenbe fein. 

®g gibt nocß anbere 3efug*Sramen; bocß eine ißarnttcfc gwifcßen ben »orlie» 
genben ntodjte genügen, um gu geigen, in welchen Sarianten bie profane bra» 
matifche Sichtung fidj, Wenn auch augfidjtglog in Segug auf bie mobernc Sühne, 
jeneg großen ©toffeg gu bemächtigen fucfjte, ben bie ftircßc feit Saljrtaufenben alg 
ihr geiftigeg ©igenthum betrautet. 


* 



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Die Biele 

im: gegen«)artigen IDirtfjftfjaftsbetorgung. 

®on 

-Äbolf Samter. 

I. 


3ebc8 Spftem, einerlei ob communiftifcp ober 
tnbiüibualiftifd), wirb $ur Utopie, wenn e# niefit 
an baö ©eftebenbe antnüpft, unb bie Öcltenb* 
matpunfl beö einen ober be$ anbern ^rineipd be* 
beutet in ber ^grajriö nur „bie 9itd)tunfl, in weißer 
bie fernere ISntwicfelunö erfolflen foll". 

tfr. «Ib. Üanfle. 

lieber bie Aufgabe unb baS 8^1 ber OolfStoirtßfcßaftlicßen Xßätigfcit ^errfc^t 
int großen ©an 3 ert feine 9JtcinungSoerfcßiebenßeit. $)ie 8 ^it liegt freiließ nießt 
meit ßittter unS, in ioelcßer als 8^1 ber Solfsmirtßfcßaft bie umfaffenbfte ©iiter= 
eqeuguttg ßingeftcflt tourbe, unb e§ mögen noeß immer einige eyiftireu, melcße bei 
ißrer SBirtßfcßaftSbetracßtung lebiglicß bei bem ©lan^c ber ^Jrobuction fteßen bleiben; 
mau barf aber anneßmen, baß biefer unjuläffige Stanbpunft im allgemeinen bereits 
aufgegeben ift, baß cS nießt meßr bie ©üter finb, fonbern ber SDlenfcß eS ift, ber 
als Sltittelpunft ber SBirtßfcßaft bcßanbelt mirb, fobaß bie ©üter 3 itrücf, ber äWeitfcß 
in bett Sorbergruitb getreten ift. 

2)ie Aufgabe unb baS 8 iel ber Solfsmirtßfcßaft ift: ben ©cfeflf<ßaftSmitgliebern 
eine Sebitrfnißbcfriebigung 311 getoäßren, melcßc ißrer Ißätigfeit unb Stellung 
angemeffen ift unb bem ©ulturftanbpuufte ber 8 eit entfprießt. 

$cr Slnftmtcß, ben ber einzelne in Setreff feiner Sebürfnißbefriebigung 31 t 
erßebett bereeßtigt ift, ßängt in erfter Sinie t»on feiner Jßätigfcit ab, 001 t ben 
$ieufteit, bie er ber ©cfeüfcßaft leiftet. 3>aS ©iufontnten, baS er beließt unb 
mittels beffen er bie für feine Sebiirfniffe erforberlicßen ScfriebigungSmittel fieß 
befeßafft, muß er bureß Arbeit Oerbienen. ®iefeS ift ber naturgemäße 2luSgangS= 
puuft ber Sebürfnißbefriebigung unb ber für fie tßätigcn Solfsmirtßfcßaft. 

$ic Sfrbeit ift jeboeß uießt bie einzige Ginfommenquelle; ißr reißt fieß ber 
Sefifc au, ioelcßer feine Serecßtigung als folcße bariit finbet, baß er 3 ur Sefcßaffmtg 
ber ScfricbigungSmittel unentbeßrlicß ift. ®ie Arbeit oßtte Sefi£ ift nießt im 
Staube, bie 3 ur Sebürfnißbefricbigung erforberlicßen ©üter ßequfteflen. ®cr 
cin 3 elne oermag 3 ioar fieß bureß Slrbeit allein ein Ginfomntcn unb babureß bie 


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Die «giele 6er gegenwärtigen XDirtßfcßaftsberoegung. 


65 


erforberlicßen SBefriebigungSntittel ju berfeßoffen, ober nur weit ein anberer ba ift, 
ber bie jur ©ütererjeugung nötigen ©fiter befifet; oßne töefiß feine SBirtßfcßaftS* 
tßätigfeit. Unb ber 93efiß ift nießt nur ein unentbehrlicher gactor ber SBirtßfcßaft, 
ber baburdh Stnfprueß erhält, ©infommenquette ju fein, er ift auch ei« cutturßifto* 
rifcher £ebet. $ie SJtenfdhen fotten unb mfiffen arbeiten, aber bie ©efeDfchaft 
braucht nicht auöfdßtießticß ein StrbeitSßauS ju fein. 3)ie ©ultur ift nur baburdh 
ermöglicht Worben, baß es einjetnen geftattet War, [ich bon SlrbeitSfeffetn frei* 
juerßatten. 

3)ie gefeHfeßaftticß anjuerfemtenben ©infommenquetten finb mithin Arbeit unb 
SBeftß. 2)ie ©infommenquetle SSefif} neben Slrbeit fann aber nur unter $wei S3e* 
bingungen ihre Stnerfennung in ber ©efeltfeßaft behaupten, gwifeßen SBefife unb 
Slrbeit barf feine unüberfteigtieße Stuft hefteten; ferner muß baS ©intommen 
bes SefißeS unb ber Slrbeit in einem angemeffenen SSerßättniß jueinanber ftehen. 

©S genügt nicht, baß in unferer ©efeöfchaft bie rechtliche Stuft §Wifdjen 83efiß 
unb Slrbeit eingeriffen ift, auch bie tßatfäeßticße barf feine unfiberfteigtiche fein. 
Wenn nidht ein unteibtidher ©efettfcßoftSjuftanb beftehen fott. Stuf bie bereinjetten 
StuSnaßmen, baß auch 8 a «i Unbemittelte burch gleiß, ©nergie, ©parfamfeit unb 
nicht ju bergeffen burdh ©tfief ju großem Steicßthum gelangt finb, barf nicht Oer* 
wiefen werben, wenn, Wie eS tßatfäeßtidh ber galt ift, bie gefettfchafttichen Buftänbe 
berartig befdhaffen finb, baß jWar Strbeitenbe unb SSefijjenbe fidh mannichfach be* 
röhren unb ineinanber fibergehen, aber in weitem Umfange auch als gefonberte 
Staffen in ber ©efeltfeßaft auftreten, ju benen thatfächtidh eine Srficfe nidht führt 
unb fte fomit baS Sitb bon Staffengegenfähen barbieten, ©rft Wenn wenigftenS 
im großen ©anjen jeher Strbeitenbe bie begrönbete StuSficßt hat, *« bie Steiße 
ber SBeßtjenben einjutreten, bewegt fich baS 9tecßt beS ©infomntenS aus Sefif} auf 
gefieberter ©runbtage. Stur bann ift ber 93cfi| jWar ein ffiorjug, aber nicht 
ein Sorrecßt. 

3)aS ©infommen au$ Sefiß unb Slrbeit muß auch in einem angemeffenen $er* 
hättniß jueinanber ftehen, Wenn jeneö Stecht auf gefieberter ©runbtage beharren 
unb bie Angriffe auf ben Scfijj aufßören fotten. ©elbft große Slbftänbe jWifeßen 
bem ©infommen aus Sefifj unb Slrbeit finb jutäffig, wie ja auch thatfächtidh baS 
©infommen aus Slrbeit bie weiteftgeßenben Unterfcßiebe aufweiß. ®S ift biefeS 
mit ber Statur ber ÜRenfdßen unb ber ©efettfeßaftSgeftattung unzertrennlich ber* 
bunben. 33ie ÜDtenfdßen finb an Sörper unb ©eift, in ißrem SBefen unb Sehens* 
ßattung berfeßieben, bie einen leben unter gfinftigen unb betebenben, bie anbern 
unter trüben unb erbrfiefenben SSerßättniffen. Stiles biefeS muß auf ißr ©infommen, 
mag es aus Strbeit ober S3efiß fließen, ben weiteftreießenben ©inftuß fiben unb 
fetbft craffe ©egenfäße ßerborrufen. 3)ie einzelnen, bie unter bem 3)ruefe ißrer 
SSerßättniffe feßmadhten, finb beftagenswertß; im ftntereffe ber SJtenfdßßeit unb 
ißrer ©ntwicfelung ift baS 3«tagetreten biefer ©egenfäße nießt ju bebauern. 3)ic 
SJtenfcßßeit würbe berfuntpfen, wenn nießt gefettfeßafttieße SBeflenfeßläge ejiftirten, 
Wobei eS unbermeibtieß ift, baß bie einen naeß oben, bie anbern nach unten ber* 
feßtagen Werben. Stber biefeS ift atS Staturnotßwenbigfcit nur im einzelnen ßin- 
juneßmen. 3m 3)urcßfcßnitt muß fieß ein gcwiffcS ©teießgewießt ßerftelten, wenn 
Unfrrc 3rit. l$»l. 5 


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66 


Unfere <3 e 't. 

»itßt, wie bei ben SReeredfluten, bie gefettftßaftlitßen SBogen Unheil anritßten foHetu 
$ad $urcßfcßnittdeinfoninien and Arbeit unb badjenige aud ©efiß muß miteinanber 
in feinem ju weit geßenben 2Rid»erßältniß fteßen, wenn bie gefellfcßaftlitße ©runb* 
tage ald eine gefunbe betrautet werben fott. 

Unb nicßt nur bad Serßältniß jwiftßen bem ©intommen aud ©efiß unb Arbeit 
muß ein abäquated fein; bie ©ebürfnißbefriebigung ber ©efammtßeit muß bem 
©ulturjuftanbe ber Seit überhaupt entfpretßen. ®d ift, Wenn »on focialen 9lotß= 
ftänben gefprotßen Wirb, nur ju gebräucßlitß, ißre ©fiftenj baburcß abjuleugnen, 
baß man barauf ßinweift, baß bie untern ©olfdflaffen eä in »ergangenen Seiten 
noeß toict ftßletßter gehabt ßaben, baß ein Sortftßritt in ißrer Sage unjweifelßaft 
ju conftatiren fei, unb meßr ffiglitßerweife nicßt »erlangt Werben bfirfe. 2)iefed 
ift burdjaud abjuleßnen. ®aß bie SRenfcßßeit in ber ©ntwicfelung begriffen, baß 
ißre materielle wie geiftige Sage fit^ im Saufe ber Saßrßunberte »erbeffert, ift 
fitßerlitß ber tröftenbe ©ebanfe, ber bei Slnblitf ber unjäßligen Seiben, öon benen 
jebe Seit burdjtränft ift, feftgeßalten Werben muß. $iefed barf aber nitßt meßr 
ald eben ein 2roft für bie und entgegentretenben Unbilben fein unb barf nitßt 
9lnlaß geben, baß Wir ben SJUöftänben gegenüber und tßeilnaßmtod »erßalten, 
©ine jebe Seit ßat ißr beutlitß audgebrüefted ©epräge unb förbert allgemein Sn* 
fprütße ju Sage, bie in »ergangenen Seiten nitßt erßoben, »ietleicßt nitßt einmal 
gefannt finb, beren iRitßtbefriebigung in ber ©egenWart aber atd SRotßftanb em= 
pfunben wirb. ®er 9fücfbficf auf bie ©ergangenßeit ßat mitßin nur feßr bebingten 
SBertß; bie in einer beftimmten ©efeüftßaft Sebenben wollen nicßt unter bem 
SRtoeau berfelben jutücfbleiben unb fügten fieß mit 9iecßt beeinträchtigt, wenn biefed 
in ju ßoßem 9Raße gefeßießt. ÜDiag bad ©infommen aud Arbeit ober ©efiß fließen: 
ed muß für alle fflaffen, aueß für bie unterften, im $urtßfcß»itt audreießenb fein, 
aueß unabhängig »on ber ©ergangenßeit, ben Seitanfprütßen Wenigftcnd annäßemb 
ju genügen. 

®d ift fetbftnerftänblicß, baß, mag man »on bem ©erßälhtiß bed ©infommend 
ber Arbeit ju bem bed ©efißed, mag man »on bem ©infommen ber Slrbeit unb 
bed ©efißed gegenüber ben Seitanfprütßen, mag man »on bem äRafimum unb 
bem ÜRinimum bed ©infommend überßaupt fpreeßen, ed fieß immer nur um relative 
Saßlen ßanbeln fann. ©d ift biefed nitßtd weniger ald ju beflogen. SBir befinben 
und auf bem ©oben bed ©efellftßaftdlebend, Weltßed in fortwäßrenbem Stuten be- 
griffen ift. ©ei bem ©rforftßen ber ÜRatur, alfo in ber SRaturwiffenfcßaft, ift ed 
bem äRenftßen geftattet, mit meß= unb wägbaren ©erßältniffen ju retßnen, anberd 
bei ©etraeßtung ber menftßlitßen Snftitutionen in ber ©efellfcßaftdwiffenfößaft. £>ier 
ift ed nitßt nur audficßtdlod, fefte Säßlenberßältniffe ald 2Raßftab für bad öffent= 
lidße SBoßlbefinben auffinben ju wollen, eine jebe berartige Seftfteüung wirb eine 
©tagnirung bed ©efettftßaftdlebend jur ©oraudfejjung ßaben. ©in ©infommen 
»on 900 9Rarf für eine Samilie audreitßenb ju erflären, fann ju einer beftimmten 
Seit angemeffen fein; im ©erlauf »on wenigen S^ßren mag biefed bereitd unju= 
treffenb fein. ®er SBiHfür in ber Sluffaffung ber gefellftßaftlitßen ©erßäftniffe 
Wirb ßierburtß freilitß 2ßor unb Ißür geöffnet. Semanb Wirb einen Suftanb für 
unerträglitß erflären, ben ein anberer für ganj angemeffen finbet: bad ift auf bem 


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2)ie <3telc 6er gegcnroättiaett tüirtljfchaftsbcroegutig. 


67 


©oben beS ©efeUfcßaftSlebenS nicfit gu änbern. @S muß uns biefeS nur gut ©or= 
fic^t mahnen, mit unfern Urteilen, mögen fie abfpredjenb ober juftimmenb lauten, 
gurficthaltenb gu fein, toeber auf Soften anberer tion ben ©efeüfchaftSguftänben fidj 
befriebigt gu ertlären, noch burch übertriebene Säuberungen ber Unguträglidfj= 
feiten berfelben toeiter ge^enbe Ungufriebenheit gu erregen. 

$er fpringenbe ©untt ber SBirthfchaftSbemegung ift mithin bie ©intommen* 
geftaltung; non ihr hängt es ab, melclje ©ebürfnißbefriebigung bie einzelnen Mit* 
gtieber ber ©efettfchaft fich gewähren fönnen, meldjeS ©ilb fomit ber gefellfd}aftftdje 
Suftanb barbietet, ©in für bie Anfprttche ber Seit auöreidfjenbeS ©intommen ift 
ba$ Minimalgiel eines eingelnen; bleibt bie Meßzahl beS ©olfeS hinter ben be* 
redjtigten Anforberungen gurücf, fo ift ber ©efeHfchaftSguftanb unbefriebigenb; 
befriebigt bie ©oltsmirthfdjaft biefelben, fo erfüllt fie ihre Aufgabe unb gmar gang 
unabhängig baöon, baß einzelne fidj in ber benfbar glängenbften Sage unb im 
©egenfafc eingelne fich in ungmeifelljaft lümmerlidher Sage befinben. Stießt biefe 
tßeilS glängenben, UjeilS büftern ©ingelßeiten, fonbern bie ©efammtlage beö Solfes 
brücft ben öotfsmirthfchaftlichen Suftänben ihr ©eßräge auf. 

S5ie bisherige Schule unb mol auch noch mannigfache Vertreter berfelben in 
ber ©egenmart hoben auf bie ©infommenöertheilung infofent nicht baS genügenbe 
©emicht gelegt (unberücffichtigt ift fie nicht geblieben), als fie baS ©robuctionS* 
intereffe gu feßr in ben ©orbergrunb gehoben hoben. Selbftoerftänblidh ift bie 
©robuction unb ber mit ihr gufammenljängenbe tpanbel bie unerläßliche ©or= 
bebingung, um gu einer auSreichenben ©ebürfnißbefriebigung gu gelangen. ©eöor 
nicht bie ©efriebigungSmittel burch bie ©robuction gefchaffen unb burch ben $anbel 
an ben Drt ihrer ©eftimmung gebracht finb, ift bie ©ebürfnißbefriebigung auSgc= 
fchloffen unb baS ©intommen unb bie ©intommengeftaltung geminnt erft Seben unb 
©ebeutung, menn bie ©efriebigungSmittel überhaupt ba unb am redeten Drt ba 
finb. Snfomeit ift ber Sßertf), ber auf bie ©robuction unb ben §anbel gelegt ift, 
noUauf berechtigt; hierbei barf aber nicht ftehen geblieben merben. ©S houbett 
fidh bann meiter, nicht außer Augen gu fefcen, baß ©robuction unb £anbel eben 
nur Mittel für bie ©oltsmirthfehaft, bie ©ebürfnißbefriebigung, bie burch baS ben 
eingelnen gufließenbe ©intommen ins SBerf gefegt mirb, baS Si*I ber ©oltsmirtß* 
fchaft ift, unb baß jebe aSirtljfchaftSbetrachtung, bie biefeS nicht unerfdfjütterlich 
fefthält, toaS nur gu oft gesehen ift, unb bie Mittel unb Smecf ocrtaufcht, auf 
Abmege geräth. 

©efonberS muß hiebei pttmtgehoben merben, baß bie ^ntereffen ber ©ro* 
buction unb bie Sntereffen ber ©intommengeftaltung nicht biefelben finb unb 
miteinanber nicht nur in ©onflict tommen tonnen, fonbern baß biefeS thatfädjlich 
auch i” großem Umfange gefdjieht. ©illiger Arbeitslohn leiftet ber ©robuction 
gute ®ienfte, ber ©rfotg für bie ©intommengeftaltung tann nur ein ungünftiger 
fein. SBir fehen anbauernb bie ©robuctionSintereffen in ben ©orbergrunb gebrängt, 
bie Igntereffen ber Arbeiter unb bamit bie ©infommenoertheilung öemachläffigt. 
Jrof} ber Grtenntniß, baß eS fich fcßließlich nicht um bie ©robuction honbelt, ift 
bie SBirthfcßoftSbemegung barauf gugefpißt, ber ©robuction unb bem £>anbel gu 
bienen, fetbft auf Soften ber Arbeiter unb bamit ber ©intommenncrtheilung. ©s 

5 * 


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68 


Unfete Seit. 


gilt, Wa8 im ©rincip jugeftanben wirb, baß bie SBirtßfcßaft bet ©ebürfnißbefriebigung 
bet ©efammtßett bet ©efellfcßaftSmitglieber bienen foQ, aucß tßatfäcßließ jur ÄuS» 
füßrung ju bringen. 

Unfer SBirtßfdßaftSfßftem ift bet fpaußtfadje nacß baS priöatwirtßfcßaftlicße. @8 
folgte bem gebunbenen SBirtßfdßaftSfßftem beS SWittelalterS, bet geubaijeit, toeldjeS 
bet entfteßenbe Staat bet SReujeit jwar manmcßfacß gelodert, aber feineSWegS 
abgefcßafft, fonbetn nur fo toeit mobificirt ßatte, baß, nacßbem bie geubalmädßte 
beS ÜRittetalterS gebrochen Waren, et neben ißnen feine eifetne $anb auf bie 
SBirtßfdßaftSgeftaltung gelegt ßatte. Sie ©eburtSjeit unfetet SBirtßfcßaftSorbnung 
ift bie granjöfifcße Sfebolution, unb fie erhielt oon ißr baS ©epräge bet greißeit 
aufgebtfidt, im ©cgenfaße ju bet ©ebunbcnßeit, Welche ißt bisßer angeßaftet ßatte. 
3e gebunbener bie SBirtßfcßaft torßer gewefen toat, je meßr fie unter bet Staats* 
aufficßt unb StaatSbeöormunbung, ganj abgefeßen oon ben aufre«ßt erßattenen 
geubalfeffeln, ju leiben geßabt ßatte: um fo freubiget würbe bie ißt gefcßenfte 
greißeit begrüßt; baS gatten jeber geffel galt als culturßiftorifcßet Sieg, unb in 
unferm engem ©aterlanbe wirb bie Stein=£>arbenberg’fdße ©efeßgebung neben bet 
politifcßen SBiebergeburt beS SanbeS als bie ßöcßfte reformatorifcßc Sßat gefeiert. 

Saß mit bet eingefüßrten SBirtßfcßaftSfreißeit audß alle (Eutturelemente beS 
SRittetalterS ju ©tabe getragen würben, baß ftatt bet ©efcßloffenßeit bet wirtß* 
fdßaftlicß jufammenßängenben ©erfonen eine Sltomiftif in bie SBirtßfcßaftSgeftaltung 
gebradßt würbe, weldße ju halb nut ißre bebenllidje Seite ßerauöfeßrte, würbe in 
bem 3ubel über bie etmngene greißeit übetfeßen. 

Set Unterfcßieb jwifcßen bem jeßt ßerrfdßenben unb bem oorangegangenen 
SBirtßfcßaftSfßftem befteßt alfo nidßt allein batin, baß in bem gegenwärtigen bie 
©ribatwirtßfdßaft oorßerrfcßt, wäßtenb in bem SRittelalter bie ©emeinwirißfeßaft 
eine ßertorragenbe 9toHe fpiette, fonbem aucß batin, baß biefe ©rioatwirtßfdßaft 
bie benfbat freiefte ift, in bem borauSgegangenen bagegen bie ©injetwirißfdßaft, 
foweit fie ßcß bereits ßerauSgebilbet ßatte, möglicßft gebunben War, baß bie SBirtß- 
f(ßaftSgeftattung eine inbioibuatiftifdß-atomiftifcße ift, bie ftüßete, foweit fte nidßt 
auf ©emeinfdßaft bemßte, eine meßr ober minbet geglieberte war. Unfer SBirtß* 
fdßaftsfßftem ift mitßin baS mögticßft freie, atomiftifdß=inbiOibuelle, alfo ßriüatwirtß* 
fdßaftlicße Sßftem. ©8 ift es foweit, als baS pribatwirtßfcßafttidße Sßftem baS 
weitaus üorßerrftßenbe ift unb unferer SBirtßfißaftSridßtung baS bejeicßnenbe ©eßräge 
anfbrücft. hiermit ift ni(ßt anSgefdßtoffen, baß neben ißm aucß anbere SBirtß* 
fcßaftsfßfteme tßeilS befteßen, tßeils nacß größerer ©ettung ringen. 2lucß im SDtittel* 
alter ßaben troß ber ßerrfdßenben SwangSWirtßfißaft mögticßft ungebunbene ©injel* 
wirtßfdßaften beftanben: es feien nur bie Saufleute genannt, weldße jwat in 
§anbelsinnungeit geeint Waren, aber ficß fo oiel greißeit ju bewaßren wußten, baß 
fie eS waren, welcße fcßon früße ben SerfeßungSproceß ber gebunbenen SBirtßfcßaft 
torbereiteten, ©benmäfjig ßat aucß in unfern Sagen ber bominirenben Sinket* 
wirtßfdßaft gegenüber bie ©emeinwirißfeßaft nidßt ben ©oben terloren; aucß feßlt 
es nidßt au weitreidßenben unb mit ©rfolg gefrönten ©eftrebungen, ißr neben ber 
©ritatwirtßfdßaft Weitern ©oben gu berfeßaffen. Ser ©runb ift ein leicßt erfenn* 


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Die ^tele 6er gegenwärtigen tDirthfdjaftsbewegung. 


69 


barer uttb ungweifethafter. Es gibt eine Statur ber Singe, welche im Saufe ber 
Seitftrömungen überflutet, aber niemals gänglid} »ernichtet werben !ann. Qn jeber 
©efellfdhaftSorbnung »erlangt baS Snbiöibual* tuie baS ©efettfchaftsprincip iljr 
Siedet; baS eine wie baS anbere faitn über ©ebfiljr in ben S3orbergrunb ober 
gurücfgebrängt, aber nid^t aus ber SBelt gefdfjafft werben. ES gibt feine ©efetl= 
fd^aftSorbnung, in welker auSfcfjliejstidj $riöat= ober ©emeintoirthfchoft ejiftirt 
unb egiftiren lann, in fo unbebeutenbem ober überwiegenbem ©rabe fie fiel) audj 
funbgeben mögen. 

SaS prioatwirthfchoftlidhe Softem, bas in bem lefcten Sahrhunbert feine h«r* 
»orragenbe Stolle fpielt, hot ber ißrobuction bie wefentlichften Sienfte geteiftet. 
Sie ©üterergengung hot unter ihm einen Sluffdjwung genommen, welker gerabejn 
alS wunberbar begegnet werben fann unb welcher es erflürlich macht, baß mau 
in bem 9taufd)e über bie gewonnenen Stefultate bie eigentlichen Siele ber SBirtfn 
}<haft außer Stugen gelaffen hot. Stur etwas wirb hierbei gemeinhin überfein. 
Siefer Sluffdjmung ift feineSWegS aSein bem priöatwirihfdjoftlichen Softem etwa 
gegenüber ber ©emeintoirthfchoft gu oerbanfen; es erforbert Seac^tung, baß in 
bem frühem Stjftem bie SBirthfcffoft gebunben war, in bem jeßigen fie bott ben 
geffeln befreit ift, baß alfo noch nicht erprobt ift, was bie ©emeintoirthfchoft in 
i^rer freien Entfaltung gu teiften im ©tanbe ift. Sticht fdhledhtweg bem priöat= 
toirthfchoftlidfjen ©hftem, fonbent biefem unter bem Sanner ber greiheit ift ber 
Stuffdjtoung ber ißrobuction unb alle bie Sortljeite gu oerbanfen, welche bie ins 
Unenbtiche geftiegene ©üterergeugung ber menfchlichen ©efeHfdhaft bereitet Ijot. 

Siefen Erfolgen gegenüber ift es erflärlidfj, baß an ber freien $riöatiuirtf) s 
fchaft unweigerlich feftgehalten wirb, baß fie gleichfam jum unerfdhütterlichen Sogma 
geworben ift, bie anbern ©tjfteme bagegen höchftenS gebulbet, im ©runbe aber fdhel 
angefeßen werben. Unb in ber Sh at » wäre mit ber Erzeugung ber ©üter unb 
ihrem Vertriebe burdjj ben #onbet bereits bie SEBoljtfahrt ber ©efeHfdhaft gewähr* 
teiftet, fo brauchte nadh feinem anbern SBirthfchaftSfhftem als bem ber möglidhft 
freien fßriöattoirthfdhaft geformt gu werben; biefeS, baS ©pftem ber ©egenwart, 
Wäre baS benfbar öorgügtidhfte, unb bie SStenfchheit hätte nidhts SeffereS gu thun, 
als unbeweglich an ihm feftguhalten. Qebe Slenberung erfchiene als ein ©dfjritt 
gum Schlechtem. 

Slber bie Sachlage ift eine anbere. Sticht bie ©üterergeugung, baS ift an bie 
©pifce fleftellt, ift baS 3»el bet SBirthfchaft, fonbent bie Sebürfnißbefriebigung ber 
©efammtheit, bie üon ber Einfommengeftaltung abhängt; es ift alfo nngnläffig, 
ben SBerth beS freien pribaten SBirthfchaftSfhftcmS ausfchiießlidh nach feinen Er» 
folgen für bie ©üterergeugung abgumeffen, es ift geboten, gu prüfen, welche golgett 
es auf bie Einfommengeftaltung geübt, unb in biefer SBegiehung muß conftatirt 
werben: baS ißriöattoirthfchoftsfhftem hot fich für bie Einfommengeftaltung ungu* 
reidjenb erwiefen. Ein SSlicf auf unfere ©efetlfchaftSguftänbe genügt, um biefeS 
gu erhärten. IJJrobucirt Wirb genug, unb eS fehlt Weber an Staturftoffen, noch an 
»rbeitShänben, noch auch an Kapitalien, fclbft in unferer SBirthfchaftSorbnung, 
um bie fßrobuction noch weiter auSgubehnen, um ber SBebürfnißbefriebigung ber 
©efammtheit gerecht gu werben. Ser gehler in unfernt ©efeüfchoftSorganiSmuS 


■&M 


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TO 


Unfcre ^cit. 


liegt Wo anberS: baS 9tab feßtt, bie ©infommengeftaltung in einer befriebigenben 
SBeife ju regutiren. 

Da8 freie pribatwirtßfeßafttidße Softem t)at nur bermoeßt, große Vermögen in 
einjelnen $änbeit ju concentriren; eS ßat aber bie große SOteßrjaßt in unjutäng= 
ließen ©erßättniffen beiaffen. 

DiefeS unb biefeS allein maeßt eS erflärlid^, baß gegen baS pribatwirtßfeßaft* 
ließe Sßftem, nadßbem feine Itujutängließfeit erliefen War, nießt nnr Weitgeßenbe 
Angriffe gerietet würben, fonbern ©eftrebungen laut geworben finb, baS prioat* 
wirtßfeßaftlidßc Sßftem bureß ein 3wangSfßftem ju erfeßen. ©S liegt in ber 
menfeßtießen Statur unb in bem ^beengange beS SJtenfeßen, oon einem ©ptrem ins 
anbere ju berfaflen, weil ein Sßftem fieß als unjutängließ erwiefen, ein entgegen^ 
gefeßteS in ©orfdßtag ju bringen. Stuf biefe SSeife ift man bon ber gebunbeneu 
SBirtßfdßaft ber früßern Blatter in bie atomiftifeße Sßirtßfeßaft ber Gegenwart 
übergegangen, unb in berfetben SSeife ftetlt man bie Sorberung auf, bon unfernt 
pribatwirtßfdßafttießem Sßftem in ein 3wangSfßftem überjugeßen, wogegen ebenfo 
bie Scherung geltenb gemaeßt wirb, an bem befteßenben SBirtßfdßaftSfßftem un* 
berbrüdßlidß feftjußalten. Unb ßüben unb brüben nennt man baS: auf einem feften 
principietlen Stanbpunft fteßen, bejießungSWeife fteß auf benfetben fteffen, als 
Wenn es einen abfotut waßren ewig gültigen menfcßli<ßen Stanbpunft gäbe! 

DaS freie pribatwirtßfeßaftließe Sßftem fann nidßt entbeßrt Werben: einerfeitS 
ßat es ber menfdßtießen ©efeQfcßaft, fpccietl ber fßrobuction ju große unb offene 
tunbige Dienfte geteiftet, anbererfeits ßaben fieß bie anbern Sßfteme unfern 9ln= 
forberungen gegenüber noeß ju wenig erprobt, a(S baß audß nur ernfttieß baboti 
bie Stebe fein fönnte, fie unter Slbfdßaffung beS pribatwirtßfeßaftließen SßftemS 
auSfdßtießtieß einjufüßren. ©benfo fann aber aueß, ba fieß baS freie pribatwirtß* 
fcßaftließe Sßftem unfäßig erwiefen, ben Stitforberungen bet ©egenwart ju genügen, 
feine Stebe baüoit fein, an ißm eigenfinnig feftjußalten. 

Die ©egenwart unb meßr noeß bie bor uns ftiß entfaftenbe 3«^« n f* erforbert 
baS ©ingreifen ber Sßfteme, bie gefeßießttieß bereits ißre Spuren ßinterlaffen, oßne 
wegen ber fie begteitenben 3eitumftänbe eS gu einer gebeißlidßen ©ntwiefelung 
ßaben bringen ju fönnen, baS ©ingreifen beS genoffenfcßafttidßen unb beS jWangS* 
genteinfdßaftlidßen SßftemS (ber ©emeinbe* unb Staatswirtßfcßaft). ©eibe Sßfteme 
feßten audß in ber ©egenwart nießt, aber fie finb unter ber £>errfcßaft beS pribat» 
wirtßfeßaftlidßen SßftemS weit über ©ebüßr in ben ^intergrunb gebrängt. Stießt 
um ißre Steueinfüßrung ßanbett eS fieß — baS Stefuftat berfetben würbe, ßätten 
fie nidßt bereits auSreidßenben ©oben, ein jWeifettoS unbebeutenbeS, wenn nießt 
erfotgtofes fein — fonbern um ißre Sortfüßrung, bamit, wie Stbotf SBagner fieß 
auSbrüeft, bie S^ßfct unb Sdßäbett beS pribatwirtßfeßaftließen SßftemS corrigirt 
unb baS prioate Sßftem fetbft ergänzt Werbe; unb biefe Sortfüßrung oerßeißt nießt 
nur bie günftigften Stefuttate, fonbern ift unabweisbar. 

SSenn wir biefeS atS feftgeftettt betraeßten, fo geßt jugteieß barauS ßertior, baß bie 
Kämpfe, bie tebigtidß auf pribatwirtßfcßafttießem ©oben gefüßrt Werben, Wie immer 
audß bie ©ntfeßeibung ausfatten möge, ju einem für bie SßirtßfeßaftSentwiefefung ent= 
fdßeibenben SluSgang nidßt ju füßren bermögeit. ©S fei in biefer ©egießung an ben 


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Die <3iele 6er gegenwärtigen JDirt^fdjaftsbewegnng. 


n 


Streit über greihanbel unb SchufcpH cutgefnüpft, ber heftiger als je entbrannt unb 
non beffen Gntfcfjeibung bie SBirthfcfjaftSpolititer baS SBoljt unb Süßere ber SBirthfchaftS» 
geftaltung erwarten. £ier tritt pnächft in ben Sorbergrunb, baß biefe grage nichts 
weniger als eine principietle ift, fonbern eine DpportunitätSfrage, bei Wetter bie 
Stacht» unb Sntereffenberhältniffe fich ganj ungebührlich in ben Sorbergrunb brängen. 
Sie Gonfumenten finb erllärlidjerweife für ben fjreihanbel, benn fte haben baS 
felbftoerftänbtiche Sntereffe, ihre SefriebigungSmittel fich fo billig als möglich i u 
öerfdjaffen; bie ißrobucenten, welche baS entgegengefefcte Sntereffe hoben, für bie 
non ihnen hergefteöten Güter einen möglichft h°h en SßreiS ju bebingen, erftreben, 
um üom SluStanbe nicht geftört p werben, einen Scfiufcpll ober laffen ihn miube» 
ftenS fich gefallen, Wobei aber nicht außer Steht p laffen ift, baß bie ißrobucentcn 
unter fich wieber entgegenftehenbe Sntereffeit hoben unb geltenb machen, inbent fie 
biejenigen SBaaren, Welche fie in ihrem ißrobuctionöjweige brauchen, unb welche 
oft bereits gabrilate finb, fo billig als möglich, olfo frei oon jebent S°ü hoben 
wollen, für bie SBaaren aber, bie fie probuciren, einen Schu^pH beanfpruchen. 
®ie ^änbler, benen mit ber freieften ^Bewegung beS SBirthfdjaftSgebieteS gebient 
ift, forbern ben ffreitionbel. 

SBären bie einzelnen in ber GefeHfdjaft nur Gonfumenten, fo würbe bie Gnt» 
fcheibung, ob greipanbel ober Schußpll, eine fehr einfache, unb jwar p ©uitfteit 
beS erftem fein; aber ber weitaus größte ber Sebölterung (circa 75—80 ißroc.) 
ift wirtljfchafttich probuctiü thütig; bie einzelnen finb nicht nur Gonfumenten, fon= 
bern auch in weitüberwiegenber Stnpljt fßrobucenten, unb bei ihrer probuctioen 
Xhätigfeit honbett eS fich für f' e nicht um bie Gütererpugung, bie für fie wie 
für bie SBirthfcfjoft überhaupt ein Stiftet ift, fonbern um Grjietung eines Gin= 
lommenS. SBcber für einen einzelnen noch für ein Soll ift eS gleichgültig, Was 
oon ihm gearbeitet Wirb; ein jeber bemüht fich, biejettige Sefcfjäftigung p wählen, 
bie ihm baS größte Gintommen gewährt, unb gan$ baffelbe hot auch boS gefammte 
Soll p erftreben. ®ie SRüdficht auf bie nationale Slrbeit Oerlangt baher in ber 
®hot in boHem Stoße Beachtung. . Sludj ein Soff will unb foH nicht für anbere 
Söller $anblangerbienfte leifteu, Wobei es nur auf untergeorbneter Stufe beharren 
fann, fonbern es fotl bie Xljätigleit entfalten, welche ihm baS größte Ginlommen 
gewährt unb baburdfj ihm bie größte Sebürfnißbefriebigung geftattet. GS Hingt 
feßr fchön, baß bie SBirthfchaftSpotitif barauf bebaefjt fein muß, baß bie einzelnen 
ihre SefriebigungSmittel billig laufen; baS erfte aber ift, baß fie etwas hoben 
müffen, um p laufen, unb wenn ihre $auftraft eine fehr geringfügige ift, fo hilft 
ihnen bie erftrebte relatiüe SiHigteit ber SBaaren nicht biel. Gin jeber unb fomit 
auch iebeö Soll jahlt gern theuerer, wenn baS Gintommen ein größeres ift. ®ie 
Gngtänber Würben bie Siüigleit, bie bei uncultioirten Stationen gäng unb gebe 
ift, bantenb ablehnen. Stit ber angeblichen SBaßrung ber Qntereffeit ber Gonfu» 
menten ift bie jjrage beS greilianbelS unb beS SchufcpttS nicht p erlebigen; baS 
Gntfcßeibenbe ift, wie fich baS SoltSeintommen unter bem ffreihaitbel unb unter bem 
©chufcpU geftaltet, unb hier geben bie fpeciellen Serhättniffe beS betreffenben SolteS 
pr beftimmten Seit ben SluSfchlag. Sur jebeS Soll p jeber Seit $anbelsfreifjeit 
ober ©chuhplt als allgemeingültiges ißrincip p proclamiren, ift abfolut uupläffig. 


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72 


Unfere ^>cit. 


9 lur ein ©eficgtöfMnft ift e3, bet bet ©ntfcgeibung biefer grage unter allen 
Umftänben Seacgtung berbient. gür bie in bet SJBirtgfcgaft borgefcgrittenen Söller 
ift eö gegenüber bet SBeltwirtgfcgaft tton bet aflergröfjten Scgwierigleit, eine richtige 
Bollpotitil einjugatten. 2>ie SBeltwirtgfcgaft bat für bie Söttet, bie eine gögere 
Stufe entnehmen, in fo hohem ©rabe intime Sejiegungen ju Sage gefötbett unb 
gegenfeitig bertoidelte Sergättniffe erzeugt, bag es anö Unmögliche grenjt, eine 
Bollpotitil ju befolgen, bie nicht an einer Stelle SBunben fchlägt, »o fie an einet 
anbetn görberung angebeigen lögt, unb bollenbö erfegeint e$ auSgefcgloffen, Stugen 
unb Scgaben gegeneinander gerecht abjuwägen. Son biefem Stanbpunfte aus 
empfiehlt es fieg immer für bie Söller mit einer auögebitbeten SotfSWirtgfcgaft, 
ben greiganbet feftjugatten unb ign nur fo weit aufjugeben, als beftirarate ©rüttbe, 
bie fpecieU ju ergärten finb, einen Scgugjotl für einzelne ißrobuctionSjweige 
reegtfertigen. 

Sei biefer Sachlage tann bie ber £eit unb ben Umftänben nach betrieben 
ju entfegeibenbe greiganbetS» uftb Scgugjoüfrage unmöglich für bie SBirtgfcgaftS» 
geftaltung grunblegenbe Sebeutung gewinnen, fonbent ei tann auf fte immer nur 
retatib ©ewiegt gelegt werben. $er SigwerpunM für bie fieg entwictetnbe SBirtg» 
fögaftsbewegung liegt einerfeitS in ber Mufrecgtergaltung bei pribatwirtgfcgaftlicgen 
SgftemS trog ber gegen baffelbe gerichteten Angriffe, anbererfeits in ber JluS» 
bilbung be$ genoffenfcgaftlicgen unb beS gwangögemeinfcgaftlicgen (Staat: ©emeinbe) 
SgftemS, ungeachtet ber Seftrebungen, auf bem einfeitigen ißribatwirtgfcgaftsfgftem 
ju begatten. 3 nbent man bie pribatmirtgfegafttiege SEgätigleit aufreegt ergält, lägt 
man ber Sergangengeit unb ©egenwart igr 3iecgt, unb inbent man ber genoffen» 
fcgaftlicgen unb ber ©emeinbe» unb StaatStgätigleit, bie fieg immer mächtiger regen, 
Sorfcgub leiftet, bagnt man ber Bufunft bie Sßege. 

$aS näcgfte Biel ber SBirtgfcgaftSbewegung ift, aus bet auSfcgtieglicg borgerr» 
fegenben ißribatwirtgfcgaft gerauSjulommen, unb ber erfte Schritt gierju bie Sitbung 
non ißerfonenberbänben. Unfer gefammteS wirtgfcgaftlicgeS Seben brängt auf Ser» 
einigung ber einzelnen gin. 

gmmer feltener werben bie gäHe, in wetegen ber einzelne, äueg wenn fein 
Sermögen fegon ein rebenSWertgeS genannt ju werben nerbient, eine irgenbwie 
umfangreiche Wirtgfcgaftlicge Xgätigfeit ju entfalten üermag, unb felbft wenn fein 
Sermögen auSreicgenb ift, fo finb ei perfönlicge ©tünbe unb Südficgten, bie ign 
beranlaffen, fieg mit anbern 3 « affociiren, um fieg bie noHe unb uneingejcgränlte 
Süraft eines ober megrerer Mitarbeiter ju fiegent. 3)ie Igeilgabergefcgäfte werben 
immer jaglreicger unb bie ©efegäfte, benen ein einzelner borftegt, immer feltener, 
fobalb ei fieg um irgenbwie rebenSWertge Setriebe ganbett; fie finb nur noeg bie 
Siegel im Meinem ©ewetbs» unb $anbelsbetriebe. 

Unb biefe Sewegung ift niegt babei ftegen geblieben, einzelne SBenige ju einem 
gemeinftgaftlicgen ©efegäftsbetriebe ju bereinigen; fie ift bagin gebiegen, um aueg 
bie grögten Unternehmungen ins SBerl fegen ju fönnen, eine groge Stnjagl ißer» 
foneit ju einem gemeinfamen Unternehmen mit einem beträchtlichen Kapital ju 
bereinigen, man ift jur Silbung bon SlctiengefeUfcgaften gefegritten. ^jierbureg ift 


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DU Stele ber gegcntoarttgen tDirtbfchaftsbewegung. 


73 


bereit« ber pribatwirthfchaftliche ©oben Wefentlicß gelodert uttb bie zahlreich ent» 
jtanbenen SlctiengefeUfcbaften liefern ben SeWei«, baß bie (Einzelbetriebe mißt meßr 
int Stanbe finb, ben n>irtljfd)afttidjen Slnforberungen auSreidjenb ju genügen, unb 
bie Gegenwart baßin brängt, in anbere SBirtbfcßaftögeftattungen überzugeben. 

@« ift biefe« nicht nur ber Satt bei ben (Großbetrieben, bei melden, ba e« 
fuß um ba« Sufammenbringen großer Kapitalien ßanbelt, bie SlctiengefeUfcbaften 
ganz befonber« geeignet finb, fonbem auch bei ben 2JHttet* unb Kleinbetrieben 
macht ließ ba« ©ebürfniß gettenb, au« ber wirthfcbafttidjen Vereinzelung l|erau«= 
zulommen, unb biefe« bat zur (Entfaltung be« Genoffenfcßaft«wefen« geführt, Welche« 
banl ber tßatfräftigen ©emüßungen oon Scßulze»3)elißfcb, ber ficß ^ierburd^ ein 
bauembe« Verbienft um bie gefettfdjaftltdje (Entwidelung erworben, nach ben ber» 
fcßiebenften ^Richtungen fuß fortgebilbet bat. Stuf bie äBittbfcßaftöbetriebe felbft bat 
freilich ba« Genoffenfcßaft«mefen nur untergeorbneten (Einfluß zu gewinnen ber» 
motßt, bie bietfacß erftrebten ißrobuctibaffociationen haben e« nur ju einem 
lümmerlitben SDafein gebracht. 

Hier ift ber erfte ©unft, Wo bie StaafcSfürforge, bie Gefeßgebung einjufeßen 
bat. ®ie Großbetriebe haben e« burcb bie SlctiengefeUfcbaften fertig gebracht, au« 
ber Vereinzelung becau«julommen, unb bie Gefeßgebung bat burcb Gewährung 
ber auggebeßnteftett greißeit, bie fogar al« ju weit geßenb anerfamtt ift, biefe 
Bewegung nachhaltig unterftüßt. Slnber« bei ben SRittet» unb Kleinbetrieben, bie 
bei ber geringen ihnen ju Gebote ftebenben Kraftentwirfelung e« nicht öermocbt 
haben, über bie befteßenben Verbättniffe Herr zu Werben. Stucß ihnen muß, ba 
bie gorm ber SlctiengefeUfcbaften, Welche nur bei größero Unternehmungen ange» 
bracßt finb, für fte nicht paßt, burcb weitere (Entfaltung be« Genoffenfchaft«wefen« 
bie SRägtichteit gegeben Werben, au« ber Vereinzelung ßerau«iulommen. SBenn 
auch nicht al« atteinige, fo bo<h al« ßerborragenbe Urfacße, baß ba« Genoffen» 
fcbaftswefen auf bem ©oben be« 2Birtbfcbaft«betriebe« jurüdgeblieben ift, muß in 
ber beutfcßen Genoffenf<baft«gefeßgebung bie eingeführte Solibarhaft bezeichnet 
werben. (S« ift richtig, bei ber Genoffenfcßaft !ann nicht wie bei ber Slctiengefett» 
fcßaft ba« Hauptgewicht auf ba« Vermögen gelegt werben, bei ißr muß ba« 
perfänliche (Element meßr in ben Vorbergrunb treten; aber barau« folgt nicht, 
baß Solibarhaft ber Genoffen unumgängliche« (Erforbentiß fei. (Eilte Üßeilbaft 
ift au«reichenb unb läßt ber (Entwidelung be« Genoffenfchaft«wefen« gerabe auf 
bem Gebiete ber 2Birthfchaft«unternehmungen freie (Entfaltung, inbem auch woßt» 
ßabenbe ißerfonen beranlaßt werben, fich ißnen anzufcßließen, wogegen bei ber 
Solibarhaft fuß bon ihrer Seite berechtigte Siebenten gettenb machen. ®ie (Erfeßnng 
ber Sotibarhaft burdß bie Xßeilhaft erfcßeint baßer in crfter fiinie erforberlicß, 
um bie SOtittel» unb Kleinbetriebe burcb bie ©etebung be« Genoffenfcßaftewefen« 
ebenfo au« ißrer Vereinzelung herau«zußeben, wie e« bei ben Großbetrieben burcb 
bie SlctiengefeUfcbaften gefcheßen ift. 

®ie wirthf^aftticße Bewegung brängt bon felbft baßin, burcß ©Übung bon 
©erfonenberbänben au« bem au«fhtießticßen Ginzelwirthfdßaft«betriebc ßerau«» 
Zutommen unb, wo e« erforberlicß ift, wie bei bem Genoffenfcßaft«Wefen, ßat ber 
Staat bie Slufgabe, biefe ©ewegung zu unterftüßen. 3Jtit ber ©itbung unb ©e- 


j&ttr 


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Utifere ^eit. 


7 Ä 

förberung ber ißerfonenoerbdnbe ift e8 jeboch nicht abgetßan, um bie SBirthfcßaft 
au8 ifjrer atomiftifchen Stiftung ßerau8jubrängen; um biefe8 ju meinen, ift ba8 
©Raffen Oon SBirthfcßaftööerbänben erforberticß. SEBelc^e I)imenßonen auch immer« 
hin bie naturwüchfige ©ewegung annefjmen wirb, bie ©injelwirtßfdjaften burcfj 
©erfonenoerbänbe, fei e8, abgefeßen tton ben offene« ^mnbelögefeHfcßaften, burdj 
SlctiengefeKfcßaften ober ©enoffenfdjaften, ju ergättjen: baran ift ni<ßt ju jweifeln, 
baß ba8 ©rioatwirtßfcßaftsfhftem, fei e8 noch fo mannicßfach mobificirt, auf unab* 
{eßbare 3 £ it«n ßinau8 aufrecht ermatten unb eine gewichtige Stolle fpieten wirb; 
um fo mehr finb bie 2Birtßfcßaft8oerbänbe geboten, bie bei jebem entwidelten 
SBirtßfcßaftafpjiem unerläßlich finb, wenn bie SBirtßfcßaft nicht fcßtießlidß ber Äuf« 
löfung entgegengehen foK. $er Staat ßot fich ber gewichtigen Aufgabe ju unter« 
jießen, bie SBirtßfcßaftSoerbänbe, nachbem fte, oerrottet wie fie waren, burch ben 
Strom ber Seiten fortgefpült finb, bie aber al8 unentbehrlich fich erweifen, ben 
Seitanforberungen gemäß umjugeftalten. 

®ie nächfttiegenbe grage, bie fich hierbei aufwirft, ift, ob biefe SBirthfcßaftö« 
ücrbänbe freiwillige ober obligatorifche fein foKett. ©8 ift bem Ueberwiegen ber 
prioatwirtßfcßaftlichen Slnfcßauungöweife, in ber Wir gteichfam großgejogen finb, 
jujufcßreiben, bafj faft allgemeine Abneigung gegen jwangöweife ©infüßrung oon 
SBirthfcßaftSoerbänben ßerrfdjt unb ihre ©inrichtung (ebiglich auf greiwiKigfeit 
oerwiefen wirb. ©8 fanti oorweg ba8 3 ug £ ftänbitiß gemacht Werben, baß in Oielen 
SBirtßfcßaftöjweigett bie ©rrichtung Oon Serbänben ber greiwiKigfeit überlaffeu 
werben fann; e8 muß aber entfcßieben bagegen ©tnfprucß erhoben werben, baß bie 
3 wang 8 einfüßrung berfetben an fich «iwa8 Unju(äffige8 fei. 3 )aran, baß wir in 
©emeinbc unb Staat leben, hoben Wir un8 oon Qugenb an gewohnt, unb niemanb 
erbtidt barin, baß er in biefer 3toang8genteinf<haft wirten unb ftreben muß, eine 
©eeinträcßtigung feiner perfönlicßen greiheit. 3m ©egentßeil wir fehen barin, 
baß wir nicht üereinjelt, fonbern in ©emeinfcßaft in ©emcinbe unb Staat leben 
unb unfere 3icfe oerfolgen, eine wefentliche görberung unferer ©erfönlidfjfeit, bie 
um fo meßr (Gelegenheit ßitbet, fich ©emeinbe« unb Staat8leben ju bethätigen 
unb ju entfalten. ©8 ift abfolut unerfinblicß, We8halb in einem ©erufe ju 
Wirten, ber gemeinfeßaftlicß ähnlich wie Staat unb ©emeinbe organifirt ift, mithin 
für bie ©eruf8genoffen eine Slrt 3 wang 8 gemeinfcßaft bilbet, eine ©ecinträdhtigung 
ber freien ©erfönlicßfeit fein unb für biefe eine Älippe werben fotlte. 5)aß eine 
©emeinfchaft berartig organißrt fein fann, baß fie bie inbioibueKe greiheit unter« 
brüdt, ift unjweifelhaft, unb e8 hot genügenb ©emeinwefen gegeben, in Welchen 
biefe8 ber gatl gewefen ift; ebenfo fönnen SBirtßfcßaftöüetbänbe bie perfönlicße 
greiheit über ©ebühr einengen, woüon bie 3dnfte, aber nur in ihrer ©ntartung, 
einen fo traurigen ©eleg geliefert hoben; aber fo wie e8 freie ©emeinbe« unb 
Staat 80 erfaffungen gegeben hot, unter welchen ba8 regfte inbioibueKe ßeben fich 
entfaltet hot, fo fann e8 auch f r£ ‘ e SBirtßfißaftSOerbänbe geben. Welche bie perfön« 
ließe wirthfchaftlicfje greiheit auch nicht im entfernteren beeinträchtigen, unb nur 
oon folcßen SBirtßfcßaftSoerbänben barf bie Siebe fein, fobalb ber Sntritt ein obli« 
gatorifdjer fein foK. @8 muß al8 unjuläffig bejeießnet werben, beößalb bie SBirtß« 
feßaft in einem atomiftifcfjen Suftanbe ju beiaffen, weil bie ©emeinfchaft auf bie 


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Die ,§tele öer gegenwärtigen IDirthfchaftsberoegung. 


75 


freie Setregung ber einzelnen einen $rucf auSüben fann. $)iefer $rucf ift zu 
rermeiben, aber nicht bie ©emeinfehaft abzulehnen; ebenfo trenig trie baS Staats» 
leben aufzuheben ift, treil eS in eine ^Despotie auSarten fann. Für ben Stein» nnb 
Mittelbetrieb ift baS ©Raffen öon obligatorifcfjen SBirthfdtjaftsrerbänben, man nenne 
fie, trenn fie richtig eingerichtet »erben, getroft bei ihrem tarnen, obtigatorifche 
Innungen, unabtrei^bar. Än bie überlebten Innungen beS Mittelalters mit ihren 
erfchrecflichett MiSbräuchen benft fein Menfch. Innungen, ober tritt man ein neues 
SBort hoben, SBirthfchaftsrcrbänbe, trie fie ber ©egenmart unb bet fi<h enttnicfelnben 
Sufunft entbrechen, finb in erfter Cinie bajn angethan, bie SBirthfcfjaft auS ihrer 
Verzettelung, in weldhe fie bie atomiftifdhe 9fid^tmtg gebradht hot, h«ou$jut)eben 
unb ihr einen geftmben Voben zu bereiten. 

®ie SBidjtigfeit unb Unentbehrlichfeit ber Innungen für boS Sleingemerbe tritt 
beutlich hertmt, trenn man bie Functionen, bie ihnen ju übertragen finb, ins Äuge 
faßt. ®S finb: Veauffidfjtigung beS SeljrtingSmefens, Regelung beS VerljältniffeS 
ber ©efeflen jn ben Meiftern, Seitung ber UnterftüfcungSfaffen, Förberung ber 
genoffenfdjafttichen ißrobuction, Vorbereitung unb Vegutadjtung ber auf bie Stein» 
unb Mittelgemerbe bezügliche ©emerbegefefcgebung. 

®S ift einer ber unbeftrittenften ÄuSfprüche, baß bie atomiftifdhe SBirthfchoftS» 
richtung auf baS SehrlingStoefen ron ben nachtheiligften Folgen getrefen ift nnb 
hierburefj bie ©runbtage beS ©ewerbeftanbeS erschüttert ift. Hebet bie 3errüttung 
beS SeljrlingSmefenS in nnferer SBirthfdfjaftSorbnung h err fdfjt feine MeinungS» 
oerfchiebenheit. 3fur ©etoerbeberbänbe, benen auf bie ©ewerbSgenoffen auSreichenbcr 
©influß eingeräumt ift, rermögen biefem Uebelftanbe abzuhelfen; alle anbern Mittet 
müffen fidh als erfolglos ertreifen. 2tuS bem ©etoerbeftanbe felbft müffen bie er» 
forberlichen Veftimmungen, muß bie erforberliche Veauffichtigung ausgehen. ®as 
©ontractsrerljältniß, bie Sauer ber Sehrzeit, bie Freiheit, Sehrtinge zu halten unb 
fpecieff in toelcher 3ahC bie ©nttaffung berfetben als ©efetten erforbert eine nach 
Drt unb Seit fo große Mannichfaltigfeit unb Vcrfd)iebenheit ber gefefclidhen Ve» 
ftimmungen, baß treber ber Staat noch bie ©emeinbe fie zu erlaffen rermag, ohne 
in eine leere unb beShatb trirfungSlofe Schablone zu rerfatten. 9lur bie mit bem 
gemerbtidjen Seben in unmittelbarem unb engftem Sufammenhange ftehenben Vor» 
ftänbe rermögen ben medjfelnben Slnforberungen ©enüge zu teiften, woburch nicht 
auSgefchtoffen ift, baß ber ©emeinbe ein ÄuffidEjtSredjt getoahrt mürbe. Vottenbs 
bie Veauffichtigung ber Sehrlinge, fomot in Vezug auf fte als Sernenbe mie auf 
bie Meifter als Sehtenbe, fann mit ©rfolg nur auS ber Mitte ber ©etoerbS» 
genoffen geübt merben; eine jebe anbere ©ontrole, als ron außen fjerrührcnb, 
mürbe mehr ober minber illnforifch fein. 

Sficht minber mie für baS SehrlingStoefen ift für fjerftettung eines gebeißlichen 
VerhöltniffeS jmifchen ©efetten unb Meiftern baS FnnungStoefcn unerläßliche Voraus» 
fefcung. Än 3Siberftreit ztrifchen benfetben hat es nie gefehlt unb mirb es auch 
ferner nicht fehlen; aber mit Aufhebung jebeS SufammenhangS in ben gemein» 
fdjafttidjen VerufSfreifen ift ber SSiberftreit permanent unb acut gemorben, mährenb 
es an einem gemeinschaftlichen ©oncentrationspunfte gefehlt hat, ron bem aus bie 
miberftreitenben Fntereffen hätten gefdjlicfitet merben fönnen. Sie Veftrcbungeit 


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76 


Unfere ,3cit. 


hierju treten gemeinhin erft auf, trenn ber Streit entbrannt unb bie Seibenfdjoften 
angefadjt traten. ®te Innungen allein finb im Stanbe organifche Einrichtungen 
ju treffen, burch treibe SDieifter unb ©efetten, auf gemeinfamen ©oben fich ftettenb, 
angeregt trerben, alle ihre ©erljältniffe betreffenben Stagen einträchtig ju ertebigen 
unb gerwürfniffe gütlich beijutegen. ®te fdfjroffe Trennung, welche je^t bie Sieget 
bitbet, fällt mit bem Schaffen eines gemeinfdjaftlichen ©obenS fort, unb es lann 
wenigftenS auf bemfelben fich ein gebeüjticheS ©erhättniß entwidetn. 

S)ie Unterftü|ungSlaffen, Welche jefct mehr ober minber baS einige etwähnenS* 
werthe ©anb bitben, burch Welches bie gufammengehörigfeit ber ©enoffen aufrecht 
erhalten wirb, leiben in ber jefcigen SBirthfchoftSorbnung an ber fich überall geltenb 
machenben ©ereinjetung. Erft burch ^»erftetlung ber ©etoerbeoerbänbe lann auch 
für bie UnterftüfcungSloffen ein organifcher 3«fommenhong gefchaffen unb bie 
SRöglichleit herbeigeführt werben, jebem ©ewerbSgeuoffen, wo er fich befinbe unb 
Wohin er fich wenbe, bie Segnungen ber UnterftüfeungSlaffen ohne ©erlümmerung 
ju fidjern. S)ie ©eftrebungen, bie nach biefer Dichtung ron ben ©ewerlrereinen 
unternommen finb, rerbienen rolle Jtnerlennung, aber fie betreffen nur eine rer* 
fcßwinbenbe Stnjahl. 3n Ermangelung jeber allgemeinen organifchen Einrichtung 
lann bie bezügliche SBirffamleit ber ©ewerlrereine beftenS aboptirt werben; bie* 
felbe barf aber nicht eine Schranle für ©erattgemeinerung ihrer ©eftrebungen 
werben unb nicht etwa barauf gewartet werben, bis es benfetben gelungen fein 
wirb, auch nur bie SJtehrheit beS SlrbeiterftanbeS ju umfaffen. 5)aS UnterftüfcungS* 
wefen muh ben ju einer organifchen ©emeinfchaft jufammengefaßten ©enoffen, ben 
Innungen überwiefen werben. 2>iefe allein finb im Stanbe, baffelbe nachhaltig 
unb attfeitig in bie $anb ju nehmen. 3)ie ©ewerlrereine mögen fich bamit be* 
gnügen, auf biefem ©ebiete ©ionniere gewefen ju fein, unb müffen bann in baS 
große ©anje ber gefettfchaftlich organiftrten ©erbänbe übergehen. 

$et britte bebeutungSroHe SßirlungSlreiS ber Innungen ift bie Sörberung ber 
genoffenfdjaftlidjen ©robuction. 3« erfter Sinie ift es Sache ber einjelnen, behufs 
gemeinfamer tßrobuctionSbetriebe freie fßetfonenrerbänbe unb ©robuctiraffociationen 
ju bitben. 9lngefidjtS ber Erfahrungen, welche in ber bisherigen SBirthfchaftS* 
geftaltung gemacht finb, unb in SBürbigung ber Schwierigleiten, welche bem 
©enoffenfchaftswefen auf bem ©oben unferer SBirthfdjnft erwadjfen, ift eS unjweifet* 
haft, baß biefe Ißrobuctiraffociationen nicht allein auf fich angewiefen bleiben tönnen, 
unb baß fie burch bie Innungen einen ebenfo werthrotten wie unerläßlichen Stüd* 
halt erhalten lönnen unb werben. 3Jlit ben Innungen allein ift es nicht abgemacht, 
um bie ißrobuctinaffociationen ju einer erfolgreichen SBirffamleit ju bringen, aber 
bie Innungen bitben ben erften Schritt baju, baß fie lebensfähig Werben lönnen 
unb nicht öorweg in bem chaotifdjen ©etriebe ber ©egenwart untergehen; fie hoben 
ben ©robuctiöaffociationen, bie fich aus freier Snitiatire gebitbet, einen feften 
©oben ju bereiten, inbem fie bie ©ertretung berfeiben in ©emeiitbe unb Staat 
übernehmen. 

$ie SBahrung ber ^ntereffen ber ©erufSgenoffen, mögen fie fich iw Slffociationen 
geeint hoben ober ihr ©ewerbe einjetn betreiben, ift bie lefcte unb nicht unwefent* 
lichfte Stufgabe ber SnnungSberbänbe. SBenn irgenb woburch lonn burch fie ber 


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Die 6er gegenwärtigen XDirthfdjaftsbemegung. 


77 


atomiftifdjen SerfpKUerung uttferS SBirtljfchaftSfhftemS Slbhütfe geraffen Werben. 
Die freien Sntereffentierbänbe einerfeüs, bic VolfSoertretung anbererfeits tiermögen 
fte nicht ju erfefcen. 3enen fehlt ber Siüefhatt, welchen nur bie Vertretung ber 
©efammtheit gemährt, biefe ift baju berufen, eben bie ©efammtheit jn tiertreten, 
nnb foH ftd) fowenig als möglich in bie Sonberintereffen tiertiefen. Die ©ewerbe» 
oerbänbe nnb nur bie ©ewerbetierbänbe finb bie geeignete $lrena, in welcher biefe 
Sonberintereffen jur Spraye gebraut Werben tönnen unb gebraut »erben miiffen; 
bie VolfStiertretnng fiat bie Berechtigung ber Sonberintereffen ju prüfen unb über 
biefetben in Abwägung mit ben ©efammtintereffen ju entfeheiben. ©ö ift ein 
bebeutungStioller gefellfchaftlicher unb Politiker gortfdjritt, Wenn bie Seibenfchaften, 
Welche mit ben Sonberintereffen unzertrennlich tierfnüpft finb, fi<fj bereits auf ihrem 
Sonberboben abgefüljtt haben unb fie ben ber allgemeinen 3ntereffen gteichfam 
geläutert unb nach bem Verrauchen beS erften geuereiferS betreten. EJlan wirb 
jwar bie ©ettenbmachung ber Sonberintereffen aus ben ©äfen ber VoffSbertretung 
niemals bannen fönnen, aber es ift fd)on tiief gewonnen, wenn für biefe Sonber« 
intereffen eine befonbere ?lrena gejefjaffen ift. Studj ber Regierung fann es nur 
erwünfdjt fein, eine organifcfie Vertretung für bie ©injelintereffen ju haben, mit 
Welcher fie in bauernber Verbinbung bleiben fann, tion ber fie Informationen 
erhalten unb ber fie in erfter Sinie Vorlagen unterbreiten fann. Vei ben ^ö^em 
Seichten ber EBirthfcfjaftSftaffen ber Kauflente unb ber ©ewerbtreibenben, in 
ber Sanbmirthfdjaft finb fofehe Körperfdjaften bereits mit bem nachhaftigften ©r» 
folge eingeführt; um fo weniger bürfen fie bei ben Klein« unb SRittelgewcrben 
fehlen, für Welche baS Schaffen eines organifdjen SufammenljangS unbebingte 5Rotlj= 
wenbigfeit ift. Die Stufgaben biefer SBirthfrijaftStierbänbe finb ebenfo umfaffenb 
wie inhaftSfchwer. 

Vei ben ©rohbetrieben ift bie Kluft, welche bie gabrifanten tion ben Arbeitern 
unb Sehrfingen trennt, eine jo grofse, bah eine Drganifation, Wie im Kleingewerbe 
in EfuSficht genommen, an fich auSgefchfoffen ift. Stur in Vepg auf bie Regelung 
beS VerhäftniffeS ber Unternehmer ju ben Strbeitern beb'arf es befonberer gemein» 
famer 3nftitutionen. ©S ift feine SluSfidjt, ben gefellfchaftlichen Kämpfen ber 
©egenwart, welche ein fo wüfteS unb büftereS Stusfeljen gewonnen haben, ein 
ptöfcticheS ©nbe ju bereiten; aber auSgehenb tion bem ©efidfjtSpunfte, bah 
Schärfe, welche biefe Kämpfe angenommen haben, in erfter Sinie ebenfalls auf 
baS atomiftifche SBirtljfchaftSgetriebe jurüefpführen ift, muh tior allem bafür ge* 
forgt werben, bah ein gemeinfchaftticher Voben gefchaffen werbe, auf Welchem fich 
Unternehmer unb Arbeiter frieblictj nebeneinanberfteHen tönnen. 

SRan hat, inbem man bem Arbeiter bie StrbeitSfeffeln abgenommen unb ihn 
auf baS freie ©ontractStierhältnih tierWiefen, beffen Selbftbewuhtfein bis aufs höchjte 
gefteigert; er würbe tion einer rechtlich unmünbigen ju einet freien SBirthfchaftS» 
perfon; aber biefeS, bie ERöglichfeit, eine höhere Wirthfdjaftliche Stellung burch 
fich felbft ju erreichen, blieb audh fo ziemlich baS einzig SBefenttidje, was er burch 
bie neue SBirthfchaftSorbnung errungen. Diefelbe hat burch ©ntfeffelung ber EBirth« 
fchaft ben Unternehmer in eine weitaus günftigere Stellung tierfefct; berfelbe lonnte 


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78 


llnfcre ,3eit. 


bie äBirthfdjaftSfreiheit gang anberS auSuufcen als bet frei geworbene Arbeiter. 
$>iefer öerglich feine abftracte greifieit mit feiner concretcn Sage, unb je mehr 
burch jene fein Setbftbewußtfein gefteigert war, um fo ungufriebener mürbe er mit 
letzterer, unb es Ijiefje bie menf^Uc^e Statur Oerfennen, wollte man fidj über feine 
(Stimmung gu feinem Arbeitsherrn wunbem. 3>agu lam, unb ^ier rächte es fiel), 
baß jeber nähere Sufammen^ang jtt>iftf»en Arbeitgeber unb Arbeitnehmer burch bie 
eingeführte Freiheit gerfdjnitten War, baß bie Arbeiter ebenfo auf fieß angewiefen 
waren, wie bie Herren ihre 3ntereffen ungebunben wahrgunehmen oermochten. 
93ei biefer Sachlage muffte fidj, genährt burch anbere unheitooDe ©inflüffe, ein 
burchauS unbefriebigenbeS, ja feinbfeligeS ©erpältniß gwifeßen Arbeitgebern unb 
Arbeitnehmern entwiefetn. 

2>ie unerläßliche ©orbebingung, ben burch bie gerfefeenben ©inflüffe unferer 
SBirtljfchaftSgeftaltung arg gehörten gefeflfchaftlichen Stieben herguftelten, ift, gwifeßen 
Arbeitern unb Unternehmern ein gemeinfameS ©anb gu fließen, eine ^nftitution 
gu fchaffen, in welker fie ihre beiberfeitigen Qntereffen gum Auftrag bringen. Als 
hierju oorgugsweife geeignet erfcheint bie ©rridjtung oon ArbeitSfammern, ffiinigungS» 
ämtern, Wie fie mit ffirfotg SRunbeüa in ©nglanb inS Seben gerufen. Sie finb 
nicht gu üerwechfetn mit unfern ©ewerbe* unb geplanten SchiebSgeridjten. Sefctere 
treten in Sunction, toenn fchon Streitigfeiten ausgebrochen finb; jene finb bagu 
beftimmt, fie au oerhüten, unb fielen barauf hin, fämmttiche Angelegenheiten ber 
Arbeiter mit ben Unternehmern im OorauS gu regeln, unb erft bann bei auSge= 
brochenen Streitigfeiten biefelben gu fehlsten.*) 3)iefe ©inigungSämter unternehmen 
es für eine beftimmte Seitbauer, eine ©inigung über fämmttiche ©ertragsbebingungen 
herbeigufüßren, b. h- über bie Sohnhöhe, bie SeftfteHung ber ArbeitSftunben, über 
bie Art ber Soljngahlung, übet bie Dualität ber Arbeitsmittel u. f. W. Die 2Jtög= 
tichfeit, baß ein ©inberftänbniß nicht ergielt Wirb, ift freilich nicht auSgefcßloffen; 
biefeS fann aber nicht Oon ©infüßrung einet 3nftitution abhalten, oon welcher 
mit Sicherheit git erwarten fteht, baß fie im gewöhnlichen Saufe ber Singe bie 
ihr geftettte Aufgabe erfüllen Wirb. 3efct ift ber Streit gwifcheit Arbeitern unb 
Herren bie Sieget; burch bie ©inigungSämter Wirb als Siegel ber Stiebe herrfchen. 

Sticht nur bie materiellen ©rfolge, bie baburch ergielt werben müffen, baß beibe 
Sactoren friebtich |>anb in $anb gehen, auch bie moratifcljen unb politifdjen ©r= 
folge, bie hietburdj ^erbeigeführt Werben, fallen fchwer ins ©ewicht. 3n ber burch 
bie ©inigungSämter für Arbeiter unb Unternehmer eingerichteten Snftitution ift 
beiben eine ootlftänbig ebenbürtige Stellung einguräumen; ^ierburt^ nimmt bie 
theoretifefje ©leichberedhtigung beiber eine wefentlich praftifdje ©eftaltung an. Sßenn 
bie Arbeiter mit bem Unternehmer an einer gemeinfamen ihre beiberfeitigen 3ntcr-> 
effen behanbelnben Snftitution theitnehmen, fo fchwinbet trofc ber ungleichen SebenS= 
ftellung baS ©efühl ber Unterorbnung, es wirb minbeftenS beträchtlich getinbert. 
©or altem aber fühlt fid) ber Arbeiter nicht mehr wie jefct bem $errtt gegenüber 
beim ßontractsfchtuß oereingelt unb hält fi<h feinem SOtachtgebot unterworfen; er 


*) ©gl. baS englifche ©efefc Oom 6. Aug. 1872, 35. 3G. Victoria, Chapt. 46, mitget[)ei(t 
Oon ©rentano: „$aS ArbeitSOerbältniß gemäß bem heutigen Stecht." 


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3)te <3tele öer gegenwärtigen lüirthfchaftsbewcgung. 


79 


weih, feine Sollegen ftehen hinter ihm, bie in ©emeinfchaft mit bent Unternehmer 
pactiren. gugleich gewinnen bie Arbeiter bei biefen ©erhanblungen einen ganz 
anbem ©inblic! in baS toirt^fc^aftlic^e ©etriebe, als es bei Sonberabmadjungen 
möglich ift bei benen fie jeben Sohnfajj nicht nur als niebrig, fonbern als ungerecht 
bezeichnen Werben. ®afj ber Unternehmer jebem Arbeiter, ben er engagirt, bie 
WirthfdEjafttichen ©erljältniffe auSeinanberfefct, ift Vorweg auSgefchloffen; bei ben 
gemeinfamen Unterhanblungen fann es nicht ferner werben, ben Arbeitern zur 
©rfenntnijj ju bringen, bah ber Sohnfafj nicht ein wiHfiirlieh gegriffener, fonbern 
gemeinhin ein Don ben wirtljfchaftlichen ©erhältniffen unumftöhlich gebotener ift. 
$ie Arbeiter muffen halb inne werben, bah alle, nicht nur fie, bie Slrbeiter, ben 
allgemeinen Wirtljfchaftlichen SSerhältniffcn unterworfen finb. Unb inbem ben 9tr= 
beitern Gelegenheit gegeben wirb, ihre Rechte geltenb ju machen, werben fie öon 
bem wiiften potitifdjen Treiben abgezogen. Sene ^nftitution Wirb für ben Staat 
ein Sicherheitsventil. ®aS politifdje Stimmrecht, baS ben Slrbeitern eingeräumt 
ift, wiegt ihrer wirtljfchafttiehen Sage gegenüber bodj ju leicht, darauf aber, bah 
ihnen ©elegenheit geboten wirb, für biefe nachhaltig zu wirfen, Wobei ihnen zugleich 
ftetS baS 2Rah beS (Erreichbaren Vorgeführt Wirb, Werben fie Volles ©ewicht legen. 

Such baS Suftanbefommen biefer SlrbeitSfammern (©inigungSämter) barf nicht 
ber Initiative ber ©etheiligten überlaffen bleiben, fonbern fie müffen bei ihrer 
weitreichenben SBicfjtigfeit eine allgemeine ftänbige Snftitution ber SBirthfdjaft 
werben. SBie bei ben Kleingewerben bie ©ewerbeverbänbe, foHen fie bei ber 
©rofjinbuftrie ber Kitt Werben, Welcher bie auSeinanbergefaüenen Sactoren beS 
SBirthfchaftögetriebeS zufammenljält. 

SBohin Wir hören, überall tönt uns ber 9?uf entgegen: fort mit ber ©ereinzelung, 
Schaffung von ©erbänben! ©rft feit ber Staatenbilbung tonnte bie 3Jienfcf>^eit 
Zur bollen Sulturentwicfelung gelangen; bie ©ereinigung ber ©emeinfehaften 
Zum StaatSverbanbe hat baS ©emeinbeleben nicht ertöbtet, fonbern gefräftigt. 
$aS Sufammenfaffen ber wirthfchaftlidjen ©erufe, welche unter ber BwangSwirtlj* 
fdjaft beS ffltittelalterS entarten muhten unb bann unter bem $range nach inbivi* 
buetler Freiheit in chaotifche Sltomiftit gcrathen fmb, wirb unter bem georbneten 
Staats* unb ©emeinbewefeit eine neue ©h a f e ber menschlichen (Entwicklung herbei* 
führen, unb bie Einfügung ber wirlhfchaftlichen ©emeinfehaften in ©emeinbe unb 
Staat einen gefeöfdjaftliehen ©au aufrichten, ber bon weitreichenber culturljiftorifcher 
©ebeutung werben Wirb. 


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Srifdje Huftönlre. 

IL 


$)er itif^e ßanbwirth ift leineSWegS ein folget Stebolutionär, wie man nach 
ben Vorgängen bet testen SKonate glauben lönnte. (Sr formutirt feine XBünfche 
gewöhnlich als bie btei F — als Fixed Tennre, Fixed Rent unb Free Sale — 
fefte ©a<f)t, feftet 8inS unb freiet ©erlauf; WaS er ntc^t will, ift Tenancy at 
will, jährlicher ©odjt mit wiWürlicher breimonatlicher Mnbigung unb ber fteten 
Gefahr wiMürlidher ßinsfleigerung, auch nicht, wie gegenwärtig gewöhnlich, baS 
©erbot, baS ©achtrecht einem anbem ßanbwirth §u berfaufen. gut Drbnung ber 
betreffenben Angelegenheiten Wünfcht man bann noch tontet bie Ginfefcung eines 
ßanbgeridjtShofeS für Qrlanb, bem alle fotcfie Sachen jujutoeifen Wären. Anftatt 
Fixed Rent fagen anbere Fair Rent, gehöriger 8»nS, Welker alle 10 3°h te 
bom Gerichtshof nach bem SJurchfchnittSpreife ber ^auptprobucte in ber borljer» 
gehenben zehnjährigen ©eriobe im betreffenben SBejirfe feftjufefeen wäre, ju welchem 
SBehufe bas Gericht offidetle SJerjeichntffe ber äRarftpreife in ben betriebenen 
Sejirfen halten foHte. Allein bei folget ©eftimmung beS „gehörigen 8«nfeS" nach 
ben XJurchfchnittSmarltpreifen fcheint es fdfjwierig, fich über bie ©afiS bet Seredh* 
nung ju einigen. $>er eine will j. S. baju ben ©reis ber ©utter, ber anbere 
ben beS SRinbbtehS nehmen. Auch bürfte bei foldfjer periobifdjen Abfchäfcung beS 
SinfeS bie Unficherheit ber ©acht berbleiben, »eiche einen hauptfädhlidjen ©efchwerbe* 
punlt ber ©ächtet ausmacht. ®er ©achter würbe fich freuen, fein Kapital anju= 
legen, unb fich in feinen Unternehmungen gehinbert finben, weil bei jeher JReufdfjälung 
ber ©achtjinS gefteigert werben, ber ©adhter eine ^erabfefcung, ber Gutsherr eine 
Steigerung beS SinfeS bedangen lönnte; Weber Gutsherr noch ©adhter würbe 
jufrieben gefteHt, Unruhen würben nidht oerhinbert, bie irifdhe Sanbfrage alfo nicht 
aus ber SBelt gefchafft Werben. SBirb bagegen ber 3inS ein für allemal bei langer 
©achtfrift feftgefefct, fo geniest ber ©achter alle wefentlidfjen ©ortheile beS Gigen* 
thums, toähtenb ber Gutsherr eine regelmäßige SinSentricijtung erwarten barf, 
weil et in bem ©adhtred)te beS ©achterS ein Unterpfanb h°t, beffen ©erlauf 
er erforberlichenfalls erzwingen lann. $aS übliche ©erbot beS ©achtredjtberlaufS 
außer unter Gontrole beS Gutsherrn bereitet bem heruntergelommenen ßanbwirth 
eine große Schwierigleit. ®er Gutsherr fucßt bie Sieupacßt unter feiner Gon* 
trole zu halten, um bie etwaige Gelegenheit zur ßinSerhöhung benufcen zu Iönnen. 


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3rifcfje ^uftänöe. 


8f 


@S Wirb Weiter gewünfdfjt, bem Sanbwirth, ber fällig unb geneigt ift, eine 
Sanbwirtljfchaft als ©igentljum ju erwerben, unb (Gelegenheit baju ^at, ben SBeg 
baju freijumachen. Sine befonberS große ©djwierigteit für einen nicht feßr 
bemittelten Käufer ift bie große Koftfpieligteit unb unerhörte SEBeittäufigteit, Welche 
bie #erfteKung ber VerleihungSfcljrift (Conveyance) üertangt, bie §ur (Sicherung 
beS SitetS unb jur Voflenbung beS Kaufs bei einem (Grunbftücf erforbertidh ift. 2J?an 
Weiß tion gälten, wo bie EJ?ergamentSurfunben über Abtretung unb Verleihung 
eines (Grunbftücfs gegen 30 ißroc. beS KauffctjiBingS tofteten! Unb babei bie rounber* 
bare Umftänbtictjteit unb SangWierigteit beS Verfahrens, wie abfd^recfenb muß baS 
für einfache Vauern fein! VefonberS finb es bie gibeicommiffe, bie Seibgebinge, 
bie £>hpothefen unb StetjnticheS, was bie Abtretung unb Verleihung fchwierig unb 
toftfjjietig macht. SBenn baS aßeS abgefchafft werben tönnte, fo würbe baS Sanb 
batb benjenigett in bie $änbe faßen, welche ben nädjften, nüfctiefcften unb beften 
(Gebrauch baöoit machen tönnen. ©S ließe fich bann aßmähtich an bie <Steße beS 
gegenwärtigen ©hftemS einer Keinen Slnjahl großer ©igenthümer, beren Sänbereien 
burch Rächtet befteßt werben, baS einer großen Slnjaht üon Vauern feiert, welche 
ihr eigenes Sanb befteßen, in ihren eigenen Käufern wohnen unb bie grüßte ihrer 
eigenen Strbeit unb StuSlagen ernten. 9Kit biefem ©hftern ift bereits ein nicht 
unerheblicher Stnfang gemacht, Welcher, unter großen ©chwierigteiten ins SEBerf 
gefefct, baffetbe bennoch atS lebensfähig bewährt hot. Stach ber Stufhebung ber 
angtifanifchen ©taatstirche in Srtanb Würben bie auSgebehnten ßänbereien ber» 
fetben an bie Rächtet, bie baS VorfaufSrecht erhielten, unb an anbere Sanb* 
wirttje öerfauft unb bamit eine Stnjaht t>on greibauergütern, (Gehöften, welche ben 
Sanbwirthen eigenthümtich gehören, gefdjaffen. ©inige woßen nun jwar behaupten, 
es fei teineSWegS ber erhoffte ©rfolg erhielt Worben, bie Vauern feien burdfj beu 
Vefifc ihres ©igenthumS teineSWegS $u fleißigen, unwichtigen unb Wohtljabenben 
Sanbwirthen geworben. Sodj biefe Vauern finb größtenteils erft fünf 3atjre 
©igenthümer ihrer SBirthfcfcaft, unb eine Keine Strafft ausgenommen, Welche ben 
ganjen Kauffchifling auS eigenen ßJtittetn entrichtete, begannen fie ihre greiwirttj» 
fdjaft mit einer fcfjweren, bem Staate jufteljenben Shutbentaft unb nach ben 
ßhweren SluSgaben für bie VerteihungSgebühren. ©S würben im ganzen 6000 Vauern 
©igenthümer Don Kirchentanb. Von ihnen entrichteten beim ©intritt in ihr ©igen* 
thum 5000 nur einen Keinen Sheit beS KauffchißingS unb untertagen einer in 
einer Stnnuität Don 10—30 Satjren zahlbaren fptjpothef ober contrahirten eine 
Stnteihe ju 4 ißroc. Egntereffen. Sie Sanbwirthfchaften in ben Kirdjentanben waren 
meiftenS Kein unb entrichteten einen 3iuö oon nur 12 t|Jfb. St. burchfchnitttich, 
WaS beträchtlich unter bem Surcfifchnitt fämmtticher Sinfe in Egrtanb (20 ißfb. ©t.) 
ift. Sabei Würbe ber 3i«Sfafc in bem Kirchentanbe für fchr hoch angefehen unb 
bie tßädjter Waren meiftenS feljr arme Seute. Sie geifttidjen (Grunbtjerren hotten 
nur auf SebenSjeit Vefifc, fie hotten teine gamitieutrabition aufredht ju erhalten; 
eS war ganj gewöhnlich, *baß ber neue Vfrünbnet beim ©intritt in ben Vefifc ben 
3inS erhöhte. Sie geiftticfcen Herren hotten teine Verantaffung $u SDtctiorationen, 
bie Pächter hielten fich für Weniger gefiebert als auf erblichen (Gütern. Siefe Kirchen* 

Unffre Seit. 1881. II. 0 


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82 


Unfere <3eit. 


lanbe lagen größtentbeilg int (alten unb feuchten -Korben unb SKorbweften Stlanbg; 
weite ©trecfcn beftanben aug woraftigem unb gebirgigem ©oben in ben ©raf» 
fünften germanagb, I^rone, Derrt), Donegal, Slrntagh, Gaüan. Die fianbe ent» 
hielten 9000 Sanbwirtbfcboften in jährlicher ©acht, an 5000 ©achter machten oon 
bem ©ortaufgrecbte ©ebraucf). Der ftaufpreiss betrug ben 23ma(igen jährlichen 
©adjtjing, wag lwb e r war als ber in bortiger ©egenb übliche 3J?arttf)reig. Die 
Sanbwirtfie (auften fiel) meifteng in ben fahren 1873—76 ein, weldje gute ©rnten 
trugen. Den Käufern würbe freigeftellt, beim Äauffcbluß nur ein Viertel beg 
ßauffc^ittingg anjujabten unb ben 9teft als .^gpotfje! ju 4 ©roc fteßen ju taffen. 
Diefe armen 2eute Ratten alfo einen Ijoijen ©reis für ißre ©üter ju jaulen unb 
bie ärmern ben fjöctjften. Daju (amen bann bie (|o§en ©erleihuttgS» unb 
gebühren. 9tur burdj ganj außerorbentlicbe Slnftrengungen unb bie äußerfte Spar» 
fam(eit warb eg ben Sanbleutcn möglich, ißre SBirtbfcbaften ju erfteben. Ginige 
befaßen ©rfpamiffe, bie fie jefct beroorfudjten; oiele malten ficb ©elb bureb ben 
©erlauf if)reS ©iebftanbeS, ft^ufen aber bamit eine neue große ©cbwierigteit für 
ben ©etrieb ber SEBirtbfcbaft; bie meiften erborgten ©elb unb batten bafür ^ntereffen 
ju 4—20 ©roc. ju entriebteu. ©inige erhielten bag erforberlicbe ©elb üon greunben 
unb ©erwanbten in Slmerifa. Solche Unterftüjjung bet in ber Heimat jurücf» 
gebliebenen ©erwanbten burtb 3ren im SluSlanbe ift betanntlicb nid^t feiten. 9?a<b 
autbentifdjen ©ereebnungen beliefen ficb bie t>on foldben an ©erwanbte, Steltem, 
ffittber, ©ef<bwifter remittirten ©ummen oom 3abre 1846 big ©nbe 1866 auf 
14,830000 ©fb. ©t. ©in SDiann erhielt jur ©eibülfe bei einem ftircbenlanb» 
(aufe bie Summe bon 100 ©fb. ©t., bie feine Töchter, ©rüber unb ©cbweftem 
in «ß^itabetp^ia unb ©bicago, arme fieute, Dienftboten, ©ommig, ang ihren ©r» 
fpamiffen jufammenbraebten. 9Kan fiebt atfo, baß biefc Sanbwirtbe, feitbem fie 
alg ©igentbümer anfingen, burd) oiele ©cbwierigfeiten jurücfgebalten worben finb. 
Dennoch bat bie Äircbencommiffion niematg nötbig gehabt, wegen SKicbteinbattung 
ber BablungStermine gerichtliche ©ebritte ju tbun. Die ©üctftänbe in ben ber 
ßommiffion febutbigen 3«bI un 0Cit ber ©auem beliefen ficb ©nbe 1879 auf 10 ©roc. 
beg fälligen ©efammtbetrageg. Diefe SlöfdjlagSjablungen Waren meifteng größer 
alg bie frühem ©acbtjingjablungen. ©injetne ©eböfte, bie Wieber üer(auft Würben, 
erlangten b°b e ©reife, }. ©. ein ©eböfte in Donegal, 1874 um 438 ©fb. ©t. 
getauft, würbe 1879 um 1000 ©fb. ©t. wieber oertauft, ©in anbereg in Down, 
1873 um 67 ©fb. ©t. getauft, würbe 1878 um 190 ©fb. ©t. oertauft, ©ier 
Arbeiter, bie 1877 aug Slmerita mit mehrjährigen ©rfparniffen jurücffebrten, ficb 
bann ein halbes gabr in ben ©täbten beg SanbeS aufbietten unb bort einen 
Dbeil ihrer ©rfraraiffe jufefcten, tauften ficb e ' n ©mnbftücf oon 80 StcreS, ein 
SRoorlanb, welcbeg tbeilweife urbar gemacht war, um 670 ©fb. @t. 3m Sabre 
1880 war ißre SBirtbfcbaft trefflich aufgebeffert unb in gutem ©etrieb. Sie hotten 
jWei ftattlicbe SBobnbäufer mit ©cbieferbäcberu, einen üoUftänbigen ©iebftanb. 
Ütucb bie ungünftigen 3 a bre 1878 unb 1879 hoben bi? fiebere unb unabhängige 
Stellung unb ben SDtutb ber greibauern nicht erjebüttern tonnen. Sn ihre« SSirtb* 
feßaften wirb überall mit ÜDielioratiouen fortgefahren; eg wirb gebaut, neue Käufer 
unb Ställe, Scheunen unb 3äune entfteben, lanbwirthfcbaftlicbe SDiafcbiuen werben 


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3rtfd]e <5uftän&e. 


85 


angefcßafft. 3)er SBirtß Brauet jefet nid^t ju fürtßten, baß auf jebe neue 2luf= 
befferung eine Erßößung beS folge. 

infolge ber Serfügungen ber Sanbacte Don 1870 fiub gegen 1000 ißätßter Eigen* 
tßümer ißrer SBirtßfcßaften geworben. Sie Sanbmirtßfcßaften umreit größer, als 
bei ben Sircßentanben ber Saß War, unb Ijier mußte ein drittel beS ÄaufftßißitigS 
fofort angejaßlt Werben. Sie ßoßen 3 a ßtungen unb bie niebrigen (Erträge ßaben 
biefe Säuern ferner gebrüdft, beffenungeaeßtet ßaben fie gute Sortfcßritte gemalt. 
SieS mar meiftenS fogar unter feßr ungünftigen Umftänben ber galt. 3- 93. in ber 
©raffeßaft Stjrone, an ben testen ©renjen ber bureß Reifen unb üDioor üorge* 
feßobetten Sultur, taufte ber ißaeßter, ein ßJtann bon 75 Saßren, im 3aßrc 1875 
feine Heine SBirtßftßaft um 185 ißfb. ©t. Er erborgte baju oon einem Sßatßbar 
150 Sßfb. ©t., unb im 3 a ß^c 1879 ßatte er bereits baoon 100 ißfb. ©t. juriief* 
gejaßtt. ©otiße Seifpiele ließen fieß in großer SRenge aufaäßlen. Siefe Stnfänge 
ergeben atfo, baß baS ©ßftem ber auf freiem Gigentßum fißenben Säuern mit 
©taatSunterftüßung etwa in ©eftatt oon Sarleßen auf ^ßpotßef ju 3 ’/ 2 —4 5ßroc., 
in woßt bureßfüßrbar wäre. 

9tun trat aber bereits im 3faßre 1878, noeß entfeßiebener im gaßre 1879 
wieber eine SRiSernte ber £>auptbrotfrucßt beS SanbeS ein. ©in neues 1846 feßien 
ju befüreßten. Sa bitbete fitß, eingebent ber Seßren jener ©cßrectenS^eit, unter 
ber güßrung ißarnefl’S, beS berebten ÜRitgliebeS für bie irifeße ©eeftabt ©ort im 
britifißen Parlament, wo er ber güßrer ber iriftßen üftationalpartei ift, ber irifeße 
Sanbbunb, weltßer, inbem er rafcß 3>t>eig0ereine in jeber ©tobt SHanbS, bann 
aueß in ben meiften ©täbten ber Sereinigten ©taaten bilbete, buriß organiftßeS 
3nfammenwirfen fi<ß ju einer großen Süiacßt geftaltet ßat. Ser Sanbbunb (Land 
League) be^wedt, an bie ©teile ber gegenwärtigen ©oncurrcnj, bie fitß gegenfeitig 
jerftört, Kooperation, bie fitß gegenfeitig unterftüßt, ju feßen, unb junäcßft bie 
Agitation jur grünblitßen Reform ber irifeßen Sanbgefeße ju betreiben, ju welcßem 
Seßufe er als teitenbe ißrincipien aufftettt: es foll nur billiger ißatßtjinS entritßtet 
werben; niemanb foß ein ijSatßtgeßöfte anneßmeu, Oon Welcßem eiu anberer Sanbwirtß 
auSgefeßt worben ift. 35er Sanbbunb gibt alfo feinen Sßtitgliebern bie SBeifung 
jut Sercinigung gegen übermäßige Steigerung beS ißacßtjinfeS; ber für eine Sanb» 
wirtßfcßaft entritßtete 3it*S fei burcßauS fein SDtaß für ben SBertß biefer Sanb* 
wirtßfcßaft; er fei im aflgemeinen Rack Rent, ein 3inS, ber ben ganzen ober beinaße 
ben ganzen ©ewinn Oom ©rtrage ber SBirtßfcßaft aueß bei guter Ernte ßinweg* 
nimmt, ber baßer bei ftßlcdßten ©rnten gerabeju ungereeßt unb unerträglicß wirb. 
SefonberS aber rießtet fitß ber Sanbbunb gegen 9(uSfcßuug unb beSßalb gegen 
Uebetnaßme einer Sanbwirtßfcßaft, aus welcßer ber oorige ißaeßter auSgefeßt ift. 
Sie StuSfeßung, teßrt ber Sanbbunb, ift baS SOiittcl, burd) welcßeS bie ©utsßerren 
ben 3»nS in bie $öße treiben, welcßeS ißnen bie Sföatßt über Sebcn unb Sob in 
bie £>anb gibt; biefelbe ift ber ©dßlüffel ju ißrer ©itabeße. 

Hebet bie SluSfcßungen, wie fie jur 3eit ber großen fmngcrSnotß auSgefüßrt 
Würben, b. ß. $u einer 3eit, wo ber Soben ben Ertrag oerfagt ßatte, bie Säuern 

6 * 





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8« 


Unfcrc <3«t. 


beShalb ben SinS nicht bejahten tonnten, fprach f<hon @ir Stöbert ©eel, bet ba= 
malige Premier unb güljrer ber Eonferbatiben unb ©utsbepfcer, mit Entrüftung, 
inbem er unter anberm bie SluSfage beS MajorS Madie über eine Steilie bon SluS; 
fe|jungen, bie auf ben ©ütern beS MagiffratSherrn SBtafe in ber ©raffctjaft ©atmaty 
ftattgefunben, aus bem ©ericht ber Slrmengefe^commiffton citirte: „ES fteßt fi<h 
heraus, baß biefe gemattfamen SluSfefcungen in ungefefcticher SBeife ftattfanben ohne 
borauSgehenbe Sünbigung, unb baß fte unter fehr gtaufamen Umftänben ausgeführt 
mürben. ©ie mürben meiftenS in ber Stacht borgenommen: am SteujahrSabenb. $ie 
ßeute mürben mit ©eroatt aus ihren Käufern getrieben mit ihren hütftofen Sinbern, 
an einer üben Stifte im SBeften, in einer mitben SBinternacht. Einige ftinber maren 
tränt, unb bie Leitern flehten, fie ju fronen unb bis jum borgen in ben £>äu» 
fern ju taffen; aber ihr ©itten um ©armherjigfeit mar bergebtich. ©on ihnen pnb 
biete Sinber feitbem geftorben. 3<h h a ^ e bie Stuinen biefet Jütten befucht, met<he 
bon ©tate’S SBoIjnhauS nicht meit entfernt pnb; ich fonb, bafj biete bon ben un= 
gtücttichen Seuten pth noch in biefen Stuinen aufhietten. ©ie maren alte im äußer; 
ften Etenb, biete maren fo fdjmad}, baß pe taum ftehen tonnten. $iefe Stuinen 
pehen auf einer fetpgen tahten ©djafroeibe." $aß nun bie ©utsherren noch beS 
alten ©inneS maren, jeigte fich barauS, baß trojj ober bietmehr infolge ber manget» 
haften Ernte bie Slnjaht ber SluSfefjungen beträchtlich junahm. $iefetbe betrug 
1269 im 3ahre 1876, 1749 im 3 a h re 1878, im Saljre 1879 gegen 3800. 

$er Sanbbunb h a ^ e am 3. Dct. 1880 ein großes Meeting mit Slufjug ju 
Eort. 2tuS aßen feiten ©übirtanbs berfammetten pch bie Sanbmirthe, unter ihnen 
500 ju ©ferbe, bie Stufte unb ©emerte mit ihren ©annern unb bitbeten einen 
Slufjug bon 30000 Mann. $er Sug enthielt 14 Ableitungen, je unter bem 
©orantritt eines MufifcotpS. 5)er Maire unb ©tabtrath (Corporation) ber ©tabt 
begaben fich in ihren AmtSroben nach ber Eifenbahn, mo fie ©arneß bei feiner 
Anfunft emppngen. ®iefer banfte für fotdjen ©emeiS ber Anerfennung feines 
©erhattenS im ©artament. Mit bem SBahtcomite ber ©tabt unb bet tathotifchen 
©eifttichteit an ber ©pijje bemegte fich nu u ber §ug burch bie ©traßen nach bem 
©arf, mo bas Meeting gehalten rnerben faßte, untermegS bon ber ©otfSmenge 
enthufiaftifch begrüßt; fefttidj geßhmüdte ®amen befehlen aße genftcr; h* er unb 
bort brängte p<h eine ®ame jum SBagen, in metchem ©arneß fußt, unb über; 
reichte einen ©tumenftrauß. 9?acf)bem im ©arf eine ©ebnerbühne aufgefdjtagen 
mar, bie ©erfammtung fich jum Meeting georbnet unb jubörberft ben Antrag, 
baß bie Anmefenben fich bet gegenmärtigen ©emegung jum ©eljufe ber SReform 
beS SanbgefefceS anfdjtießen, angenommen hotte, trat ©arneß, einen ©tumenftrauß 
in ber £>anb, bor. Er fprad): ,,9?ad) bem großartigen Empfange, mit bem ©ie 
mich geehrt hoben, bürfte eS nicht angemeffen fein, ©ie hier tange Seit aufjuhalten. 
2>aS ©olf SrtonbS ift. gegenmärtig in einem ernften Sampfe begriffen um baS ßanb 
beS SönigreidjeS, beffen eS bor fieben 3 a h r h un berteu gemattfam beraubt mürbe. 
SBir h°ffen, innerhalb turjer griff biefe Surüdfteßung beS SanbeS erlangen ju 
tönnen, metche bem ©otfe beS SönigreidjeS gebührt, (©eifaß.) SBir finb ber* 
pflichtet, Srlonb mach ju rufen, bie Aufmerffamfeit ber gebitbeten SBett auf 
bie brücfenbe Unbiß unb ©efchmerbe, bie in Srtanb obmattet, ju tenfen. Unb 


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3rifcße ^uftdnöe. 


85 


wenn man einen ©tan üon uns üertangt, fo fagen mit, baß eS nicht unfere 9luf= 
gäbe ift, ©tane gu entwerfen. SBir finb nic^t englifcße 9Jtinifter, bie fotcße Sefug» 
niß über unfer Sanb beanfßrucßen. Unfere Saiße ift, bem ©ölte Urlaubs in 
(Erinnerung gu bringen, was feine SKationalrecßte auf ben Soben grlanbS finb. 
$aS ©runbßerrfcßaftswefen (Landlordism), eine ©eranftaltung gurn ©eßuf ber 
Stufredjtßattuug ber engtifcßen $errfdjaft in grtanb unb gum ©eften ber SBenigen 
gegenüber ben Sieten, wirb fallen müffen. (Seifaß. (Eine Stimme: «Sorb 9Ront= 
morris fiel!») (Es fiel in ©reußen. $ie Sanbwirtße befaßen bort bie fefte ©ad)t 
nach abgefdjäßtem SinS, allein biefeS Softem ber feften ©adjt nach abgefdjäßtem 
3inS etmieS ficß für bie preußifcßen Sanbwirtße fo unerträglich, baß ber Staat 
genötigt war, eingufdjreiten unb bie Siechte ber ©ranbßerren auf baS Sanb auf* 
gußeben. (©eifall.) ©ei einem Stjftem bes SanbbefifceS, welches weit geredeter 
war als baSjenige, welkes Wir befijjen, einem Sßftem, baS unter ber ©enennung 
ber feften ©ad)t gegenwärtig üon üielen ernften, eifrigen unb berufenen Scannern 
für grtanb empfohlen Wirb, war eS bemtocß in ©reußen erforberlicß, nocß weiter 
gu gehen unb gu gewähren, was wir heute für grtanb wünfcßen. (©eifall.) 
5)er $önig non Preußen ftetlte ben ©runbljerren eine grift üon gwei gaßren, 
innerhalb welcher fie ißren ©altern beten ©eßöfte üerfaufen faßten, inbem er 
gugteicß erflärte, falls fie ftd) innerhalb biefer grift über ben Kaufpreis mit ben 
©ädjtern mcßt einigen fönnten, fo werbe et einfehreiten unb baS Sanb felbft über» 
tragen. $ie ©runbljerren unb ©achter tonnten ftd) nid)t über ben ©reis einigen, 
unb ber ®önig fcßritt alfo nad) ©erlauf ber gefegten grift ein. @r übergab ben 
©äcßtero ißr Sanb als ißr eigenes (©eifaß) unb entfcßäbigte bie jweußifcßen (Ebet= 
teute burcß Staatsfcßulbfeßeine gu 4 ©roc. Sntereffert. ®ie gntereffen biefer 
Sdjutb ßatten bie ©ädjter gu entrichten Wäßrenb einer grift tton, Wie ich glaube, 
40 Sapen, unb nach Verlauf biefer grift war Weiter nichts gu entrichten. SBir 
Oertangen heute eine Slnorbnung auf einer ähnlichen ©runblage, inbem wir behaupt 
ten, Was ©reußen am Slnfang beS gaßrßuttbertS auSrichten tonnte, fann (Englanb 
morgen leiften ober boch in furger grift. (©eifaß.) geh glaube bieS, unb es 
faßte mir feßr leib tßun, fatfeße (Erwartungen gu erregen; ich bin jeboch ooUftän* 
big übergeugt, baß, wenn bie Seute unferS SanbeS unferm Statß folgen, wir in 
furger 3eit an gwei drittel ber irifeßen Sanbe oon ben ©runbßerren an bie Sanb= 
wirthe übertragen werben (©eifaH), unb bie wäßrenb einer grift oon 35 gaßren 
oon ben Sanbwirtßen gu leiftenben 3aßtungen werben weit geringer fein als bie 
gegenwärtigen ooHen 3*ufe, welche fie gaßlen müffen. (Sine Stimme: «SBir 
Wollen ißnen geben, was Sorb 9JtontmorriS erßielt!») 

„SBäßrenb ber näcßften ©arlamentsfeffion wirb baS 9Jtinifterium ©labftone oiel» 
leicßt nidjt im Stanbe fein, bie grage gu fcßlicßten. gcß ßalte eS für waßr= 
fcßeinlicß, baß baS gegenwärtige SKinifterium unS einige wertßlofe 3ugeftänbniffe 
bringt, bie nießt Werth ßnb, üon uns angenommen gu werben, gcß bin jebodj 
übergeugt, baß, je länger bie (Erlebigung ber grage oerfeßoben wirb, ben ©runb» 
ßerren befto fcßlimmere ©ebingungen gutßeil werben. (Sautet ©eifall.) (Es 
würbe für fie beffer fein, jefct ßerangutreten unb ben irifdjen Sanbwirtßen ©or= 
feßläge gu maeßen; benn icß ertläre ßier, baß, wenn fie eS nießt halb tßun, wir 


lui. 


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86 


Unfere ^cit. 


al« Sieger aus bent Snmpf Ijerüorgehen unb im Stanbe fein Werben, unfere eigenen 
©ebingungen üorjufdjreiben. Solange noch etwas oon ber alten ©ewohnheit 
ber $ienftbarfeit unb beS fncdEitifc^en ©ehorfantS unter ben irifcben Sanbwirthen 
twrbanben ift, mögen bie irift^en ©runbberren h*rt*ortreten mit ihren ©orfchtägen. 
SBir haben bie unferigen üorgelegt unb finb aus Xbeilnabme an ber SBobtfabrt 
ber $anbels!taffen, ber Arbeiter, jeber Stoffe, Welche bur<b fleißige Arbeit bas 
Siecht im Sanbe ju leben erwirbt, entfcbloffen, unfer ÄeußerfteS ju tbun, 3rtanb 
ruhmreich, glüdlich unb frei ju machen (lauter ©eifafl), bie SJiacht, 3 *Ianb ju 
regieren, bem engtifchen ©olle auS ber §anb ju nehmen unb in bie $anb unferS 
eigenen ©olfeS ju geben. (Sanier SeifaB.) ©ntßhloffen, Wie wir finb, jene 3iele 
ju erlangen, erachten wir, baß baS nur möglich ift, wenn Wir baS Sanb SrlanbS 
fo frei machen, Wie eS war, als bie SBaffer ber Sünbflut eS oertießen." (Sange 
anhaltenber ©eifaß.) 

Xer burch bie Agitation beS SanbbunbeS bewirfte mächtige ®rud hatte bie 
Siothwenbigfeit einer grünblichen Reform ber irifchen Sanbgefefce flar IwrauSge» 
ftellt, eine Siothwenbigfeit, bie nunmehr üon allen Seiten anerfannt Würbe. Unter» 
beffen war aber bie SdjrecfenSjeit über baS Sanb hereingebrochen. $)aS Soll hatte 
baS ©efefc felbft in bie £>anb genommen. $)er #crr beS ©obenS erbitterte Bor 
bem Sflaoen, ber bie Sette bricht. 

©in geheimnißüotteS Jemgericht fd^ien Urlaub ju beherrfchen mit überall gegen» 
wärtigem Späherauge, baS ©erhalten ber SJienfchen in aßen feiten beS SanbeS 
31 t erfunben, mit nimmer fehlenber $anb bie SJlacht über Seben unb Xob ju 
üben. $aS |>aupt biefer geheimnißooBen HJiadjt nannte fi<h „Slort) t>on ben Sergen" 
in fchriftlichen Sunbgebmtgen. SJlan flagte nun allgemein ben Sanbbunb an als 
ben Urheber ber SDlorb», greüel» unb ©ewaltthaten, welche weit unb breit im 
Sanbe im Flamen Siort/S oerübt würben ober Oerübt Worben fein füllten. SlUein 
was üon biefen ©orfäBeit berichtet würbe, war jum Xheil nur SJipthe, °ber 
minbeftenS fehr oiel Uebertreibung. ©ereitS ©right in feiner birmingljamer 
Siebe erflärte biefe Eingaben für fehr übertrieben. 3ebenfattS bleibt noch ber 
©eweiS ju tiefem, baß jwifdjen ben Sanbbünben unb ben ©lörbera unb ffreü» 
lern unter Siorp eine unmittelbare ©erbinbung beftanb. 5Scr Sanbbunb ftellt 
baS entfdjieben in Slbrebe, behauptet oielmehr, offene Agitation an bie SteBe 
geheimer ©erfchwörung gefegt ju haben. SEßaS bann inSbefonbere bie ©efdjulbi» 
gung ber Slufreijung jum SJlorbe, bie man gegen IßameB, ben ißräfibenten beS 
SanbbunbeS, erhob, betrifft, fo grünbete fie fi<h auf nichts, was er felbft gefagt 
hat, lw<hf ten§ auf ben an fich hoch geringfügigen Umftanb, baß währenb einer 
Siebe in einer großen Oon ihm gehaltenen ©olfsoerfammlung bei feinen feharfen 
©enterfungen über bie ©runbljerren Stimmen in ber ©erfammtung auSriefcn: 
„Shoot tlxem!" („©rfchießt fiel"), ohne baß et feine SDiiSbiBigung auSfprach; man 
wirb oielmehr feiner ©rflärung ©tauben beimeffen bürfeu, baß er im ©ifer feiner 
Siebe oor einer tumultuarifdjen ©erfaminlung üon mchrem Saufenben biefe SluSrufe 
Weber üeraommen noch Oerftanben habe, iparnetl ift übrigens felbft ein ©runb» 
herr unb befi|t ©iitcr in ben ©raffdjaften Sßejforb, SSaterforb unb ®ublin. ©r 


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3rifcpe (Juftänöe. 


87 


pat ctft neuerbingS beit PachtginS auf bie SegierungSabfcpäpung (für bie Serecp* 
ttuttg ber 91rmenfteuer) perabgefept. Gr ift, tute bet Plante geigt, nicpt irifcper, 
fonbern englifcper £>erlunft, aud) nicpt ein Satpolit, fonbern ein Proteftant. 

SBenn aud) ber Sanbbunb gegen unbillige ginSfteigerung unb ungerechte 9luS= 
fepung ouftritt, fo ift hoch bomit noch nicht erwiefen, baß er an ben gewaltfamen 
Stitteln, bie gut Durchführung biefer Agitation angewanbt Worben finb, unmittelbar 
betheiligt ift. Die über baS agrarifche Schießen in 3 r Ionb Oerbreiteten ©orftel* 
(ungen fttib {ebenfalls übertrieben, ©eit bent 9luSbrucp ber leptjäprigen Unruhen 
in Srtanb, bis Gnbe Decentber 1880, finb in Srlanb nur fünf agrarifche Storbe 
Borge fallen; im Vergleich mit manchen frühem fahren leineSWegS eine fehr große 
3apl, nämlich t> er Storb bei ©crmalterl gerrid, bei jungen ©opb, beS Sorb 
StontmorriS, beS guprmannS Downing unb beS jungen SEB^celcr. 3m 3 a h te 1850 
fanben 113, im 3 a h re 1851 118 Storbe ftatt nebft 56 unb 14 StorbBerfudjeit, 
62 unb 87 Schuß- unb ©techangriffen, 130 unb 135 Döbtuttgcn, unb fo in fehr 
Bielen gopren / beren ©tatifti! 3opIen ciufmeift, gegen Welche biefe fünf, bie fo 
Biel 2ärm gemacht paben, benn boch Berfchwinben. Das ©erfahren, baS biefe 
9torp=2eute meiftenS anwanbten, beftanb in Ginfcpücpterung unb Drohung unb in 
9tecptung, bem Sopcotting, fo genannt nad) bem £auptmann ©opcott, auf welchen 
baffelbe guerft angewanbt würbe. Der ©etroffene wirb ooHftänbig ifolirt, fo gwar, 
baß niemanb mit ihm honbett, lauft ober Berlauft, ihm bient ober für ihn arbeitet. 

Die Gpifobe ber 9lecptung ©opcott’S ift eine ber bebcutfamften ©egebenpeiten 
ber irifchen Sewegung. ©ie rief bie alte gepbe gwifchen Drange unb ©rün wicbcr 
wach, unb nur burep baS fo rafche ©infepreiten ber Regierung würbe ein 3u* 
fammenftoß Berhiubert, ber ben ©ürgerlrieg, welcher, wie ©labftone bereits im 
'.Parlament gefagt hotte, in abmeßbarer 9tape mar, gum 9luSbrucp gebracht hoben 
würbe. 

^auptmann ©opcott, ber Verwalter ber anSgebepnten ©üter beS ©rafen ©nie 
in ber ©raffepaft Stapo, hotte fich burch fein ftrcngeS ©erfahren bermaßeu ocr- 
haßt gemacht, baß baS ©oll einen fcharfeti ©ann über ihn auSfpracp. 9111er ©er¬ 
lebt mit ihm würbe abgebrochen, niemanb Bertaufte ihm irgenbetmaS, tticmanb 
taufte Bon ihm. ©ieh unb fonftige SBaare, bie er gu Startte fdffdtc, fanben leine 
Säufer. Gr felbft hotte ein ©ehöft gu 2ougp Stall bei Sallinrobe (Stapo). 
^pier lagen 9lnfang Sooember große gelber Kartoffeln, 9tüben, ©etreibe bereit gur 
Grnte, für Welche er bie Slrbeiter ber ilmgegenb gu heuern pflegte; aber niemanb 
Wollte tommen, unb ber Grtrag fepien bem ©erberben preisgegeben. 9US bieS in 
Ulfter, bem 2anbe ber Drange, betannt würbe, mar bie ©ntrüftnng allgemein. 
Stau befchloß, in Stoffe bewaffnet nach Stapo gu giepen unb bem Ipauptmann 
©opcott bie Gmte eingubringen, bem ©olle StapoS gunt Drop. Darauf riefen 
bie Bon Stapo tief erbittert: „Somrnt nur peran, wir finb gum Stampfe bereit!" 
Damit war alfo alles, WaS gum ©iirgertrieg gehört, ooHftänbig oorpanben, ber 
9tu£brucp beffelben unBermeiblicp, wenn bie 'Parteien fiep felbft iiberlaffen blieben. 

Die Regierung fäumte jeboep jept niept, eingufepreiten. 91m 9. 9ioo. 1880 
maepte gorfter, ber ©ecretär (Stinifter) für grlanb, officieH betannt, wclcpe ©teüung 



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88 


Unfere ,3eit. 


bie Regierung bezüglich bet Unternehmung, bem £>auptmann ©opcott mittel« 
3ujug« ton Slrbeitem au« Ulftet jur Anbringung feiner Amte bchülflich ju fein, 
einjunehmen gebcnfe; bie {Regierung toerbe jeber ju folgern ©ehufe erforberlidjen 
Stnjaf)! non fieuten ben au3rei<henbften «Schuh gewähren. 3)ie Slnfammtung einer 
größern Slnjaht, al« baju erforberlich fei, werbe eine ungefefctiche ©erfammlung 
fein. 3)ie jur Sicherung be« grieben« nöthige Xruppenmacht fei nach bem ©ejirf 
beförbert. Slm SRontag Slbenb fpät erhielt ba« 19. {Regiment {mfaren ju Dublin 
plöfctich ©efehl, ftch fofort marfchfertig ju machen, worauf um 2 Uhr in ber {Rächt 
jwei Sdjwabronen unter Oberftlieutenant Xwentuman in ben ©ahnhof einigen, 
Don Wo fie am folgenben SRorgen nach Aaremorri« beförbert Würben. 3)ort traf 
auch ba« 84. Infanterieregiment üom Eurraghlager ein. ©leidjjeitig ging ein 
$etachement be« 76. Infanterieregiment« üon Eaftlebar nach ©alla (SRaho). 3« 
Sallinrobe War bie ffaferne mit Infanterie fo angefüllt, baß bie {Reiterei größten* 
theil« ein 3*ltlager auf bem gelbe beziehen mußte. Slußerbem ftanben mehrere 
hunbert SRann bet bewaffneten {ßolijei (Royal Irish Constabulary) ju ©allinrobe. 
SU« ba« 84. {Regiment bafelbft eintraf nach einem SRarfche üon 20 Kilometer üon 
elaremorri«, waren bie Belte für ba« {Radfjtquartier noch nicht angefommen, unb 
bie ÜRannfchaft mußte bie iRacht hinburdj in ben Straßen umherwanbern. 

3)a« 3Ronaghancontingent be« Strbeiterjuge« jurn Attfafc ©ohcott’8 ging früh 
am 33onner«tag, ben 11. {Roü., unter ber gührung 9Ranning’3 üon Aone« ab 
unb traf an bemfelben SRorgen in Eaüan ein, wo fich ba« ©aüancontingent unter 
$>auptmann Somerfet SRajweü anfehloß. 33er jefct an 60 9Rann ftarle 3ug lam 
auf ber Afettbahn um 3 Uhr nachmittag« in elaremorri« an, wo eine Stunbe 
erforberlich War, um ba« Antegeräth auf bie eifenbahn ju tragen. Unterbeffen 
Würbe bie eifenbahn üon ben Gruppen umfchloffen. eine große aufgeregte SRenge 
fammette fich an, bie au« allen feilen be« Sanbe« üerfammett War; ihre Stuf» 
regung fteigerte fich fortwährenb, hoch lam e« ju leinen tljätlichen Singriffen auf 
bie Ulfterer. e« war fpät, at« bie ejbebition in ©allinrobe anlam, wo gleichfall« 
eine große SRenge üerfammelt war, welche e« jeboch auch Sunbgebung ihrer 
feinbfeligen ©efinnung burch ©runjen unb $ohngefchrei bewenben ließ, ohne ju 
perfönlichen Singriffen ju fchreiten. 33ie Ulfterer Würben für bie {Rad}t in ber 
Äaferne einquartiert, welche üon ben Gruppen burch eine üerboppelte ©Jache gefchüfct 
würbe. 3)ie {Rationaliften erließen eine Slufforberung an ba« ©oll burch Ißfalate, 
ju £>aufe ju bleiben; bie britifche {Regierung möge ihr beäpotißhe« ©erfahren 
unbehelligt jur Schau fteQen. Xruppenabtheitungen rücften fortwährenb in ©allin* 
robe ein; jWifchen biefem Ort unb ©aftlebar ftanben außerbem 7000 SRann Sol« 
baten. SBährenb ber {Rocht würben tro| ber ©Jachfamleit ber SRititärWadje melj= 
rere Schöffe in ben üon ben Ulfterern eingenommenen Hjeil ber fäaferne gefeuert, 
hoch Würbe niemanb üerlejjt. 

Slm 33onner«tag, ben 11. {Roü., fammelte fich üor bem Äafernenthore ju ©allin* 
robe eine große, bidjtgebrängte SRenge, welche fortwährenb ©erwünfehungen, 
$oljngefchrei unb SRachefchWüre gegen bie Drangeejpebition au«ftieß. $auptmann 
Somerfet 2Ra£Wett, ber giihrer ber ©jpebition, würbe befonber« häufig „jur |)öHe" 
gefanbt. Ignjwifdjen harrte fpauptmann ©opcott auf ben ihm burch bie britifche 


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3rtfd?e <3uftänöc. 


89 


SRititär» unb ©otizeimacf)t unb bie Oranger bereiteten ©ntfafc auf feiner ©Sirtl)» 
fdjaft ju Sougfj SRaSf, 10 Kilometer üon ©attinrobe. 2lm 11. Stoü. !am eine 
©efettfchaft Drangegentlemen ju iljm unb überbrad)te ihm ©roüiant unb 3elte für 
bie Arbeiter aus bem -Korben. Stm folgenben ÜRorgen marfchirte bie ©Epebition 
üon ©attinrobe nach Sough SRaSf. ®en ©ortrab bitbete bie ©olizei, beren ©üchfen 
geloben traten. Dann fam ber 3ug ber Arbeiter, ju beiben Seiten üon Infanterie 
gebecft. Die Slrrieregarbe bitbeten zwei Kompagnien Infanterie, Welche bie ©ro» 
üiant» unb ©rennftoffwagen eScortirten. 3um Schluß tarnen einige ©Sagen, welche 
SRagiftratSherren, ben Dberften ©ruce, ©ice»©eneratinfpector ber ©otizei, ©ertreter 
ber ©reffe unb einige SRitglieber beS SanbbunbeS enthielten. Die üerfantmette 
SRenge empfing ben einen Kilometer langen 3ug mit $ot}n* unb 3orngefc^rei unb 
©ezifcfj, hoch ohne weitere Stjättidifeiten. Seit bem frühen SRorgen ftanb an ber 
Sanbftraße, fjot&WegS stoif^en ©attinrobe unb Sough SRaSf, eine Schwabron 
|jufaren, unb üon biefem ©unft an war bie Sanbftrafje mit einer Sinie ©olizei 
befeßt, welche bie Steinzäune unb bie bewatbeten Torfmoore üon ber Sanbftraße 
auS fefjarf beobachtete. 3mei ©lafate ber ©etjörbe ermahnten baS ©ott jum frieb= 
liehen ©erhalten, ©in anbcreS ©lafat, welches üon ber ©olizei weggeriffen würbe, 
fagte: „SRänner ju Kitcotman! ©Sollt ihr geftatten, baß bie SRänner ju Kitmain 
üon einigen Orangemen aus bem Korben niebergetreten werben? Stein, baS werbet 
ihr nicht wollen. Stuf benn, nach Sough SRaSf! Kämpft für euer Seben, euere 
Freiheit, euern Slltar! SJtänner ber ©aronie Staremorris! Sft eine $anb üotl 
Drangemen im Stanbe, SRatjo ju unterjochen? Sucre Antwort fei: fie finb eS 
nicht! Stuf benn, nach Sough SRaSt! Kämpft für euern ©tauben, euer ©ater» 
tanb, euere Sreiheit!" 2llS ber 3 U 9 ben ^mfarenpoften erreichte, lehrte biefer 
nach ©attinrobe gurücf. Der 3“9 rfiefte tangfam weiter, begleitet üon einer bar» 
töpfigen unb barfüßigen SRenge üon ©Seibern unb Kinbern, Welche unaufhörlich 
fchrie, heulte, grunzte unb jifchte, auf bie „Stothröcfe" fchimpfte unb ©etwünfehungen 
auSfticß über ^auptmann ©opcott. Sie fchrien ben Sotbaten ju: „Shr »erbet 
nicht immer in SRatjo ftehen bleiben tönnen!" Dann würbe Stallt), SRitgtieb beS 
SanbbunbeS, Welcher hinter bem 3«9« h err itt, fowie bem neben ihm reitenben 
©ertreter beS „Newry Herald", einer 3eitung, welche im ^aßre 1879 einen Unter» 
ftüfcungSfonbS auStheitte, ein Sebehoch gebracht. Die ©Seiber erttärten fich über» 
zeugt, #auptmann ©opcott werbe binnen furjem tobtgefchoffen werben wie ein 
Kaninchen, wenn er gleich jeßt üon einer „hungerigen Slrmee" beßhüfct werbe. 
Dann fangen fie baS Spotttieb üon ber „hungerigen Strmee", einen betannten 
©affenhauer. Sie fchrien einanber unb ben ©ewohnern ber Käufer, bei benen fie 
üorbeitamen unb benen fie je nach ber ©efinnung ein Sebehoch ober ein ©ereat 
brachten, ju: „©ehattet bie ©rate unb $ahlt feinen 3>nS!" Sitte biefe Kunb» 
gebungen begleitete fchattenbeS $ohngetäd)ter. So ber ©hot ber zerlumpten ©Seiber 
unb Kinbet. Die SRänner üon SRapo, gegen welche alle jene außerorbentlidjen 
ffiorfichtSmaßregcln getroffen worben waren, ließen fich nirgenbS fehen; auSgenom» 
men fytx unb ba einer, ben man ruhig im ©arten ober auf bem Selbe arbeiten 
fah, ober ber an ben 3<mn trat unb mit gleichgültigen ©liefen bie ©ntfafcfchar 
betrachtete. Slls bie ©Epebition bei ber Ü^ortogc üon Sough 3RaSf anfam, würbe 


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90 


Unfcre ^cit. 


baS gezerrte Xpor bon ber Pförtnerin cafd^ geöffnet, inbent fie mit freubeftrap- 
lenbem ©tiefe bie Seute ttillfommen hieß, bie ihren $errn befreiten. 3« ber SDiitte 
beS tßarfS, burep melden ber 2Beg naef) Sougp StaSf £>oufe füprt ( empfingen 
Sopcott unb SBeefS, fein Neffe, jener mit einer (Boppetbücpfe, biefer mit einem 
Sebotber bemaffnet, bie (Sjpebition. £auptmann ©opcotfs Kartoffeln unb Korn 
toaren gerettet. 

(Bie utfter Arbeiter, ftattticEje Seute aus ben ©raffepaften Stonagpan unb (Saban, 
waren meiftenS Keine Sanbwirtpe, bie feine Söpnung für ihre Arbeit bertangten. 
3pre perföntiepen Koften würben bon einem in (Bubtin geftifteten gonbs ber Drange- 
partei beftritten. (Bie bon ihnen einjubringenbe (Srnte beftanb aus 2 Acres Kar¬ 
toffeln, 7 Acres Slangetwurjetn, 8 Acres NapSfaat, 20 Acres Nüben. (Bie 
Arbeiter unb bie ju intern Scpufce ju Sougp 9Jtasf berbteibenben $ufaren Ratten 
if)r Nachtquartier in Setten, bie Weber hinlänglich wafferbiept noch auch gehörig 
aufgefchtagen waren, fobaß fie bei bem ftürmifchen, fchwer regnerifdjen unb falten 
Nobemberwetter großes Ungemach i u erbutben patten. (Biefe ungaftliche ©eper- 
bergung ber au3 fo großer gerne, unter fo großer ©efapr bem $aüptmann 
©opcott h^beigemfenen Arbeiter bauerte fort; mehrere berfetben erfranften unb 
mußten ins ^oSpital. Sogar bie ©otijeimannfepaft, bie ju Sough ÜJtaSf jur ©e- 
fepüpung beS ©iepeS unb ber in feinem (Bienfte berbtiebenen Seute eingefept worben 
war unb bie ju fotchem ©epufe fich fe!jr großen Anftrengungen unterziehen mußte, 
hatte fiep über rücfficptStoS fchtechte ©ehanbtung $u befdjweren. Solche ©epanblung 
bon Seuten, bie bem £>auptmann fo außerorbenttiche (Bienfte teifteten, ließ erfennen, 
wie rücfficptStoS bie ©ehanbtung bes SattbboIfeS fein müffc, baS ber ©otmäßigfeit 
biefeS mufterpaften Agenten bes ©rafen Gerne unterworfen war, unb erKärt bie 
tiefe ©rbitterung beffetben gegen ihn. (Sr erhielt injwifcpen fotgenben Drohbrief, 
batirt bom 16. Nob.: 

„Stein £err! Sie haben mit ihren grüepten Währenb ber berftoffenen fünf 
Stonate in ber ©raffepaft 3Jtapo fehr biet Unruhe berurfadjt. Sie brauchen fich 
jebo<h weiter leine Sorgen um bie Angelegenheiten biefer SEÖett ju machen; benn 
toentt Sie auch afle Sotbaten 3P«r Stajeftät Negierung hätten, fo würben Sie 
faßen. Sic werben nicht immer £>iitfe jut $anb haben, auf bie Sie fich bertaffen 
lönnen. ©S Würbe 3h nen auch nichts nüpen, Wenn Sie 3rfanb bertaffen unb 
nach Sonbon gehen. (Bort befinbeu fich 3 U biete bon unfern SanbSteuten. (BaS 
©efte, WaS Sie tpun fönnen, ift für 3h re ©ecte ju beten; benn bieffeit beS ©rabeS 
gibt es feine ©nabe. Keiner bon uns ift bom SBeften 3*tanbS, Wir finb bom 
Sorbett 3rtaitbS; wir mögen aber feinen (Bprannen (eiben. (Bamit borberhanb 
genug. Norp bon ben ©ergen." 

Auf ber britten Seite beS ©riefbogenS war ein Sarg abgejeiepnet mit ber 
Snfcprift: „|>icr liegt ber Seib beS (Bpranttett §auptntann Sopcott." 

Am 26. Nob. waren bie Utftcrcr mit ber Arbeit fertig unb fonnten ttun bon 
iprer fommertithen Settbepaufung im falten Nobember nach ihrem toarmen $erb 
im Sorben peimfepren. AtS am Storgen beS AbntarfcpcS ber ©efept, bie Sette 
abjubreepen, ertpeitt Würbe, war berfetbc fepon auSgefüprt, inbem ber Sturm bie 
Sette bereits fortgefüprt patte. AtS ber Sag ber Arbeiter bor Sougp SKaSf $oufe 


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3rifche (^uftanbe. 


91 

anfattt, hielt er an. Sin ©rief ©oijcotfö Würbe üorgelefen, in Welkem er ben 
Seuten für ben unerfcfjütterlicljen äJtutfj banfte, mit wettern fie üom Sorben gc= 
fommen, um feine ©rnte ein$ubringen. So^cott !am fobann heran, brücfte jebem 
einzelnen Stanne bie $anb unb banfte ^»erfönlic^. darauf marfchirten bie Seute 
nach ©aHinrobe unter ber ©Scorte üon 200 Stann Infanterie, einer ©djwabrou 
Dragoner unb einer Slbtljeilung ber bewaffneten ©oti^ei. 3m Saget bcr Jpufaren 
würben bie Oranger mit lebhaftem $urrah begrüßt. ®ie ©inwohner fümmcrten 
fid) nic^t um fie, Weber ein Saut beS StiöfaHenS noch beS SeifaHö würbe in 
©aHinrobe unb ber Umgegenb oernommen. 

3)er mit fo genauer Soth oermiebette 3ufammenftoß jwifchcn ben Orangem 
unb ben Sationaliften Würbe einen ©rennftoff jur ©fplofiott gebracht hoben, ber 
auf beibeti ©eiten in größter Stächtigfeit baiag. ®en Sationaliften traten bie 
Oranger bereits im 21'nfang Soüember mit ungeftiimer $erau3forberung entgegen. 
3u ©ortabown in Utfter fanb am 5. 3?oo. eine große ®emonftration ber Oranger 
ftatt. ®er ehrwürbige Sector (^auptpaftor) ®. S. ©weenet) ritt ein in bie ©tobt 
an ber ©pifce non 5000 Stamt unter ben ©annern üon 40 irifchen Orangelogen 
mit glötenton unb Erommelfchtag unb mit 5 StufifcorfJö. ©3 würbe ein großes 
Meeting gehalten unter bem ©orjtjje beS ©artamentSmitgliebeö StajweH ©tofe, 
Welchem Sorb StanbcüiHe unb eine große Sflnjaljl üon ©eancten, SJtagiftratSherren 
unb proteftantifdjen ©eiftlidjen beiwohnten. ®ie Sebner griffen ben Sanbbunb 
heftig an unb machten ber Regierung ben ©orwurf, fie geftatte, baß ©erwirrung 
unb Slufruhr im Sanbe herrfdje. ®ie Samen ©araetl unb Sebpath, bie güfjrer 
beS SanbbunbeS, würben mit ben heftigften SluSbrücfen beS SliSfaHenö begrüßt. 
Oberft SBaring, ÜJtagiftratSridjter unb ©icelieutenant ber ©raffdjaft, fagte: „3<h 
meine, bie #errfdjaft ber Königin ©ictoria in ber ©raffeßaft ÜJiatjo, Welche fich 
gegenwärtig nur über ben üon ben ©ajonneten ber föniglidj irifchen ©onftabler 
bewachten Saunt erftreeft, fönne weiter auSgebehnt werben burch ben 3“9 üon 
5—600 Orangem nach ©ortabown. (Sauter ©eifaH.) ®aS meinen Wir, wenn 
wir fagen, hanbelt fchneH ober wir fwubeln an euerer ©tatt. (Sauter ©eifaH.) 
Unfer 28ahlfpru<h ift: «©ertheibigung, nicht £roh!>> SlHein bie ©ertheibignng 
ntuß fchneH fommen, fonft folgt fidjerlich ber Sroj}." (Sange anhaltenber ©eifaH.) 

®er ehrwürbige ©tewart Soß, ©frünbner ber ©hriftuSfirche ju ©elfaft, trat 
fobann üor unb rief auS: „Komm heran, ©amen, wir forbern Such heraus, unter* 
fleht Such, ben Sorben anjugreifen! Unferc ftrammen Sinne fittb bereit jur 
Schlacht! Seine branbenben Sogen üon SebeHenfdjarcn Werben unfere Seihen 
brechen! $ilf uns, ©ott, bem ©tolj unb ber Stacht beS geinbeö eutgegenjutreten, 
fie ju jerftreuen wie fturntgepeitfdjten ©chaum! ©ott helfe bem £>auptmann ©ot)= 
cott! ©oHen Wir nicht ben SriegSruf erheben: Stuf! Sach Statjo! ©tehen wir auf 
3 ur Xhat unb helfen unferm ©ruber!" 

©erabe biefe ©erbinbung ber alten, halb religiöfen, halb potitifchen gehbe 
^wifchen Orange unb ©rün mit ber focialen gehbe jmifchcn Sanbüolf unb Sanb 
herren erhöhte im Soücntber bie ©efahr ber Sage in fchredlicher Seife. $ic 
Sanbherren flohen in Stoffe. $od) mochte eS wol mehr ©djulbbewußtfein — bas* 






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92 


Unfcre ,3 c 't. 


jenige ihrer klaffe, nicht gerabe ein perföntid^eä — als bie wirtlich borhanbene 
©cfat)r fein, WaS fie fo einfdjüdjterte. S^ar Ratten feit SluSbruch ber Unruhen 
fünf SDtorbe ftattgefunben, bie für agrariföe galten; allein Weber war bieS für 
lyrlanb, in ©ergleich mit anbern Sauren, wie wir gefeljen, eine außerorbentlidj 
große ßa^(, nod) War eS auch erwiefen, baß jene ©erbrechen fämmttid) agrarifcher 
Statur Waren, eS ift bieS bielmehr bei meutern fehr zweifelhaft. Das ©erfahren 
ber Storp beftanb bietmehr hauptfäcpltch in Grabung, Einfchücpterung bermittelS 
Drohbriefen, Drohplafaten, Sfotirung, ©efdjäbigung beS Eigentums. Der irif<he 
Sanbmann bertangte bem ©runbperm gegenüber nach ©eredjtigfeit, aber mehr noch 
bertangte er nach Stäche. Dabei wirfte bie ©efchidjte mit ein, bie Erinnerung 
namenttich an baS hartherzige, unbillige ©erfahren, beffen fich in ber großen 
$ungerSnoth fo biete ©runbherren fd>utbig machten unb baS Daufenbe beS SebenS 
beraubte. $tQein bie Dhaten, welche baS rachbürftige 9torp=©otf berübte, beftanben 
hoch meiftenS nur in greoeln, feiten in ferneren ©erbrechen. Der obenerwähnte 
Drohbrief an $auptmann ©opcott gibt ein ©eifpiet bon biefen ©cpriftftfiden. ©ine 
ähnliche Sufchrift erhielt ber ©igenthümer beS Stopal anb Smperiat $ote( }u 
©aHina in SJtapo, Weil er SBagen zur ©eförberung ber ©otizei geliefert hatte. 

©in Sanbwirth bei Simerid fanb eines SOtorgenS um bie SJtitte beS Stobember 
einen an bie £>auStf)ür angefdjlagen, welcher ihm ertlärte, weil er feinen 
3ins bott bezahlt habe, fo müffe er feine SBirthfdjaft aufgeben. StlS er bie 
öffnete, fiel er in ein tiefes Sodj, bas währenb ber Stacht auSgegraben worben 
War unb baS ihm beftimmte ©rab betanfdjaulichen fottte. 

Das ©erfahren mit fotcfien Drohbriefen, gewöhnlich „Storp bon ben ©etgen" 
unterzeichnet. Würbe häufig angewanbt. ©efonbere Dh^tigfeit zeigten bie Statio* 
naliften tn ©fafaten, bie einen Stufruf an baS ©olf enthielten. Slts ber ©efdjtuß 
ber Regierung, ©arnetl unb bie anbern fjührer beS SanbbunbeS in Stnflageftanb 
ZU berfefcen, befannt geworben War, erfchien folgenbeS ©lafat z« Soghtea am 
5. Stob.: „3renl 3eigt euern ©orgefepten burch euere Slnzahl bei jebem SJteeting, 
baß ihr euch burch bie gebroljte StnUage euerer fführer ober burch bie bermehrte 
©otizei bon euerer ©flicht nicht abfdjreden laffen wollt, baß jebe §anblung euerer 
potitifdjen Herren, bie barauf ausgeht, euch beS SRefteS conftitutioneder Regierung zu 
berauben, welcher Sfrlanb noch berblieben ift, nur bermag euere ©ntfchloffenheit zum 
Kampfe für euere Freiheit zu fteigern, baß bie Drohung, euere Führer einzulerfern, 
nur euern ©ifer anfpornt. SJtemmen mögen fich beifeitebrücfen — Wir forbern unfer 
Eigentum zurüd. Saßt bie Dpramten ihre ©eftechungen üben unb lügen, laßt 
fie marfchiren unb befeftigen, brohen unb ihre Spione unb ^uriften loSlaffen: Wir 
forbern unfer ©igenthum zurüd. Euer Sanb ruft euch Wach üom langen Schlafe 
ber Knechtung, einzuftehen zur gortfchaffung beS ©runbherrenwefenS, welches es 
fo lange in ben Staub getreten hat. Eine ©elegenheit, Welche bielleicht nicht Wieber» 
fommt, bietet fich, bie Dptannei zu zertrümmern, bie euch z u ©Koben macht in 
einem Sanbe, fo ntilb, wie einer -Kutter Sächeln, fo fruchtbar, wie ©otteS Siebe. 
DaS Sluge ber Kenfcpen auf Erben unb ber Engel im Fimmel betrachtet euch 
mit freunbtidjer Dh e >Inahme. Saßt fie nicht über euch erröttjen! Saßt euere $inber 
nicht «Schmach!» auSrufen über bie Kerzen ihrer ©äter! Die 3«ituhr fchlügt eine 


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3nfd?e ^uftänbe. 


93 


feietlid^e ©tunbe. $ie ©eftpitpte euerä lange butbenben SanbeS liegt offen unb 
auf ihren ©eiten fiept bie Ueberfdprift: «Sreipeit! ©ott erhalte 3tlanb!»" 

Stm 13. Slot), erftpien ju Sogptea weiter ba$ fotgenbe ©latat: „SanbSleute! 
£err ©tabftone fiat feinen SBunftp funbgegeben, bie brennenbe grage ju (Öfen. 
3pr müfct eutp nur auf eutp felbft oertaffen, um baS SBert ju oottbringen. ©er* 
fammelt eutp, galtet euere ÜJteetingä unb üerfiinbet burtp euere Stnjapt euern 
©ntftptujj, ein für attemat baS unerträgtitpfte, täftigfte, pärtefte Sanbfpftem, wetcpe$ 
jemals ber 3Iu<P ber SJtenftppeit gewefen tft, ju befeitigen. Beiflt euern potitifcpen 
$errftpern ben SQtutp unb bie ©ntftploffenpeit ber 3*en. SSerac^tet, wie ihr immer 
beracptet pabt, bie etenben Sropungen einer ftpwatpen unb ftpeinpeitigen Stegierung, 
wetdje unter ber SJtaSte beö ©onftitutionati8mu3 eutp ben testen Steft ber irifcpen 
greipeit ftieptt. ©ebenft, baff in ©inigteit euere einzige SluSfiept auf ©efriebigung 
liegt. 3*iflt burtp euern SJtutp euer ©erlangen, ba§ ©Aftern ber ©runbperrtitpleit 
ju Bretpen, wetcpeS ba8 ©erberben unb bie ©tpmatp unfern SanbeS gewefen ift; 
jeigt, bafj bie SfnWefenpeit ber ©otijei, wie immer borper, für bie 3ren pödjft 
gleichgültig ift, ba fie entftptoffen finb, ipre nationalen Steckte gettenb ju mailen. 
3pr pabt eutp vergeblich an eine fogenannte liberale Regierung gewanbt. 3P* 
bittet fie, eutp 00 m Serberben ju retten; fie fdpmiebet Retten für biejenigen, wetdje 
euere geredpte ©adje oorbringen. SBaS ift euere Stntwort auf foltpe Xüde euerer 
herrftper? ®ie Stntwort, bie ipr geben müfjt, ift, bem güprer be$ iriftpen ©otfe$ 
im gegenwärtigen Rümpfe jur ©eite ju ftepen. ©rpebt euere gapne, bafj fie ftotj 
flattere! ©tept ju ipr in finfterfter ©tunbe, um fie aufjufteden über £purnt unb 
©tabt ober unter ipren Satten ju fterben! ©ott behüte Sjrtanb oor ©tabftone!" 

3m ©eptember würben an bie Spüren mehrerer fatpotiftpen Ritten ©tatate 
angeftptagen, welche erftärten: „SSenn irgenbjemanb fo tparaftertoS fein foHte, in 
biefer ©egenb eine Sanbwirtpfipaft ju übernehmen, bon weither ber borperige 
fianbwirtp auägefept worben ift, fo wirb et einen ©efucp bon Storp erhalten." 

3nt allgemeinen war Drohung unb ©infdpittpterung ein häufiger angewanbteS 
©erfahren al8 tpatfädptitper Stngriff auf bie ©erfon. 3- 83. ju SBitpetSdjimnep 
in ber ©raffdpaft SBidlow erftpien am 21. Stob, eine ©anbe bon 20 SJtann, mit 
Stinten unb Steootbern bewaffnet, in ber Stadpt bei einem Sanbmirlp, bem fie einen 
©ib barauf abnahmen, bafj er einen in feinem ©atptgepöft einfipenben Räthner, 
gegen ben er einen geritptlitpen ©efept erhalten patte, nitpt auäfepen Werbe. 2>ie 
©anbe napm bie geuerwaffen, bie fie borfanb, mit. 

fianbwirtp ®ennepp bei ßorf, wettper feine SBirtpfdpaft aufgegeben patte, würbe 
am 22. Stob, bon einer ftarfen ©anbe wieber eingefept, wettpe ipm crftärte, wenn 
er feine SBirtpfdpaft Wieber bertaffe, fo fomttte fein fieben in ©efapr. 

Stuf fepr biete ©erfonen Würbe gefdjoffen, aber nur fepr Wenige Würben erhoffen. 
2Bo e$ wirltidp beabficptigt würbe, traf bie Rüget wunberbar fitper; e£ war jebotp 
meiftenä nur auf ©inftpütpterung abgefepen. ©in päufigeä ©erfahren War bie SBiebcr* 
einfepung auägefepter Sanbwirtpe in ipr ©adptgepöft, ein parmtofer, jebocp gewöpn» 
lieh autp nuplofer „grebet", Weit bie ©otijei bie Stuöfepung batb barauf wieberpotte. 
©0 Würbe ©nbe Dctober SanbWirtp Sominic SJtoran ju Üicrnar, Wettper bom 
Sanbperm, bem eprwürbigen Dr. ©ibbittgä, auSgefept Worben War, bon einer 


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Unferc <3eit. 


9i 

bewaffneten ©anbe wieber eingefefjt. Anfang Stoöember würbe 2anbwirtf) Stiarban 
ju ©tounthane bet SJtattom in ber ©raffchaft ßorf öon einer bewaffneten ©anbe 
mit gef^wärjten ©efidjtern wieber eingefefct. ©titte SRoöembcr würbe 3ofeph 
©prne, welker im Saljre 1879 öon einer SBirthfchaft }u ^acfetStown auSgefejjt 
worben, Welche ittjWif^ett ein anberer Sanbwirth bezogen batte, öon einer öer= 
mummten ©anbe wieber eingefejjt, Welche ibm ben ©ib barauf abnabm, fich im 
©efi|j }u bitten. ®ieS fanb wäbrenb ber jeitweitigen 3lbwefenheit beS neuen 
©adjterS ftatt. 3118 biefer nach £>aufe jurütffebrte, fanb er ©pme al8 Hausherr 
üor, unb al8 er ber ©oti}ei baoon 3ln}eige machte, würbe ©prne öon berfetben 
abgeffibrt unb erhielt Quartier im ©efängniß. 2fm 22. 9loö. würbe Sanbwirth 
Sebcnnb, welcher au8 Unöermögen jur 3inS}ahtung feine SBirthfchaft bei ©tiflftreet 
in ber ©raffchaft ßorf bem Sanbtjerrn }urücfgeftettt hatte, öon einer ftarfen ©anbe 
Wieber eingefefct, Welche ihm erftärte, wenn er fein ©eljöft wieber öerlaffe, fo (omme 
fein Scben in ©efahr. 

3tn bemfelben läge Würben bie ©ebrüber $oQanb unb beren grauen in ihrer 
SBirthfchaft bei ©tacroom in ber ©raffefjaft Simericf öerhaftet, Weit fte biefe SBirttj' 
fchaft mit ©ewalt im ©efifc ^idten, nachbem fie barau8 üertrieben worben waren. 
Sie würben unter ftarfer ©oli}eieScorte nach ©tacroom abgeführt, wo fie ©efängniß« 
ftrafe erhietten. Unterwegs fammelte fich eine große ©tenge ©tenfehen an, welche 
ihre Ibeitnaf)me lebhaft auSbrücfte, jeboch feinen ©erfuch }ur ©efreiung machte. 

3lm 15. Stoö. }og eine ©anbe öon .3000 ©tarnt }u guß unb ju ©ferbe noch 
einem ©adjtgehöft }u ©rufheen bei ©nniS in ber ©raffeßaft Stare unb machte bort 
alles bem ©oben gleich, nachbem bort bie Sanbwirtljin SBitwe Stacpoot mit ihren 
beiben Stiebten öerjagt worben War, Weit fie bie öom Sanbherrn geforberte 3in8» 
erljöhung üerweigert hatte. 

®er Sanbbnnb ber ©raffchaft ©orf befchtoß am 15. Stoü., bie gudjStager }u 
öergifteit. ®er guchS ift befannttich ein ganj befonberer Siebling beS Sanbherrn, 
ber faum eine höh ece SBonne fennt, atS ißm burch §ain unb £>cibe }u folgen, 
©tan berechnete, baß in ber ©raffchaft ©orf allein jährlich 20000 ©fb. St. für 
Jcagbßunbc, IJagbpferbe, guchstager öerauSgabt Werben. ®er SportSman hatte 
fich befonberS herüorgethan burch fei« tauteS Schreien unb ®rängen nach ©rgreifung 
ftrenger 3wangSmaßregetn feitenS ber ^Regierung, währenb er jur 3fit ber Siott)* 
ftänbe im nötigen 3al)te nicht baS ©eringftc ju beren ©titberung beigetragen hatte. 

©in häufig gegen bie öon ber Stationalpartei ©erpönten öerübter greöet war 
baS ®öbten ober ©erftümmetn (Houghing, fprich §oching) an ©ieh, baS benfetben 
gehörte. Stnfang Stoüember Würben 10 Stücf Sftinböief), welche im ©efijj ber 
©ebrüber Spbon Waren, getöbtet wegen ©ergehen gegen bie ©orfdjriften beS 2anb= 
bunbeS. ©ine SBirthfchaft bei SBaterforb, Welche ber Sanbwirttj ©tafe bezogen 
hatte, nachbem ber üorige ©achter auSgefefct worben war, würbe am 25. Stoö. öon 
einer ©anbe befugt, welche ©tafe’S ©ieh feheu^tich }erfta<h unb jerljacfte, einen 
®h<tit beffetben im gtuffe erfäuftc. ©achter ©tafjer würbe öon feiner SBirthfchaft 
bei SBaterforb auSgcfefct, worauf ber Sanbherr bafetbft ©ieh auf bie SBeibe treiben 
ließ, baS bann nachts wieberhott öerjagt Würbe, ©iner Stnjaht ©lilchfütje Würbe 
ber Schwan} abgefchnitten. 


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3rifd?e (Juftänbe. 


95 


3erfförung fonftigen Eigentums fam nur in einzelnen gatten bor. Einem 
Sßachter bei Votjle, melcfjer einen exorbitanten gittS bott bejahte, mürben bie im 
gelbe fteljenben Erträge jerftört, bie $äune umgemorfen, Xfiore unb Pforten ein* 
gefdjtagen. dagegen begab fi<h (20. Dct.) ein Slufpg unter Voranfdjritt eines 
SDtufifcorpS nach einer SBirthfchaft, beren Sßachter auSgefefct morben mar, erntete 
baS bort auf einem großen gelbe ftcljenbc (betreibe ein unb ful)r baffelbe nach 
ber iefcigen SBo^nung beS Vertriebenen. 3m ©eptember mürben auf einigen 
profcribirten SBirthfdjaften bon ber SJiationalpartei #eufchober berbrannt, bie auf 
ben gelbem ftanben. 

®aS bei ber SRationalpartei beliebtefte unb für iltjre Bmecfe mol auch mirffamfte 
Verfahren gegen bie Oon if)r Verpönten mar baS Votjcottiren (Boycotting). Vci 
biefem Verfahren fott aller Verfe^r mit bem Vetroffenen abgebrochen merben; cS 
fott x^m niemanb etmaS ber*, ober abfaufen, ober fonft irgenb bienftlicf) fein. Es 
fam befonbcrS häufig pr (Geltung; mir lönnen nur einige Vcifpiele anführen. 
®te Sßädjter auf ben Elenmoregütern in ber Eraffchaft Silfeitnp befchloffen, nur 
QinS nach ber Slbfchäfcung bnrch baS 2trmengefe| p entrichten. $rofc biefeS Ve= 
fchluffeS phlte ein SDtann, Sanbmirth SEohertp, feinen fehr ^ot»en SinS bott aus. 
©eitbem fpracfj fein SDtenfch mit ihm ober h atte irgenb Verfehr mit ihm. 3n 
feinem EefchäftSlaben feiner SRachbarfchaft mürben ihm ober feinen Singehörigen 
SebenSmittel ober fonft eine SSaare berfauft. ©eine SDtagb berliefj ihn. ©eine 
Sage toarb fo miSlicf), baß er feinen Sanbherrn bat, ihm baS gepljlte Eelb priicf* 
jugeben, fonft müffe er feine SBirttjfchaft aufgeben unb bie Eegenb ganj berlaffen. 
Er würbe unter fpeciellen ^ßoligeifchufe gefteflt. 

®em SBalter SDt’SRattt), Srämer p Vallinrobe, mürbe megen Verlegung ber 
Vorfchriften beS SanbbunbeS mit bem ®obe gebroht, fobaß er bon ber Sßolijei 
befonberS gefcf)üfct merben mußte. Sein SDtenfch fam in feinen Saben, fein Ee* 
fcfjäft mar ruinirt. SJtoch im 3 a uuar 1881 maren nach Elabftone’S Slngabe noch 
an 380 Sßerfonen bo^cottirt unb ftanben unter Sßolijeifchuh. 

9Han erfieht, baß bie Vorgänge bet irifdjen ©chrccfcnS^cit mit SluSnaljme ber 
fünf agrarifdjen SDtorbthaten jmar nicht burchgehenbS fo gemaltfamer Vefchaffen* 
heit waren, mie fie beim erften Vlicfe freuen, oielfacf» nur bie fchmachen Sßiber* 
ftanbSoerfuche armer Seute gegen bie mächtige ©taatSgettmtt; bereinigt aber maren 
fie boef) ftarf genug, baS ganje große SReichSgebäube EroßbritannienS in ben Erunb* 
feften p erfchüttern. 2Birb baS Sanbftjftem in 3rlnnb in grage geftellt, fo ift 
baS bei bem Sanbfhftem in ©cfiottlanb unb Englanb unausbleiblich ber gaff. 
SDtan mirb bann in biefen Königreichen auf ben Utiterfchieb puffen Eigenthum 
in Sanb unb Eigenthum in beweglicher .'pabe tiefer unb in Weitem Steifen als 
bisher eingehen mitffen. 3n ber englifchen gurisprubenj mirb biefer Unterfchieb 
jmifchen Sanbeigenthum, real property, Eigenthum in SRealicn, unb Eigen* 
thum in bcmeglichen ®ingen, personal property, Eigenthum in Sßerfonalien, alfo 
im Erunbe bo<h bem mirflicheit, abfoluten Eigenthum, ftetS feftgchaltcn. Vei 
fotdjer Erörterung mürben aber bie Vorrechte ber Sanbeigenthümer, melche einen 
mefentlichen ®h e *f ber Erunblagcn beS ©taatö unb EefellfchaftSbaueS in Eroß* 


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96 


ttnfere <3cit. 


Britannien bilben, in Srage gefteflt »erben, ©o feljr hoben bort bie SRanufactur* 
unb £>anbel«ftäbte ba« 2lrbeit«leben Dom Soben abgewogen, baß jene Sorrechte 
faum al« allgemein befdjwertich empfunben werben. $a« großbritannifche, auf bem 
Srimogeniturprincip ruljenbe ©Aftern großen ©runbeigenthum« gewährt aber Ser« 
anlaffung ju einer langen Steife öon Erörterungen über tiefgreifenbe, befchwerlicfje 
Umftänbe. 

3m gegenwärtigen SDioment ift attcf» gar nicht außer Setradjt ju (affen, baß 
bie Einfuhr namentlich amerifanifchcn ©etreibe« unb gleifdjWaaren bem großbritan« 
nifdjen fianbbau auf bem ^eimifc^cn SRarfte fo fe^r Eoncurrenj macht, baß ber 
britifche 2anbpadE)ter, fo behaglich unb unabhängig feine Stellung im Sergleich 
jum irifchen auch ift, fich bereit« fo oielfadj bebrängt ßnbet, baß ein fehr merflicfjer 
9lu«wanberung«jug nach 3J?anitoba, (Reufeelanb u. f. w. unter ben englifdjen 
Farmer« eingetreten ift. E« (iegt nahe, baß ber britifche Farmer Sergfinftigungen, 
bie bem irifchen ©enoffen gewährt werben, auch für fich beanfprudjt. 

Sei fo(<her Tragweite ber irifchen Sanbfrage ift e« zweifellos, baß ba« britifche 
Dberljau«, ba« £>au« ber Sanbljerren, ber SBnhrer be« britifdjen Sanbfhftem«, 
jeber wefentlichen Slenberung be« irifchen Sanbfpftem« ju ©unften ber fßächter 
fich feft wiberfefcen wirb. 

©labftone’« SRinifterium foß jefct entfcheiben, ob S^lanb (ebiglich burch ben 
©efängnißfdjließer unb bie bewaffnete $oIijei regiert werben fann, ober burch 
©efejj auf conftitutioneßem SSege; namentlich muß bie irifche Sanbbifl, Welche Sorfter 
für bie nächfte ©effion be« fßarfament« jugefagt, bie« entfdjeiben. 

S)ie in ber »origen ©effion jur Unterfuchung ber irifchen Sanbfrage eingefejjte 
parlamentarifdje Eommiffion hotte SRitte (Rooember ihren Sericht fertig, welcher 
überrafdjenb günftig für bie Sorberungen ber irifchen Pächter au«fiel. (Derfelbe 
empfahl befonber« bie Erwerbung be« Sachtgute« at« Eigenthum burch bie Sachter, 
fefte unb lange S fl <ht unb h e &t h er °or, baß fein Sfon aufrieben fteßen fönne, ber 
nid)t Sicherheit be« Sochtbefifce« gewähre; ber Sericht empfahl weiter bie Ein« 
fe|ung eine« S a <htgerichthofe«, beffen Urtffeile ohne weitere Slppeßation enbgültig 
fein müßten. Sur Eommiffion gehörte eine Slnjahl irifdjer Sanbeigenthümer, 
bie Sorb« ÜRoncf, Sotoeröcourt, Smlp. 

$a man nach folchem Sericht ber Eommiffion nicht jweifeln fonnte, baß bie 
(Regierung bie in Sluöfidjt gefteßten Siß« $ur grünblichen (Reform ber irifchen 
Sanbgefefce bemnächft einbringen werbe, fäumte ©ir ©tafforb (Rorthcote, ber güßrer 
ber conferoatiben Dppofition im Unterhaufe, nicht unb erffärte am 26. (Rob. in 
öffentlicher Serfammlung, bie Dppofition fei entfcfßoffen, folchen (Maßnahmen auch 
im Unterhaufe ben fefteften, unberbrücf)lichften SSiberftanb entgegenjufefcen. ®ie 
brei F, welche bie irifchen Sormer« oerlangen, Jagte ©ir ©tafforb, fielen 
für „fraud, force and folly" („$rug, Swang unb 2f)orheit"). Er erfannte auf 
feine SBeife an, baß bie irifchen Sanbwirtlje ©runb $u Sefdjwerben hoben. 3» 
Antwort auf ©ir ©tafforb’« (Rebe ga6 Earl ©ranoifle, ber minifterieße Süljrer 
im Dberhaufe, in einer öffentlichen Serfammlung in Sonbon bie beftimmte Er« 
flärung, bie (Regierung Werbe jebenfaß« in ber nächften ©effion Anträge jur 
befinitiöen Drbnung ber irifchen Srage bringen. 


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3rtf<f}C .^ufttinbc. 


9? 


Dach einigen <Scf»roierigfeiten, bie aus ber öerfchiebenen Parteileitung feinet 
SJfitgfieber entftanben, auf ber einen ©eite SBI|ig§, auf bet anbetn üorgerücft 
Siberafe, fdjloß baS Eabinet in feinet ©ifjung am 25. Doö. feine ©orberathungen 
über bie irife^e grage. gorfter berichtete, baß oorberhanb feine außerorbenttichen 
SmangSmaßnafjmen erforberlicf), junächft meiter feine außerorbenttichen SfuSfcfjrei» 
tungen ju beforgen feien, baß bie gelt)öf)n(icf)en, ber ^Regierung jnt Verfügung 
ftefjenben ffiräfte noch hi wre *^ ten » vorauf baS ßabinet bann fdjfießficf) übet bie 
Srfanb betreffenben Vorlagen für baS Parlament im allgemeinen jur lieberem- 
ftimmung fam. $ie leitenben $auptpunfte ber im Parlament einjubringenben 
Anträge mürben bann einftimmig feftgefteßt. ©iS SBeifjnachten fottten feine Eabi= 
netlberatljungen über bie irifche Sache meiter ftattfinben, baS Parlament früh, 
im Qatiuar, einberufen merben. ®er DegierungSentmurf fotlte, mie es bamafS 
hicjj, enthaften: eingehenbe Vorfchfäge jnr Einführung unb Entmicfefung beS 
SauerneigenthumfhftemS, Segafifation beS ©Aftern« ber feften Pacht nach bem 
SJfufter beS uffter PadjtMtcmS, Sinfejjung einer permanenten Eommiffion für 
PachtjinSabfdjäfjung, Einführung eines nicht foftfpiefigen Verfahrens beim Pacht» 
redjtüerfauf, ©riinbung eines ©taatSfonbS für Urbarmachung müfter Sänbereien. 

Dian fann nur annehmen, baß ©fabftone ehrlich beftrebt ift, bie heiffamcn 
9Raßuahmen für bie SBohffaßrt SrfanbS, bie er üor jmöff fahren begann, jejjt 
burch Erfcbigung ber Sanbfrage meiter ju führen. gorfter’S rabicale ©efinnungen, 
namentlich bejügfich irifc^er 2fngefegcnf)eiten, finb befannt. Mein ®on Schmierig» 
feiten umringt, ift bie britifdje Regierung in ber irifchen ©ache in eine etmaS 
fchiefe Stellung gebrängt morben. ©ie hat einen ®oppelfampf ju beftehen, fomof 
gegen bie Partei ber fianbherren mie gegen bie ber Sanbbauern. ©fabftone unb 
gorfter finb genöthigt, Einrichtungen aufrecht ju haften, bie fie fcfbft mieberhoft 
für ungerecht erffärt haben. 

©ei Einbringung ber ermarteten Anträge jur Deform ber irifchen fiatibgefefje 
fteht bereits im Unterhaufe, mie ber Sichrer ber bortigen Dppofition angefünbigt • 
hat, energifcher SBibcrftanb bebor. Dachbem bort bann affe Xcrritoriafintereffen 
niebergefchfagen finb unb baS Dtinifterium baS Unterhaus für fidj geminnt, bann 
fommt bie grage an baS Oberhaus, baS fpauS ber Saitbljerren, bie bort über 
ihre eigeuften gntereffen ©efefce ju erfaffen bentfen finb. ®ort fteht bann ein 
fofcfjer SBibcrftanb bebor, baß bei ber ®ringfichfeit ber irifchen Sache eS ju 
einer gemaftigen Sollifion jmifcfjen ben beiben Käufern beS Parlaments fommen muß. 

Unter biefen frfjmierigen Umftänben fdjmanfen bie Seiter ber Degierung, ob 
fie, jejjt fräftig burchgreifenb, baS mächtige Oberhaus in feiner fefteften Um» 
mauernng erftürmen, ober, faft ju ff einen XoricS eingefdjrumpft, bie üon ben 
JorieS borgejeicfjnetcn Sinien genau einhaften foCfen. SBieberhoft tritt eine einer» 
martete ©ermanbfung ber ©eene ein. 

®ie nichtSfagenben Paragraphen ber Jfjronrcbe über bie irifche grage bei ber 
füngft ftattgefunbenen SBiebereröffnung beS Parlaments haben jebenfalls auf bie 
irifchen ÜRitgfieber einen fröftelnben Einbrucf gemacht unb gemaftige ßornauSbrüche 
oerurfacht. pametf fteffte ein Sfmcnbement jnr Slbrcffe unb ocranlaßte eine fehr 
ftürmifche Debatte. O’Eonnor Potoer erffärte, bie Sprache ber ®h ronrc ' )e h fl & e 

Unfm 8rtt. 1881. II. 7 


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98 


Unfere ^eit. 


(einen Erwartungen nicht entfprodjjen, fte erweife, bafj ©labftone feine grünbliche 
Reform bet Sanbgefefce beabfitätige. (Sine btofee Erweiterung ber Sanbacte non 
1870 fei 4?ol)n unb Irug. 211« erfte 21bfchlag«aahlung für bie geregten Sorbe» 
rungen 3frianb8 oerlange er einen ißtan jur Urbarmachung ber wüften fiänbereien, 
welche eine SJliHion ber ©eoölferung nerforgen würbe, ©labflone’« ißolitif ntüffe 
bie liberale Partei in Stlanb jerftören, unb bie grofje HRajorität be« engtifcf»en 
unb fdjottifchen Solle« müffe ftdj gegen fie erftären. 

Unterbeffen nerlangt ba« liberale SDlinifterium ©labftone nor allen Gingen bie 
SwangSbiU für Srlanb nom Parlament, wa« auch immer hentach au« ben net* 
heifjenen SanbbiQ« werben mag. 


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Wit lUgimmg 

öer nutrerlanMfdj - ofttnbtfdjen Cüümirn 

S3on 

®ntü iKeljger. 

I. 


Sin bet ©pifce bet Regierung in Snbien fteljt bet ©eneralgouberneur, „Steprä- 
fentant beS ßönigö, Oberbefehlshaber beS SanbljeereS unb bet Seemacht öftlid) 
öom ©op bet ©Uten Hoffnung". 

®ie ©mennung erfolgt burdj ben ßönig auf Vortrag beS SJtinifterratheS. 
®et ju ©rnemtenbe muß 30 Saljre alt unb ÜRieberlänber fein; et borf nicht be* 
tljeitigt fein an Unternehmungen, bie mit bet inbifdjen Regierung contrahirt finb. 
©obalb et fein Stmt einmal angetreten hot, barf et bie inbifdjen Vcfifcungen nicht 
mehr berlaffen ober fein Stmt niebetlegen ohne ©enehmigung beS Königs. @r 
legt ben @ib ab in bie £anb beS SRonarchen, tritt aber fein Stmt erft an nach 
Slnlunft in 3nbien. 

®ie bem ©tellbertreter beS Königs ertheilte SDlacht unb bie ihm auferlegten 
Verpflichtungen toerben mir meiter unten lernten lernen. 

©eine SDtacht ift groß, feine Stellung glänjenb, beibe in bieler Vejictjung 
beneit eines SouberänS gleich, un b jtoar benen eines orientalifdjen £>crrfd)erS; 
für ben menfdjtidjen ©tolj mag es ein Hochgenuß fein, fich h e »rt e ols einfachen 
©taatsbürger, morgen als $err über 25 9KiD. gnlänber*), ©hinefen, orientalifche 
Völler bon betriebenen Staffen unb 30000 ©uropäer ju fühlen, bie ju ihm 
auffchauen, — fetbft biete ©uropäer, menigftenS äußerlich, als ju einem SBefen 
höherer Slrt. Stuch bie Vortheile feiner Stellung finb bebeutenb, finb berart, 
baß jte, fetbft in ben jefcigen, auch in 3<tbien fdjlediten 8eiten, glänjenb ge* 
nannt toerben lönnen. Um biefen fßuntt hier lurj ju berühren, fei bemerlt, baß 
baS jährliche ©inlommen beS ©encratgouberneurS 160000 81. beträgt, baß ihm 


*) SaS hier gebrauchte SSort „Qnlänber" hat fchon oft Sl&meifung erfahren; bo<h fcheint 
eS mir bie Socfje richtiger ju bejeidjnen als baS für baffetbe manchmal beliebte „Ein* 
geborene". Ser gaoane ift Eingeborener bon QaOa, ber Sumatraer bon Sumatra, 
ber Stmboinefe bon Slmboina: affe finb Qnlänber in ben nieberlänbifrf)*oftinbifchen SBe 
fißungen im ©egenfaß ju benen, welche eingewanbert finb, j. 33. Wrabcr, CJfjincfcn. JJn* 
tänber faßt im allgemeinen mehr bie politifche Seite auf. 

7* 




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98 


Unferc <3eit. 


feinen ©rmartungen nicht entfproc^en, fie ermeife, baß ©tabftone feine grünblicße 
Reform bet Sanbgefefce beabsichtige. Sine btoße Srmeiterung ber Sonbacte bon 
1870 fei #oljn unb Xrug. Ültl erfte Slbfc^lagSja^Iung für bie gerechten Sorbe* 
rungen Srlanbl Oertange er einen ißtan jur Urbarmachung ber toüften Sänbereien, 
metche eine Million ber Sebötferung oerforgen mürbe, ©tabftone’ö tßotitif müffe 
bie (iberate Partei in Srtanb jerftören, unb bie große SRajorität bei engtifcßen 
unb fchottifchen SBolfel müffe fich gegen fie erftären. 

Unterbeffen Oertangt bal liberale SJlinifterium ©tabftone oor allen Gingen bie 
SmanglbiQ für 3r(anb üom Parlament, mal auch immer hernach aul ben ber* 
heißenen ßanbbittl merben mag. 




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Wünt bei Sönigl, Cbeüe^äuijr ** 

**■ Cap bet ®uten §c*rnnrq- 
^ Xie Ctnennung etfo[^ n^a vrz >_:•] i- CJ . . 
Jet p Cmennenbe ntnfj y, '\±ri er i-rr i. 

fein an Unternetjurn-iiCT. tv. r-r 
sabalb et fein Hmt tmmai txa ^m x iir, *t-r . 
»k »«taffen ober fein Ätc tr.e&er.-^r ^ 
k* ®b ab in bie $ani n« S>.a•:*! 
arinft in 2 "bien. 

Jie bau ©teltoertrettr bei ~^ ;a , Ä 

»oetben toit meint mn<x \ KKliri ^ 
Stint SRadjt ift grof), feine Sietumc -' 
k«t eseti ©ouoeränl gtei<$, nt p*: ^ " 
Jbawnf^Ii^en ©tot* mag t* ein 
fcm,rtrti, , u, morgen all $err über ^ J. 

twf^iebenen «affen mk •*** ^ 
— felbft niete Cnropüer, 2 
***- bie Sorttjeite \tmHj 
*■* ®- “ ben iefeigen, « 4 , „ ^ 

“ —Snat. Um bitfe* T" 
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ouberneur 
topäet, ift 
oeffen beob» 
id) tool, ob 
tfjut, burdj 
©ötter" Unju» 
„©reffen fperrn" 
feinen ©ebanlen 
mandjer ber Ser» 
©eneratgouberneurl 


e jabanifdje ©prad)e ju 
iictjrer nafjnt. Unb ber 
uigent ober mit lurjem e 
jiir bai lange ober lurje c, 
augetjängt toerben, gebrauten 


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100 


Unfcrc (Jeit. __ 

außerbem ju ©ataüia unb ©uitenjorg für Stecßnung beS Staates erbaute unb 
möblirte Rötete („Scßtöffer" bürfte Wo! eine ju ßoße ©orfteflung erweefen) fo» 
wie ein SanbßauS ju 2jipannaS, ßocß int ©ebirge, ungefähr 1000 ©leter über 
ber ©teereSoberfläcße (in ben preanger Stegentfcßaften gelegen) jur ©enufcung 
überlaffen ftnb. 2)er ©eneralgouöerneur, welcher fünf Satire feine Stellung be= 
fleibet bat, erhält jährlich 6000 gl. ©enfion. 

SBeitern Sebingungen als ben oben angeführten braucht nicht genügt ju werben, 
um biefe Stellung erhalten ju fönnen; bie frühere Stellung fommt nicht in ©etraeßt. 

2)er ©linifterratß ift in feinem ©orfeßtag nur an biefe unb feine anbem Se» 
bingungen gebunben. 

Gewöhnlich werben jeboeß ©erfonen ju ber Stellung eines ©eneralgouBerneurS 
erhoben, bie bereits ein Staatsamt befleibet haben, boch ift bieS burcßauS 

feine Siegel. grüßere ©linifter ber colonialen Slngelegenheiten wechfelten in ben 
lebten fahren ab mit einfachen ©eamten, bereu entliehenes lalent erfannt 
würbe unb bie ein entfchloffeneS ©tinifterium ju biefer Stellung üorfchtug, um 
burchgreifenbe ©laßregeln in gnbien burchführen ju fönnen. 2)ie Stellung beS 
©eneralgouBerneurS hängt genau jufamnten mit ber beS ganjen SlinifteriumS 
wegen ber Serantwortlichfeit bet ©linifter gegenüber ben ©eneralftaatcn, Wie ich 
hier, auf baS Stacßfolgenbe anticipirenb, einfchattc. 

Seit einer Steifjc Bon Igaßren Weint eS Siegel geworben ju fein, ju biefer 
Stellung niemanb ju ernennen, ber fleh im actiBen inbifchen 2>ienft befinbet. Gine 
oft befproeßene grage ift es, ob eS ben ©orjug Berbient, baß ber ©eneralgouBer* 
neur früher Won in Snbien War, namentlich Won eine bebeutenbe fiaufbaßn 
bort abgeWloffen hat, ober baß er als ganj grember bort eintritt. 

©eibe gälle haben ftattgefunben, für beibe hat man ©rünbe für unb wiber 
aufgefteßt. 

2)iefe grage Berbient mit ein paar ©Sorten beleuchtet ju werben. 

gür bie ©rnennung Bon ©erfonen, bie nie in gnbien waren, Wirb gotgenbes 
angeführt: 

Bucrft bie frifeße ®raft, bie jemanb, ber bem Berßeerenben Ginfluß ber 2ropen 
nicht W°n lange bloßgefteflt gewefeit ift, in geiftiger Wie in förpcrlicfjer ©ejießung 
mitbringt, bann aber namentlich bie griffe ber SluffaffungSfraft, gefteigert babureß, 
baß er nicht nach unb nach, in ber Beit unb in ber ©efeUfdjaft, in welch« er 
in gnbien lebte unb fich felbft entwicfelte, fich feine Slnficßten einfeitig gebilbet 
hat, fonbern baß er als gereifter ©tarnt, auSgerüftet mit aßen ©ortheilen feiner 
Steflung, in eine ganj neue Umgebung eintritt, bie er mit freiem unb unpar* 
teiifchem ©lief in ihrer 2otalität erfaßt. 

Slucß wirb ein ©encralgouBerneur, ber plöfclicß, bem Bnlünber günjlicß, bem 
Guropäcr ziemlich fremb, in Snbien auftritt, Biel mehr ÜRimbnS um fich h er Ber» 
breiten als berjenige, welcher in Snbien einen langen SB eg hinter fich hat unb 
ben fo Biele feiner Sanbsleute, fo Biele gnlänber in nntergeorbneter Steßung 
gefannt haben. ©tan meint, baß fein ©erßültniß jum europäifeßen Gtement 
namentlich Biel fdjwieriger werben würbe, befonberS ben ©erfonen gegenüber, Welcße 
früßer feine GßefS, feine SlmtSgenoffen, fein täglicher Umgang gewefen finb. 


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Die Regierung 6 er nte 6 erlän 6 ifdj' 0 ftin 6 ifdjen Kolonien. 

Siefen ©rünben hätte man noch jufägen föniten, baß, Wer fcf)on lange in 
Snbien gewefen, tuet bort Vefaunte, greuitbe, fjamitie hat, ber ©efaljr weit mehr 
auSgefcfct ift, burch perföuliche Verhältniffe beeinflußt ju werben, ober unt es mit 
einem bejeühnenben SBorte furj ju nennen: bie gurcht bor einer gamilienregierung. 

hiergegen, gleichseitig um bie 2 Bat)t non Ißerfonen ju befürworten,. bie fchon 
eine Saufbahn in 3«bien jurüefgetegt ^abert, wirb golgenbeS angeführt: 

Ser ©eneralgouberneur fteht in gnbien auf foldjer $öl)e, baß es iljnt niemals 
möglich fein wirb, in manche intimere Verhältniffe beS iitbifchen Staats» unb 
IßrtoatlebenS einpbringen, wenn er nicht biefe Sienntniß ober wenigftenS eine 
tüchtige Vorbereitung für biefetben fdE)on in feine Stellung mttgebradjt hat. SaS 
Seben in Snbien weicht weit bom Sehen in ©uropa im allgemeinen unb non 
bern in £o!lanb im befonbern ab. 

infolge beffen ift es fogar für einen recht gereiften SüJtann, ber, felbft in 
untergeorbneter Stellung, gleich in baS 3ime re bet (Kolonie unb in einen engen 
Verfeljr mit bem Snlänber oerfe|t wirb, ber burdE) bie ©ntbefjrung eines jeglichen 
europäifdjen Umganges auf baS angewiefert ift, waS ihm bie inläitbifcfje ©efeH» 
fdjaft bietet, feineSWegS leicht, einigermaßen mit feinet Umgebung betannt ju 
Werben. Vielleicht werbe ich & e ' einer anbern Gelegenheit Veweife hierfür bei» 
bringen; für jefet möchte ich e£ nur als Xljatfache hinfteüen. Sch will nur noch 
bemerfen, baß felbft bie im Umgang übliche malaiifche Sprache — ich fpre<h* 
non ber, welche im SDtalaiifchen Slrcfjipet bie Volle {hielt, welche bie Lingua 
franca an ben ffüften beS SJiittetlänbifchen SDleercS erfüllt, nicht ju oerwechfeln mit 
ber Schriftfpradje — auch 00)1 benen, welche fie einige Saljre in ©uropa ge» 
trieben hoben, beinahe immer erft im Sanbe erlernt werben muß. ©in ©enerat* 
gouöerneur, ber nie oorher in Snbien gewefen ift, theilt biefe Schwierigfeiten 
mit jebem Veuling; feine h°h e Stellung erfchwert ihm oiel mehr, biefe ^iitberniffe 
ju überwinben, als fie ihm beren £inwegfcf)affung erleichtert, trofcbem.ober niel» 
mehr weil ihm fo biele $ülfSmittel ju ©ebote ftehen. 

SBer eS auch immer fein mag, ber berufen wirb, um bem ©eneralgounerneur 
Stuffchtuß über irgenbwetchen ©egenftanb ju geben, Salänber ober ©uropäer, ift 
pch ber hohen Stellung bewußt, bie ber gragenbe einnimmt; infolge beffen beob» 
achtet er in feiner Antwort eine gewiffe .Burücffjaltung, überlegt auch mol, ob 
er burch bie VeantWortung ber gtage, burch bie 9lrt, wie er bieS thut, burch 
bie Vebenumftänbe, bie er babei berührt, bei einem ber „fleinern ©ötter" Unju» 
friebenheit erregen Wirb. Sft er fdjlau genug; aus bet grage beS „©roßen $errn" 
(Tuwan besahr nennen bie Satänber ben ©encralgoubemeur) feinen ©ebanfen 
ju errathen, ju ahnen, welche Antwort erwünfeht ift, fo bürfte mancher ber Ver» 
fuchung unterliegen, feiue ©efühle in feiner SlntWort benen beS ©eneratgouberneurS 
anjupaffen. 

So erzählt man fi<h, baß ein ©eneralgouberneur bie jabanifche Sprache ju 
erlernen wünfeßte unb fich hierfür einen inlänbifcfjen Scljrcr nahm. Unb ber 
©roße #err war unficher, ob er ein Sßort mit langem ober mit furjern e 
fchreiben mußte (eigentlich, ob er baS Sautseichen für baS lange ober furje e, 
Saleng unb Vepet genannt, bie bent ©onfonanten angehängt werben, gebrauchen 


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|02 


Unfcrc 5^*- 


müffe), unb fragte feinen Set)rer; ber aber ftanb einen Stugenbtid fcfjweigenb unb 
nadjbenfenb, bann aber entftrömten feinem SRunbe bie Weifen SSorte: ,,©anj wie 
ber ©rofee |>err gu belieben gerufen." 

353er in Snbien eine fjötjere (Stellung befteibet ^at unb bann ©enerat* 
gouoerneur wirb, bringt ftenntniffe mit, bie ein anberer fich ju üerfdjaffen im 
beften Salle 3 a b re nötljig tjat; er bringt oudj bietfeitige Äenntniffe mit, bie fidj 
nicht bekrönten auf ben fpecietlen SJienftjweig, in welkem er befchäftigt geWefen. 
@3 ijt eine eigentümliche Erfahrung, bie beinahe jeber macht, ber eine gewiffe 
Stellung in Snbien einnimmt, ben Sntänber ju behanbeln weife unb mit ihm in 
bietfache Verüljrung fommt, bafe man bon ihm beinahe über alles anbere beffer 
unb leichter Stadjridjt erhält all über bas 3unächftliegenbe. SEBenn fich HJtiSber* 
gnügen in einem Itjeite beS SanbeS regte, fo würbe bieS gewöhnlich in einer 
anbern ©egenb juerft entbecft; wenn bie Seoötferung eines SanbftricheS fich i u 
beftagen hotte über ihre Häuptlinge, fpradjen bie Nachbarn früher babon atS bie 
Vettjeitigten. 

@S ift nicht abjufetjcn, WeSt)atb gerabe ber, welcher eine grünbtiche, bielum» 
faffcnbe unb bietfeitige Vorbereitung mitbringt, bie Verljättniffe einfeitig anfehen fotl, 
wenn er bie tjödjftc Stellung, ben colonialen Xljron, erreicht hat. ©ine einfeitige 
Veurtljeitung ift bietmehr bon bem ju fürsten, Wetter Sachen unb tßerfonen 
auf einen Slbftanb unb bon ber £>öf)e herab anfieht, nicht bon bem, ber einen 
müheboden SBeg jur $ötje jurüdfgetegt unb ben ©ipfet im Schweifee feines 
StngefidjtS erteilt hat. 

SBaS ben StimbuS ber Stellung betrifft, fo hat berfetbe ohne SSiberfprud) 
grofeen ©influfe auf ben Qnlänber. Sür ihn fommt eS jeboclj im allgemeinen 
nur barauf an, welche Stellung eine ißerfon einnimmt; tjöchftenS werben ihn bie 
StuSficfjten fümmern, bie jemanb hat, nie aber Wirb er fich barum fümmem, Was 
jentanb gewefen ift. 3” biefer SEBeife berhätt fich ber ^ntänber bem eigenen 
Häuptling gegenüber, folattge nicht ©eburt unb ©taube ins Spiet fommeu, unb 
noch biet mehr bem europaifchen Scamteit gegenüber, Wenn biefem nicht ganj be= 
fonbere, aufeergewöhntiche Vertjättniffe auch einen perföntichen, bauernben ©inftufe, 
unabhängig bon feiner Stellung, berfdjafft haben. 

9tie wirb er jebodj einem ^odjgeftettten, er fei Europäer ober Swtänber, we= 
niger ©hrfurcht jeigen, weit berfetbe feine ©arriere bon unten auf gemalt h°t 
unb er S^uge einer fotdjen Saufbahn gewefen ift. 2BaS baS Verhättnife gegen» 
über frühem StmtSgenoffen unb Vorgefe|ten betrifft, fo ift ber Stanbpunft eines 
©eneratgouberneurS bon 5Riebertänbifc^=9nbien fetbft bem, wettet ihm unmittelbar 
im Stange folgt, gegenüber (nämlich bem Vicepräfibenten beS StattjeS bon Schien) 
fo hodh, baS Stibeau, auf bem er fich befinbet, ein fo ganj berfchiebeneS bon bem 
ber übrigen europäifcfjen ©efeüfchaft, bafe es jebem neuen ©eneratgouberneur fehr 
leicht gemacht wirb, feine SEBürbe in biefer Vejietjung aufrecht ju erhalten. 

Seiber ift es gewife, bafe ber DtimbuS fehr gefunten ift, unb jWat fehr jum 
Stadjtljeite einet fräftigen SRegieruitg; bodh bieS liegt in ganj anbern Verhättniffen, 
namentlich in ber 2lbt)ängigfeit beS ©eneratgouberneurS bom SDtinifter ber colo* 
niaten Slngetegentjeiten unb ben ©eneratftaaten. 2)em SJtinifter unb ber gefefc* 


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Die Regierung 6er mcberlänbifcfpoftinbifcbcn Colonien. 


*03 


gebenden 3J2acf>t gegenüber fattn es tt>ol ju ftörenben Konfliden führen, wenn 
©eneralgouberneur unb SDtinifter ber colonialen Stngetegenheiten früher fd;on in 
Schiebungen geftanben hoben, bie weniger angenehm Waren, ober wenn ißerfonen, 
bie unter bem ©eneralgouberneur geftanben hoben, ptößtich Kinfluß auf feine 
Stellung befontmen, fei es als SDtinifter ober als einflußreiche Äammermitglieber: 
ebenfo !ann bas fehr ftarf entwiefette tjoflänbifche Sorteilebeit bie bienftlicbe Stel» 
tung eines ©eneralgouberneurS unangenehm machen. 

2 )ie ffurcht bor einer gamilienregierung ift nicht ganj ungegrünbet; biefelbe 
bürfte jeboch auch bann eintreten, wenn ber ©eneralgouberneur nie borher in 
3«bien gewefen ift unb bei feiner Krnennung gar leine Setannte, greunbe, 93er= 
wanbte in ben Kolonien hot. 

$ie Serbinbungen mit Snbieit finb jefct fo häufig, fo wenig jeitraubenb, mit 
fo unberhältnißmäßig geringer ©efahr öerbnnbcn, über inbifche Suftänbe ift heute 
fo biel mehr als bor jwattjig fahren in £>oHanb befannt (wiewot bie ßenntniß 
ber wirtlichen, nicht bloS ber in mehr officießen $onbbüchem borgefchriebenen 
unb befchriebenen Suftänbe immer noch f e h r biel ju wünfehen übrigläßt), baß bie 
ffurcht bor bem Slufcntljalt in ben Kolonien, wenn auch noch nicht übertounben, 
jebenfafls fehr berringert ift; ja es fommt fdjon bor, baß bie Kolonien als Siel 
einer SergnügungSreife genommen werben. 5)iefe Umftänbe tragen gewiß biel 
baju bei, in ben Sicberlanben mehr unb mehr bie Suft $u erweefen, fein ©lücf 
in ben Kolonien ju berfuchen, unb jebenfaßs bürfte baS Sewußtfein, jur gantilie 
eines neuernannten ©eneralgouberneurS ju gehören, mehr förbemb als h«mmenb 
barauf wirten. 

©egen gamilienregierung, um biefeS 2Sort beijubehalten, gibt es fein Schuß* 
mittel bott allgemeiner 2lrt; bie einzige Sürgfdjaft bagegen tann nur gefunben 
werben im Kharatter ber ernannten S^rfon; ganj frei bon ben Kinflüffen ber 
Umgebung, ber greunbe, ber gamilie wirb fich niemanb holten tönnen, auch ber 
befte, unabljängigfte Kharatter nicht. SDliSbräuche fomnten bei aßen Stänben, bei 
aßen Nationen bor; es ift unmöglich, fie abfolut auSjufchtießen. 3Kit folgen 
ungefunben Klementen tann man nicht borher rechnen. 

3n jefeiger Seit, wo bie Serbinbungen beS SatertanbeS mit bdr Kolonie brücfenb 
geworben finb für baS politifche Sehen ber Kolonien, finb bie bielfachen Serüh* 
rungSpuntte eines ©eneralgouberneurS, ber fein ganzes Seben in ßlieberlanb ber» 
lebt, ber bafelbft im öffentlichen Seben eine Soße gefpielt hot, jebenfafls biel 
gefährlicher als bie eines SDlanneS, ber eine lange Saufbahn, bie er in gnbieit 
gemacht, abgefchloffen hot, um im Saterlanbe Suhe ju genießen. 

®er leßtere bleibt mehr ober weniger grembting in Kuropa; aße biefe SRänner 
leben, fofern es ihre Serhältniffe ertauben, an einem bon jwei Orten in $oßanb: 
im £aag ober in Strnheim, nteift in eigenen, gefchloffenen Greifen. 

Siele Umftänbe wirten baju mit, wot auch eine oft unauSgefprodjene Sehn» 
fueßt nach Snbien, bem Sanbe, wo fte gearbeitet unb fo manches Suftrum ihrer 
beften SebenSjahte bertebt hoben. 

SBirb ein folget SDtann nun jurüefberufen nach Snbien, um bort feinem 
Saterlanbe als ©eneralgouberneur ju bienen, bann ift er in ben meiften gäflen 



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Unfere ^cit. 




ganj frei dort aßen politifdjen Säubert, bie ifjn im ©atertanbe an bie eine ober 
anbere Partei fcffeln Knuten; er Ijat in Snbien früher fr^on eine fyofyt Stufe 
erreicht; er toeijl, melier Slbftanb felbft ba nodj für it»n beftanb bis jum I^rone 
be« „Untertänig« ton Snfulinbe", unb tom Slugenblicfe jener Berufung an bat er 
auch bie ttoße ©erechtigung, ba« tofle ©emufjtfein feiner Steflung, melche« ihn ba, 
mo e« nöttjig ift, toamadjt ton aßem, rca« nicht mit feinem Slmte terbunben ift. 

Sine gamilienregierung ift unfdjäblidjer al« eine ©arteiregierung, nämlich fö* 
ba« aßgemeine SBoljl. Sine Samilienregierung fchäbigt Snbitibnen burch ben 
©orpg, ben fie einzelnen einräumt pm 9ta<htheile ton anbem. Sdjäblich für 
ba« aßgemeine SBohl ift bie« nur, ttenn bie eingeräuntten ©ortljeilc gröber finb 
al« biejenigen, bie man anbern eingeräumt h ü ben mürbe. SBirftich bebeutenb 
toirb ber materieße Stadjtheil, fotange e« fi<h um ©erfonen hanbett, nur in fettenen 
Säßen. Schäblidjer ift bie ©erbcrbnifj, bie baburch bem Staat«leben im aß* 
gemeinen eingeimpft toirb, namentlich burch ba« fchledjte ©eifpiel unb burch bie 
3 urüdfefcung ton moralifch mehr berechtigten Semerbern. 

Dagegen ift e« tiel gefährlicher, wenn ber SJtann, ber an ber Spifee fteljt, fi<h 
in ba« ©arteileben eingelebt hat; bie ©etorpgung einer ©artei ift tiel fchäbtidjer, 
toeil fie p tiel gröfjern .ßugeftänbniffen führt, al« bie ©etorpgung einzelner 
©erfonen. Die größte ©efafjr hierbei liegt jeboch barin, baff ber Drägcr ber ®e= 
malt, burdjbrungen noch ton ben ©runbfäfcen ber ©artei, ber er angehört, fid) 
unbemerlt p Konceffionen hergibt, unb jmar um fo leichter, je meniger e« fich 
um ©ortheile hanbett, bie einzelnen ©erfonen jugute fommen. ©ine ©etorpgung 
ber ©erfon erfdjeint mehr ober meniger haffen«mertt), eine ©etorpgung ber ©artei 
unb ber Sache tiel unfdjulbiger. 

Da« ©erhalten be« ©eneralgoutemeur« ton SRieberlänbifdj^nbien unb feine 
©efugniffe finb feftgcfefjt im ©egierung«reglement ton 9iieberlänbifch°3nbien, be* 
fchloffen burch bie nieberlänbifdje gefefcgebenbe ÜRacht im 3afjre 1854. 21ujjer= 
bem empfängt noch jeber ©eneralgouterncur, ber nach Snbien abreift, bcfonbere 
3 nftructionen, bie ihm bie ßtidfjtung, melche ber SRinifterrath befolgt haben miß, 
anbeuten. Die grofje SBidjtigfeit ber oftinbifchen Kolonien für $oflanb mirb mol 
jiemlich aßgemcin anerfannt, menigften« ton jebem, ber fich bie 2Jiühe gibt, einiger* 
ma^en in bie ©erljältniffe einpbringen. K« finb nicht bie birecten ©ortheile aßein, 
miemol biefe für ba« htßänbifdje ©ubget auch jahrelang im Durchfchnitt 20 3Jiiß. 
jährlich geliefert haben, fonbern e« finb namentlich bie inbirecten ©ortheile, melche 
bie ©iebetlanbe fo bereichern, inbem fie bie« Sanb pm ©emittier be« $anbel« 
mit ben Kolonien machen, baton ganj p fdjmeigen, bah jährlich tiele ^oßänbcr 
eine eljrenbofle ©jiftenj in ben Kolonien finben, ja pr (Streichung mancher Stel* 
lungen ihnen bie |>ülfc be« Staate« geboten mirb. 

§ierau« ergibt fich bie Siothmenbigleit eine« ftrengen unb innigen 3ufammen* 
hange« jmifchen ber politifchen Stiftung im ÜRutterlanbe unb ber in ber Kolonie. 
Die Krnenuung be« ©eneralgouterneur« ift ein ©rärogatit ber ftrone, aber einem 
9Jiinifterium, melche« gegenüber ben Kammern bie ©erantmortung nicht für bie 
Krnennung, mohl aber für bie fpanblungen be« ©eneralgouterneur« trägt, muh 


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Die Regierung 6er nieberlänbifd) - ofttnöifdjctt Colottten. 


(05 


ein bebeutenber ©inftuft auf bie Ernennung, ber Vortrag, barüber eingeräumt 
werben. 

Demgemäß !ann es oorfommett (wicwol gewöhnlich ein ©eneratgouberneur 
fünf 3 a b te iit 3nbien bleibt), baß eine Veränberung beS SJtinifteriumS aud) bas 
Slbtreten beS ©eneratgouberneurS jur gotge hätte. 

3 « teuerer Seit ift biefer galt jweimat borgefommen: einmal würbe ein 
©eneratgouberneur, nac^bem er allerbitigS beinahe fünf Sabre feinen Slang in 
3 nbien betteibet hotte, jurütfgerufen; im jweiten gatte erbat ficb ber ©ouberneur 
3- Soubon feine ©nttaffung wegen eines SBecbfetS im SJiinifterium, ber allerbingS 
non einer böttigen Veränberung in mannen Wichtigen Slngetegenbeiten begleitet 
war. @r war noch nicht brei 3afjre im Stinte unb braute feiner Ueberjeugung feljr 
bebeutenbe perfönticbe Sntereffen jum Opfer. 

@8 ift bies, fooiet idj weift, bas einzige Veifpiet biefer Strt, was Wot einigem 
maften auffattenb ift, ba bie Dtiebertanbe feit 1845 22 SUlinifter ber colonialen Sin* 
gelegenbeiten (barunter bie ftettbertretenben SRinifter nicht mit geregnet), 3«bien in 
berfetben Seit 8 ©eneratgouberneure gehabt bat, beren tefcter bor einigen 9Jlo- 
naten ernannt würbe. Sßenn auch nicht immer, fo bo<b häufig fitib SDiinifter bon 
berftftiebener garbe einanber gefolgt. SttterbingS bemertt man bei einer Sufammen* 
fteüung ber gleichzeitigen Söiinifter unb ©eneratgouberneure mertwürbige ©ombi= 
nationen bon garben unb Veränberung in beit ©djattirungen, Wie man fte manch* 
mal nid)t erwartet fabelt fottte. 

Der ©eneratgouberneur ift bon feinen StmtSftanbtungen bem fiönige Stechen* 
feftaft febutbig, jeboc^ tann er auch bureb bie S'oeite ßamnter in Slnftagejuftanb 
berfe^t Werben. 3$ fü^re bie betreffenben Slrtifet beS StegierungSreglementS unb 
beS ^ottänbtfcften ©runbgefefceS in wörttidjer Ueberfefcung an. 

Strt. 37 beS erftern tautet: „Der ©eneratgouberneur ift mit ©ejug auf bie 
StuSübung feiner SBürbe bem ffönige Verantwortung febutbig, ohne Verfügung beS 
SRe^teS ju feiner Verfolgung, welche bureft Strt. 159 ber ©onftitution ber S'oeitcn 
Üfammer juerfannt wirb." Diefer festere Slrtifet tautet: „Die SJiitglieber ber @e- 
neratftaaten, bie ©ftefS ber minifterietten Departements (SJtinifter), bie ©eneval* 
goubemeure ober bie tjoljen Veantten, welche unter anberm Stamen mit gleicher ÜRadjt 
betteibet ftnb in ben ©olonien ober Vcffoungen beS SteidjeS in anbern ©rbfoeiten, 
bie SDtitgtieber beS ©taatSratfieS unb bie ©ommiffare beS Königs in ben V*obinjen 
(böd)fte Slutorität) werben, Wegen StmtSberbrechen, bureb ben ^önig ober bie 
Sweite Kammer jur Verantwortung gezogen, gerietet bureb ben $oben Vafo 
(baS ^dd^fte ©cricftt) ber Siiebertanbe." 

Die ©trafen, mit benen fotdje Vergeben unb Verbrechen bebrobt werben, finb: 

Verbannung für bie Seit bon brei bis zehn Satiren, ©efängnift bon brei SJlonaten 
Bis ju brei fahren, in beiben gälten mit Vertuft bon Stint, Sßürbe unb Ditet, unb 
bon Venfton; in leichtern gälten: ein bis brei gab« Verbannung ober ©efängnift 
bon ein bis feebs SJlonaten. Der Vertuft bon Stint, Ditet, V«nfion muft nicht nott)- 
wenbigerWeife zugleich auSgefprodjen werbeu. 3ft in ben gälten ber leichtern Strt 
nur Siacbtäffigfeit, feine Stbficbt bewiefen, fo tritt feine toeitere Strafe, nur Vertuft 
ber Stellung ein. 


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(06 


Unferc 3cit. 


Ser Antrag, einen SRinifter u. f. m. in Anflagejuftanb ju üerfefcen, muß 
fdjriftfidj, menigftenS burch fünf SRitglieber bet Sommer unterfdjriebcn, eingereid)t 
werben. Er mirb innerhalb 24 ©tunben bem Vefdjutbigten mitgetljeilt. SBenu 
bie Sammet überhaupt befchliefjt, jut Veljonblung beS Antrages überjugefieu, fo 
mirb et in bie $änbe einer ßommiffion gcfteflt, meiere bie Beugen netnimmt unb 
bie ©adje fooiel als möglich aufflärt. Sem Angeflagten ift es überlaffen, ob 
er bor biefer Eommiffion jum Verhör erf^einen mill ober nicht; er muff jebodj 
gehört merben, fobalb er bieS oerlangt, gleichgültig, mie weit bie Verl)anblung 
oorgefdjritten ift. 

ÜRachbem bie Eommiffion ihre Arbeit ooöenbet l>at, rapportirt fte an baS 
ißtenum ber Samnter; biefer Rapport wirb erft in ben Abteilungen berathen 
unb bann erft entfeheibet baS fßlenum, ob man bie Anflage fallen laffen ober 
weiter betreiben miß. 3m lefctern gaße wirb fie bem ©eneralprocurator beim 
$ohen ßtath jur Einleitung beS gerichtlichen Verfahrens übergeben. UcbrigenS 
behält ber Angettagte baS SRecht, folange bie Angelegenheit fich in ben £änben 
ber Sammet befinbet, jeben Augenblicf auf feine Vernehmung bringen ju fönnen. 

Ehe ich bap übergehe, etwas über bie Veftimmungen beS VegierungSreglements 
bezüglich bcS ©enetalgouberneurS mitjutheilen, miß ich erft ein paar SBorte über 
ben ßtath üon SRicbertänbifd^Snbien erwähnen. Serfelbc befteht aus bem Vice» 
präfibeuten unb oier SRitgtiebern. Aße Veamten unb SanbeSbiener fönnen birect 
oor ben Statt) jur münblichen Vernehmung geforbert werben, um. Wenn ber SRatlj 
eS nöthig erachtet, Aufflärungen ju geben. Ser ©cneralgouberneur fanit in 
aßen Säßen, in welchen es ihm wünfdjenswertl) fcfjeint, bem Statue präfibiren. 

Auch fann burch beu Sönig bem ©eneralgouoerneur ein Sieutenant jur ©eite 
gefteßt werben, ber als üorläufiger ÜRadjfolger beS ©eneralgouberneurS anjufeljen 
ift, unb übrigens bem lejjtern jur Verfügung ftet)t. Eine folche Ernennung hot 
jefct fchon längere 3eit nicht mehr ftattgefunben. 

Ser Vicepräfibent unb bie SRitglieber beS fRatheS Oojt ÜRiebcrlätibifcfj^nbicn 
miiffen Stieberlänbcr fein unb baS 30. 3oh* erreicht hoben. Sie Ernennung beS 
erftern erfolgt auf ben Vorfchtog beS SRinifterratheS, bie ber SRitglieber auf ben 
Vorfchlag beS ©eneralgouberneurS burch ben Sönig*); ebenfo bie Enttaffung aus 
ihren ©teßen. 

©ewöhnlicf) werben biefetben gewählt aus ben Pchften im inbifdhen Sienft 
befinblichen Veamten unb Offizieren. 

©ie fönnen nur mit Vewißigung beS ©eneralgouberneurS (außer auf frifdjer 
Sljat) oerhaftet werben. 

*) ®urrf) ben Sönig werben noef) ernannt: 

ber tßröfibent beS Rolfen ©eridjtSfjofeS (beS Ijpd^ften Tribunals). Siefet fowie auch 
bie SRitglieber biefcö .ftofeS fönnen gegen ihren SBiflen nur burch ben Sönig ihrer Stellen 
enthoben werben; 

bie SRitglieber beS Rechnungshofes; 

ber ©ommanbant unb bie ©enerale ber Armee; 

ber ©ommanbant ber glotte, ber jebodj ebenfo wie baS ganze europäifdje $erfonal ber 
gtotte, Offijiere, SRatrofen nnb ©olbaten aus bem ©tat ber nieberlänbifcljen SRarine 
betadjirt ift. 


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2 )ie Hegierung 6er nieöerldnbifch*oftinöifcfjen CColonien. 


(07 


Ser ©eneralgoutiemeur Ijat baS Siecht, mit ^Beobachtung ber ifjm gegebenen 
allgemeinen unb befonbern SBorfchriften Seftimmungen feftjufe^en über alles, maS 
nicht burd) bie gefefcgebenbe aRadfjt ober ben ®önig feftgeftettt ift ober feftgeftettt 
werben muß. Qn bringenben gälten lann ber ©eneralgoubemeur aud) fotche 3Jiaß* 
regeln treffen, muß jeboch bie ©enefimigung beS Königs einboten unb bleibt natür= 
lieh für bie burcß ißn getroffenen HRaßregetn öeranttoortlicfj. Unter ber gleiten 
Sebingung unb gleicher Serantwortlichteit lann er bie SluSfübrung non Seftirn» 
mungen unb ©efeßen, bie in ©uropa gegeben werben, auffdfjieben. 

SBie burd) lüniglidjen Sefcbluß fejtgefteHt müffen betrautet werben: alle be= 
ftebenben Organifationen unb Snftitutionen, bie angenommenen Willigen 9tegie= 
rungSgrunbfä^e, enblic^ bie für baS ©teuerstem angenommenen ©runbfäfce. 

3m galt ber ©enetalgounerneur irgenbwelcbe SRaßregel in ber eben befdfjrie* 
benen SBeife auf eigene SBerantroortung getroffen ober aber bie StuSfülfrung non 
in ©uropa gefaxten Sefdfjlüffen inbibirt b°t, fo muß er für ben galt, baß 
feine $anbtungsweife in ©uropa nic^t genehmigt würbe, bie burdf) iljn getroffene 
äRaßreget fofort jurürfneljmett, refp. ben burcb ifjit int)i6irten Sefcßlüffen freien 
Sauf laffen. UebrigenS behält bie burcb iljn getroffene SRaßregel für bie $mifd(jen= 
jeit noüe gefeßticbe Äraft (was natürlich unter Umftänben fcljr wichtig werbeu lann). 

Ser ©eneratgounemeur lann ben Siatb non 9lieberlänbif^-3nbien ^eranjie^en 
in aßen gatten, wo ifjm bieS wünßbenSwertb fd)eint; er rau6 it|n tjören in fol- 
genben gatten: 

1 ) in Setreff aller auf SBefetit beS ©eneralgounerneurS entworfenen Snftruo 
tionen betreffenb bie eigentliche SluSübung ber Regierung (in abminiftratiner Se= 
jießung); 

2 ) bei allen Serljanbtungen über Ätieg unb grieben unb Serbanbluitgen mit 
intänbifc^en gürften; 

3) über ben jährlichen Subgetentwurf; 

4) über ben allgemeinen tßlan ber SRaßregeln, bie im gatte non Ärieg unb 
Slufftanb ergriffen Werben müffen; 

5) über außergewöhnliche wichtige SRaßregeln; 

6 ) über ©rnennung ju Wichtigen Slemtern (bie bei fpecietten fönigli^en 3« 5 
ftructionen norgefdfjrieben finb). 

SBie auch baS SBotum beS StatbeS non gnbieu fein mag, ber ©eneratgounemeur 
allein faßt ben ©ntßbluß, hoch muß er in einzelnen gatten (bie Wir weiter unten 
lennen lernen werben), im gatte feine ©ntfeheibung mit ber Stnfidjt beS SlatbeS 
nicht übereinftimmt, baS Urtheil beS Königs einholen. 3« biefem gatte finbet 
norher ein fdhriftticher SReinungSauStaufcb jWifcheit ©eneratgounemeur, SicepräfU 
bent unb SRitgtiebem beS SlatbeS non 9lieberlänbifch=3 n l , ten ftatt. 

Ser SRath non 9Uebertänbifch'3nbicn hat baS Siecht, non atten ^Beamten auch 
fchrifttiche Serichterftattung forbern ju bürfen; er hat baS Siecht, bem ©eneralgou- 
nemeur Sorfchläge ju machen; Witt festerer einem folgen Sorfchlage nicht $u= 
ftimmen, fo macht er hierüber SRittbeilung an ben SRinifter ber colonialen Sin* 
gelegenbeiten. 

Solange einfdfjtießticb beS SJicepräfibenten brei SRitgtieber beS SiatheS non 


£8S£. 


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*08 


Unfcre <3^*. 


Niebertänbifdj»3nbien an bem Sifce bet Regierung (©atabia) anmefenb bleiben, 
fann bet Gcneralgouöerneur bie anbern SNitglieber mit befonbern Kommiffionen 
(j. 93. mistigen Gefanbtfdjaften, Begleitung größerer Gjpcbitionen jur Seitung ber 
politifdjen ©erhältniffe) beauftragen. 

2)er Generalgouberneur ift ftrafbar: 

wenn er einen töniglicfjen ©efeljl auSffiljrt, ber nicht gegengejeidjnet ift burch 
einen SCßinifter; 

menn er einen folgen ©efeljt ausführt, ber, obfehon in gefefelidjer fjform aus» 
gefertigt, ifjm nic^t jugefcfjicft ift burd) ben ©tinifter ber colonialen Angelegenheiten; 

menn er abfidjtlidj berfäumt hot, ©iaßtegeln auSjuffihren, ju beren Ausfüh¬ 
rung er berpßidjtet mar; 

menn et ©efcfilüffe faßt, bie im SEBiberfprucf) ftehen ju ben beftehenben ©e* 
ftimmungen. 

3m Salle einer foldjen ©efthulbigung legt er feine Stellung niebet in bie 
£>änbe feines Nachfolgers, ober menn biefer noch nicht ernannt fein fotlte ober 
fich nicht in 3nbien befiitbet, in bie £>änbe beS ©icepräfibenten beS Nat£)cS bon 
Niebertänbifch»3nbien. 

Gr ift Oberbefehlshaber ber glotte (mit Beobachtung beS abminiftratiben ©er» 
hältniffeS, in metchem baS ©erfonal ber SWarine jum SRinifter ber SRarine in 
$oHanb fteht). 

Gr ift Oberbefehlshaber ber Sanbrnacljt. 6t ernennt, beförbert unb berab* 
fchiebet bie Offiziere unter ©eobachtung ber gef etlichen ©orfchriften. 

3m Sali bou Ärieg ober Gmpörung tann er ben BelagerungSjuftanb ber» 
hängen, j[a er tann fogar ©eftimmungen beS Negierungsreglements fuSpenbiren, 
alfo üoßftänbig als ®ictator auftreten. 

©erfotten, bie nicht in 3«bien geboren finb, tann et in Uebereinftimmung mit 
bem Nath bon Nieberlänbifdj=3nbieit auS ber Kolonie berbannen. 

©erfonen, bie in 3«bicn geboren finb, tönnen an einem beftimmten Orte inner» 
halb ber Kolonien internirt merben. 

©eibe ©taßregeln bürfen nicht ergriffen merben, ohne bem Setreffenben Beit 
unb Gelegenheit jur ©ertheibigung ju geben. 

$ie Beamten merben ernannt, beförbert unb berabfdjiebet bnreh ben General» 
goubemeur auf Grunb bon gefefelichen ©erorbnungen (bie aber nur in ©ejug auf 
bie ©enfionirung beftehen), mit Ausnahme berjenigen, beren Kntlaffung bem Sfönige 
borbehalten bleibt. 

®er Generalgoubemeur hat baS BegnabigungSrecht, nadhbent er ben ©ortrag 
beS häuften Gerichtshofes gehört, unb jrnar folange ber ©erurtjjeilte fich in 
3nbien befinbet. (3u 3u<hth Q uSftrafe berurtheilte Guropäer — biefe Strafe befteht 
nur für biefe — berbüßen biefelbe in Kuropa.) 

Auch inlänbifche Surften fann er begnabigen unb ihnen ©erjeihung gemähten, 
menn fie fich gegen feine Autorität bergangen haben aber nur in Uebereinftimmung 
mit bem 9tath bon Nieberlänbifch=3nbien. 

4?ier mag beiläufig bemerft merben, baß bie Abfefcung bon inlänbifchen Sürßen, 
bie fich 9*9*« bie Negierung bergangen haben, mol bortommt. Sie merben in 


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Die Regierung ber mebcrlänbifcf?=oftinbifefjen Colonien. 


m 


biefetn gatte gcwöf)nlicfj an einem Oeftimmten Ort ber Kolonie, too fie unfcfjäblicf) 
finb, internirt. 

K)er ©eneratgouöerneur öerteitjt ferner atte fSiSpenfationcn, bie nadj bem 
©efep möglich unb nötljtg finb. 

®r führt Ärieg unb fd)Iiefjt grieben mit intänbif^en gürften mit Beobachtung 
ber Befehle be« ftönigS. Gr ift jum <3d)ufce ber intänbifdjen Beoötferung Der* 
pflichtet unb forgt bafär, bafj ihr bie ©elegenheit gegeben wirb, ihre Klagen frei 
unb unbehinbert borjubringen. 

Gr forgt für bie Unterhaltung ber SRegierungSanpftanjungen (fogenannten Kul* 
turen) in Uebereinftimmung mit ben Befehlen beS Königs. 

Gr muh hierbei baS golgenbe im 9tuge behalten: 

1 ) bah bie Kultur tion fßrobucten für ben europätfdjen SJiarft ber änpftan- 
jung genügenber Sebendmittel für ben eigenen Bebarf ber Bcbölferung nicht im 
SBege fleht; 

2 ) bah, im Sötte bie Kulturen für ben europäifdien SKarft ftattfinben, auf 
folchem Boben, Welcher eigentlich für eigenen ©ehraudj ber Bebölferung urbar 
gemacht mürbe, bie Berfügnng barüber mit Bittigfeit unb Beobachtung beS Be= 
ftehenben ftattfinbet; 

3) bah bei bet Bertheilung ber 2lrbeit für bie Kulturen biefelben Siegeln 
(ber Bittigfeit u. f. w.) beobachtet werben; 

4) bah bie Bejahung mit Bermcibung einer fchäbtidjen llebertreibung fo fei, 
bah fie bem gnlänber wenigftenS gleichen Bortheit bringt wie freie Slnpflanjung*); 


*) hierbei wirb jebenfatlS ein eigentümliches RecfjnungSoerfahren beobachtet. Sie Re¬ 
gierung bezahlte 1879 unb auch jept noch für 125 halbe Kilogramm Kaffee 14 gl. baar 
an bie Bebölferung, unb zwar für ben reinen, getroefneten Kaffee (aber nicht in (Dolb, wie 
im „ÄuSlanb" bon 1879 in einem Auffnjj über bie Battaflänber auf Sumatra mitgetheilt 
mürbe). 

Ser Kaffee wirb burch bie inlänbifche Bebölferung in ganj fleincn Quantitäten in bie 
SRagajine geliefert; man fann ftch borftctlen, welch winzig fleine ©olbpartifel nötl;ig fein 
mürben, um Summen bon 18—20 Bf- per '/, Kilogramm auSjahlen gu fönnen. 

Aufjer ber Baorjahtung muh man hierbei noch rechnen auf: 1) bie SranSportfoften bon 
bem in möglichfter Rahe ber Kaffeegärten gelegenen SRagajiti bis jur Küfte, wo bie Ser- 
fdjiffung nach Kuropa ftattfinbet. Siefe Summen werben burch bie Regierung gleichfam 
oorgefchoffen; 2) bie ©runbfteuer für ben ®runb unb Boben, welcher für bie Kulturen benufct 
mirb. SBcnn auch falbe Boften ziemlich h°<h berechnet werben, fo bleibt bod) bei ben gegen¬ 
wärtigen B«lfen immer noch ein ganz bebeutenber Bortheil für bie Regierung. SS ift 
alfo unzweifelhaft unb auch nothwenbig (fotange nämlich bie Regiernng Bortheil bei biefen 
Kulturen fudjt), bafj bie gorberung oben unter 4) unerfüllt bleibt. 

SaS ganje Xljema ber Kulturen ift fehr intereffant, aber auch Kh r fchwierig, groben» 
tfjeilS auch, weil %f)totie unb BrajiS, bie gefchriebene Borfchrift unb bie praftifdje Aus¬ 
führung, manchmal fehlest miteinanber ftimmen. vier fehlt ber Raum, näher barauf 
einzugehen; bielleicht fomme ich fpäter barauf fowie auch auf bie burch Bribatperfonen 
betriebenen Kulturen zurfief. Tod) will ich nur noch beS beffern BerftänbniffeS halber Rach» 
ftepenbeS mittheilen: 

gm allgemeinen wirb angenommen, bag aller Boben ber Regierung gehört, infofern 
nicht ber Befifc burch befonbere Rechtstitel anberer B er fonen bewiefen ift. Sie Regierung 


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Unfere ,5ctt. 


UO 

5) bog, fobitl möglich, ade ©erwerben a&gcftetlt werben, bie bei einer ft>e* 
cieden Unterfuctung gegen ba£ Sulturftftem ftd) ergeben möchten; 

6 ) baß eine ^Regelung biefer Sac^e borbereitet toirb, wetdje bie Vermittelung 
ber Regierung unnötig mactt unb bie Kulturen freien Verträgen überläßt. 

Sie$ ^Reglement befielt feit 1854 unb finb bie Vorbereitungen, unter 6) an* 
gebeutet, nodj nidjt fetr weit geförbert, wiewot aderbing* SRaßregefn in biefer 
dticttung ergriffen finb. 

Sie burdj ben Sntänber ju teiftenben perfönlicten Sienfte Werben burdj ben 
©eneralgouberneur feftgefefct, unb ade fünf 3at)re wirb unterfu^t, ob biefetben 
berminbert werben fönnen. 

Seine anbem Steuern als bie borgefdjriebenen bürfen erhoben werben. 

Sie Sanbrente wirb, Wo fte beftetjt, bortäufig auf bemfelben guß weiter 
erhoben werben. 

Ser ©eneralgouberneur forgt für Raubet unb ©ewerbe unb baffir, baß feine 
neuen SRarftbelaftungen erhoben werben. 

@r forgt für bie gnftanbfjattung ber Sjatiwälber (inbifc^e (Siete). 

(Sr bermiet^et unb berfauft Sänbereien an Europäer unb 3nfänber auf ©runb 
ber befte^enben Veftimmungen. 

9luf ben Snfefn be8 3ubifcten $fr<tipels foden feine neuen ÜRteberlaffungen 
burct bie Regierung gegrünbet werben, wenn fie feine befonbere Vodmadjt baju 
bom Sönige erhalten tot. 

3m Vor^ergefienben ift ein Stuäjug au3 bem 9tegierung$reglement gegeben, 
fo Weit baffefbe auf ben ©eneralgouberneur unb ben Statt bon 3tieberlänbif<f) s 
3nbien Vejug tot, natürlich nur infofern, als bie Vefanntßtaft bamit für baS 
Verftänbniß be8 fjotgenben nöttig ift; etujelne Veftimmungen, bie fid) weniger auf 
bie Stedung unb SJtacttbodfommenteit be$ ©enetalgouberneurS bejiefjen als biet» 
metr auf befonbere Verf)ältniffe (wie j. V. getanbeit werben muß, Wenn bie 
SRotljwenbigfeit befielt, ben ©eneralgouberneur plö&Iict ju erfefcen, wenn bie Ver* 
mutfyung befielt, baß er watnfinnig ift), übergebe i(t mit Stidfctweigen. 

SaS Stapfte, WaS wir einer nähern Vetradjtung unterbieten Woden, ift bie 
Stedung beS ©eneralgouberneur^ ju benen, Weldje über itm fteten, unb toben 


berpflidjtet ben ftnlänber, innertalb getoiffer ©renjen auf biefem itr getürigen ©oben 
Kulturen anjulegcn unb ben ©rtrag in itre TOagajine gegen eine getoiffe ©ejatlung, je^t, 
wie f<ton erwätnt, 14 gl. per 125 fjafbe Kilogramm Kaffee, bie fjauptcuttur, abjuliefern. 

$n itren ©eredfnungen (wo na<tgewiefen wirb, weldje ,,©ortljeile" ber gntänber bon 
biefen Kulturen jieijt) bringt fie jebodj au cf) bie burct (entere für bie ©enupung beS itr 
getörigen SobenS ju bejattenbe ©ntfdjäbigung, ©runbfteuer, in bie SRetbnung. §ierju 
treten nodj bie XranSportfoftcn nact bem ^afenort, unb bie Summe biefer brei ©offen 
bifbet ben tteoretifdjen ©rtrag, ben bie Kultur bem Qrttanber einträgt. 3m ©runbe ge* 
ftattet fidf bie ©acte noct ungünftiger für tejjtern, ba Kaffee, baS fjauptprobuct, erft im 
bierten 3<>t re ber Kultur einen nennenswerten Srtrag gibt. 

gür ben ©oben, ben ber gnlänber für eigenen ©ebrauct bearbeitet, bejaht er £anb* 
rente an bie ^Regierung; ber 3nbuftriel(c, ber eigene Kulturen unternimmt, miettet ben 
©oben bon ber Regierung; jej>t gewötnlict für 75 3“t re für fi<t unb feine ©rben, unb 
bejaht bafür einen bereinbarten ©reis. 


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Die Hegicrung bet nieberlänbifcf^oftinöifcfyen cCoionten. m 

Wir uitl babei fotgenbe fragen ju beantworten: welche gefefctidje ©eftimmungen 
hefteten barilber, Wie tjat fidfj bie <Sad)e in ber ißrajil gestaltet unb Welche« finb 
bie folgen babon für Snbien, fpeciett für bie ^Regierung? 

Unfere Eonftitution fagt barüber im Slrt. 59: 

„Der Sönig tjat bie oberfte Seitung (het opperbestnur) über bie Kolonien unb 
©efifjungen bei Eteidjel in anbern SEBetttfieiten. Die Eteglementl für bie 9tegie= 
rang Werben burcf) bal ©efefc feftgeftellt, ebenfo bal SRünzwefen. 

„Slnbere ©egenftänbe, biefe Kolonien unb ©efifcungen betreffenb, werben burdj 
bal ©efefc geregelt, fobatb el fidf) jeigt, bafj ein ©ebürfnifj hierfür beftetjt." 

Unb weiter wirb im Slrt. 60 gefagt: 

„Der Äönig lägt jä^rtic^ ben ©eneralftaaten einen umftönbticfien ©eridjt übet 
bie Verwaltung ber Kolonien unb Sefifcungen unb ben Suftonb, in bem fie fitf) 
befinben, jufommen. 

„Dal ©efef} regelt bie Strt ber Verwaltung unb Verantwortung ber colo* 
niaten ©etbmittet." 

ERan fietjt, biefe SB orte macfjen bal Vertiättnif} nicf)t beuttidj; fie fagen Weber 
befüimmt, Wal burdj bal ©efefc geregelt, nodj wie biefe SRegetung ftattfinben fott. 
gür bie KinmtfdE)ung ber gefe|gebeitben ERadjt ift atfo feine beftimmte ©renje gc= 
Zogen, ja nicf)t einmal beftimmt, ob fie fetbft bie Snitiotibe baju ergreifen fann ober 
bie Stufforberung ber $rone abwarten mufj, b. tj. bie grage ift, ob bie gefejjgebenbe 
ERadjt beftimmen fann, Wal burdj bal ©efefc feftgeftellt werben fott, ober ob fie 
btol iljren ©eiftanb ju teilen tjat, wenn berfetbe burdj bie ^Regierung oertangt wirb? 

Kine ^Beantwortung biefer fragen mit bem ©efejjbud) in ber $anb ift fdjwcr 
jn geben. 

Der ©eneratgouberneur ift bem Könige berantworttidf); ber conftitutionette 
Äöntg fann feinen ©efetjt geben otjne bie ©egenzeidjnung einel feiner ERinifter; 
ot>ne biefetbe barf ber ©eneratgouberneur feinen fönigti^cn ©efetjt aulffitjren, 
ja biel genügt nid)t einmal; fetbft in gefejjtidjcr gorm berfafite ©efetjle müffen, 
uin ©üttigfeit ju tjaben, bem ©eneratgouberneur burd) ben ERinifter ber Kolonien 
Zugefdjicft werben. ©leibt eine biefer ©ebingungen unerfüllt, fo madjt ber ©enerat* 
goubetneut fiel) ftrafbar, wenn er einen ©efetjt feines ©ouberänl aulfütirt. 

föein gweifet atfo, ber ERinifter ftetjt all iRattj ber fitone tjötjer all ber 
©eneratgouberneur, Wie biel ja aud) de facto teidjt feftjuftetten ift. Denn wenn 
ja einmal Bweifel barüber entftefien fönnten, brauet ja ber ERinifter feine SRci* 
nung nur in einem tönigtidjen ©efdjlufj aulzubriidfen unb in biefer gornt bem 
©eneratgouberneur jugefjen ju taffen. 

Dennoch tjat bie Kompetenzfrage, bie fetbft Sebenlfrage für bie <Setbftän= 
bigfeit bei ©eneratgoubenteurl geworben ift, fdjon ju ernften Verwidetungen Slntafj 
gegeben, bie natürtidj jtdj meift ber 0effentti<tjfeit entziehen. 

Sn einem gatte jebodfj, ber fßnblicität befommen Ijat, entwiefette ber ERinifter 
ber cotoniaten Slngetegentjeiten feine EReinung gegenüber bem ©eneratgouberneur 
f otgenbermajjen: 

Der ERinifter ift gegenüber ben ©eneratftaaten oerantWorttidi für bie §anb- 
tungen bei ©eneratgouberneurl. Die (Stellung bei ©eneratgoubenteurl madjt el 


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Unfere 


U2 

nötßig, baß bec SRinifter biefe Verantwortlicßleit immer unb im boUften SRaße 
auf fieß nimmt. 3)er ©eneralgoubemeur ift bemgemäß berpfticßtet, ju behüten, 
baß bet SRinifter bie Verantroortließfeit für §anbtungen bei ©eneralgouberaeurl 
auf fieß nehmen muß, bie er nießt billigen fann. Sie telegrapßifeße Verbinbung 
bon §oHanb mit ber Kolonie ßat bie Verätzungen jwifcßen SRinifter unb ©eneral» 
gouoeraeur feßr leießt gemalt. ®er SRinifter fotlte alfo, offne jwingenbe Stoß U 
toenbigfeit, bureß ben ©eneralgoubemeur in wießügen poliüfeßen unb finanziellen 
fragen nie einer boöenbeten Sßatfaeße gegcnübergefteOt werben. 

®er ©eneralgoubemeur ertoiberte: 

$er ©eneralgoubemeur, weleßer in 3 n ^i en fi<ß aufßält, regiert namenl bei 
Königs über 3>nbien; bal gntereffe bei Sanbel forbert biel, Art 1 bei IRegie* 
runglregtementl feßreibt bieö bor. 

ift waßr, baß ber SRinifter ber colonialen Angelegenßeiten gegenüber ben 
Kammern berantwortließ ift für bie §anbtungen bei ©eneralgoubemeur^; el ift 
aueß Waßr, .baß er biefe Verantwortlicßfeit im boHen SRaße auf fuß nehmen muß. 

$)iel foH jeboeß nießt gefeßeßen auf ©mnb einer Vefeßränlung ber SRacßt bei 
©eneralgouberaeurl, fonbem im Vertrauen barauf, baß biefer feine unberantwort» 
ließe $anblung begeßen wirb, ©in ©eneralgoubemeur, ber bie« Vertrauen nießt 
genießt, fann nießt am SRuber bleiben, ©r fann nießt berlangen, baß ber SRinifter 
ißn fo in 3nbien über 3«bien regieren läßt („in Schien über 3nbien" iß ein 
geflügelte« SBort geworben), fo wie el bal ©efeß unb bal Sntereffe bei Sanbel 
wollen, er muß fieß alfo jurüefjießen, er muß feine Stellung niebertegen. ÜRie jeboeß 
barf er fieß in berfelben ju erßalten fueßen auf Soften einer Unterwerfung feiner 
Autorität unter bie bei SRinifter« ber colonialen Angelegenßeiten in ßößerm SRaße, 
all bal @efe| biel borfeßreibt. 

Unb ba berfelbe SRinifter halb barauf ben ©eneralgoubemeur erfueßte, eine 
fißon bor feinem (bei SRinifterl) Amtlantritt ergriffene SRaßregel ju fulßenbiren 
(unb ber SRinifter mußte fi<ß felbft fagen, baß bureß bie Aufßebung ber SRaßreget 
bem Stimbul bei ©eneralgoubemeurl ein ©eßlag beigebraeßt Würbe, feine Stellung 
gerabe gegenüber ben Snlänbem fo erfeßüttert würbe, wie biel glüefließerweife in 
ben leßten 60 faßten ni(ßt oft borgefommen ift), geßonßte ber ©eneralgoubemeur 
augenbtiefließ, erfueßte jeboeß noeß benfelben lag telegrapßifcß um feine ©nttaffung, 
bie ißm au<ß per Selegraßß, aber erft feeßl SEBocßen fpäter, jugeftanben Würbe. 

$ie grage: Regierung über Snbien in Sfnbien ober im §aag, wirb früßer ober 
fpäter $ur ©ntfeßeibung fommen müffen, man wirb fieß genötßigt feßen, bie ©renjen 
jwifeßen beiben genau abjufteefen, wenn man beibe beobaeßten will (unb el ift 
unWaßrfißeinließ, baß man eine aufgibt), unb jwar je eßer, um fo beffer, um 
$oUanb unb bie ©olonien bor bem empfinbließen ©cßaben ju beWaßren, ben biefer 
im füllen Wirfenbe Sampf jwifeßen jwei Autoritäten mit fieß füßrt. 

2)ocß ift el nießt ber SRinifter ber ©olonien allein, ber biefen $ruef auliibt, 
beffen ©influß allen kräftigen SRaßregeln in gnbieu ßemmenb im SSege fteßt (unb 
Iräftige SRaßregeln finb nötßig), fonbem meßr noeß ber anf ben SRinifter geübte 
$raef ber ©eneralftaaten, ber fieß bann infolge bei gewößnließen abminiftratiben 
©ebraueßl mit berftärfter Straft auf 3«bien überträgt. 


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Die Hegierung 6cr nicberlänttfcfj = oftinöifdjen Colonien. j(3 

Auch ^iet beftef)t, wie fdjon oben erwähnt würbe, eine Unfidjerheit bet ©renzen 
neben bet Stage, wem bie Snitiatibe zufommt. 3)iefe tjat nut einen theoretifdjen 
Werth; praftifcf) ift fie beantwortet burd) bie Auslegung unb Entwidelung, bie 
man bem Art. 60 gegeben, wie wir gleich feljen werben. 

Wäljrenb Art. 59 ^Weiter Abfafc mit bet fo beliebten Unbeftimmtheit nut fagt, 
baff alle ©egenftänbe burd) baS ©efejj geregelt werben foKen, fobalb fid) baS Be= 
bürfnifj für eine foldje Siegelung jeigt, forbert bagegen Art. 60, ba{j jährlich ein 
Bericht über bie coloniale Verwaltung unb bie colonialen ©elbmittel ben ©eneral* 
ftaaten borgelegt werben foU. Stüber f»atte bie Regierung bie Behauptung immer 
aufrecht erholten, bafj eS fid) nur um bie Art ber BerWenbung beS Ueberfd)uffeS 
banbeite, bah bie ©eneralftaaten jebo<b über bie ©rüge berfelben, über bie Weife, 
wie er erhalten Würbe, nicht mitzufpredien hotten. 2Ref)r unb mehr würbe bie 
^Regierung mit ihrer 23)efe jurüdgebrängt, bis fie 12 Sabre noch Einführung beS 
StegierungSreglementS jum erften mal baS Bubget Don Snbien burdf baS ©efefc 
feftftetlen lief}. Unb bo hat nun, man borf wot fagen leiber, ber ©ebrauch mit fidj 
gebracht, baß biefe gefefcliche Beftimmung nicht in einem befchränften Sinne aufgefafjt 
würbe, fonbern fo allgemein wie möglich- infolge baöon benufcen bie SRitglieber 
ber ©eneralftaaten biefe ©elegenheit recht reichlich, um ihre Bitten unb Wünfdje, 
ihre Bemerfungen unb ^Interpellationen über inbifche Angelegenheiten bem 9Rinifter 
borzutragen, benen lefcterer je nach ben Umftänben gerecht werben muh (narnent* 
lidj wenn eS bie eines Wortführers ber herrfchenben Partei finb), um fein Bubget 
ju- retten unb ben üRinifterfeffel ju bewahren, nach welchem fich fo biete fehnfüdj* 
tige ©liefe richten. 

Bebenft man nun, Wie biele fehr berfchiebene Sntereffen $oKanb mit Snbien 
berfnüpfen, Wie ber IßarticulariSmuS ber ißrobinjen in |joflanb alles für bie ©e* 
meinbe, bie ©tabt, höchftenS bie tfkobinj berlangt, babei jeboch bem lieben 5Räd)ften 
fowenig wie möglich gönnt, fo lann man fich benfen, welchem $rnde bon feiten 
ihrer Wähler bie Abgeorbneten auSgefefct finb, bie ja auch bon 3eit ju Seit einer 
SReuwahl fich unterziehen müffen. 3u>if<heu biefen fo mannichfachen Sutereffen 
muh ber SRinifter tabiren, unb es ift erflärlidj, bah *6 ih m f<h*oer werben mnh, 
eine nach ber einen ober ber anbern Stiftung h'U entfeheibenbe SRafjregel bur<h= 
guführen. 

Soweit mir befatmt, finb auch bei ber Seftftetlung beS ©runbgefefceS bie ©renzen 
nicht näher bezeichnet; eine fotche Bezeichnung in ber Beratung würbe aüerbingS 
feine gefe|liche Äraft befifcen, jeboch wenigftenS ben ©eift, in welchem biefer §. 59 
getefen unb berftanben werben foU, näher erläutern. @o fommt es, bah eS bon 
ben jebeSmaligen Anfichten abhängig ift, zu beftimmen, was burch baS ©efefc ober 
waS burch bie Ärone (mit bem SRarnen „allgemeine Berotbnung" im officieHen 
©tit auSgebrüdt) feftgefteHt werben foll. ®iefe heifle Stage ift fchon für manchen 
SRinifter ber colonialen Angelegenheiten ein Stein beS AnftojjeS gewefen unb mancher 
hat fein fßortefeniDe babei bertoren. £>oHanbS gtoher Staatsmann Xhorbede hat 
immer bafür gefämpft, fooiel als möglich burd) baS ©efefc alles zu regeln, was 
nur in biefer Weife geregelt werben fonnte; hoch auch er hat einmal als Premier 
feinen Seffel für biefeS ^ßrinctp opfern müffen, ber Weigerung eines SRinifterS 

Unfere Beit. 1881. II. 8 


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m 


Unfere 


ber Kolonien gegenüber, ber 3»bien unb feine Bebfirfniffe Wohl fannte unb 
es ablehnte, eine beftimmte SRafjregel burch baS ©efefc fcftftetlen p taffen. 

Sn ber SBeife, wie bieö jefct gefehlt, führt eine Regelung ber Angelegenheiten 
burch bie gefefcgebenbe SRadjt, meiner Anftdjt nach, ' n Dieter Beziehung nicht pm 
©uten. ÜJtan ftette fi<h nur ben SSeg oor, ben jebe SRafjregel, bie gefefjlich feft= 
gefteüt wirb, p burchtaufen hat. SSer immer bie Beranlaffung bap gegeben hat, 
es bauert ziemlich lange, bis eine Sache fo weit burchgearbeitet ift, bah fie in Sabien 
bem ©eneralgouoerneur unb bem Statlj t)on 9tiebertänbifch=3nbien oorgelegt werben 
fann, ber auch toot Bewertungen macht; es folgen neue Berathungen; ber @nt= 
Wurf Wirb ein ober einigemal umgearbeitet, enblich an ben SRinifter eingereicht, 
ber ihn nochmals burch feine Beamten prüfen, weiter bearbeiten, wot auch um* 
arbeiten läfjt. SRöglicherweife geht er noch einigemal jwifchen hoHanb unb Snbien 
hin unb her, ehe er p ben ©eneralftaaten fommt. 

Siefelbe Scene wieberholt fich nun jwifchen SRinifter unb Kammern, nur bah 
bie Sache gewöhnlich in ber einen ober ber anbem Art fchneHer entfliehen ift. 
©ntweber fällt baS ganje @efe| unb mit ihm auch ber SRinifter, auch ®ol baS 
ganje SRinifterium, ober es Wirb mehr ober weniger glänpnb angenommen, b. h- 
mit mehr ober weniger Beränberungen, um eine jweite, gewöhnlich gelinbere geuer* 
probe in ber ©rften Kammer p beftetjen; es hat bann noch bie fönigticfje Sanction 
p erwerben unb tann nun nach Snbien gefchicft werben, um bort in ffraft p 
treten. SRan tann fid) benfen, bah ber urfprüngliche ©eifl, ber einen ©ntwurf 
befeelte, manchmal ganj oeränbert ift, bah ber, welcher ben urfprünglichen ©ntwurf 
bearbeitet hat, in bem ©efejje, welches aus ©uropa pr Ausführung prücfgefdjicft 
Würbe, manchmal taum baS ©ebilbe, welches feinem ©eifte bei ber Bearbeitung 
oorgefchwebt hat, wieberertennen tann. SRan bente baran, wie Diele $änbe baran 
mitgewirft, wie in wichtigen gragen fo Diele Sntereffen fich getreust haben, Wie bie 
Abgeorbneten burch ihre SBähler beeinflußt werben, wie ber SRinifter jwifchen 
feiner ißartei unb feinen ©egnem oft laoiren muh, um wenigftenS bie $auptfachc 
beS ©efefceS p retten, wie aber fo häufig burch eine Keine $inpfügung, eine 
Keine SBeglaffung bem guten ©runbgebanten bie Spifce abgebrochen wirb. 

SieS ift ber günftigfte galt. ®S tann noch Diel fchlechter ablaufen, wenn nun 
noch i« ber fchweren Stunbe, in welcher man bie ©eburt beS ©efefceS erwartet, 
ein SRinifterwedjfel, eine Aenberung beS StjftemS in $oKanb erfolgt (wobei es 
übrigens gar nicht abfolut nötljig ift, bah auch bie ©olonialregierung ihre Dichtung 
oeränbert). SRan hat vielleicht in Subien ber bringenbften SRotljwenbigteit nach* 
gegeben unb einen ©efefceSborfchlag eingefchicft, ihn bearbeitet, wieber bearbeitet, 
bis ber SRinifter, Don ber ÜRothwenbigteit überzeugt, ben ©ntwurf aboptirt hat; 
er tann ihn jebod) nicht burchführen, benn er Derliert fein Portefeuille. Ser neue 
SRinifter gehört einer anbern Stiftung an, läßt ben ©ntwurf umarbeiten — man 
jäl)tt in $oUanb, wie ich f$° n erwähnte, 22 SRinifter, welche in 35 Bahren am Siuber 
Waren (unb barunter gar einer, ber jweimal unb pfammen beinahe fünf Sah« 
ben Seffel behauptete; jieljt man bies Don obigen Bahlen ab, fo bleiben im SRittel 
21 mit 30 Bahren Amtsführung, WaS eine mittlere Sauer Don nur anberthalb 
Bahren ergibt) —, wenn er bie nötige 8eit bap finbet, unb gibt bem ©ntwurf feine 


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Die Hegierung 6er nieberlänbifcf) * oftinöifdjen Coloitieit. ((5 

neue, eigentümliche Färbung. AßerbingS Wechfett ber ©eneratgouüenteur unb baS 
ißerfonal ber SRinifterien nic^t. $ierburd) wirb jeboef) on ber SBeittäufigfeit beö ®e= 
fdf)äftSgangeS nichts geänbert, benn eS ift wirf lieh manchmal wunberbar, mit melier 
Unparteilichfeit unb Aufopferung jeber perfönlichen Ueberjeugung fflbft fehr hoch* 
gefteUte Beamte im Staube finb, in jeber Stiftung tätig ju fein, ihre ArbeitSfraft 
jeber neuen jfarbencombination, fei fie auch noch fo ftart üon ber früljem ocrfchieben, 
ju leiden, fobajj, Wie eS and) natürlich ift, nur ber ÜRinifter ben 2oit angibt. 
Stimmt man nun ^inju, bah oiele, ja beinahe aße Beamte beS URinifteriumS nie 
in Snbien waren, bofj fie bie Kolonie nur aus officieflen Senaten, IjöehftenS noch 
aus anbem ©iic^ern, als ben officieflen, lennen gelernt haben, bah fie, im ©efüljr 
ber Autorität ihres £errn, beS SRinifterS, üon ber in ihren ©ebanfen wenigftenS 
ein guter S^eil auf fie übergegangen ift, auf 3nbien herabfetjen, fo fann man fieh 
benfen, wiebiel oon ber urfprünglicjjen griffe (wenn biefe jemals beftanben hat) 
nodfj in einer foldjen Bearbeitung bleibt. 

3<h toiß hier nod) einen anbern Uebelftanb erwähnen, ber aud) Aufmerf* 
famfeit oerbient, miemot er mit ber Sache birect nichts ju tun hat. ®aS 
Berfonal beS SRinifterS ift reines Bureauperfonal, hoch fommen rechtliche, technifdfje, 
maritime, mititärifche fragen jur Beljanbtung. £>ier fte^t nun bem SRinifter ber 
colonialen Angelegenheiten officieß ber Statt) eines Soßegen jur Beifügung. Unter 
ber £anb jeboclj gibt es eine äRenge nidjtofficiefler Stätte, Ißerfoiten, bie gadjfennt- 
nifj haben ober gehabt hoben — fie ergänzen fi<h häufig aus ^enfionirten, bie cS 
um ber Ehre ober einer Belohnung wißen thun. 

®iefe Beiräthe treten gewöhnlich nicht anS Sicht, fie finb eine SRadfjt, gegen 
bie felbft ©ötter üergebenS fämpfen. 3ft eS ihnen gelungen, ihrer Anficht bei bem 
betreffenben ®ecerneuten, wol gar beim SRinifter felbft Eingang ju Oerfchaffen, 
fo hilft nichts mehr; ber URinifter bleibt bei biefer Anficht, oerwirft jebe anbere, 
oft ohne einen ©runb anjugeben. 

®aju lommt nun noch, baf) ftnbieu in ben ©eneralftaaten gar nicht reprä* 
fentirt ift, bah eS bem 3«foß übertaffen ift, ob Bewohner oon $oflanb einen 
Abgeorbneten erwählen, ber jufäflig in 3nbien gewefen ift, bah & Wiebet bem 
3ufafl überlaffen ift unb mit ber SBalß nichts jit thun hot, welche Steflung er 
in Snbien gehabt, welche Äenntniffe oom Sanbc, üon feinen Suftänben er erworben 
hat (benn oiele Seute finb lange, lange Sah« in Snbien gewefen, ohne oom wirf* 
liehen 3«ftonbe mehr ju wiffen, als eben „officieß“ befannt ift). SRan fief)t, bah 
bem 3nfoß ein grober Spielraum gelaffen ift. 

@S ift oiel, wenn man in ben ©eneralftaaten überhaupt fünf URitglieber finbet, 
bie in 3nbien gewefen finb; eS fann jeboch auch oorfommen, bah fein einziger 
Abgeorbneter bort war, bah auch 6er SRinifter mit aßen feinen Beamten ein 
ffrembling in unfern Solonien ift. 

3eber, ber felbft Erfahrung hot in folgen Sachen, jeber, ber bie Entwicfetung 
ber Bölfer ftubirt hot, wirb mir gern einräumen, bah eS fchwer ift, als ©efefc* 
gebet aufjutreten für Berljältniffe, bie uns ganj fremb finb, bie ganj abweichen 
oon unfern 3uftänben, wenn wir biefe fremben 3uftänbe auch noch f° fet)r aus 
Büdhem lennen gelernt haben. (3«nt Ueberfluh fei hi« beigefügt, bah biefe auch 

8 * 




Unfere £eit. 


U6 

nicf)t immer bie gange Sattheit, manchmal nic^t einmal Saßrheit, jebenfattd nur 
mit ber fubjectioen Sluffafjung bed ©Treibers gefärbt, mittheilen.) Sie ferner 
ed ift, objectio gu fein, geigt bie befannte ©efcßichte oon ©it Satter Siateigh im 
2ower unb ber „Dicionario de Hechos y Dichos", mo man bie „Seindberger 
Seibertreu" nach SJiünchen oerlegt. 

3clj ertaube mir, noch eine grage beigufügen: wedhalb tefen wir fo gern Steife* 
befdEjreibungen au? und unbefannten Sänbem, warum gibt ed einem Sioman gleich 
ein fo eigentümliches ©epräge, wenn er in ©eoilta ober wenigftend in $albafien 
fpiett? ©ben nur, weit unfere ©hontafie, unbewußt oieHeicßt, burdj bad grembe 
eine Anregung erfährt, bie termieben werben foltte, wenn ed fid} irgenbwie um 
einen praftifdjen 3wecf banbeit, ©otange folcße Anregung eben noch ftattfinbet, 
ift man in bem fianbe nicht gu $aufe unb umgefehrt, ed ift ein ©eweid, baß man 
in einem Sanbe gn £>aufe ift, wenn man nidjtd mehr fremb finbet, wad in bem* 
fetben gewöhnlich ift- 

8ür bie ©ertßeibigung bed öffentlichen münbtichen ©erichtdoerfahrend ift ed einer 
ber widjtigften ©orgüge, ber immer berttorgetioben wirb, Wenn ed gilt, baß bei 
biefem ©erfahren Slnflage unb Slngeflagter, Beugen unb ©ertßeibigung, mit ©inem 
Sorte bie gange ©erhanbtung plaftifd), auch bem leiblichen Stuge fichtbar Oorge* 
führt Werben, baß man bie ©erhanbtungen, Wenn ich mich fo audbrüefen barf, in 
tebenbiged Sleifch unb lebenbiged ©tut überfefct; in gleicher Seife ift ed ©ebingung 
für ben ©efefcgeber, baß ihm bad Sefen bed ©olted, für welched er ©efefce geben 
fott, oerförpert fei. 

SKan lann bodj !aum, höchftend aud einem gang abftracten ©tanbpunfte, be* 
ftreiten, baß bad Stechtdbewußtfein unb mit ihm bad ©ewohnheitdrecht, bie Stechtd* 
anfeßauung, bad fociale Sieben im ©erhättniß gut ©efefcgebung gu ungleich ßnb 
bei oerfdjicbenen ©ölfern, ald baß biefen gactoren nicht in ber ©efefcgebung für 
ben febedmaligen galt Rechnung getragen Werben müßte. Senn nun anch unfere 
©efefcgebung nicht geregelt werben fann nach ben 25 SJiiH. SDlenfcßen, bie ben hol 5 
länbifdjen Slrdjipet bewohnen, fo finb biefe 25 SJliH., bie bem ©cepter ^oHanbd 
gehorchen, ein gu bebeutenber gactor gegenüber unfern 30000 ©uropäern mit 16000 
europäifdjen ©ajonneten, um einfach auf bie ©eite gefdjoben werben gu fönnen. 

Uebrigcnd muß man fich bei ben ©aratlelen gwifeßen ©nglifch* unb £>oHän= 
bifcß*3nbien in biefem fünfte in Sl^t nehmen; bie ©nglänber regieren unter 
gang anbern ©erßältniffen ald wir, namentlich wegen ber beiben großen einanber 
beinahe feinblich gegenüberfteßenben £auptraffen ber ©eßerrfeßten, wobei jeboch 
heroorgehoben werben muß, baß auch bie nieberlänbifcße ©olitif meifterlich bad 
divide ct impera audguüben Oerfteßt. ®ie SJiänner, Welche im gaßre 1848 mit* 
wirften, um unfere ©onftitution feftguftellen, hotten anbere Slbficßten mit Snbien, fie 
hatten, wie bie ©erathungen ergeben, ben entfehiebenen ©tan, ber inbifchen Sie* 
gierung fooiel Unabhängigfeit wie nur irgenb möglich einguräumen. 3m ©ommiffiond* 
bericht betreffenb bie ©erhanbtungen über bie ©erfaffung oon 1848 fommt gotgenbed 
oor: „Unferer Meinung nach muß bie Siegierung ber ©olonien freier unb unbe* 
feßränfter fein ald bie Siegierung ßiergulanbe. Sir finb felbft geneigt, gu 




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Die Regierung 6er nieberlänbifcfpoftinbifchen Colonten. 

benfett, baß ber 3Ra<bt be« ©eneratgouüerneur« mehr Raum gelaffen werben muß, 
al$ öietleicbt feit einer SRei^e öon Sauren ber gall war. Aber Regelmäßigfeit, 
Drbnung unb Recht muß auch in ber Kolonie ^errfc^en.“ 

Diefe ©ommiffion »erlangte alfo mit anbem SBorten Sicherheit gegen SBiötür, 
wop wot in jener Qcit einige Urfacbe Befiedert modfjte. dagegen wollte fie auch, 
baß ber Regierung in ihren gefebmäßig auögeübten, b. S). auf Regelmäßigfeit, 
Drbnung unb Recht Bafirten $anblungen nteljr greißeit getaffen werben foHe, al« 
Bisher ber Satt war. 

Seiber bat ficb bie« in feiner SBeife erfüllt. 

Der ©cneralgouöemeur bat factifdb, wie wir oben gefeben hoben, nicht mehr 
bie greibeit, bie ihm fetbft auf ©runb be« Regierung«regtement« pftebt; aber fetbft 
biefe« Reglement binbet ibn öiet mehr, alt* für eine gute ©ebanblung öon ©efdjäften 
Wünfdbenäwertb ift, Wäbrenb er in anberer Sepbung, Wenigften« bem Sudjftaben 
be« ©efejje« natb, öiet greibeit pm fpanbeln Befi^t. 

3<b Witt hierfür ein ©eifpicl anfiibren. 

• SBenn ber ©eneralgouöerncur für irgenbeinen 3toecf eine beliebige Summe, 
j. ©. eine SJtiHion, al« außergewöhnliche Auögabe pr ©erfügung fteßen will, fo 
fann er bie« bem ©uchftaben be« ©efcjje« nach tbun, wiewot aUerbing« in je^iger 
3eit »on biefer ©efugniß nicht leicht ©ebraueb gemacht werben bfirfte, ohne erft ben 
SRinifter ber colonialen Angelegenheiten p fragen; wenn man aber in einem Sn ferne» 
ment bi«jejjt 50 Ißetrotenmlampen gebrannt bat unb e« nötbig Wirb, infolge einer 
baulichen ffieränberung beren 51 anjünbeit p müffen, fo fann ber ©encral» 
gouöerneur ba« für bie 51. Sampe nötbige Petroleum nicht at« orbentlidhe Aufgabe 
bewilligen, fonbern hierfür Wirb bie 3uftimmung be« ffönig« erforbert. Ratürlicf) 
wirb bie Sampe boeb angepnbet „unter näherer ©enebmigung be« $önig«". 

'Durch einen folgen ®efcf)äft«gang wirb aber bie Aufmerffamfcit öom Sßefent» 
lieben abgelenft; bie ©efebfammtung öon 9Jicberlänbifch=3nbien ift überfüllt mit 
fotzen Seflimmungen wie bie eben erwähnte, ober j. 33. über bie in fjoSpitälern 
au«pgebenben Speifeu, bie ©ertheilung ber eingenommenen Sootfengelber, ©eftim» 
mungen über bie Soften unb bie ©eredfjnung ber an ben AJaffen auöpfübrenben 
Reparaturen, mit ©inem ASorte mit laufenberlei ftleinigfeiten, bie Wenigften« bi« 
pm ©eneratgouöerneur geben, wenn e« ficb aber um organifebe geftfteUungen 
banbett, bis an ben König gebracht Werben. Sie geben natürlich nur p einer enormen 
©ureauarbeit Seranlaffung unb jeigen, wie weit eine übertriebene ©entralifation 
geführt werben fann; benn wenn folcbe Sachen auch, einjeln genommen, bem 
©eneralgonöerneur nicht öiet Kopfzerbrechen öerurfachen mögen, fo raubt ihm boch 
bie SRaffe bie 3«it- 

3ch fprach öorber barüber, baß bie ©erbinbung gnbien« mit bem £mag 
unb vice versa mit „unöerbältnißmäßiger" SdhneHigfeit gefchießt, unb Will bie« 
hier näher erflären. Durch ben Delegraphen — unb e« wirb öiet bepefchirt 
jWifdben gnbien unb ©uropa, beftebt boch in ©ataöia eine $anbet«firma, bie e« 
fuh jährlich 6000 gl. an bie Regierung foften läßt, um ein eigene« Detegraphen* 
Bureau in ihrem Arbeit«local p haben — Wirb ber Abftanb auf einzelne Stunben 


Me:. 


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T 


U8 _ Unfere geit. _ 

jutücfgebradjt, ja wenn matt oott ©ataoia nachmittags tetegra^^irt, fann bet 
Kortefponbent im $aag baS Xetegramm DormittagS hoben, wenn aßeS gut geht. 
(Sin ©rief braucht immer noch 33 — 35 läge. SRan erfährt alfo, wenn es fidj 
um wichtige (Steigniffe honbett, biefe burch ben Telegraphen meift jiemtich unoor» 
bereitet, Weil bie KntwicfelungSgefdjichte mehr ober weniger unbefannt geblieben 
ift. Tiefer Suftanb fährt häufig ju großen Unannehmlichfeiten, bie aflerbingS 
meift hinter ben Kouliffen fpielen, jebodj barum nicht weniger, öielteicht fogar 
mehr Nachteil Derurfacfjen. 3<h Witt meine Meinung an einem fingirten Seifpiele 
beuttich ju machen fuchen, woju ich aflerbingS aßeS herbeicitire, was in biefer 
©ejieljung twrfommen fann unb mir augenblicftich gegenwärtig ift, eine Kombination, 
Wie fie ftch aflerbingS nicht häufig finben Wirb. 

Nehmen wir alfo an, ©eneralgouoerneur unb SRinifter ber colonialen Ungelegen» 
heiten finb in einer Korrefponbenj über eine wichtige flRaßregel, bie jur ©efugnifj 
beS ©eneralgouDerneurS gehört, aber boch mit bem SRinifter berathen Wirb. Ter 
SRinifter ftimmt unter Sorbehalt ju; ber ©eneralgouDemeur erfüllt benfelben mit 
SRobificationen, bie eine weitläufige SuSeinanberfefcung erforbern, bie er per ©rief 
gibt, ergreift feine SRaßregel, telegraphirt bieS bem SJiinifter unb veröffentlicht 
feinen (Sntfdjjtufj in Sofien. 

Srgenbjemanb in Snbien, ber fowol bort wie in Kuropa gute Serbinbungen 
hat, bie ftch * n f° h°h e politifche Greife oerjweigen, telegraphirt auch, ober etwa« 
weitläufiger, auch einige TetailS über bie (Sntwicfelungen ober feine Kombination 
barüber, bie fiel) auf ©runb ber »on guter $anb oemommenen Nachrichten gebilbet 
hat. Ties Telegramm fomrnt ganj jufäflig in bie §änbe eines Slbgeorbneten, ber 
ben SRinifter nicht nur officieü in ber Kammer, fonbern auch prioatim bamit 
beläftigt unb, wenn ber Oegenftanb ber SRühe werth ift, um ihn gegenüber bem 
SRinifter auSjubeuten, natürlich ben auSgiebigften ©ebrauch oon feinem SBiffen 
macht, um bemfelben einige unangenehme ©ugenblicfe ju bereiten, bis ber lefc= 
tere nähere Nachrichten empfangen h°t. fomrnt ^ter^u vielleicht noch, bafj ber 
Telegraph unbrauchbar wirb (bie Shootafie beS SeferS möge bie Sache noch weiter 
ausführen, wie j. ©. einen Schiffbruch mit Serluft ber Soft h'Ojubenfen), fo 
gehen Jage, ja ©Jochen bahin, ehe ber SRinifter im Stanbe ift, auf ©runb authen* 
tifcher ©erichte aßen flogen ju genügen. 

TieS ift emfter, als es öiefleicht im erften ©ugenbticfe ben Schein hot. 

3n feinem Sanbe ber ©Jett wirb vielleicht fo Diele ©olitil aus Siebhaberei 
betrieben als in $oßanb, unb gerabe hier, wie in aßen freien Sänbem, finb 
Steßungen feljr gefugt, je höh«/ je lieber natürlich, nicht Wegen beS SortheilS, 
fonbern eben ber Steßung wegen. Nebenbei gefagt finb bie meiften Staatsämter 
fehr fchledjt bejaht für hoßänbifche Serhältniffe. 

Solche Umftänbe üben, als fortwäljrenbe Neijmittel potenjirt, einen äufjerft 
fcfiäblidjen (Sinflufj auf ben ruhigen, gleichmäßigen ©ang in ben colonialen ©e= 
fchäften unb machen bie ©}irflid)feit bem ©ilbe fehr unähnlich, welches bie Korn* 
miffion ber ©eneralftaaten im Sfahre 1848 fidf} Don ber ber inbifchen Negierung 
einjuränmenben Freiheit unb Selbftänbigfeit gemacht ju hoben fcheint. 


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• i 


Pie Hegierung 6er nieberlänbift *oftin6iften Colonten. 


U9 


Daß aber aus biefem ©eftäftSgange unb biefen ©erhältniffen nitt tiiel ©egen 
für gnbien entsprießen fonn, liegt auf bet $anb. 

©tan benfe in erfter Sinie an ben Beittierluft; bon jeber neuen ©taßregel tier* 
fpritt fit bot ber, Weiter fie in ©orftlog bringt, ber, welker auf biefen 
Sorfdjlag eingeßt, irgenbwelten ©ortf|eil. Se ftneHer man alfo biefen ©ortheit 
genießt, je ftnetler man bie ©taßregel, bie ihn tierftofft, einführt, um fo 
beffer. 3« ber ©Seife, wie it es angebeutet höbe, erleibet jebe organifte S3er= 
änberung, jebe organifte Siegelung für Snbien einen enormen Beittierluft unb 
fontmt unter gang tieranberten ©erhältniffen gur SluSfüßrung. ©tan benfe baran, 
baß burt bie befteßenbe Siegelung nitt alle Maßregeln gleichmäßig üergögert 
werben, ba einige tiom Könige, anbere tion ben Kammern, not anbere tiom ®e= 
neralgoutierneur ergriffen werben fönnen. ©o fommt es, baß beinahe fein ©efejj 
eingeführt wirb, tion bem man nicht unbegreiflich fchneK finbet, baß es in ber 
urfprüngtitften ©eftalt nicht ausführbar ift, unb bie ©efeßfammtung ftrofct tion 
©eränberungen unb ^Beifügungen, entworfen unb feftgefteHt für furg oorher in 
SBirfung getretene Drganifationen unb ©efefce. 

Daß überhaupt burt ben ©influß fo tiieler ißerfonen (unb tion noch tiiel mehr 
aitbern, bie ihrerfeits ©influß hoben auf bie ©iitflußljabenben, wie g. ©. ©Säßler 
auf Sbgeorbnete, geheime ©erather auf Decernenten u. f. w.) eine Unftcherheit in 
bie Slidjtung beS colonialen StegierungSfpftemS nicht nur, fonbertt auch * n bie 
Detailausführung beS ©efttoffenen fommt, liegt auf ber $anb. Daß eine folcße 
Unfi^erheit, bie immer nachteilig ift, befonberS tierberblit Wirten muß bei fo 
fdjneüem ©pftemwetfel (22 ©tinifter ber colonialen Slngelegenheiten in 35 Sollten 
ober wenn man einen abgieht, 21 in 30 ^a^rert!), bebarf feines ©eWeifeS. Silier» 
bingS blieben bie meiften ©eneralgoutierneure am Sluber, aber nicht bloS Stuan» 
cirungen, fonbern auch Sarbentieränberungen famen oor; Untieränberlichfeit in 
ber gärbung führte IfötftenS gu einem großen ober Keinen Kriege gwifchen ©iinifter 
unb ©enetalgoutierneur, ber manchmal traurig, manchmal heiter für bas ©ubfifum 
war, jebenfaUS bem ©eftäftSgange aber nicht gum ©ortheil gereichte. Daß biefe 
©djtuanfungen aber unbere^enbare Stach teile hertiorbringen, gerabe gegenüber 
einer ©etiötferung tion 25 ©tili. Slfiaten, bie unfern Slrtipel bewohnen, will ich 
not ein paar ©Sorten berühren. 

©Sir hoben in Qnbien eine fräftige Slegierung nötig. 

Slußer bem inlänbiften ©lement hoben wir not Me ©hinefen houptfätlit 
gu berüeffittigen, nitt fo feßr ber Bo^I wegen (in runber 8 a hl 300000 Söpfe), als 
um ihrer tiielen ©ergweigungen in ben angrengenben Sänbern willen unb wegen ber 
energiften Sortftritte, bie in Oftafien ber cßinefifdhe §anbel gegenüber bem euro» 
päiften langfam, aber fiter matt, unb womit er bie Oberherrftoft bebroljt, 
bie bet europäifte ©inbringling in £anbelsfaten in jenen ©egenben befißt. 

Ohne gu tiiel ©ewitt ouf ben ©Siberftanb ber ©hinefen gegen bie neu einge» 
führten Steuern legen gu wollen, worüber in ben testen Sohlen tiiel gefproten 
Würbe, muß it tiefe ffirfteinungen bot ots einen ©eweis anfeßen, baß es unter 
ihnen gärt unb eS tiielleitt nur eines SlnftoßeS bebarf, um ernftlite Unanneljm* 
litfeiten fjwtorgurufen. 


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120 


Uttfere ,5ctt. 


$afj bieS früher ober fpäter ju Reibungen führen muß, baß bie ftwätere 
Partei na cf) $ülfe au-Sfie^t, baß nitt nur öon ©uropa au«, fonbera aut öon 
Sluftratien unfet Sefifcftanb langfam eingeengt wirb, ift fidler. $ie Vorgänge in 
Sltjeb 1873, bie ältern unb neuem SJtteberlaffungen auf Soraeo, bie ©olonifation«= 
projecte für Neuguinea, bie Reibungen §wtft*n auftraliften unb ameritaniften 
Untertanen in unferm ©ebiete beweifen bie« §ur Genüge. 

3lur eine energifte ftarle Regierung !ann bie bro^enbe ©efaßr — öießeitt not 
weit entfernt, öiellcitt naf)e genug gerüdt, aber broljenb unb Serberben bringenb Wie 
bie langfam anfttoeßenbe gtut — auffjalten, unb um bie« ju tonnen, barf fie aut 
nitt einmal Unfiterbeit jeigen, fit leine ©twantungen, wie gering aut, ju 
©tulben lammen taffen. ÜRan benlc nitt, baß irgenbetWa«, Wa« in ßoßänbiften 
unb inbiften Sfitungen befjanbett wirb, bem gebilbeten ^nlänber unb ®pinefen 
fremb bleibt, unb Don biefen au«geljenb, öerbreitet e« fit Weiter. 3cbe ©twantung, 
felbft wenn fie fteinbar mit einer Serbefferung öerbunben ift, erzeugt Unfiter^eit, 
wirlt baburt ftörenb für ben Stugenblid, meift aut natteilig für bie ßufunft, 
ftletter (im ganjen genommen) al« eine öießeitt nitt fo gute, aber confequent 
burtgeffifjrte SDletobc. 

9tat Sftom führen befanntlit öiele SBege, ber eine ftncHer, ber anbere in 
längerer 3eit. SBenn man nun jeben Slugenblid ein anbere« Sebenten ^at gegen 
ben eingeftlagenen SBeg, wenn man anljält unb überlegt, bann querfetbein einen 
oermeintlit beffern Sßeg auffutt, Wenn man !)ier unb bort fielen bleibt einem 
tfreunbe ober ©elannten ju Siebe, bann lommt man nitt fo ftneß jum Siete, 
al« Wenn man einen 2Beg unöerbroffen einbäft. 

9tom ift hier ber burt ben 93cft ber Kolonie für bie Stieberlanbe ju erreitenbe 
Vorteil; taffen wir bie ©ate nur rußig beim 9tamen nennen unb un« frei 
maten öon ber 3bee, baß man bie Kolonie al« ein ©eftent ©otte« anfeßen muß, 
Welte« einem gegeben ift, um bem Snlänber bie Segnungen bet c^riftlic^en 9te= 
ligion ju bringen, um bie er fit fefjv wenig fümmert, ober tm wenigften« bie 
Vorteile einer b<t ecn europäiften Silbung jufommen ju taffen. SBiewol biefe 
Beßre öietfat geprebigt wirb, habe it mit nie baöon überjeugen fönnen, baß 
e« bamit fo ernftlit gemeint ift: it erinnere nur an bie Dpiumpatt, bie jeßt 
trojj aller Humanität in runber Ziffer jwanjigmat foöiel einträgt al« öor 60 ^abren 
in „ber böfen alten 3 ®ü"- 5l“t muß it für meine ißerfon offen belennen, baß 
it mit fttet* J u folter Seljre belennen lönnte. ®iefelbe erinnert mit lebhaft 
an eine Sigur in „ÜRaj ^atelaar", jenem ©ebüßt in ißrofa öon ®ouwe« 5 ) elfer, 
weite« ©pote matte in ber ßoßänbiften Siteratur unb in wunbe inbifte 3 Us 
ftänbe tief einftnitt. ®r legt einer feiner Figuren, bem 2 ßpu« be« mit colonialen 
3 uftänben unbetannten, aber fit lebhaft bafür intereffirenben, babei feßr frommen 
jpoßänber«, folgenbe Sitte in ben ÜDlunb: man möge bem nat t r 'fH‘t er ©«faß 5 
ftaft begierigen Qntänber ertauben, fit in ben Äafernen ber europäiften ©olbaten 
unb an Sorb ber europäiften ©tiffe aufjußalten, um fit in ©efellftaft ber 
©olbaten unb ßJiatrofen $u geifttitem unb geiftigem Seben 3 U erweden. Irojj 
be« tiefen ©rnfte«, ber in biefem Vornan für jeben, ber 3 nbien liebtjat, liegt, 
matt ba« ©benerwäßnete einen burtau« lomiften ©inbrud, ungefähr fo wie bie 


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Die Hegierung ber nieberlänbifd}*oftinöifcfyen Colonten. J21 

- 1 - 

SBorte SRanpni’S in ben „Promessi sposi": „E aveva il vantaggio di posse- 
dere ana stabile guarnigione di soldati spagnuoli che insegnavan la modestia 
alle fanciulle e alle donne di paese." 3)iefe fortwährenbe SchWanfuttg in her 
politifdjen Stiftung ift für bie Autorität beS europäifchen ©lementS im allgemeinen 
ungünftig, es benachteiligt audj bie Autorität beS ©eneralgouberneurS, last not 
least felbft gegenüber ben europäifchen SeWoljnern. Vorläufig will ic^, um ttid^t 
in ben Serbadjt p lammen, in biefer Sligge bunfle garben mit SBortiebe anp* 
menben, einen unferer beften Seurtljeiler inbifdjer Suftänbe, ber jebot^, merftoürbig 
genug, ^nbien nie gefeßen hot, Profeffor iß. 3- 93et^, fpredjen taffen, ber in feinem 
„3aoa" (gweiter 23)eil) fagt: „3m 3o^re 1860 fab Sodjuffen fein Subget oer» 
morfen unb trat als SSinifter ab. Sun Jam bie liberale Partei ans Suber, bie 
1861 Sloet oan be Seele beauftragte, ihre ©runbfäße in 3nbien einguführcn. 
3nbeffen gtüdEte eS granffen oan be Putte, ber am 2. gebr. 1863 als SRinifter 
eintrat, am 23. Steril 1864 baS ©efejj über bie Serwenbung, ber colonialen 
©elbmittel §u Stanbe gu bringen. Art. 1 fdjrieb oor, baß baS Subget jährlich 
burdb bie gefefcgebenbe Stacht feftgeftcKt merben fotlte. ®iefe Seftimmung, bie baS 
gange ©efefc beßerrfcht, hotte wichtige, aber auch fehr bebentliche golgen. 

„$)ie ginangen üon gnbien unb üon Sieberlanb waren fo ineinanber üerwidelt, 
baß eine Aufficht ber nieberlänbifchen SollSrepräfentation über bie Ausgaben in 
3nbien unbermeiblich war. dennoch ift biefeS ©efefc bie wichtigfte Urfadje, wes¬ 
halb bei üielen Serbefferungen unb nicht gu oerlennenben gortfchritten in 3«bien 
unter ben ©uropäern bort mehr als je Ungufriebenljeit h err f^t- ift nicht 
p oerwunbem, baß bie Abgeorbneten beS nieberlänbifchen SßoIfeS, beten große 3Ref)r= 
pßl in Setreff ber 3«tereffen oon 3”bien ber Anforberungen an eine gute ^Regierung 
gänglich unJunbig ift unb halb Ausgaben oerweigert für Sachen, bie man in 
3nbien als Lebensfragen anfieljt, bann wieber Ausgaben bewilligt, bie man bort 
brüben als nufelofe ©elboerfchwenbung betrautet, nur p oft bie 3«tereffen oon 
Sieberlanb, nicht bie oon 3nt>ien, als SRaßftab ihrer ©utachten unb ©ntfcßlüffe 
nehmen, ©in anberer Sachtheil, üeranlaßt burch bie paffibe Unterwerfung 3obienS 
unter bie Stitregierung beS nieberlänbifchen Parlaments, woOon auch baS ooUJommene 
Unterorbnen ber inbifcßen Regierung unter ben oerantwortlidjen Stinifter ber colo» 
niatcn Angelegenheiten eine nothwenbige golge war, offenbarte fich mehr als je im 
Stai 1866. ®er ©eneralgouoerneur Sloet Oan be Seele hotte gang im ©eifte ber 
liberalen Partei gehanbelt." (golgt Aufgähtung ber wichtigften SSaßregeln, bie burch 
ihn ergriffen würben, unb bann fährt Seth fort:) „Aber ber Strom ber Umformung 
würbe ptäfelich gehemmt unb felbft prücfgebrängt, als bie burch bie Haltung ber 
Kammern nöthig geworbene Surücfnahme beS burch ben Stinifter granffen oan be 
Putte eingebrachten ©efeßeS pr Regelung ber ©utturen unb beS ©runbbeßßes 
im SSai 1866 feinen Sücftritt pr golge hotte unb bie conferoatiöe Sichtung wieber 
ans Suber brachte. 

„Sun geigte es fich, *oie fehr bei bem beftehenbeit SegierungSfpftem 3«bien bloß» 
gefteüt ift infolge ber Unfidjerheit unb Schwanfung, üerurfadjt burch baS abwechfelnbe 
Auftreten oon ftreitenben unb in oielen Segnungen oollfommen entgegengefefcten 
Parteien. ®ie jefct eintretenben SSinifter enthielten fich ficht, fogor mit Segug 




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\2 2 


Unfere ^eit. 


auf Snbiett bie Solibarüät von einanber nacfjfotgenbett Regierungen ju verleugnen: 
j»ei Refcfjlüffe, bie bereits in gefefclidjer Sorm (in 3nbien nämlich) publicirt Maren, 
ju fuSpenbiren unb juräcfjune^men unb atfo baS Ißreftige ber Regierung in Snbien 
bem gefährtichften Stoffe bloljufteßen, ben es vielleicht je erlitten ^at. 2)er ©eneral» 
gouberneur würbe surficfgerufen unb seitweife burd; ben Ricepräfibenten beS RatljeS 
von Rieberlänbifd)»3nbien erfefct. Stber noch bor ©nbe beS 3aljreS nahm ber 
ÜRinifter SRijer felbft bie Stelle beS ©eneralgouVerneurS auf fidj; er ging nach 
Snbien, um eine conferbative Leitung ber Regierung toieber ansubahnen." 

9fuS biefen 38orten fie^t man, baff meine DarfteHung ber Sache burchauS nicht 

ju fdjwars ift. 

®ie hier ermähnten Uebelftänbe bürften in ben majigebenben Greifen tool alt 
gemein erlannt fein, »ieWol man ficf) mehr ober weniger fcheut, biefelben öffentlich 
einjugeftehen, um nicht gleichseitig bie Scfjwierigfeit, ja ich möchte beinahe fagen, 
bie Unmöglichfeit ber Slbhülfe befennen ju müffen, wenigftenS folange man mit 
mannen beftehenben 3uftänben nicht gans grünblicfj brechen »in. ©»seine 9tn» 
beutungen hierüber mögen genügen. So l»t man verlangt, baff Repräfentanten 
ber europäifdhen Revölferung (auch bon ber inlünbifchen h a * mon gefprochen) in 
bie ©eneralftaaten abgefchicft »erben foHen. S)aS Unbefriebigenbe biefer Söfung 
liegt auf ber #anb. 

SBürbe bie 3<*hf int Rerhaltnifj jur Slnjaht ber europäifchen ReWoljner von 
3nbien feftgeftetlt »erben, fo »ürbe faum ©in Sbgeorbneter, beffen Stimme bie 
beS RrebigerS in ber SBüftc fein »ürbe, bort Sijj unb Stimme erhalten. 

®er inlünbifchen Revölferung im Rerhältnifj ju ihrer Slnjahl bur<h eigene 
STbgeorbnete Sijj unb Stimme in ber fjotlänbifchen ffiammer ju verleihen, »ürbe 
SU Unmöglichfeiten führen; fic burch europäifche Slbgeorbnete reprüfentiren s« laffen, 
würbe ungerecht fein gegen bie ReWohner bon $otlanb, beten Schicffal bann in 
hohem ©rabe burch bie inbifchen Stimmen beherrfdjt »erben »ürbe. ®ie Schwierig» 
feit ber Sache liegt ja eben barin, ben ©influfj ber ©eneralftaaten in ihrer jefeigen 
©eftalt absufch»ächen, fei es burch 8ufügung eines fremben ©lementS in fo be= 
beutenber äRenge, baß ber jefct beftehenbe Sljarafter gans veränbert wirb, fei es 
baburch, ba§ man ihnen in ihrer jefcigen ©eftalt ben ©influfj entsieht, unb s» ar 
fowol ben birecten, ben fie ausüben gegenüber ber ©efefcgebung für bie ©olonien, 
inbem man biefelbe in anbere $änbe legt, als ben inbirecten, inbem man ben SRinifter 
ber ©olonien, »aS bie Refjanblung beS Rubgets angeht, in eine unabhängigere, 
weniger ejponirte Stellung bringt. 3« beiben SBegen »ürbe bie ÜRittoirfung ber 
©eneralftaaten in ihrer jejjigen ©eftalt nöthig fein unb fie würben »ol nur fch»er 
geneigt fein, biefelbe su leihen; vielleicht würbe ber lefctere SEBeg einfacher, viel» 
leicht auch in formeller Resiehung gangbarer fein, um fo mehr, als babei bie Re» 
fdjränfung mehr allmählich eintreten »ürbe. 

Um es überhaupt mit 2luSfi<ht auf ©rfolg verfudjen ju fönnen, mühte man 
Sunächft bie ginansverwaltung Von $ol!anb unb 3nbien gans trennen, ein für alle» 
mal feftfefcen, Wieviel bie Kolonien bem Staate jährlich als fefte ©ntfdjäbigung, 
unter Welchem Ramen auch, S“ leisten hätten. 2)ieS wirb jefet vorbereitet. 2Ran 
ift jeboch S« feiner ©inigung gefommen. Seit circa brei 3 a h ren »unbert baS 


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Die Regierung 6er nieberlänbifch=oftinötfdjen (Eolonien. 


J23 


©efefc jwifdjen betriebenen einanber nadjfotgenbcn SRiniftern, bie berfdjiebene 
Slnfichten barüber Ratten, unb ben ©eneralftaaten ljin unb her. äudj bcr jefcige 
HRinifter hat einen fotzen ©efefcentwurf außarbeiten taffen. Seiber umfonft, bie 
@acfje ift ad acta gelegt, hiernach würben bie Stußgaben unb ©innahmen Snbienß 
womöglich ben Verathungcn bcr Kammern entzogen Werben müffen, namentlich bie 
ffrrage, Wie man bie ©innahmen erlangt, bamit baß, Waß auf rein abminiftratibeß 
Xerrain gehört, nicht auf parlamentarifchen ©oben berpflanjt würbe. 3toeitenä 
würben bann bie ©eneralftaaten nicht fo fehr wie jefet einem wegen anberer 2Raß= 
regeln mißliebigen SRinifter gegenüber bie Verwerfung beß Vubgetß atß gefährliche 
SBaffe in ber $anb hoben, auch wenn e *n SRinifter baß ©taatßruber führte, 
welcher unbeirrt um baß Xreiben ber Varteien einen feften SBeg in ber colonialen 
ißolitit nehmen wollte. 

$n ben ©jungen ber ©eneralftaaten hat man mehr alß einmal bei Schanb- 
lung eineß Vubgetß bie SBorte gehört: „Sch habe nichts gegen ben Vubgetentwurf, 
ich fann jeboch bem SRinifter mein Vertrauen nicht fchenfen unb barum ftimme 
ich gegen benfetben." « 

könnte bann weiter bie coloniale ©efefcgebung einem in Sfnbien refibirenben 
jum Iheit burch bie ffrone, junt Tfyeit burch bie ©eneralftaaten ju ernennenben 
colonialen Statt) anbertraut Werben, bem gegenüber bem ©eneratgouberneur unb 
natürlich auch ber &rone ein Veto juftänbe, fo würbe jebenfatlß ein 3nftanb ge= 
fchaffen werben, ber bie ©ntwicfelung einer größern ©nergie, alß unter jeßigen 
Verhältniffen möglich ift, in Slußfidjt fteßte, ber erlauben Würbe, ben einmal ein= 
gefchlagenen SBeg, tro| jufäfliger Veränberungen im üRiniftcrium, einjuljattcn unb 
jebenfadß foWol ben ©rtrag ber ©otonien erhöhen, alß auch unfere #errfdjaft 
nicht nur gegenüber bem Slnbringen bon außen fräftigen, fonbem auch g e g £n bie 
©temente, Welche im Snnern gären, miberftanbßfäljiger machen Würbe. Natürlich 
Wirb ein fotdjer Suftanb noch lange, wol für immer ju ben frommen SBünfchen 
gehören; ber $oflänber ift ju ftotj auf feine politifdje Freiheit, alß baff er nicht 
lieber große materiefle Verlufte erteiben, alß jene auch nur fdjeinbar antaften 
möchte. Unb ein Verfucf), ber eine ©infchräntnng ber 3Racf)t ber ©eneralftaaten 
bejwecfte, bflrfte bieten Stieberlänbern atß ein berartiger Singriff erfcheinen. 

©ennodj glaube ich eben, baß SBort „fdjeinbar" nicht unrichtig gebraucht ju 
haben, weil ich oben auch gezeigt habe, baß bie Vejieljungen ber ©eneralftaaten 
ju ber Regierung bet ©otonien biel enger geworben ftnb, alß ber ©efefcgeber ber 
Saßre 1848 unb 1854 fich urfprünglich gebacht hat, alß ber SBortlaut beß ©efefceß 
bieß borfchteibt. 

®odj genug bon biefem ©egenftanbe, über ben ich m *4> fd)on weiter berbreitet 
habe, alß ich anfänglich beabfidjtigte; bie große SBi^tigleit beffelben liegt jeboch 
auf ber $anb unb jeher, ber fich überhaupt mit ben colonialen Slngelegentjeiten 
ber Slieberlanbe befchäftigt, Wirb fich biefer brennenben ffrage nicht entziehen wollen 
unb auch nicht entziehen fönnen. 


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jdtabamt tn €enan 


Bon 

Arthur mmfdjmtbt. 

SBie auf ein ©rab fc^aut unfer Sluge auf ein ©emälbe au« ocrgangener 3«it; 
e« fteßt ein SBefen bat, non bem wir oft nnb gern gehört Ijaben, ba« un« bu«h 
Schilbcruttg au« liebem Stunbe Werth geworben ift, unb bo<h fällt e« un« fo 
fdfjwer, in jene Sag« un« jurücfjubenfen, in benen ba« Original lebte, in benen 
e« liebte unb fjafjte, weinte unb lächelte; ift e« bie abfonberliche Iradfjt, in bie 
e« gehüllt ift, ift e« überhaupt etwa« an ber ©erfönlichfeit $aftenbe«, wa« un« 
fremb berührt? 6« gibt etwa«, wa« trennt trojj aller Siebe, wa« entfernt troj) 
aller ißietät: ba« ift bie Seit mit ihren geänberten ftnfdjauungen unb ©erhält* 
niffen. Sßir mflffen barum, wenn wir ein alte« ©ilb mit ganzem ©enuffe betrag» 
ten wollen, unfere Sinne ablenfen oon ber un« umgebenben Äufjenwelt, un« 
abfdijliehen oon unfern ffreunben, nnb bann fann bie Stimmung über un« lommen, 
bercn e« bebarf, um un« bie „Äljnfrau" unb ihre 3eit geiftig unb förperlicf) nahe 
ju bringen. ©ine Seit wie bie be« 19. 3 Q ljrljunbert« tritt an manche ©igen* 
thümlichfeit be« 17. ober 18. wie an ein Oerfc^loffene« ©rab heran, ba iljr jene 
SRerfmale fehlen. ®ie« gilt wefentliclj oon geiftigen ©erhältniffen, bie eben Wie 
alle« ihre Seit ^aben, erfdjeinen unb oerfdfjwinben. Sine folclje ©rfcheinung 
waren in granfreid) unter Subwig XIV. bie Salon«, bie Sammelpunfte ber 
frönen ©eifter; fie blieben eine Sta$t auch unter feinen 9ta<hfotgem bi« ju bem 
ihnen unzugänglichen Subwig XVI. unb brachen al«bann für immer gufammen; 
fpätere ©erfuche, wie fie Stabame be ©enli«, ©lifa ©onaparte, bie #erjogin 
oon Äbrante«, Stabame be Stael u. a. im Äopfe hentmtrugen, lonnten fein 
Seben gewinnen; benn fie üertrugen bie Stmofphäre ihrer läge nicht, fie lamen 
tobt jur SSBelt, um fofort oergeffen ju werben. 

®a« 3eitaltcr Subwig’« XIV. war unftreitig bie golbene 3«* ber franjöfifchen 
Siteratur, bie Seit, in welker ber ©lafficiSmu« feine höchfte ©lüte erreichte. $er 
Sfönig unb bie oornehme ©efettfdjaft hatten einen beftimmenben ©influfj auf alle litera* 
rifchcn ©eftrebungen, auf alle franzöfifdjen Schriftfteller, unb ber ©lanj be« Xh r °ne« 
war fo gleifjenb, bah er ihr Sluge bethörte, ihre Freiheit beeinträchtigte. $ie 
berberblichen folgen biefer ©eftechung blieben nicht au«, währenb ber Schimmer 
noch ungebrochen auf bem geftgcWanbe ber Stufen lag. ®ie ©inwirfung ber 
Srauen, ein Sterfmal ber Subobicianifchen ©poche, machte fidh in ber Siteratur 
in hohem Stahe gettenb; ihre ©oterien gelangten ju eingreifenber ©ebeutung. 


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(25 


UTa&ame 6e Cencin. 


Sn bett Salon# bilbete fi<h mit ben Satiren eine Stet öffentlicher SReinung au# 
nnb richtete fich nach bem ©erfülle be# gotbenen 3eitatter# gegen ben |>of, ber 
conferoatio am ©efteljenben fefthielt; fie toottte leine Autorität anerlenncn, machte 
fi<h Oom £ofe unabhängig unb fämpfte begeiftert für eine phitofophifche SBettan» 
fdjauung, bie freilich ein Äinb Gnglanb# mar. hierunter litt bie (ßoefie gar fehr 
unb über fie {<hmang fich bie (ßhilofopljie empor. 2)ie Siteratur mürbe fentimental 
unb moratifirenb ober friüot unb fatirifch; ein untlare# Sehnen nach ibpUifchem 
(Raturjuftanbe ergriff bie mübe Seit, unb mieberum maren e# bie grauen, melche ber 
Sentimentalität oorjüglich jur ©eltung oerhalfen. SBätjrenb ber erften (ßeriobe be# 
18. Sahrhunbert# beförberten brei Salon#, bie ben Siteraten fpecieU offen ftanben, 
ihre Saufbahn: bie Salon# ber SRabame be lencin, ber SRarquife bu Gljätelet 
unb ber SRabame ©eoffrin. $iefe brei grauen Oon großem SSerbienfte beftimmten 
gemiffermaßen ben $on ihrer Greife unb übten bebeutenben Ginfluß auf ihr Sah*- 
hunbert, benn noch mar baffelbe nicht oöllig burch bie Goterie ber Gncpllopäbiften 
abforbirt. SRabame be Gencin überlam bie Jperrfc^aft im (Reiche be# ©efcljmacf# 
unb guten Ion# oon ber SRarquife be Sambert; ooö SBürbe führte fie ihr frieb« 
liehe# Scepter über bie Schöngeifter, bi# e# oon ihr auf SRabame ©eoffrin über« 
ging; einer gürftin fchien bann eine (Bürgerin ju folgen. 

3mei 3 a h r h u nberte finb über bie SRenßhheit bahingegangen, feit Glaubine 
Älejanbrine ©uerin, SRarquife be Xencin, 1681 in ©renoble geboren mürbe. 
Shre gamitie gehörte ber Noblesse de Robe an unb ftammte au# (Roman# ($epar= 
tement $röme); ben (Romen lencin führten bie ©uerin nach einem Heinen gami« 
liengute, ba# menig abmarf. Stlcjanbrinen# ©ater Slntoine, (ßräfibent be# (ßar« 
lament# in ©tenoble unb Gnlel eine# ©otbfchmieb#, hotte oon Souife be ©uffeoant 
fünf ffinber, jmei Söhne unb brei Södjter. ©on ben Söhnen folgte ihm granjoi#, 
at# er 1705 ftarb, al# (ßräfibent be# (ßarlament# in ©renoble, mährenb (ßierre ber 
Sirene gemeiht mürbe; oon ben Pächtern, bie alle Oon (Ratur jnr ©alanterie neigten, 
heiratete SRarie Jlngelique, bie SRaitreffe be# SRarfchatl# oon Ujetle#, ben ©ra« 
fen Sluguftin be gerriol, bie jmeite ben ©rafect be ©rolec unb Sltefanbrine mürbe 
gleich ihrem ©ruber ber Kirche beftimmt, ohne ba# lebhafte ffinb irgenb um feine 
Steigung ju befragen. (Roch feh 1 jugenblichem Sllter mürbe Sltejanbrine im 
Sluguftinerinnenllofter SRontfleurp bei ©renoble al# (Rönne eingelteibet, obgleich 
e# ilj* on innerm ©erufe oöttig mangelte. Sie mar oon großer Schönheit, fein, 
elegant, fchien jart unb fanft mtb machte trofc ihrer intriguanten unb oft bo#haften 
(Ratur leinen fotchen Ginbrucf, mie beifpiel#meife bie oiel unfähigere SRabame 
bu (Deffanb; ihre Sieben#mürbigleit oerftanb e# meifterhoft, alle ju berüclen; ihr 
reicher ©eift, ihr fchtouer unb finbiger ©erftanb bilbeten fich in ben S'loftermauern 
immer mehr au#, um normal# bie große Seit gu überragen unb ju bethören. 
(Rach (Äbenteuern unb ©enuß lüftern, fanb bie junge (Rönne ba# Slofterleben 
unerträglich, menngleich in jenen lagen baffelbe oerhältnißmäßig oiel greißeit 
juließ. Sie mollte genießen, glänzen, gefallen, unb e# gelang ihr halb, bie oor« 
nehme unb fchöne SBelt Oon ©renoble in ihr ftlofter ju gießen; fo fehr ber Gar« 
binal Se Gamu# fich bemühen mochte, ben 3utritt gu bcmfelben $u erfchmeren, 


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{26 


Unfere <3eit. 


unterlag er igrer ©dgtaugeit unb SluSbauer; audg taugte fte igren Sector, einen 
bomirten Sitten, in ffdg tierliebt ju machen, ogne bag er fug bieS geftanb, unb er 
biente igr als blinbeS SBerfjeug, als eifriger Sommiffionär, Härte fie über igre 
erzwungene Sage auf unb förberte fcgtieglidj igren ©tan, aus bent ßerfer ju ent» 
fommen. ®er ge begerrffgcnbe ©ebanfe war eben: bem ftlofterleben ju entffiegen. 
®a baS Äloffer am ©nbe ber fcgbnffen ©romenabe bon ©renoble lag unb in 
feinen SRauent Xöcgter ber bortigen erften gamitien barg, fo würbe es ber be» 
tiebtefte SluSffugSort unb Hlejanbrine fog mit oollen 3ügen ben Steij biefeS reifen 
©erfegrS ein; trogbem blieb igr felbft ber geringe B^ng, ben igr ©ewanb igr 
auferlegte, peinboll, ja unerträglidj. 2Bar audg bie Älofterreget fegr gelinbe unb 
begnbar in ber ©rajiS, fo ftörte ge fcgon ber Stngug einer folcgen; mar au<g igre 
Slbgefdgloffengeit megr nominell als tgatfäcglidg, ba beiben ©efcglecgtern ber Zutritt 
ins Stofter offen ftanb, fo burfte fie bocfj nur ju gewiffen ©tunben aus igrer 
Belle in bie SBelt treten, ©ie aber füllte ff<g burdg eine innere ©timme getrieben, 
im ooHett Ueberffuffe ju leben, ben ©ecger ber Suft an bie burftenben Sippen ju 
fegen unb ign ju leeren; fie erlannte in ff cf) ein latent, burcg Sntriguen unb 
Siärtfe eine Stolle $u fpieten unb alle ©cgranfen, bie ficg ungebunbener SebenSart 
entgegenftcHten, umjuftogen. ®ie befonberS bon ©oulabie in ben SJtemoiren beS 
£>erjogS bon Stidgelieu erhobene ©egauptung, eine ©dgtoangerffgaft fei ginjugetreten, 
um igr bie Ätoffergemeinfdgaft bergagt ju macgen, mag bagingeffeüt bleiben; fo 
oiet Unglimpf ift mit ber Beit auf ÜDtabaine be Xencin gehäuft, fo toiet Süge ber 
SSagrgeit beigemifcgt Worben, bag eS unmöglich ift, beibeS unumftöglidg ju ficgten. 

©egen ©nbe ber ^Regierung Submig’S XIV. fanben Mlejanbrine unb igr ©ru» 
ber, ber ben Sefuiten treu ergebene Slbbe Xencin, enblicg ©littet unb SBege, in 
Storn eine ©tanbeSberänberung für bie Stonne ju erlangen; nadjbem fie, bon igrem 
Stector unterftügt, gegen ferneres fflofterteben ©roteft eingelegt unb igren ©eiüb» 
ben entfagt gatte, würbe ge nacg Slblegung beS ©etfpredgenS, ficg nie ju ber» 
wägten, aus bem ftloffer, bem fie fünf Sagte angegört, entlaffen unb ©tiftsbame 
ju Steubitle bei Sgon, ging aber nie in bieS ©tift. 2Bie bisger madgte „bie Stonne 
Gencin" Sluffegen burdg igren ©erftanb, igre ©atanterien unb Abenteuer, unb trog 
igreS ©tanbeS unb $teibeS wagte eS niemanb, igr in ben SEBeg treten ju wollen; 
ebenfo wenig bertor ffe aber igre ÜDtacgt aucg über ©lenfcgeit, bie igre ©ergangengeit 
genau fannten; feiner blieb bon igrem Bawber unberügrt. Sllejanbrine war lebenS» 
lang ein $erj unb eine ©eele mit igrem gteicggefinnten ©ruber Pierre; eine 
geiftige ©ge berbanb ge unb feinem bon beiben War ein Opfer für ben anbern 
ju fcgwer, was in jenen entarteten lagen nicgt berfegtte ben fdgänbtidgften ©er» 
badgt ju erweden. 2)er Slbbe war ber Sertraute, ber Statggeber ber ©cgwefter, 
biente igr mit fcglauer ©efcgäftigfeit unb intriguantem ©eifte unb gielt ge in 
ber ©robinj Wie im Xaumct beS ©enuffeS ber §auptftabt mit ftarfem Strme oben, 
wägrenb baS fein berecgnenbe fcgöne SBeib mit bem fdgarfen ©erganbe gdg immer 
neue greunbe erwarb unb igren einzigen ©grgeij batein fegte, igrem geliebten 
©ruber ju glänjenber ©arriere ju bergelfen. Um 1714 war fie ju igm nacg 
©aris gefommen, Wo fie nun fein $auSwefen leitete, ©ie gewann rafdg groge 
©rfotge burcg igre ©dgöngeit unb botlenbete Slnmutg, igre freien Sitten, Weit 


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Jftabame be Cenctn. 


\27 


mehr nod(j burdf) ihren SSifc unb ©erftanb. ©letc^ ihrem ©ruber befolgte fie 
fhßematifdfj bie ißolitit bet Schmeichelei. SBicijen mit beit Sorten bie 9teije ber 
St^ön^eit Oon iljr, fo bewahrte fie bodj bis junt Slbleben alle ©orjüge beS ©eifteS 
in jugenblidjer griffe, unb ber SDienfcijenfenner $ucloS mußte geftehen, oor 
SRabame be Üencin fei baS ©ettie ber gefdjidEteften gittriguanten erblichen. 

Sitter ihrer erften SBerefjrer warb ber Slbbe be 2ouooiS, unb auf ihre Sitten 
ertoirfte biefer in ©om ihre Söfung oon alten religiöfen Ueffeln, hoch tourbe baS 
päpftlic^e ©efcript nicht öffentlich befannt gemalt. Sin 2ou0oiS’ Schritten fdjeint 
SomeiUe’S ©effe, ©ernarb 2e ©ooier be gontenetle, fiel) beteiligt ju hoben, ber 
große 2>idjter, ber ©tabame be Gencin fehr nahe getreten ift, ein umfaffettber 
oielfeitiger ©eift, beffen ©erbienfte fteß im Sümpfe mit ©acine, ©oileau, 2a ©rubere 
u. a. immer mehr enttoicfelten, ber unter ber ©egentfcljaft ben 3enith feines ©uhmS 
erreichte unb auf bem Xfjron blieb, bis ©oltaire ihn ftürjte. 3)er ©efdfjmacf, ben 
bie genußffießtige fdfjöne grau an ber 2iteratur fanb, feffelte gontenetle, beßen 
2iebe fie getoeeft, enge an fie; fie aber füllte, baß er magrer greunbfehaft nicht 
fäl)ifl fei» Weil it»m Ueberjeugung unb SBaßr^eitSliebe abgingen; barum beutete fie 
einmal auf feine ©ruft unb fagte: „(Sie hoben ba fein $erj, fonbem §irn toie in 
3bretn Sopfe." ©etttiß nicht bie 2iebe, fonbern allein ber $ang jur gntrigue führte 
©tabame be Xencin in bie Slrme beS aHtoerhaßten ©eneratlieutenantS ber ißolijei 
unb nachmaligen ©roßßegelbeWahrerS ©larc diene be ©Oper, ©tarquiS b’Slrgenfon, 
beS bei aller $äßtid|feit berüchtigten 2üftlingS. 3h te natürliche Sucht, fich überall 
einjumifdhen, ihr ©eift, ihre ©abe fich einjufehmeidljeln, ihre Slctioität unb ihre 
ßelle Sinfidjt machten ße einem ©efdjäftSmanne Wie bem tßolijeiminifter in Oieler 
©ejieljung wertljooll unb nüj}tid|. Stets tritt ihre ©eigung, fich in alles ju mifeßen, 
bie ber $erpg oon Richelieu wieberhott heroorhebt, uns entgegen. 2>icfe Steigung 
entfrembete ihr manchen' ©erehrer nadh furjer 3®it- Sludh b'Slrgenfon Warb ihrer 
rafdh überbrüßig unb fie ließ ihm einen ber größten Staatsmänner unb ©ebner 
ber 3eit folgen, $enrt) Saint»3ohn, ©iScount ©olingbrofe, ber fich 1714 — 23 
in granfreiep aufhielt, ©ei ihr machte ©olingbrofe bie ©efanntfdjaft beS jungen 
©tarie granpiS Slrouet be ©oltaire, beffen ©upm einft granfreich erfüllen fotlte. 

inmitten ihrer ©änfe unb 3ntrigueit trat ein ©reigniß ein, Welches ©tabame 
be Xencin oeranlaßte, fidh unter bem ©orwanbe ber ©erbannung einige 3eit in 
3urücfgepgenpeit ju holten. 3h r galanter SBanbel hatte fie mit einem SlrtiHerie- 
commiffär, bem ßpeöalier 2>eStoucpeS, ber ben ©einamen ©anott hotte, nicht aber 
mit bem $idfjter SJeStoudfjeS, wie oiele angeben, pfammengeführt, unb ihm 
fchenfte ße am 16. ©oo. 1717 in IJJariS ihr einziges Sinb. ©ine ebenfo unnatür« 
liehe ©iutter wie järtlidje Sdhwefter, ließ ße ben Snaben in ber eifigen Stacht auf 
ben Stufen ber ftirdje Saint=3ean le ©onb, bie im Slofter ©otre*$ame ftanb, aus« 
feßen unb fomit bem ©rfrieren preiSgeben. ©ine arme ©laferSfrau, ©amenS ©onf« 
feau, nahm baS ungtücftiche Sinb p fich un ^ 3°9 e* auf; fie nannte es 3>ean le 
©onb, nach ber gunbftätte; bie ©tutter fümmerte fiefj nie im minbeften um baffelbe; 
ber ©ater erfannte es nicht an, gab aber ber ©flegemntter eine IgapreSrente oon 
1200 grS. für bie ©rjiehung. Später gab baS Sinb fiel) felbft einen ©amen, 
beu bie ©tenfeppeit nie oergeffen wirb — es war b’Sllembert. ©Sollte man mit 


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128 


Unfcre ^eit. 


biefem gölte einen ähnlichen jufammenftetten, bie ©eburt beS bebeutenben Xicfj- 
terS SRicharb ©aBage im ganuar 1696 in Sonbon, fo mürbe biefer ©ergleich 
hinlen; ©aBage tljat alle erpnbti^en ©dritte, um non feiner SWutter, bet ©räfin 
2lnna 3RaccleSfielb, onerfannt ju werben; ber ©ater ber (Snctyllopäbie hingegen 
oerfdjmähte jeben Stritt ju il)r, motlte nichts non ihr. (Sr betastete fie, unb 
fein greunb Xiberot hot fie als XheliS in feinem Vornan „Les bijonx indiscrets" 
gegeifelt. Xie Setjanbtung i^reö ßinbeS ift ber häfjtichfte gleden im fiebenSbilbe 
ber SWabame be Xencin, unb im $inb(icf hierauf lonnte SiHemain mit Siecht bie 
greunbin aRonteSquieu’S ein moralifdjeS ©hönomen nennen, eine 3Rifchgeftalt aus 
ben größten (Sontraften. 

(SS mar felbftoerftänblich, baff eine grau oom Schlage ber SRabame be Xencin 
ben BergnügungSfüchtigen $errn granlreichs, ben Regenten ©hilipp non Orleans, 
halb auf fich aufmerffam machen muffte. Xer SIbgott aller grauen, ber erfte 
Sebemann ber ©egentfchaft, Souis gran(oiS #erjog Bon SRichelieu, itjr genauer 
greunb, führte fie bei ben berüchtigten Soupers beS Regenten ein; fie unb ihr 
©rubev ©ietre blieben immer in ben Bertrauteften ©ejiehungen ju Sti^elieu, feine 
mähren Anhänger; noch in einem ©riefe Born 6 . gan. 1742, ber ihm fofortige 
©emichtung feiner Schreiben an fie oerfpricht, brücft fich grofje #erjlichleit aus, 
baneben aber auch ©elbftjufriebenheit; h* er h e * 6 t eS 3 - ©•: „geh bemunbere ben 
©inbrucf, ben bie (Sigenfchaften beS §erjenS unb beS ©eifteS auf ©ie machen, unb 
offen geftanben fehe ich e8 gern; ba ich bie erftem im fouoeränen ©rabe befifce 
unb ber lefctern nicht ganj entbehre, fo bin ich gonj getoifj, baff ©ie mich etoig 
lieben Werben." ghre Schönheit hotte fich berart erhalten, bafj Xuclos 1715 fagte, 
fie fdjeine nicht 34, fonbern 25 gahre alt Xem Regenten gefiel fie fehr mohl; 
als fie aber ihre politifdjen gntriguen auch bei ihm in ©eene fefcen, ihm SRath* 
fchläge geben wollte, Bertor fie feine ©unft unb er erllärte ihr bieS in ctjnifcher 
Offenheit; Orleans fuchte bei ben grauen nur flüchtigen ©enufj, leine ©elehrung 
ober ©eBormunbung, unb aJtabame be Xencin mürbe ihm antipathifeh- 

©eroifj finb es niehtswürbige ©erleumbungen, baff fie, um feiner ©innenluft 
ju fchmeicheln, in ©aint»ßloub fchamlofe ©acchanalien in ©eene gefefet unb ein 
©nch über bie antilen Orgien, eine Chronique scandaleuse beS aRenfd)engefchlechtS, 
gefchrieben höbe, hingegen fcheint fie im Sinne ber gefuiten burch fchöne grauen 
auf Orleans (Sinflufj gefugt 3 U hoben, feit ihre ©erfon fclbft um feine ©unft 
gelommen mar; um ihn ju leiten, wollte fie ihm 1717 bie reijenbe ßircaffierin 
aiifdja, bie bei ihrer ©chwefter, ber ©räfin gerriol, lebte, jufülfren, fcheiterte aber 
mit biefem ©orhaben, unb auf feine lefcte gaBoritin, bie |>erjogin Bon ©halaris, 
bie wie fie aus bem Xauphine flammte, machte fie ihn aufmerffam. XaS gntri= 
guiren unb ©eeinfluffen war ihre Seibenfchaft; fie festen ohne baffelbe nicht leben 
ju lönnen. Sin ©teile beS Regenten würbe ber berüchtigte ©taatSminifter XuboiS 
ihr ©eliebter. ©ie führte baS alte Seben, Wie auch ber $etjog Bon ©aintSimon 
fagte, auS (Slfrgeij unb gntereffe wie aus ©emohnheit fort; ihr 3wcc! mar jefet nur, 
ihren ©ruber BorWärtS ju bringen; in biefer Ülbfidjt mirftc fie mit allen fünften 
auf XuboiS, bie gefuiten, Sam unb wer immer nüfctich fein lonnte; in unerreichtem 
aftafje befaßen fie unb ihr ©ruber baS Xalcnt, bie aJtenfdjen ju fchmeljen, ju 


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2Tlaöame be Cencin. 


129 


Befielen unb ©runbfäfcen abtrünnig p machen; mie eine Sirene tonnte SRabame 
be Xencin ihre Vebenlen einlullen, unb untergleidjlich terftanb fie bie große Sunft, 
oljne Stiftung ihrer ißerföntic^feit bod) jur ©eltung p gelangen. Sie münfchte, baß 
man ton iljr jage, fie fei eine marme greunbin, aber eine erflärte geinbin, unb 
gab bieS gefdjidt bei guter ©etegenljeit funb, moburdj fie Seute ton Verbienft 
unb Autorität an fich jog; übrigens toar fie äußerft gefällig, falls ifjre ^ntereffen 
rtid^t getreust toerben füllten. Als if»re greunbe einmal SobeSerljebungen über 
ihren St)arafter anftimmten, äußerte ber Abbe Xrublet, als Siterat befannt: „3a, 
läge if)t baran, euch ju tergiften, fo mürbe fie gemiß baS mitbefte ©ift mähten." 

SRabame be Xencin mußte fidj halb XuboiS unentbehrlich ju madjen; fie mürbe 
feine Vertraute unb ^alf ihm bei ber Ausführung feiner mid)tigen ißtane: fie 
befaß feine ©eheimniffe. Seitbem feine Stellung befeftigt mar, leitete fie fein #auS 
a(S anerfannte SKaitreffe, terfammette um fidj einen Jpof; ihre ©unft mürbe ber 
$anal jur feinigen; ihr Verftanb rieth ihr, nicht für fidj ju forgen, fonbern allen 
dfjrgeij pm fRufcen ihres VruberS p termenben. 3h r ©alon mürbe ber Sammet* 
punlt ber 3 £ fwiteit unb SOtotiniften; fie rebete XuboiS ein, biefe ©rälaten mürben 
ihn mit SRom, mo fein SBanbet Anftoß erregt hatte, ausföhnen, unb fudjte mit 
onbern fReactionären ben Regenten ju ben gefuiten p führen, ihn jur Vertreibung 
ber 3anfeniften, beS ÄanjlerS b’Agueffeau, beS ginanjminifterS ^erpgS ton SioaiKeS, 
beS SarbinatS ton ÜRoaiHeS u. a. p teranlaffen unb Sam mit XuboiS an bie Spifce 
p bringen; lefcterm fchmeichelte fie mit bem rothen |>ute, bis er ihn mirflidj empfing. 

3m 3<*h« 1713 hotte ber fßapft auf Antreiben ber 3efuiten bie Sonftitution 
Unigenitas ertaffen, in ber 101 Säfce beS ton üueSitel in janfeniftifchem Sinne 
herausgegebenen 3leuen Xeftaments als fe^erifcfj terbammt mürben, unb p ben 
glühenbften Verfechtern biefer Sonftitution gehörten ÜDiabame be Xcncin, ihr 
Vruber unb XuboiS; fie maren bie crbittertften geinbe ber gegen biefelbe appet* 
lirenben Vifdiöfe, bie ein allgemeines Soncil terlangten; ja megen ihrer Sei* 
benfdjafttidjleit mürben bie ©efchmifter Xencin torübergehenb nodj Orleans ver¬ 
bannt. X)aS fdjttere ©efchüfc ber Vullen unb baS leichte ©eplänlel ber ©alanterie 
ftanben SDJabame be Xencin gleichseitig p ©ebote, mie fie fich cinerfeitS auf 
grömmler, anbererfeitS auf greibenler unb Atheiften ftüfcte unb über beibe ©ruppen 
bisponirte. Aus ihrem Salon fchleuberten bie tornehmen 3 £ fuiten unb Eonftitu* 
tioniften ihre Schriften gegen bie ©egner, ihre fßamphlete gegen ben ^Regenten; mie 
eine ßirdjenmutter hielt fie bie geifttichen Verfammlungen bei fich ob, begeifterte 
X)uboiS immer mehr für bie VuHe unb raftete nicht, bis b’Agueffeau unb fÜoaiHeS 
am Soben tagen, ihr einftiger Verehrer b’Argenfon 1718 ©roßfiegelbemahrer mürbe 
unb Sam p immer größerer ajiadjt gelangte. X>er StRittelpuntt, um ben fich 'h r£ 
3ntriguen brehten, blieb ihr Vruber, unb man barf mol fagen, fte hätte, menn 
XuboiS länger gelebt hoben mürbe, nicht abgetaffen, bis Xencin bie päpfttiche 
Xiara getragen. 

®S mar gar nicht nötljig, baß fie ihren ganzen Srebit auf XuboiS anmenbete, 
nm ihm Xencin Iiebpmadjen; ber liftige ©riefter burchfdjaute ihn unb fanb, 
baß er leinen gemanbtern, geifttoKern unb fcrupelfreiern SRitarbeiter haben fönne; 
er überhäufte ihn unb feine Sdjmefter mit fReidjthümern unb übertrug ihm 1719 

ttnfete ßeit. 1881 . II. 9 




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*30 


ttnfere 5 e *t. 


als erfte geiftlidje Aufgabe bie Setehrung be« ©Sotten Sa» pr fat^olijcfjen ftirSe, 
ein unWürbige« ^offenfpiet. ©obalb ber Stbenteurer 3ohn Sam Duboi«’ Siebe 
ju SDiabame be Dencin erfannt hatte, näherte et fiS Sr unb ihrem ® ruber unb 
intereffirte beibe für fein ©hftem; fie Waren ihm merthooUe ©önner. SBäfjrenb 
ber fSamlofe ©djWinbel SaW’« ba« SReiS zerrüttete, nannten bie ©efdjtoifter Dencin 
großartige ©ummen ein; Saw gab i£»nen maffcnhaft Slctien unb beseitigte fie an 
ber Agiotage; ihre na^e SSerbinbung mit Duboi« unb b’Slrgenfon lieferte ihnen 
bie ©efjeintniffe ber Vörfe; ber Statt) be Sa gre«nat)e u. a. banbetten für SRabame 
be Dencin in SörfengefSäften; fie fott it)t oon Sqtingbrote anoertraute ©ummen 
toerfpielt unb S*n bie Deponirung berfetben bann abgeteugnet haben. Drofcbem 
legte fie feinen Sßerttj auf ©elb um feinetwiüen; fie fah barin nur ein SRittet, 
erftrebte Siele p erreidjen, nicht aber ein würbige« Siet fetbft. So erwarb fie 
fidj auch nie ein großem Vermögen, hatte nur müßige ©infünfte unb fuSte nur ihren 
Vruber zu bereichern, um feine Sarriere zu oergotben; Saw machte ihn in ber 
Dfjat reiS unb ließ ißn im ©olbe mühten. 

Der lob be« ißremierminifter« ©arbinat« Duboi«, be« altmäStigen Senfer« be« 
ungtüdtiSen gratifreiS, am 10. Slug. 1723 beenbete eigentlich ba« potitifS« Seben 
unb bie großen potitifSen Sntriguen ber äRabame be Dencin, benn ihr ©influß 
auf ben atternben Regenten war fehr gering, ©ine Stnzaht Verbannter burften 
jeftt zurüdfehren, barunter ein $aupt=9toue Ortean«’, ber gleich S m »bie fdjmarze 
Sfräf)e", bie fede ©räfin ißarabere, geliebt hatte, ber äRarqui« be Sioce; at« ihm 
ber Regent eine ©nabe anbot, rief er ohne weitere« Sefinnen: „3S bitte ©w. 
fönigtiSe 4?of)eit, fd^icfen ©ie bie Dencin nach ber ©atpetriere, bie De«touSe« 
Sanon in« 3rrent(au« unb bie SJaqmonb an ben ©atgen", wa« ben Regenten 
(aut auftaSen maSte. ©inige ÜRonate barauf raffte ein ©Stagfluß Ortean« 
(2. Dec.) hinweg; bie entartete Seit ber RegentfSaft war öorüber. 

Der Herzog oon Sourbon würbe ißremierminifter unb Duboi«’ Stnhang trat in 
ben ^intergrunb. Dencin mürbe oon Rom, Wo er at« ©efSüftöträger fungirt 
hatte, abberufen, aber im Quti 1724 ©rzbifSof Oon ©mbrun. @r hatte in Morn 
ermirft, baß feine ©Swefter Oon bem $eirath«oerbote entbunben würbe, unb fie 
fSeint ihrem ©etiebten, bent ÜRitgtiebe am ©roßen Rattje in ®ari«, beSa gre«» 
nape, Slu«fiSten auf ihre $anb eröffnet z« haben. Diefer Rlann War ein eifriger 
Slgioteur Saw’« unb neben feiner ©taat«ftettung römifSer $ofbanfier. ®r liebte 
SRabame be Dencin tro{} ihrer 45 3 a h rc unb meinte, fie habe ©eift „wie ein Deufel"; 
er Wollte fie heiratt)en. Slm 5. Slprit 1726 ging er zu feinem greunbe, bem 
Slboocaten am ©roßen Ratt)e, be ©ach, unb übergab ihm zwei tßadete: ba« eine 
bezeiSnete er at« fein Deftament, wetSe« ©ach naS feinem Dobe fofort einem 
Rotar au«tiefern foHte, ba« anbere enthielt ein nicht unterfdjriebene« tßapier. Dann 
begab er fiS, wie ber Slboocat am parifer (Parlament, ÜRatt)ieu ÜRarai«, bem 
(fkäfibenten ®ouf)ier am 12. unb 14. Stprit 1726 berichtet, zu üRabame be Den» 
ein. ©r oertangte, fie fotte ben ©infpruS, ben fie auf ba« ReSt an fein Slmt 
gemaSt, aufheben, unb zog eine (ßiftotc au« bem ©ürtel, um ihr zu zeigen, er 
Werbe fiS im 2Beigerung«fatte erfSießen. RaSbern er heimgegangen, fanbte fie 
nad) ihm, um ihn oon feinen fSwarzen ©ebanfen abzubringen; er aber tarn erft 


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Jtta&ame be tCcnctn. 


m 


am 6. Slpril, als fiep um 11 Upr große ©efeBfdjaft bei ipr befanb, geberbete fiep 
mie ein Verjtoeifelter unb loänfc^te, als fie auf feine Sorberungen niept einging, 
in ihrem (Jabinet einen Vrief ju fdpreiben, nacpbem er ipr abermals bie ißiftote 
oorgepalten hotte, fiaum hotte ihn ein 9lbbe SJticpel in baS (Jabinet geführt, als 
er fuh auf bem Sofa oier fitigeln ins $erj jagte. Veftürjt eilte bie ©efeßfcpoft 
herbei, SJtabame be Dencin mar ooll Stimmer. Sie manbte fich fofort auf ben 
Statp ihrer Umgebung an ben erften ^räfibenten unb ben ©eneratprocurator beS 
©roßen 9tatpeS, um baS Unglücf mitjutpeilen, unb biefe ließen bie Seiche in ber 
Stacht heimlich in ber fiirche ©aint=9to<h beife|en unb ungelösten fialf in ben ©arg 
legen. 91m anbern SJtorgen maren fdpon hwnbert Verfioncn über, baS Ereigniß im 
©ange. Der ©roße Statp legte an bie Effecten beS Verdorbenen bie Siegel. Stun 
behauptete aber baS Epätelet, man höbe ihm bie SInjeige Oon bem VorfaBe machen 
müffen; eS tarn jum Eonflict beiber Vepörben, baS Epätelet ließ ebenfalls Siegel 
anlegen unb fteBte gleich bem ©roßen 9tathe gerichtliche Unterfuchung an; Stieß« 
lieh entfdpieb ber ©roßfiegelbemaprer ju ©unften beS Ehatelet. Der Slbüocat 
be Sacp mar nicht menig erftaunt, baß fein Depofitunt fo rafch in SBirffamfeit 
gefefct werben foHte, übergab eS bem Stotar, oon bem eS burch ben Eioilrichter 
an ben Eriminalbeamten ging; tefcterer oernahm ihn unb Sacp überlieferte auch 
baS jmeite ißäcfdpen. SSeldpe Vermunberung aber ergriff alle, als fie anftatt eines 
DeftamentS mit 9tnmeifung an bie ©laubiger be Sa greSnape’S, eines leine 
Sympathie ermeefenben SJtenfcpen, bie nichtsmürbigften Schmähungen unb Smerften 
9(nt(agen gegen SJtabame be Dencin lafen. Das „Deftament" befagte, SJtabame 
be Dencin, bie alles baran gefefct habe, jperrn Oon Sioce tobten ju laffen, unb ber 
größten Verbrechen fähig fei, höbe auch ihn feit lange mit bem Dobe bebropt unb 
es gebiete ipm barum bie Vorficpt, feinen lefcten SBiBen auSjufprecpen; ber Deftator 
bebauere, infolge feiner zerrütteten Vermögenslage manche brüefenbe Sdpulb niept 
bejahten ju föunen; SJtabame be Dencin pabe ipm bie größten Summen abgepreßt, 
unb als er feine Effecten ipr entjiepen Woüte, bie 3aplung eines ViBetS üon 
40000 grS. oerlangt; fie fei Oier ^apre oor ben 9tugen ipreS ganzen 4?oufeS feine 
SJtaitreffe gemefen, pabe ipn aber bann mie einen fineept ju bepanbeln gemagt; 
ipr milber $aß fomme befonberS baper, baß er fie bei Vuplereien mit gonteneBe 
unb ihrem Steffen, bem ©rafen b’Slrgental, neulich enttarot pabe. Sa greSnape 
bejeiepnete fie als feinen Stuin unb feine Genferin, befepmor ben £>erjog oon Vour» 
bon unb ben ©roßfiegelbemaprer um §anbpabung ber ©eredptigfeit gegen fie unb 
ipr infames Seben, forberte ipre Vermeifung in baS filofter SJtontfleurp, mopin 
fie gepöre, um bort ipre Sünben abjubüßen, unb rief ©ott jum 3e«0en ber SBapr* 
heit afler SluSfagen an. Das Deftament mar am 18. gebt. 1726 abgefaßt. Das 
jtoeite ißaefet enthielt außer Vriefen ber SJtabame be Dencin nur einen Vrief beS 
Verdorbenen oom 5. 91pril an ihren Vruber, ben Erjbifcpof, morin feine ©eptoefter 
beSimpft unb ipre Einfperrung ins filofter SJtontfleurp geforbert mürbe. 

Da man nach biefen Eröffnungen ein Verbrechen mutpmaßen fonnte, mürbe 
SJtabame be Dencin’S Verhaftung oon feiten beS Epätelet befcploffen. Die Seidpe 
marb auSgegraben, fonnte aber ben 28eg jur Eonfrontation niept auSpalten. 9lm 
10. 9fprit, um 11 Upr abenbS, füprte man SJtabame be Dencin inS Epäteletgefäng* 

9 * 


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\32 


Unfere 5«it. 


niß ab; bodj Rieften wo! nur Wenige fte für fdjulbig, bei weitem bie meifien 
glaubten, Sa fjteönatje fei non ©innen gewefen, unb tabelten bie Uebereitung ber 
Sriminatbe^örben, wie Wir burd) ©arbier Wiffen. X)er ©roße 8tath überließ bie 
Unterfuc^ung bem Skatetet, nur nicht ba$ befinitioe Urtljeit. X)a$ „Xeßament" 
circulirte burdj gang ©ariä, was bie Familie Xenätt in bie größte SButtj berfefcte. 
Obgleich ein f)ifeige£ lieber fie ßhüttelte, mußte bie Hngeflagte am 11. 9tf>ril ein 
breiftünbigeö ©erhör befielen; fie belannte fofort ihren ©erfeßr mit Sa ßrreSnatye, 
erHärte aber ihre boQe Unßhulb auf feine ©efdjulbigungen unb bat, ße ihrer ftranf» 
fjeit wegen freigulaßen unb unter jebe beliebige SBache gu fteßen. 3hre Sitte würbe 
abgefd)lagen unb bie Slergte be$ Skatetet lamen, um fie gu unterfudjen. 3ßr 
©ruber, ber ©rgbißhof, oerwanbte aber feinen gangen (Einfluß bei $ofe unb eine 
Lettre de c&chet befreite fie fefjon in ber 3tac^t be$ 11. Steril au$ bem (jätetet, 
um ße in bie ©aftiQe fiberguführen. $ier faßen gerabe gwei namhafte Xießter, ber 
egaltirte ©atirifer Stöbe be SWargon, Sutor ber „Fagonade", unb ber mit ber 
©aftiQe wofjl oertraute ©oltaire, ber nid^t ablaßen woQte, ben ©Ijeüalier be Slogan» 
(Sßabot für feine ©eteibigung gu gültigen. Xet ©toceß Xencin würbe bem ©häteiet 
entgogen unb bem ©roßen 9tatße übergeben. SWabame be Xendn oerßel in eine 
gefäljrtidje fitanfljeit, bie bas ©chlimmfte befürchten ließ. Qnt 3uli 1726 fpradjen 
bie ©edeßte ihre Unfdjulb unb greigebung aus; baS ©ebädjtniß be Sa greSnatje’S 
würbe oerbammt, fein SRame aus ben SRegiftem beS ©roßen SRatheS geftridjen, 
fein „Xeftament" oerbrannt unb ber giScuS mit feinen ©ütern bereichert. Um 
ihre ©efunbheit gu reftauriren, ging QRabame be Xencin in baS ©ab ©aßh unb 
im Sluguft 1726 in baS XJaupfjine. 

X)ie Äataßrof»he So ßrreSnahe’S übte einen entfdjeibenben ffiinßuß auf ihr Seben; 
fie entfagte jefct oöQig bem galanten SBefen unb entfdjlug fi<h auch mehr bis* 
her politifdjer Sntrigue. freilich tfiat fie nach Wie oor aUeS, was in ihrer SRacht 
ftanb, um ben tljeuern ©ruber gu erhöh««» für ihn interefßrte fie SRidfelieu, bie 
©ompabour unb ben Äönig Subwig XV. Sefcterer hotte oor ihr eine inftinctioe 
Surdjt; b’Slrgenfon fagt: wenn man oon ihr gebrochen, h«be er eine ©önfeßaut 
belommen. 3h re f5eittbe ließen nie ab, fie gu oerfolgen, ©in ©otiriler au« 
Qtoußeau’S ©chule höhnte fie im Ddober 1727 in ben SoupletS: 

Te passerai-je sous silenoe, 

Soeur de Tenoin, 

Moustre enriobi par l’impudenoe 
Et le laroin? 

Vestale peu rebelte aux loie 
De Citheree, 

Combien m6ritas-tu de foia 
D’etre vive enterree? 

Unb im 3anuar 1728 nannte fie 9iog in einer SlQegorie „eine ©ibhCe, bie 
bem alten ©tjnbicuS ber ©ürger oon ©tjthere ein ftleib Oon altem lohfarbenem 
©ammt fchenfe". ©eitbem oergingen oiele Sahre, aber bie Abneigung gegen ße 
fchwanb nicht. 3 m SRooember 1742 fang man SoupletS auf ihren ©ruber unb auf 
fie; hier tß e & e $ unter anberm: 


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ÜTaöame be Cencin. 


133 


Tenoin, ce fourbe si parfait, 
Comme tout le monde sait, 
Visa toujours au grand objet; 
Sa soeur infernale 
Avec sa morale 
L’y conduira par un forfait, 
Comme tout le monde sait. 


3P r ©ruber gab ihr burcp feine «Stellung unb ©erfon Stpu^ unb Sepirm unb 
ging mit ihr in geiftlicpen fragen ©inen SEBeg. Sitten Siebeleien ©ölet fagenb, 
toanbte fiep bie einftige Sionne üon SDtontfleurp mit 3nbrunft ernften religiöfen 
Singen p, mürbe eine äRulter ber Äirepe unb fopfagen ein Slbreßbureau für alle, 
bie für bie ©utte Unigenitus ihre Sange braten. Sencin mottte im Sumpfe für 
biefetbe ben Sarbinalsput erringen, unb feine Scpmefter ftanb ihm in ber Scptacpt 
gegen ben 3anfeni$mu8 treu gur Seite. Stuf ©efepl beS ©arbinals non ffleurp, 
ber burcpauS gemäßigter ©icptung mar, trat in ©mbrun im Stuguft 1727 ein ®on» 
eil unter Sencin'S ©orfip gufammen, um bie ®ircpenfrage gu beraten; bie SluS» 
fprücpe beffelben führten aber nur gu neuem £>aber; benn bie ^nnfeniften begeiep» 
neten eS als beftoepen, unb ber Streit gmifepen bem ©arlament unb 9?om nahm 
einen nocp gepäffigern Eparafter an, mäfjrenb gleurp in 9tom gegen Sencin’S 
Erhebung pm Sarbinat mirlte. SEBie eine ©äpftin ^o^anna hielt SDtabame be Sen» 
ein im 3uni 1730 bei ficb» eine ©erfammlung ber für bie ©onftitution Unigenitus 
begeifterten ©ifdjöfe ab, bie oerfleibet fiep eingeftettt hotten. 3pr ®opf fepien bas 
unerfepöpfliepe Ärfenat für bie heftigen ©ntfcplüffe unb bie gefährlichen 9tänfe ber 
©prfücptigen, bie ber ©ormanb ber Eonftitution bedtc. Sie ^efuiten, bie bebeutenb» 
ften ©ifchöfe, ber Sarbinal non ©iffh ftanben unter ihrem ffiinfluffe, bemittigten 
ihr alles unb fie mar ber fieperfte Zugang p ihrer £>utb. Ser $ergog non Saint« 
Simon nennt fie barum einen „©feiler unb ©erbinbungSpunft ber heiligen Sehre, 
baS ©entrum ber Meinen nerborgenen, fo ejrcettent ortpobojen Kirche". Um fie loS 
p merben, mottte ber Sönig fie burdj eine Lettre de cachet nach @mbrun fehiefen; 
aber bte „lathotifdhen" ©ifchöfe unb ber ßarbinal non ©iffh nermanbten fich fo 
marm für fie, baß fie 1731 nur auf nier SKonate nach Stbton in ber ©äpc non 
©aris nermiefen mürbe. Surch fchtaue Untermürfigfeit, p ber fie ihn anphatten 
mußte, gemann Sencin allmählich neuen ©oben bei gleurp unb 1739 mürbe er 
©arbinal, 1740 ©rgbifcpof non Spon unb 1742 StaatSminifter; gleurp patte fiep 
im 2Rai 1736 gang mit ihm auSgeföpnt. SDtabame be Sencin fap ben ©ruber, 
ipren Scpüfcling, auf ben £öpen beS ScbenS. 

Seit ber Slffaire Sa greSnape’S fepien fie fiep nur mit SEBiffenfcpaft uub Siteratur 
p befepäftigen, nur ©enuß für ipren ©eift p fuepen; fie mibmete fiep nöttig bem 
©erfepr mit ben ©rößen ber 3eit unb lebte in intimer greunbfepaft mit lauter auS= 
erlefenen SWenfcpen. 3pr Salon mürbe meltberüpmt, eine SJtacpt im 18. 3oh r « 
punbert; et mar ftets befuept, benn man mottte pören, reben unb fepen; befonberS 
mar bie falte, egoifiifcpe, norfieptige unb gemäßigte Soterie ber ©pilofoppen ner« 
treten, als beren SRepräfentant gontenefle gelten tonnte, meniger entfepiebene unb 





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ltnfcre <3eit. 


gtfihenbe Naturen. Sieben gontenelle, ber wie ein Orale! angefehen Würbe, nahm 
in biefem ©alon, ben Slapoteon I. wo! ein Bureau d’esprit genannt hoben würbe, 
bie crfte ©teile ber gewaltige SJlonteSquieu ein. Et war genau mit SJlabame 
be Xcncin befreunbet unb fie war ftotj barauf, ju feinem Sluhm beantragen; als 
er 1748 feinen „Esprit des lois" pubticirte, taufte fie eine große 9tnjaßl Ejern* 
ptare unb bcrfcßenfte fie unter SobeScrljebungen ihren greunben. SBelcße ®er= 
feßiebenheit ber Eßaraftere unb ©efinnungen fpreeßen bie Flamen gontenelle unb 
SJlonteSquieu aus! ©ehr naße ftanben SJlabame be Xencin bie ©ößne ihrer @cßweftet 
gcrriot, als Siteraten auSgejeicßnet; es waren Stntoine, ©raf ißont be Sepie, ber 
Sewunberet oon SJlabame bu Xeffanb, unb EßarleS Sluguftin, ©raf b’9lrgentat, 
ber greunb Sottaire’S; oßne alle Seweife ßat übte Sladjrebe beibe at$ SJlitarbeiter, 
ja fogar gerabeju at 8 bie Autoren ber Stomane ißrer Xante genannt. Sei ifjr 
fanben fich ber Seiter beS „Journal des savants", XortouS be SJlairan, ber beute 
nocß Ijodjgefdjäfete Xramatiter unb Stomancier be SJiariöauj, ber bort gontenelle 
unb ben Xicßter ^oubart be Sa SJtotte tennen' lernte. Sn Jenem gauteuil rußt 
in eleganter Sloncßatance ber feine 9lbbe be Scrnts, Xidjtet unb ißrätat in Einer 
Serfon; eben neigt fi<ß ber oielumworbene 9trjt Qean Stftruc ju ißm, ba rufen 
ißn Xreffan unb Sa ^jßopetiniere. 9tucß ^etoetiuä, ber eigennüßige SJtaterialift, 
tritt in baS ©cmad), Wo fo Diele ©eifter fidj begrüßen; bie greunbfcßaft ju b’9ttem= 
bert’S bannt ißn nicht aus ber Stäbe feiner SJiutter. ©ie aber, mit ißrem gut= 
mütbigen unb einfachen 9leußern, fcßeint in ihrem ©aton weit mehr Haushälterin 
als Herrin Dom H au f £ - unb boch wie feffetnb ift ihre Unterhaltung; wie unnadj» 
ahmtich weiß bie SJleifterin ber ©chmeichetei einen jeben eben mit bem ju befchäftigen, 
was ißm congeniat ift. Son ihren Sippen fprubetn geiftDottc SBortc; XuctoS meint, 
niemanb fei geiftreicßer atS fie gewefen. 3« einem ihrer greunbe fagte fie: „Xic 
Seutc Don ©eift machen Diele gelter. Weil fie nie glauben, baß bie SBett fo bumm 
ift, wie fie ift"; bem anbcrn rätb fie, eS fei beffer, fich greunbinncn atS greunbe 
ju erwerben. Xaitn wenbet fie fich 3 U bent nach manchem SJiiSerfotge türjticß $u 
9tnfeheu in ber Siteratur getaugten SJlarmontet unb ruft auS: „ffleße über ben, 
ber altes Don feiner gebet erwartet! Stifts ift mehr 3«fältSfache. 3Ber ©chuhe 
macht, ift feines Sohnes ficher; wer ein Sud) liefert, tjßt nie eine Sicherheit!" 

SJlit aßen Sefucßern bicfeS gtänjenben ©atouS lebte fie auf bem trautichften 
gußc; fcßcr$enb nannte fie biefetben ihre tieben Xhiere in ihrer SJienagerie. 3n>ei= 
mal wöchentlich Dereinigte fie fie um fich bei Xifcße unb ju Sieujoßr machte fie 
fich ben ©paß unb feßiefte jebem jWei Elten ©ammt ju einer H®f £ - 5lHe hi n 9 en 
mit h<>h et Sewunberung an ber bebeutenben grau, beren Slawe mich im 9tuStanbe 
ootl 9tcßtung genannt würbe. Xcr Earbinat ißrofper Sambertini, ber funftfinnige 
görberer ber Söiffenfdjaft, welcher 1740 atS Senebict XIV. ben ©tuht Sßetri beftieg, 
nahm ein fotcheS gntereffc an ihrem geiftigen Seben, baß er mit ihr in Eorrcfpon» 
benj trat unb ihr greunb würbe. Sß r SebenSWanbet mar ejemptarifcß geworben; 
anftatt beS XabetS mußte ihr Sob unb 9tnertennung gcjoüt Werben. Stießt aber 
Derfammette SJlabame be Xcncin bie erften ©djriftfteHer ißrer 3 £ it nur um fi<ß, 
fie geßörte ißnen felbft feßon lange au; aueß oßne ißren ßiftorifeßen ©aton würbe 
fie ft(ß einen bteibenben titerarifdjen Slawen errungen haben. 


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ÜTCaöame be Cencin. 


(35 


Die Sprache ihrer Somaite erinnert »ietfacb an baS gotbene ßfitalter Sub» 
Wig’3 XIV., it»re beften bilrfen füfin mit benen ber gefeierten ©räfin be Safagette 
jufammengefteHt werben, unb Sa .'parpe meinte, bie „SDtemoiren bes ©rafen 
»ott ©ommingeS" fönnten als ißenbant ju ber „tßrinjeffin öon $le»e" biefer Dame 
gelten. Die Siebe ift ber ©egenftanb unb bie Seele itjrer Schriften. Der Siterar» 
Ijiftorifer Sillemain fagt über ifjr Dalent: „@3 ift bie ©leganj unb gefüljlöolle 
Imagination ber grau »on Safagette, aber mit etwas weniger 9lefer»e unb SBeiS» 
beit. 2Ba3 aber ©efdjmad, Seibenf^aft unb SJJatureH angelt, ftbertrifft nichts bie 
«M 6 moires du Comte de Comminges»." Diefen Vornan, ber 1735 erfdjien, nennt 
er ben fdjönften titerarifc^en SRubmeStitel ber grauen im 18. galjrljunbert; alles 
barin ift natürlich unb ebel, einfach unb ohne SIffectation. 2lu3 if)m 30 g Sacularb 
b'Slrnaub ben Stoff ju feinem 1790 aufgefübrten Drama „Der ©raf »on ©otn= 
mingeS". SBeniger unterhalten» unb weniger einfad} gehalten ift bie ^iftorifcbe 
9to»eHe „Le siöge de Calais" (2 Sbe., 1739), aber auch fie erlebte Wiebcrfjolte 
StuSgaben. ©in jarteS unb fernerjlicheS gntereffe bietet ber 1747 in jwci Sänben 
erfdjienene Stoman „Les malheurs de l’amour", ber unter bem Ditel „Louise de 
Valrose" (1789) wieberum ^erauälam. SBaren biefe SBerfe ju Sehweiten ber 
2Jtarquife be Dencin erfdiienen unb Serfünber ihrer latente unb ©oben geworben, 
fo Unterblieben unöollenbet bie „Anecdotes de la cour et du rbgne d’Edouard II, 
roi d’Angleterre"; Sinne Souife äJiorin DumeSnil, SDtabame ©lic be Seaumont, 
»oHenbete fie unb gab fie 1776 Ijerauä. 3 a b re 1790 erfdiienen in ihrer 
Saterftabt ©renoble bie „Memoires secrets de Madame de Tencin", »on bem 
Slbbe Seatt SacqueS Sartf)elemg ebirt; 1812 würben ihre öerfcbiebenen Schriften 
in »ier Sänben in ißariS publicirt. SWehrmalS lamen if)re SBerte jufammen mit 
benen ber ©räfin Safatjette in ben Raubet (1786 in acht, 1804 in fünf, 1820 
in »ier, 1825 in fünf Sänben); Sluger gab 1823 „Lcttres de Mesdames de 
Villars, de Lafayette et de Tencin" in IfSariö heraus. 2(m 3al;re 1790 »er» 
öffentliche 3ean Senjamin be Sa Sorbe bie „©orrefponbenj" ber berühmten grau 
mit iljrem Sruber, bem ©arbinal, in jWei Sänben, unb 1806 erfchienen ihre 
„Lettres au Duc de Richelieu". Söngft war baS SEBort in ©rfüßung gegangen, 
Welches fie Stidjelicu 1743 jugerufen batte: „SSJenn ©ott nicht fidfjtbar feine $anb 
barein legt, ift cS pbgfifdb unmöglich, bafj ber Staat nic^t cinftürje"; bie SReoo» 
lution hotte baS granfreich eine! Orleans unb Subwig XV., in bem fie gelebt, 
»erfdfflungen unb ein erflärter geinb fdbriftfteUernber unb politifirenber grauen 
trug bie fränfifdje Saiferfrone. 

TOabame be Dencin ftarb ju S ar i3, 68 Igalfre alt, in ber grübe beS 4. Dec. 
1749. Sach ftürmifcher Sugenb, nad; einem Seben tollen ©enuffeS mar fie im 
$afen beS griebenö gelanbet, batte ein gqftlidjeS $eim gegrüubet, in bem fie mit 
ben erften ©eiftera granfreicbs als mit 3b«3gleid)en uerfebrtc. Die Schladen 
Waren »on iljr gefallen; ihre geiftige Solltraft gab i^r immer neuen Sdjwung unb 
il)r &reiS befielt bis ju ihrem Scheiben jenes glänjenbe ©epräge, welches ihr 
©itb noch heute in ber Siteratur trägt. 


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*-*e — 



Mit Däljnmgsfraöe. 

®on 

Dr. Coratj non Stein. 

äRögen unfere geehrten Sefer nicE)t fünften, baß fie, inbem fie in ben folgenben 
3eilen baS ©ebiet bet SBähtungSfrage betreten, non uns in jene DiScuffion hinein- 
gezogen werben, bie in bem ©rabe breiter ju werben beginnt, als fie eigentlich 
nn liefe abnimmt. Unb ebenfo wenig bürfen fie fürchten, ^ier mit ber öoHen 
©reite ftatiftifdjer ßahlen ober mit ber Schärfe harter SBorte unb abfpredjenber 
Souöeränetät in jene oerfchiebenen Stnfidjten gebrängt ju werben, welche in bet 
Xhat weniger bie SBelt als fich felbft bewegen. SBenn wir an biefer ©teile einem 
benfenben Sefer unfere Slnfdjauungen norlegen, fo gefdjieht eS erftenS, weil es 
uns atlerbingS nach unferer unborgreiflichen Slnficht fcheint, als hätten englifcheS 
Sntereffe unb franzöfifctjer SBortboppelfinn trofc oder beutfdjen Theorie noch immer 
gewiffe Dinge nicht enbgültig feftgefteKt, unb als feien gewiffe elementare ©egriffe 
unb Ih fl if a< ^ en f° in beit £>intergrunb gebrängt worben, baß nur noch ber 
breite ©orbergrunb gefannt unb beurteilt wirb. Zweitens aber berftatten Wir uns 
gerabe an biefer ©teile über jene Stage baS SBort ju nehmen, Weil eine in un« 
fern lugen entfcheibenbe ©eite ber Sache gar nicht in ©etradjt gezogen worben 
ift, obgleich fie fehr geeignet erfcheint ber Sluffaffung ber ganzen SBährungSfrage 
einen, wie wir glauben, boHfommen neuen ©eficf;tspunft abjugewinnen. 

2)iit gutem Stecht barf man noch immer, um bem crften ber beiben obigen 
fünfte ju genügen, einige SBorte über baS fagen, WaS bcnn eigentlich bie SBät)* 
rungsfrage überhaupt ift. Denn man muß leineSWegS baoon auSgehen, baß biefe 
Sache gar fo einfach fei, ja nicht einmal baoon, baß felbft bie ©treitenben in 
ber $ifce beS ©cfecßtS fich “ber bie Sache ganz Har geworben. StichtS in ber 
Xhat ift unfertiger als bie SDteinung, baß man etwas SertigeS gefagt höbe, wenn 
man Wie zur 3cit ber $ohenftaufen auSruft: „£>ie SBelf, h» c SBaiblingen! 
3ch bin für ©olbwährutcg, ich bin für ©ilberwährung, ich bin für Doppetmäh s 
rung!" Unb ebenfo wenig hoben biejeitigen bie Sache zu ©nbe gebacht, weldje 
einfach annehmen, baß ber SernuSchi’fch e ©imetalliSmuS ganz baffelbc fei mit 
jener Doppelwährung, Welche bie Slrmuth ber franzöfifdjen Sprache bon bem Si 
metaüiSmuS nicht Har genug h°i fd^eiben fönnen, nachbem ber etendart 16gal 
nicht bloS unfere SBährung, fonbern auch unfern 3Jlünjfuß bezeichnet. 3« ber 


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Die tDäßrungsfrage. 


137 


Dßat aber ift ju einem toirttieß objectiben Urteil über bie einfüßrung ber ©olb» 
ober Doppelwäßrung burcßauS fo lange nid^t ju gelangen, bis man über biefe 
elementaren ©erßälhtiffe unb ^Begriffe Har unb einig ift. DaS ift baS erfte 9te= 
fultat, ju bem man bureß bie objectibe ©eobaeßtung biefeS «Streites, ber fcßoit 
jum #aber geworben ift, unb umfonft üerfueßt §u einer internationalen Eonbention 
ju werben, gelangen muff. 

®in paar Scßulbegriffe muß man baßer fdßon butbenb in ben Sauf neunten. 

Dßne über ben ©egriff „®elb" lange ju ftreiten, fagen wir einfadß, bie SDtüjtje 
fei baS bom Staate aus bem ebetn SDtetatt ßergeftettte ©elb. Sitte SDtünje ent» 
fteßt, inbem ber Staat ein fefteS ©ewießt an ebelm ÜRetaH — beim ©olb baS 
©ramm, beim Sitber baS Kilogramm — jum ©runbe legt. DaS ift baS ©runb» 
gewicht. DiefeS ©rmtbgetoidßt Wirb bann in gefeßfieß borgefdßriebene X^eite ge» 
tßeilt, jeher biefer Dßeite ganj genau gewogen, unb bann gibt ber Staat feine 
öffentlidß geltenbe CfrHärung ber ®enauigfeit biefer eintßeitung für jebeS Stücf 
in bem Stempel ab, ber auf ber einen Seite ber SDtünje fteßt, unb beftimmt mit 
bem Stempel ber anbern Seite bie Stngef»örigfeit berfetben SWünje bureß biefen 
Stempel — meiftenS baS ©itbniß beS dürften — an ben einjetnen Staat, Wetter 
auSgemünjt ßat. 3 ene ©intßeilung beS ©runbgewicßts ßeißt ber SKünjfuß; fo ßat 
Deutfcßlanb feinen 9)tünjfuß für bie Sitbermünjen, inbem aus bem ©runbgewießt 
eines Kilogramms Silber 60 Stücf gemalt Werben, Welche geprägt je einen 
Skater bilben, wäßrenb bei bem ®olbe umgefeßrt bie ®inßeiten nicht Wieberum auf» 
geteilt, fonbern jufammengelegt ftnb, fobaß ber SKünjfuß ßier bureß Slbbition, bort 
bureß Xiöifion gebitbet Wirb. Die ©efammtßeit aller ©efeße, ©erorbnungen unb 
amtlicher Dßätigfeiten, bur<ß foelcße nun biefe Quantitäten WirHidß genau gemeffen 
unb geprägt werben, ßeißt baS ißrägungSWefen, unb es ift baßer wol bott» 
ftänbig Har, warum Wir mit aller 93eftimmt^eit fagen, baß baS OJtünjwefen 
jebeS SanbeS auf feinem SJtünjfuß beruht, ber bureß baS IßrägungSwefen aus bem 
ebetn SDtetatt — befanntlidß für bie Heinfte Sdßeibemünje aus Kupfer ober Stiefel 
— baS SDtetattgetb erjeugt, bon bem jeber weiß, baß unb wie es wefentlicß bom 
ißapiergelbe unterfeßieben ift. 

Unb nun müffen Wir aflerbingS ganj naeßbriieftieß barauf aufmerffam madßen, 
baß biefeS SJtünjWefen noeß feineSWegS baS SBäßrungSwefen ift. @S gibt noeß 
immer bielc unb fetbft feßr geWanbte SdßriftfteUer, welche fieß über ben entfeßei» 
benben Unterfdßieb beiber ©egriffe unb Dßatfadßen feineSWegS eine ißnen ftetS 
gegenwärtige IReeßenfcßaft ablegen. 

®S ift ganj richtig, wenn icß babei bon ber grage auSgeße, woju benn bie 
äRünjen beS SRünjWefenS eigentlich beftimmt finb. Die erfte Antwort liegt naße: 
jum 3flßten. ®ut; !ann icß benn mit frember SDtünje in meinem Sanbe jaßlen, 
felbft wenn baS SKünjWefcn beS anbern SanbeS nodß fo treffließ eingerichtet wäre? 
Stein; icß braune in Deutfcßlanb Weber einen öfterreießifeßen ©utben noeß einen 
franjöfifdßen granc in 3<Jßlung anjuneßmen, Wenn icß nidßt freiwillig Witt; Witt 
ber ©täubiger nidßt, fo fann icß mit taufenb StapoleonS ißm nidßt einen Pfennig 
jaßlen; icß fann feine StapoleonS anneßmen, aber nießt weit icß muß, fonbern 
weil eS mir paßt. DaS fteßt feft. ©ewiß. Dennocß ift eS ganj unabweisbar 


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*38 


Untere <3eit. 


notljwenbig, bajj ber SJeredjtigte gezwungen fein mu|, irgenbeine wie immer ge» 
artete ÜDtünge at# Ballung angunehmen, weit e# ja fonft oon ber ©efammtheit 
ber ©täubiger, wenn ei ihnen conOenirte, abljängen würbe, jebe 3^ un 8 unb 
bamit aucf) jeben S3erfefjr unmöglich gu machen. Da# ift einteuchtenb. SBenn 
ba^er ber Staat überhaupt bie B^tungen Witt, fo genügt ei ihm offenbar nid^t, 
einfach bto# oermöge feine# SRüngwefen# irgenbmetdje SRüngen, feien e# ©otb, 
Silber» ober Äupfermüngen, gu probuciren, fonbetn er mufj benfetben gugleich 
auch bie Säfjigfeit berleitjen, eben jene ffunction gu ooügietjen, um berentwitlen fie 
ja eigentlich entftanben finb, nämlich bie gähigfeit, mit itjnen bie Bähung gu 
teiften, bie bet ffiingetne gu teiften fchulbig ift. So wirb ei wol fein. Diefe 
Oräljigfeit aber ftamrnt at#bann liiert au# ber SRünge, fonbern au# bem SBitten 
be# Staate#. Unb ba fie nun baher ftamrnt, nennen Wir fie ein 3tedfjt; biefe# 
Stecht aber, mit einer oom Staate bafür beftimmten SRfinge eine jebe Bofjhwfl 
auch gegen ben SBitten be# SSeredfjtigten teiften gu tönnen, ift e#, welche# Wir im 
Unterfdjiebe oon bem SRüngwefen bie SBäljrung nennen. (Sin Staat fann baljer 
gar (eine SRiingen unb bodfj eine SBäljrung haben, inbem er jene# 3 a hf un 93recht 
fremben SRüngen üerlcifjt, ober er fann SRüngen prägen, bie bei iljm (eine SBätj» 
rung tjafan unb hoch 2anbe#müngen finb, wie in alten SitberWäljrungötänbern 
©otbmüngen geprägt werben, bie (ein 3af)tung#red|t befifcen. 3n biefem Sinne 
fagen wir, baff ba# SRüngwefen einen X^eit ber S3erWa(tung bitbe unb fomit ein 
JBerwattungöbegriff fei, Währcnb bie SBäljrung nur burch ben reinen SBitten be# 
Staate# iljre ©cltung empfängt unb baffer at# ein Stedfjt#begriff erfd^eint. Sludj 
ba# wirb man (aum beftreiten (önnen. SBenn nun irgenbein Staat au# irgenb» 
einem ©runbe SRüngen nur au# Einem SDietaH prägte, etwa au# Silber, Würben 
wir ba# nach bem Obigen fdjon eine SitberWätjrung nennen? ©ewifj nid^t; benn 
er lönnte ja fefjr gut neben feinen Sitbermüngen auch fremben ©otbmüngen bie 
SBätjrung geben. Ober würben wir fagen, baß, wenn er SRüngen au# beiben 
SRetatten prägt unb beibe thatfäcfjtidj im Umlauf finb, er bann fdjon eine Doppel» 
wätjrung befifce? ©benfo wenig; benn er (önnte ja fehr Woht, wie e# factifch in 
Defterreidj befteht, nur ben SRüngen an# bem einen SRetalt, g. S3. au# Silber, 
bie SBährung öerteihen unb bie anbern ftch fetbft übertaffen. Daher (önnen wir, 
wie e# fdjeint, ben gefammten SRüngumlauf in einem Sanbe in boppetter SBeife 
betrachten, inbem wir bto# oon bem SRüng» unb Umtauf#Wefen, ober bto# oon ber 
SBährung reben. Sicher; unb wir Würben bann fagen, baff ba# SRüng- unb Um» 
tauf#wefen eine# Sanbe#, ba# nur auf einem SRetalt beruht, einen SRonometatliä» 
mu# bitbet, währenb ba, wo beibe SRetatte nebeneinanber umtaufen, ba# entfteht, 
Wa# wir ben S3intetatliömn# nennen. Unb bemgemäfj würben wir wot mit gutem 
Stecht fagen, baff bie gange grage nach & em ®imetalti#mu# an fich noch 9 ar nicht# 
mit ber SBährungöfrage gu thun hot. Sonbern wir würben hier wahrfdjeiulich gu 
ber ©rfenntnifj (ommen, bafj ba, wo ber Staat mit feiner ©cfefcgebung noch gar 
(einer SRiinge bie SBährung at# 3 a fd utl 93redjt au#brücftich oertiehen hat, Raubet 
unb SSerletjr aber oermöge ber Statur ber Sache bennoef) beibe Sitten be# ebetn 
SRetalt# at# Bahtunglmittct factifch annehmen, ein fotcher Staat ben SSimetatli#» 
mu# befifct unb eigentlich gar (eine SBährung h Q t. Da aber, Wo Wie früher 


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Die IDäfyrungsfrage. 


139 


in Deutfdjtanb unb jefct in Defterreid) nur bie ©ilbermünje baS 3o^ungärec^t 
hat, aber int praltifchen ©efchäftSleben auch bie ©olbtnünje freiwillig als 3“b= 
lungsmittet angenommen wirb, ba würben wir fagen, bah auch hier jwar ber 
©imetaßiSmuS, aber baf» boc^ nur bie SBäljrung für Silber beftefje. So fc^eint 
eS wol., Unb eS folgt barauS, bafj, wenn man über ©imetaßiSmuS rebet, man 
öon ganj etwas anberm fpricdjt, als wenn man über Doppelwährung ftreitet. Das 
»ft jejjt üar. Stilein es ift babei auch fehr nothwenbig, baff eine foldje SEBortunter* 
Reibung iljre Ijödjft praftifd^e ©ebeutung ftar mache. Denn Wenn id) bom ©i= 
metaHiSmuS als bem Doppelmetaflgelb ohne ben rechtlichen ©egriff ber SBährung 
ober beS 3<t^fungSre(^teS eines ober beiber ÜJtetafle rebe, fo fage idj bamit, bah jene 
Rletaßmün^en ihre grojje gunction, bie Präger beS 3“t)tHH0$broceffeS int Seben 
ber ©ollswirtljfdjaft ju fein, nid^t bermöge eines formellen, gefe&lidj anerfannten 
Stertes ooßjiehen, fonbem baff fie biefeS ttjun bermöge ber bem ebeln SRetaß nun 
einmal innewohnenben Statur, ben Körper unb Vertreter beS felbftänbig wcrbettben 
SBertljeS ber ©üter ju bilben. Unb tf»un fie bieS, fo wirb ftch auch ber SEBerth 
jeber SRünje, bie aus bem gegen biefen SEBerth ganj gleichgültigen SRünjwefen 
beS Staates herb orgelt, Wieber nur eben burd) biefen boffSWtrttifd^aftlidhen 
lungsprocef? felbft beftimmen, ohne bah ber Staat fiel} irgenbwie barum ju lüm= 
ment brauchte? Das ift nicht gan$ flar; benn ba itgenbeine SRünje bie SEBährung 
haben muh, f° muh, wie eS fcheint, ber Staat immer allein burd) bie SEBährung 
ben 3ahfangSWerth ber SEBährungSmünje beftimmen. So fdjeint eS, unb boct» ift 
es nicht richtig; benn tljut bie ©efefcgebung biefeS bcnuoch nicht, fo wirb bie ge= 
richtliche Stnerlennnng ber 3<r^I«rrg8pflidht auf bie üon ben Parteien öertragS= 
mähig Oerabrebete EäRfinjc lauten unb immer ein foldjer 3 ahf un 9 äö ertrag bie gcfc^Iicfje 
SEBährung in jebem einzelnen Säße erfefcen. Unb in ber fEhat war cS fo in ber 
ganjen Sitten SBelt, in ©riechenlanb wie in Rom, wo wir aßerbingS ein grofj= 
artiges SRünjWefen, aber auch nicht bie leifefte Spur einer SEBährung finbett, fo 
wenig, bah fogar in ber ©tiputationsformel nie eine ÜJtünje auSgefprochen wirb, 
fonbem nur bie 3iffet irgenbeiner OertragSmähigen SDtün^e (centum dare spondes? 
Spondeo). 

©S lantt baher aßerbingS ein ©erlehr ganj wohl ohne aße SEBährung befteljen, 
unb biefer ©erlehr hat, folattge bie SEBelt ejiftirt, ftetS auf bem ©imetafliS* 
mus beruht. 3« ber Dh at finben wir baher auch bie SEBährung erft ba als 
gefehtidje Sorfchrift auftreten, wo bie Regierungen anfangen, ben SWetaflgehalt 
ihrer eigenen SKünjen ju bcrfdjtechtern. $ier enthalten bie SßährungSgefefce ftets 
nur bie ©erpflichtung, bie leistete, aber mit bemfelben Rainen oerfehene SRünje 
für bie contractlich fchwerere anjunehmen, was fich bann beim Staatspapiergelbe 
wieberholt. 3« einem eigentlichen SEBährungSgefefce fommt eS aber nicht. Da 
nun aber bennod) bie SJtünje unbebingt nothwenbig ift, fo tritt baS ein, Was bas 
SEBcfen beS ©imetaßiSmuS int Unterschiebe Oon ber Doppelwährung eigentlich auS= 
macht. Der SEBerth jeber SRüttje, alfo auch ber gegenfeitige SEBcrth ber ®olb= unb 
©übermüde, würbe bur<h ben ©erlehr felbft beftimmt, ohne gnterbention beS 
©taateS. Da nun ber SEBerth aßer ©üter bem beftimmten ©efefje ber Rational^ 
ölonomie folgt, welches wir am lürjefteti als baS ©efefj oon Stngebot unb Rach» 


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Unfere ^cit. 


MO 


frage beseidjnen, fo war eS gans natürlich, baß nicht bloS ber SBerth jebeS ein« 
Seinen Metalls, fonbern baß auch ber SBertf) ber beiben Metalle in intern Ser* 
hältniß sueinanber (rebucirt auf ©emidjfcSeintjeiten, Wie etwa ein Sfunb) fiel), burch 
bie wedjfelnben Quantitäten berfelben unb burch ben wedjfelnben Sebarf nad) ihnen 
einfach int ©elbberleht unb SahhwflSWefen beftimmte, unb baß bie VoKswirth* 
fdjaft in ber Xfjat °h ne atteö Vebürfniß nach einem SBährungSgefefce nur bie 
einzige Sorberung an ben Staat {teilte, er möge gar nichts thun, als einjig unb 
allein bafär forgen, baß feine Münsen gans genau baSjenige Reingewicht an cbelm 
Metall haben möchten, welkes gef erlich für bas Münswefen borgefdjrieben würbe. 
3)aS war ber naturgemäße 3uftanb, in welchem es nur Münsgefefce unb über* 
haupt (eine SEBährungSgefefce gab. Unb man glaube nur ja nicht, baß biefer 
3uftanb nur bei ben ©riechen unb Römern ftattgefunben habe, fonbern berfetbe 
war auch in tßeutfcßlanb geltenb bis oor weniger als sehn 3ah ten > er Warb 
oölferrechtlich feftgefteQt burch ben gebruarbertrag oon 1857 unb ebenfo burch 
bie Sateinifche Münsconoention, unb in ©nglanb, oon beffen „©olbwährung" man 
immer fpridjt, ift uns überhaupt gar (ein ©efefc über ©olbwährung, fonbern nur 
über Münsprägung unb bas Verhältniß ber Scheibemünse sur ^auptmüuse befannt. 
3« ber Xfjat, wenn es abfolut unmöglich ift, ben SSertlj eines IßfunbeS Silber 
ober ©olb je für ftch überhaupt gefefclich s« flsiten, Wie foK ich eS wir bann 
möglich beulen, baß ein ©efefc bas SBerthoerfjättniß beS ©olbeS sum Silber ber* 
nünftigerweife feftfteHen wiH, nacßbem biefeS Verhältniß fo gut Wie jebeS anbere 
allein burch bie abfoluten ©efefce ber VoKswirthfchaft bebingt Wirb? 

SlßerbingS, bas ift richtig. SlKein ba einmal, wie wir felbft gefagt, ©olb unb 
Silber in ber gansen SBelt als 3ahlungSmittel sugleid) unentbehrlich finb, ift es 
ba nicht fehr gut, wenn man gefefclich biefeS Verhältniß ihres gegenfeitigen 
3ahlungSte<hteS beftimmt? 

©ewiß wäre bieS bortrefflich, wenn es nur einen praftifchen (Srfolg bieten 
(önnte. $enn wenn ber Staat baS thut unb ich fürchte, baß ber wahre burch 
ben Verleljr nun einmal täglich aufs neue beftimmte innere SEBerttj bon ©olb fteige 
ober fin(e gegenüber bem Silber, fo werbe ich ja nicht ben ißreiS einer SBaare 
nach ©olb ober Silber, fonbern nach bemjenigen Metall berechnen unb baljer auch 
forbent, baS gegenüber bem aitbern ben größern 2Bertlj hat. ©ewiß, aber bieS 
hat ja eine beftänbige Sdjwantung unb Ungewißheit, eine beftänbige SBertlj* 
fpeculation bei jebem SSaarenpreife sur golge. SBäre eS benn ba nicht boch biel 
beffer, wenn man für bie tpauptmünse überhaupt nur ein Metall hätte, etwa ©olb, 
unb Silber nur für Sdjeibemünse? Natürlich Wäre baS beffer. DaS Sbcal beS 
MiinsWefenS ift ja ohne allen 3weifel ber Monometallismus. 3® eS ift gar 
nicht ber geringfte 3weifel auch baran, baß biefeS £)ö<hfte Sbeal fidj bann oerwitl» 
liehen Wirb, Wenn alle Rationen ber SBelt nur ©in Münsmetatl für bie $aupt* 
münsc, bie Currency, befäßen. ©S ift fogar gans überflüffig, bie Vorteile eines 
folchen 3uftanbeS erft einsein s« erwägen. Run, unb Wenn bem fo ift, hat 
bann bie Vertretung ber ©olbwährung nicht unbebingt ihre ebenfo unbesweifelte 
Vcredjtigung? 3a gans gewiß! Rur hat biefelbe atterbingS ©ine große Voraus* 
fefcung. SSeldjc benn? Diefelbe fcheint Wol fehr Har; eS ift bie VorauSfefcung, 



Die IDäfyrungsfrage. 


baß man eben biefeS 9Ketafl auch wirtlich habe. (freilich, aber was man nicht 
hat, fann man ja taufen. Stber wofür benn? 3)ocf) für ©Uber, meines man 
eben befifct. Süchtig, unb trenn nun ein S3otf ©olb für fein ©Uber taufen 
miß, unb batjer baS Angebot non ©Uber in gleichem ©rabe mit ber Lactjfrage 
nach ©olb fteigt, was wirb ba bie fJoJge fein für bie beiberfeitigen ©efijjer t>on 
©olb unb ©Uber? Ohne 3weifel toirb bet IßreiS beS Silbers in bemfelben ©rabe 
ftnlen, in meinem ber beS ©olbeS fteigt. SBenn idj atfo auf biefe SBeife an bem 
?lnfaufe beS ©olbeS ebenfo oiel oerbiene als an bem Sßerfauf meines ©ilberS, 
WaS muß i<h bann als Serftänbiger mir in meiner oolfStoirtljfdjaftlidjen SSuffaffung 
für eine öafiS nehmen? Offenbar muß ich als üerftänbiger SJtann mich fragen, 
ob bann ber SSertuft an Silber ebenfo biel Werth ift als ber SEBerth beS bafür 
getauften ©olbeS. 3a gewiß; aber baS tann ja lein Steifet fein, baß, toenn idj 
1 ißfb. ©olb für 18 ißfb. ©Uber wirtlich auf bem ÜRarft taufe, ber SEBertl) beS 
©elauften ja eben gleich ift bem beS Sertauften, unb ich baßer nießt ärmer Wer- 
ben tann, toenn ich auch wer weiß wie riete SDtißionen an ©ilberpfunben babei 
fetjeinbar einbüße, ©anj richtig. ®ie Sache Wäre bamit ju ©nbe, wenn eS nun» 
metjr, nach einer fotzen Operation, nur ©olb aßein im Umlauf gäbe. SEBie nun 
aber, wenn trojj ber principießen $erfteflung beS ©otbumlaufeS bann noch ber 
©Uberumlauf jtdj bauernb erhält? ©efejjt, ich hatte oor ber Einführung ber ©olb* 
wäßrung in ber einen EJafche 1 ißfb. ©olb unb in ber anbent löy a Sfb. ©über; 
nun taufte idj mit ber #älftc biefeS ©ilberS ein halbes ißfunb ©olb hinju, unb ber 
SBertlj beS ©olbeS fteige babei um 3 ißroc., was wäre gefdjeljen für ben SBerth* 
befifc, ben idf jefct an beiben äJtetaßen in meinem Sefijje, 1 */ 2 ißfb. ©olb unb 
7*/ 4 $fb. Silber, behalte? Unzweifelhaft, ba i<h nun einmal nicht aßeS ©über 
gegen ©olb hergeben tann, fo werbe ich §war an bem getauften ©olbe nichts üer* 
lieren, aber an bem Silber, welches ich habe behalten müffen, berliere ich einfach 
ben ganzen SBerth ber 2)ifferenj $wif<hen ben jwei greifen, bem greife oor bem 
Anlauf beS ©olbeS unb bem greife nach bem Slntaufc beffelben. 

2)aS ift matljematifdj eine unbeftreitbare Rechnung. Unb jejjt wenben wir eben 
biefe Rechnung junädjft auf jWei SBölfer an, oon benen baS eine ©olb beftjjt, baS 
jtoeite ©Uber, unb Wo jeßt biefeS zweite für fein ©über ©olb taufen wiß, tun bie 
©olbwährung ftatt ber ©Überwährung einjufüljren. Es ift ooßtommen tlar, baß, 
wenn baS lefetere ©olb genug befifct, um feinen ßahlungSproceß burch feinen ©olb* 
befi| ohne Sfauf oon ©olb auf ftembem SDtartt aufrecht ju halten > bie ganje 
(frage eine reine Sache ber ßweefmäßigteit ift. |>at baffelbe aber nicht ©olb 
genug, um nach Einführung ber ©otbmährung auch wirtlich in ©olb feine Ser* 
teßrSjahlungen ju leiften, fo wirb es ©olb taufen müffen, unb biefe Sache mürbe bo<h 
eine (frage beS SerhältniffeS awifdjen ben Slnfaufsfoften beS nothwenbigen ©olbeS 
plus ber Entwertung beS behaltenen Silbers gegenüber bem ooltswirthfchaftlidjen 
SBertpe ber Einführung ber ©olbwährung ftatt ber ©Überwährung? Lun gewiß, 
unb gewiß haben bie ffiertreter ber ©olbwährung biefe Ledfjnung nicht bloS in 
abftracten Lebensarten, fonbern in ßiffern menigftcnS aufaufteßen oerfucht, ba es fich 
bot om SRißionen hanbelt? Lein, baS hat niemanb oerfucht; benn ich tann genau 
berechnen, baß baS ©ilberoolf 100 SDtiß. an ber Entwertung feines Silber* 


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Unferc <3eit. 




beftanbe« berliert, aber idj habe feine Siffet fäc ben ©ewinn, ber mir barau« 
erwädjft. 3<h muß mir ja bodj al« bernünftiger 3J?ann fagen, baß barum, weif 
ba« Soff A für ftdj jur ©ofbwährung übergebt, feine ©olbmünjen be«halb 
nodj feine JBährung in bem ©ofbfanbe B haben, fonbtm fjier nad) wie ttor al« 
SBaare be^anbeft werben. E« ift baljer matfjematifcfj ffor, baß bie Einführung 
ber ©otbwäfjrung oljne einen Sertrag mit bem ©otbfanbe im internationalen Ser= 
fefjr ganj werthlo« ift. 9iic£(t werthlo« aber Wäre bie Huffäfung ber iß^rafe Don 
bem SBertfje ber ©ofbwährung in gan$ beftimmte 3'ffern. SRiemanb hat biefe 
Sfufföfung borgenommen. 

SBenn bem aber fo ift, fo muß idj benn boch fragen, wer benn eigentlich bie 
Einführung einer ©otbwäfjrung gegen ihre Ungeheuern @efteljung«foften überhaupt 
wünfdjen fann, ba ihre Sortheife nicht nadjgewiefen werben fönnen? 9?un, mir 
fiheint biefe ftrage, bie aßerbing«, wie ich ßcfte^e, bon ber größten Sebeutung ift, 
hoch jiemfich leicht lösbar ju fein. SSenn ich ben faft au«fchtießtidjen ©ofbumfauf 
einführen Witf unb bafjer ©ofb für mein ©über faufen muff, fobaß ber ißtei« be« 
©ofbe« gegen ©itber fteigt; Wer Wirb bann ganj naturgemäß Wünfdjen, baß jene 
Einführung ber ©ofbwährung auch wirffich gefdjelje? 3)a« ift bodj Wof fein 
3weifef: e« wirb berjenige fein, ber ba« ©ofb fefber befifct. ©ut, unb wenn ber= 
fefbe ba« ©über, ba« er unter fofchen Umftänben bon mir fefjr billig faufen fann, 
wieber anber«mo, etwa in 3nbien, für ben frühem SBerth au«jugeben bermag: 
Welche Sfnfidjt Wirb er bann in ber ganjen SEBeft mit aß bem Eifer, ben ber 
Erwerb unb ©ewinn, unb mit aß bem £odjmutlj, ben ber Sefifc bon ©ofb geben 
fann, bertreten? ©anj nnjWeifefljaft bie Sfuffaffung, baß biefe ©ofbwährung bie 
Sorau«fefcung ber Sfüte, menigften« be« internationafen £>anbef« unb ein ent* 
fcheibenber Sewei« ber bofföwirthfdjaftfichen ©efittung fei. ©ibt e« nun im euro* 
päifdjen Serfeljr ein Soff, Welche« bem anbern gegenüber bief ©ofb unb wenig 
©über befifct, Währenb e« jugfeich ba« ©über, welche« e« für fein ©ofb fauft, 
anberSWo ju hohen Steifen berWerthet? ©ewiß, Engfanb hot ba« ©ofb, bejafßt 
aber feine Sejüge au« Snbien mit ©über, unb jWar inbem e« bie Obligos be« 
inbifdjen Serfehr« auf bie SRupie rebucirt, bie e« ju 1 9 / 10 per ©hißing ©ofb 
rechnet, ba« nach Snbien ju fiefembe aber nach ©hißing unb S°unb« in ©ofb 
anfefjt, unb bafjer bei jeber SRupie in biefem Serfehr einen Ijübfchen ©ewinn macht. 
SBenn nun Engfanb bief ©ifber baar befomint: wirb e« af«bann nicht ba« ©über 
nach Snbien fchicfen unb bamit in Sombat) unb Saffutta jahfen, ftatt in ©ofb, 
natürlich in bemjenigen SBertfjberljältniß, in Welchem ©ifber gegen ©ofb auf bem 
frühem (fonboner) SKarft ftehen? ©ewiß, unb bie praftifdje Sfnwenbung liegt 
rc<hnung«mäßig nahe. 2Kan nennt bie« Serhäftniß bon ©ofb jum ©ifber be« 
fanntfich ben Standard of silver, unb biefer Standard War jur $eit, bebor bie 
Nachfrage nach ©ofb bermöge ber beutfchen ©ofbwährung nach Sonbon fam, circa 
60—61 ©h- ©ofb per 1 Dunce feine« ©über. 3efet fam mißionenhaft ber beutfdje 
Shofer nach Sonbon. 2Ba« War bie 3o(ge? S)er ißtet« be« ©über« gegen ©ofb 
ging fo jurücf, baß ich bie Unje reinen Silber« eine 3eit fang mit 47—48 ©h. 
©ofb in Sonbon faufen fonnte. Unb ba natürlich f»<h bie auf ßtupien lautenben 
Obligos ber Engfänber in Snbien be«halb nicht änberten, fo gewannen fie bei ber 



Die IDäpungsfragc. 


H3 

3af)lung biefer Obligos bie ganje S)ifferettj beS Standard, ma$ eine hübfche Steife 
öon SDliütonen auSmachte. 8118 nun Deutfchlanb für fein erfte-S abfoluteS ©olb* 
bebürfniß feinen ungeheuem IßreiS gejault hatte, erfdjral eS um fo niep über 
bie ©eftehungStoften fdjon beS SeginnS feiner ©olbmäpung unb hielt inne mit 
bem Sertauf feines Silbers auf bem lonboner ißla^. $ie golge mar natürlich 
fofort eine ©tpljung beS Standard of silver auf 51 — 54 <31). ©olb per Dunee; 
unb jep tonnte $eutfd)tanb mit feinem neuen ©olbe, baS es §u 47—48 Slj. gegen 
fein altes Silber in 3ahlung geben mottte, felbft nicht mehr ©otbobligoS an Sonbon 
per 47 — 48 @1). Silber tilgen, fonbern muffte ©olb geben, baS iljm mep an 
Silber gefoftet, als eS mertf) mar, mäpenb es baS Silber, meines es nodj bt- 
hielt, um circa 10 fßtoc. birect im SBeltpnbel entmertpt hatte. ffis ift ferner, 
eine unglücflicpre Berechnung ju machen. Unb mer mar fropr als ©nglanb? Unb 
als nun bie $eutf<pn merften, baß fie, um mit grantlin $u reben, „ipe pfeife 
ju tpuer getauft ptten" unb beSplb an eine internationale SßäpungSorbnung 
für baS 93erl)ältniß jmifcfjen ©olb unb Silber bauten, maS traten bie ©nglänber? 
Sie brepen ben 2>eutfcpn in aller 9tup ben SRüden, mit lauter Sermunberung 
barüber, baff man ipen jumutpn fönne, ipe ©olbmäpung gegen eine $)oppel= 
mäpung aufpgeben, bei ber fie mit berfelben ©efcpcflidjteit an ipem ©olb 
ebenfo toiel oerloren pben mürben, als $eutfdjlanb jep nodj an feinem Silber 
oerliert. SSJie boch mar eS nur möglich baß Schriftftetler, bie freilich oon ©olb 
unb Silber nichts miffen als bie SBieberplungen ber alten ©onjecturen über ipe 
Cuantitätsoerpltniffe, unb bie nicp einmal baS micpige Sßert bon ©b. Sueß: 
„$ie 3u(unft beS ©olbeS", in ben Sereid) iper eigentlich fep einfachen ©eobadj* 
tungen ju jiepn berftanben, fid) gegenüber biefen fo einfachen Sptfachen gevabep 
blinb berhielten? SBir aber geben eS jep unfern Sefern pr ©rmägung, ob bie 
©olbmäpung nicht auf biefe SBeife ein förmliches, auf bem SBäljrungSgefep 
beruhenbeS Spftem ber regelmäßigen 8luSbeutung beS halben SilberlanbeS burch 
baS ganje ©olblanb ift. 

3a, ßänber; menn eS nur noch bie ßänber mären, um bie eS fi<h hier hanbelt! 
Slber gehen mir einen Schritt toeiter, mitten in baS innere ßeben ber eigenen 
Sottsmirthfdjaft hinein. SBenn baS ©efefc fagt, baß bie ^auptmünje ©olb ift, 
fo muß jeber, ber ben Setrag einer folcpn ©olbmünjc p pljlen h nt < fidj ent* 
meber eine foldhe ©olbmünje audj im ßanbe für fein Silber taufen, ober er muß 
bie ®ifferenj amifdjcn Silber unb ©olb in Silber barauflegen. 9iun ift für allen 
täglichen Äleinöertep $eutfd)lanb ein Silbcrlanb; burch bie ©otbmäljrung mirb 
eS bagegen im innern ©roßüerfep ein ©olblanb. 3<h tonn bie lagcSarbeit gar 
nicht in ©olb pljlen; bie 8lrbeit als folche tann gar leinen anbem ©elbumlauf 
als ben Silberumlauf haben, ba tpilS baS ©olb nicht ausreicht, tpilS auch bie 
8lrbeiterlöl)ne Diel p tlein finb, um einer ®olb^at)fuiig fähig p fein. Stun tauft 
berfelbe 8trbeiter, ber in fchlechterer filberner Scpibemttnp bepljlt mirb, boch bei 
bem fteinen Kaufmann, ber aber aud) bie (leinen fiagcrbeftänbe in ©olb öer= 
rechnen unb oom ©roßljänbler in ©olb phlen muß. 2Bic ptjlt nun biefer Krämer? 
6r fammett bie Seträge ber tleinften ©intäufc in Silbermünje unb muß bann 
gegen biefe Silbermünp fidj ©olb taufen, um feinerfeitS phlen P tönnen. Uta* 




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^ llnfcrc ^eit. 


tiirlid) mujj er bafjer fo Biet mehr an Sitbermünje einnehmen, als bie Differenz 
jtoifdien bem ®o(b= unb Sitberpreife int ©rogen auSmacht, unb ber ©rofjhänbter, 
ber für ©olb fauft unb Berfauft, befommt bann für feine SEBaare ben ©otbpreiS, 
ber bent Steintiänbter in Silber gejault ift. ®a nun ber legiere benn bodj biefe 
iBifferenj jwifchen bem Sitberpreife, ber in feine Reine Stoffe eingeht, unb bem 
©otbpreife feines Anfaufs nicht fetber tragen !ann, fo ift er gerabeju gezwungen, 
ben betrag biefer Differenj auf ben ßinjetpreiS baraufjufdjlagen unb ben ArbeitS- 
foE»n ju jWingen, um fo Biel mefjr für ben Reinen ßonfum ju jagten, ats er 
brauet, um für Shilling ein ißfunb Sterling ju taufen. 3n ©ngtanb muff bafjer 
ber ffiinjetBerfäufer an SilberfhiflingS etwa 21 1 / a St)- einnehmen, um 20 Sf>. in 
©olb — 1 ißfb. St. — an ben ©rofjhänbter jagten ju tönnen. 3tun fauft ftd^ 
biefer ©rofjhänbter für biefe 20 Sf). ©olb, bie aus ben lafdjen beS SteinconfumS 
fließen, 21 */a @h- Silber, birect ober inbirect, unb jafjtt fegt ben Arbeiter mit 
biefem Silber auf ber ©runbtage, bafj ber Sitberfhifling, ben er jaljtt, ber jwanjigfte 
Xljeit beffelben iJJfunb Sterling ift, ben er im Verlauf nur ats 21V, gelten lägt. 
2BaS ift bie ffotge? $afj burdj biefeS Serljättnifj ber Arbeitslohn bei gleicher 
nomineller $ölje bem Sßertfje nadf ttm bie 2)ifferenj beS gefuntenen SilberwertljeS 
niebriger toerben muff. $er Arbeiter aber empfinbet fefyr wohl, bafj ber ißreiS 
beffen, Was er tauft, fteigt, weift fid) aber nic^t ju fagen, bafj biefer ißreiS burtf)= 
auS nicht ein Steigen beS SBertheS feinet Reinen ©infäufc, fonbern ein Sinfen 
bes SBerttieS feiner Sinnahme ift. Weit baS Silber, in Welkem er auSgejaljtt be= 
fommt, fetbft gefunfen ift. SBer gewinnt babei? ®ie Sache bebarf feiner SrRärung. 
®S ift taum ju beftreiten, bafj, Wo in bem grofjen 3<>hfangSprocefj, ber fich täglich 
unb ftiinblich im 3«Bern beS BolfSwirthfcfiaftlicben Bebens Boüjie^t, bie £>aupt* 
mitnje auS einem anbern SDtetaß befielt als ber Arbeitslohn, baS ©otb bie 
SBährung beS SapitatS, baS Silber bieSBährung ber Arbeit werben 
muff unb jum grofjen X^eil geworben ift. 

Unb warum fagt unb Ragt baS bie Arbeit nicht? SBeit fte es nicht Weif} unb 
nicht oerfteht. 

SBenn wir es uns aber fagen unb Ragen tönnen, fott uns baS nicht jum ernften 
Stadjbenten Antag geben? 


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( &t)xonik btt (Scgntamri 

JEütrrarifdje Henne. 

@S ift cparafterifttfcp für unfere mobeme literarifcpe Sßrobuction, baff fiep nicpt 
Wenig $icpter unb Scpriftftetler, bie fiep als Sprifer unb ®ramatifer peroorgetpan, 
in lepter Seit bem SRont an pgetoenbet paben. ®er ©runb biefer gapnenflucpt ift 
mol in ber Ungunft p fucpen, mit Welker baS Sefepublifum bie Sprit unb bie 
Xpeaterbirectionen bie bramatifrfje SSicptung beS pöpent Stils bepanbetn. 2)ie 
unftcpere SluSficpt auf bie Unfterblicpfeit fann benjenigen Dichtern, bie nicpt p 
ben Sßlateniben gehören, aucp geringen Xroft gewähren unb bas unabweisbare Se= 
bürfnifj ber Scpaffenben, fiep einem Sßublifum gegenüber p Wiffen, baS fiep um 
bargebotene bicpterifdpe ©aben fümmert unb für biefetben bantbar ift, treibt bie 
oielfeitigern latente an, fiep bem SRoman ppwenben, ber faft immer feine japl» 
reichen Sefer finbet. So bat fiep fepon ©upfow in ben beiben testen' Saprjepnten 
feines SebenS unb SBirfenS oon ber ©üpne priiefgepgen, ebenfo ©mit ©racpoogel: 
beibeS ©ramatifer, bie mit ipren Stücten fe£>r erfolgreich Waren; auch Sttfreb ÜReifjner 
bat nach einigen Anläufen, bie ibnt bas wiener ©urgtpeater eroberten, ber brama» 
tifeben Sßrobuction gänjlicp ben SRücfen getebrt. „Alles brauchen fie beim ©peater, 
nur feine Siebter", fagt fdbon Saube in ben „fiSarlSfcpülem"; unb bieS gilt nicht 
btoS Oon (eitenben Stellungen bei ben ©üpnen, fonbent auch oon bem bramatifchen 
SBirfen fetbft. $ie SRoturierS fcplagen unb oerbrängen bie SJJoeten: unter biefer 
ungünftigen Gonftetlation ftebt gegenwärtig baS beutfebe Theater. 

Ohne grage gewinnt ber SRoman babttrep; wobt aber fragt eS ficb, ob bie Sßoeten 
nicht Oerlieren, wenn fie ficb auSfcpliefjliep io einer bequemem unb minber formen» 
ftrengen Sunftform bewegen, in welcher auch ©igenfepaften, bie man nur als 
Surrogate beS biebterifeben ©alentS betrachten tann, pr ©eltung fommen. 

#anS ^opfen ift ein tatentooüer Sprifer, fein „©infei SIRing’S" eine aller» 
liebfte poetifepe ©Ifenbeinfcpniperei mit fatirifeben Spijjcpcn; auch auf bem ©ebiete 
beS ©ramaS bot er ficb oerfuebt; merfwürbigerweife bot er bisher wabrfcbeinlicb 
Wegen ber Ungunft ber Seit noch feine Sammlung oon ©ebiebten oeröffentlicpt. 
Aucp b ft t er fiep in ben tepten gapren faft auSfcpliejjlicp bem SRoman pgewenbet. 
Sein neuefteS SBerf: „äJtein Outet ©on Suan. ©ine ©efepiepte auS bem Oorigen 
Saprpunbert" (2 S8be., ©erlin, g. Scpneiber u. Gomp.), trägt alle Söge feines 
originellen ©alentS. Seine ©eftatten finb feef pingeworfen, feine ©rfinbungen oft 
baroef; aber es ift ein eigenartiger Spumor, ber feine ©efepiepten befeelt. Aucp in 
bem oorliegenben SRoman ift bie Stoffmapl ganj abfonberlicp; er fpielt in ber gröperu 
jweiten Jpälfte auf einer weftinbifepen Snfel, wo ein liberal gefinnter ©ouoemeur 
gegen eine fanatifepe ©egenpartei p fämpfen pat, melcpe piept ben Sieg baoon* 
trägt. Obfdjon baS Scpiff mit ber ©laubenSmiffion fepeitert, bie mit SDlarterpfäplen 
für ben Scheiterhaufen reichlich auSgerüftet ift, fo wirb boep bie täniglicpe Drbre, 
bie feine Abberufung oerlangt, in einer glafcpe aufgefunben. ©er §elb beS StücfS 
ift ein fpanifeper Offijier, ber in mancherlei Siebesabenteuer oerftrieft ift, was bem 

Un|tre Seit. 1881. II. 10 


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ttnfere <3eit. 


H6 


Slutor Gelegenheit gibt, eine Galerie toeiblit^er Gharaftere mit üerfdjiebenen Schatti* 
rungen ju jeichnen. Die feibenf^afttic^e DoloreS, bie fchmärmerifdje fRonne Urrifa, 
ihre muntere fötoftergenoffin Sibiana, bie Janfte ©ebrilla, baneben bie Geliebte 
beS GouoerneurS, bie er julefct ^eirat^et, bie fc^öne 3nbianerin Sltmafabretta, 
bilben bie ^auptdjarafterföpfe biefer Galerie, Sie treten nicht alle mit gleicher 
Schärfe heröor, namentlich bie lefctere gemahnt mehr Wie ein ejotifeljeS Gulturbilb. 
Die ©^ilberungen finb lebenbig: eine grofje Vorliebe für baS Drollige, für brollige 
ffäuje, brollige Scenen ift unoerlennbar. @8 finbet fich manche originelle Grfin* 
bung: mir erinnern an bie Schicffale ber alten §äuptlingSmumie bei bem 3«bianer* 
getage, an bie Reliquien beS gefcheiterten Schiffe ben Gfel unb ben ÜRarterpfahl 
unb bie fich baran fnüpfenbe ©olfSfomöbie. Slnbere Schilberungen, mie bie eines 
OrfanS, finb Bon bichterifdjer Sfraft. Das Ganze erfdjeint inbefj als ein fi'näuel 
Don ©hantafiebilbern, baS jmar nicht burcheinanbergemirrt, fonbern fauber zufammen* 
geroßt ift, bem aber hoch ein geiftiger Sern fehlt. 

©ertt)otb Slnerbach’S nencfte ©rjählung „©rigitta" (Stuttgart, Gotta) ift eine 
in Bieter $infidjt auheimetnbe Dorfgefchidjm, in melche aber manches grembartige, 
mie bie SdEiilberung einer Slugenflinil, mituermebt ift Die £>elbin ©rigitta, bie 
Dodjter eines SanbrathS, ber burdj bie ßRachinationen eines fRittmeifterS um fein ©er* 
mögen gefommen ift, erzählt biefe Gerichte felbft, unb mie meiftcnS bei Sluerbad), 
gehen bie ^Reflexionen biefer Dorfmagb über ben GefichtSlreiS rufticaler ©itbung 
hinaus. Das ©enehmen ber §elbin gegen ben fRittmeifter, ber graufame £>afj, mit 
bem fie ihm bie ©inbc abreifjt, um ihn ju blenben, unb ihre fpätere bereuenbe 
liebeüoße ©flege bilben ben ^ölfepunlt ber Grphlung. Der Stil hat oft etmaS 
SRanierirteS, maS bem marligen Grunbton Gintrag thut. 

3« feiner neueften 9ioBeHenfammlung: „grau non g. unb fRöntifche fRoBeßcn" 
(©erlin, SB. f>erfc), zeigt fich ©aul &epfe nicht Bon einer neuen Seite: cS finb bie* 
felben grajiöfen Klaubereien, meift aus bem Sfünftlerteben, biefelben feinlomifchen 
unb fchallljaften Kefleje, mie mir fie bei bem Dichter gemohnt finb. Das italie* 
nifche Golorit ift mit Dreue gemährt: „grau non g." ift ein pftjchologifch feines 
Gharafterbilb einer ältern Dame, offenbar nach bem Seben gezeichnet; i|re SebenS* 
geeichte hat eine intcreffante SBenbung, bie mie ein Äapitel ber „SBahlBermanbt* 
fchaften" gemahnt. Ginen ähnlichen Sieg, mie ihn biefe gran burdf) ebeln ©erzieht 
über ihre Seibcnfdjaft banongetrageit, erringt auch ber £ielb ber lebten Gr^ählung: 
„Die |>ejre", über feine Siebe 311 einer Slbenteucrin Gcmna. „Die talcntOotle ÜDiutter" 
ift eine fein humoriftifclje Grzät)fung; etmaS berber ift bie Satire auf ben Spin* 
tiSmuS in ber SRooeHc „Die 9tomuluSenfel". 3m ganzen fpiefen ©infei unb 
©alette eine etmaS zu grofje 9tottc in ber ganzen .£>et)fe’f<hen SRoBeHiftif. 

Heinrich Saube’S fRoman „Die ©öhmiuger" (3 ©be., 1880) gibt mit 
loderet Slnfnüpfung an ben äRpftifer ©öhnte unb feine Stiftung ein ©ilb ber 
potitifchen Buftänbe DeutfchlanbS bom 3ah« 1830, ber Demagogen unb Demagogen* 
riecher, baS mit einzelnen Iräftigen Bügen entmorfen ift. Das halb Bollenbete unb 
halb Bergeffene äRanufcript biefeS IRomanö fanb ber greife Slutor unter ben ©apieren 
feiner nerftorbenen grau unb Bollenbete baffelbe mit gemoljntcr fRüftigleit. 3« 
baS potitifche Seben beS fReBolutioitSjahreS, melcheS Saubc zum Dficil anS eigener 
Stnfdjauung gefcfjilbert hat, ^cic^nete er einen SiebeSroman ztoifchen bem Söhminger 
Saut unb feiner Deboratj ein, melier in ber lebenbig gefchilbcrten Gerichts* 
feene gipfelt. 

Die neue fRobette Saubc’S: „Souifon" (©raunfehmeig, SBeftermann), ift eine 
Dheatergcfdjichte ohne ©ebeutung, obfehon fie einige lebenbige Schilberungen beS 
parifer SebenS enthält unb ber bramaturgifche Slltmeifter barin feine theatralifche 
©äbagogif nicht Berleugnet. 

Die einbänbige |>ofgefchichte „Golbene ffietten", Bon ÜRaj SRing (4 ©be., ©reStau 
unb Seipzig, S. Sdfottlänber), fpiett an einem Keinen beutfdjeu ftofe, am Slnfang ber 


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Citerarifcfje &et»ue. 


W 


fedj}iger 3aljre. S)er ältere giirft ^eiratfiet ein bürgerliches SDtäbchen, bie Holter 
eine« 3ufti}ratl)S SEBeber, in morganatifcher ©he, }um großen Slerger beS #ofeS, 
ber hüpften Seamten unb befonberS feiner frühem greunbin, ber ©räfin SRaufdjach. 
Son biefen ©egnem mit gef|äjfigen Serleumbungen berfolgt, im ^erjen eine ftiüe 
Neigung für einen jungen £>ofbeamten, ben ^errn bon Sinben, lebt Slara neben 
bem $er}og, beffen ©iferfudjt bon ber feinblichen tßartei fünfttich aufgeftadjelt 
toirb, feineStoegS im ©d;ofe beS ©liicfS; erft ber Xob beS $er}ogS töft bie gol» 
benen geffeln, in bie fie jum aus ©^rgeig unb greube an äufjerm ©tan} 
fich begeben hot/ unb fte tjeirot^et nun ben ©eliebtcn, ber borher in einem $uell 
um ihretmiUen lebensgefährlich bermunbet morben mar. 3n bie £mnbtung fielen 
pofitifche Sermicfelungen aus ber 3eit beS fchleSmig4)olfteinifchen unb beS beutfdj* 
öfterreidjifchen ÄriegeS mit herein: baS honnoberifcfie ^önigSpaar tritt fetbft in 
8ction, um ben Keinen £of für Defterreich }u geminnen. ®ieS Streiflicht ber 
„8ctualität", baS in bie Serhältniffe frei erfunbener Dichtung fällt, hat baS 2JliS= 
liehe, baff ber Sefer unmiHfürlich barauf hingemiefen mirb, auch auf ben Keinen 
bentfehen £>of }u rathen. Ohne biefe politifchen Se}iehungen mürbe man ihn ruhig 
in ber Dämmerung beS 9tomanS gelaffen unb ben Serfudj nicht gemacht hoben, 
ben IRomanmhthuS rationaliftifch auf}ulöfen. SOlaj 9ting er}ählt fliejjenb, aber 
bismeilen flüchtig, fobah fich manches Iribiate in feinen Schilderungen unb 9te= 
flefionen mit einfchleicht. daneben finbet fich manche ati}iehenbe hfhd)ologifchc 
©ntmicfelung; namentlich intereffirt ber ©Ijarafter beS $cr}ogS. 

2Wit großer Schäbigleit, bie $änbe in ben $ofentaf<hen, fcfjtenbert ber $umor 
bon 8. bon 938 interfelb, ber in feinem Vornan unter hier Sänben Slafc finbet 
für feine e^panfiben ©elüfte, einher in bem neueften Stoman ,,©)aS ©pufehauS" 
(4 Sbe., 3ena, ©oftenoble). ©emig berlangt ber .fhimor bie Meinmalerci, aber 
SBinterfelb geht hierin boch }u meit, inbem er oft über baS ©teidjgültigfte, bie 
Umgebungen eines Keinen ©täbtchenS unb anbereS, maS gar nicht in bie £>anblung 
unb Stimmung eingreift, fich * n breitergoffenen ©djilberungen ergeht, ©benfo 
liegt eS im SBefen beS fomifdjen SRomanS xar ^loxijv, bah er, abgefehen bon 
foldjer humoriftifdjer ©efdjmä&igfeit, bie fich aiI d) in ben Romanen bon ©JicfenS 
finbet, Sorliebc für 3eicf)iutngen hot, bie an ber ©ren}e ber ©borge unb ©arU 
catur fteljen, mol ben ©riffel bon ©ruiffhanf herauSforbern, aber bie ©haraftere 
beS realen SebenS boch nicht gan} beefen: bie 3ipfcl eines übergreifenben £>umorS 
hängen gleichfom barüber hinaus. Uralt ift in 3)eutfchlanb ber £>umor ber S?lein= 
ftäbterei: 8. bon SBinterfelb hot bem 8lbum beffelben in biefem neuen Stoman 
ein neues Statt gemibmet. ©in ©ongtomerat bon ©chmänfen unb ©chnurren ift 
bieS „©pufehauS". ©in ©rfinber unb SBunberthäter macht mit ben fi'leinftäbtem 
feine ©fperimente: bie officieüen Unterfuchungen beS ©pnfehaufeS, bie 8bcntcuer, 
melche bie SRathSherren babei erleben, bie Sermechfelungen, bie baranS Ijerborgehen, 
namentlich bie 9Äuthmaf?ungen ber ©rmorbung beS SiirgermeifterS burdj ben riba= 
liftrenben SfathSherrn Schauer unb vice versa feitenS ber beiben rcfpectiben ©he- 
frauen: baS ift alles nicht ohne vis comica, boch meiftenS fo auf bie ©pijje geftellt, 
ba§ man fich ernftlich fragt, ob eS im mirKichcn Seben fo }ugehen fönne? ®er 
gan}e SRoman ift mehr eine ßarnebalSorgie als ein realiftifcheS ßebenSbilb. EDie 
Dialoge, menn auch bie ein}elnen SReben oft für} nnb }erhacft finb, berfdfjlcppen 
fich im gon}en bnreh all}u trioiale Sreite. 8n broüigen ©rfinbungen unb broQigen 
©infällen fehlt cS in bem Stoman nicht; auch finb einige humoriftifche ©jeurfe als 
geiftreich }u be}eichnen. 3m gan}en geht ber Schott beS bierbänbigen SRomanS 
nicht über bie 8nefbote hinowS: auf bie £älfte conbenfirt mürbe er meljr mirfen, 
ohne bah baS humoriftifche Sehagen eine ©törung erlitte. 

©ine unfercr talentboHften SJJobelliftinnen ift 6. Seih; and) ifjrlRoman „Sie 
ffinber ber grau bon Slanb" (2 Xtye., $er}berg unb Seidig, ©. g. ©imon) trägt 
bieS nobeHiftifche ©epräge. Xer ©chilberung fehlt bie epifchc 8uSbreitung, bie 

10* 


t. 


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Unfere |$eit. 


^8 


Sebaglitfeit ber Sftomanbicfjtung, weite aut bie ©ulturelemente ber ©egenwart 
in i^re ftreife jieljt; et ift allet fnapp, bramatift, Pt raft z u tragiften ftata* 
ftropben fteigernb, bon einer oft nerböt bibritenben fiebenbigfeit, wie pe biefer 
Dichterin eigen ift. SWidjt alles ift genugfant motibirt; biet gilt bon ber £>eiratb 
ber geiftreiten Senate mit bem ungeliebten SRanne, ja felbp bon bem eigentf)üm= 
lieben ©erbältnip ber Sßutter ju ben eigenen e^eli<±»en Stabern, wäbrenb pe ben 
auperebelicfjen Aboptibfobn, granz ©robbet, beborjugt. grau bon ©lanb bat frei« 
lieb Ungtäct mit ihren Stabern: ber ©obn fällt im Suefl wegen einet Siebe«« 
abenteuert; bie Sotter Senate läpt fit bon bem ©atten fteiben, bem pe nur 
bor ber SBelt angebörte, unb folgt ihrem ©eliebten, Hubert Stougemont, unb granz 
©robbet, ber im Sriege ©erwunbete unb ©eläbmte, ftirbt bor grenbe über ben 
Sriumpb, ben er bei ber Aufführung feinet Stücft erlebt: eine Suget, bie er noch 
im Sopfe bat, fentt fit. Sat ßb“rafterbilb biefet fanften gelben unb Sittert 
bat einen wehmuthtboHen SReij; et fpriebt für bat latent ber Serfafferin. 

©in anberer Vornan bon ®. ©elp: „ffierftneit, Ser webt" ($erjberg, E. 3. 
Simon), gebärt ebenfallt mehr bem ©ebiete bramatift«lebenbiger Stobelliftif an 
alt bemjenigen ber ftreng epiften Slomanbittung. Auch Iper ift bie Sataftropbe 
tragift unb bie $anblung eilt ihr entgegen mit einer Stnedigfeit, welche bureb 
feinertei epifebe Hemmungen aufgebalten wirb. Sie junge ©räpn ©eroipein, 
Stapoleone, eine betannte geiftreidje SRaterin, unb ber gabrifbepfcer Sirffen, beibe 
bermäblt, fühlen pcb bureb unbezroinglite Sympathie ber Seelen angezogen. 
Stapoleone will bei einem Aufftanbe ber gabrifarbeiter Sirffen beftüfcen unb 
finft jufammen, getroffen non einem töblidjen Streich, ber bem ©eliebten galt; 
Sirffen fällt im Suell mit bem ©rafen. Sie Wacbfenbe Steigung im #erjen ber 
beiben fiiebenben ift mit pfpdjologifcber geinbeit gefcfjilbert; über einzelnen Situa* 
tionen febwebt ein poetifdjer £>aut; ftimmungtooll ift bie Stlupwenbung, bie an 
Stbeffel't ©ebiebt „Igrregang" anfnüpft. 

Sie Serfafferin bet bielbefprotenen Stomant „Sie lebte SRecfenburgerin", 
fiuife bon grangoit, bat jtoei Erzählungen beröffentlitt: „ißbaäpborut £ol« 
lunber" unb „3u güpen bet äRonarten" (Stuttgart, 2B. Spemann). Sat Such 
gebärt ber neuerfebeinenben „Sollection Spemann" an, welche ältere unb neuere 
(Strahlungen ju febr wohlfeilen greifen in eleganter Autftattung bietet. Sofepb 
Sürfd)ner fagt in ber Einleitung, mit welcher biefet ©änbten Wie alte anbern 
Sammlungen autgeftattet ift: „2Benn man nur bon Siebtem ju fagen im Stanbe 
ift, bap man ficb in ihre Arbeiten berfenfen fönne, boH bon menfcblicbem Sebagen 
unb jugleicb mit jenem feinen lünftlerifcben ©eniepen, bat wol eine geiftige ©our« 
manbife genannt werben bürfte, fo ift et bie granjoit, bei ber eine bollenbete 
Grjäbiungtfunft mit einer oft gerabeju frappirenben Unmittelbarleit |>anb in £anb 
gebt." 3n ber Sb“t b at bie ©rjählungtweife biefer Stobeüiftin etwat Eigenartige«. 
9Kit ^Berufung auf einen Autfprudh ©oetbe’t: „bap man in einer fremben Spraye 
immer albern erfebeine, Weil man nur bat ©emeine, noch ba$u ftocfenb unb ftotternb, 
autjubrüefen bermöge; benn Wat unterfc^eibet ben Summfopf bon bem geiftreiten 
SRenfcben, alt bap biefer bat 3arte, ©ebörige ber ©egenWart fcbnell, lebhaft, 
eigentümlich ergreift unb mit Seidjtigteit wiebergibt, wäbrenb jener, gerabe wie 
wir et in einer fremben Sprache tun, pdj mit fton geftempelten bergebratten 
$b ra fen begnügt" — fagt fiuife bon grangoit: „SBäre mit biefer Unterfteibung 
nitt gleichzeitig bie bet guten unb bet ftletten Stobetliften autgebrüeft? ©eibe 
bebanbeln fo ziemlich biefelben ©egenftänbe; bie ©rpnbung bat ihre Scbranlen, 
aut bie ©baraftere fittb meiftentbeilt bagewefen. ©t gibt eben nittt Sleuet unter 
ber Sonne wie im SWenftengemütb. ©rft ber Sortrag bebt bie ©eftränfung auf 
unb läpt bat Sagewefene jung unb neu erfteinen. Senfe bir «Sie SDJablberwanbt« 
ftaften» bon Sofcebue ober Safontaine erzählt." 

Somit trifft bie Sitterin int Stwarze: nitt bie ©rpnbung unb bat ©r« 


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Citerarifdje Hernie. 


H9 


futtbene, fonbem bie Sluffaffung unb Sarfteßung unterf<heibet bie großen Sichtet 
Oon ben {(einen. Suffon fagte: „Le style c’est l’homme", aber bie Siteratur* 
gefdjidjte muß fagen: „Le style c’est le genie." 

Sie jmeite Stooeße in biefem Sänbchen: „3u Süßen beS SRonarchen", ift nur 
ein Gauferie aus bem ©hamounhthale, bie ßtjählung felbft oon fpannungSlofer 
@infacf)f)eit, eine Serljerrtichung beS $eimatSgefüß(8. Sie Serfafferin miß ein 
älternlofeS Kinb anneßmen; bodj muß fie bie Heine Saüotjarbin ben heimatlichen 
Sergen garüdgeben. 3n bie (Stählung finb hoch ft lebenbige Staturfdjilberungen 
unb manche geiftreidje Setrachtungen Oermebt. Sie erfte ©rgählung athmet einen 
gemiffen tnehmüthigen |>umor; ber $etb berfelben, ber füpothefer $hoäphorug 
$oßunber, feinet 3ei<hen8 greimaurer, ©elegenheitSbeclamator, paffionirter Kunft= 
bilettant, ^eirat^et ein abeligeS gräulein, baS ihn nicht liebt unb mit einem 
leichtfinnigen Dffigier baS SBeite fucht. 21udj hier ift ber Stoff feljr einfach; aber 
bie SehanbtungSmeife burdjauS eigenartig; cs fehlt ihr inbeß nicht an einigen 
boctrinären SlrabeSlen unb hier unb bort finben fich auch gärten beS ©tilS. 

Ser ©cheffeffchen Schule gehört bie Klofternooeße „Srmela", bon ©. Stein* 
häufen, an (Seipgig, Söljme); bie Sarfteßung, jum Xfjeil mit bordjriftlichen 
SSenbungen auSgeftattet, hat biel Stattliches unb SlnljeimelnbeS: Surgherren unb 
©remiten, fahrenbe Sänger tnie KlingSohr unb Sanliäufer giehen bor unfern Stugen 
botüber; mir merben heimifch in Kapeßen unb Klaufen mie auf alten Surgen, 
beren 3bt>He anmuthenb gefchilbert ift; bie ürchliche Kunft unb baS geiftlidhe ©e* 
ridjt merben lebenbig bargefteßt. Sie .panbhmg fel&ft erftredt fich über gmei 
©efdjtechter. Ser Sater, ein beutfdjer SRitter in Italien, h«t bei ber ©ntfiihrung 
feiner ©eliebten ihren Sruber erfchlagen. 2118 biefe eS erfährt, fagt fie fich los 
bon ihm unb berläßt ihn mit ihrem jungen ©ohne, ber ben Sater erft fpäter als 
Klausner mieberfieht. Ser ©oljn, bem Klofter übergeben, boch ritterlichen Sinnes 
unb tünftlerifch begabt, oerliebt fich iw rin Surgfräulein, baS aber einem ftoljen 
©beimanne fich berloben muß. Sei ber SerlobungSfeier (ommt er in ©treit mit 
bem Surgherm, nadjbem er bon ber fpanb ber ©eliebten ben fßreiS erhalten; 
grtnela rettet if|n auS ber Klofterhaft, opfert aber ihre Siebe ju ihm unb ftirbt 
bann an gebrochenem (perlen. 

Ser neue fRoman 9tobert Spr’S: „Sefant" (3Sbe., Stuttgart, Jpaßberger), 
behanbelt eine pfpdjologifche grage, bie baS ehelich« Sebeit betrifft. @8 gibt ©hen, 
in benen fidf für ba8 ooßfommen glüdlidje 3ufammenle6en erft fpäter ba8 erlöfenbc 
SBort fiubet, baS 3aubertoort ©efam, bem fich ^' c ©chahlammer be8 ©lüd8 öffnet, 
©ine fßringeffin hat einen beutfdjcn fßrofeffor geheirathet: meber bie abelige Ser» 
manbtfchaft berfelben, melche berlangte, baß ber fßrofeffor gang unabhängig ohne 
Slnfteßung feinen ©tubien lebe, noch bie als enghergig unb fleintich gefchilberte 
fßrofefforenmelt, in melche ber fpetb beS SRontanS boch eintritt, (önnen fich * n baS 
fociale SDtiSberhältniß biefet ©he finben. 2luch bie junge grau empfinbet baffetbe 
infolge ber fortmährenben ©äfcleicn unb hofft, bie fociale Kluft baburch gu über» 
fpringen, baß ihr ©atte burch neue ©ntbedungen ein berühmter ©cleljrter mirb. 
©o mirft fie antreibenb unb aufreibenb auf ihn ein; et ftubirt raftloS bis gur 
Uebermübung bei Sag unb Stacht unb fäßt feinem ffiiffenSeifer gum Opfer, inbem 
er in feinem djemifchen Saboratorium in halber ©chlaftrunlcnljeit eine unrichtige 
fßhiofe öffnet unb fich f° faft oergiftet. Stoch rettet ihn inbeß ein ©egengift; bie 
Kataftrophe hat bie erfreuliche golge, baß jefct bie ©attin fich in öofler Siebe 
ihrem ©atten ^ingibt, ber überbieS burch feine ©ntbedung fich einen Staaten er* 
mirbt. Sie fociaten Kreife, in benen fich bie beiben ^auptdjaraHere beS fRomanS 
bemegen, ber 2lbel fomol mie bie ©eleljrtenmelt, finb oon bem 2lutor mit fo fchmargett 
garben gefchilbert, baß fie ihm bafiir gemiß (einen Sanf goßen merben. 

©in 2lutor oon meltmännifchem ©chliff, Johannes oan Setoall, hat gtoei 
größere fRomane: „Sie beiben fRuffinnen" (3 Sbe., Stuttgart, ^»aßberger) unb 


— 




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Unfcre ,3cit. 


*50 


„Sabine" (3 ©De., Stuttgart, §aU6erger), erfebeinen taffen, in benett fid) bie be- 
fannte feine ©eobacbtungSgabe unb getoanbte Sdiilberang biefeö Sfutori nic^t 
Derleugnen; boeb ift ber erfte Vornan etwas ju gebest im ©erbältniß ju feinem 
3nbatt, inbem tlic school of scaudal, bie in einem beutfdjen ©abe ficb abfpielt, 
bod) ju fe^r inS Detail auSgemalt ift. Die beiben SRuffinnen Werben Don Stach» 
rebe unb ©erleumbung Derfotgt, benen nur jwei berliner im ©abe befiublidie 
Snriften entgegentreten, ©eibe Dertieben fi<b in bie unüerf>eiratf(ete Sarmatin; bodj 
gebt eS nicht nach Sang unb Anciennetät, beim ber Affeffor febtägt ben Stabt» 
riebter, für ben iitbeff Don bem Autor eine anbere ©artie in ©ereitfebaft gehalten 
wirb. Die S^nraftciriftif ift fein unb trcffeitb. Stoch mehr gilt Dies Don „Sabine", 
einem Stoman, beffen £>ctbin eine jener incommenfurabcln weiblichen ©rößen ift, 
wie fie ficb in bö^cm ©efeUfcbaftSfrcifcn finben, eine ruffif<b 5 polnifcbe Dame Don 
Derfübterifcbem Sauber, bie einen jungen Stann rettungslos in ihre 9tc|}e Derftrirft. 
Daß berfelbe bann im Kriege fällt, erfebeint inbeff als ein für bie $anbtung ju= 
fälliges ©rcigniff. Diefetbe Sabine ijat eine $eit lang unter ihren beglürften 
Anbetern auch ben Dnfel jenes jungen Statines, Was ju Auftritten führt, bie an bie 
„©eiben ft'lingSberg" erinnern; boeb ber Dnfel ift ein SBeltmann, Don einer febr 
reichen ©ergangenbeit, bie aber alle ©erbältniffe beberrfebt, unb er finbet noch fein 
SiebcSglüd in ber Siebe ju einem einfachen traulichen Stäbchen, baS er beiratbet. 
Die Storat beS 9tomanS ift wot, baff bie Sabinen nur ben Unerfahrenen Der» 
bängttiffboU werben. 

©in eEOtifdj s criminaliftifcbeSDoppclgefiebt trägt ber Soman Don £>anS2Bacben= 
bufen: „Stplabb" (Stuttgart, £>«tlbcrger), jur Schau. Der ©erfaffer, ber Diel Don 
ber SBelt gefefjen, liebt eS, in feine SBerfc lebenbige touriftifebe Schilderungen ein» 
juflecbten. So beginnt ber Stoman mit einet Darbaneilenfabrt; bie tanbfebaft» 
liebe Scenerie, bie etbnograpbifcben ©ilber finb Warm unb glänjenb auSgemait. 
Der pfb<bologifche SBertß ber Sooelle beftebt in ber DarfteKuiig, wie ein uitbe» 
fangeneS weibliches SBefen, baS Don einem unerwarteten Sebidfalsfeblage getroffen 
wirb, ficb 3« einem fetbftbewußten SBeibe entwicfelt. Stplabp ift eine junge SBitwe, 
Derbeiratbet an einen fteinreicben Dberften in 3nbien, ber bann in ©nglanb im 
Srrenbanfe ftirbt! ©on einem ©erebrer um ihr ©ermögen betrogen, Wciff fie mit 
£ülfe eines befreunbeten englifcffen Sorbs ficb baffelbe wieberjuerobern, unb tyu 
ratbet bann ben tbätigen ©efc^üfeer. 

DaS ©efammtbilb eines ebcln unb liebenSWürbigen bentfeben Dichters entrollen 
unS Julius Stofcn’S „Sämmtlicbe SBerfe" (6 ©be., Seipjig, griebricb) in einer 
neuen oermebrten unb bureb eine ©iograpffie beS DidjtcrS Dott bem Sohne beffelben 
bereicherten Ausgabe. Der Sprifer Stofen bat ficb befonberS bureb einzelne ©altaben, 
wie „AitbreaS £>ofet", populär gemacht, ber Dramatifer, obwol feine meiften Stüde 
gegeben Wnrben, nicht auf ber ©übne behaupten fönneu. ©teiebwot bieten bie Dra» 
men eine feffelnbe Seftüre, Weil bie biebterifebe SBärme in ihnen wobftbuenb berührt, 
Wie j. ©. in bem fcbwungoollften Drama „Die ©räute üon glorenj", unb wir 
überall bie Sprache eines gebilbeten unb ebeln ©eifteS Dernebmcn. „Der Soffn 
beS giirften" bat Dor Saube’S „©rinj griebrieb" ben ©orjug eines höbet gebenben 
poetifeben Schwungs, Wenn auch bie Decbitif nicht fo jufammengerafft ift unb bie 
©barafteriftif weniger Schärfe jeigt. Julius Stofen war, wie uns biefe ©efammt- 
auSgabe beweift, in allen Sätteln gerecht; bie ©atme Derbienen wot feine Iprifdp 
epifefjen Dichtungen, namentlich fein „AffaSDer"; boeb auch fein Stoman „Der 
Songreff Don Serona" ift ein WerthDoKeS gefcbicbtticbeS geitbilb. Samentlid) ift 
bie ©barafteriftif ffriebricb Don ©enff’ Durchaus gelungen, bis in bie feinften 
inbioibuellen 3üge ausgearbeitet, unb läßt um fo mehr bebauern, baff ber Dichter 
Durch feine Dbeorie beS gefchichtlicben Drauerfpiels, beffen ©ebeutung er ju ge» 


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Citerarifcpc Het»uc. 


151 


fcpicptdbpilofoppifch auf faßte, berpinbert würbe, aucp beit ©parafteren in feinen 
Giranten bied fcparfe inbitubueQe ©epräge ju geben. 

Obgleich bietteicpt Weniger japlreicp ald in anbern ©etneftern, ftnb bocp auch ' m 
erften Halbjahr 1881 eine anjapl fehr Wertpbotter piftorifcper ©ubticationen 
jn Sage getreten, griebricp SBilpelnt ©cpirrntacper befchenfte und mit einer 
„©efcpicpte ©aftiliend int 12. unb 13. Saprpunbert" (©otpa, g. a. fßertped). 
hiermit half er einem längft empfunbenen ©ebürfttiffe ab unb bad SBerf ift ein 
neuer ©eweid bafttr, wie einjig auf ©runb ber ©onbergefcpicpte ber fpauptftaaten, 
bie Spanien audmachten, bie fpanifche allgemeine ©efcpicpte anfjubauen uub Der» 
ftänblicp ju machen ift. 9locp nicht beuupte Duetten finb jugejogen unb gleich 
ben belannteit forgfättig audgebeutet worben, befonbcrd ein in Kopenhagen befinb» 
liched arabifched SWanufcript. Dad äußerft gebiegene SBer! bepanbelt eine ©poche 
großartiger nationaler Erfolge, bon ber Eroberung Solebod burch ben „Kaifer" 
ätfonfo VI. (1085) an bid 3 ur Einnahme bon Sarifa burch Sancpo IV. (1292); 
biefe ©rfolge würben errungen, obtool bie nach ©üben gerichtete Kraft ©aftiliend 
burch innere unb äußere ttJiidftänbe gehemmt würbe. Sebenbig weiß ©chirrmacher 
bie einzelnen ©eftalten jn fchilbcrn, unter benen Sllfonfo X. bad meifte Sntereffe 
etwedt, ein giirft, ben neben bem Sraumgebitbe ber beuifcpen Kaiferfrone unb tune» 
fifcpeu Irrfahrten auch ein Kreujjug befchäftigte unb ber nationalen fßolitit ent» 
frembete. 

©on bem mit berbientem ©eifatt aufgenommenen SBerle bon gerbinanb 
©regorobiud: „Sie ©rabbenlmäler ber fßäpfte. SJlarlfteine ber ©efchichte bed 
©apfttpumd", ift eine jweite, neu umgearbeitete Auflage erfchienen (fieipjig, 
g. a. ©rodpaud). Sie „getbjüge bed ißrinjen ©ugen bon ©aoopen" werben in 
SEBiett bei ©etolb’d ©ohn peraudgegeben; iüttgft erfcpien bon ber erften Serie ber fie» 
bente ©anb, Welcher ben gelbjug. bon 1705 bed ©panifchen ©rbfolgelriegd bepanbelt 
unb bon SRecpbergcr bon SRecptron bearbeitet ift. artpur Kleinfcpmibt 
hat in „augdburg, Nürnberg unb ihre §anbetdfürften im 15. unb 16. Saprpunbert" 
(Kaffel, Sp. Kap) ein wirlungdbotted unb fatbenreieped ©emälbe jener großen Sage 
entworfen, wo neben ben Sürer, fpotbein, ©aepd bie flügger unb SBelfer blühten 
unb bad Kapital beperrfepten. 

©on Igopann ©u ft ab Sropfen’d berühmtem SBerle „©efehiepte ber preußifepen 
ißolitit“ erfcpien ber britte ©anb bed fünften Spcild, b. p. ber britte Ipeil bon 
„griebricp ber ©roße" (Seipjig, ©eit u. ©omp.); er bietet alle ©orjüge bon neuem, bie 
feine ©orläufer jiertett, unb ftettt unfer Urtpeil über ben |>ctbenlönig unb griebend» 
fürften immer fefter. ©einen erften großen SJaffengang füprt und ©. ©rünpagen’d 
„©efepiepte bed erften fcplefifcpen Krieged naep arcpibalifchen Ouetten“ (©b. l, 
©otpa, g. a. fßertped) bor äugen; niemanb War geeigneter, biefe ©erpättniffe 
ju fcpilbent, ald ber gelehrte Sirector bed fcplefifcpen ©robinjiatarcpibd, ber bie 
wertpbottften auffcplüffe and engtifepen, öfterreiepifepen, preußifepen, pannoberifepen, 
fäcpfifcpen unb anpaltittifcpen arepiben beijog, unt ben Stoff böttig ju beperrfepen. 
Sad auf jWei ©änbe berechnete ©uep gelangt im erften ©anbe bid ju bem ab» 
lommen bon KteiwScpnettenborf, welcped SRaria Sperefia gegen bie abrebe belannt 
machte, um griebricp bei feinen Stttiirten um ben Grebit ju bringen; ganj bor» 
jügtiep ift ber ©ang bed Krieged unb mit großer ©orgfalt Gparafter unb ©erlauf 
ber ipn ftetd Ireujenben unb bceinftuffenben biptomatifepeit ©erpattblnngen bar» 
gelegt, ©rünpagen pat bie abminiftratibe ©röße griebricp SBilpelm’d I. böttig ju 
Würbigen berftanben unb in ipr ben Unterbau erfannt, auf bem bad Regiment bed 
genialen ©opned rupen mußte; meifterpaft fepitbert er ben großen griebricp unb 
feine ©egnerin SJtaria Sperefia, beren ©emapl granj I. anfänglich griebriep fepr 
jugetpan war; feffelnb finb bie ©eriepte ©orde’d unb ©otter’d über ipre Subienj 
bei granj in SBien. Setaittirt werben bie ©orgänge bei griebricp’d ©infall in 


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\52 


Untere ^eit. 


Schleften, bie Äufna^me ber bon ifjm in SBien erhobenen f<hlefifd)en ©rbanfprüd)« 
unb bie ©efchichte ihrer ©erecf)tigung erzählt, unb ein £>inblid auf bie fdjlefifty 
®efchid)te belehrt uns, Wie toenig Siebe fid) bie öfterreicf)ifche fatholifd)e ^errfchaft 
ju erwerben gewußt hatte unb wie eS baburd) ©reuffen wefentlich erleichtert würbe, 
©fiepen $u erobern. 

©on bem bortrefftic^en Suche beS freiburger ©rofefforS |>. bon fpolft: ,,©er» 
faffungSgefcffichte ber ^Bereinigten Staaten bon 8lmerifa" (©erlin, Springer), ersten 
ber zweite ©anb, bon $anS Delbrüd’S „SDaS Seben beS getbmarfchallS ©rafen 
©eitharbt bon ©neifenau" (©erlin, ©. ©eimer) ber fünfte ©anb, womit baS grünb« 
liehe unb reichhaltige SBerf feinen SSbfchluff fanb; im fünften ©anbe feiner „Beiten, 
©ötfer unb Stenfdjen" (©erlin, Oppenheim) hat Äart $illebranb eine Seihe 
äufferft intereffanter 8luffäfce über neuere ®efd)id)te jufammengeftellt. Son feiner 
als mufterljaft anerfannten „®ef<hid)te beS gulifönigthumS, 1830—1848" würbe 
bie erfte Sieferung ber zweiten Sluflage (©otha, ff. 81. ©ertheS) ausgegeben. 3« 
bemfelben ©erläge gebieh bie ebenfo grünblich wie umfaffenb angelegte „Gncpfto» 
päbie ber neuern ®efchid)te" fchon bis jum fechSten £>efte; allmonatlich foß nun 
eine Sieferung folgen. 3e wehr über Stetternich unb bon ihm felbft ans Sicht 
tritt, befto tiefer finft fein ©reftige. 'S er britte unb bierte ©anb bon „8luS 
Stetternich'S hinterlaffenen ©apieren. ^»erauSgcgeben bon IJürft ©icharb Sietter« 
nid)»SSinneburg, georbnet bon 81. bon ftlinfowftröm" (SBien, ©raumüller) 
belegt biefe Sehauptung ebenfo wie bas SBerf: „8luS bem ©adjlaffe beS ©rafen 
©rofefd)=Dften. ©riefwechfel mit @en| nnb Stetternich" (2 Sbe., SBien, ©erolb). 

©ieüeid)t am meiften aber leibet fein Slitfeljen burcf) baS gleichzeitig in ©ariS 
bei G. ©ton u. Gomp. unb in Seipjig bei fj. 81. ©rodhauS erschienene, nach ben 
8lrcf)ibatien beS franjöfifchen 8luSWärtigen SlmtcS gearbeitete SBerf „XaHepranb’S 
©riefwechfel mit Äönig Subwig XVIII. währenb beS SBiener GongreffeS", heraus« 
gegeben bon ©. ©atlain, berbeutfdjt bon ©aul ©ailleu. $ier fehen Wir 
Stetternich in feiner ganzen Hohlheit gegenüber einem fo fchtauen unb geriebenen 
ffopfe Wie laHepranb, unb bie ©efchichte wirb nicht umhin fönnen, mit lattepranb 
Stetternich alfo z« djarafterifiren: „UngtüdlicherWeife erbtidt ber Stann, ber in 
Oefterreid) an ber Spifce ber ©efdjäfte fteht nnb bie SIngelegenheiten GuropaS z« 
regeln fid) bermifft, baS ficherfte Reichen genialer llebertegenheit in einer Seicht« 
fertigfeit, bie er einerfeitS bis zur Sädjerlichfeit nnb anbererfeitS bis zu einem 
©unfte treibt, wo biefeibe bei bem Stinifter eines ©roffftaateS unb bei Umftänben 
wie bie gegenwärtigen zu einer Kalamität wirb." ©eine Siebetei mit Sardine 
©onaparte, SturafS ©emahtin, beranlafft Stetternich, Sturat zu halten, nicht aber 
bie politifdje Grwägung, unb niemanb gibt fid) toller bem wiener 3ubelteben hin 
als er, beffen Saifet ber „tanzenbe" Kongreß täglich 220000 31. ©apier foftet. 
©eben Stetternich ift befonberS 3ar Sllejanber I. wenig bortheilhaft gefdjilbert; 
hat ihn ©apoleon einen Stjjantiner genannt, fo tritt er in ber Gorrefponbenz 
iattehranb’S mit bem geiftootten Sönige Subwig als ein ©chaufpieler auf, als 
ein gürft, beffen ©olitif bie nadte ©ewalt ohne alle 8ld)tung öor ©edptsprincipien 
war unb ber halb burcf) groffe ©arfd)heit, halb burch unlautere greunblid)feit bie 
Stäcfjte nach feinem SBillen lenfen will. Gaftlereagh, griebrief) SBithelm III. u. a. 
werben auch wenig zu ihrem ©ortheil itluftrirt. $efto gewaltiger tritt SSattepranb 
aus bem büftern ©ahmen fjeröor; auf bem SBiener Gongreff befunbete er fief) als 
Diplomat erften ©angeS aus ©ergenneS’ Schule, unb währenb man anfänglich 
baran gebaut hatte, baS befiegte granfreid) ganz oom Gongreff auSzufd)lteffen, 
wuffte er gebieterifch granfreid)S Stimme laut werben zu taffen, burd)brad) bie 
©hatanj, welche Gnglanb, ©ufflanb, Defterreich unb ©reuffen gefd)loffen, um über 
bie ©efchide ber SBett zu entfeheiben, unb entriff ben Siegern ©ebiete, beren fie bereits 
Sperr zu fein glaubten; fo berlor ©ufflanb ©ölen unb ©reuffen ©achfen. gm Sinne 
ber franzöfffdjen nationalen ©olitif beS 18. QohrhunbertS fd)ü|)te er bie beutfehen 


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153 


fiterarifcfyc Kenne. 


Steinftaaten gegen Defterreicfj unb Preußen unb üeranlafete, um ®eutfdjlanb fcfewach 
gu erhalten, in erfter ßinie ben unfeligen ®eutfd)en Sunb; er fonnte mir ein 
förberatioeS $eutferlaub brauchen, lärmte fßreufeen, wo immer er fonnte, unb öcr= 
binberte bie Einigung DeutfchlaubS bureh fßreufeen. äJtit feltenem ©efchid berfocht 
ber langjährige ©ebülfe eines Stapoleon in Sien baS fßtincip ber ßegitimität unb 
beS geworbenen fjiftorifcfien StechteS, machte bie ßegitimität gum Sattabiunt beS 
europäifeJjen ©feidjgewidjts unb bewahrte granfreid) babor, baß bie Sieger baS 
fcfjonungSlofe Stecht ber Eroberung anmanbten; ßubwig XVIII. wufete wol)l, was 
er bem großen ©taatSmanne berbanfte. 

AIS Ergebnife einer Steife liefe grang öon Sö^er „StufetanbS Serben unb 
Sollen" (Sltündjen, 2tj- Adermann) erfcheincn, eine Schrift, bie bei bieten gliichtig» 
feiten fefjr intereffante SRittbeilungen unb Setrachtungen bietet unb gumal in ihrem 
etbnograpbifchen Steile bob e Seadjtung berbient. ®aS fcfemergliche Sntereffe, baS 
ein feber an ben unfeligen 3«ftänben in Stnfelanb nimmt, fiebert heute Serfeit 
über ruffifehe SageSfragen im borauS ein grofeeS fßublifnm. AIS werthbollfte 
Arbeit liegt baS neuefte Serf beS Autors bon „Aus ber Petersburger ©efeHfchaft" 
(Julius ©cfarbt): „Son StifotauS I. gu Alefanber III. @anct=l)3eterSburger Sei^ 
träge gur neueften rufftfdjen ©efehiehte" (fieipgig, ®under u. ^umblot) bor, worin 
eine Steilje bon Actenftüden unb geheimen $enff<hriften mitgetbeilt finb. Sir 
bliden in bie troftlofe Süftenei ber ruffifehen Serbältniffe hinein, in Buftänbe, bie • 
baS Auftaud)en eines Safunin, $ergen u. a. wie beS gangen StiljiliSmuS begreiflieh 
maehen, unb muffen erfennen,. wie alle guten gntentionen eines Sllejauber II. bureh 
bie Art ihrer Ausführung ihren Serth berlorcn unb er, ifotirt unb berfannt, bem 
lobe entgegeneilte. $ie Stegierang Alejanber’S III. begann mit manehen 3RiS= 
griffen, unterliefe aber glüdlieherweife ben gröfeten, baS borhanbene ßl)aoS bureh 
eine SerfaffungSurfunbe noch gu erweitern unb bureh „Eröffnung beS ruffifehen 
fßartamentSfraterS eine rebotutionärc Uebcrftutung ber farmatifdhen ©bene" gu 
entfeffeln. 

©in wichtiger Seitrag gut ©efehiehte beS beutfdjen Suchbanbels unb ber beutfeheit 
©ultur, bie Siographie „Sriebrief» Araolb SrodhauS", bon feinem ©nfel Heinrich 
©buarb SrodhauS (ßeipgig, g. 21. SrodhauS), ift jefet mit bem britten %f )eile 
gum Abfdjlufe gefommen. Säfjrenb Wir früher ben unternehmenben Suehhänbler 
als tüchtigen Patrioten, ber nach Kräften gegen bie Stapoleonifcbe tperrfcfiaft an* 
fämpfte, fennen gelernt haben, feljen mir ihn jeßt, wie er mit greimutb unb 
auSbauernber Xapferfeit gegen bie ©eifteSfnecfetfehaft ber 9Retternich 5 ©cnb’f<ben 
SfeftaurationScpodje anfämpft. Salb in Serlin, halb in Sien werben feine Serie 
unb Sfätter berboten; aufeerbem lähmen bie eigentümlichen Serhältniffe, in welche 
ber gefefclich erlaubte, ja gum ftaatlieh pribilegirte 9tad)brud ihn berftridte, 
alle feine Unternehmungen. Sie SrodhauS in Serlin mit bem dürften bon 
§arbenberg unb befonberS mit ©ehudmann unb Kampfe, feinen |>auptgegnern, 
berhanbett, Wie er fteh Bugcfiänbniffe erfämpft unb biefelben wieber berliert, Wie 
©enfe unb SRettcmich gegen ben übelberufenen Sud)l)änbler borgehen: baS ift nach 
ben brieflichen unb fonftigen 2lufgei<hnungen mit grofeer Dbjectibität bon bem 
Serfaffer bargeftellt. Sticht wenig intereffant finb bie beifeen Stümpfe mit bem 
Abbocaten bon SeifeenfelS: für bie Stcnntnife jener Siteraturepoehe enthalten fie 
fehr lehrreiche SJtittheitungen, aus benen au<b nod) bie ©egenwart Stufen giehen fann. 
U)ie ®arfteBung felbft ift ruhig. Har unb objectib, ohne Schönfärberei, unb läfet 
fobiel wie möglich bie Duellen fetbft fpreehen. 



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Unfete 


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flolttifdje Heime. 


20. 3uni 1881. 

$er {Deutfd>e {Reichstag ift am 15. guni gefdjtoffen worben nach einer 
lebten, fetjr unerfreulichen ©cffion. 2)ic roidftigften Vorlagen würben entweber 
abgelehnt ober tarnen, wie baS UnfaDgefefc, in einer ©eftalt p läge. Welche fie 
für ben ©unbcörath unb ben 9icict|öfanjler unannehmbar machte. 2)a$ ©teuer= 
bouquet besS 3tetdjätau^lerS Würbe jerpflüdt: nur bie Stempelfteucr tarn unberfchrt 
aus ber parlamentarifchcn {Retorte unb ber Zolltarif würbe in einigen ißofitioncn 
t>erfc£»ärft in ber Dichtung beS ©ch u t?JotlS. dagegen tarnen bie geplanten Ser- 
faffungSänbetungen nicht }U ©tanbc. 

®ie ^hhfiognomie ber SBerljanblungen jeigte, ba| fid) bcfonberS gegen ben 
(Schluß hin eine innere Unbefricbigung beS {Reichstages felbft bemächtigt hotte; 
er nahm immer mehr ein h'PpotratifcheS ©efidjt oh unb bachte nur an fein 2efta= 
ment unb feinen Grben, ben tiinftigen {Reichstag. gn ber 2h a t war er prn ©o= 
ben für eine eifrige SBahlagitation geworben; nicht nur bie gortfehrittöpartei 
fchlug ihr Programm gteichfam an jeber Gde an, bie fich ihr barbot: auch ber 
{ReichStanjter felbft fpradj bon ben liiuftigen SBahlen, fo oft eS irgenb anging, 
inbem er ertlärte, bie Regierung bürfe baS ©oll über ihre ttbfidjten nicht im 
Untiaren taffen. 

gn ber Iljot tann man wol fagen, baß bie Slnmeubung biplomatifcher @runb= 
fäjje auf bie innere {ßolitif unb bie kauft, eine Partei burch bie anbere in Schach 
p hotten, in biefer ©effion nicht bie erWünfdjten grüd>te gezeitigt hat: bie 
conferbatibdlerüate SUlianj, welche non fpauS aus bie ©ignatur biefeS {Reichstages 
mar, ift am ©chluffe bejfelben in boller Sluflöfung begriffen; baS Zentrum ber= 
fagte ber {Regierung mehrmals feine ®ienfte, unb wenn bicfelbe fich ouf biefe 
unfichcre, bon aufjerparlamentarifchen Ginftüffcn abhängige Partei p ftüjjen fuchte, 
fo ift bie Gnttäufdiung wol jefct eine tjoßftäixbige geworben, keinesfalls hot ber 
{ReichSfanjler feit feiner ©chtoenfung p ben Gonferbatiben, bei Welcher er baS 
Gentrum mit fortpreifjen hoffte, für feine fßolitit jene Grfolgc baoongetragen, 
bie er früher burch feine SlUianj mit ben {Rationalliberalen erreichte, ©tatt inbejf 
bie Parteien, auf bie er fich ftüfcen wollte, burch beit ©unb mit einer ftarten 
{Regierung felbft p ftärten, hot er p ihrem innern 3erfehungSprocefi beigetragen: 
baS Gentrum ftimmte fehr feiten gefchtoffen; bie biplomatifirenbe {ßolitif ber 
güljter oerfammelte nicht bie ganje ©efoigfdjaft nuter ihrer gähne. 3)afj baS 
Gentrum eine fßartei ad hoc ift, pfammengehalten nur burch bie Sofungen beS 
tirchtich^ftoatli^en ÄampfeS, folange biefer auf ber SagcSorbnung fteljt, ba| 
baffetbe aber aus bisparateu Glementen jufammengefept ift, welche nach Sluflöfung 
beS gemeinfchaftlichen SanbeS nach rechts unb linfS auSeinanberfaflen würben 
unb auch ‘u ©epg auf Wirthfchafttichc gragen auSeinanbergehcn: baS hatte man 
bei ber bisherigen ftarren ®iSciplin nur p leicht bergeffen, bis bie firc^licßc 
grage in jüngfter 3eit etwas oon ihrer acuten Sufpifjuitg p oerliereu fchien unb 
fo bie ©egenfäfce innerhalb ber fßartei fich wieber lebhafter p regen anfingen, 
ge^t allerbiitgS gewinnt es wieber ben Slnfdfein, als wäre bon {Rom aus bie 
fßarote auSgegeben, bie 3ngeftänbniffe beS Staates, bie fich innerhalb ber 2Rai= 
gefefce holten, nicht länger p acceptiren, fonbern wieber p ben SBaffeit eines 
frifchen unb fröhlichen kriegeS p greifen. . $amit hängt es jufamnten, baf} einet 
jüngften {Rachricht pfolge bie klerifalen ben Gouferbatiben bie SlHianj gelünbigt 
haben; benn bie ledern werben bei einem folgen kriege auf ber ©eite ber {Re= 
gierung flehen. 

8lud) bie ®eutfdje {Reichspartei, in welcher man borpgSWeife bie fßartei beS 
giirften ©iSmard p fehen glaubte unb ber ja auch ©raf SEBilljelm ©iSmard 


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\55 


politifcßc Hcpue. 


angeßört, ift in fiiß uneinig unb jerfplittert: immer meßr wirb ber fReitßSfanjter 
bie |»anptftüße feiner ©olitit bei ben Deutfdjconferbatiben fucßett miiffen, bie 
jwar aucß mcßt ganj auf einen Ion geftimmt finb, aber bocß nocß ben fiärfften 
Sufammenßalt ßaben. SBa^rfcfjeiiilirf) werben aucß biete ßRitgtieber ber ßteicßS» 
Partei ju ben Rätinen berfetben übergeben, ©o Wäre benn ber bängter wiebcr 
im Säger bcrjenigett angetangt, bei bencu er fiefj feine erften partamentarifeßen 
Sporen berbient ßat: „On revient toujonrs ä ses premiers amours." 

Der 3crfatt ber nationattiberateu Partei buteß ben StuStritt ber ©eeeffioniften 
faßt bereits bor bie teßte ©effion beS 9ieicßStagcS: immerhin ift biefe fritier ton-- 
atigebenbe Partei aucß nuruerifef» babureß feßr getiißtet worben, ©ctbft ber gort* 
fdjritt tritt nießt immer einßcittid) unb gefdjtoffen auf. SBenn äße Parteien meßr 
ober weniger itt Berfeßung begriffen finb, fo t)at baS ßauptfäißtiiß barin feinen 
©runb, baß bie Wirttjfc^afttic^en gragen, bie fieß mit bem potitifeßen ßrebo teineS* 
wegS fo unbebingt beden, wie baS oft im ©eießstage behauptet worben ift, jeßt 
faft auSfcßtießticß in ben ©orbergruttb ber iunerit ©olitit getreten finb, als ein 
neues, bie eßemiftße 3)tifd)ung ber Parteien ftöreitbeS Sugrebieitg. ©ctbft bie boit 
Regierung unb fReicßStag mit ßluSnaßmegefeßen oerfotgte ©ociatbemofratie finbet 
auf einmal feften ©oben unter ißren güßeit unb ift in ber Sage, ben fReießstangter 
metjrfadj mit ißren Stimmen gegen feine frühem ©etreuen ju unterftüßen. 

Dies mertwürbig berfeßobene ©ilb ift nun ber parlainentarifeße ©pieget, ber 
ben fünftigen SBäßtern borgeßatten Wirb. ÜRiematS ift ber StuSfaß ber ©faßten 
zweifelhafter gewefen unb ßat fidj meßr jeber ©ereeßnung entzogen: nur eins ift 
Wot fieser, baff audj bie Parteien im Sanbe bott biefer Bcrfeßung nicht berfißont 
geblieben finb unb baß bie ©tatiftit berfetben baßer boßtommen ins ©eßWanten 
geratßen ift. @S Wirb bon einjelnen gaßnen ein maffenßafter Slbfaß ftattfinben. 
Niemals war inbeß eine ÜReubitbung ber ©arteien meßr geboten als gerabe jeßt; 
unb bennoiß beweifen aße ©rogramme, bie ins Sanb gefeßteubert werben, baß 
bie alten ©arteien feft auf ißrem ©dßein befteßen unb baß bie neuen ©faßten 
unter benfetben Stufpieien Wie bie friißern ftattfinben werben. Die einzig* neue 
©artei ift bie ber ©eeeffioniften. güt biefe faßen bie fRcuwaßten am meiften 
ins ©ewiißt; benn fie foßen bie ©ereeßtigung ber ©eeeffion nadjmeifen, bie ©pm* 
patßien ber ©ebötterung für baS ©eftreben, ben SfrßftaflifationSfern einer großen 
liberalen ©artei ju bitben, an ben bon reeßts unb tinfS berwanbte ©temente fieß 
anfißtießen. 21IS eine Swifcßenpartei, beren 3<*ßf fieß nitßt mefentlidß bermeßrt 
ober gar berntinbert, würben bie ©eeeffioniften nur ber ©uSbrud eines fotdjen 
guten ©MltenS bleiben unb eine ©nweifung auf bie Bufunft, Wetiße bon ber ©egen» 
wart junäißft niißt acceptirt worben ift. 

Son ben ©erßanbtungen beS JReidjStageS im Saufe ber teßten bier ©faeßen 
neßmen biejenigen über baS UnfatloerficßerungSgefeß baS meifte Sntereffe in Stn* 
fprueß; befoitberS bie Debatten bei ber jweiten Scfung am 1. unb 2. guni, in 
benen baS ©rincip beS ©efeßcS gut ©praiße tarn. Die ©teßung ber einzelnen 
©arteien jur ©ortage prägte fieß ßier mit boßftänbiger Ä’tarßeit aus. Die gort» 
feßrittspartei fteßt fieß bon $auS aus auf einen anbern ©oben; fie fißtägt einen 
neuen ©efeßentwurf bor, ber eine gortbitbung beS fpaftpflicßtgefeßeS bedangt, 
eine ©uSbeßnung beffetben auf lanbwidßfißaftlicße ©ewerbe, BwangSberficßerung 
feiten» ber Strbeitgeber: in biefem Sinne fpraeß fiiß ber ©bgeorbnete greunb aus. 
3n einem ©untte begegnet fieß bie gortfeßrittspartei mit ben Deutfißconferbatiben: 
beibe bedangen, baß baS ©efeß auf Sanb» unb gorftwiffenfißaft auSgcbcßnt werbe, 
©bgeorbneter bon Stteift*5ReßoW bertangte bieS wenigftenS für bie lanbwirtßfcßaft» 
ließe ©rbeit, Wetiße buriß äKafcßinen ins ©5er! gefeßt toirb; ©bgeorbneter S?i>ß» 
mer bie ©uSbeßnung auf Sanb» unb gorftwidßfeßaft unb bie Ünterneßmungen, 
bie auf gewerbsmäßige görberung bon ©erfonen unb ©ütern gerietet finb. ©in 




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tr^'y if. r.ti 



156 


Itnfcre (3cit. 


ähnlicher Antrag ge£|t bon ber ©ocialbemofratie aus. Studj Satter erflärte fich mit 
fotdjer SluSbehnung beS ©efcfccS einberftanben. Surch ben SRunb beS Slbgeorbneten 
2iebfnecf)t erftärten bie ©ociatbemofraten, ba§ ber SteidfjSfanjtcr fid) jefct im ©cfjtepp= 
tau beS ©ociatiSmuS befinbe; „bie ganje Snitiatibe ju ber je|igen ©ocialpotitif get)t 
bon unserer Partei auS", ruft 2iebfnedjt aus unb fügt hinju: „gürft ViSmartf 
glaubte uns ju haben, bocf) mir haben ihn. Safe biefeS ©efefj nur ben Anfang 
einer meitern ©ntroidetung bilbet, liegt auf ber |>anb; eS ift nur bie ©pifje beS 
ÄeitS, ber in unfere fociale ©efefegebung getrieben mirb; baS bide ©nbt mirb 
nadjfommen. Sie boltftänbige ftaatlidje Siegelung unferer inbuftrietten Verhättniffe 
ift bie itothmenbige Sonfequenj beffetben, unb bei ber ®^rlic^feit beS Steidj3fanj= 
terS, für bie uns feine Stellung bürgt, mirb er biefe ©onfequenj jietjen muffen. 
Stuf biefem SBege marfchiren mir jufammen, aber mir nicht an feinen Stod* 
flößen." 

Slbgeorbneter bon ©chortemer erftört fid) gegen SluSbehnung beS ©efefceS auf meitere 
VerufSjmeige. 3Tud^ finbet §. 1 in ber Raffung ber ©ommiffton bie SRehrljeit. 
heftiger noch entbrennt ber Üarnpf um §. 2: bie ©ommiffion hat ben fßtan ber 
SteichS*Verficherung8anftatt, mie iljn bie Vorlage enthält unb mie er bem ©ebanfen 
beS SteidjSfanjterS entfprad), abgeänbert unb an ©teile berfetben 2anbe3=Verfid|e= 
rungen gefegt. SEBir finb bottfommen mit bem labet einberftanben, ben Slbgeorbneter 
©tumm über biefe Slenberung im Stamen feiner Partei auSfpradj: „Sie Seutfd)e 
SteidjSpartei erbticft in bem ©ommiffionSbefchtuffe, melier bie Stei<h8*Verficherung8* 
anftatten burdfj particulare 2anbeS=Verficherungen erfefct, eine in principietler unb 
praftifdjer $infidf)t gleich bebauertid^e Itmgeftattung ber StegierungSbortage." Um 
baS Buftnnbefommcn beS ©efefceS nicht ju gefährben, mitt bie Partei inbefj bei jmeiter 
Sefung für bie ©ommiffionSfaffung ftimmen. Ser ©taatdfecretär non ©öttidjer 
erttärte, ba§ auch bie ^Regierung in einer Vermerfung ber SteichSanftalt feine SSer- 
lefcung beS bem ©efefce eigentümlichen ©runbgebanfenS fet)e. 3m übrigen ging 
berfetbe, maS bon SBinbttjorft gerügt mürbe, über bie ©ntfdjäbigungSfrage leidet 
hinmeg. 8“ ©unften ber 2anbeS=Verfid)erung8anftatten erftärten ft<h aut SBinbtljorft 
unb ffrege, baS ©entrum unb bie ©onferbatiben, unb fo rnarb biefe ben urfprüng» 
liehen Sntentionen beS SteidjSfanjlerS nicht entfprechenbe Raffung ber ©ommiffion, 
metdhe ben SteidjSgebanfen ben particutariftifchen Senbenjen opfert, mit grofjer 
SRehrtjeit angenommen, obfdhon anfangs im £>au3fef)afc ber Parteien fich bieS 
SRecept nicht befanb, fonbern erft fpäter in bie SommiffionSfifcung hineingeftattert 
ift. Ser $erb be3 VarticutariSmuS ift offenbar baS ©entrum, metdhem jebe ©r» 
meiterung ber SteidjSmacht ein ©reuet ift, baS aber audh fdjon bamit ein Buge» 
ftänbnife machte, ba§ ei ben einjetnen Staaten ein SRonopot ertheitte; benn ben 
confequenten Vertretern ber ®ir<he mu§ jebe ©tärfung ber Staatsmacht unmitt= 
fommen fein. Sie JortfchrittSpartei, ber bie Stufrechthaltung ber fßribataffociationen 
am ^erjen tag, ftetlte ben Stntrag, bah ben einjetnen Staaten ba8 Stecht freifteljen 
fotte, auch in Keinem Vejirfen VerficherungSanftatten j'u begrünben: auch biefer 
bon Sticfjter bertretene Stntrag fanb feine SRehrheit. Stm 15. 3uni, am ©chtuh» 
tage ber ©effion, mürbe baS UnfattberficherungSgefeh ober bietmehr baS Stefibuum 
beffetben, mie ei aus ber partamentarifchen Stetorte h^borgegangen, mit 145 gegen 
108 Stimmen angenommen, unb jmar in ber Raffung, mie fie in ber jmeiten 
2efung feftgeftettt mar. ©ine fdfjarfe ffritif übte 2aSfer noch bem ganjen ©efeh 
aus, baS er als unreif unb praftifdh ganj ober hoch für lange 3ahte unausführbar 
bejeichnete. Sem Sorfo ber angenommenen Vorlage fehlte ber ffiopf, bie SteidhS» 
Verfi^emng, unb bie §änbe, bie ©taatSjufdjüffe. Ser Vertreter ber SleichSregierung, 
©taatsfecretär bon Vöttidjer, erftärte fich einberftanben mit bem fo berfdhted^terten 
©ntmurf, obfehon bie Stegiemng bie SteidjSanftatt für jmedmähiger unb praftifcher 
hatte. Sen ©taatSjufcfjuh höbe ber SteicfjSfanjter nicht atS unerläßliche Vebingung 
hingeftcltt: faum ift bieS atS eine authetttifdfje Interpretation beS erfranften dürften 


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Politifcfje Xeoue. 


*5? 


ViSmard fetbft gu betrauten; unb bodj mühte ohne eine fotdje bie ©rftärung beS 
Surften, er lönne ficfj einen VerficherungSgwang nicht offne StaatSgnfchüffe benfen, 
{ebenfalls fdfwer ins ©ewicht faßen. Ruch fc^eint eS, nach ber „Rorbbeutfdfen Rß» 
gemeinen Seitung" gu urteilen, baff gürft ViSmard hieran unter aßen Umftänben 
feftlfalten Wirb. 3« ber Uebertragung ber tßrämienlaft auf bie Unternehmer fndjc 
bie Regierung eine entfc^iebene Verbefferung; hoch fie fei nocf> nicht recht über» 
geugt, bah bie Snbnftrie biefe Saft gu tragen vermöge. 

®rofc biefer ©rttärung ift baS ©efefc in feiner jegigen oerftümmetten ©eftatt, 
in welcher faft aßen fßrincipien bie Spifce abgebrochen ift, wo! als unannehmbar 
gu betrachten, unb oon Sntereffe ift nur bie X^atfad^e, baß am Schluffe beS Reichs¬ 
tages bie conferOatio=fterifate Rßiang einen recht gtängenben VeweiS ihrer Unfrud)t» 
barfeit gegeben hat, inbem baS ©entrum bie ©ompromifjoorfchtäge ber ©onferoatiocn 
einfach abgetehnt hatte, Wie ber Rbgeorbnete oon $eflborff noch einwat bartegte. 

Rm 10. 3uni würbe bie Racf)tragSforberung für ben VolfSWirthfdfaftSrath mit 
einer ÜDtajorität oon 51 Stimmen abgetehnt. Ruch bei biefer Veratlfung unb Rb» 
ftimmung trat bie Spaltung beS ©entrumS herOor. Reidfenfperger fprach als ©egner 
ber ©inrichtung, oon Sdfortemer für biefetbe, ba fie eine Oon potitifdjen Rüdfi(§ten 
freie Veurtheitung wirthfdfaftlicher Stagen ermögliche. Rbgeorbneter oon Vennigfen 
erflärte im Ramen ber nationaltiberaten tßartei, ba{j fie gegen bie Vortage ft im me. 
3m Reichstage feien aße 3«tereffen Oertreten, bie im VotfSwirttjfchaftSrathe gur 
Sprache fommen foßten. $urcf) Schaffung einer folgen ©inrichtung entftänben 
ftaatSrechttiche 8weifel unb neue ßonfticte gwifchen Äangter, VunbeSratlf unb Reichs» 
tag. ®ie RuSgteidjung Oerfchiebener 3ntereffen fei leichter im Reichstage atS in 
einem oolfSWirthfchaftlichen Parlament, baS aus 3ntereffengruppen beftelfe. Ueber» 
bieS fei es Wenig fetbftünbig, ba es oom ReidfSfangler ablfänge, Wie es berufen 
Werbe, ©in beweis bafür, baff bie Rationattiberaten jefct weit mehr atS früher 
gut Seit ihrer h 0( h8 ra bigen ©ompromi|potitif ber liberalen fßrincipien eingebenf 
jinb, ift bie fotgenbe Steße ber Rebe oon Vennigfen’S: ,,©S ift natürlich, bah, 
Wäfjeenb früher ber potitifche ®ampf bie Seibenfchaften mehr in Rnfpmcff genommen 
hat, nun aße anbem Satereffen fich mehr geitenb machen. SBir haben atfo jefct 
bie ©rfcheinung, bah baS Sntereffe an ber fßolitif mehr nachgelaffen hat in ber 
Veüötferung, unb an unb für fid) betrachtet, hatte ich baS für lein Unglüd; jebe 
3eit hat ihre Rufgaben. 3Jtan muh baS nicht fo befjanbetn, Wie eS oietfach ge» 
fchieht, wo man mit Verachtung hinbtidt auf bie potitifchen Stagen. Rein, fo 
liegt eS nicht: bie ©runbtagen müffen wir unangetaftet behaupten." 

®ie Verathungen über bie Rbänberung ber ©ewerbeorbnung, unb gwar ber 
§§. 97—104, fanben in gweiter Sefung am 19., 20. unb 21. SRai ftatt. ®ie 
neuen 3nnungen foßten nach ber ©efejjoortage gwar nicht obligatorifch fein: 
gteichwot fugten bie Parteien, bie fie befürworteten, in baS ©efefc fo oiete Ve» 
ftimmungen atS möglich eingnfügen, burch Welche ben auherhatb berfetben ftehenben 
©ewerbtreibenben ber 3«tritt gu benfetben atS höchft wünfdjenSwerth erfd)einen 
foßte. ®ie ©inführung Oon SwangSinnungen auf inbirectem SBege erfcheint als 
baS 3*el, bem bie neue Vortage guftimmt. äßenn fie fich oon ber ©ewerbeorbnung 
baburch unterfdjeibet, bah bie neuen 3nnungen nicht „gleichartige ober oerwanbte" 
©ewerbe gut ©runbtage haben foflen, fo hatte biefe Veftimmung auch nur ben 
3wed, bie Vitbung Oon Smtungen in fteinen Stäbten gu ermöglichen. ®arauf 
Wiefen biejenigen hin» welche baS 3nnungSwefen befürworteten. Rm meiften Ve» 
benfen erregte §. 100E, welker auch bie nicht beigetretenen ©ewerbtreibenben 
bei Streitigteiten aus ben Sehroertfättniffen oor baS SchiebSgericht ber 3urt; ruft, 
oor aßen aber ihnen oerbietet, Sehrtinge gu hatten. ®iefe Veftimmung würbe in 
ber gweiten Sefung unb auch am 9. 3uni in ber brüten, wo fie Oon conferoatioen 
Rbgeorbneten wieberhergefteflt würbe, befeitigt. Sann wnrbe baS ©efefc mit grober 
Rtehrheit angenommen. 


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*58 


Mnfere <3ett. 


Sin gleiches pofitioeS Befultat ergaben bie Berhanblungen Aber bie Stempel« 
fteuer am 27. unb 28. Stai. ®ie größere Befteuerung beS mobilen BermögenS 
gehörte fd)on lange ju ben SEBünfcfjen ber Eonferbatiben, unb ba| ber leiste Ser« 
mögenSerWerb, wie er in Börfengefcfjäften liegt, bem «Staate etwas abwerfe, ift 
gewifj ein berechtigtes Verlangen. 9tQe ©djtuhnoten, Bedjnungen Aber SBerth« 
pariere unb SBaaren jeber Ärt, bie nach ©ewidjt, Stafj ober 3ahl geljanbelt werben, 
werben Dom 1. Dct. ab einer ©tempelfteuer unterliegen, aufier ben ©efd)äften im 
SBertfje unter 300 Starf an äBertljpapieren unb unter 1000 Start bei SBaaren. 
gür ©djtuhnoten Aber Beitgefdtäfte würbe ber ©afc t>on einem 3^ntel fürs laufenb 
angenommen: man will bamit ben Ijajarbirenben Börfenhanbel ber Xifferenjgefdjäfte 
treffen; für alle anberu Börfengefchäfte ift ein gijftempel bon 10 Ißf. feftgefefct. 
®er Botenftempet beträgt 5 pro Stille, ber Obligationenftempel 2 pro Stille. ®ie 
Sotterielofe werben bis ju 5 ißroc. iljreS BennWertheS befteuert. ©leichjeitig 
forberte bie Eommiffion in einer Bcfotution ben BeidjSfanjter auf, bie Staats« 
lotterten aufzuheben. ®ie Bewilligung einer fo beträchtlichen ©taatSeinnahme burch 
ben Sotterieftempel unb baS gleichzeitige ©efudj um Aufhebung ber ©taatslotterie 
ftehen in einem unerftärlichen SBiberfpruche. ®ie Befolution wirb taum einen 
anbern Erfolg haben, als benjenigen, bie fie beantragt haben, baS ©efüht einer 
moralifchen Beruhigung ju gewähren; benn f<hon erfährt man in ofpcieUen Blät« 
tern, baff eine Erweiterung ber preuhifdjen ©taatslotterie beabfichtigt Wirb, um 
bie Eoncurrenz mit ben fiotterien ber anbern Staaten, befonberS ber fächfifchen, 
fiegreicher ju machen als bisher. 

®ramatifche ©eenen unb Ueberrafchungen ftettten fi<h im Berfaufe ber Ber« 
hanbtungcn Aber ben Bottanfdjluh Hamburgs ein. ®er EjobuS beS BunbeSratheS 
am 25. Stai War bie erfte Ueberrafchung für ben BeichStag: er fanb ftatt bei 
Slntafj beS Bidjter’fdjen Eintrags, ju erflärcn, baß es Weber bem bunbeSftaatlichen 
Berljättnih noch ber Bdjtung bot bem geltenben BerfaffungSredjt entfpridjt, wenn 
ber BunbeSrath 9tcnbcruugen ber Bolleinrichtungen bornehmen fottte lebiglid) Z u bem 
Bwecfe, um einzelne BunbeSftaaten in bem fernem ©ebrandfje ihres berfaffungS« 
mäßigen Bestes ju befchränfen. ®er BunbeSrath glaubte eS feiner SBürbe fdjulbig 
ju fein, bei ber Berathung Aber einen Antrag, ber eine fo fränfenbe BorauSfehung 
enthielt, nicht gegenwärtig ju fein, unb feine Bertreter, an ber ©pifce ber ©taatS« 
fecretär bon Bötticher, berliefjen ben ©aal. ®ie jweite Ueberrafchung war ber 
Slbfchtufj beS BräliminarbertragS mit Hamburg, bon bem am 26. Stai aöerbingS fchon 
eine birccte Shcnbe in ben BeichStag gebrungen war. 9lbgeorbneter SBinbthorft 
bcfchwerte fid) barliber, bah bie Begierung hierüber bein Beirf)Stagc feine BnSfunft 
gegeben; Slbgeorbneter bon Harborff wollte bie ©djulb einer zu frühzeitig ange« 
festen Berathung bem Beidjötagc felbft zufdjieben. ®h°tfa^e war, bah bie Bebner 
in biefen ®agen, einem nnfichtbaren ober halbfichtbaren fait accompli gegenüber, 
einen ffampf führten, ber nicht baju geeignet war, baS Stnfeljen beS BeichStageS 
SU erhöhen. 

Bon ben fedjS Einträgen, welche bie Bbgeorbneten Bichter, SluSfelb, Star« 
quarbfen, bon Stinnigerobe, SBinbthorft unb Sloöte über biefe grage ftettten, fam 
berjenige bon SSJinbtljorft jur Annahme, welcher berlangte, in ber BoHbeljanbtung 
ber ©chiffahrt auf ber Unterelbe, in ben ju Hamburg beftehenben Einrichtungen 
für bie Bottabfertigung auf bent Boßgebietc unb in ber Beljanbtung ber fogenannten 
BottbereinSnieberlage in Hamburg fo lange feine Slenbernng beS beftehenben Bu= 
ftanbeS eintreten jn laffen, als bie jwifdjen ber BeichSregiemng unb Hamburg 
fdjwebenben Berhanblungen über ben Bottanfdjluh nicht jn einem enbgüttigen 
Ergebnifj geführt haben. ®ie Bebeutung biefer Befolution War bon furzet ®auer; 
benn ber Bcrtrag zwifdjen ber BeichSregiemng unb bem hamburger Senat Würbe 
bereits am 15. 3uni bon ber hamburger Biirgerfchaft angenommen. @o hat bie 
ißolitif beS BeidiSfanjlerS Triumphe gefeiert unb bie hanfeatifdje Aufregung in 


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ßolitifcfee üemte. 


159 


öfter «Stifte burefe Bugeftänbniffe bcfänftigt, n>eldje ben feferoffen Uebergang bom 
gfreifeafenmonopot pm Sottanfefetufe mitbern. Ser ©ertrag wirb erft betit näefeften 
SfeicfeStage pr ©eftätigung borgelegt werben. 

Safe bie jefeige SRajorität, bie unter ben Slufpicien beS ScfeufepHS fi<fe gebitbet 
bat, nocfe in ben testen Sagen ber Seffion einige ©erfdfeärfungen beS BolttarifS, 
bie ©irfeöfeung ber ©ewebejöße unb ©infüferung beS SßeintraubenpHS burdjfefete, 
ift wot felbftberftänblicfe. 

Ser Scfetufe beS SieicfeStageS brachte auch eine f!cfe feit SRonaten feinfdfeteppenbe 
ÜRinifterlriftS pr ©ntfefeeibung. ©fee gürft SiSmard feinen Urlaub antrat, wnrbe 
ber Slüeftritt feinet bisherigen StettbertreterS, beS ©rafen Stotberg, eines burdhauS 
fetbftänbigen unb wahrhaft bornefemen StRinifterS, bie (Ernennung bcS Unterftaats» 
jecretärS bon ©öttiefeer pm ©eneratbertreter, bie Uebernabme beS ©uttnSminifteriumS 
bnrefe ben SlciefeStagSpräfibenten bon ©ofeter unb beS äRinifterinmS beS Buttern 
burch ben bisherigen SuttuSminifter bon ©uttfamer bnrch bie Leitungen berfünbigt. 
Safe nicht £>err bon ©ofeter, fonbern $err bon SBotff ber ©anbibat beS SteiefeS» 
fanjterS war, bafe jener ber bon ben Äterifaten gewflnfchte ©nttuSminifter ift, ber 
ihnen noch mefer entgegenfommen Wirb atS $err bon ©uttfamer, bafe bie lange 
Sauer ber minifterietten ShrifiS mit ben liefe entgegcnWirfenben ©inflüffen jnfammen» 
bing: ift meferfacfe berichtet, aber auch toiberrufen worben, ©in ©nttuSminifter 
nach bem §erjen 9tomS unb nicht ganj nach bem $erjen beS SieiefeSfanjterS: baS ift 
bie neuefte Signatur für ben ©utturfampf. SEBirb biefer nicht in ber offenen par» 
tamentarifchcn Slrena errungene Sieg beS ©entmrnS ben innern Serfatt ber ©artei 
aufhatten; Wirb baffetbe aus ber SBafelurne mit gleicher Bafel unb SRadfet feerbor» 
gehen? 3ebenfaHS barf man auf bie nächften SieidfeStagSWafeten, welche ihren 
Schatten fchon in fo bieten SieiefeStagSreben borauSwarfcn, in feofeem SRafee ge» 
fpannt fein. 

Sie Siacferichten auS grau!reich tjaben in jüngfter Beit fefer iiberrafcht unb 
Wieberum bewiefen, bafe bort baS ©apitol fefer nafee am Sarpejifcfeen gelfen ftefet. 
Sem Siege ©ambetta’S in ber Seputirtentammer folgte eine Siieberlagc im Senat, 
bie um fo empfinbliefeer War, atS bie gambettiftifefeen ©tätter, ja faft bie ganp 
europäifdfee ©reffe bie Slnnafeme beS SiftenfcrutiniumS im Senat atS fetbftberftänb» 
tiefe feinftettten unb ©ambetta bereits burefe eine Sriumpfereife nach bem Sieben, 
nach feiner ©aterftabt ©afeorS, bie Sorbern eines Sieges, ber ifem botttommen 
ficher fdfeien, im borauS wegnafem. SEBie Siapotcon III. bei feiner Steife naefe bem 
Süben es bertünbigte: „L’empire c’est ln paix", fo waren auefe bie Sieben ©am» 
. betta’S bott bon griebenSbetfeeuerungen. 3« ber Sfeat, erreichte er im grieben bie 
feöcfefte SRacfet, fo beburfte er ja nicht ber jweifetfeaften ©feancen beS Krieges, um 
fie p erobern. Snfofem gibt bie jefeige Siiebertage ©ambetta’S Wot p benten: 
bie gröfete agitatorifdfee SRacfet in granfreich Wirb er immer bteiben; wer fteht 
bafür, bafe er nicht, Was ifem ber griebe berfagt feat, burefe ben Sfrieg wirb 
erringen Wotten? 

9tm 19. 2Rai featte bie Kammer ber Seputirten ben Sarbouj’fcfeen Wntrag, 
bie SBiebereinfüferung beS SiftenfcrutiniumS bei ben SBafelen, mit anfefentiefeer 
SRajorität angenommen, ©ambetta featte ben ©räfibentenftufet bcrlaffcn, um fetbft 
mit ber SRacfet feiner Serebfamfeit baS SBafelberfaferen nadfe SlrronbiffementS p 
berWerfen, weit fiefe S'äufticfefeiten unb ©efteefeungen bei bemfetben eingefefetiefeen 
feätten.- SBie immer fpraefe er in biefer Siebe biet bon fiefe unb wies alte Slnflagen 
efergeijiger ©tone bon fiefe ab. Stuf ben Sriumpfe beS 19. SRai folgte attp reifet) 
bie Siiebertage beS 9. 3««© beS bentmürbigeit SageS, an wettern ber Senat baS 
Siftenfcrntinium, baS feeifet bie borauSfidjtticfee Sictatnr beS SaupfeinS ber Sicpublit 
berwarf: bie SBabbington unb 3uteS Simon, im ©inberftänbnife mit bem ©räfibenten 
ber Stepubtit unb ber SReferfeeit ber SRinifter erttärten fiefe gegen ©ambetta; ber 


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*60 


ttnfere <5eit. 


Antrag auf geheime Abftimmung erleichterte männern ©egner baS ©emiffen, unb fo 
ftimmten außer ber Stedten auch 50 Nepublifaner beS ßentrumS gegen bie Siftem 
mahl. Die Drohungen ber gambettiftifdjen Slätter, eine folche Abftimmung merbe 
granfreidj in tieffte 3errüttung ftürjen, bermochten nicht, ben Senat ju beftimmen; 
er ftabilirte mit biefer Abftimmung bie Autorität »on ©rebp n>ie einen rocher 
de bronze gegenüber ber ftürmifchen Sranbung ber ©ambetta’fchen Agitation. 
Der ©MiSerfolg ber le^tern ift nicht ohne Nachmirfung auf bie manbelbare öffent» 
liehe Meinung beS SanbeS. Die jefct na<h innen gerichteten Nebandieplane beS 
©haubiniften öon 1870 fcheiterten bei ihrem erften Anlauf; benn für ;bie Sommer* 
auflöfung tonnte ©ambetta nicht einmal bie Stimmen feiner ©etreuen bereinigen, 
unb bie Drohung mit einer SerfaffungSrebifion, melche ben Senat befeitigen fofl, 
ift junächft nur eine fiofung für eine meitauöfetjenbe fjJerfpectioe. 

3n Dun iS h at injmifchen granfreicf) baS fjjrotectorat errungen; bie fßrotefte 
beS SöeiiS tourben bon ©uropa fo menig beachtet mie biejenigen ber Dürfei, beren 
Drohungen feitenS ber franjöfifchen Diplomatie eine energifche ©rmiberung fanben; 
boch finb bie Kämpfe mit ben Arabern in DuniS noch nicht ju ©nbe. SBeit 
fchlimmer aber fiefjt es in Algerien felbft aus, mo eine meitberjmeigte Serfchroö* 
rung gegen bie franjöfifche Oberherrfdjaft fid} gebilbet hat, unb bie bon ben 
Arabern bebrohten ßoloniften über bie fehroerfäÜige Semegung ber franjöfifchen 
©Militärmacht jammern, bie ihnen aüein Schuh berieten tann. Italien, mo ein 
©Minifterium DepretiS baS ©Minifterium ßairoli abgetöft hot/ unb baS non ben 
genieru beunruhigte ©ngtaub fehen junächft mit f^meigenber, aber fehlest ber* 
hehlter geinbfeligfeit auf bie Ausbreitung ber franjöfifdjen ^errfchaft im Stiften- 
gebiete beS ©MittelmeereS. 

Die Dürfei hot fich nicht nur über Nichtbeachtung ihrer Souberänetät in 
DuniS ju beflogen: auch bie großbulgarifchen gntriguen finb im botten ©ange, unb 
bie fritifefjen 3uftänbe in Sulgarien felbft, mo es fich um bie ©jiftcnj beS neuen 
DhroneS hanbelt unb gürft Alejanber feine Sache auf ein fßlebifcit geftetlt hot, 
fteljen bamit in 3ufammenhang. Der albanefifche Aufftanb ift bon Derluifch*ifkfcha 
niebergemorfen morben; in Dheffatien ©renjftreitigfeiten heraufjubefchmören gelingt 
ber Pforte nicht; bie ©onbention mirb non ben europäifdjen ©Mächten aufrecht 
erhalten, ©leichmol fteht ©riechenlanb noch immer mit ber £>anb am Schtoert; bie 
©elüfte nach Sanina laffen bem hcöenifch e n ©haubiniSmuS feine fRuhe. 

3n Nußlanb aber h e ^rfcht jefct ber ©Mann bon San*Stefano, Sgnatiem, bei 
alter Siegfamteit ein Vertreter ruffifcher ©roberungSpolitif unb ©egner DefterreidjS. 
Durch fein ©Manifeft ift bie grage ber ©onftitution für fRußlanb abgethon; Durch 5 
füfjrung ber berheißenen Reformen erfdjeint bei ber innern 3errüttung beS SReidjeS 
als ferner möglich, ©in burch Nihilismus compromittirteS OffijiercorpS, ein 
SBeamtenthum, befonberS im Innern NußtanbS, ebenfo beftedE>ti<h mie ju barba* 
rifchen ©feeffen unb miflfürlichen graufamen Seftrafungen geneigt, Dpnamit unter 
allen Petersburger Srüden, gubenberfolgungen, Sauernaufftänbe... bie thönernen 
güße beS ruffifchen ÄoloffeS fommen immer mehr jum ffiorfchein unb baS ruffifche 
Afiatenthum erfdjeint immer frembartiger bem cibilifirten ©uropa gegenüber. SSBaS 
bie ©anbibatur bon Sgnatiem für baS ©Minifterium beS Aeußern betrifft, für 
meldjc auch gürft ©ortfehofom ju mitten fudjt, fo mürbe bie äußere ruffifche 
fßolitif baburdj in Sahnen gelenft merben, meldje bon ben Denbenjcn beS Drei* 
Saifer*SünbniffeS meit abführen müßten. 


Serantroortlidjer Mebacteur: Dr. Stubotf non ©ottfd)aO in fieipjig. 
Drucf unb Verlag bon 3f. A. IBroifljaiiS in Seibjig. 


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Wxt JUctnmmnirc. 

Än« bat Änfjetdjmtngen eine» kutfdjen Ärjte». 


®lotto: $a8 ift bic Säuberet, bu leicht »crfüfjrter £$or, 
SDenn jebem fommt fie tote fein Siebten bor. 

©oetbe'8 „gauft". 


I. 

„gätte gibt’S unb lannenmätber, too ber äRenfdj ftdj fehnt jum 9Renf<hen", 
feufjte icf) melanchotifch öor mich ^iit, mäljtenb ich mit bec SRiene eines HRanneS, 
bet fich in baS Unabänbertiche fügt, bie einförmig grauen ober fdjmujigtocifien 
Stämme an mir borttbergleiten tiefe, einen teeren Süd auf bie fid) emig erneucrnbe 
unb bocfe ftetS biefetbe bleibenbe SBalbphhfiognomie toerfenb, bie mich feit jtoei 
Etagen faft unauSgefejjt umgab. SEBie trofttoS öbe fa^en biefe oielgepriefenen nor» 
bifchen Urmätber in ber Stöfje aus, toie urtgaftlicf) mir, bcm feremben, |>eimat= 
fuchenben! $en feufdEi OerpHenben Sdfjmud beS SBinterS, ber fetbft ber trau* 
rigften ©egenb einen Stimmer oon ®uft unb ©lan$ Ocriciht, Ratten bie erften 
SBe^en beS grüfjtingd hinmeggenommen, unb nichts mar jurüdgebtieben als Sd^muj 
unb Slrmuth. Son ben fchtoätjlichgrfinen Üleften ber fich ineinanber oerfchlingenben 
feilten gingen feier unb ba noch öereinjelte Stumpen balligen Schnees herab, oon 
benen baS SEBaffer in trüben unburdjfid(jtigen Etropfen tangfam nieberfiderte unb 
mit eintönigem ©eräufdj flatfchenb auf ben burdfjmeid£»ten SEBatbboben auffiet. 
®ie btättertofen Sirfen jeidjneten fidE) büfter Oon bem molfig=grauen Slprilhimmel 
ab, unb auö ben jerriffenen Sorten brängte ficfi miSfarbigeS, jottigeS SRooö unb 
Sartflehte heraus, metdfje gleich bem geiferten ©emanbe eines ScttterS baS ©lenb, 
jtatt eS ju oerfjüüen unb gu mitbem, nur um fo greller ans Sicht gerrten, bajj 
baS Wuge ftct) mit $tbfdjeu unb ©rauen oon ber mibertoärtigen ©eftatt menbete. 

Sangfam nur glitten bie $ufeu meines Schlittens burch ben bom Sdmeemaffer 
aufgemeidjten Soben, auf bem eS gteichmol eine Unmögtid)feit getoefen märe, 
mit fRäbem fortgufommen, ba nur bie Oberfläche gebaut, ber ©runb jebocfe fuff* 
tief noch fejt gefroren mar. ©ine eigenthümtiche Stumpfheit gegen alle äufjern 
©inbrüde hntte ft<h meiner bemächtigt unb lähmte meine Sinne: eine Slrt 
magnetifchen ^albfchlafeS, gegen ben angufämpfen ich nicht mehr bie moralifche 
Äraft in mir fühlte, ein Sehen unb hoch nichts ©rtennen, ein SRadEjfinnen ohne 
bemühten 3med unb ©nbgiet ber ©ebanten. 

Untere Seit. 1881 . II. U 


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\62 


Unfere ^ett. 


Db bet loeilanb ©rompeter ber Sreieti SteicbSftabt ©äcfingen, beffen SBorte mir 
oorbin unmiHfürlidj in bie Bebet gefomtnen, ficb Bereinfamter gefüllt bei feinem 
tagelangen Umberirren in ben beimifhen SBätbern, als ich? 3<b glaube faum. 
SBenigftenS mar fein SBanbern ein freiwilliges, unb baS Siet beffelben, ibm fetbft 
noch unbemujjt, batte etwas rätbfetbaft SBerlocfenbeS, eben burcb bie Ungeroifibfit 
ber Sutunft, ber er entgegenging, ein lebensfroher, toller, übermfitbiger OefeU. 

®ie SufunftSbilber, bie mi<b umgaulelten, mären meniger unbeftimmt, bafür 
aber audj meit meniger poetifdj als bie meines macfern trompetenblafenben ©hicf* 
fatSgenoffen. ®ie berrtidjfte ©tubentenjeit, mie man fte nur an Keinen UniBerfU 
täten — ja marum fofl icb e $ uicbt frei heraus fagen? — mie man fie nur an 
ber battifhen UniBerfität ©>. burhleben fann, tag hinter mir, hoppelt Berftärt 
burcb ben ©himmer ber erften marmen Sugenbliebe, bie bem ungebunbenen 
SJtufenfobn ben SBeg jum eigenen £erb gezeigt, ibm ben SJtutb ins |>erj gegeben, 
ben ffampf mit bem Beben ju wagen, ©etbft bie lebten ferneren SRonate ber 
Sjamina erfhienen gotben, Berglidjen mit bem grauen, trübfetigen $eute, Berglicben 
mit ber in fo Bezweifelter Stücbternbeit beranbämmemben Sufunft. 

S<b toar gleich Bieten meiner mittettofen ©ollegen ßronftubent gemefen, b. b* 
icb batte mich, burcb baS ©djicffal baju gezwungen, mit Seib unb ©eete bem 
ruffifdjen ©taat Berfhrieben, Welcher burcb baS unS gemährte freie ©tubium ft<b 
baS Stecht erworben batte, jebn Sabre tang über unfer SBiffen unb können ju 
Berfügen, uns in bie enttegenften, Bon ©ultur unb ©ioitifation entbläfjteften ®e=. 
genben ju Berfhicfen, bamit mir unter ber armfetigen öeBöIferutig bie erworbenen 
ntebicinifhen Äenntniffe praftifh Bermertben fönnten. ©ewifj ein b°b eS Siel ber 
SRenfhentiebe, für beffen SBürbigung nur leiber ben meiften ber betreffenben 
jungen Sterjte ber ©inn abgebt: bie Giften, Sappen ober ©amojeben, ^irgifen, 
©urfmenen unb anbent ebetn SBölfcrfcbaften juerft ben gefunbbeitsförbemben 
©ebraucb beS SBafferS unb ber ©eife, abgefeben Bon anbem mobttbätigen cibi* 
tifatorifhen ©inricbtungen, $u lehren! 

•äJticb b°tte mein Stern — ober Unftern — in baS eftnifd^wfftfcbe ®ouBerne= 
ment ber StaroWa geführt. ©>er atte Kreisarzt in X. War geftorben, unb burcb 
einen Kommilitonen, ©rafen SJerfpen, beffen Onfet an ber Staroma auSgebebnten 
©runbbefifc unb auch aüerböcbften ßrtS eine mafjgebenbe Stimme batte, Waren 
bie 93licfe auf mich getenft roorben. SDteine Breunbe gratutirten mir ju ber für 
einen Anfänger ausgezeichneten ©teile, unb ich — nun, i<f| machte ein ®reuj über 
att bie fhönen ©tubententoinjeitcn, tief? mich atS bemoofter ©urfhe Bon ben ©ommi« 
titoncn jum ©höre binauSgeleiten, pacfte meine ©iebenfacben in einen grofjen rob= 
tebernen ©fhamoban, ber, nach lanbeSttblicber ©itte mit fpeu überbecft, mir ju 
gleicher Seit als ©i§ biente, unb fuhr, bie Sruft bewegt Bon fübnen ©rmartungen 
unb bangen Stueifetn, in bie nebetigialten Sanbe hinein. 

„®a war eS, £>err" — mie ©eifterruf ftang es an mein Dbt unb weite mich 
auS meinem bumpfen ^inbrfiten. ©er ruffifhe Stifter, ber bisher fhtneigenb 
unb regungslos Wie ein Slutomat auf feinem ©ijj gebocft, Bergraben in ben 
jigen zottigen ©hafpelj, mar eS, ber bie SBorte gefprocben. @r batte ficb um= 
gemanbt unb zeigte mit bem ©tiel feiner furzen Ißeitfcbe in bie Stieberung, ber 


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Die ttarowartiye. 


163 

Wir jefjt entgegenfutiren. 9llS er bemertte, baß icfj itjn Derftanben unb feine lato» 
nifdje Siebe burt ftummeS Sopfniden ertoibert fjatte, Wanbte er aufs neue feine 
ungeteilte Stufmerffamfeit ben ißferben ju unb oerfanf wieber in bie alte ftumrae 
StegungStofigfeit. 

„®a War ei, $err" — toie biefe ©orte fettfam mein inneres burctitfangen, toie 
fle alle bie unftaren ©rinnerungen, bie im ©rnnbe meines föerjenS gefttummert 
unb jenes bumpfe ©efütjt ber öeftommentjeit in mir erzeugt, ju ©ebanfen 
läuterten! 

©ie futenb fdjaute it tjinauS in bie ©egenb, bie mir auf einmal fo befannt 
borfam, Wenngteit um nichts Ijeimifter atS jubor. StettS burt bie Saunt» 
ftämme flimmerte ber ifjimmel, unb ein buntpfeS gurgetnbeS Sraufen berrietlj bie 
unljeimtite Stätje beS StiefenftromeS, in »eitern baS ®reibeiS. fnirftenb betn 
Sfteere jubrängte: nur etwa 50 «Schritt Sreite jWiften ber Straße unb bem jät) 
abftürjenben Ufer ber StaroWa!... 

Slot waren faum brei SJtonbe berftriten, feit it jum erften mat biefe Straße 
gefahren; bamats in Weiterer, frotjlauniger ©efeltftaft: ber Sleffe beS ©rafen, 
beffen ^errftaft jum größten ®ljeit in bem mir jugewiefenen arjttiten ®iftrict 
tag, ein atter Stubiengenoffe unb auSgejeitneter ©efeUfdjafter, mar mein ^Begleiter. 
6r benugte bie ©etegen^eit, mit bei feinem Dnfet einjufüfjren, Wie er mir tatenb 
berfiterte, ju einer witßommenen Sttittenpartie auf feine jnfünftige $crrftnft, 
wofetbft er mehrere amufante 3agben mitjumaten hoffte. ®amals war mir bie 
Steife öon ®. tjierfjer nitt lang erftienen. ®ie btifcftnette galjrt über bie ge» 
frorenen Stneefetber fowie bie - ©efettftaft beS jungen ©rafen ließen bie Seit wie 
im gluge tierftreiten. Sn ben trügen, bie wir berührten, würbe auf 93efeJ>t beS 
©rafen Ijalt gematt unb metjr als ein ©taS Reißen ®§eeS ober ©rogS bertitgt. 
©nbtit t)attc aut bie Statur itjr Stett »erlangt, unb bebor Wir unS not ber 
Starowa näherten, tag it feft in SRorpljeuS’ Strmen. ©ie lange it gefttafen, 
tann it nitt beurteilen; aber mir War ptö|lit, atS ob it einen furttbaren 
Stoß erhalte unb eine eisfatte §anb über mein ©efüfjt Ijinftreitt — bann ftang 
es wie teifeS ©eftüfter bid^t neben mir. ÜJtit Stnftrengung öffnete it bie Slugen: 
ber ©agen tjiett, Wie mir’S erftien, mitten in einer Stneewolfe. ®aS genfter 
neben bem ©rafen war offen, Don bort fjer atfo war ber ©istjaut getommen, 
ber mit erWecft. Unb wie it, not b Q tb mit ben Iräumen fämpfenb, an bem 
fit jurn ©agen tjinauStetjnenben greunbe borbciblidc, ftimmert etwas SlottjeS bor 
meinen Stugen unb mir ift, als töfe fit eine buntte ©eftatt bon unferm Sttitten 
ab, bie batb wie ein Stebetftreif in ber Stneewolfe berftwinbet. 

„SJtit Wem fpratft bu, Segor?" ®cr ©efragte fupr tjerum, fa§ mit einen 
Stugenblid ftarf an, bann tatte er taut auf. 

„Sieb ba, fjat baS SJtittet gefrnttet unb bie frifte Suft bit bon beinern 
unnatürtiten Sttafe erwedt? St ntuß bir geftetjen, ber Sopf war mir aut 
ftwer bon bem berbammten gufet, ben uns ber tefcte trüget als ©rog borgefefct, 
unb bie Sttmofpbäre in biefem etenben Saften, in bem fit faules $eu, altes 
Seber unb neue Stufpelje um bie Dbertjerrftaft ftreiten, erzeugte in mei= 
nem i>irn ben mörberiften ©ebanfen, mit ouS bem genfter ju ftür$en, um 

11* 


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Unfete ^eit. 


W 

wenigften« frifc^e Suft ju ahnten; ju biefem »ehnf öffnete ich baffelbe, unb nur 
bein freunbfchaftticher 5Ruf bewahrte mich bor ber Ausführung meiner fetbftmörbe* 
rifehen Abficf>ten 

„Unb mit wem fpradjft bu?" mieberljolte ich mit bem ©igenftmt, mit bem ein 
giebetfranfer feinen »ifionen anhängt. 

@r tackte wieber, noch lauter, noch anljattenber al« jubor. „dum Deufel aucf), 
Doctor", begann er enbtic^, „wobon fafelft bu ba? SDtit wem, um« Rimmels 
Witten, fott ich in biefer ©infamfeit gerebet haben? 3Jiit ben bahinjiehenben 
Soffen bietteidjt ober mit meinem eigenen werttigefdjäfeten 3ch? $a« wäre 
bie einzige 9J?ögtidjfeit, bie fiel) einem hier bietet — ift aber nicht meine Liebhaberei. 
Ober etwa mit bem Shctfdjer? Da« beabfichtigte ich gerabe ju thun, als bein 
©rwachen mich baran hinberte; ich möchte ben Äert fragen, wa« ihm einfättt, 
hier auf offener Sanbftrafee mit feinen tßferben ein SJtittag«fchläfehen S» machen." 

Diefe ®orau«fef}ung be« ©rafen fchien inbefe nicht ganj richtig ju fein; benn 
wir hörten ben $utf<her, ber non feinem ©ifc heruntergeftiegen war, foeben mit 
freunblidj aufmunternben Sorten ben Spieren jureben; jefct fam er an ben 
Sagenfdjtag. „3<h hatte ba« fiteuj über bie »räunehen gemacht", meinte er 
pfiffig, aber fein ©eficht jeugte bon einem faum überwunbenen ©raufen, „fo hat 
fie un« nicht« anhaben fönnen. ©ie freuten wot, meine »ferbdjen, aber fie 
gehorchten meinem tßfiff unb ftanben ftitt." 

Damit hatte er ficfj wieber auf feinen ©cf} gefchwungen, unb ohne recht« ober 
tinf« ju fchaueit fuhr er weiter. 

Der ©raf aber fchtog ba« genfter unb wanbte jtch bann tachenb ju mit. 
,,«©ie» h°t meine »ferbdjen angefehen, aber «fie» fonnte ihnen nicht« anhaben", 
wieberholte er perfiflirenb bie Sorte be« filitfcljerS. „SRöchte nur wiffen, bor 
weffen böfem ©lief ber betrunfene ®erl feine $erjblättchen bewahrt hat. »errüefte« 
»off hier herum! Unb ba« nennt fidj ©haften!" 

„Unb welche ©ottheit, glaubft bu, brof)te un« nach ber Meinung beine« 
Äutfdjer« in biefem SDtoment?" 

„Seife ich’«?" erwiberte er, übermüthig bie Achfeln juefenb. „3u meiner ®e= 
ruhigung fcheint «fie» wenigften« weiblichen ©efchtecht« ju fein — ich habe bon 
jeher lieber mit #ejen berhanbett al« mit ihren männlichen ®eruf«genoffen." 
Unb ba er fah, bafe ich nicht jum ©djerjen aufgelegt fei, fdjlofe er, emft werbenb: 
„Der Aberglaube ift wahrfcheinlich burch bie jahtreidjen Unglücf«fätte entftanben, 
weldhe wir ben fehlest gebauten ©trafeen ju berbanfen haben. Um jefcige Beit 
ift e« übrigen« nicht gefährlich, aber im griifjjahr, währenb be« @i«gange«, 
wenn bie bielen Abrutfcfjungen hier ftattfinben, ba mag nur jeber »eifenbe feine 
Seele ©ott befehlen." ... 

©in ©Raubet burchriefette mich, ba mir biefe lebten Sorte be« ©rafen ein* 
fielen. 3«fet war jener gefährliche Beitpunft eingetreten, unb bie« War bie Un* 
gtücf«ftette, wo bie höttifchen ©eifter nach bem »off«glaubeit ihre auSübten! 
Scharfen »tiefe« fpähte ich tu bie ÜRähe unb in bie gerne — wo War jene bon 
rothem Sicht umftoffene Dunftgeftalt, bie ich auf meiner Sinterfahrt ju erblicfen 
gemeint? Unb fottte mir jurn jweiten mal bie fettfame ©rfdjeinung werben? 


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Die Harotrianifc. 


165 


9tidjt$ Rufeergewöhnlicheä jeigte ftch weit unb breit. Sangfam unb fchwerfältig 
bewegte fid» unfer ©efäljrt ber Stieberung $u — noch wenige Secunben, unb baö 
wir jugewanbte breitfehmunjetnbe ©efid^t beS Sutfcherö fagte mir: bie ©efaljr 
ift borüber! 


II. 

3<h weilte nun bereite feit SBochen auf meinem neuen ißoften unb war rebtidj 
bemüht, mich in bem mir t>om Schidfat jur Heimat beftimmten Sanbe einjuteben: 
ein Semiten, baS nur theitweife non ©rfotg gefrönt warb. Die Stulübung 
meine# Veruf#, ber i<h mit Suft unb Siebe obtag, natjm meine gange Äraft in 
Rnfprucfj unb tiefe mir weuig Seit ju umtüfcen ©ebanfen über ba# Vergangene 
unb Sutünftige übrig; ja ba# mir neue ©efütjt ber Veranttoorttidjfeit Ijob mein 
Setbftbewufetfein unb ftä^tte ben nur momentan getürmten frifdjen Sugenbnmth. 
Subem geftattete fid) mein SBirfen in bieter Vejiehung günftiger, at# ich erwartet. 
Die Vebötferung in bem mir gugewiefenen Diftrict War jum gröfeten 2^eit ruffifh, 
Wie iefe p meiner grofeen Vefriebigung wahrnahm. Die leichtlebigen Slawen 
Waren mir, ungeachtet meiner gut beutfehen ©efinnmtg, non jeher fhmpattjifdjer 
at# ihre btonben Nachbarn, bie ©ften, beren automatenhaft langweilige VhPftbfl’ 
nomien mit bem berftedten Vtid ber wäfferigen blauen Rügen ich 

fchon in D. grünbtidj fatt befommen. Der ©efidjtöfchnitt ber SHuffen ift, wenn» 
gleich Weniger regetmäfeig, bodj nach meinem Dafürhalten anmuthenber mit feinen 
ftumpfen Sinien unb ben 3ntettigenj unb Verlogenheit oerrathenben freunblichen 
Reinen Rügen. 3rür ben Rrjt ift bor altem bie Vehaitbtung biefe# Volle# leichter 
at# bie ber ©ften, welche mit einer in anbem Sötten ju bewunbernben 9tefig» 
nation, bie $ülfe be# Slrgte# geringfehä^enb, bei jeber fdjweren ffranfheit ihre 
Seele ©ott befehlen, fidj ba# Dobtenfjemb nähen taffen unb mit einer an Sreubig» 
feit grenjenben tRuhe ben Dob erwarten. 

Ser Bluffe beftfet eine weit gröfeere Dobe#furdjt, Rammert fi<h baher aber 
audj mit alter Sähiflfeit an ben Reinften ^offnungöfchimmer, ben ihm ber Slrjt, 
ber fein rüdhalt#lofe# Vertrauen geniefet, gibt. 3Kit ©inem SBorte, bie Vebötfe* 
rung behagte mir mehr at# bie Vewohner ber ©mbachgeftabe, mit benen ich eä 
bi^h er thun gehabt. 

SBeniger tröftlidj geftatteten fid) bie 2lu#fi<hten auf ein gefeltige# Sufammen» 
leben. S^ot hotte ©raf Verfhen, ber über biefe ©egenben gebietenbe @ut#herr, 
ein geiftig noch fetjr rttftiger alter Sunggefelt, mich gleich meinem erften Vefuch 
aufgeforbert, bie Stbenbe bei ihm mit Äartenfpiel unb ^Sunfdt», wooon er ein 
Ieibenfdjafttich« Verehrer war, jujubringen: eine ©iulabung, bie bem gunggcfetlen 
jugute fam, bem fttnftigen ©bemann jeboch wenig nüfcen fonnte. Der Verfeljr 
mit bem Pfarrer biefe# mehrere Ouabratmeiten umfaffenben fi’irchfpiel# War burch 
bie grofee ffintfemung fehr erfchwert unb genügte aufeerbem meinen Rnforberungen 
nicht. Der feit 3ah r i e hnten in biefer Rbgefchiebentjeit bom SBettberlehr tebenbe 
©otteömann fowie feine gamitie waren gute, hormtofe Seute, ju einfach, ju ^arm¬ 
los für einen jugenbfrifchen, bon ber SBatftatt geiftigen Kampfe# fommenben 


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166 


llnfcrc Seit. 


SDiann, bet, ntdjt gewiflt, baS 3Hte, ©orgefunbene fo jweifetloS tjinjunetjmen, fidj 
riad) einem wiffenfdfjafttidjen (Streit fetjnt, wie eine in üppiges ©artenlanb net* 
pflanjte Jantte nad) bem Sampf mit ben if)r S33ad)Stfjum tjemmenben Slementen. 
Stotß weniger berlodenb erfdjien mit ber Umgang mit ben ©utsbeamten, bie gleidj 
iljren Untergebenen faft burdjgetjenbS bet ftaroifdjen Station angetjörten unb beten 
oberflädjtidje ©itbung bei tängerm Bufammenteben immer metjr ju läge trat. 
Stur ber görfter, Ijörte idj ben ©rafen fagen, fei ein 3)eutf<tjer, aber ein für 
jeben ©erfetjr bertorener, mit ber SBelt unb fld^ fetbft jerfaßener ©infiebler. 

3BaS id) über ben 9J?amt Ijörte, Wedte mein Sntereffe unb in tjotjem ©rabe 
audf) meine Steugier; baß id) eS trofjbem unterließ, if>n in feiner SBalbeinfamfeit 
aufaufudjen, tag Wot tjauptfäcljlidf) an bem bieten ÜJteuen, wetdjeS jeber lag mir 
bradjte, unb baS mictj batb ben alten ©onberling bergeffen ließ. 

Stuf ben langen ©erufsfaljrten burdj baS nodfj in einförmiges ©rau beS 3Bin» 
terS geljüßte Sanb tjatte id) tjinreidjenbe ©etegenßeit, über mein Stbenteuer bei 
ber erften Steife in biefen ©egenbett nadjjaubenfeit. ©ineS Slbenbs gefepat) es, baß 
id) audj im §errent)aufe jenes unerftärtidfje Steifeßinberniß erwähnte. 5)er atte 
©raf, ber mir aufmerffam jugetjört, tadjjte fjatb berbrießlidj bor fidj tjin unb 
meinte, naeßbent idj geenbet: „5)ie Suft in biefem berftudjten Sanbe muß anfteden, 
baß Sie, ein fo bernünftiger SJtann, auef) fefjon anfangen am f)eßcn tickten Jage 
©efpenfter ju fetjeu." 

55er ©erwatter unb ber Snfpcctor Ratten bie Äöpfe jufammengeftedt unb teife 
ruffifdj gefprodjeu, worauf ber alte $err, auff)ordf)enb, tjinjufügte: ,,5>adjt' idj’S 
bodj! 5aS ift wieber Sßaffer auf euere SRütjte —", unb fidj ju mir wenbenb: 
„3Jtan behauptet nämtidj, bie berfwmpfte ©egenb, bie fidfj bon tjier aus weiten» 
weit an bem tinfen Ufer ber Starowa Ijinjieljt, fei nidjt geheuer — ein böfeS 
SBefen — ift eS nidjt fo, itjr Herren?" 

„53 ie Starowanije", beeilte fief) ber gnfpector einjufdjalten. 

„Süchtig; bie StaroWanife treibe bort it)r SBefen unb lode jäljrtidj ein Dpfer 
in itjr fdfjmujigeS, fdjtammigcS fReidfj ..." 

„Unb was benfen ©ie barüber?" unterbrad) idfj it)tt. 

„5aß eS ein etwas unfaubereS Vergnügen ift, biefer Sodung ju folgen", aut» 
Wortete er gut gelaunt; bann aber, mit einem fdjneßen ©tid auf bie ernften ©e= 
fidfjter feiner Umgebung, fdjtoß er ärgertidf): „Unfinn, 5>ummljeit! ®er Siebet, ber 
fidj über biefen gottbertaffenen Sanbftridfj bider t)inwätjt als über unfere anberu 
neöetreidjen Jriften, ber Wot ab unb ju ein Jjjier fdjeuen mad)t, baß eS, bie 
©traße berlaffenb, fidfj in bem grunbtofen Jerraiit berliert, ift ber Urheber aß 
biefer berrüdten £irngefpinfte —! aber mit ber Summtjeit fämpfen ©ötter fetbft 
bergebenS!" 

„5>ie Suft in biefem berftudjten, bon Slbergtauben gefdfjwängerten Sanbe muß 
anfteden", murmelte id) wieberßotenb bor mid) tjin; t)ätte id) bod) bamatS fetbft 
barauf gefdfjworen, aus ben bitten Stcbetmaffen eine bon langem .jpaar umfloffene 
weibtidjje Stiefengeftatt auftaudfjcn ju fetjen. greilicß War bie ©ifion fo ftüdjtig 
gewefen, baß i^ meinem Äameraben unb Steifebegteiter rec£(t geben mußte, ber 
bie ©tfdjeinung in baS ©ebiet ber fpaßueinationen berwieS. 


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Die Haronxxniyc. 


<67 


III. 

©in heimliches SB erlangen erfüllte mid), gerabe biefen „gottberlaffenen 2anb= 
ftrid)", beffen ber ©raf ernannt, ju burdjforfcfien; bodj mußte ich meine Steugier 
woljt ober übet ju unterbrüefen fu^en; benn für einen ber ©egenb Untunbigen 
mar eS nicht ratsam, fidj allein auf bieä tücfifdje Üerrain ju mögen, baS unter 
ben Süßen megjugteiten feiert mie eine bredjenbe ©isbeefe, unb bergebenS ßatte 
icf) mich nach einem Süfjrcr ober ^Begleiter umgefeljen. $ie Säuern, benen ich 
ein für fiiefige Segriffe enormes Xrtnfgelb in SluSfidjt geftellt, mieten beharrlich 
in abergläubiger ©eßeu üor ber Serfucfjung, bie ber papierene ®rei=9tubetf(ßein 
in fich barg, jurücf. Seine SDtadjt ber SBett hätte fie öermodjt, in bie berrufenen 
©aue einjubringen. „©elbft ber Schiffer, ber mit feinen ßoljbelabenen ©trafen*) 
bie Staroma burtfjflößt", fo erzählten fie mir, „betreujigt fiel) unb menbet fein 
Stuge meg bon bem berljejten Ufer...." Unb als icf) barauf berfudjte, einen bon 
ben gräflichen Seamten für mein SBanberproject ju intereffiren, meinte biefer, furj 
abmeifenb: biefiuft bort fei bon fchäblidjen SJtiaSmen erfüllt; eS tjabe feiner Suft, 
einer phantaftifdjen ©aprice megen fi<h ben SpphuS, ber bor jeljn Sauren biefe 
©treefen fo furchtbar beröbet, ju hole« — mit anbent SBorten: bie Seute, bie fo 
gern mit ben auf ber näcfifteu ©oubernementsfehute ermorbenen lücfenhafteu Sennfc» 
niffen prahlten, bermoeßten hoch ben ihrem Siatureß eingeimpften Slbergtauben fo 
menig ju überminben als ihre fo feljt über bie Stchfetn angefehenen, faum mit 
ben bürftigften ©lementarbcgrtffen bertrauten Untergebenen — unb ich blieb, mottte 
ich bie erfehnte Sjcurfion antreten, auf mich fdbft angemiefen. SBäte mir burch 
bie arbeitsooßen SEBochen, bie jmifdjen meiner Slnfunft unb bem |>eute lagen, ber 
SJiaun nicht fo bollftänbig aus bem ©ebädjtniß gefdhmunben, fo hätte ich eS mol 
noch mit bem görfter berfucht; hoch biefe halb mpthifdje Sßerfönlidjfeit, bie fid) nur 
am erften jeben SWonatS, mie ich fpäter erfuhr, im £>erreuf)aufe jeigte, um bem 
©rafen über feine ®ljätigfeit unb ben Seftanb ber SBälber Seridjt $u erftatten, 
fam aus bem mehrmals angeführten ©runbe für mich nicht in Setracf)t. 

®er Srfihling mar injmifchen mirflich eingejogen, ber Slpril ttbermunben, ber 
erfte SJtaimorgen hämmert herauf. 

©in fettfameS ©efüljt überfommt mich bei bem ©ebanfen an bie ruhig burch= 
fchlafene Stacht — bie erfte feit fo unb fo biet ^aljren. Unb mährenb ich bie lebten 
Xräume bon ben ßibern fchüttele, jießen bie bergangenen äJtainädjte an meinem 
geiftigen Stuge borüber, bie ich als ©tubent mit ber ganzen afabemifchen Sugenb 
nach altherfömmlichem Stauch auf bem ®omberge bercommerfirte. SBBir bier ßanbS» 
mannfehaften, an bie $unberte ftarf, in ©ruppen Ijingelagert an bem fteil abfaUenben 
graSbemachfenen $ange unterhalb ber ehrmürbigen ®omruine, bie, an bergangene 
glorreiche Seiten gemahnenb, ernft unb erhebenb auf uns, bie ©pigonen, nieber= 
blieft. Stuf bem ©runbe ber fteilen Söfchung, bemodht bon ben Slbgeorbneten ber 
gefammten ©tubentenfehaft, lobert bas heilige SJtaifeuer, genährt burch bie ©djmeßen, 


*) Sine »rt glöße. 



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Googk 



168 Unferc 5 e ^* 


3äune unb genflerläben ber junäcbftliegenben ©ebäube, welche bie Südjfe jubelnb 
berbeifdjleppen. äJtuntere Stubentenlieber fallen herüber unb hinüber, unb ba= 
jtoifcben fteigt mancher emfte feierliche ©borgefang ju bem nächtlichen £>immel 
empor, t»or allem ber erljebenbe SBeibgefang bei beutfcben ©urfcben: „ffienn ßraft 
unb 2Kutb in beutfcben Seelen flammen", unb fobalb ber zwölfte ©locfenfdjtag 
ben anbred^enben 1. 2Jtai tierfünbet, ba tönt e£ braufenb aul all ben jugenblidjen 
lebten, bal alte beliebe 2Jlailieb: „Ser 2Rai ift gefommen, bie Säume febtagen 
aul", unb bal Sieb, fi<b an ben jerbröcfelnben dauern ber Somruine breebenb, 
ballt taufenbfacb oerftärlt b>nab äber bie Heine febtummernbe SJtufenftabt, roeeft 
ben jäbeften ißbilifter aul feinem gefegneten Schlafe, baß er ben ftopf laufebenb 
jum Senfter binaulftecft, an feine eigene Sugenbjeit bentt, an bie 3eit, ba auch 
er begeiftert bafiir gefebtoärmt, für bal in bumpfer ©eiftelfeffel febmaebtenbe beutfebe 
©aterlaub „in Stampf unb Xob ju geben". Unb bie ©tagen bei (Embach tragen 
bie feierlichen Säue binaul in bie Sanbe, um ben noch in ben 9lacbf<bauem bei 
ruffifeben SBinterl febmaebtenben baltif<ben ©robinjen bie Sunbe ju bringen: „Ser 
9Jiai ift gefommen!" 

Sal ift ber 3auber ber erften ÜRainacbt, ber bom (Gipfel bei ©rocfenl hinüber 
ium Dftfeegeftabe toebenbe ©ruß bei beutfcben ©eiftel. 

Sal aßel jiebt mir bureb ben Sinn, unb icb ftarre b<naul in bie tbaufrifebe 
ÜRarotoanieberung. @1 toirb mir fo eigentbttmticb ju SRutbe, i<b fühle, baß icb 
biefen Sag nicht in berfelben ÜRonotonie binbringen fann Wie bie übrigen 364 bei 
Sfabrel. ©eftern 2lbenb batte ich mir borgenommen, beute, all an einem Sonn= 
tage, hinüber in bie Kirche ju fahren unb ben Sag in ber ©aftorenfamilie 
jujubringen. 3efct fam mir bie 3bee fo abfurb bor, baß ich unmiQlttrticb laut 
auflacbte, toorauf ich erftaunt im 3immer umberblicfte, mer fi<b fo frech unb 
böbnifcb über mich luftig ju machen erbreifte. 

3cb f(bellte meinem ffactotum unb befteDte ben ©tagen ab. Sann meine Slinte 
umtoerfenb, pfeife ich Sfcbort, meinem ©talflbunbe, bem treuen ^Begleiter auf all 
meinen einfamen gabrten, unb gebe jur Slarotoa hinunter auf bie (Entenjagb, Wie 
ich bem mir fragenb nacbblicfenben ©urfcben furj jurief. 

Stuf bem bünnberaften (Erbboben lag trofc ber b oc b am Fimmel ftebenben 
Sonne noch eine bfinne 9teiff<bicbt unb gtißerte jerfließenb in ben toarmen Strahlen, 
bie mie fpielenbe Sinbet neefifdj barüber binbafteten. 

Sie SRarotoa lag ftiß ba mie ein großer See, bei ber frühen Sfabreljeit noch 
bon feinem fjrabrjenge belebt. 9Ran fann an biefer Stelle bal jenfeitige Ufer nicht 
erbliden; ein langer braungrauer Streifen jtoar befäumt brüben ben gluß, boeb 
bal ift nur eine ber großen bon Siebten, ©irfen unb fettfam berfrüppelten am 
©oben binfrieebenben liefern bemaebfenen SRarotoainfeln. 

©Sie ich jum gluffe binabfomme, fteigt aul bem frifebtreibenben biebten ©eftrüpp 
mirflicb eine Äette ©Jitbenten auf, bon Sfdjort mit mütbenbem ©efebrei berfolgt, 
ber ftcb halb in bem bichtbermachfenen SRiebergebölj berliert unb trof) mehrmaligen 
©feifenl nicht jurüefjubringen ift. Sal ärgert mich, unb ich fcb»anfe febon, ob 
el nicht boeb, ba fetbft biefer lebte ©enoffe mich treutol berlaffen, geratener fei, 
umjufebren ... aber bie Sonne locft gar fo freunblicb unb bor mir liegt in ber- 


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Die ZTarotDanire. 




ffihrerifchem grühling«morgenfchimttter ba« „öer^ejte Sanb". 3<f) freite alfo, 
meinem guten Stern unb ben nmfferbidjten bi« über bie ®nie Ijeraufreidjenben 
Suchtenftiefetn Bertrauenb, tapfer Bormärt« über ben tion fteifen ©ra«büf<heln unb 
fno«penbem biefbtätterigem ©feitfraut bärftig bemadfjfenen Sumpfboben, auf Wettern 
bie Xritte ungeljört »erhallen unb ich jutoeilen bi« an bie ®nie in bie falte grün* 
fdjtammige ©rbfdjidht einfinle, bie mich, auffprifjenb, t>on unten bi« oben befchmujt. 
SBa« tljut’«! Einmal »erbe ich fo menigften« ba« geljeimnifteotle Terrain ber 
Staroteanije bei nüchterner SRorgenbeleifchtung fritifch burchforfdfjen. 

SBa« fie mol oben im §errenf)aufe ju meiner maghalfigen Gjpebition fagen 
mürben? unb — meine ©raut? — ®er ©ebanfe an fie Dermirrt mich, unb ich 
lege bie nädjfte SBerft gebanfenBott, Bor mich nieberbtiefenb, um burdh feinen 
Fehltritt ba« mir nicht mehr allein gefjörenbe Seben in ©efahr ju bringen, faft 
medhanifdh jurfief. 2tllmähti<h fällt mir auf, bafj ber ©oben unter meinen Süfjeit 
fefter mirb, unb bie Staroma, bie ich bisjefct jurStedljten gehabt, höre ich beuttich 
öon linl« burch ba« niebere ©eljölj hinburdhrauf^en — ich muffte mich auf einer 
Slrt non ^albinfel befinben. $)ie« überlegenb, fchlage ich Borfidhtig bie Berborrten 
ftrauchartigen garrnfräuter jurücf, bie mir ben Slu«blicf Berte ehren, unb ftehe 
mirffich, mie ich Bermuthete, auf einer fanbig au«taufenben fchmalen Sanbjunge. 
Sint« bilbet ber gtujj ein tief in« Sanb einfcfjneibenbe« flareS ©eefen, auf beffen 
©runbe man ben mufdhetreichen Sie« burchfdhimmem fieht; ein Sranj Bon auf* 
fdjiefjenben ©infen jieljt fich, bie ©ucht abfdhliefjenb, Born gegenüberliegenben Ufer 
ju bet Sanbfpifce, auf ber ich mich befinbe, herüber, mährenb bie ©udht felbft, Bou 
allen SBafferpflanjen frei, mie ein jum ©aben eintabenbe« ©eefen baliegt, ma« 
midh auf ben ©ebanfen bringt, baff äJtenfdhenljänbe hier bie Slrbeit, ba« SBaffer 
Bon Schlamm unb Unfraut freijuhatten, Boübringen. Unb mie ich n0( h Leiter 
Bortrete — ba.— ich fahre mit ber §anb über bie Stugen — ift ba« mieber eine 
Sinne«täuf<hung?! — Stein! $a« Silb bleibt unBerrücfbar baffelbe: auf einer 
fnorrigen über ba« SBaffer herüorragenben SBurjet fifet eine meiblictje ©eftalt. 
Sie menbet mir ben Stücfen ju, unb ba« üppige branbrothe §aar, ba« in biefen 
Strähnen Bon ihrem $aupt herunterhängt, Berbecft bie Gontouren be« Körper«. 
Sofe 3tt>eige Bon frifdhgrünen jungen Sichtentrieben h e &en fich in grellen garben 
Bon bem lenchtenben $aar ab; e« thut bem Stuge faft meh, biefer fchroffe ©egenfafj. 
®ie naeften meinen güfje fpielen, al« fpürten fie bie Sälte nicht, in bem flarett 
SBaffer, unb ber ebenfo blutlofe naefte Slrm hält ba« grobe SBoßenfteib über ber 
©ruft jufammen. Seht täfjt fie fich öon ihrem Si|} h er niebergleiten, ben furjeu 
9?ocf, beffen Saum bie Oberfläche be« SBaffer« ftreift, feft um bie £>üfte fchiirjenb. 

Sch fehe mie gebannt bem eigenartigen ©etriebe ju — ba alfo mar fie, in 
greifbarer SBirflidfjfeit, nur burch einen fchmalen, fchnell burdhmeffenen SBafferftreifen 
Bon mir getrennt, bie munberbare Staroroanije! SBenn nur ber günftige 3ufatl, 
ber mich hierher geführt, ber ©ott be« 1. SDtai, mich ihr Slntlifc fehen lieg! 

©in ©raffeln in bem ©eljölj hinter mir, unb mit lautem ©ebeß ftiirjt 
Xfchort, ber nach ber uergebtidhen 3“gb meiner gäljrte gefolgt, auf mich jn. 3« 
gleicher 3«it h°Üt ein taut auffreifchenber Schrei ju mir herüber, unb mie ich, 
ba ich mich untoiüfürlich nach Xfdjort umgefehen, mieber aufblicfe, fehliegen fich 


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*70 


Unfere £ett 


bie jurücffchlagenben 8meige hinter bet mie oon bet Erbe berfchlungenen ent* 
fliehenben diije. 

®er Eifer, mit bem ich, meinem oerrätfjerifchen greunbe pfeifenb, mich auf bie 
Serfolgung bet Entfdjmunbenen begab, mürbe mol fdjmerlich ben Scifad meinet 
geliebten Staut errungen hoben. "3n meniger alß fünf dRinuten £>atte ich bie 
Sucht umfreift unb ftanb an bet Stelle, mo oorhin meine dtajabe Xoilctte gemalt. 
9m Ufer fanb ich ein ißaar auß Sirfenbnft geflochtene minjigc Pantoffeln; ich 
nahm fie als fßfattb p mit unb geroahtfe nun, fcharf um mich blicfenb, einen 
niebergetretenen fßfab, bet laubeinroärtß führte. 

Xfchort, ber mieberholt laut bedenb an berfelben Stelle hin* unb herrannte, 
burch ein dRachttoort an meine gerfe gefeffelt, folgte mibermidig fnuttenb unb bie 
lange Schnauze fdjnüffelnb in bet Suft hin* unb hetmenbenb, meinem Sefeljle. 
$ie Uebettafchungen fchicncn heute fein Enbc nehmen p moDen. 3dj hotte faum 
menige Schritte prücfgelegt, als mir bei einet Siegung beß dBegeß eine ©eftalt 
entgegentrat, bie mich unmillfürlich an bie in meiner Äinbheit gelefenen Sagen 
non 9tü6ejaht erinnerte: ein ungemöhnlich grojjer dRann mit lang herabmadenbem 
eisgrauem Satt, ebenfolcfjem mirrem, jerpuftem Haupthaar unb bufdjigen grauen 
Augenbrauen über ein paar heden fcharfen Augen. 8« ber neroigen gauft einen 
altertümlichen blanfen tpirfdjfänger, beffen Scheibe an einem mißfarbenen Seber* 
gurt an feiner Siechten nieberhing, frug er mich in ruffifcher Sprache barfch nach 
meinem Segefjr. 

®cr dRann fprach baß IRuffifch, objmar geläufig, hoch mit unoerfennbar frentbem 
Accent. 3h n für einen Eften p holten, märe mir nicht einen Augenblicf in 
ben Sinn gefommen; bie freie heraußforbernbe Haltung beß ©rcifeß fprach bagegen, 
ebenfo fein Sart — benn ber Efte entfernt forgfältig jebeß Sarthaar auß feinem 
©efidjt — ich mar fofort überzeugt, bem einfieblcrifchen görfter gegenüberpfteljen. 
dReine Entgegnung erfolgte baher in beutfcher Sprache. ®aß ©eficpt beß Alten 
hedte fich auf; gleich barauf aber pgen fidf bie Stauen mieber finfter pfammen, 
ba er, fich uun ebenfadß ber beutfdjcn Sprache bebienenb, in bemfelben brohenben 
Sone fortfuhr: 

„33aß hoben Sie bem dRäbel angetljan, $err? 3Bo ift fie?" 

$aß ganje 3oubergebilb, meldjeß fich meine fßhontafie in ben lebten dRinuten 
erraffen, fanf bei biefen SBorten beß ©reifeß in dtidjtß pfammen. 3<h mag ihn 
mol auch einige dRomente recht oerftänbnifjloß angefehen hoben; benn er fuhr, ben 
Äopf fchüttelnb, ruhiger fort mit feiner mie auß einem tiefen Äeder heraufflingenben 
fnarrenben Stimme: „Sinb Sie, junger £>err, auf bem SBege baher feinem roth* 
haarigen dBeibßbilb begegnet?" 

8<h antmortete bejahenb unb erjählte barauf in Äürje baß ganje eben erlebte 
Abenteuer. 3ur Seglaubigung holte ich bie gefunbenen Sontoffeln auß ber Xafche 
meineß glaußrocfeß hcrüor unb reichte fte ihm. 

Er hotte mir fdjtoeigenb pgehört, ohne mich burch irgenbeine grage p unter* 
brechen, manchmal ben Sopf fchüttelnb, bann mieber mit einem eigentümlich 
finftcnt Slicf p ben fich über unfern Häuptern oerfdjlingenben Saurnmipfeln hinauf» 
ftarrenb, burch welche ber £>täutic^»t(cüe, beinahe farblofe Fimmel h^nieberlugte. 


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Die ZTaronxmije. 


\n 


Slls idß geenbet, meinte er, bie Pantoffeln, naeßbem er fie flüchtig angefdßaut, 
in feinen SHorf fdßiebenb, Wie p fieß fetbft: „’S finb ber SBalpurgiS ißre", unb 
mit einer bei feinem raußen Steu&ern befrembenben SBeicßßeit fügte er ßinp: 
„SIrmeS 3)ing! SBirb fieß bie güfje Wunblaufen auf bem garten ©oben.“ 

@r grüßte ftumm unb wollte an mir oorüberfeßreiten — bann festen er fieß 
auf etwas p befinnen, unb fieß p mir umwenbenb, fagte er: 

„SEBoffe ber $err nur einftweileit ba in meiner Ätaufe fürliebneßmen, icß fomnte 
gteieß prüd“ — Worauf er mit mädjtigen Stritten tiefer in ben SBatb ßineinging. 

„3n meiner Älaufe", baS war leidet gefagt! 3<ß feßaute mieß um, fonnte aber 
teine menffließe ©eßaufung entbeden. ®odß tag bie ffiermutßung naße, baß ber 
pr üftarowa ßinunterteitenbe gußfifab in ber entgegengefeßten Stiftung pnt 
3?örfterßaufe füßre. 3<ß feßte alfo, oßne ntieß lange p befinnen, meinen 2Beg 
fort, neugierig, wie fieß bie ©efeßießte weiter entwideln Werbe. SRadß wenigen 
©eßritten bereits bemerfte icß, wie ber SBalb um midß tidßter Warb, niebereS 
©traueßwerf unb oerfrüppelte ©aumformen waren auSgeßoljt, unb nadß etwa fünf 
Minuten trägen SaßinfcßlenbernS lag bidßt oor mir auf einem fleinen SluSßau 
baS einftödige ©lodßauS, mit biden ©irfenfdßalen gebedt, auf beiten SDtooS unb 
SBatbblumen ben Sampf umS ®afein füßrteu; baS ®acß ragte Weit über bie fleinen 
quabratförmigen genfter ßerbor, unb über ber niebem Xßür prangten bie riefigen 
©Räufeln eines ©tdßgeßörns. ©in fdßntaleS ©tüd ©artenlanb pg fteß tief in ben 
SBalb ßinein, frifcß umgeßadt unb pm Sßeit fdßon neu beftellt. ©cßaufel unb 
©rabfeßeit tagen, offenbar eilig ßingeworfen, inmitten beS ßinburdßfüßrenben breit» 
getretenen ©angeS. ©ermutßlicß ßatte ber Sitte ba gearbeitet, als ißn ber Stngftruf 
beS SBeibeS aus feiner rußigen ©efdßäftigung aufgefeßredt. 

3m Innern beS £>aufeS naßm, wie mieß ber erfte ©lid beleßrte, bie ffiidße 
ben ^aupträum ein. Sin ben SBänben berfelben ßing in Meißen baS buntgematte 
ruffifeße ^oljgeftßirr unb eine Slnpßt ber furjgeftielten golbgetbtadirten 4?oljlöffel, 
aus benen unfere Sanbteute ißre üRaßljeit oerpßren; benn an einem metallenen 
Söffet würbe man fieß ja ben SRuttb oerbrennen, meinen fie. ©in niebriger ©las» 
feßranf mit gelbtidßer unanfeßntießer ruffifdßer gaßence naßm ben ©ßrettplaß, ber 
2ßür gegenüber, ein; alles jeugte oon einer gewiffen SBoßlßabeitßeit, wie mau fie 
faum unter äßnlicßen ©erßättniffen in einem ruffifeßen ober eftnifeßen fpaufe 
finben bürfte. 

3<ß ßatte midß, biefen ©etradßtungen uadßßängenb, auf bie ©anl neben bem 
#erb gefeßt — bis icß ben feßweren $ritt beS görfterS näßen ßörte unb bem 
ßommenben entgegen auf bie ©cßwelte trat. 

@r feßüttette mir jeßt treußerjig bie £>aitb, pg mieß barauf wieber auf bie 
©an! nieber, unb auS einem plump gearbeiteten eießenen ©cßranfe eine ©cßnitte 
©rot unb ©atj ßeroorßotenb, reießte er mir naeß SanbeSfitte bie ©ewiHfomntnungS» 
gäbe, bie wir beibe fdßweigenb oerpßrten. 

fRaeßßer Würbe er gefpräeßig. @r freute fidß offenbar, einen SanbSmann üor 
fteß p ßaben, mit bem er wieber einmal in feiner SDtutterfpradße reben fonnte. 
„®ie glauben nießt, $err“, meinte er, „wie man fidß beS Umgangs mit äHenfcßen 
entwößnt. $aS ©otf ßier ßerum", er pigte mit bem Räumen oeräcßtlicß über 


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\12 


Unforc ^cit. 


bie Stulter, „ift für mit nitt mehr merth ab? ba? Sieh; ja meine $unbe ftnb 
mir lieber, mir öerfteljen un? beffer." ®abei Hopfte er bem ju ihm aufblicfenben 
Stüben — ben Spröjjting einer fettenen Stoffe, ben' ihm fein #err, ber ©raf, t>or 
Sauren mit t>on feinen Steifen gebracht — jutrautit auf ben f(planten Äopf. 

SJtein Xftort mar braufjen oor ber It)ür geblieben, ba er, teine gefeüige 
Statur, fidj burtau? nitt mit feinem ©oflegen befreunben motlte. 

„Unb mie halten Sie ba? Seben in biefer ©infamfeit au??" fragte idj, be* 
gierig etma? über ba? rätselhafte SBefen ju erfahren, ba? boch offenbar in näherer 
Schiebung ju bem Sitten ftanb unb beffen gleitmot niemanb auf bem ©ute 
ermähnt hatte. 

„Stun", meinte er, mit fc^arf mit feinen hellen 2falfenaugen fifirenb, „fo gar 
einfam iff? halt nicht. ®ie jmei 2Beib?Ieuf, menn fie auch, ®ott fei’? gebanft, 
nicht fo biet ftmäfcen mie anbere ihrer Slrt, bringen fchon etma? Seben in? $au?" 
— unb nach einer ©aufe fügte er hinju: „3t hätte bem $errn gern einen 3“*’ 
bifj toorgefefct; aber bie Sitte ift feit Sonnenaufgang fort in bie ßirche — '? iff 
ber SBalpurgi? ihr Stamen?tag —, unb fie mollt’ ba? SJtäbel burchau? mit haben. 
Slber bie ift nach mir geartet" — er lachte lurj unb rauh ou f — »fie h°t fein 
grofje? Zutrauen ju benen ba broben..." 

„©in ftöner, echt germanifchcr Slame: SBalpurgi?", bemerfte ich leichthin, in 
ber Hoffnung, ba? ©efprät bei bem mich intereffirenben ©egenftanbe ju erhalten. 

„|»m, ein heibnifcher Stame", entgegnete er, furj abbrechenb, unb fah mieber 
mit bemfelben eigentümlich finftem ©lief in? Seere, ber mir bei meiner ©rjäljtung 
öorfjin im SSalbe an ihm aufgcfatlen mar. 


IY. 

®iefe eben erzählte ©egebenheit bitbete ba? erfte ©lieb einer Steilje gemüth* 
lieber Slbenbe, bie ich < m SBatbhaufe jubratte. SBir gingen ber 3eit ber fallen 
Stätte entgegen: ein Umftanb, ber meine Stbenbpromenaben nach ber abgelegenen 
STaufc be? Sitten mefentlich begünftigte. Slufjerbem tarn e? mir ju ftatten, baff 
bie öorfchreitenbe 3ah r *^eit bie jum arg oerfumpften Strafen mieber meg= 
bar gemacht unb fo ben ©erfehr mit ben benachbarten ©ütern ermöglichte, fobafj 
ber ©raf meine ©egenmart an feinen Spielabenben nicht oermifjte. 

3t hatte injmiften aut f° manteö über ben Sitten unb „bie beiben 3Beib?= 
leute" in ©rfahrung gebratt. 3t mufste nun, baff ber görfter al? rüftiger, etma 
oierjigjähriger SJtann mit bem ©rafen au? ©eutftlanb hierher gefommen mar. 
©r bratte eine ätttite grau unb ein fleine? faum einjährige? ®inb mit, beffen 
abftreefenbe ^päßlictifeit, oerbunben mit bem Dom ©otfe at? feiten ber ©o?heit 
oerabfteuten rothen fpaar, nitt baju angethan mar, bie Zuneigung ber fonft 
finberfreunbtiten Stuffen ju ermeefen. ®ie Slnfömmlinge lehrten fit übrigen? 
menig baran. Sobatb al? thunlit bezogen fie ba? mitten im SSalbe gelegene, auf 
ftrengen ©efehl be? ©rafen genau nat ber Slnteitung be? neuen fjörfter? erbaute 
|)äu?ten unb fümmerten fit fo menig um bie Slufjenmelt mie biefe um fie.| 


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Die Haronxmije. 


173 


®ie alte ©arbara — ob biefelbe in irgenbweteben oerwanbtfcbaftlicben 99e= 
jiebungen pm görfter ftanb ober nur beffen Wienerin fei, tourte niemanb — fant 
ab unb p ins Herrenhaus, ficb bie beftimmte Station ©rot, gteifeb unb anbere 
SebenSmittel, welche alle Seamten üon bort geliefert erhielten, abphoten; aber 
fie batte ein ftitteS, ftreues SBefen, erlernte aufjerbem nie bie ihrer gunge fernere 
rufftfe^e (Spraye: fo nmr aus ihr nicht biet ljeraugjubefommen. 

Heber baS ffinb wufjte man nodj toeniger. ©inige Hotjbänbter, bie baS 
SJläbcben flüchtig oorüberbufebenb im SBatbe angetroffen, oerficberten, bafj fie fo 
weifj auSfebe „toie geronnene 2Ritöj", unb baS |mar mit ben Sauren auch nicht 
bläffer geworben fei; Woraus man febtofj, fie febeue ficb, ihres abf^redenben 
Steufjem wegen nnter bie SDienfdjen p fommen. $afj fie mit böfen ©eiftern im 
©unbe ftelje, War ausgemacht. SBar fie botb, Wie bie atte ©arbara einmat er» 
wähnt, in ber SBatpurgiSnacbt geboren, unb ihre SJtutter war im SBocbenbett 
geftorben: bem finftem 3lbergtau6en biefer ßeute nach lauter fdjtimme, Unbeit 
bebeutenbe ©orjeicben für baS arme junge SBefen. 

®iefe buntetn ©erüebte Waren bie Urfatbe, bafj jeber ficb hütete, bie Stäbe ber 
fdjeuen SBatbbtume p fueben, unb baber (am eS, baß biefetbe, nur Wenige SBerft 
oon ben SBobnungen ihrer SJtitmenf^en entfernt, fo nngefannt unb weltfremb pr 
Jungfrau berangebtübt War. 

©o mittbeitfam ber görfter mir gegenüber geworben, je öfter Wir uns faben, 
fo hotte er bo<b über biefen 5f?un!t noib nie ein SBort Oertoren, unb ich Wagte e$ 
nicht, baoon anpfangen. SBatpurgiS fetbft hielt fi<b mit einer mir unbegreiflichen 
©onfequenj oom £aufe fern, fo oft fie mich bei ihrem ©ater bermuthete, fobafj 
ich nadbgerabe bie Hoffnung, fie jemals bon Slngeficbt p Stngeficbt p feben, aufgab. 
Die atte ©arbara hingegen, Welche ganj allein ber Keinen SBirtbfcbaft borftanb, 
batte ficb bon Slnfang an febr ptrauticb gegen mich gezeigt, befonberS feit ich 
ihre febwäbifeben „Spähte unb knöpfte" getobt; aber auch fie hotte nie ein 
SBort über ihre junge Herrin bertoren, in beren fonberbarem SBefen fie, bureb 
©ewobnbeit unb $eit bomit bertraut, nichts StuffattenbeS p fiiiben febien. 

3cb batte mir lange oergeblid) ben ®opf barüber jerbroeben, welcher 3ufatt 
ben görfter aus feiner febwäbifeben Heimat an ben Starowaftranb berfebtagen, unb 
mir nach unb nach aus bem ©ebörten unb meinen eigenen ©eobaebtungen eine 
©efebiebte preebtgetegt, bie ficb fpäter freilich, wie es bei bertei Kombinationen 
p gefebeben pflegt, ats boüftänbig fatfeb b«ouSftetlte. 

3eb wufjte, bafj ber ©raf in ben breiiger 3obren nach Deutfcblanb gegangen 
war, um ats ©tubent ber b«ibetberger Uniberfität in ber braufenben ©ärung ber 
bureb bie ©urfebenfebaftsbepe aufgeregten ©emütber „aus boltem Herjen mit brein» 
pfebtagen" — bieS waren feine eigenen SBorte —, wufjte, bafj berfetbe, ba er ficb 
in feinem jugenbticben Uebermutbe teiebtfinnig in baS wettbewegenbe 9teöolutionö= 
getriebe bineingeftürjt unb ficb potitifcb arg compromittirt batte, eines JageS unter 
fatfebem Slamen gtücfticb bureb baS potipibeWacbte beutfdje ßanb unb Wieber 
über bie ©renje gefommen war, unb jwar oom görfter unb bem Stnbang beffetben 
begleitet. SRan folgerte barauS, unb auch ich febtofj mich biefer ÜReinung an, bafj 
ber görfter ebenfalls ein potitifeber gtü^tting unb ©efinnuugSgenoffe beS ©rafen 


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Unfere ^ett. 


m 

getoefen, unb bec teuere bern Dbbachtofen famerabfchaftlich bie £anb geboten, um 
ihm auf feinen ©ütern eine forgenfreie ffijiftenj p grünben. 

Me biefe äRuttjma&ungen mürben pnichte, ba idf aus beS fremben SJtanneS 
eigenem SOtunbe ben wahren ©runb feiner £anbe£f(udjt erfuhr. 

©ineS StbenbS — mir hatten einen fernsten lag gehabt, ein ©ewitter hing 
in ben Süften — fomme ich früher als gewöhnlich p meinem alten Sreunbe unb 
finbe iljn auf feinem ßieblingSplafce, einem rolf behauenen mächtigen |>oljblocte, 
unmeit feiner SBoljnung. 2)ie §änbe ineinanbergeframpft, als gölte es, einen 
innern Slufrupr p bef cf) wichtigen, ftarrt er bor pcfj hin, mir gerabe ins @eficf)t, 
boch offne midf p fehen, mit jenem graupgen ftieren ©lief, ber mieff fo oft an 
if)m frappirt. 

3<h fünfte eine grope Steigung in mir, mieber umpleffren, allein baS ÜDtitteib 
mit bem einfamen ÜDtanne überwältigte baS in mir auffteigenbe ©rauen. 3$ trat 
baffer näher unb rief ifjm freunbfich meinen Stbenbgrup p. 33a fährt er in bie 
£>öl)e, als fei er aus einer anbern SBett in bie ©egenmart prüefgerufen, unb midf 
beim Mm paefenb, bap idj benfe, bie Sitochen mäffen unter bem eifernen ©riff 
jerfplittern, fagt er bumpf: „3)octor, ich Ifabe eine Srage an ©ie unb befchmöre 
©ie, antworten Sie bie 2BaIjrf)eit, offne Stficfhalt — Ijören ©ie?" 

@r freien pch jefct erft beS ©onberbaren feines 93etragenS !lar p werben; benn 
er hielt ferner atlfmenb inne, als pnnge er pdf, ruhiger p merben, beoor er 
fortfaffre. 33ann, midf p fidf niebetjiehenb, begann er non neuem mit einer 
Stimme, ber'man bie mülffam errungene ©elbftbetjerrfd)ung anljörte: 

„3)a brinnen", er fdflug pch mit ber Sauft gegen bie ©tim, „ba wühlt es 
fort unb fort — ein unermübtidfer SBntm, ber mein ßebenSmarf jerftört — 
baS pnftere graufige ©efpenft, baS halb nälfer, bafb ferner pdf jeigt, aber niemals 
ganj berfchroinbet. ©in 2Jtann fott alles ertragen, maS baS @tf)icffaf iffm Schweres 
auferfegt; biefe entfepliche Ungetoipheit aber ift mehr, als ein SRenfcf) p tragen 
Oermag, unb füllten 3h f e SBorte auch bie furchtbare Mutung beftätigen — ich 
mitl mein llrtffeil hören..." 

3>ie innere XobeSangft feuchtete peberifdf aus ben auf midf gerichteten Singen, 
bie fid> mir in bie Seele bohren p wollen fcfjietten. 

„Sagen ©ie mir, $octor — aber umS Rimmels witfen, taffen ©ie pdj nicht 
bnreh umtüfceS SRitleib berleiten, mich 5« belügen — fagen ©ie: ift SBalfnfinn 
erblich?“ 

3ch fuhr, auf biefe Srage nicht borbereitet, entfett prücf. 

„©tauben ©ie, bap SBahnfinn erblich ift?" mieberhotte er, feine Stimme noch 
mehr fferabbrüdenb, bap eS faunt hörbar an mein Dpr flang. „fpaben ©ie S3arm= 
herjigleit, ®octor, unb antworten ©ie!" 

2Jtir mürbe ber SJtann immer unheimlicher. töepg fich biefe Stage auf ilfn 
fetbft? Sitt er, ber in ber ©infamleit pm Sßadfbenlen über fich fetbft mehr als 
hinreichenb Seit fanb, an Unfällen bon SMandjolie — unb Wie, wenn fich 
biefer Xieffinn in SRaferei bermanbette? SBaS füllte ich tlfun — ich allein mit bem 
atpletifchen SBatbmenfchen? ®er ffampf märe p ungleich geroefen, unb mcnfchlidje 
&ülfe tag auper bem SBereidf meiner Stimme. 


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Die XTaronxmije. 


^5 


5)och fprechen muhte id). 3$ fah bie flcljettb auf mich gerichteten Singen, unb 
meinet felbft faum mächtig, ftammelte ich: „$ie grage ift nicht fo leicht $u be* 
antworten; ber Strjt fann in berartigen pfpchologifd) fdjwierigen ÖäHen nicht 
urteilen, ohne bie nähern Umftänbe ju tennen — unb felbft bann ift oft noch 
bie ©ntfcheibung fchwierig." 

®et Sitte lieb feine $änbe bon meinem Sltme gleiten. „Sie haben red)t", 
meinte et ruhiger. „@o böten Sie benn baS Verljängnib meines EebenS, was 
ich bisjefct nicht einmal ber Suft anbertraut — unb bann — fprechen ©ie bas 
Urteil.. 

@t Wat aufgefprungen unb ging mit futjen, ungleichen Schritten auf unb ab; 
bann blieb et bicfjt bor mir fteben: 

„3<h Weig nicht, ob man 3h nen auch baS Stärken aufgebunben hat, bafj ich 
fowie ©raf Verfpen beim Stanlfurter Sittentat betheiligt unb bähet lanbeSflitchtig 
werben mußten. 3<h habe mit nie bie Stühe genommen, biefe irrige Steinung 
ju toiberlegen, fowenig Wie ber ©raf; obgleich Wir eS beibe leicht gehabt hätten, 
unfer Sttibi nadjjuweifen, ba wir beibe ju jener Seit Weit genug bom ©djauplafc 
ber Politiken Bewegung entfernt Waten, als bafj uns auch nur ber ©chatten eines 
Verbautes treffen fönnte. 5>er ©raf trieb fich, fobiel ich Weiß, noch in IßariS 
herum, Wo er Sepublil fpielen half; ich lebte als eljrfamer Sauf* unb ^anbelS’ 
herr in meinet Vaterftabt SBeinSberg: ein Seben, baS mir allerbingS fo wenig 
behagte wie einem Böwen bie Stenagerie. SBaS bie guten Seute hier auch nicht 
in Rechnung jieljen, ift, bafj unfere |>ierhertunft erft 3ahte nach beut berunglücften 
Stanlfurter Sittentat ftattfanb — boch mit gerichtlichen ®aten nimmt man eS hier 
nicht genau. 

„Steine Vefanntfchaft mit bem ©rafen ift weit ältern $atumS unb warb auf 
einem burdjauS neutralen ©oben bermittelt. 3<h wachte aus ßiebpaberci ben 
©urfuS auf einer forftlidjen Sehranftatt burch- «®S lönne ja auch bem jufünftigen 
$oljhänbter nichts fdjaben» — fo fah mein Vater, ein praltifcher Staun, biefe Saune 
beS ©oljneS an — «Wenn er fich einige forftliche ®enntniffe aneigne.» ®ort traf 
ich ben ©rafen Verfpen, ber, um einen Ueberbtid über feine burch nachläffige 
Verwaltung arg beoaftirten SBalbungen ju gewinnen, gleich mir ein 3ahr bie re= 
nommirte Sorftfdjule befuchte. 2)aS afabemifche Seben hatte unS mehr als einmal 
jufammengeführt; boch trieb uns baS ©djidfal halb auSeinanber, unb erft nach 
mehr als einem Sahrjehnt, in ber entfehlichften ©tunbe meines SebenS, follte mir 
bie Vorfehung ben einftigen ©tubiengenoffen Wieber juführen. 

„3<h War jahrelang als angehenber Kaufmann in ben großen ©täbten ®eutfdj« 
lanbS thätig gewefeu; ba, Slnfaug ber breijjiger 3ahre, ftarb mein Vater unb 
hinterlieh mir baS ©efcfjäft. @o tarn ich nach SöeinSberg jurüd. 

,,©S wehte bamatS eine ungcfunbe Suft in meiner Heimat, ein £ang jum 
Ueberftnnlichen, bem jeber junge ibeal angelegte Stenfch anheimfiel. 3uftinuS 
ferner, ben wunberbaren Stagnetifeur, in feinem $aufe aufjufuchen, War Stöbe 
geworben. 2)ie ©eljnfucht, mich auS ber Vrofa meines VerufS in eine ibeale 
SBelt §u retten, lieh wich bem groben ©chwarm folgen — unb mir ging eS Wie 
fo manchem oor mir: ich fühlte wich fo ju bem feltfamen Stanne, noch mehr aber 


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\76 


Unfcrc ^eit. 


ju ber ©efeßfchaft, bie fich bort oerfammelte, hingezogen, bog ich ein täglicher ©afi 
be« $aufe§ an ber SBeiber treue warb. 

„Dort lernte id) ein junges SWabdjen lennen, Welche« mein Snterefie unb mein 
SJiitleib in gleich h°h cm ©rabe erregte. Me ihre Bewegungen trugen ben Stempel 
ber ooßftänbigften phhfifchen unb pfoc^ifdjen Slbfpannung. Slu« ben feinen Mafien 
3ügen fprach eine rö^renbe ^ütflofigteit gegenüber ben furchtbaren übernatürlichen 
HJiächten, beren Spietbaß fte War unb bie in unftetem geuer im £>intergrunbe 
ihrer Slugen brannten. 

„©inmal gefchah e«, bag fte, bon ferner baju aufgeforbert, jebem ber Sin» 
mefenben au« ben Sinien ber |>anb fein Schidfat prophezeite. Sluch ich reifte 
ihr meine Siechte; fie fchaute hinein, um fte fofort mit einem Slnffdjrei an« ihren 
§änben gleiten ju taffen. 3<h bat fie, zu reben; fie aber erltärte, in fi<h jnfammen» 
fdjauernb, bafi fie mir nicht Wahrfagen tönne... 

„Die fdjöne Somnambule warb halb barauf meine ©attin. SEÖie fie mir fpäter 
geftanb, hotte bie eigenthümliche Uebereinftimmung meiner #anb mit ber ihren 
ihr jenen Schrei entlocft. SBa« fie barin gelefen? ©ott mag’« mifien! 6« ift nie 
über ihre Sippen gefommen." 

Der ©rjähtenbe hielt inne unb feufzte tief auf... „Sie Würbe mein SBeib, 
trofc ber Tarnung meiner ftreunbe, bie mich ouf ba« fettfam aufgeregte SBefen 
äKarie’« aufmerlfam machten unb einer ©he wit ihr Unheil t>orau«fagten. 3h re 
Borau«fefcung foHte fich nur ju halb betätigen! 9Kein SBeib Perfiet in eine Slpa* 
thie, au« ber fie nur ton 3eit ju 3«it erwachte, um fich wit ben entfefclichften 
SBorteu anjuftagen, ein Ungtücf, ba« nicht in ihrer -Stacht ftc^e Pon mir abju» 
Wenben, über mich gebracht ju hoben. Umfonft bot ich oße meine Berebfamfeit 
auf, fie Pon ber %1)ovt)t\t ihrer SBorte zu überzeugen — bie SlnfäHe würben immer 
häufiger, immer anbauember. 

„Die Befannten, Por benen ihr 3uftanb nicht Perborgen bleiben tonnte, rietljen 
mir, mich Pon ihr fcheiben ju lafien, fie in eine Slnftalt ju bringen; aber nicht« 
in ber SBelt hätte mich bermocht, mich Pon bem geliebten SBeibe ju trennen — 
ich hoffte ja noch immer, bag fich halb äße« Wenben müffe! 

„SJieine Hoffnung fchien fich ouch wirtlich ju erfüllen. Die ©eburt unferer 
SBalpurgi« lieg für turje 3eit ben tränten ©eift ber SJtutter gefunben. 

„©ine bringenbe ©efchäft«reife hielt mich turj nach ber ©eburt be« Sinbe« 
einige Dage Pom £>aufe fern. SU« ich toieber heimtehrte, fanb ich e« Peröbet. 

„Blein SBeib war auf Befehl be« Slrjte« nach S. in bie Srrenanftalt gebracht 
worben, ba ihr Bleiben ba« Seben be« Sinbe« gefährbete... 

„Die alte Barbara, bie SBärterin ber Steinen, erzählte mir unter ^»änberingen 
unb Schluchzen — benn auch fie hotte bie SOtarie gern gehabt — wa« oorgefatten. 
Surz nach meiner Slbreife hotten fich bie Slugenbticfe be« Dieffinn« bei meinem 
SBeibe wieber eingefteflt. Die junge SDtutter jammerte, bag bie Steine in ber 
SBalpurgi«nacht geboren fei, bag ein Unftern über ihrem tünftigen Seben leuchten 
werbe — unb eine« Stacht« Wirb bie Barbara, neben beren Bett bie SBiege mit 
ber Steinen fteht, burch ein ©emurmel aufgemectt: wie fie fich oufrichtet, erblicft 
fie bie SOtarie über bie SBiege gelehnt, furchtbare Berwünfchungen au«ftogenb gegen 


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Die Harooxmije. 


\77 


beit SBechfefbafg, bett iljt bie 4?ejen ftatt ihres f4önen 2ie6lingS in bie SBiege 
gefegt — unb babei umftammert fic ben $als ber armen Steinen, bafj bie Sar* 
bara benft, eS ift f4on aus ... Aber mit Aufbietung alter ihrer Kräfte töft fie 
bie Ringer ber Safenben non bem jarten Sßefen — fie mag einen harten Santpf 
ju hefteten gehabt haben, bis auf baS ©efdjrei ber 9Karie fleute fiereinftiirjen 
uub ber Arjt geholt toirb. ©ein Au8fpru4 tautete: «Unheilbar Wahnfinnig», 
unb ofjne nod) meine ©rfaubnifi abptoarten, braute man fie ins grrenhauS." 
®er görfter f4toieg erfcfjöpft unb wif4te fich ben ©4weifj ton ber ©tirn. 
,,©ie hat’S bann nidjt mehr fange gemalt ... elje no4 ein hatbeS 3af)r um 
mar, ift fie geftorben — fie fagen: an ben gotgen einer Serlefeung, bie fie fich 
Währenb eines SButhanfaÜS beigebra^t; id) aber Weift, bafj ifjr bie ©e^nfuc^t 
baS $etb berührt hat, bie ©ehnfudjt nach bem Sinbe unb nach ber greifet, nach 
unfern grünen Steingärten unb unfern SBäfbern, in benen fie fo gern ftunbenfang 
allein umherirrte — baS hat bie SBatpurgiS oon ihr — ob nur baS?" 

Sa4 einer büftern ißaufe begann er oon neuem: ,,©ie fönnen fid) benfen, 
$err, bafj mir nicht mehr oief am £eben getegen ift nach aff bem Ungtücf. 34 
hab’ midj au4 um nichts mehr gefümmert. gür bie SBalpurgiS toar gut geforgt 
— bie SBarbara hütete fie tote ihren Augapfel — unb affeS anbere toar mir gleich* 
gültig. 34 merfte eS taum, toie baS @ef4äft rücfwärts ging; bis enblidj an 
einem Xage affeS über mir jufammenbra4 unb i4 auSgepfänbet tourbe. . „ 
„3uft ju ber Seit mufjte es fich treffen, bafj ®raf Serfpen, angefodt bur4 ben 
magnetifdjen ©4winbet, nach SBeinSberg fam. Sicfleidjt au4 beabfidjtigte er eine 
Seit fang oom ©4auptafc ber ©efdjidjte ju oerf4toinben, wo er in ben testen 
2Bo<hen oief mit reoofutionirt hatte. 

„3n einer {feinen ©tabt fpridjt fi4 ein außergewöhnliches ©reignifj fd^nett 
Return, ©o fam eS, bafj mein öfter ©tubiengenoffe bafb oon meinem ganjen 
Ungtücf unterrichtet toar, unb ebefmütlfig toie immer, fam er ju mir unb fragte, 
ob ich mit bem, toaS baS ©djicffaf mir getaffen, ihn auf feine ©üter begfeiten 
Wolfe, ba er gefonnen fei, bem Zeitigen Seutfdjen Seiche, bem einmaf nicht ju 
helfen wäre, auf Simmerwieberfehen Sätet ju fagen. 

„34 bebachte mi4 nicht fange. Sn hoffen hatte ich «i4tS mehr, unb Sergeffen 
war am lei4teften in ber grembe ju finben. 

„Sun, i4 habe eS nie bereut, meine $eimat oertaffen ju haben. $er Anfang 
hier freiti4 War f4wer für einen 2Rann, ber an ©efefc unb Drbnung, an Eioiti* 
fation unb ein freies, fetbftänbigeS Soff gewöhnt war; bafür aber fanb ich nii4 
weniger in meinen $anbtungen bef4ränft, ats bieS in unfern pofijeiüberwachten 
Sheinfanben ber galt gewefen. 

„34 oerftanb blutwenig oom gorftwefen, ’S ift wahr, trofc meines Sefu4$ 
ber Afabemie; bo4 oerfu4te ich, fotoeit eS in meinen Sräften ftanb, ben $olj* 
hanbet hier herum ju heben, unb mit ber Seit Warb i4 auch fo bertraut mit 
bem ffiafbe wie mit meinem Sinbe — ober oiefmehr weit bcrtrauter; benn bie 
AJafpurgiS warb, je älter, je oerf4toffener. 9Jfan4mat, wenn i4 fie mit mir in 
ben 2Bafb nahm, fragte fie wot ganj oerftänbig nach bem unb jenem, baff i4 

Untere Seit 1881. II. 12 




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Unfcre <5eit. 


\78 

meine greube batte an bem Äinbe; bann aber führte fie mieber fo feltfame Sieben, 
baß man nicht ftug aus ißr warb. 

„©eiernt f>at baS arme Sing blutwenig, möchf auch mißen, Wo ße’S ^ier 
braunen fotlt’. SaS bißel Sefen unb Schreiben unb baS notbwenbigfte Steinen 
bat ißr bie Barbara beigebracht; non ber SBirtbßhaft ober non $anbarbeiten mag 
fie nichts wiffen; nur um ihre eigene Sleibung fümmert fie fi(b, unb mit ben bunten 
gäben, bie icb ibr jebeS Sab* nom SDtarft in Slarma mitbringe, beftirft fie ß<h 
ihre groben Stöcte unb bie Saftfdbub, bie ibr bie Sarbara fließt, ’S ift ein feit» 
faineS Sing! 9tm liebften treibt fie ficb unten am gluß herum, Wo icb ib r 
aus Sirfenrinbe eine #fitte im IRöbri^t gufammengeßblagen babe. ©ie b»t fo 
aQerbanb romantifdbe §irngefpinfte im ftopfe; einmal als Sinb bat fie ficb net» 
ratben. Seb fuhr gerabe hinüber nach ber großen Snfel, um ben $otgbcftanb 
gu tajiren, unb nahm bie kleine auf ihre Sitte mit. Sie Sonne festen recht 
fdjön warm auf bie Staroma, unb non unten herauf fdjimmerte beS ffinbeS ©efiebt 
gurücf, nur etwa« grünlich Oerjogen bureb baS babinßießenbe ©ewäffer — ba 
taucht fie plöj)licb mit ber £>anb ins SBaffer, fo tief, baß icb erftbreeft gugreife, 
um fie norm $ineinfaflen gu bewahren. «Sch wollte ja nur ber Scbmefter bie 
#anb reichen», meint fie, Oermunbert über meine ©eforgniß. 3<h lache fie auS; 
ba aber Wirb ße gang böfe unb entgegnet heftig: «Su meinft mol, ich wüßte nicht 
woher ich ftamme? Sie SKutter bot mir'S febon oft ergäbt! Sille Siädjte ßfct ße 
bei mir am Sett, bölt meine $anb in ber ißren unb ergäbt mir non unferm 
Sabeim.» 

„$err, mir Würbe unheimlich, Wie baS föinb fo fpraeß. «Seine SJtutter», fage 
ich ernft, «ift fdjon lange tobt unb begraben, unb bie Sobten fteben nicht auf.» 
Sa lächelte ße gang gebeimnißooH: «Sie SJtutter fann gar nicht fterben», fagte 
fie guüerficbtlich; «benn ©eifter ßnb unfterbtichl... 3$ Werbe auch nie fterben! 
SSenn ißr einmal fterbt, bu unb bie Sarbara, bann wirb bie SJtutter (ommen unb 
SBetta wieber berunterßolen in ihr trpftaHeneS 8tei<h.» 

„SJtir würbe immer confufer gu Sinn; aber ich begwinge mich unb fage lächelnb: 
«SaS finb ja lauter SJtärchen, SBalpurgiS, bie bu ba ergäbtft!... Unb wie fommft 
bu barauf, bi<h umgutaufen?» 

„«Sie äJtutter nennt mich immer fo, wenn ße mich ruft, unb bie ©<hweßem», 
meint fie einfach. «3b r fönntet eS auch tbun, eS Hingt Oiel bübfdjer als SBalpurgiS.» 

„«Seine ©chweftern?», fahre ich immer einbringlicber fort, «bu haft ja gar 
feine ©chweftern!» 

„«£), gewiß», entgegnete fie ebenfo ruhig, «ihr fönnt fie nur nicht feben 
mit euem SKenfchenaugcn; aber wenn ich ins SBaffier bliefe, ba nieten unb rufen 
fie mir gu, unb ihre grünen Slugen ßnb oott Sbränen, wenn ich int $erbft ihnen 
Sebewobt fage...» 

„Sch öerfudjte eS nun ernftlich, ihr ben Unfinn auSgureben. ©ie fchwieg, aber 
btiefte mich f° wenig übergeugt an, baß ich nicht baffen burfte, oiet erreicht gu 
haben. 

„Später bat fie nie mehr in ber SIrt gu mir gefproeßen; nur hielt ße ficb 
noch Rbeuer non unS fern als öorber. ©eit bem lefeten Sabre habe ich oft bemerft, 


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Die Harowamje. 


m 

tote, wenn fie fich unbeobachtet glaubt, fte fidj mit rotßen ©eeren unb SEBafferrofen 
fcßmücft unb in murmelnbem Sou lange Selbftgefpräcße hält — gecabe toie einft 
bie SDlutterl" 

®er alte SRann ftö^nte tieffcßmerzticß unb preßte baS ©eficßt in bie $änbe. 
®ie testen SEBorte rangen fid) einzeln non feinen Sippen Io«. 

SBaS fottte ich bem ungtücfticßen ©ater jum Xrofte fagen? ®er Schluß, bem 
er nicht SEBorte ju geben wagte, zeigte fich wir mit unerbittlicher Klarheit — unb 
bennoch war biefleicßt nicht jebc Hoffnung auSgefcßloffen! 3<ß entgegnete baher mit 
einer Stimme, beren 8tuße mich felbft überrafchte: „Alles, mein greunb, was Sie 
mir ba mitgetßeilt, rechtfertigt nicht bie ©eforgniffe, bie Sie, wie ich rool bemerft 
habe,' in SBejug auf 3h re Softer hegen. @8 finb burcßgeßenbs Symptome einer 
©jalta tion, bie fich häufig bei jungen BKäbcßen ihres Alters finbet, welche Iran!» 
hafte @|attation burch bie Abgefcßiebenßeit bon bcr SEBelt, in ber SBalpurgiS auf» 
gewadjfen, burch ben gänzlichen ©langet an Umgang mit ©efäßrtinnen ihres Alters 
noch fleftcigert Warb. Sie fotlten 3ß re Tochter mehr unter SCRenfdjcn bringen! 
®ie Sehnfucht nach einem geiftigen ©erfeßr mit gteidhgeftimmten SEBefen ift es 
allein, Welche bie romantifche 3bee in ber Seele ber 3ungfrau erzeugen lonnte, 
in ber Suft ober im SBaffer tebenbige, füßtenbe SBefen z« fuchen. SBenn 3ßnen, 
wie ich fflft bermuthe, bet Umgang mit ben ©eamtentöcßtem im Schloß" — ber 
Alte fchüttette heftig ben ffiopf — „nicht recht ift, weshalb bringen Sie baS junge 
BKäbcßen nicht für einige 3eü zu einer gebilbeten gamilie nach BiarWa? Sie 
fennen ja bie bortigen ©erßältniffe fo genau, baß 3ß««u eine paffenbe SBaßl nicht 
fehwer faßen bürfte." 

®er görfiter ließ langfam bie $änbe in ben ScßoS finlen. „Sie würbe nicht 
bleiben Wollen", meinte er traurig, „unb ich bermöcht’ eS nicht, fie zu Überreben. 
®aS £>erz tßut mir Weß bei bem ©ebanfeit, oßne baS BJiäbel ßier zu ßaufen ... 
fo wenig Siebe fie auch zu mir zeigt — unb bann", meinte er zögernb, als feßäme 
er fich biefer abergtänbifeßen Biegung, „fie ift wie bie berftorbene BJtarie, fie !ann 
meßt leben in ben Steinmauern, bie Seßnfucßt nach bem SBalbe würbe fie ber» 
Zehren." Unb gleich barauf mit einem Anlauf bon Selbftüberwinbung fügte er 
ßinzu: „Serfucßen Sie eS, §erc, ißr zuzureben; wenn fie 3a fagt, mir fott’S 
reeßt fein." 

„3cß?! Sie bergeffen, lieber greunb, bie Scheu 3h ret Etodjter, bie bisjefct 
jebe Slnnäßemng meinerfeitS unmöglich gemacht." 

„Btun", entgegnete er, „berfudßen Sie eS bennoeß! ®a SBalpurgiS nießts bon 
3ßrem heutigen #ierfein aßnt, werben wir fie leicßt überliften; unb fteßt fie 3ßuen 
erft gegenüber, fo benfe icß, wirb fieß aueß ißre Scheu berlieren." 

Sei ben testen Sorten hatte er fieß bon feinem Sifc erhoben unb forberte 
mieß hl*wh fei« Seifpiet auf, ißm inS §auS zu folgen. 

3cß Weiß nießt, Woßer eS fam, baß mein ©lief beim ©intritt in bie SEBoßnftube 
Wie gebannt an bem Ueinen ©laSfpinb hängen blieb, ber in bem bunletftcn SBinfcl 
beS BtaumeS ftanb. Schnell barauf zutretenb, ftreifte icß flüchtig bie Xitel ber wenigen 
barin enthaltenen ©änbe — wie ein erleucßtenber Straßl zuefte eS burch weine Seele: 
ba waren bie Biomantifer unb bie Xicßter ber Scßwäbifcßen Scßule faft botlftänbig 

12 * 



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Unfere <5eit. 


f80 


oertreten: „35er 3ouberrtng", „$)ie Unbine" oon ffougue, ferner’« „Seherin oon 
ißreoorft" unb anbere phantaftifche 3)ichtungen jener Iranthaft überfpannten $e= 
riobe... |)ter hatte ich unerwartet bie Söfung beS {RäthfelS gefunben, ben ©chlüffel 
ju SBatpurgiS’ #ang am Ueberftnnlidjen. 3)en Alten ju mir tyeranminfenb, jeigte 
idi ernft barauf f)in unb fagte bebeutfam: „Unb bei folget Seftüre, fern oon 
bent praftifchen Seben ber SBelt, foH ein junges SBefen nicht an SBunber glauben 
lernen!" 

35er Alte fdilug fid) mit ber flachen $anb gegen bie ©tirn, aber es flimmerte 
etwa«! wie ©rtöfung oon einem finftem Sann in ben ju mir nieberbticfenben Augen. 
„Sie haben recht, 35octor", fagte er — jum erften mal heute Hang feine ©timme 
ruhig wie gewöhnlich — „wo hotte ich oudj weinen Serftanb, bem fönbe bie 
35inger ba fo unbeforgt in bie $änbe ju geben!" 

3<h geftehe offen, baS £erj jammerte mir gang gewaltig in ber ©ruft, als 
enbtich ber leichte Iritt ber SRaroWanije ftcfj auf ben Sadfteinfliefen ber fiüche hören 
lieg. 3)aS fonberbare ©efchöpf war mir in ben lebten ©tunben noch intereffanter 
geworben, als fte eS bisher gewefen. 

35a bie burdjS fünfter fchräg einfallenben ©onnenftrahlen bie ffiintretenbe 
bienbeten unb fie momentan jwangen, bie Augen $u fdjlieften, bemerfte fte meine 
Anwefenheit erft, nachbem bie Xf)ür hinter ihr inS ©djloh gefallen war. 

Sie jog ftnfter bie ©tirn jufammen, waS ben bämonifchen 3“8» ber ihr Antlifc 
charafterifirte, noch erhöhte. 2)aS ©eficht, oon bem lobernben f?aat, baS in ber 
Sonne förmlich ju fniftern festen, umrahmt, War tobtenbteidj — jene bleiche 
Slumenweifje, welche man bei Siothhoarigen fo häufig finbet, burch welche bie 
blauen Abern hwburchfchiwmern, bah wan meint, baS ©lut barin pulfiren ju 
fehen. 3)ie bunfeln Augenbrauen berührten fich über ber jftafenwurjet — nach bem 
©tauben beS ruffifchen ©otfeS ber Stempel beS bem ©rabe entftiegenen ©ampprS; 
auch ber brennenbe ©lief ber unter ben langen SBimpern faft grünlich fchifleraben 
Augen, baS ©eben ber feinen SKafenflügel, baS 3uden ber oollen rothen Sippen 
hatte etwaö ©amphrartigeS, 35ämonif<h'SeibcnfchaftticheS. ©S war ein ©eficht, bei 
bem es einen ju gleicher 3cit fiebenbheifj unb eifiglalt überläuft — ich fühlte, 
bag bie Siebe ju biefem SBefen einen ÜDlann ju allem fähig machen muhte... 

©ie fdjien grohe Suft ju hoben, nach bem ftummen ©ruh, ben fie uns juge- 
nieft, baS 3iwmer Wieber ju oertaffen; hoch if|r ©ater Winfte ihr, näher ju lommen. 

„3Bir hoben eben über beine 3utunft gefprochen, SEBalpurgiS", begann ber 
fjrörfter, bie jum ©Jidfommen gereichte $anb beS ©MbchenS in ber feinen beljattcnb. 
„35er fjterr hier, ber 35octor aus bem fjerrenhaufe, hot mich erft barauf aufmertfam 
gemacht, Wie fetbftfüchtig ich °n bir gehanbelt, bah i<h bidj Ijier bei mir jurütf* 
gehalten höbe, ftatt bich in ber ©tabt unter anbem UJiäbchen beineS Alters auf« 
wachfen ju taffen..." ©r fprach tangfam, in abgeriffenen ©äfcen; es wui$e ihm 
fchwer, bem armen Alten. 

SBatpurgiS ftanb ruhig ba mit gefenlten SBimpent, Wie ein ©itb oon Stein; 
nur bie Sippen judten leife, als ob bas ©tut, baS fie fo feurig burchgtühte, 
herausbrechen müffe. 

3ch fühlte SRitleib mit bem armen ÜJtannc, ben baS eigene heißgeliebte Sinb 


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Die Icatouxmije. 




nicht als SBater anerfannte; i<h fah, bafj er nicht im ©tanbe fei, fortjufaljten, 
unb fditug mich beStjolb ins SOUttel: 

„SBürbe es 3h nen nicht greube machen, einmal furje 3cit in ber großen ©tabt 
jujubringen, alt baS Stene ju feljen, motmn ©ie bisset nur in Südjern getefen —?" 

„Stein", unterbrach fie mich feft, mit jener heifern bumpfen ©timme, toie fie 
fehr leibenfchafttichen Staturen eigen ift. ©ie h atte bie Siber gehoben, unb -ihre 
äugen glühten mir finfter brohenb entgegen: „Sch bin am liebften allein ... an 
ber Staroma ... beim SBater." 

Somit hotte fie ihre $anb aus ber beS görfterS gezogen, unb fich ein Such 
aus bem Keinen ©dfpinb hetborljolenb, fefete fie fich, ohne fich feiner an unfere 
©egenmart ju lehren, ans genfter. 

SaS mar mein erfteS äuge in äuge mit ber „SiaromaniEe". 

(©djtufj folgt.) 


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üfift in btt toras. 

»on 

Dr. Ijentrtdj SdjUmatnt. 

I. 

Oft Ijabe i<S) bie 2roaS befugt; fünf Safjre id| bort biete SJtonate lang 
auSgegraben, unb bod) befuge icf| fie immer mit SBonne bon neuem, benn ber 
Sauber ber trojanifdjjen Sanbfdjaft ift überall übermältigenb, unb jeher Berg unb 
jebeS $ljal, baS SReer, ber #eHeSpont unb jeher glufj ahnten bort #omer unb 
bie SlioiS* aber mar meine Steife in ber IroaS bon ganj befonberm 

Sutereffe, benn es mar meine Stbfit^t, ju ermitteln: meldje anbere alte Bauteilen, 
aufjer ^»iffariil, ju ardjaotogifcffen fforfdjungeit geeignet finb. 

3«fj bertiefj am 13. SJtai b. 3- ju Sßferbe bie ©tobt ber $arbanellen, in 
Begleitung eines Wieners, beS Eigentümers ber tßferbe unb einet ©Scorte 
oon jmei ©enSbartnen, bie ber ©ouberneur ber tßrobinj, ba baS 2anb nic^t ganj 
fidfjer ift, freunblidj ju meiner Berfügung gefteHt Ijatte. $te Suftmärme mar bei 
meiner Slbreife 26V 2 ° ®- SluS ber «Stabt reitenb, paffirten mir ben Keinen 
ImrbaneHeuftujj, ber felbft im tjeifjeftcn ©ommcr fliefjenbeS SBaffet tfat unb 
über beffen Sbentität mit bem §omerifd£)en SttjobioS*) mol fein Steifet befielen 
fann, benn er f)atte biefen Stamen nod) jur Seit ©trabo’S (XIII, 695), ber uns 
mittf)eitt: baff feiner SRünbung gegenüber, auf bem ttfrajifdfen ©IjerfoneS, baS 
fogenannte xuvöc a%a (ber lumuluS ber £>ünbin) mar, meines für baS ©rab 
ber ^ecuba angefeljen mürbe, bie, ber ©age jufolge, nad) bem £obe in eine $ünbin 
üermanbelt morben ift. 3« ber 23jat fieljt man, genau an ber oon ©trabo bejeicl)* 
neten ©teile, einen Keinen fegeiförmigen §üget; aber ffranf ©aloert, ber iljn unter* 
fudjte, tjat gefunbeit, bafj er aus naturmüdjfigem ffels befteljt unb nur bie ©eftalt 
eines Kumulus Ijat. 

3nbem mir baS Ufer beS §eHeSf)ontS entlang ritten, famen mir an einem 
JumuluS jur Stedten unb an einem anbern jur Sinfen borbei, bie nodfj beibe 
uuerforfdjt finb; barauf Jmffirtcn mir jur Stedten, auf einer Strt Borgebirge, bie 
Bauftelle ber äolifdjen ©tabt ®arbanoS, bie oft bon ©trabo (XIII, 587, 590, 
595, 600) ermähnt mirb unb nidjt mit ber £>omerifcf|eu ©tabt Darbanie**) ju 


*) Sgl. SliaS, XII, 20. 

**) ®gt. cbenb., XX, 216. 


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Hetfe in 6er Ctoas. 


(83 


oertpechfein ift. 3Bie Strabo (XIII, 595) uns erzählt, tarnen Kornelius SpHa 
unb StithribateS VI. ©upator hier jufammen, um grieben ju fc^tie^en. ®ie hier 
auf meine Serantaffung oom Stilitärgouoemeur ber 35arbaneHen gemachten 2luS« 
grabungen haben ergeben, baß bie Schuttaufhäufung nur eine 5Eiefe üon 0,6o bis 
0,9o Steter hat unb faft auSfchließlicp aus $umuS befielt, weshalb hier für ben 
SUtertljuntSforfcher nichts ju futhen ift. 

darauf paffirten mir, auf einer $öhe zur Sinfen, bie SaufteHe einer alten 
Stabt, mit einem nodh unerforfdjten XumutuS, welche ßaloert für bie alte Stabt 
Dphrpneion hält, wie fie auch auf SpratfS Starte ber üroaS eingetragen ift 
$ie SaufteHe wirb aber nur burdj einige hetlenifdje Xopffc^erben unb Steinhaufen 
bezeichnet; man finbet bort webet irgenbweldje Schuttanhäufung noch eine Spur Oon 
Stauern. Stußerbem entfpric^t biefe SaufteHe burchauS nicht ben Angaben Strabo’S 
(XIII, 695), ber uns fagt: baß nahe bei Dphrpneion ber Sumpf ober Seich 
SteleoS ift, ber ffie* jebenfaHS nicht egiftirt. (Sin folcher befinbet fich aber in 
einer ©ntfernung oon ungefähr einer halben Steile oon hier, neben ber jefct 
ißatäocaftron genannten SaufteHe, einer alten Stabt, bie ich baher eher für 
iDphrpneion hatten möchte; biefetbe ift mit fyüenifäen Sopffdjerben überfäet, 
jeboch ift bie Schuttaufhäufung bort faum 0,oo Sieter tief. SBir tarnen barauf jum 
$orf Sen $ioi (b. h- garbeborf), welches, nach meinem Sarometer, 188,9 Steter 
über bem Steere liegt; bie Suftwärme war bort 23° ß. 

Stuf bem SBege oon bort nach #iffarti! paffirten wir ben Sach Oon 3ten ftioi, 
ber oon feiner QueHe genährt Wirb unb nur bei fehr heftigem Segen Sßaffer hat; 
ju jeher anbem Seit ift berfelbe ooHtommen trocfen. Um feine unmögliche Ih e °rie, 
„baS atte Xroja habe im $umbretthate gelegen", gettenb ju machen, erhebt Sren= 
tano*) biefen Sßafferlauf zum ^omerifcfjen SimoeiS unb gibt ihm auf feiner Sorte 
eine burchauS falfdje Sage. 3)er Sauf biefeS Segenbaches ift fowot auf Spratt’S 
atS auf SirchoW’S **) Starte ooHtommen richtig angegeben. 3<h fc^Iug mein Sacht» 
quartier in einem meiner Räuschen auf §iffarlif auf, wo ich wich mit Sergnügcn 
überzeugte, baß meine ©räben, feitbem ich fle im 3uni 1879 oerließ, feine Serän» 
berung «litten hatten, ba bie Oon mir zum Slbtauf bcS SegenwafferS gegrabenen 
Kanäle ooHtommen meiner 91bficpt entfprodjen hatten. 

3ch war erftaunt, afle SBänbe meiner Räuschen, bis zum ®a<h, mit einer 
fchwarzen Stoffe, bie fich zu bewegen fchien, bebecft zu fehen. ®a es aber bei 
meiner Änfunft buntle Sacht War, fo erfannte ich nicht fogleich, Was es war. 
ßrft am folgenben Storgen fah ich, baß es $cufd)recfen waren, welche in biefem 
gafjre in ber IroaS zahlreicher als je zuoor finb unb auf ben fitarnfelbern unb 
SBiefen eine entfefctiche Serftörung angerichtet haben, geboch habe ich niemals 
ein öoflftänbig oon ihnen ^erftörteS Äornfelb gefehen; benn nie freffen fie mehr 
als zwei Stritte! ober brei Siertel aUer grünen $a(me weg unb begnügen fich 
bamit, oon benen, bie fie fteljen taffen, nur bie Slätter, nicht bie Stehren zu oer= 
zehren, ©ras fcheincn fie jebenfaHS bem fitam oorzuzieljen; benn oft paffirte ich 


*) Sgl. „Jjlion im Snntbreftbale" (Stuttgart 1881). 

**) Sgl. „Seiträge zur SanbeStunbe ber SroaS" (Serlin 1880). 



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\ 8^ ttnfere <3eit. 

auf meiner Steife große ßanbftrecfen, auf benen fie budhftäbtich nicht einen <Shra?» 
ljatm fielen gelaffen ljatten. Tie Temperatur mar in $iffar(tf am 14. SRai, um 
8 Uljr morgen?, n l l t ° ®. ffiir nahmen ben 2Beg über Satifatti unb Ujel Sioi, 
welche? tefctere, nach meinem Barometer, 86,« SReter über bem 3Reere liegt; bie 
Suftmärme mar bort 18° ©. Ta? SSaffer im Scamanber hatte bet unferm Turd|= 
ritt noch eine liefe oon O,«o SReter. SBie in faft aßen anbern türfifchen Dörfern 
ber Troa? gibt eS in Ujel Sioi Diele Stordhnefter, bie man hier nie in ben nur oon 
©riechen bewohnten Dörfern fielet, mie $. 8. ßalifatti, SReo ©Ijori, ?)eni ©hebt 
u. f. m.; benn ba bie Tfirfen eine Hrt bon ©ultu? für ben Storch haben, fo 
nennen ihn bie ©rieten „ben heiligen Söget ber Türlen" unb ertauben iljm 
nicht, fein SReft auf ihren Käufern ju bauen. Unter ben loben$mertl}en ®igen= 
f(haften ber Türfen muß ich ferner bie große (Sorge ermähnen, bie fie barauf 
Dermenben, ben burftigen SBanberer unb fein Ißferb mit einem Ueberftuß guten, 
trintbaren Sßaffer? ju Derfehen. 3n ber Tt|at, fein Torf ift fo ftein ober arm, 
baß e? nicht menigften? eine Quelle hätte, bie immer in einem SRaucrtoerf Don monu= 
mentaler gorm eingefaßt ift unb in einen oierecfigen Sehälter Don Trachpt läuft, 
au? metchcm ba? SBaffer recht? unb tinf? in mehrere Tröge au? gleichem Stein fließt, 
bie äße in einer SReihe ftetjen unb jum Tränten be? Siehe? bienen. Slße SBcge ftnb 
mit folchen ober auf ähnliche SBeife eingerichteten Oueßen Derfehen, an beren jeber, 
jur Sequemtichfeit be? Türftenben, ein Srug ober eine Sefle au? $otj ober 3<nt 
mittet? einer Sette befeftigt ift. Oberhalb Dieter biefer Oueßen, unb ftet? ober* 
halb ber Oueßen in ben reichem Törfera, fehen mir lange 3nfcf)riften, bie nebft 
Sprüchen au? bem Slfloran ben SRamen be? SSoijlthäter?, auf beffen Soften bie Oueße 
errietet ift, fomie bie 3ahre?zaljl biefe? ©reigniffe? enthält. 3ft eine fotche Oueße 
auf ober in ber SRälje Don ber Sauftcße einer alten Stabt, fo fehen mir ftet? meh* 
rere feutptirte SRarmorblöde in ihrem SRauermerf. ©ine anbere ausgezeichnete 
©igenfehaft ber Türten ift ihre @^rfurdht für bie Tobten; benn bort gilt nicht 
unfere barbarifche europäifdje unb amerifanifche ©cmohnt)eit, ben Tobten, faß? bie 
©rabfteße nicht bejatjtt ift, nur ein Saljr $R«h e i u Hannen; bietmehr merben bie 
©räber in ber Tfirfei at? geheiligter Soben betrachtet unb nie angerührt. So 
gefdjieht es benn, baß e? hier eine loloffate SRenge Don ©rabfetbem gibt, auf 
benen bie ©räber ber SReichern ftet? mit jmei aufrecht ftehenben meißen 2Ratmor= 
platten gefdfjmücft ftnb, mobon bie Heinere an ben Süßen, bie größere, beren obere? 
©nbe in gorm eine? Turban? feutpirt ift, am Sopfe aufgefteßt mirb. Tiefe te|= 
tere ißtatte hat gemöljnlich einen gemalten blauen ober grünen Sianb unb ftet? 
eine lange gnfdjrift mit frommen Sprüchen unb bem SRamen be? Serftorbenen 
nebft ber 3 a httöjahl be? ©rabe?, ba? fie fdjmücft; biefe 3«fTriften finb oft oer= 
gotbet. Tie ©räber ber Slrmen finb mit jmei folget glatten au? gemöhnlichem, 
unpotirtem Stein, ohne gnfdjrift, bezeichnet. Ueberaß, mo ein türfifcher S?ircf»£)of 
in ber Stätte ber Saufteße einer alten Stabt ift, fehen mir ftet? bie ©räber ber 
Strrnen mit Säutentrommeln ober feutpirten Stödten gefchmücft, unb fo finb z* ®. 
in ber ©bene Don Troja aße türtifdhen Sirctjhöfe mit ÜRarmorfäulen unb Scutpturen 
Don Slooum 3tium übertaben. Sieben jebem türfifchen ©rabfetbe fehen mir ftet? einen 
au? z*®ei aufrecht ftehenben, mit einer großen polirten Steinplatte überbeeften 


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Heife in ber Croas. ^ 85 

©töden beftepenben Tifcp. SDiit fettenen SluSnapmen ift bie große ©tatte einem 
Monument entnommen unb befielt aus weißem fcutptirtem Marmor, unb ift bieS 
auch oft mit ben aufrecht ftepenben ©töden ber Satt. Stuf biefen @teintif<p Wirb 
ftets ber ©arg mit ber Seidje geftettt unb ©rtcte Werben barttber gefprocpen, epe 
berfetbe in bie ©ruft gefenft Wirb. 

©on Ujef ffioi auf einem fcpmaten ©fabe fttbti<p Aber bie mit SBacppotber, 
©iepengebüfcp unb Sitten fiberwadjfenen |>öpeit weiter reitenb, meisten wir in 
55 Minuten baS Torf ©oSfiji (46,8 Meter MeereSpöpe), bei wettpem ein (Sieben* 
watb anfängt. Sn biefem armen, Keinen Torfe fiept man biete 93töcfe bon atten 
Sauten, wobon einige fo groß finb, baß fte fdjwertidj aus irgenbwetcper Weiten 
gerne pierper gebraut fein fönnten. ©o fepen wir j. ©. in ber Stoppe ber 
Mofcpee fepr große ©ranitbtöde, beren einer eine Tpürfcpwette mit ben Sägern 
ber Tpürangetn ift. Sn ber ©orpatte beffetbcn ©ebäubeS fiept man bier ©äuten, 
beren jwei aus ©ranit einem atten Monument entlehnt finb; bie eine ber beiben 
anbern, aus .fjotj beftepenben ©äuten ftept auf einem ionifcpen, bie jweite auf 
einem forintpifepen ©äutencapität auS Weißem Marmor, ©ine jweite kreppe 
enthalt ebenfalls eine Tpürfcpwette aus Weißem Marmor unb anbere atten 
Monumenten enttepnte ©töde; aucp fepen wir eine ©äule aus weißem Marmor 
unb eine anbere aus ©ranit in ber UmfaffungSmauer; ferner liegen Säulen- 
trommeln aus ©ranit auf ben Terraffen jweier türfifcper Käufer. Stile biefe 
monumentalen ©töde fcpeinen bon ber ©auftette einer atten ©tabt tjierfjer gebracht 
ju fein, bie man etwa 1000 Stritte fübticfj bon ©oSfiji rechts am SBege fiept. 
Sebocp fann icp biefetbe mit feiner ber bon ben atten ©taffifern erwähnten ©täbte 
ber TroaS ibentificiren. 9?o<p fiept man bom SBege aus eine einjetn baftepenbe 
©ranitfäute auf jener ©auftette, bie mit bieten atten Topffcperben bebedt ift; 
jebocp ift pier bie ©(puttanpäufung nur äußerft geringfügig unb fcpeint nicpt mepr 
als einige 3°® tief ju fein, tttur 32,5 Meter über bem Meere ift baS Torf 
©peufti Stoi, wetcpeS wir in 50 Minuten bon ©oSfiji erteilten. $ier fiept man 
ebenfalls meprere ©ranitfäuten unb einige fcutptirte Marmorbtöde, bie bon Sttejaw 
breia TroaS pierper gebraut ju fein ftpeinen, ba webet in ©peufti ®ioi nocp in 
beffen unmittelbarer Stäpe bie ©auftette einer atten ©tabt ift. Ter 9Beg füprt 
über tpeitweife cuttibirteS, aber größtentpeits mit ©atoneaeiipen bebedteS 2anb 
bis ju ben Sigia $amam genannten peißen Duetten, bie in einer materifcp fcpönen 
©ergf(ptucpt, füböfttitp bon Sttefanbreia TroaS unb in einer ©ntfemung bon 
etwa breibiertet Meilen babon gelegen finb. @S gibt pier ein grauen» unb ein 
Männerbab; erftereS ift fuppetfdrmig, äpnticp einer Mofdjee, unb fiept man in 
feinem Mauerwerf bitte, atten ©auten enttepnte ©töde; in ber Mitte beffetbcn ift 
ein 3,90 Meter langes nnb breites bieredigeS, gemauertes ©eden, in wetcpeS eine 
peiße Duette läuft, bie auf ber ©teile, wo fie aus bem gets emporfprubett, 
53 V 3 0 ®. pat; bie Temperatur beS SSafferS im ©eden ift aber nur 34° ©. S« 
ber UmfangSmauer biefeS ©abeS fiept man eine fopffofe, brapirte, weibticpe ©tatue 
aus weißem Marmor eingemauert, ©twa 39 Meter fübmeftticp bon biefer Duette 
ift eine anbere, bie beim $erborfprubetn aus bem getfen fo peiß ift, baß i(p fie 




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*86 


Unfere <3eit. 


mit meinem X^ecmometec gar nic^t meffen tonnte, ba ba« Quedfilber in ein paar 
Secnnben auf mehr afö 60° ©. emporftieg. Siefe Quelle läuft ins SRännerbab, ein 
elenbe« ©ebäube mit brei äußerft fdimu^igen, fenfterlofen Stuben jur ©eherber* 
gung bec Uranien, bie [ich, wie in einer Sattenfammer, auf bem unebenen, ge* 
pflafterten guftboben Ijinftreden mäffen, ba e« fogar an fteinernen ©änfen fehlt. 
@« gibt hier eine fehr große SRenge Reinerer Quellen, bie au« ben gelängen auf 
ber SRorbfeite ber Schlucht herüorqueden; ba« SBaffer aller Reißen Quellen Der* 
einigt fid) auf bem ©runbe ber Schlucht unb bilbet einen Reinen ©ad), ben bie 
©ferbe, ba fie ba« fjeiße SEBaffer bange macht, nic^t überfc^reiten wollen. Sa« 
SSBaffer ber Quellen hier ift ohne Slu«nahme faljig unb eifenhattig unb für rfjeumatifdje 
Seiben unb |>autfranfheiten befonber« ^eilfam. 3a, wäre liier bie nötige ©in* 
ridjtung unb pflege, unb wäre liier ein tüchtiger Slrjt, ber ben Äranfen twrfdjriebe, 
Wie ba« SEBaffer ju gebrauchen ift, fo würbe biefer ©urort oietleicßt einer ber 
berühmteren ber SBclt fein, währenb er je&t burchau« üernadjläffigt ift; ia bie« 
ift in folgern ©rabe ber galt, baß ich lein lebenbe« SBefen hin fanb, außer 
einem Staben unb einem Sufuf, beren ©efchrei bie in biefer Schlucht Ijnrfchcnbe 
lobtenftiUe unterbrach- 

3 eben fall« aber fah e« hier im Sitterthum ganj anber« au«; benn bie beiben 
Slbljänge ber S8ergfrf)turf)t, unb befonber« bie nörbliche, finb mit ben Stuinen üon 
©auten bebedt, bie al« ftumme Beugen baliegcn, baß hier einft eine bebeutenbe 
Stabt ftanb. Unter biefen Xrümmern jiehen bie riefigen Ueberbleibfel üon römifchen 
©äbern befonber« unfere Slufmerffamfeit auf fich. SJing« um alle ©aber feljen 
wir erft förmlich gezogene ©räben, bie feinen anbern Bwed gehabt hoben fönnen 
at« ben, bie SRarmorplatten, Womit biefe ©auten befleibet waren, p entwenben. 
Sa« SRauerWerf aller biefer ©äber befiehl au« Reinen, mit ffatf ober ©ement 
üereinigten Steinen, jWifcheit benen Wir üon Beit ju Beit große behauene ©ranit» 
blöde fehen; aber bie innere $alle, ba« eigentliche ©ab, ift ftet« au« großen 
behauenen ©loden erbaut, unb befiehl nur ihre bomartige SBölbung au« SRauer* 
werf mit Sali ober ©ement. 3 n ben SSänbcn fieht man fehr üiele Stiften, bie 
ju SBeihgefchenfen gebient haben muffen, ©inige ber ©aber, unb Wahrfcheintich 
ade, hatten auf Säulen geftüfcte ©orhaden; benn wir fehen bort eine SRenge üon 
©ranitfäulen fowie eine cannelirte SRarmorfäule, bie mehr ober weniger in Schutt 
begraben finb. Sludj fieht man bort bie IRuinen üon ©äbern unb Käufern, bie 
augenfeheintidj au« bem SRittelatter flammen. S3Bir fönnen e« baher für gewiß 
anfehen, baß bie Stabt erft fpät im SRittetalter üerlaffen worben ift. Sie Schutt* 
anßäufung ift, ba bie Stabt auf ben ©ergabhängen lag, nur geringfügig, mag 
aber hier unb bort 2 SReter betragen. Sie 2Reere«hölje üon Sigia $amant ift 
23,2 SReter; bie Suftwärme war 21 V a ° ©. 

Um 5 Uhr 28 SRinuten abenb« famen wir im Sorfe Seftambul an, ba« auf 
185,4 SReter 3Reere«höhe liegt; bie Suftwärme war 18° ©. Sie« Sorf Wirb nur 
üon Sürfen bewohnt, infolge beffen e« hier üiele Storchnefter gibt unb oft fogar 
jWei auf einem Sache. 3a ben SEBänben ber Käufer fieht man üiele fculptirte SRarmor* 
blöde fowie Säutentrommeln eingemauert. Sen größten SReij h°t in Seftambut 





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Seife in 6er Croas. 


*87 


eine bon herrlichen Platanen überf chattete Quelle; bie Raffung berfelben hat bie gorm 
eine« Reinen bieredigen X^urme«, an beffen bvei Seiten hoppelte $ftljne finb, 
fomie eine mittel« einer Sette befeftigte Seile bon SBeißbled). Sin jeber ©eite ijt 
eine, ein Slumenomament barfieKenbe ©culptur, unb barfiber eine 0,« Meter 
lange, 0,?o Meter breite Marmortafet mit ©prüfen au« bem Sltloran, bem 9ta= 
men be« SBoljttljäter«, ber bie Quelle errichtete, unb ba«®atum ihrer (Errichtung, 
1193 ber $egira. ®a mir je|t ba« 3al}r 1298 ber ^egira haben, fo ift bie 
Quelle 106 3al}re alt. 3n einer anbem Quelle biefe« ®orfe« ift ein großer 
alter ©arfopljag au« ©afatt aufgemauert, in beffen oberftem Sianbe mir bie 
3nfdjrift lefen: 

POSTVMIAVENERIA 

unterhalb meldjer mir eine Stofette unb einen Slumenfranj fomie jmei giguren 
bon Menfdjen unb einen Sogei mit einem Saum auf bem Sopfe fehen. Xiefe 
©culpturen fomie bie gnfchrift ftnb attgenfdjeinlich au« bem Mittelalter. Stecht« 
ift ein anberer Marmorblocf mit geometrifd^en Muftern, ber mahrfcheinlich älter 
ift. 3>ie hohe Soge biefe« ®orfe«, bie bielen alten Xrümmer, bie mir hier in 
ben $au«mauern eingemauert fehen, bie bieten alten Xopffcherben, bie mir in ben 
©arten unb ben gelbem umher fehen, aber ganj befonber« bie ungeheuere Maffe 
gewaltiger ©ranitblöde, mobon bie meiften eine monumentale gornt haben: alle 
biefe betriebenen Umftänbe berantaffen mich j“ glauben, baß Seftambul bie Sau» 
fteDe ber alten ©tobt ©olonae ift. ®ie Sage ftimmt jebenfaK« mit ben Eingaben 
©trabo'« (XIII, 589, 604): baß biefelbe in unmittelbarer Stähe Stchaeium« mar, 
metche« neben Sllejanbreia lag, fomie baß ihre (Entfernung bon Slion 140 ©tabien 
betrug. ©olonae muß feinen Stamen bon ben jaljllofen Maffen ungeheuerer 
©ranitblöde erhalten haben, mornit alle gelber ber Umgegenb bebedt finb, unb 
bie bie gorm riefiger ©rabfteine haben. Seftambul hat 110 türfifdhe Käufer. 

SBir festen bie Steife nach bem ®orf Stlampfa fort, metche« im galfre 1880 
ber ©chauptafc eine« tragifchen ©reigniffe« gemefen ift. 3« biefem ®orfe moljnte 
ber türlifdhe Saufmann $abji Ujitt, bon bem man mußte, baß er 30000 Sßfb. @t. 
befaß, unb ber nur ein Sinb, einen ©oljn bon 25 Saljren hatte. Swanjig 
griechifdfe Stäuber tanbeten in einem großen Soote eine« greitag« abenb« im ©ep» 
tember wäljrenb be« gefte« be« Stamajan unb gingen nach bem nur eine halbe 
©tunbe bon ber See entfernten Sltampfa. Sur ©tunbe be« ©ebet«, mo fte mußten, 
baß $abji Ujin in ber Mofdfjee mar, gingen fie in fein $au«, ergriffen feinen 
©oßn unb führten ihn fort, um ein große« Söfegetb für ihn ju bertangen. Un= 
gtüdtichermeife teifteten bie beiben Pächter SSiberftanb, fchoffen auf bie Sanbiten 
unb bermunbeten einen berfelben. 2)a burch bie glintenfehüffe ba« ganje ®orf in 
Slufruhr gebracht mürbe unb bie Stäuber befürchteten, bon ben Xürlen berfotgt p 
merben, fo töbteten fie bie beiben SBädjter fomie ben ©oljn bon £>abji Ujin, ber 
gern fein gange« Seratögen für ba« Seben feine« ©ohne« geopfert haben mürbe, 
unb entflohen, ©in ähnliche« ©efedjt, in meinem gmei Arbeiter unb gmei Stäuber 
getöbtet mürben, fanb im 3uti 1879 im Xorfe Salifatli, nur 20 Minuten SBege« 
bon $iffartif, ftatt. 

©ine halbe ©tunbe bon Seftambul, auf bem SBege nach Sltampfa, fieht man 




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■ 




*88 


Untere JSeit. 


neun ©ranitfäulen non 1,» Steter im Diameter nnb 11,«o Steter ßänge auf ber 
ffitbe liegen. Da$ fianb ift mit frönen ©atoneaeießen bemalbet. fflir paffirten 
in einet SteereSßöße non 239 SReter (Suftmärme 18° ©.) baS Dorf DamaHi Äioi, 
unb erteilten, in niec ©tunben non Äeftambut, bas große Dorf flüfeß Gerefft, 
melcßer Same „©ogetbaeß" bebeutet; e$ liegt eine ©tunbe SJegeS nom Steere, an 
einem Keinen 3tufj in einer SteereSßöße non 66,3 Steter, unb befteßt aus 200 |>äu» 
fern, monon 190 non Dürfen unb 10 non ©rieeßen bemoßnt merben. 3« biefem 
Dorfe ift bie ©cßuttanßäufung 2—3 Steter tief, unb Staffen non alten fculptirten 
Starmorbtöden fießt man in ben fjauS* unb ©artenmauern fomie in bem Stauer« 
mer! ber ©rüde über bem Stuß. Stußerbem merben ßier niete Stünden aus ßette« 
nifeßer unb römifeßer 3«it fomie aus bem Stittelalter gefunben. 3<ß fetbft taufte 
ßier eine feßöne ©ronjemünje non HffoS. 

@S tann bemnatß teinem Bmeifel untertiegen, baß ßier einft eine bebeutenbe 
©tabt tag, bie, naeß meiner Meinung, feine anbere als Sarifa fein tann. $omer*) 
erjäßtt uns, baß fte non ©etaSgern bemoßnt mar, meteße ©unbeSgenoffen ber Dro= 
janer rnaren. 3ßre ßage entfprießt ooQfommen ben Angaben ©trabo’S (XIII, 604), 
meteßer fagt, baß ßarifa naße bei Hcßaeium unb bem fpätern ©ßrtjfa gelegen mar. 
Das türfifeße ©räberfetb non $ufß Dereffi ift eins ber größten, bie icß je gefeßen 
ßabe; eS ift etrna 1000 Steter tang, 200 Steter breit unb äßnticß ben meiften 
türlifcßen ©räberfetbern mit ©ppreffeu bepflanzt. @S ßat eine ßoße Stauer, in 
ber icß feßr Diele feutptirte Starmorbtöde faß, befonberS in ber Sorbermauer. Die 
Dreppe befteßt faft auSfcßtießticß auS Starmorblödcit non alten ©auten, auf beten 
einem man bie feßr oermifeßte 3nf<ßrift fießt: 

OEPMO 

BPAnOY 

OMHPOY 

3n anbertßatb ©tunben nott bort erreießten mir bie ßeißen ©atjquetten unmittet« 
bar nörbtieß non Doojta, monon an ber erften ©teile OieÜeicßt 40 fein mögen. 
Die erfte, bie icß maß, ßatte eine Demperatur non 60° ©., eine anbere ßatte 40°. 
3mei anbere tonnte icß, ißrer großen |>iße »egen, gar nießt meffen, ba bas 
Dßermometer in ein paar ©ecunben über 62 l / a ° ©. ßinauStief. Der Sets, bem 
bie ©atjqueHen entquitten, ßat eine fcßmujig rotße, gelbe ober meiße Sorbe, unb 
ift in biefer $inficßt ben Seifen um baS Dobte Steer ßerum feßr äßnticß. Kn 
biefer ©teile ift nur eine Ouette foeßenben ©atjmafferS, in ber icß ein ©taeßet* 
feßmein liegen faß, metcßeS böHig gefoeßt mar. Stan fießt biefe Duetten bis p 
einer #öße bon etma 18 Steter aus bem Seifen fprubeln; jeboeß finb bie meiften 
berfetben nur ßöcßft unbebeutenb, inbem fie tropfenmeife ßerborfommen. ©inige 
Heine ©atjqueltcn fprubetn aus bem flauen ©oben am Süße beS SetfenS ßeroor. 
©or alten biefen Duellen finb bie ©alpfannen, in benen icß jeboeß niemanb 
befcßäftigt faß. 3o einer ßalben ©tunbe bon ßier erreießten mir baS Dorf Doojta 
(Steeresßöße 64,» Steter), metcßeS aus nur 30 Raufern befteßt unb in einer Sets» 
feßtueßt liegt, an beten beiben ©eiten ßeiße ©atjquetten ßerborfommen; barauS 


*) »gl. SliaS, U, 840, 841. 


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Seife in 6er Croas. 




erflärt fich bie Lufttemperatur bon 26° ©. im ©Ratten. 2tm ©nbe ber SelS* 
fehtucf)t ift eine feljr reichliche Duelle fochenben ©aljwafferS, bie mit großer ©emalt 
0,40 SReter hoch aus bem flachen Seifen herborfprubelt. 

3n Xoojta jeugen eine SRenge non ©ranitfäulen bon ber ehemaligen Sebeutung 
unb ber ißradjt ber ©tabt Xragafa ober Xragafae, bie einft hin ftanb unb bie 
bon ©trabo (XIII, 605) nebft ihren ©aljWerlen (to Tpayaaaiov aXojnfyiov) er» 
wähnt wirb. ©rofee SRajfen behauener unb polirter SRarmorblöcfe fehen mir in 
ber kreppe unb ben SRaucrn ber SRofcfjee, melche eine bhjantinifche Kirche gemefen 
ift; auf ihrem Sont ift ein ©torchneft; ein jmeiteS ift auf bem einzigen SRinaret, 
unb jmar fo nahe ber ©aterie, bafe ber SerWifch, menn er jum ©ebet ruft, fich 
in einer getrümmten Stellung halten muß, um nicht ben ©torch ju ftören ober 
fein Steft ju befchäbigen; ein britteS ©torchneft fieht man auf einer banebenftehen* 
ben ®^p»reffe. 

Soojla ift jtoei ©tunben SSegeS bon ber ©ee entfernt. 2lu<h 1 ’/a englifche 
SReilen fftblich bon biefem Sorfe fommen ©atjqueflen aus bem Seifen herbor, 
melcper, gleichwie jener in unb oberhalb ber ©flucht, bon fctjmujig rother, gelber 
ober weiter Sarbe ift. 3« 16 SRiuuten bon Xoojta paffirten Wir ben Stufe 
©atnioeiS, an Welchem nach fpomer*) bie bon Selegera bewohnte ©tabt ißebafoS lag. 
3eboch mäffen bie Stuinen biefer, fchon jur Seit ©trabo’S (XIII, 605) Wüften 
©tabt bon ben SlUuoicn beS SluffeS bebedt fein. 

Snbem wir bie $öljen auf ber ©übfeite beS ©atnioeiSthateS beftiegen, erreich* 
ten Wir in jwei ©tunben baS malerifd) gelegene Sorf ®ulafli ffioi, welches am 
3lbhange- eines SelfenS liegt unb genau bie Sauftelle ber nach=h 0rti erif(hcn 
©tabt ©h r hf a finjunehmen fcheint. Ser hödjfte ißunft beS SorfeS hat 147,o «Dieter 
SReereShöhe; SuftWärme 20° ffi. $tm Sufee beS SergeS finb fd)öne ©ärten, Worin 
man bie im 3aljre 1866 bon ißullan auf Soften ber Silettanti ©ocietp in Sonbon 
auSgegrabenen Sunbamente beS XempelS beS Apollo ©mintheuS fieht; berfetbe War 
aus weifeem SRarmor unb in ionifdjem ©til, octaftpt unb pfeubobipteral. ©inige 
©äuten, ©apitäle unb ©ebälle liegen in ben ©ärten umher, auch einige fonberbar 
feutptirte ©türfe SRarmor, welche Sruchftüde grofeer ©anbetaber ju fein flehten, 
©trabo (XIII, 604) berichtet, bafe bie ©tatue beS Slpollo auS fpolj bon ©copa 
gemacht war unb eine SRauS unter bem Sufe hatte. Sie ©äulen waren 11,i SReter 
lang unb hatten an ber Safis l,i* SReter im Surchmeffer. Sie Sunbamente beS 
HempelS, welche 34,8 SReter lang unb 29,4 SReter breit finb, liegen in einer 
SReereShöhe.bon 27,i SReter. Sie Schwelle einer Sljär biefeS SempelS, bie man 
im SBege fieht, ift 2,47 SReter lang, l,s SReter breit; etwas höhet hinauf fieht 
man eine jweite ©chwelle bon gleichen Simenfionen. Siele grofee behauene Slöcfe 
fomie eine ©äute aus Safalt, bie einem anbern ©ebäube anjugehören fcfjeinen, 
fieht man in ben SRauern ber benachbarten ©ärten. 

Ser fchmale ißfab bon Sulafli Sioi nach Saba (brei ©tunben) geht fortmäh* 
renb bie mit 2Bad>holbet, ©idjenbüfdjcn unb Sichten überwachfenen Seifen entlang. 
SaS Sorf Saba, welches auf bem weftlichften SluSläufer beS jefct Sap Saba 


*) »gl. 3tiaS, XXI, 87. 


•w.. 


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Mnfere <3eit. 


190 

genannten ßap Sefton fyod) übet bem Steere liegt, ift ein auSfdjliehtid) oon 
Xfirfen bewohnte« ntobemeS ®orf oon 150 $äufem. ©S tvutbe üermuthlid) erft 
not 157 Sagten gegrfinbet, ba baS 3aljr 1140 bet $egita übet bem Xljor bet 
geftung unb auf bet älteften Quelle angegeben ift. ©eine oon mit auf ber 
Saftion bet geftung gemeffene SteereSfjölje ift 38,o Steter; Suftwärme 16° C. 
(£4 tjat b*et niemals eine alte ©tabt geftanben. Stan bat oon hier eine herrliche 
AuSfidjt nach ©üben auf SeSboö, nach Sorben auf XeneboS; erftereS erteilt man 
Oon hier bei gutem Sßinbe in 1 1 / 2 ©tunben. 

ffiir titten oon bott am 16. Stai, 5‘/ s Uljr morgens, auf einem fchmalen 
SBege im Si^jad bie fteile gelsböbe hinauf, bie baS ®orf überbängt unb gtei<b 
bem ganzen SBergrüden, bis weit hinter AffoS, aus alter Saoa befielt. 3<b 
brauchte 1 V* ©tunben, um ben (Stiefel ju erreichen, bet 274 Steter SteereShöhe hat. 
äber fogat btefe #öjje fann unmöglich baS eigentliche ßap Sefton fein, ba es in 
öftlidher Sichtung einen noch oiel b ö h crn SßunR gibt. 3<tj brauchte wiebet 
1 ©tunbe 10 Stinuten, um biefen ®ipfel ju erreichen, bet 355,? Steter $ÖIje 
übet bem Steere hnt, welches et faft oettical überhängt; bie Suftwärme war bort 
19° ß. ^ebenfalls fann £omer nur biefen höcbften fßunK im Auge gehabt haben, 
wenn er unS erjäljlt, bah £>era unb $ppnoS, auf ihrem ©ege nach bem gba, 
bieS ßap erftiegen: 

Sefton, wo erft bem SJteer fle entwanbetten; bann auf ber gefte 

Schritten fie; unb eS erbebte oom (Sang fwdjwipflige Salbung.*) 

3ch war ebenfalls feft überzeugt, bah fi<h ©trabo'S Angabe (XIII, 605): „bah auf 
bem ßap Sefton ber Altar ber 12 ©ötter ift, welcher ber ©age nad) Oon Agamemnon 
gegrünbet War", nur auf biefen fjödjften @ipfel bejieljen fonnte. Unb in ber Xljat 
fanb ich bort bie 9tuine eines alten SauwerfS, 5,5 Steter lang, 4,5 Steter breit, 
welkes auS grofjen unb Keinen, ohne fall ober ßement jufammengelegten ©teinen 
befteht unb ein maffioeS Stauerwerf bilbet. Xie gegenwärtige £>öhe biefeS Stonu» 
ments über bem ®oben ift nur 0,45 Steter, jebodj fann feine wirKiche |>öl)e nur 
butd) Ausgrabung beftimmt Werben. ®S fcheint jebodj nicht Oiel höher gewefen 
ju fein. Xafj bieS ber wirKiche, bem Agamemnon jugefdjrie&ene Altar ber 
12 ®ötter ift, barüber fann wol fein ßweifet beftehen; jebodj bin idj fern baoon, 
£U glauben, bah biefer §elb ihn wirKich errichtet haben tännte; ja, fdjon bie 
3aljl 12 fpridjt bagegen. Auch glaube ich nicht, bah bieS Xenfmal auf ein fo 
hohes Alter Anfprüche machen fann; benn ich fanb bort feine ©pur oon oor* 
Ijiftorifdjer Xopfwaare, fammelte bagegen, jWifchen ben ©teinen, oiete SBrudjftüde 
glafirter rotljer ^eöenifc^er ffiafen, für bie ich faurn mehr als bie macebonifche 
8eit beanfpruchen möchte. Sch muh ^injiifügen, bah bieS baS einjige alte ©au= 
werf auf ber ganzen ©trede jWifchen ßtjrpfa (SfrtlaKi Sioi), Saba unb AffoS ift, 
unb bah eS in biefer ganzen ©egenb feine ©pur einer alten menfdjlichen Sieber* 
laffung gibt. ®er Altar ber 12 ©ötter fteljt im StittelpunKe einer 0,90—1,5 Steter 
hohen, oieredigen ßinfjegung Oon groben ©teinen, bie ohne ßement jufammengelegt 


*) »gl. SliaS, XIV, 284, 285. 


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Seife in bet Croas. 


m 


finb; jebocß warne ich ben SReifenben, biefe ober bie oier, unmittelbar baneben be= 
fmblicßen, gana ähnlichen ©inßegungen, wobon einige jwei ober brei fleine Spüren 
haben, als altes SRauerwerf anaufeßen ober fie auf irgenbeine SBeife mit bem 
Stttar ber 12 ©ötter in ©erbinbung ju bringen. 3« ber Dßat finb biefe ©iw 
fcßtüffe nid^tS anbereS als ©cßafhürben gana neuen ©auwerfeS; biete ganj ähnliche 
©djafßürben fleht man nur 15 ÜRinuten nörbtich bon biefen, unb fah ich biefetben 
bis StffoS hinauf. 

Sieben bem Stttar ber 12 ©öfter ift ein mit großen unb fteinen ©teinen, ohne 
©ement, aufgemauerter, mit einer großen, polirten, weißen üRarmorptatte bebedter 
©rannen, ber ohne 3weifet alt ift, ba es in ber ganzen ©egenb feinen SRarmor 
gibt unb bie Wirten ju arm unb anfpradjStoS finb, benfetben aus ber Seme ju 
holen, währenb fie einen Ueberftuß bon Saba jur $anb haben. SEBir festen bie 
Steife über bie Dörfer ©aibenli ffioi (äReereSßöße 278,« äReter) unb Soiun ©bi 
(SReereSßötje 286, 1 3Reter, Suftwärme 22° ©.) fort. Die bulfanifdje Slfcße, Womit bie 
Sabafetfen bebecft finb, ift mit hornigem ©ebüfdj unb fettenen Sichten überwachten. 
Sogar biefe unfruchtbare ©egenb ift oon fpeufcßreden ßeimgefucßt, bie ben beerben 
faum ©raS unb Kräuter ju ihrer 5Raf)rung übriggelaffen haben. Oft }ießt man 
fie ju ÜRiUionen burch ein reicßeS ©aatfelb nach einem ©raSfetbe aießen, ohne 
erftereS au befcßäbigen, unb erft nach bemfetben aurüdfeljren, nachbem fie IeJ* 
tereS bernichtet haben. 

Die Sanbfchaft ift aber überall, wohin man auch &su ®üd wenben mag, male* 
rifch fchön; benn überall fieht man ungeheuere HRaffen riefiger Sababtöde, bie 
entweber allein ober in Raufen, ja oft in brei, fünf ober fetbft aehn Steißen auf» 
einanberliegen unb gewaltigen SRauern ähnlich feljen. SRancßnial fieht man biefe 
©töde, bie einen über ben attbern, aufrecht ftehen gleichwie riefige ffircßenorgeln. 
Dann wieber fieht man fie in ©eftatt bon Dßürmen in langen Steißen hießt neben» 
einanberftehen. Die ©chönheit ber Sanbfchaft wirb burch bie fortwäßrenbe StuS» 
ficht aufs SReer erhöht; ja, meiftentßeilS fahen Wir gteichaeitig baS Süegäifcße SReer 
unb ben ©olf bon Slbramptteion. 

SBir pafftrten Strabtar fi'ioi, welches 277,7 9Reter äReereSßöße hat, unb er» 
reichten um 4 Ußr nachmittags SlffoS, welches jeßt ©eßram genannt wirb, unb beffen 
höchfter ißunft eine äReereSßöße bon 232,7 äReter hat, Suftwärme 19° ©. Stuf 
biefem haften ©unfte fcheinen brei ober hier Dempet geftanben au haben, bereu 
©aufteüen beutlich a u ernennen finb unb bie jeßt bon ber Stntiquarian ©ocietß 
in ©ofton auSgegraben werben. 3«bo<h fcheint es mir, baß bie ©cßuttanßäu» 
fung hi^t faum mehr als 3 guß tief fein fann, unb habe baßer feine Hoffnung, 
baß ßiet werthbolle ©culpturen gefunben werben fönnten. 2ln ber SRorbfeite ift 
ein fonberbareS bierecfigeS ©ebäube mit einer niebrigen ftuppel, welches eine 
bpaantinifche ffircße gewefen au fein fcheint unb in eine äRofcßee umgewanbett 
worben ift; baneben finb awei bieredige Dhürme, beren einer halb aerftört, ber 
anbere ziemlich gut erhalten, mit ©cßießfcßarten berfehen unb 20 äReter hoch unb 
12 äReter breit ift. ©eibe befteßen auS mit ®alf berbunbenen behauenen ©teinen 
unb ftammen augenfcßeinlicß auS bem äRittetatter. Stoße babei finb bogenförmige 





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192 


Unfere ^ctt. 


©ewölbe, waprfcheinlich Eifternen, unb große Mauern mit Sollwerten, toelc^e an» 
fcßeinenb alle au3 bcm SDiittetatter ftammen. 2)ie $auptgebäube ber alten (Stabt 
{feinen auf ben beiben großen Xerraffeu an ber ©üb» ober ©eefeite getoefen ju 
fein. Ruf ber obern Xerraffe, beren fenfrecht abgefdjnittener getS mit ftd} baran 
lehnenben Mauern betleibet ift, mag bie alte Rgora getoefen fein; jeboc^ ift audj 
hier bie Rttpäufung oon Suinen nur ^öc^ft unbebeutenb, ba RffoS jahrljunberte« 
lang bie Saufteine für bie ißaläfte unb Mofcpeen in ßonftantinopel geliefert put. 
Rn ber Oftfeite fieht man bie Xrümmer eines Reinen ©ebäubes, baS für ein 
Spntphäum gehalten wirb. Ruf ber jWeiten Xerraffe fieht man bie Suinen mehrerer 
großer ©ebäube, in benen öiefleicfit bie Arbeiten ber boftoner Rntiquarian ©ocietp 
mit einigen fcßönen ©culpturen belohnt werben mögen; bafür fcßeint aber in bem 
großen Xheater nodj mehr Hoffnung ju fein, auf welches man oon biefer jweiten 
Xerraffe nieberfieht; benn obwol bies Monument faft aller feiner Marmorblöde 
beraubt ift, fo fdjeint bie ©djuttanljäufung bort hoch tiefer als fonftwo in RffoS 
ju fein. X>ie Mauern, bie aus großen behauenen ©löden aus ©ranit ober Xradjpt 
hefteten, finb Oiel beffer erhalten als bie irgenbeiner anbern alten IjeHenifdjen ©tabt, 
unb fie bieten uns baS ooüfommenfte übriggebliebene Mufter ber alten SefeftigungS» 
Weife, ©ie waren fo gebaut, baß fie aus ber natürlichen ©tärfe ber ißofition 
Stufen jogen unb bie ©tabt in jWei Xljeile feilten, jwifchen benen bie RfropoliS 
war; fie finb mit jal)lreid)en Xhürmen Oerfeßen, bie, mit einer einjigen RuSnalpne, 
oieredig finb. ©ie finb burdifdjmttlicfj 2 ,5 Meter bid unb beftehen aus behauenen, 
entweber feilförmigen ober oieredigen ©löden, bie genau fo pfammengelegt finb 
wie bie ber Mauern oon Rlejanbreia XroaS unb ber Mauern ber großen alten 
geftung auf bem ©erge Shtgri: nämlich baS 3«nere ber Mauern fowie ber Saum 
jwifdhen ben feilförmigen Slöden ift mit Reinen Steinen auSgefüllt. Ueberatt, wo 
bie Mauern aus oieredigen ©löden beftehen, werben biefe regelmäßig burdj feil» 
förmige Slöde unterbrochen, bie baju bienen, fie in ihrer Sage ju befeftigen. 
RHe ©teine tragen bie beuttichften ffennjeichen baOon, baß fie mit eifernen ©pifc» 
hämmern abgefplittert finb, unb fönnen baher auf fein h o! M Rlter Rnfprud) 
machen. 3“/ i<h glaube felbft, baß bie ganje wefttiche Mauer aus römifdjer Seit 
flammt; bie übrigen finb waljrfcheinlich uicht älter als bie macebonifdje ©eriobe. 
Rn jWei ©teilen aber feljen wir bie neuere Mauer über Mauern hiu gebaut, bie 
aus wohlpfammengefügten ©otpgonen beftehen unb allgemein als e^floptfc^e Mauern 
betrieben werben, für bie ein feljr h®heö Rlter beanfprucpt wirb. 3«boch 
muß ich ebenfo fehr bagegen proteftiren, biefe Mauern cpRopifdj ju nennen, als 
ihnen ein fehr h»h e ^ Älter jujufdjreiben; benn nur an ber Rußenfeite haben bie 
©löde bie poltjgonale gorm; im übrigen finb fie feilförmig unb ooüfommen fo 
aufgebaut wie bie ©löde ber anbern Mauern hier, nämlich ber Saum jWifchen 
ben feilförmigen ©löden fowie baS ganje 3«nere ber Mauern ift mit Reinen 
Steinen aufgefüllt, golglich haben biefe Mauern nichts gemein mit EpRopifchen 
Mauern aus ißolpgonatblöden, es fei benn ber äußere Rnfdjein. SSJir haben fein 
©eifpiel einer fehr alten Mauer mit folgern Mauerwerf, unb ba außerbem bie 
Rußenfeite jener ©löde bie S'ennjeichen trägt, baß fie mit eifernen ©piphömmern 
abgefptittert ift, fo fönnen Wir biefen Mauern unmöglich ein höheres Rlter 




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Zufdfreiben als baS 5. ober 6. 3fcljrljunbert ü. Kl>r. ®S ift beachtenSloerth, baft 
biefe äRauern mit {ßolpgonen etmaS fchräg fteljen ober gebogen finb. 

Sehr intereffant finb hier bie oielen moljlerhaltenen, mit großen unb Keinen 
unbehauenen SBlöden geklafterten Straften. (Sine fotcfte Strafte geht Don bet 
Afropqliö öfttidj hinab unb führt jn einer Anhöhe mit einem Jhurm, beffen äuftere 
äRauern aus behauenen Dieredigen ©löden Don l,so SDieter Sänge, 0,39 äReter 
©reite unb 0,4s äReter ®ide beftehen. ©on biefem fünfte hat man eine herrliche 
Auöjtcht auf baS SatnioeiSthal unb bie baffelbe überhängenben, mit ©efträud) unb 
Sichten bebedten Saoahügel. ®a mir faft überall baS alte Straftenpflafter ohne 
Schuttaufhäufung fehen, fo oermutlje ich/ baft tefctere hier überall nur äufterft 
geringfügig ift unb baher Ausgrabungen fehr leicht finb. Aber gerabe beStoegen 
habe ich leine Hoffnung, baft hier Diele intereffante Sachen zu finben fmb, es fei 
benn in ben ©arten an ber SBeft» unb Dftfeite, auf bie ich befonberS bie Auf» 
merffamteit ber ausgezeichneten amerilanifchen ©eteljrten tenlte, meldje Don ber 
boftoner Antiquarian Society nach AffoS gefanbt finb unb bie ich baS Vergnügen 
hatte hier anzutreffen. 

®on ber ©efdjichte Don AffoS miffen mir toenig ober gar nichts. Strabo fagt 
jtoar, baft eS eine Kolonie Don äRetltymne auf SeSboS mar; aber bie impofante 
Sage ber Stabt über bem äReere Deranlaftt uns, zu glauben, baft ftyon im hohen 
Atterthum hier eine SRiebertaffung getoefen fein muft. möchte annehmen, 
baft AffoS baS alte Kljrhfa gemefen fei, meines einen berühmten Kempei beS 
Apollo SmintheuS hotte unb oft in ber 3tiaS ermähnt mirb. glaube bieS 

um fo mehr, als, nach ber 3tiaS (I, 431), baS alte Khtyfa einen $afen h“ite, 
ber ihm auch öon Strabo (XIII, 612) jugefchrieben mirb, mährenb an ber ganzen 
nörblidjen ®üfte beS ©olfs Don Abrantytteion AffoS ber einzige Ort ift, ber einen 
folchen hot. Strabo (XIII, 612) erzählt uns, baft ber Kultus beS Apollo SmintheuS 
Don bem alten nach bem neuen Khrtjfa überging, meines festere mir bereits be= 
fprotyen hoben. Ades, maS mir Don AffoS miffen, ift: baft, nachbem baS Sanb 
unter bie perfifche 4jjerrf<haft gelommen mar, biefer Stabt bie Pflicht auferlegt 
mürbe, bie perfifchen Könige mit SBeizen zu Derforgen. Stad) Strabo (XIII, 610) 
erlangte AffoS feine Unabhängigleit im 3 0 hre 350 0 . Khr., unter ber ^errfcftaft 
beS (Sunuchen $ermeiaS, ber bie ijtyilofophen XenolrateS unb AriftoteleS zu fi<h 
einlub unb bem le$tem feine {Richte zut Stau gab. 2)ie Stabt fiel aber balb 
«lieber unter bie ^errftyaft ber ißerfer, bie ben $ermeiaS töbteten. Sie machte, 
nach Atejanber’S beS ©roften Kobe, einen Kheil beS {Reiches beS ShfimadjoS aus, 
lam fpäter unter bie ©otmöftigleit ber Könige Don ijSergamoS unb mürbe nach 
bem Kobe AttaloS' III. (130 D. Khr.) bem SRömifchen {Reiche einoerleibt. AffoS 
mürbe Don ben Apofteln ißauluS unb SulaS befucfjt. *) 

®ie Steife Don AffoS meiter öftlich ift hötyft beftymertich; anfänglich geht bie» 
felbe auf einem mit lofen Steinen bebedten fdjmaten ißfab burch bornigeS ©ebfifty. 
3« zwei ©tunben menbet fich biefer allmählich öon ben $öhen zum Stranbe beS 

*) Styoftelgefdjidjte 20, is, u. 

Uaftrt 1881 . 11. 13 


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Unfere <5eit. 


m 

SleereS hinunter, wo wir ben ganjen Xag im tiefen ©anbe beS UferS $u reiten 
Ratten. 3n oier ©tunben bon äffoS erreicften wir, nur etwa 18 Steter non bet 
©ee entfernt, einen ©rannen, beffen SBaffer 16° E. (SuftWärme 23° E.) unb einen 
fefr ftarfen ©cfwefelgefcfmad fatte; etwa 300 ©cf ritt weiter öftlicf fteft eine 
©ranitfäule unb auf ber £>öfe im nörbticfen ^intergranbe ein fegeiförmiger Xu* 
mutuS, ber einzige, ben idj an biefer Stifte faf. $ier f (feint einft eine ©tabt 
geftanben ju faben, unb bermutfe icf, baß eS ©argara gewefen fein mag, welcfeS 
nacf ©trabo (XIII, 606) 140 ©tabien bon 9lffoS entfernt war; biefe Entfernung 
ftimmt boDfonttnen. 

®ie Sanbfcfaft ift fier überall ^öc^ft intereffant, benn halb nähert ficf ber 
©ergrütfen bem ©tranbe unb überdüngt if n faft fenfrecft; batb entfernt er ficf eine 
©iertel» ober eine falbe Sleilc baoon unb bilbet fo tauge, mit Otibenbäumen bepflanzte 
ober mit ©etreibe befäete Xfäter. 9t uS gurdjt bor ©eeräubern ift bon 9llefanbreia 
XroaS bis jum Eap Sefton unb an beiben ©eiten beS ®olfs bon ©bramftteion 
nicft ein einziges $orf am ©tranbe erbaut; alle Xörfer liegen auf ben $öfen, 
etwa eine ©tunbe SBegS bom Ufer; jebocf fat jebeä berfetben am Steere eine 
följetne ©arade, bie als ^oljfpeicfer bient unb bon ber ©reter unb ©alten fowie 
gicftenrinbe berfcfifft werben. Sieben bem #oljfcfuppen fteft immer ein Saben, 
wo ©rot, Safe, ©atj unb Xabad ju berfaufen ift, jebocf lein ©Sein, ba biefer 
nicft bon bem gemeinen Xürfeu getrauten Wirb unb eS fier feine SBeinberge gibt. 
Solche SabungSpläfe werben mit bem italienifcfen SBort „Scala" benannt. 3« 
fieben ©tunben bon 9lffoS erreichte icf bie ©cata bon 9trafti, welcfeS nicft auS bem 
Xfirfifcf en abgeleitet Werben fann unb eine Korruption beS griecf ifcf en ’ HpaxXetov 
ju fein fdj eint; jebocf wirb eine ©tabt biefeS Samens fier bon feinem alten ©cfrift* 
ftetter erwähnt, ©ine falbe ©tunbe weiter paffirte icf bie ©cala bon Stuffaratli, 
neben Welcfer ber StuffaratliXfai genannte ©acf ins Steer läuft. 3n einer 
©tunbe bon fier erreichte icf bie ©cala bon Efepnef, bie mehrere ^»oljfpeicfer 
entfält unb biet ©aufol,j ju berfcfiffen fcfeint. 2Bie aber fcfon erwähnt, ift 
nirgenbs ein £>afen, außer in 9lffoS, unb fann bafer bie ©erlabung beS $oIje8 
nur bei ruhigem SESetter ftattfinben, obgleich biefe ©calaS etwas bon ben gnfeln 
StoSfonifi, 9tibali unb SeSboS gefcfiift fmb. 3n 45 Stinuten bon Efipnef er» 
reichte icf bie ©cala bon 9Iba, Wo icf in Erfahrung brachte, baß in einer Entfernung 
bon einer ©tunbe, unweit beS XorfeS 9tba, in einem ©erggipfel eine große ßifterne 
auSge^auen ift, ju Welcfer eine Xreppe finabfüfrt, baß eS bort jebocf burcfauS 
feine alten Suinen gibt, ©orgfältig fabe icf micf an jebem ^alteplajje banadf 
erfunbigt, ob eS in ber Umgegenb irgenbWelcf e ©puren alter Stauern gäbe, jebocf 
finb biefelbeti nirgenbS borfanben. Xie SuftWärme in ©cala 9lba War 20 , / 2 ° E. 
SSäfrenb ber ganjen Seife fatten- wir tägliif, burcffcfnittlicf jwei ©tunben lang, 
Segen unb förten bann unb wann in ber gerne bonnern. ©alb nacf ber ©cala 
bon 9lba paffirten wir ben gluß Stocfli»Xfai, ber 0,»o Sieter tief unb 18 Sieter 
breit ift; barauf, in 30 Stinuten, bie ©cala bon Sarti, tiacf Welcfer Wir an btrS 
glüßcfen Sutfcfuf*Xfai famen, WaS „Steiner gluß" bebeutet. ©on bort ritten 
Wir jum großen ®orf ißapaSli finauf, WelcfeS 123,* Sieter SleereSföfe fat; bie 
SuftWärme war bort 19° E. abenbS unb 17° E. morgens. XiefeS Xorf fat eine 


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Keife in 6er Croas. 


195 


herrliche Sage am 2(&fjange eines ßoßen 53ergeS, be^ftnn^t mit Dlibenbäumcn, 
Welche hier fe^r üppig warfen unb bie ®röße gewaltiger SBalbbäume erreichen. 
2)ie StuSfiißt auf XE»aI unb ©ee ift Wahrhaft pra<htboII. Xiidjt bei IßapaSli ift 
ber Keine gfufj Xfatfcßinbercffi. X)aS Dorf wirb Don dürfen unb einigen ©riedjen 
bewohnt, Welche (extern fieß nidjt gerabe bureß außerorbeittlicßc SReinticßfeit aus» 
jeießnen. 3n ber Xßat, wie mübe ber SReifenbe auch fein mag, fo !ann er boeß 
bie Statut nicht ungeftört auf feinen, auf bem gußboben auSgebreiteten Xecfen 
jubringen, es fei benn, baft er feinen Körper mit einem Keinen SBaH non SBanjen» 
pulber umgibt unb fiel) ganj bamit beftreut, benn Söiaffen ßöcßft unangenehmer 
Qnfeften fallen bon ber Xecfe auf ihn herab. Seiber ift eS nicht rathfam, im 
freien ju fcßlafen, ba bie Mächte fall unb feucht finb. Stuf meine grage, ob eS 
in ber Umgegenb alte Ruinen gäbe, hörte ich, baß eine alte Seftung nur anbert» 
halb ©tunben bon bort entfernt fei. 3<ß befuchte biefetbe am folgenben SlRorgen 
mit einem grüßtet; ber SBeg baßin toar äußerft befchtoertich, benn eS ging auf 
fchmatem Sßfabe fortmährenb bergauf unb bergab unb mußte ich f°9 flr einen Stoßen 
Xßeil bcS SEBegeS ju guß machen. SBirflicß fanb ich bie geftung im hinter* 
grunbe einer mit toitben Dtiben unb grüßten überWachfenen ©ergfcßlucßt auS 
toeißem SRarmor unb gerabe oberhalb ber Quelle beS Xfatfcßinbereffi; ich f fl h ntich 
jeboch burcßauS in meinen Hoffnungen getäufcht; benn bet ©au erwies fich als 
eine Heine ©urg aus bem SRittelalter unb Waßrfcßeinlich bon ben ©enuefern er* 
baut. X)ie SRauetn fotoie baS Xhor finb mohterhatten. Xiefe geftung ift in einer 
•äReeteSßöße bon 162,s SReter, Suftmärme bort 18° ß. 3<ß begab mich bon bort 
jur ©cala bon ©apaSli; man jeigte mir, in einer ©ntfemung bon anberthatb 
©tunben SEBegeS öftlich babon, bie ©aufteile einer alten ©tobt, bie ftch etwa 
1000 Schritt 0SB. unb $R@. auSbeßnt unb bis jum SReereSftranbe reicht. Stuf 
ihrer Dftfeite ift ein Keiner Hügel mit ©puren bon alten SRauern, ber aber taum 
mehr als 10 SReter SRecreShöße hat. Dbwot biefe ©aufteEte mit großen Dtiben» 
bäumen bemachfen ift unb eS bort feine menfcßlicße SBoßnung gibt, fo wirb fie 
boch Xebrent genannt, welches feinenfaHs aus bem Xürfifchen abgeleitet werben 
fann unb eine Korruption oon Slntanbros ju fein feßeint, um fo mehr, als in 
einer in ber SRofcßee beS in unmittelbarer Stöße gelegenen X)orfS ßojilar topf» 
unter eingemauerten 3nf<ßrift Slntanbros unb ißeltae als Stacßbarftäbte erwähnt 
werben, welche ßinficßtticß ihrer ©renjlinie in Uneinigfeit waren. Xa nun am 
Stuß 2Ronaftir»Xfai (Slofterfluß), neben ßbjitar, ebenfalls bie ©auftetle einer alten 
Stabt ift, fo halte ich bafür, baß Xebrent Slntanbros unb bie ©auftetle am 3Ro= 
naftir*Xfai ijSeltae ift. Slntanbros wirb bon $erobot (Y, 26; VII, 42), ©cplaf*) 
unb ©trabo (X, 470; XIII, 606, 612, 613) erwähnt. Xie ©auftetle ift mit 
hettenifeßen Xopffcßerben fowie mit foteßen aus bem SRittelalter bebeeft; bie Stabt 
feßeint baßer bis ju einer fpäten Seit bewoßnt gewefen ju fein, ßine ungeheuere 
SRaffc bon SRün^en wirb hier bom ©ftuge aufgebccft; bie meiften berfelben finb 
römifeße ©aiferntüitjen, jeboch finb auch SRünjen aus macebonifcßer Seit hier feßr 
jaßlreicß bertreten; ©itbermünjen bon Slntanbros ftnb nießt feiten unb werben 


*) Sgl. ^cripfouS, 96. 






196 


Unfere 


bronzene SRünjen aus bem SRittelatter in großer SK enge gefunben. 3n ißapaSli 
unb ©ojilar taufte ich niete hier gefunbene ßRünjen; barunter eine fitbeme %t- 
trabrachme Alejanber’S beS ©roßen für 4 3rrS. unb ein $)ibrachme ißhitiph’ü II. 
für 2 grS. $)ie ©djuttaufhäufutig fdjeint hier teineSfaßS 3 SUZeter tiefe ju über* 
fteigen; bemtodj ift hier für faftematifdje Ausgrabungen jebenfaßS ein geeigneteres 
Selb als irgenbwo anberS in ber troaS, ausgenommen §iffarlit mit Sloüutn Stium 
nnb Alejanbreia troaS. 

3<h erreichte ©ojilar, meines SSort „Säger" bebeutet, um 1 Uljr nachmittags; 
biefeS torf ift in einer SReereSljöhe non 144,s SReter, Suftwärme 26° 6. tie 
obenerwähnte Snfchrift in ber äußern SRauer ber SRofchee fagt ferner: baß bie 
SRarnen ber beiben jur Schlichtung ber Uneinigleit über bie ©renjlinie non Athen 
berufenen Slidjter ©atprioS unb temetrioS waren, unb baß fie biefetbe jur aß= 
gemeinen 3«ftiebenheit entfchieben, infolge beffen bas 93olf ihre ©tatuen non Sronje 
unb bie ©tete mit ber Snfhrift aufftettte. SSon einer anbern SRarmorplatte, Welche 
nermuthtich ein ©rabftein ift, fchrieb ich bie nachftefyenbe Snfchrift ab, bie ner» 
muthtich aus bem SDZittelolter flammt: 

MHTPCOEPMAIOY 

XAIPE 

OIAIZTAEni 

ZTPATOY 

3n einer duette hier fah ich einen eingemauerten SRarmorbloct mit einem 83aS* 
retief, welches jwei fifcenbe ijJerfonen barfteßt, beren eine ein thier, nießeicht einen 
Söget, emporhebt; jur Siechten ift ein fteljenber SRamt, ber einen 93ed)er in ber 
$anb }u hotten fcheint. Dbwot bie türfifche Seoölterung überwiegenb ift, fo 
wohnen bo<h eine SRenge ©riechen in ©ojilar, unter benen ber Delhänbler SRidjail 
©ajajis ber reichfte unb angefehenfte ift. ©ie finb aße üon SeSboS. tie teSbier 
©riechen ftehen im Sluf, bie geriebenften ßaufleute ber SBelt ju fein; als SBeWeiS 
führt man an, baß in ©täbten, beren ^janbel in ben £>änben oon SeSbiern ift, 
fich nie ein 3ube finbet. Aße ©riechen ÄleinafienS, oon jeglichem ©tanbe, 
haben eine warme Anhänglichkeit für ©riechentanb unb ift es wirtlich rührenb, fie, 
mit Ihränen in ben Augen, oon ihrer Siebe für ©riechenlanb fpredjen ju hüten, 
welches fie ihr theuereS, großes Saterlanb nennen, obwot fie es nie befudjt hoben. 
Aße hoben bie feurigfte Hoffnung, baß, bei ber Drehung beS ©djicffalSrabeS, ber 
Xag tommen Wirb, unb baß jener Sag nicht mehr entfernt fein tann, an bem aße 
bie großen ißrooinjen ÄleinafienS oon ©riechenlanb annectirt werben, nach welchem 
fie täglich unb ftünblidj mehr unb mehr graoitiren. ©ie fagen: „Sßir ©riechen 
finb fcfjwer arbeitenbe Seute; bie lürten bagegen arbeiten gar nicht unb finb fort* 
währenb in ©etbnoth, welkes Wir ihnen ju hohen 3infen auf ihre Käufer unb 
Sänbereien leihen; ba fie bie Iptjpothefen nicht eintüfen, fo erttären wir biefetben 
für oerfaßen, unb auf biefc SSeife geht ihr ©igenthum aßmähtich in unfere $änbe 
über. Außerbem oerminbem fich bie lürten fehr fchneß. SBenn Wir $. S. ©mprna 
anfehen, fo hatte baffetbe noch oor 35 Sohren 80000 türtifche unb 8000 griechifche 
©inwohner, währenb eS jefot nur 23000 lürten unb 76000 ©riechen jäljlt; 


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Helfe in 6er Croas. 


19? 


«ton fmbet in affen ©täbten ein gleidjeS Serfjättnifj; audj iit ben Dörfern net* 
minbern jtdj bie Dürfen, jebodj weniger fcljneH." Die ©rieten geben Ijier iljren 
feurigen Hoffnungen in ben SBilbern SluSbrud, mit benen fie if)re Säben fcfjmüden: 
in ber 9Ritte berfelben fieljt man ben Sönig unb bie Königin üon ©riedjenfanb, 
um weldje im Greife Ijerum, in 24 ober mefjr ©artoudjjen, bie tarnen türfifdier 
©roühtjen ober großer ©tübte fielen, tote j. 93. ©amoS, EljioS, ®reta, Smyrna, 
IRljoboS u. f. to. 

Da idj oom Dorfe ©üjitar fpredje, fo muß id) Ijinjufügen, bafj es in biefer 
©egenb brei Dörfer biefeS StamenS gibt, nämtief) bicfeS, ein jWeiteS untoeit 95ei= 
ramitfdj, oon wetd(jem man ben Sba ju erfteigen pflegt, unb ein britteS in bem 
ffffinenbiftrict öfttidj oon 9tbramt)tteion. ©on Ijier nad) ©eiratnitfii) ift nur ad)t 
©tunben unb fieben ©tunben na<$ ©üjjilar am gufje beS 36a. 

Die ©aufteffe ber alten ©tabt am 9Jtonaftir=Dfai, bie idj für ©ettae Ijalte, ift 
nur Hein, unb allem Slnfcfjein nadj ift bort bie ©<fjuttanl)äufung nur feljr gering 
unb faum einen gufj tief. 

SBir ritten oon ©üjilar naefj ben fdfjon in ber ©bene oon Slbramptteion nalje 
am ©teereSufer gelegenen fjeifjen ©äbern, bie Sugia $amam genannt werben, jum 
llnterfdjiebe oon ben bereits befcfjriebenen ©äbern üon Sigia Hamam. Slber meber 
Sugia no$ Sigia finb türfifdje ©Sorte; audj finben Wir iljre ©ttjmologie in feiner 
anbem Sprache. 

Hier wirb baS ©überaus in befferer ötbnung gehalten unb ift feljr befugt; 
eS befteljt aus einem fuppetförmigen ©ebäube mit einem oieredigen ©edlen in ber 
©litte. Swei Quellen ftrömen gleichzeitig ins Setfen burd) ©öljren, wooon bie 
eine über ber anbem liegt. Die obere Quelle ift fatt unb f)at eine Temperatur 
ton 14° ©., bie untere ift f)eifj unb f)at 52 V 2 ° S. Der ©abemeifter üerfidjerte 
mir, bajj bie Reifee Quelle auf berfelben ©teile, wo fie burd) bie Heine eifeme 
gtöljre ins ©eefen ftrömt, aus ber ©rbe tommt; jeboef) fonnte idj midj nic^t hin» 
fidjtlid) ihrer ^eilenben $raft mit iljm üerftänblidj machen. Dafj es liier nodj 
meljr ^ei^e Quellen gibt, fdjeint ein ©loraftbab ju beweifen, weites in einer ®nt= 
femung Oon etwa 30 ©leter in ber SBiefe ift, auS einem feljr Keinen flachen Deiche, 
oon ungefähr 3 ©teter im Durchmeffer, befteht unb eine Temperatur oon 37 V 2 0 ©• 
hat. Dies ©ioraftbab würbe mir, als munberbare mebicinijche ©igenfehaften ent* 
Ijattenb, befdjrieben unb befonberS Ijeilfräftig für ®id)t unb 9t^eumatiSmuS. 3 e 6en= 
falls fdjeint feine Hetlfr fl fl burch bie an bie 3tDeigc ber bieS ©ab überfdjattenben 
©latane gefnüpften aus Sumpen Oon H en, 6en unb anberm 3cuge beftehenben 
SBeihgcfdfjente bewiefen ju werben. Stile biefe fonberbaren SBeiJjgefdfjenfe nämlich, 
üon benen id) 150 zählte, würben, wie mir ber ©abemeifter üerfic^erte, oon beit 
Ütanfen erft naefj erlangter oöffiger ©enefung aufgehängt. SBenn nun biefem 
©toraft eine fo wunbetbare Heilfraft jugef^rieben wirb, fo ift wol mit ©eftimmt* 
Heit anzunehmen, baff eS fid) mit ber unmittelbar baneben befinblichen feigen 
Quelle ebenfo üerljält. Da es in unmittelbarer 9?ähe fein Dorf gibt, fo ift 
feineSfaffS anjune^men, bafj bie Seute fefjarenweife aus ber gerne Ijetbeiftrömen 
follten, nur um ein IjeijjeS ©ab ju nehmen; es waren nämlid^, als idj eintrat, 



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198 


Unfere ^t. 


wenigften# fedj# ^erfonen im Sabcbeden. ©# fdjeint fogar, baß bie# Sab ju allen 
Seiten in ßoßem 9tuf geftanben ßat; benn bie großen genuefifcßen SRuinen, bie man 
ßier jießt, jeugen für feine SBicßtigfeit unb Sebeutung im Mittelalter. Da ßier 
ber Soben moraftig ift, fo roätßft ber $umu# feßr raftß burcß bie Slbtagerungen non 
oegetabilifcßen Seftanbtßeilen unb ragen baßer biele ber genueftfdjen Mauern, bie 
einft ßocß über ber ©rbe getoefen fein müffen, nur eben nodj au# berfeiben empor 
unb toerben ganj barunter oerfcßminben. 

Diefe# Sugia $amam Hegt in ber SBiefe am Süße be# fegelförmigen etma 
50 Meter ßoßen Sugatepefft ober Sugiatepeffi genannten |>üget#, ber bidjt mit 
Sidjten bemalbet ift. Sollte aber nicßt biefer $ügel einft ben -Kamen fßtato# ober 
fßlaj: geßabt ßaben, unb foüte nicßt ba# Dßebc be# ©etion, Slnbromacße’# ©eburt#= 
ort, an feinem Süße in ber SBiefe gelegen unb non ißm ba# ©pitßeton „uno- 
TcXaxi'i]" Ü7co7cXaxtt), ba# ßßpoptafifcße Dßebe) erßatten ßaben, Welcße# e# im 
£>omer trägt: 

Äam bie reidje ©emaljlin Änbromadje eitenben Saufe# 

©egen ißn ßer, be# eblen ©etion blüßenbe Dodjter: 

Denn ©etion tooßnf am roalbigen §ange be# $tato#. 

Dort in ber platifdjen Dßebe, fiilifia# Männer beßerrfcßenb, 

Unb er bermäßlte bie Dodjter bem erjumfdjimmerten fpeftor.*) 

3«ß bermutße bie#, ba jeber ©runb norliegt, anjuneßmen, baß an biefem 
Orte fdjon im ßöcßften Slttertßume eine Kteberlaffung gegrünbet worben fein muß, 
unb ba e# außerbem in ber ganzen ©bene non Slbramßtteion feinen anbem einjeln 
fteßenben #ügel ober Serg gibt. Diefe gänjlitße Slbwefenßeit eine# folcßen $üget# 
ober Serge# fdjeint aucß non Strabo (XIII, 614) beftätigt ju werben, ber ganj 
ritßtig Dßebe in bie ©bene non SIbramßtteion, aber augenfcßeinticß auf eine anbere 
Stelle neriegt; benn er fagt, baß e# bort Weber eineu ißlafo# nocß einen ißlaj ober 
einen überßängenben SBalb gibt. SBemt, wie e# mir feßr waßrfcßeinlitß erftßeint, 
biefer bewalbete fpügel bie ^omeriftße UXaxo? uXieoaij (bewalbeter fßlafo#) War, 
unb Dßebe an feinem Süße lag unb non ißm fein ©pitßeton erßielt, bann liegen 
bie Stuinen biefer berüßmten Stabt oßne Steifet unter bem Dorf ber SBiefe be= 
graben. 3ebo<ß würben bie Soften einer 2lu#grabung feßr groß fein, ba man 
ftßon ein paar 3»tt unter ber Dberfläcße auf SBaffer ftößt unb baßer mädjtige 
Dampfpumpen benötßigen würbe. 

3« fünf Minuten nott Sugia $amam paffirte idß ben Stoß ©ureliotiffa, beffen 
©tßmologie mir unerflärlicß ift; ber Kante ift nidßt türfifcß unb Hingt italienifdß. 
©tWa# weiter öftlitß paffirten Wir ben großen Stoß Sififlfebjili, ber 0,»n Meter 
tief ift unb in beffen Kanten wir fofort eine ©orruption oon Sillo# (KIXXoc) er* 
fennen. Sin biefem Sluffe lag bie Stabt Sitla (KfXXa), welcße aucß einen berüßmten 
Dempel be# SlpoHo Smintßeu# ßatte: 

f»5re midj, ©ott, ber bu ©ßrßfa mit fitbernem Sogen umtoanbelft; 

©ammt ber ßeitigen Siilla, unb Denebo# mächtig befjerrfdjeft, 

©mintßeuS! fmb’ idj bir einft ben gefälligen Dempel gebecfct, 


*) Sgl. Stiaä, VI, 301-398. 


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Keife in ber Croas. 


199 


Ober pab' icf) bir je Bott erlefenen Darren unb Siegen 
^ette ©Rentei Bert rannt; fo gewahre mir biefeä Verlangen: 

Steine Sopranen Bergitt mit beinern ©efrfjof? ben SIdjaiern!*) 

SieS Wirb üon ©trabo (XIII, 612) beftätigt, ju beffen eS an biefent 
gtuffe nocp einen fiiKa genannten Ort mit einem Sempet beS fittaeifcpeii 9lpo(lo 
gab. ©trabo (XIII, 613) fügt pinju, bafe nape bei biefem lerntet ber grofee 
SumutuS beS SitloS war. SBenn lepterer nocp jept ejriftirte, fo fönnten wir bie 
Sauftette ber Stabt ÄiHa unb ipreS XentpetS leicht finben. Siefer XumuluS ift 
aber üottenbs üom gtuffe ftittoS roeggefpütt, ber fein Seit fortwäprenb oeränbert 
unb bie ©bene mehrere Kilometer Weit mit fo bitten ©teinfcpicpten bebedt fiat, 
bafe ber Stderbau bort beinahe unmöglidj ift. Sie krümmer ®ittaS unb feines lern» 
pels müffen baper in grofeer liefe unter ben StUuöien beS gluffeS begraben liegen. 

SSom Stufe SitloS !am icp in einer falben ©tunbe jum Stufe .ßeitounti» 
Xfai, fo genannt üon bem ins Sürfifcpe übergegangenen arabifcpen SEBort „Zeitoun" 
(DtiOenbaum). Siefer Stufe, ber nocp gröfeer als ber föiltoS ift, wecpfett ebenfalls 
beftünbig fein Seit; ja mehrere Nitometer weit fepen wir aucp tjier nicpts ats 
trodene Stufebetten, oott bon Äiefetfteinen, bie ber ©trorn bon bem ©ebirge 
mit fiep fortgeriffen pat. Sie untere ©bene bon 2lbramptteion ift böttig auf» 
gewüptt bon biefen Stufebetten, jwifcpen benen Wir pier unb ba ff eine ©tüde Sanb 
fepen, bie wie Dafen perüorftepen nnb mit Oteanbern, ©Hern unb ißlatanen über» 
madjfen ftnb. |>ier natnrlicp ift an gar feinen 2lderbau ju benfen. 

SprneffoS**), 2tftpra***), Stbramptteionf) unb was für ©täbte fonft nocp im 
Stttertpum in biefer ©bene gelegen paben, müffen unter ben StQubien biefeS gtuffeS 
begraben liegen. ©S ift baper bottfommen unnüp, nacp ipren SBauftelten ju fucpen, 
benn auf feiner ber bie ©bene umgebenbcn $ßpen finbet man bie geringfte ©pur 
einer menfcpticpen Dtieberfaffung. 

Um 6 Upr abenbS erreichte icp Stbramptteion, weites 12,7 Keter KeereSpöpe 
pot unb anbertpatb ©tunben SBegeS bom ©tranbe liegt. Sie Suftwärme war 
bort 22° ©. am Slbenb unb 19° ©. am ÜJtorgen. Sie ©tabt fiat einen guten 
©Eportpanbel, befonberS in Dtioeitöt; bie türfifcpe ©eüölferung ift überwiegenb; 
eS gibt bort 4000 türfifcpe unb nur 200 griecpifcpe Raufer; faft alle ©rieten 
finb SeSbier. Sin ben ätteften OueHen fanb icp baS 3apr HOI ber £>egia ober 
1685 n. ©pr., unb ift bies annäpernb baS Saturn bet ©rünbung ber ©tabt. 
©onberbarerweife pat man pier gar feine Xrabition pinfidptlicp ber Sage beS alten 
Stbramptteion; einige meinen, eS pabe nape am ©tranbe gelegen unb fei mit ben 
Stttnüien ber gtüffe bebedt; bieS fcpeint jebenfatts bie richtige SSennutpung ju 
fein, wäprenb anbere bepaupten, eS pabe auf ben üftlicpeu £>öpcn gelegen. SBie 
icp aber bereits erwäpnt, ift auf feiner biefer $öpen eine ©pur üon ‘Kauern ober 
Xopffcperben. Slbramptteion pat einen Ueberftufe an SBaffer, benn es gibt picr 


*) Sgl 3Ka$, I, 37-42. 

**) ®rmäpnt in ber giiaS, II, 691; XIX, 60; XX, 92, 191; ©trabo, XIII, 612. 
***) »gl. ©trabo, XIII, 613. 
t) Cbenb., XIII, 603, 611—614. 




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200 


Unfcre «Seit. 

feßr biete Duellen; außerbem wirb bie ©tabt bon gwei Keinen fftöffcit burcß» 
jcßnitten, beren jebet burcß eine bet $anptftraßen läuft. Siefelben ftnb eingebeicßt 
unb fomit ouf jeber ©eite ein 3,o—3,so Steter breites Irottoir für Srußgänger. 
Ster größere, 9lbramt|t»Xfai genannte 2rtuß ift nur 4,s Steter breit, jebocß ift fein 
30ett, pm ©cßufc gegen Ueberfcßwemmungen, boppett fo breit gemacht. Sleßnlicß 
wie in fßompeß überftbreitet man bie 2ftußftraßen auf fünf großen, flacßen Störten, 
bie anftatt einer Srütfe bienen. Sa bie ©traßen nicßt erleuchtet werben, fo Wan» 
betn bie Seute beS StbenbS mit fßapiertaternen umßer unb erfcßeinen bem neu» 
angelommenen gremben als ßerumirrenbe ©efpenfter. $ier jinb feßr biele ©torcß» 
nefter. Ser ©torcß berbanft bie tjerborragenbe Stolle, bie er in ber ißßßfiognomie 
ber ßanbfcßaft fpielt, ßauptfäcßticß ber Sßrfurcßt, bie ißm gesollt wirb; biefe ©ßr» 
furcht ift aber fo groß, baß er im gangen ßanbe für unantaftbar gilt unb baß 
feine Knwefenßeit als ein gutes Dmen betrachtet wirb. Ster bibtifcße Dtame beS 
©tordjeS, Chasidah, bebeutet nacß StofenmüKer „fromm". Slber auS $aß gegen 
bie Sürfen, wetcße eine Ärt bon Sereßrung für bie ©törcße ßaben, nennen fie 
bie ©riechen, wie bereits erwüßnt, „bie ßeiligen Söget ber Sürfen" unb erlauben 
ißnen nicht, Stefter auf ißren Käufern gu bauen. 


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Wxt Jldntedraßdlrwit pietra Coffa’s. 

®oit 

jöanl SSdjmtfeU). 

®ie peffimiftifd^e Sef)auptung, bag bie Stiftung ber ©egcnmart bramatifchen 
Schöpfungen ernften gnljalts mettig entgegenfomme, mtrb' ntan fchmertich in biefer 
Allgemeinheit gelten taffen, menn man je Beuge ber Senfation gemefen ift, bie in 
SRom ber erften Aufführung eines SühncntoerfeS bon ißietro ©offa boranjugehen 
unb ju folgen pflegt. ©in ©reignig im OoKften Sinne beS SSorteS, befchäftigt 
fte bie treffe unb bie meiteften Greife beS SotfeS fdjon lange jubor, nnb für bie 
®irection beS Seatro Satte ift bie Anlünbigung einer 9?obität beS Autors, ben 
ber Slömer mit Stotj „il nostro Cossa" nennt, bie gdjere Sürgfctjaft eines auS= 
berf äugen $aufeS. So fanb benn auch feine gegen ©nbe beS SagreS 1880 jum 
erften mal über bie Sreter getjenbe jüngfte Arbeit, baS fünfactige in Scrfen ber- 
fagte ®rama „Cecilia", atteS in Spannung, um fo mehr, atS ber ©rfolg, ben 
baffelbe bereits in 2Raitanb erhielt h°tte, ein äugerft raufdjenber getoefcn mar. 
®aS römifche tßubtifnm jeigte p<h nicht minber freigebig mit feinem Seifall. 
Adjtunbbreigig ^erborrufe, nach itatienifcher Ungtte jum grogen X^cit bei offener 
Scene, ehrten am erften Abenb ben dichter, ja es ereignete geh, bag eine ®Ianj= 
gelte beS erften Actes, gleich «1$ trübte es geh um eine Dpernarie, miebergott 
merben mugte. ©ine fotege Aufnahme, ber gegenüber auch ejcentrifchften Dba= 
tionen eines norbifdjen AubitoriumS als fühle Steferbe erfdjeinen, ig mögt geeignet, 
ein allgemeines Sntereffe für biefe Schöpfung mach J u rnfen, bie bon feiten ber 
itatienifchen fihritif theits überfchmengti^eS Sob, ttjeits jiemtidj h er ^ en labet ju 
erfahren hotte. 

®ie auf Anregung einer SRotij in Safari'S Sünftterbiograpljien frei erfunbene 
gäbet beS StücfeS lägt geh in ffürje entmiefetn. 3n ©rjähtungSform erfahren 
mir, mie eines JageS eine arme junge grau in Senebig ber^meiftungSboII bie 
Sorübergehenben bei San=3Jiarco für ihr Xödjtertein um Atmofen angehte unb 
eine ftotje ißatricierin, ©tena ©rimani, ber Ungtücftiihen ®etb unb Obbach fpen» 
bete, bon ber ge erfährt, bag fie ju Dgia ber Segierbe beS SRaterS ißietro Sujji, 
genannt 3Rorto ba gettre, jum Opfer gefalle^ unb bann treutoS bon ihm bertaffen 
morben. Son ihrer Sefchüfcerin mie eine Schmefter gehalten, begegnet ge einft 
auf bem SRiatto bem berühmten SRater ©iorgione, unb ein Stic! genügt, um in 



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202 


Unfcre <5eit. 


beiben Siebe ju erwecfen. gn Säcilia’S Sirenen bergifjt bet junge Sfünftler baS 
Serljältnih, welches ihn mit Steno ©rimani tcerbanb, unb biefe brennt barauf, 
ihre Ntoalin fennen ju lernen. Slbredjt ®ihrer, ber in Senebig weilt unb in 
ihrem #aufe üerfehrt, bringt fie auf bie ©pur, inbem er, Säcilia in ©efellfchaft 
ber ißatricierin erbticfenb, in ihr baS Original eines trefflichen SilbeS erfennt, 
baS er in ©iorgione’S Atelier gefehen. Siena fudjt bie Nebenbuhlerin bafelbft 
auf, bie fie um fo mehr haßt, als fie fchnöben Unbant barin erblicft, baff bie mit 
SBoljtthaten bon ihr Ueberhäufte ihr ben Sefifc beS (beliebten ftreitig ju machen 
wagt unb ber fie, nachbem bie glänjenbften Serfpredjungen üergeblich geblieben, 
graufame Nache anbroht. SJlorto ba geltre, ber Verführer bet Unglücklichen, bient 
ihr all SBerfjeug; er raubt auf ihr ©eheifj baS ®inb SäcilienS auS bem Slfgl, 
in bem es untergebracht morben war, unb fteUt berfetben bie SSaljl, entmeber ihm, 
ben fie üerabfdjeut, als SBeib anjugehbren, ober für immer auf ihr fi'inb ju her« 
jichten. ®aS ©effihl ber ÜNutter fiegt sutefct über baS beS (iebenben SEBeibeS unb 
läfjt fie mit bem Stenben nach $abua fliehen. ©iorgione, ber fich bon ber ©eliebten 
berratljen glaubt, fiecf)t einem frühseitigen lobe entgegen, unb Sücitia tommt, nach' 
bem Sftorto ba geltre im Kampfe für SBeitebig gefallen, in baS Bimrner eines 
©terbenben, bor bem fie fich bom Serbachte jeber ©chutb reinigt. 

dies ber Inhalt beS dramaS, bet, wie man fieht, meber burch Neuheit ber 
Srfinbung noch burch fpannenbe SerWicfelungen ein ^ßublifum befriebigen tann, 
bas barin bie $aupterforberniffe eines bramatifchen ffunftwerfeS su fehen getoohnt 
ift. Sin SompofitionSfehler liegt oor allem in bem testen Stet, bet, burch 
einen Swifdjenraum Bon jtoei 3aljten bon ben übrigen getrennt, ftart an ben 
©chlufj Sircfj'ißfeiffer’fcher Nüfjrftücfe erinnert. Seiber seigt jeboch baS ©tücf, als 
dranta beurtheilt, noch weitere fdjtoache ©eiten. SS ift mit bollern Nechte bon 
ber itatienifdjen Äritif h«rborgehoben worben, baß bie $anblung biel su bürftig 
ift, um fünf Siete su füllen, unb bah bie SNehrsaljl ber ©eenen retarbirenb auf 
ben Sang berfetben einwirft. die wenigen, bie ihn wirtlich förbera unb beSljalb 
mit Sefchicf an ben Schluff ber erften brei Stete gefteHt finb, beftehen in ©iorgione’S 
erftem dialog mit Säcilia unb beten Ueberrafchung burch ÜDtorto ba fjettre, ferner 
in ber Sntbecfung ber ©rimani, bah Säcilia ihre Nebenbuhlerin, unb in ihrem 
Kampfe mit berfelben um ©iorgione’S 33efi|. Sbenfo finb bie auftretenben Sßer* 
fonen nur sum geringften X^eite ber §anblung förberlich: disian thut unb fagt 
nichts, Woburch biefetbe borwärts gebracht Würbe; dürer bient im ©runbe su 
weiter nichts, als bie ©rimani auf bie ©pur ihrer Nebenbuhlerin su leiten, ber 
Drganift Serbelotto tebigtich basu, einen Streit swifchen disian unb ©iorgione 
Su erregen, ber ootlfommen unbefchabet ber Sntwicfelung beS dramaS wegfallen 
tännte, unb Sllbo SNanusio enblich su nichts anberm, als burch feinen gegen 
©iorgione’S ©eringf<häj}ung ber alten Slaffifer erhobenen dabet biefem su einer 
an fich gewih gtansbollen Sobrebe auf feine Shtnft unb auf SenebigS Schönheit 
Gelegenheit s u bieten, dergleichen genügt natürlich nicht, um bramatifchen giguren 
Sfiftensberechtigung su gebeu, unb fo berfchwinben benn auch bie genannten tßer= 
fonen, mit SluSnahme dürer’S, fo unmotitiirt wie fie gefommen, mitten im ©tücf 
bon ber Sühne. 


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X)ie Hömertragöbicn Pietro Coffa’s. 


203 


^aben bie erften brei Stete bcn Streit ber beiben grauen um ©iorgione jum 
©egenftanb, fo bitbet im oierten ber Eonflict Eäcitia’i jWifdjen ihrer Siebe ju 
©iorgione unb ihren SJluttergefühlen ben Srenttpunft. $amit tritt biefer fetbft 
in ben Hintergrund unb ei fomrnt thatfächlich für ben $örer wenig mehr barauf 
an, wie ftdj fein Weiterei Soi geftattet, währenb man bagegen nunmehr oerlangt, 
Eäcitia’i ©chitffale nad) ihrer gluckt mit 9Jtorto ba gettre unb itjr Verhältnis 
ju biefem, bie gotgen, bie ihr Verzicht auf ben ©etiebten fär fie mit ficfj bringt, 
entwidelt ju feljen. ©iorgione’i lob ift feine ^ataftrophe, fonbern oom Stanb* 
fünfte bei $ramai aui lebigtich ein biograptjifchei SDloment Don {einerlei Vebeutung. 
$iei ift um fo fühlbarer, ati ©iorgione ohnehin nur wenig gntereffe erwedt, ba 
man über bie Slrt fein ei frühem Verljättniffei jur ©rimani unb über bie ©rünbe, 
weihalb er i|r ©äcilta borgejogen, nichti erfährt unb fomit über feinen Sfjarafter 
im Unftaren bleibt. ®amit entbehrt jugleid) bai £fjun ber ©rimani ber SDioti* 
üirung; wenn biefetbe ßäcitia gegenüber gettenb macht, ba§ ihr juerft ©iorgione’i 
Steigung gehörte, fo mufi man ihrer Seibenfchaft recht geben unb fühlt baburcf) 
bie a^eitna^me für Eäcitia erheblich abgefc^mä^t. $ai ftnb ÜJtänget ber ßom= 
pofition, bie auch oon ben btenbenbften ©injefljeiten unb einer oft hinrei&enben 
®iction — bai 2)rama ift in meiftertjaften versi sciolti getrieben — nicht Oer* 
bedt Werben. SDtan mufj ba^er entfliehen benjenigen föritifern beiftimmen, bie 
in bramatifc^er ©ejietjung an biefem Stüde einen Stüdfc^ritt Eoffa’i conftatiren 
unb it|n aufforbern, jum ftreng ^iftorifdben Stoffgebiete jurüdjufe^rcn, auf bem 
fi<h ber Stuf feinei Stameni begrünbete. 

Stuf biefe frütjern Arbeiten Eoffa’i näher einjugcljen, bietet bie heröorragenbe 
Stellung berfetben in ber bramatifchen Siteratur Qtatieni ebenfo wie ihre im 
Verhältnis ba$u nur geringe Velanntheit im 9tuilanbe hinlängliche Veranlaffung. 
2öir befcfjränfen uni inbefc babei auf Vefprecbung ber aui ber alten @ef<hi(hte 
gefdjöpften ®ramen, unter bem Vorbehalt, bie übrigen gefonbert ju behanbeln, 
Wenn fie, Wie ei bereiti mit „Ricnzi" ber galt, OoUftänbig gebrudt oortiegen 
werben.*) 

lieber bie Xragöbie „Nerone", bie noch beutlich bai ©cpräge ber Slnfängerfdjaft 
trägt, bürfeu wir um fo eher fcfjnell hinweggehen, ati biefetbe in einer, freilich 
in unqualificirbaren Santben ocrfafjten Uebertragung in ber Stectam’f^en Samm* 
tung auch beutfdjen Seferfreifen jugänglich ift. 3h r Hauptfehler befteht in bem 
Sftangel einer eigentlichen gäbet, an beten Stelle eine Steilje jiemlidj lofe 
Oerfnüpfter ©pifobcn getreten ift, in benen eine ÜDtenge hiftorifchen SKateriati 
aui Sacitui unb Sueton in faft allju abfi^tli^er Häufung Oerwerthet Wirb. 
3)er ©haralter bei H e ^* en ift iw allgemeinen treu unb tebenbig gefdjilbert, hoch 
obwot Verbrechen genug in bem ®rama oorlommen ober berührt werben, brängt 

*) $er Sidjter (beiläufig bemerft 1834 ju 9tom geboren) fchrieb aujjer ben hier bc* 
fprodfenen ©lüden: „Mario e i Cimbri", „Sordello", „Monaldeschi", „Beethoven", 
„Puschkin", „Plauto e il suo seoolo", „L’Ariosto e gli Estensi", „I Borgia", unb 
julept (1880) „I Napoletani del 1709", ein $rama, »elcbei bon ber italienifdjen Scitif 
hart oerurtbeilt würbe unb nur wenige Stuffüljrungen erlebte. 


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20^ Unfere ^«it. 

nicpt« mit innerer Stothwenbigfcit ju bem tragifcpen 9lu«gang pin. 3n biefem 
fünfte ift bie epifcpe $icptung §ameriing’S bicfer Iragöbie weit überlegen, 
inbem fie nicht, wie c« pier gefc^ie^t, bie Hauptfigur einfach oerädjtlicp erfdjeinen 
täfjt, fonbern fie at« ißrobuct uitb Stcpräfentanten eine« fittficp oerfommenen 3eit s 
alter« ^inftetlt unb in ihrem genialen (Entwurf wie im einzelnen weit mehr 
bramatifche« fieben aufweift. 

©inen gewaltigen Schritt weiter ging ©offa mit feinem gebanlenreichett „Giu- 
liano Apostata". 5)ie compofitionetten Schwierigfeiten be« Stoffe«, bet ja infofem 
nicht eigentlich tragifch ift, at« ber Untergang be« $elben nicht in caufafem 
3ufammenhonge mit feinem ©paralter fteht, fonbern ber Setbjug gegen bie tßartper, 
ber bem „Stomantifer auf bem Iprone ber ©äfaren" ein Oorjeitige« 3«t fette» 
oon» Stanbpunfte ber Xragöbie au« betrachtet bto« ein jufäflige« gactum bebeutet, 
hat Soffa baburch überwunben, baff er, eine jWar gefcpicpttich nicht Oerbürgte Sin» 
nähme gefchicft oerwerthenb, ben 2ob feine« Hetben at« ein 355er! cpriftticher Stäche 
erfcheinen lägt. Hohe Slnerlennung oerbient bie ©ewanbtpeit, mit welcher ber dichter 
ben feiner Statur nach überwiegenb ptjilofophifcpen Stoff mit concretem fieben ju 
erfüllen unb ein piftorifdje« ©paralterbitb pinjuftetten gemufft hot, ba« in gleichem 
©rabe feinem gefchicptticpen Sinne Wie feiner poetifdjen ®eftaltung«fraft jur ©pre 
gereicht. $er erjte Stet führt mitten hinein in ba« ©etriebe chriftlichcr Seften, 
oon bem fiep bie ©eftatt be« heibnifchen ßaifer«, be« fdjwärmerifcpen Steuptato» 
nifer«, wirfung«oott abhebt. Stuf einem fßtapc in fitntiochia tobt ber fßarteipaber, 
beffen SJiittetpuntt ber Sifcpof ©ufebiu« ift, at« plöpficp eine jübifepe Sftaoin, 
Stamen« SJtaria, Hülfe rufenb perbeiftürjt, oon ihrem Sefifcer Heliopotite« üerfolgt, 
ber bie Wegen einer jerbroepenen foftbaren Schate Oor ihm gtiepenbe jurüefoertangt. 
©in junger ©h r ift Stowen« tßautu« Oerfpricht ihr feinen Schuh, unb ©ufebiu« be= 
ftimmt, um bie Schate ju erfcjjen, bie ßpriften jur SSeranftattung einer Sammlung, 
wäprenb er ba« Söfegetb für ba« SJtäbcpen in ©eftatt heiliger ©eräthe abtragen 
Witt. $)ie 3übin banft ftürmifcp bem Söifchof, ber mit ben Seinen in ben nahen 
lempet abgeht. @« fotgt ein 3wiegefpräch jwifepen ihr unb fßaulu«, ba« mit 
einem SiebeSgeftänbnifj enbet, oon SJtaria unter Hinweis auf ihren oerfdjiebenen 
©tauben jurüefgewiefen. $a naht ber ffaifer im ©efotge Oon Horufpice« unb 
tßpilofoppen, unb ißautu« jieht ba« SJtäbcpen mit fich unter ben fßeriftpl be« f£cmpet«. 
Seim Slnbticf be« heiligen ©ebäube« erwacht in 3utian feine geinbfefjaft gegen 
bie Stajarener; er lepnt jeboch ben tBorfcplag, bie JJioctetianifcpen ©biete gegen 
bie ©haften ju erneuern, mit ber ©rflärung ab, bah er Weber Verfolger noch 
SJtärtprer wolle. Sit« er weiterhin ben SBorfafc äußert, fich ber bebrüeften ^uben 
anjunepmen, ftütjt SJtaria herbei unb fpenbet ihm ®anf unb fßrei«; Julian oer» 
fpriept, ihrem SSotte Serufalem jurttefjugeben, fobatb bie dorther, gegen bie er 
jieht, befiegt feien. $ie tühne ©ntgegnung be« ißautu« oerhattt wirfungSlo« am 
Opr be« Saifer«, ber ipm getaffen erwibert: „Sßenn biep nach bem Stupme be« 
SJtärtprer« getüftet, fo fuepe ipn anber«wo; ich bin ißpitofopp unb liebe bie SRebe= 
freipeit." $urcp folcpe SJtittet Oerftept ©offa piftorifepe ßparaftere meifterpaft ju 
jeiepnen; um fo mepr fottte er ba« mofaitartige Stnbringen oon atterpanb Sieben» 
fäcplicpem, wie gleich iw gotgenben ba« ©efpräcp mit einem Säulenpeitigen, oer» 


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Die Somcrlragoötcn Pietro Coffa’s. 


205 


fämäljen. Sie jübifche 3ungfrau ^at 3ulüm ber SRutter feinet ^Begleiters ©atluft 
jur Obhut überttnefen. 

Sen feiten Slct beginnt ein ©efprädj jn^ifc^en EeliopotiteS, ber mit jtnei tum 
©ufebiuS erhaltenen SSafen im Subienjfaat beS ÄaiferS hurrt, an ben er fie t>er= 
taufen mitt, unb einem Slpollopriefter, ju benen fich noch ein SKithraSpriefter 
gefeilt EeliopoliteS fieht fich enttäufcht, inbem 3utian bie SSafen bem Slpollo* 
priefter als beffen urfprünglicheS, Don ben ©hriften geraubtes ©igenthum jurüdFgibt 
3n ber fünften ©eene mirb ber SSater be^ SßauluS, ber gelbherr SlrtemiuS — 
man erfährt fettfamermeife nicht recht auf ©runb meines Vergehens — jum Sobe 
Derurtheitt; als Slrianer toeift er ben geglichen Seiftanb beS ©ufebiuS jurüd, 
ebenfo feinen anberSgtäubigen ©ohn, ber ihn inbeß julefet noch mei<h ftimmt unb 
feinen ©egen erhält. SSon SPiaria erbittet berfetbe gürfprache beim ßaifer unb 
faßt afö biefe fich machtlos erflärt, ben ?ßlan ju offener ©mpörung; halb barauf 
fchon erhält er inbeß bie Stadjricht Don ber Einrichtung feines ©aterS. 

3m britten Slct finben mir 3ulian in einem unterirbifchen ^ciligt^um beS 
ÜRithraS, too eben ein neuer ©efenner bie mpftifchen SBeifjen empfängt. Ser 
Äaifer, Don bem ber fanatifche Sßriefter Stäche für ben ©turj ber alten ©ötter 
forbert, benmhrt feine philofophifche Stuhe: 

. . . £aß ab Don beinern ©ifer, 

Sem graufamen, unb mähne nicht ein Shor, 

©tut fei im Stanb §u töbten ben ©ebanfen! 

( graffS er gerecht fo treibt er leicht bahin, 

©in unoerfehrteS Schifflein auf bem ©teere 
SeS ©lutS bahin, baS beine $anb Dergießt, 

Unb finbet broben ftetS ben freunblichen 
Strahl eines Sterns, ber ihn aum $afen führt; 

2faHS ungerecht er ift — maS fümmerfS bidh? 

©r ift ja tobt fchon beim ©ntftehn. 

. . . Sen ©öttern laß 
Sie Sorg' um alles, maS bie Sterblichen 
Sin ihnen UebleS thun. 34 fage bir, 

Obmors bich fchmeraen mag: fobalb als Spittler 
Steht amifchen ©ott unb ©ienfeh ein anbrer ©tenfeh, 

So mirb ber Sempel eine Sröblerbube 
Unb an ber $affe hat ber priefter Sip. 

©lütffelige Seit, in melier jeglicher. 

Sich felber Sßriefter, auf beS eignen EeraenS 
SUtar mirb nieberlegen, beffer traun 
SKS aller SBeihrauch, feine gute Shat, 

Stuf baß au 3h m bie SBelt ben Stuf erhebe, 

Ser ©entrum ift ber Harmonie beS SlflS! 

Sei'S SeuS, 3 c h°bah, ©tithraS — menig thufS, 

SticßtS ift ber ©ante Dorm Unenblicßen. 

Stach 3ulian’S SBeggang ftürat SJtaria herein, ber EetiopotiteS auf bem guße 
nachfolgt, feine ©ftaDin aurüdforbernb, um beren Söfegelb er betrogen. Ser 
SKithraSpriefter läßt ben Sempel oerfperren unb ben ©nimeiher ber ^eiligen ©tätte 
einferlem. Sie 3übin, bie er bem ©otte au opfern beließt, bricht nach frucht* 






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206 


Unfere ^cit. 


tofen Stagen ohnmächtig jufantmen. ©leid) barauf tritt fßautuS auf unb entberft 
ber jum Vemußtfein 3urfieffehrenben, baß er foeben einen Stnfcßlag auf Julian 
üerfucfyt habe; fie, bie in bem ftaifer bie Hoffnung it}reS ©tammeS erbtieft, broljt 
ißn unb feine ©enoffen ju oerratf|en unb f<f)ämt fich ißtet für ben Jüngling 
erwachten Neigung. Der teibenfdjafttiche Dialog wirb burdj fernher fcßallenbe 
$ßmnen unterbrochen, aus benen VauluS bie ©ewißßeit fcßöpft, baß bie aufftän= 
bifcfjen Slntiochener fiegten. „Äommt", ruft et ber ©hriftenfcßar entgegen, 

fiommt, eilt heran, ihr ßßriften, unb jerftört 
Dies graufe ©ößenbilb unb alle feine 
Son SRenfcßenopfern triefenben Sßtäre! — 

Sltaria, bu bi ft mein, unb Weber fjimmel 
Stocß ®rbe fann bicß meiner Sieb’ entreißen! — 

Stießt mit SBaff enge Watt, fonbern bur<fj Vücßer will fi<h Sutian an ben @m= 
pörern rächen, wie er ju ©ingang beS oierten SlcteS gegen StmmianuS ÜDtarceltinuS 
äußert, ber ihn im Sntereffe beS ßteicßeS ju fräftigem ©infctjreiten gegen ben 
chriftlichen Fanatismus ermahnt. Für fßautuS, ber feinen SKorbptan befennt, 
ertoirft SJiaria ©nabe: nur in Verbannung jofl feine ©träfe befteßen, Wäßrenb 
bie anbern ©efangenen bem ins gelb rücfenben .£>eere eingereiht Werben. Den 
elenben ipetiopotiteS fefet Julian, um fich an ber ©tabt ju rächen, jum fßräfecten 
oon Stntiochia ein. Der ©cßlußact fpielt in fßerfien, wo Julian nachts in feinem 
Sette bie FriebenSoorfcßtäge beS FrinbeS abtehnt. SltS er erfdttöpft entfcßtummert 
ift, naht ÜJtaria unb erfleht oom §immel ©tücf unb ©ieg für ihn. Die SJtct= 
bung oon einem ptäfetichen Singriff ber ^ßcrfer unb ber SDteuterei einer chriftlichen 
©ohorte treibt ben fitoifer inS F«tb. Die jurüdbteibenbe SJtaria wirb bom @r= 
fcheinen beS fßautuS überrafcht, ben ©ehnfucht nach ih r aus ber Verbannung her- 
getrieben. ©ie fnüpft bie ©etoährung ihrer Siebe an bie Vebingung, baß et feine 
aufrühterifchen ©taubenSgenoffen in ben Sampf führe; er lehnt es ab, altes für 
fie ju thun bereit, hoch nichts für ißn, ber ihn mit Verachtung geftraft, atS er 
ißn töbten tonnte. Stuf bie Steigerung ber ©etiebten, mit ißm ju fliehen, ftürjt 
er mit unbeftimmten Drohungen ab, bie bei ber 3iibin büftere Sttjnungcn in Vc= 
jitg auf ben ft'aifer erweefen, ber hinter feinem Stücfen Feinbc hat. Diefe Stßnungen 
beftätigen fich &atb bnreh bie Votfcßaft, baß Sutian, Oon einem fßfeil getroffen, 
üom fßferbe fanf. Der VerWunbete Wirb inS Seit getragen; SJlaria wirft fich in 
witbem ©eßmetj üor ihm niebet: „Du barfft nicht fterben." 

Sultan. 

SBaßr ift’S, ieß gab 

©in groß Verfprecßen bir unb ßiclt eS nicht; 

Docß ftärter waltet baS ©efeßid als icß. 

Stießt töfe bieß in Dßränen auf, o Sinb! 

Safluft wirb Sorge tragen, bieß ju füßren 
gu feiner SRutter naeß Stntiocßia. — 

Stießt ßör’ icß meßr baS ©eßmettern ber Drommeten .. . 

Satluft. 

Der Sieg war unfer! 


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Die Hömertragöbien pietro Coffa’s. 


20 ? 


Sulian. 

Kidjt p feft bettraut! 

«uf, fept ben flüchtigen geifern nah ■ 9R«tt fßferb! 

®ebt mir mein fßferb! . . . SBep mir, id) lann nicht mehr, 

Unb öon ber Sippe flieht mir fdjon ber lejjte 
$auch einer Seit, bie untergeht . . . 0 fRom! 

SBaS meint ihr? Zheuer ben Unfterbtichen 
Unb Ifocbbeglüdt in meinet 9tul)nie8 CHlanj 
§infterben barf ich, wie ber $ero8 ftirbt. 

Sßlaria ftö^t einen Schrei ber Verzweiflung auS unb wenbet fttf) jn fßauluS, 
ben jte unter ben eintretenben Kriegern erblicft, mit beu SBorten: 

®u ober einer beiner greunbe, Slfrift, 

Verbrach beS ftaiferS SPtorb. 3h r nahmt mir aHeit! 

3ft beine Siebe mahr, fo nehm’ auch 
®ir alles benn: ich l' e &e bich unb fterbe. 

9Kit ftärtern Effecten auSgeftattet, hoch öon geringerer bramatifdier ©efcfjtoffen» 
tieit ift bie fiinfactige, mit einem Vorfpiel berfefjene Üragöbie „Messalina". ®afj 
berartige Stoffe wegen ihrer gewagten Situationen öon ber Sühne abfolut auS= 
jufchliefjen feien, ift eine öor bem rein fünftterifchen Stanbpunft gewifj nicht halt» 
bare gorberung. StefdjhluS unb Sljaffpeare finb burch öerwanbte Vorwürfe ju 
ben grofjartigften bramatifdjen Eompofitionen infpirirt Worben, greilich leuchtet 
in einem Slgamemnon ober SDlacbeth bei aßen ©reueln eine grofje fittliche 3bee 
hinburch, eine Eigenfdfjaft, bie bem Eoffa’fdjen SBerle leiber abgeht unb bie faum 
anberS als burch eine freie lünftterifche Umformung beS ^iftorifdhen SRohftoffeS 
hätte ermöglicht Werben lönnen. Ser tro^bem gerabe biefer Slrbeit ftetö geroßte 
lebhafte 9lpplauö ift baher, abgefehen öon bem Umftanbe, baf} bem römifchen 
blifum, mag eS auch in feiner ©efammtheit für berartige Stüde fchwerlidj mehr 
Vorbitbung als irgenbein anbercS mitbringen, bie ©eftalten ber Saiferjeit mit 
ihren „titanifchen Saftern unb Verbrechen" immerhin näher flehen mögen, wol 
hauptfächlich au§ ber ungewöhnlichen ptaftifdjen SarfteflungSlraft $u erflären, mit 
welker Eoffa auch f° fingutäre Eharaltere Wie eine ÜReffalina bemeiftert. 

SaS Vorfpiel behanbelt bie ben Vegebenljeiten beS SramaS unmittelbar öor» 
auSgehenben Ereigniffe, Ealigula’S Ermorbung burch Saleriuö SlfiaticuS, feinen 
Sflaöen Vito, ber fich babei bie greiheit erwirbt, unb bie Prätorianer, fowie bie 
StuSrufung beS fchWachen ElaubiuS junt Saifer. Ser erfte 9lct Wirb eingeleitet 
burch bie jtvifchen ßReffalina unb 9lgrippina beftehenben gntrigucn unb bie Siebes» 
hänbet ber erftern mit bem SRitter ©ajuS SitiuS, ber aus gurcht öor beu golgen 
biefeS VerljältniffeS mit ber ©aiferin brechen wiß. Ser jähe SBechfel ber Seiben» 
fdjaften, bie SJteffalina beftürmen, ift ju unmotiöirt, um wahr etfeheinen ju lönnen. 
3h £ lefcteS ©efühl ift baS ber SRache gegen ben öerjagten Siebhaber. Ser jweite 
8lct führt in baS bebenfli^e Vereich ber Subura, Wo fich ©HiuS iw Steife ber 
römifchen Semi=3Ronbe für ben Vrud) mit bet Saiferin fchabloS hält. Ein grei» 
gelaffenet beS ElaubiuS jieljt ihn jum Spiele in ein ßtebengemach. 9?ach einer 
echt franjöfifch»fentimentalen Scene, in welcher eine ber Hausbewohnerinnen bem 




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208 


Unfere &\t. 

(SHabiator ber fie um ben ®ruub ihrer ©etrübnife fragt, ergäbt, tote fie 
jürtgfi an ben ©atumalien in eine unterirbifc^e ftöljle ber (Einrißen gerätsen unb 
bort bie ©otfchaft oernommen non bem neuen (Sefefc ber Siebe, unb auf feinen 
3ufpruch ^in ihre befdfjloffene gtudjt in« 2Berf fefct, tritt SJteffalina auf, bie beim 
STnblicf bei ®labiator$ entfliegen toitt. (Er reifet ifjt ben Schleier feerab unb 
erfennt ftaunenb bie Äaiferin. ©ie toeift ihn ftolg guriicf unb toitt ihn nicht fen* 
nen, er aber erinnert fie an bie ©egiehungen, bie fie einft mit ihm, bem Älopf* 
fester, üerbanben. Die betreffenbe 9?ebe, bie bai römifcfee ^ßublifum gum raufchenb* 
ften 93eifatt gu begeiftem pflegt, möge als eine befonberi djarafieriftifdje ^Jrobe 
(Eoffa’fcher Diction in unberfürgter, bem Original möglichft angepafeter lieber* 
fefcung folgen: 


(Ei toar baS geftfpiel 
3m (EircuS. 28ajeftätifch fafeeft bu 
3m faiferlidjen Slang, unb bein (Eemah 1 
3ur ©eite bir, fchlaftrunfen. Ueberall 
(Ein »irrer, unrul)Ooller Sttenfchenfnäul, 

Der an ben Säulen feft pch Hämmerte 
Unb an ben Statuen. Die bei göttlichen 
ttuguftui mar öerljöflt mit einem Schleier, 

Damit pe nicht erfülle mit (Entfepen 

Dai grofee ©lutbab. Unglücffeliger ©tarmor, 

Du ljaft fo garte Sofern! — 9fof ein geicben 
Slahn hßftiß pch S^ei feinbliche Äämpferfcharen, 
©on ihrem ©lafc im (EircuS aufeinanber 
Soiftürmenb. 3ene SJtenge, melche barrenb 
So laut gelärmt, ^üHt pd) in tiefei Schmeigen, 

#at eine eingige Seele nur, ein ©angen, 

Unb höret nichti mehr ali ber ©affen Anprall. 

Unb ab unb gu ein furger ©eifall einem 
©efdjicften Streiche, bann (Eegifd) unb Schimpfen 
0b einei Stümperi, ber noch Neuling brin, 

8u fallen unb gu fterben. Unterbefe 
giehn eile Streifen ©lutei in ben Sanb 
©erfrümmte Seichen. #eil unb unbefeegt 
Gfenüber jebem ©labiator mar 
(Ein Kämpfer übrig mir geblieben. (Erimm, 

$art mar ber Straufe; hoch enblich ftrecft ein Stofe 
Den fürchterlichen (Gegner in ben Staub; 

3Rit einem Slnftanb pnft er mie ein $etb 
3« Stein, mehr benfenb an bie ftunft babei 
Hl$ an ben Schmerg. (Ein E&urmeln rnarb gehört 
3m (EircuS ringS, unb ©nabe flehte man 
Sür ben ©efallnen; ftarr blicft’ idE) empor 
gu jenem ©lap, mo (Eäfar fafe: er fchlief! 

Doch bu, graufame Schöne, ber im Sluge 
Da$ geuer milber SBolluft funfeite. 

Den Daumen neigteft bu gur (Erb', unb beinern 
©eifpiele folgten bie ©eftalinnen, 

Die Senatoren unb baö ©olf. Da brüllt* 



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Die Hömertragöbien Pietro Coffa’s. 209 

9tu8 tiefer 33ruft icf; auf gleid) einem Sömen 
Unb füllte, mie bal unbarmberjige ©ifen 
(£itt in mein Opfer brang unb aul itjm Ißfdjte 
$el ßebenl lebten Steft. ©tumm blieb mein geinb 
Unb atfjmet’ auß; baß S3otl er^ob ftdj, unb 
®tit $<tnbeflatfd)en unb mit greubenrufen 
fflelotjnf ei iljn im Xob. 

SÄeffatina. 

©enug! 

89i to. 

Unb nun, 

ßennft bu mtd) nun? — ®al ^eimlicpfte ©rnadj 
SRaljm im fßalaft mief) auf in jener Jladjt . . . 

9?un fefeilbert ber ©tabiator, wie fie itjn bann öerädjtticb beifeitegeworfen, wie 
er fie überall frudjttol öerfolgte; jefct, ba fie in feiner ©ewalt, fei fein Sntrinnen 
möglich* 2lUe 83erfpre<feungen umfonft. Sr ift jugleidfi eiferfücbtig auf Sitiul, 
ben fie, wie er meint, ju fudjen fommt unb beffen Stimme foeben aul bem 
Kebengemad) erfdjatlt. Sie will hinein, Wirb aber twn 93ito jurfiefgefeatten. 2Cuf 
ihren $ütferuf erf^einen SiliuS unb fein Spietgenoffe, lejjterer reifet bie beiben 
fRioaten auleinanber. 2)ie 5)ajWifd^enfunft ber SBacfeen mad^t ber Scene ein 
Snbe; bet ©tabiator bafent fiefe mit bem 5)ot<fee ben SBeg jur gtuebt; bie übrigen 
Werben auf 9Jteffatina’l SQefe^I öerfeaftet. 

®en S'aifer, ber im näcfeften 9tct öon bem Vorgang erführt, weife SMeffatina 
in ber 3foHe eineg Slutomaten ju erhalten: „liefet mir, fonbern bir ftünbe eß ju, 
in ißatricierpaläften unb ißlebejerbütten na<btl aul= unb einjuge^en, um über 
beine Sicherheit ju Watten, bie öon beinen üerWöfenten jfrcigelaffenen ernfttiefe 
bebrotjt ift; bal Snbe bei Satigula erwartet bid), wenn bu bie ®inge gefeen 
löffeft; einen ber $auptfcfeutbigen an Satigula’l Sftorb, SBaleriul Slfiaticul, ^abe 
tefe fetbft öerfeaften taffen." $)er öon gurdjt gepeinigte faiferticfie Scfewächling ift 
aufeer fidj öor Stüljrung. Sie befefeutbigt in feiner ©egenwart SSateriul jener 
Ifeat unb neuer aufrüfererifefeer fßtane unb treibt it)re Heuchelei fo weit, für ifen, 
ber fiefe mit altrömifcfeem Stotje öertfeeibigt, unter Iferänen bie ©nabe ju erfteben, 
bafe er fiefe fetbft feine ftobelart weifeten bürfe. Der ©tabiator, mit itjr allein, 
befefewört fie, ifen fetbft ftatt feinel $errn büfeett ju taffen, unb brofet ifer SRac^e 
für ifere Steigerung. 3« ber fotgenben Scene täfet fie Sitiul öor fiefe bringen; 
ifere fieibenfefeaft §u ifem erwaefet öon neuem, er aber jiitert öor berfetben; itjr 
Spott treibt ifen inbefe ju bem totttüfenen SBorfefelag, fie möchte ifen $u iferem ©atten 
ergeben unb Staub iul töbten. Sie Wiberftrebt juerft, weit Staubiul fie liebe — 
einer ber menfdjlidjen ßüge, bie ber Dichter it)r getiefeen bat; bureb ben $in= 
Weil jeboefe, bafe fie bur<b biefe Sermdbtung fiefe am nacfjbrücfticfeften an Slgrippina 
raefee unb fiefe unb ifere ffinber öor beten Siacfeftettungen fiefeere, erlangt Sitiul 
ifere ©inwittigung unb bie Sottmaefet, Seit unb Drt für ben ißtan ju weifeten, 
ber, bureb Staubiul’ SIbreife na<b Oftia begünftigt, im öierten 9tct inl SBerf 
gefefet wirb. 3n ben ©arten SucuH’l, bem frühem Sigentbum bei Sateriul, wirb 
bie Seremonic ber SBermäfetung oott^ogen unb Sitiul jum ftaifer aulgerafen. 33a 

Unfrrc Seit. isst. II. , 14 


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2\0 


Unfere 5^** 


öerurfadht plöplich bie SMbung, bafj bic Prätorianer im Snjuge feien, allgemeine 
Serroirrung unb gluckt; ©iliuS reijjt fidj, nac^bem er SDleffatina oergeblidfj auf* 
geforbert, mit it^m ju fließen, Don ifjv loS unb rettet ftdj allein, ©ie flucht iljm 
unb in ihrer ®raft gebroden, gebenft fte — mieber ein 3ug, ber offenbar milbem 
fofl, aber bod) faum innerlich toahr ift — ihrer armen Äinber. 9Jun folgt eine 
©eene üon großer bramatifdher ffiirfung. Pito'S plöpliche3 ©rfcheinen oerfept bie 
Äaiferin in ©Freden; noch podfjt fie jebodj auf ihre SKad^t über ElaubiuS; ba 
erfährt fie, baß ber ©labiator felbft biefen üon ihrer neueften loH^eit unter* 
richtete unb bafj fie in ber ©eroalt ber bie ©ärten um^ingetnben Prätorianer ift. 
©ie fudjt ifjn weich ju ftimmen: „gft’S eine foldje ©dfjulb, bajj ich einft in blinbem 
SBaljn bich liebte?" Sticht Unbanf, fonbern nur ©eredfjtigfeit, ertoibert 93ito, 
übe er an ihr, bie fich an ihm burch ©rmorbung eines anbern gerächt; £abfucht 
fei ber Petoeggrunb ber fdjnöben I^at getoefen; in biefen ©ärten warb S3ateriu$ 
SlfiaticuS Verbrannt: 

Unb gleichwie bu, Serruchte, 

Stfein $er$ aerbrachft, aerbrech' ich biefe $rone, 

Unb an ber (Stätte, bie ber Xob geweiht, 

93cug' beine ftnie! $er 90tenf<h erftirbt in mir; 
geh bin ber ©eniuS be£ Verhöhnten ©rabeS; 

Unb wenn bu fchamloS nimmer auf ber Sahn 
gebweben fiafterS achteteft bich felbft, 

S^och (£äfar ober 9tom, fo achte hoch 
$)ie XobeSgötter jefet, unb ihre Steckte, 

©ie feien heilig auch für bicf>! 

2Jieffalina. 

SBenn er 

©eliebt mich fo, wie biefer SSüthenbe 
Siebt feinen ©chatten, o, bann hätf ich nie 
3u flogen brauchen über biefe ©tunbe! 

Söi t o. 

©r liebte bich, wie bu'S verbtent, als geigling! 

$en tapferen verfchmähteft bu. 

SJieffalina. 

2)odh bu, 

Sötfi bu'S, ber fd^mäht ein Söeib, ba£ vom ©efehief 
©djjufceS bar gegeben warb in beine 
Unb in ber geinbe Sttacht? Unb foll ich lebenb 
gn jener greigelaffnen £änbe fallen 
Unb Slgrippina'3 ? $u juerft berflagteft 
Sei ©laubiuS mich: wohlan, hochfinniger Rechter, 

Soüenbe nun bein 2Berf unb töbte mich! 

Sito. 

£)idh töbten! 

SDteffalina. 

SBagft bu’S nicht? 3>ie ©tunbe flieht. 


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Die Hömertragö&ien Pietro Coffa's. 


2U 

SBito. 

$id§ tobten! SBeidfje fort ; . . nidjt fteb mid) an! 

9Eeffatina. 

2öa£ ift ba£ für ein Haft, menn ifjrn bie fraft fe^tt 
3u töbten mid)? 

SBito. 

3JHd) Brennen beine treuem, 

S3erl)ängnißbolIen Slugen! £), bu fonnteft 
©an$ anbre ftraft mir leiden: taufenbfacb 
gär bid) $u fterben! 

SEeffalina. 

2Bof|t, fo rette midj, 

Unb id) Bin bein. 

93ito. 

$ein? 

Sfteffalina. 

S8a3 Bebenfft bu? SBäfyte: 

©iB Rettung ober Xob! 

33 it o. 

gd) mäfjlte: fomm . . . 

WfiaticuS, beweibe! 5)iefe8 SBeiB, 

Sftodj mächtiger ift e3 als bein Singebenfen! 

$omm, folge mir! £) toefj, mir finb oerloren — 

$ie Prätorianer! 

SQfceffalina. 

Unb es füljrteft bu 

©ie ^er . . . 

33 1 1 o. 

3d> merbe midf) $u ftrafen ttriffen. 

SJteffatina bor ben Stnftürmenben bertfjeibigenb fällt ber ©tabiator. 

3m testen 2lct toirb ber energietofe Äaifer toon feinen greigetaffenen berebet, 
bie bertnorfene ©attin, bie er nur berftofjen möchte, töbten ju taffen, gaft gelingt 
e$ iljr, il)n toieber mantenb su machen, bodj bie greigetaffenen tommen i^m jubor 
unb fdjiden bem madfjtbabenben ©enturio ben faifertic^en SRtng mit bem 93efet)t, 
SReffatina ju töbten, bie batb barauf Hülfe rufenb auf ber 33ütjne erfdjeint unb 
entfeett nieberfinft. ®er fieidjnam mirb berljüHt beim Slawen be$ ÄaiferS, ber in 
feiner geteerten 3^rftreut^eit SJfeffatina $u metben befiehlt, ba§ er fie jur ®afet 
emmrte, unb nur toenig erftaunt ift, atS er erfährt, man ^abe fie auf feinen 
SBefefyt befeitigt. Slgrippina tritt auf mit bem Keinen $omitiu£; er preift i^re 
©c^önljeit unb begibt fidj mit ityr, als ob nidfjtS toeiter borgefalten, aur Xafet* 
®er bereits oben bejeidjnetc Hauptmangel beS ©tüdeS, tt>etd)e$ trop ber cffectboßften 
©injet^eiten me^r bramatifirte ©efcfjidjte ats ein gefdfjidfjttidjeS $rama ift, tritt 
befonberS in biefen unbefriebigenben ©djtufcfcenen ju läge. 

14* 



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2(2 Untere <5eit. _ 

21m ausgeprägteren erfc^eirtt ©offa’S Stiftung in fein« „Cleopatra", bie im 
Sßinter 1878 junt erften mal über bie Steter ging. 2rfir feinen ßünftter ift eS 
ein ©ortßeil, einen Stoff, ben bereits große Vorgänger gewäßlt, non neuem ju 
beßanbeln; bie Scßeu oor bem ©tagiat wirb ißn in üielen Fällen auf minbet 
glüdlicße SBege führen, unb fo finb aucß bie ßauptfäcßlitßften 21bmei(ßungen ©offa’S 
oon Sßalfpeate — benn nur biefet fann in Srage fommen, ba bie jaßtreiißen 
ftanjöfißßen unb frühem itatienifcßen ©earbeitungen beS Stoffes fo gut toie oer« 
flößen finb — oft jum Stacßtßeil beS StüdeS ausgefallen, obftßon bem römifcßen 
©oeten baS große ©erbienft gebührt, bie föanblung meßr concentrirt ju ßaben, 
iitbem er baS ßiftorifcße SJtaterial in einen engern Stammen fpannte unb eine 2ln« 
jaßl oon ©reigniffen unb ©erfonen, oor allem OctaoiuS unb beffen Scßwefter oon 
ber ©üßne auSfißlicßenb, SlntoniuS unb Cleopatra weit meßr in ben ©orbergrunb 
ftellte. (Sine oft geniale bramatifcße ®raft, oerbunben mit ficßerfter ©üßnentecßnif, 
erflärt bie glänjenben ©rfolge, welche biefe Schöpfung an allen $aupttf)eatern 
Italiens baoontrug. 

SJteifterßaft wirb ber ©ßarafter bet $elbin gleicß im erften 2lct entwidelt, ber 
in 2lntoniuS’ Orgien am $ofe ju Sllejanbria einfüßrt. Irunfen liegt bet Iriumoir, 
beffen Iteiben fdjon einige feiner Slnßänger junt 2tbfaQ oerantaßt, am ©oben, als 
Cleopatra erfcßeint unb ißre ftoljen ©efinnungen bartegt, ißm Unheil broßenb, 
falls er ißre ehrgeizigen Hoffnungen täufcße: „SBürbig meiner Siebe ift nur, Wer 
mir bie SEBelt $u geben weiß." Stießt befriebigt burdj bie bereits erhaltenen Steitße 
oerlangt fie oon ißm bie Herrfdjaft über baS Gapitol unb bie ©erftoßung feiner 
©attin Octaoia. 2tntoniuS wiberfeßt fieß, biefeS leßte ©anb, weleßeS ißn an 
OctaoiuS fnfipft, ju jerreißen. 3)aS ©rftßeinen beS jungen Säfarioit, ber ben 
Stolz feines ©aterS jur Scßau trägt, bringt 2tntoniuS’ ©iferfutßt gegen ben 
Seßatten beS großen lobten ju leibenfcßaftlicßem SluSbrutß, ben Cleopatra burtß 
©itten unb SiebeSbetßenerungen ju füllen fueßt. S)iefer ®ialog, ber baniit enbet, 
baß fieß 2lntoniuS bas oerßängnißoolle ©erfpreeßen, Octaoia ju oerftoßen, entloden 
läßt, geßört aucß in formaler ©ejießung ju bem ffioHenbetften, WaS Soffa gefeßrieben 
ßat. ©ntfeßiebene ©ebenfen erregt bagegen ber zweite 21ct, ber bie ©ntwidetung 
ber H nn ^ ut, 8 nur ganz unerßeblicß förbert. Um 2lntoniuS’ ©ermäßlung mit 
Cleopatra gruppirt fieß eine SJtenge oon ©orgängen unb giguren, bie bei ißrer 
epifobenartigen Statur einen ooHen 21ct nießt einneßmen bürften. @fußer bem 
römiftßen ©efanbten, ber ©infpraeße gegen 2lntoniuS’ Treiben erßebt, ßaben nur 
zwei ©erfonen Sebeutung für ben ©ang beS StüdeS, unb in biefen beiben ßat 
Soffa ©eftalten oon treffließer ©ßarafteriftil geftßaffen. ®er Scßlangenbänbiger, 
bet in pracßtoollen ©erfen bem ©olfe feine wunberbare SJtacßt feßilbert, fpielt zwar 
aneß erft fpäter eine Stolle; feßr glüdlicß ift bagegen feßon ßier eine ©eftalt, bie 
gleicßfam ben büftern ©ßoruS ber Iragöbic bilbet, baju üerwenbet, mitten im 
geftjubel an baS ungtüdtieße ©nbe ju erinnern: es ift bieS ber greife ©ßilippuS, 
ber treue greigelaffene beS ©ompejuS, ber ben Seitßnam feines Herrn an biefem 
Stranbe beftattet ßat unb baS Solon’ftße ffiort üom ©tüd ber Sterblicßen in ben 
laumel ber ©egenwart wirft. „Hüte bieß, Iriumoir", raunt er SlntoniuS ju, 
ber mit Cleopatra aus bem SfiStempel feßreitet, „bie ©tolemäer finb ©errätßer!" 


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Die Hömertragööien pietro Coffa’s. 


2\3 


®er britte Stet oerfebt uns in ben äJteerbufeu non Slctium, auf bas Serbecf 
beS Schiffes Slntonia. Stiles in allem erwogen barf er ber gelungenfte ber ganzen 
Xragöbie genannt werben. ®aS oon ©batfpeare oertniebene SBagniß, mitten in 
bie oer^ängnifiooße Seefdjtacht einjufübren, fjat ju einer Steibe ber Wirlfamften 
©eenen Gelegenheit geboten, ffteopatra, welche unmittelbare Beugin beS ©iegeS fein 
wollte, läßt fi<h bie feinblicfje gtotte oon bem ögpptifchen Stbmirat SRotei jeigen, 
ber ihre Seforgniffe ju oerbannen fuefit: „SBaS fürdjteft bu? ®reibunbert Skiffe 
oertßcibigen bich, ber fiegreicfie SlntoniuS ift mit bir, unb unfere ©eget fdjwettt ber 
SSinbbaucb oon iß^itibpi, ben Slblern beS SlntoniuS ift ber SBeg jum ©apitot üertraut." 

Äleopatra. 

D Qugenb! 

2)ein SBort ift ffeuerglut, unb bein ©ebante 
ftennt nicht ©efabren! ©et), unb mit ben Söffen 
$e8 SBeibeS, »eitles traurig bir erfdjeint 
9fn beinen SEräumen, fränje beine Stirn, 

SSenn bu bie Heimat «lieber frffauft. 

Schon ift ber Krieger nabe baran, feine bisher geijeimgebaftene Seibenfdiaft 
für bie Königin ju gefteffen, als bie Stäbe ber fembtießen Xriremen oerlünbigt 
wirb. ®aS größte gabrjeug beS SlntoniuS wirb in ben ©runb gebohrt; bie ©efabr 
tommt bem ©<biffe, auf bem Cleopatra ficb Befinbet, immer näher. Xrofc allem 
SBiberftreben muß fRotei ben SBefebt jum Stücfjuge geben, unb ftiebenb folgen bie 
übrigen ägpptißben ©tbiffe. Salb barauf erßbeint SlntoniuS Wütbenb auf bem 
Setbecf: „SBaS tbateft bu, Unfetige? ®tr allein ift eS gegeben, ftiebenb ju fiegen, 
unb bein Süß toftet mich bie SBett! ®abin mein fRubrn unb bie ©<bta<bten Oon 
jWanjig fahren!" 

®er oierte Stet fpiett im fßataft fi'teopatra’S, bie auf ©etbftmorb finnt, nad)bem 
fte ben ©ebanlen überwunben, SlntoniuS ju oerratben unb ficb DctaöiuS preis» 
jugeben. ®a nabt fi<b ib* ber ©eßtangenbänbiger unb fuebt fie ju Überreben, aus 
ber 3u>ietra(bt ber 9tömer Stufen ju jieben unb ihr SSatertanb ju retten; er bringt 
fie ju bem ©ntfdjtuß, bie @<biffe im |>afen an DctaöiuS auSjuliefem. Unmotioirt 
Wie bie patriotifdjen ©efübte, bie ber ®icbter b« 1 ber egoiftifeben Schlange beS 
9?it unterlegt, ift bie Stube, mit ber ihr ©totj bie gröblichften Seleibigungen beS 
SßlebeferS über ficb ergeben läßt. Stotei fleht, als er ihren fßfan, bie ©ebiffe DctaOiuS 
ju übergeben, erfahren, um Erbarmen für SlntoniuS, obgleich cr fetbft. Wie er 
nunmehr geftebt, fie liebt: „9ttS ihr gttteftieb watet, bewarf ich euch getreu; nun 
bu fetbft bem Stebenbubter Untergang bereiten Wittft, wer fönnte bieb mehr baju 
anfpomen atS ich? 3<b aber befchwöre bich, oerratbe nicht SlntoniuS! SBerratb 
!ann nicht Stegppten retten, unb SlntoniuS ift beffern Sofes wertb- 

Vereint bat eure Stauten bie ®efd)tcf)te, 

©ueb toaren Hoffnungen gemein, SJerbredjen, 

Stubm unb ©nttäufdjungen — nicht mag euch trennen 
gmei feigen ©eeten gleich bie geit beS Unheils!" 

SlntoniuS bat Äunbe oon ßteopatra’S SSerratb; er will inbeß nicht ungeräebt 
falten, fonbem baS ÄriegSgtücf nochmals erproben. Cleopatra crebenjt ihm einen 



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2\<k 


Unfere £e\t. 


©edjer, in ben fte ein t>on bem ©djlangenbänbiger erhaltene« ©ift get^an; Slotei 
ftöjjt einen ©djrei au«, unb fie reicht U)m ben ©ecber; er leert benfelben, ben 
lob bem ©erraflj Oorjie^enb. ®« ift ba« ein etma« bequeme« Slu«funft«mittel 
be« Siebter«, eine mistige Sßerfon ju befeitigen; freilich bient e« jugleidj jur 6r* 
reidjung eine« fogenannten mirffamen Äctfcbluffe«. Hntoniu« fragt, at« ber Slegbpter 
tobt nieberfallt: ,,®a« tbateft bu, Cleopatra?" Sie ermibert: ,,©ag’ an, ^&tf i<b 
gemottt, fjätt’ ic$ uid)t fönnen töbten bidj?" Unb ber ©djlangenbänbiger, ber ficb 
ijr oerfto^len nähert, flüftert ijr ju: „$u fonnteft!" 

3m fünften Stet, nädjjt bem britten unftreitig bem beften, finben mir Hntoniu« 
in einem ©arten be« ©alafte«, in ber nädjtlidjen ©titte Slube fudjenb. ®er ibm 
treu ergebene Suciliu« oerfünbet ijm ba« ®orjaben be« geinbe«, bei ©lorgen- 
grauen bie ©lauem ber ©tabt ju ftürmen; er fuebt ijm Hoffnung einjuflöfjen unb 
i^n au« ben ©anben ßleopatra'« ju befreien, inbem er ibm berichtet, bafe bie 
©djiffe oon i^r tbatfäcblicb bem Jeinbe übergeben mürben: 


Stntoniu«. 

$em fjeinbe, f^ric^ft bu mabr? — 

€) 9totei, jeitige ©eele, jene« ©ift, 

3)a« bidfj babingerafft, e« mar ber £obn 
gfür beine Xreu’, unb jene« fdjnöbe SBeib 
©ab in ber SRadje, bie e« nahm an bir, 

$a« ©litte!, mich $u tauften! Xraun, ein neue« 
©eifpie! inmitten eine« feigen Raufen«, 

©ingft, @bler, bu babin, unb midj erfüllt’« 

©lit ©d)mer$, bafj bu fein Stömer marft. 


Suciliu«. 

2!ntoniu«. 


Unb idj? 


$a« £ob be« armen lobten foH für bicj 
Äein Xabe! fein, erprobt’ icj boej, mie grob 

2) er ©djafc ber greunbfdfjaft, ben bu begft im ©ufen; 

3) arum verlange nicht, bajj idfj bir raube 
$ie lebte ©lün^e noch. 


Suciliu«. 

SSBie? SBiflft bu etma . . . 


Stntoniu«. 

ÜRun alle« um micj b er äufammenbriebt, 
©lag micj allein aerfebmettem ber Sluin. 


Slie! 


Suciliu«. 


9!ntoniu«. 

Äebre beim na<b Slom unb in bem $aufe 
2)er ©äter borr’ auf ein geehrte«, ein 
gufriebne« Süter, unb mann einft bie Seiten, 

$ie mir nodf) febn, ©ergangenbeit gemorben, 

Unb mann bu mein ©ebädfjtnib richten b ör ft 


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Die Hömertragöbien Pietro Coffa’s. t 


2*5 


©lei<h jenem, ba$ bie Xfjoren hintertaffen: 

$ann mögeft bu älä geuge miber meine 

©erleumber auffteljn, unb e3 fei bein SBort 

3>aS SBort ber SBa^eit; fönbe non ben ©flachten, 

S$on benen nichts bezeichnet bie ©efchichte, 

Unb bie idj bir enthüllt; foridj bon ben ©djnöben, 

2)ie mid) berrathen, $euge, bajj ich ftetS 
(Sin größer Körner mar in meinem Unglücf 
TO im Xriumpf)! 

®a3 Slawen jtoeier ©eftalten unterbricht bie Umarmung ber greunbe; fie ber* 
bergen fich im ®unfet unb erlernten Cleopatra mit ihrem Knaben unb bem Slrjt 
DtgmbuS, bem fie jenen übergibt, um ihn in Sicherheit ju bringen. 2tntoniu3 
heifjt SuciliuS ben ©eiben heimlich folgen unb überragt bann bie fchluchjenbe 
Königin mit ber Srage, toarurn fie nicht auch geflohen. ®r jahlt ihr alle ihre 
©ergehen auf bis ju bem jefcigen ©errat!), fie aber betheuert leibenfchafttich ihre Siebe. 

SlntoniuS. 

Unb gibft mich lebenb in beS geinbeS SJiacht? 

Verbergen foUte mir ihr fchneller ©ieg 
®en fdjänblichen Berrath, fo ^offteft bu, 

©erffadjte. 


Cleopatra. 

Siein! 


SlntoniuS. 

SBer machte mit ben ©chiffen 
SlegbbtenS, unferm lebten 8iettung$hort, 

(Sin fcbunpflicheS ©efcf>enl bem ©lüde beS 
DctabiuS? SBer? 

Cleopatra. 

3ch felbft. 


SlntoniuS. 

Unb fchien e$ bir 

SHcht beffreS SBerf, *u täbten mich? 


SlntoniuSl 


Cleopatra. 

Sag ab. 


SlntoniuS. 

fjreilidh ift e£ mahr, bie glucht 
$e$ ÄinbS, beS angebeteten, fte $eigt 
$id) gmeifeinb an DctabiuS fdhon — mit Siecht; 
$ 0 $ nur (Snttäufcbung ift e$, bie $u fpät 
2)ich beine ©chulb bereuen lägt, ©efannt 
SBar bir bietteicht DctabiuS nicht? Unb bu 
©o funbig im SBerratl), o meh, bu fielft 
3n feine Siefce? SBot lüfjt JJugenb ihm 



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2\6 


Unfere «geit. 


Die Stirn, im $er}en aber b<*ug baS Älter, 

Unb jener SBoge non ecfüljlen, bie 
®ticb liegen Sdjiffbrucb leiben, hält er Stanb, 
ein unbefugter SelS. Der ftol^en Äugen 
(SHutbli&c, meine Suft unb meine Dual, 

Dort finb fie machtlos, Pfeile einel ©ogenS, 

Deg Strang jerrig. Du aber ernteg, felbft 
©erraten, beS ©erratbeS bittre gfrucbt. 

(SJebenfft bu Storni? Sdjon einmal fdjritteg bu 
®ar ftol§ bur<b feine Stragen; ber Dictator 
Umgab bidj rings mit aller feiner 9Jtadjt; 

©ei beinern 3oni fd)ien baS Ouiritenbolf 
DaS fläglidje, bertoorfne ©olF bom SRil . . . 

©ebenFft bu jenes föorn? ©ei allen ©öttern. 

Du Wirft eS toieberfdjaun! Sebod) ein Spottbilb 
Äff berer, welche bu berfpotteteft, 

Umraufdjt bon unberfchämten $bmnenFlängen, 

3Bie ge bie Orgie beS DriumpbeS anftimmt; 

Der lebte üßame beineS Stamms, beS Siegers 
@rfel)nteS ©runFftücf, eine tbränenwertbe 
SFlabin befteigft bu bann baS eapitol! 

Sleopatra’S ©cgmttre, eher gerben 311 wollen, als bieS CoS ertragen, ertoibert 
er mit Seracfgung: „SluSreigerin bon Slctium, eS ift ber Dob ein hartes Ding!'' 
®a lehrt SuciliuS mit ber Nachricht aurücf, bag bie ©arle, auf ber fidj ßäfarion 
befanb, bon feinblichen Stiegern überfallen Warb. Sleopatra, auger ficg bor 
Seratueiflung, will fid) DctabiuS ju Sögen Werfen, um ben geliebten ©ohn 3 U 
retten, aber SlntoniuS benimmt ihr jebe Hoffnung, *flun folgt eine glönjenbe 
9tebe ber Sleopatra: 

Slucb 

Äuf beine töönter, bieS DpranneitbolF, 

Der @rbe SRäuber! Unb Wobon gefdj wiegen 
Das SBeib, baS liebenbe, baS Fünbe bir 
Der gorn ber SOfritter! SBeb, bu mollteft reigen 
DaS #er 3 mir aus ber ©ruft, unb idfj berrietfj btd), 

©efreien wollt' ich mein befiegteS Sanb, 

Die f^tüd^tige bon Äctium. Sage nidjt, 

Du babeft SRom geopfert meiner Siebe! 

©ift bu benn 9fom? ÜRein, töom, eS überlebt 
Den $aber feiner Söhne, welche fid) 

ÄuS $errfdjbegier belämpfen wecbfelfeitig, 

Unb faß' OctabiuS. ober bu, mit euch 
Stürat nic^t baS ©apitol. 3 U £aufenbeu 
©rfteben anbre Körner, unb bie ©Facht 
Der S^i^n Wirb nicht leichten Spieles Fönnen 
Dein ehern ©olF aermalmen. SRingS um mich 
SBoljnt my unb Schweigen, unb umfonft gemahnen 
DenFmäler an bergangnen 8 htb m Slegppten 
Unb an ber gegenwärtigen Snechtfchaft Sodj. 

SBohl ift eS wahr, ich wollte bid) berrathen. 




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Die Hömertragöbien ptdro Coffa's. 


2\7 


3 <h bin mein ©aterlanb, id) gana allein! 
^inftirbfS mit mir, bu, fallft bu auch, bu läffeft 
$a$ beine groß aurücf. 


HntoniuS. 

md> überlebe 

Siont, toenn eS fann, auf etoig, bu jebodj 
SUdjt eine ©tunbe! 


Unb mährenb Cleopatra in biefer ©eene einen Sluffdjhmng nimmt, ber über 
ihren ^iftorifd^en S^arafter hinausgeht, finft HntoniuS 51t bulgärer ©rutalität 
herab, inbem er, fich felbft bor SButf} bergeffenb, fie ju ©oben mirft. SDtan trägt 
bie Ohnmächtige in ben ©ataft. S^beffen bernintmt HntoniuS bom feinblichen 
Säger her Särm unb lubenflangj er fieht ben greifen {ßhilippud auf fich jufommen. 
„Sßer bift bu?" fragt er ihn, unb ber Site hut nur bie ftotae Hnttoort: 


ißontpejuS. 


3 dj berbrannte 


Antonius. 

$u bift jener herrliche? 

$idj fenben mir bie ©ötter benn. ©eraeih*, 

Unb aeige mir auch freunblidj bich gefinnt! 

$omm, fuche nach gefdjlagner ©chladjt mich auf; 

2 )u toirft mich horten fhtben, »0 fich freut 
$ie graufe $arae attnfdjen Seidjenhaufen. 

©ib mir ben $uß bann toieber, »eichen ich 
3 n biefer ©tunbe gebe bir, unb nadjt$ 

(Errichte mir auf menfchenleerem ©tranb, 

0 hodjerhabner ©reis, ben ©d)eiterhaufen! 

3m testen 2Tct hat fich Cleopatra ntit ihren ©flabinnen in ihrem ©laufoleum 
berborgen unb ergeht fidj in lobeSgebanten. ©ie erfährt, baß ber berttmnbete 
SntoniuS bon feinen Kriegern herbeigetragen mirb, läßt ihn hereinbringen unb toirft 
fidj beraloeifelt über ben ©terbenben, ber ihr enthüllt, baß baS ©erficht, fte habe 
ftch getöbtet, ihn befoog, ihr nadjaufolgen, unb feinen Untergang eraählt. ©hatfpeare 
führte benfeiben befanntlich in einer großartigen ©eene auf ber ©ühne bor, unb 
eS beeinträchtigt erheblich bie SBirhing beS ©offa’fchen ©djlußacteS, ber übrigens 
burch feine nicht gerechtfertigte Sänge ennübet, baß ber dichter ftch biefeS $aupfr 
mittels, baS ©roße im Sljaratter beS gelben burch feinen gaß h eröor t re ten au 
laffen unb baburch mit feinen ©ebredjen au berföhneit, begeben hat. Huch ber 
Untergang Äleopatra’S, nach toelcher ja baS S)rama benannt ift, obtool eS richtiger 
„SntoniuS unb ffteopatra" h c if$ cn toürbe, hätte er nicht bloS aus ihren Sieben 
ahnen laffen, fonbent auf ber ©ühne borführen foHen. $er lejjte ©inbruef, ben 
ffleopatra hiuterläßt, inbem fie nach SntoniuS' lobe bem ^roculejuS mit ben 
©Sorten au DctabiuS folgt: 


©ntioeber glfidt'S mir, über biefen 2Jiann 

3 u fiegen, ober heute finft hinab 

2Jtit mir ber ©tern beS großen Sllejanber — 


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2*8 


Unfcre 


wirft unbefriebigenb nacfj ben ©eenen, in benen ber Ijeroifdje E^arafter ber ägpp* 
tifdjen Königin fo fdjtoungboll entwidelt ift. ®er SBergleid) mit bem grofjeu Sriten, 
ber ftd| untoitlfürlidi aufbrängt, gereicht bem ©bluffe ber Eoffa’fdjen 2)idjtung jum 
entliehenen tRadjtfieit. Xrofcbem bejeic^net biefelbe, wenn man alles erwägt, 
unter feinen römifdjen Xragöbien ben |>öl|epunft. 0b ber 3 )icfjter felbft eine 
Steigerung innerhalb biefer ©pl)äre feiner Äraft nid)t $u traut, ba er nadj S 3 olU 
enbung ber „Cleopatra" nicf)t mehr ju ihr prüdfehrte? ^ebenfalls ift es iljm 
gelungen, bie oft wieberljotte Behauptung, baf? biefeS ©ebiet fid) für ben mobemen 
5 )ramatifer unbantbar erweife, namentlich burch biefe lefcte feiner römifdien Iragöbien 
ju wiberlegen. 




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(firnffigts fitbtn ta Band^tUtsbut^tx IDtuffjcfjat. 

SSon 

4Fr«i)rtdj Mttftx tum DPaUiedt. 

2)ie ©ebölferung bet rufftfdfjen Stefibenj Wirb auf etwa 670000 Sföpfe gefdjjäjjt. 
Sieben 585—595000 Stoffen wohnen bort 55—60000 Eeutfdje, 10—15000 2rran= 
pfen, 4—5000 ©ngtänber unb bet Steft b erteilt fid^ auf |>ottänber, ©djweben, 
Sinnen, ©ften unb Setten. 

Die beutfdje ©inwoljnerfdjaft ©anct»ißeterSburgS ift neben bet rufftfdfjen nidjt nur 
bie jat)treid(jfte, fte ift audj bie ättefte. ißeter bet ®roße wußte feljr tootjt, was et 
feinem Sanbe, feinet $auptftabt erwies, als et ben 3ujug bet Deutfcfjen beför» 
berte, bie in befannter SBanbetluft nidf)t fäumten, feinem Stufe p folgen. @o 
berpftanjte et beutfdfjen Steiß, beutfdje Stebtidjfeit, beutfdje SJiäßigfeit unb Stütjrig» 
feit in bie neugebaute ©tobt an bet Sterna, bie ein fröljlidjeS ©ebenen unb rafdjje 
StuSbreitung fanb. Die beutfdje ©otonie ©anct*lßeterSburgS ift mit bet Seit 
Ijerangewadjfen pr ©ebölferung einer anfetjntidfjen ©tabt, unb fte ljat geregten 
Stnfptudfj, wenn bet SJtaßftab beutfdjet ©uttur angelegt wirb, mit in bie erften 
Steifen p treten. 

SBo bet Deutfdfje ft<f| nieberläßt, baut et im ©cfjweiße feinet 9lngefid)tS ben 
geiftigen wie ben irbifdfjen ©oben. Sirene unb ©dfjute finb bte Dragpfeiler feines 
§aufes, SBiffenfdfjaft unb Sunft bie ©tüten, mit benen er biefetben fd&müdft. 3« 
Äirdje, ©djute, SBiffenfdjaft unb Sunft erroädjft unb erftarft baS geiftige Seben 
bet Station, bet ©tabt, bet ©olonie. ©ei bet tefctem ift niemals außer Stdfjt p 
taffen, baß fte iljre SBurjetn in ftembe ©rbe gefenft unb ber unmittelbaren ©r= 
nätjrung beS fieimiftijen ©obenS entfagt tjat; baß fie, oon anberS gearteten, öiet= 
leidet unfgntbatliifdjen, bietteidfjt feinbtidfjen ©tementen umgeben, itjr aus bet $eimat 
ftammenbeS, uteigenfteS SBefen p toafjreti unb p entwidfetn tjat. Stlit bet batet» 
tünbiftßen ©ultur Stritt p ßatten, bebatf fie größerer ßraftentwüfetung unb 
SluSbauer als bie $eimat fetbft. ©on biefen ©efidfjtspunften aus möge man 
baS ©itb beurteilen, baS idj bon bem geiftigen Seben bet ©anct»ißeterSburger 
Deutfdfjen p entwerfen berfudfjen will. 

1) Sie ßivdjett. 

9118 ©eter bet ©toße im 3a^re 1698 in §ottanb berWeitte, ternte er einen 
Slotweget fennen, aus ©tabanget gebürtig, ber bon Sugenb auf in ben Stiebet» 



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220 


Unfere <;yit. 


tanben gelebt unb fih bort ju einem trefflichen Seemann auSgebilbet hatte. (Sr 
gieg ©orneliuS ©rups unb war ein eifriger fßroteftant. Der 3« gewann ign für 
bie junge glotte beS SRpffifcgen Steife«, unb als Sanct=$eterSburg gegrfinbet würbe, 
war ©rups bereits Viceabmirat unb emfig bemüht, bie neue Schöpfung beS großen 
fjerrfcgerS ju förbern. Die jaglreidgen Deutfdgen unb ^oQänber, Welche ber gar 
in fein fröhlich aufbtügenbeS 9teich Oerpflanjte, beburften, mamtidgfacgen ruffifdgen 
Slnfeinbungen gegenüber, beS ScgugeS unb ber Vertretung unb ©rups Würbe igr 
s 4?rotector unb ißatron. fßeter ernannte ign jum Oberborfteger ber eüangelifcgcn 
unb reformirten Sirenen unb Spulen Ruglanbs, üon benen freilich im ^Reiche 
wenig genug, im jungen 0anct=VeterSburg nodg feine Spur ejiftirte. 9US ber Vice» 
abmiral ein gagr nah ber ©rünbung Sanct*fßeterSburgS in bie Rieberlanbe gefanbt 
würbe, um tüchtige Seeleute unb fpanbwerfer an^uwerben, flieg er bort auf ein 
paar junge Deutfdge, bie beibe ber $eimat entflogen waren, um in ber gerne ihr 
©lüd gu fudgen. Der eine, Sofjn eines proteftantifhen ißrebigerS in SBeftfalen, 
hatte in gena als Stubent im Raufdge einen ftameraben erftoegen unb war lanbeS» 
flüchtig geworben. Der jweite, 0ogn eines VrofefforS ber Dgeologie in ©öttingen, 
gatte in gena ben SRagiftergrab erworben unb War Rector ber Scgule in Qtefelb 
gewefen. Das Segramt flößte igm jeboeg foligen SBiberWiden ein, bag er glefelb 
geimlidg Oerlieg unb nadg $oUanb entflog. Den einen Warb ©rugS für feine Sanjlei, 
ben anbem jum ißrebiger für bie in Sanct=VeterSburg angefiebetten Vroteftanten. 
Der erfte gieg £>einricg Oftermann, ber als Vicefanjlcr ®raf Dftermann Oom 
Rpftaber grieben bis jum Regierungsantritt ber Saiferin ©lifabetg bie ©efdgiefe 
RuglanbS lenfte; ber jWeite, SSBilgelm Dolle, feit 1704 erfter unb bamalS einziger 
Vrebiger ber lutgerifegeu unb reformirten ©emeinbe in Sanct=ißeterSburg. Der 
©otteSbienft Würbe urfprüngtidg in einem Saale im $aufe beS ViceabmiralS ge» 
galten, bis man im Sagte 1708, bei bem ftänbigen SBacgStgum ber ©emeinbe, 
auf bem fjofe ber ©rugS’fdgen SEognung eine Heine göljerne Sircge baute. 

Veiläupg fei gier erwägnt, bag ber waefere Viceabmiral füg in ber unwanbel» 
baren ©unft feines ®aiferS ergielt bis auf ein, nadg ben bamatigen Vergältniffen 
recht furjeS, Sntermejjo. Sw Sog 1 « 1713 gelang es ben jaglreicgen geinben, 
bie igm feine rüdlficgtSlofe SBagrgeitSliebe jugejogen, ign bei bem garen ju üer« 
leumben. @r würbe nadg Sa [an oerbannt, üon Wo er bem ftaifer treffliche Ve= 
riegle über bie bortigen Vergältniffe einfanbte. SBägrenbbeffen oerfiel bie glotte 
in Sanct»fßeterSburg bergeftalt, bag nadg 13 ÜRonaten ißeter fieg oeranlagt fag, 
SrugS jurüdfjurufen, igm bei feiner Slnfunft bureg SRenfcgifow ben Degen über» 
reihen lieg unb igm felbft mit ben SBorten entgegeneilte: „Sh bin nicht megr 
böfe!" Worauf ©rups antwortete: „Sh audg niht." 

Das fhneHe SßacgStgum ber proteftantifhen ©emeinbe forberte halb gebieterifeg 
eine Drennung nah ben Rationalitäten unb igren Sprahen. Sw Sagte 1717 
fdgieb juerft bie gotlänbifcge reformirtc ©emeinbe auS, bie fieg iw Sagte 1730 
ein eigenes ©runbftücf faufte, baffelbe, auf bem noeg jegt igre Singe ftegt. S m 
Sagte 1719 trennte fih bie englifhe ©emeinbe üon bem proteftantifhen Stamm, 
1723 bie franjöfifh=reformirte unb 1747 ftellte fih bie beutfdg'reformirte auf 
eigene güge. So war benn bie cüangettfcg=tutgerifege ©emeinbe allein in bem 


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©eiftiges £eben 6er Sanct - Petersburger Deutfcfjen. 


22 \ 


hölzernen Kirchlein auf bem £>ofe beS SlbmitalS 3 urücf geblieben, bas felbft ihren 
©ebürfniffen bolb nicht mehr genügen fonnte. Sie erhielt jum Sou eine« neuen 
©otteShaufeS am 27. Sec. 1727 oon ißeter II. ein fdjöneS unb umfangreiches 
©runbftfid, auf meinem am 29. 1728 ber ©runbftein jur neuen Kirdje 

gelegt tourbe. Ser Sau mürbe, nach bem eigenhänbigen ©ntmurf beS ©rafett 
SKünnich, im 3ahre 1738 OoHenbet. ®S ift bieS bie ältefte eoangelifclKutherifche 
Kirche Sanct-ijßeterSburgS, bie Kirche bet Sfpoftet Petrus unb ^JautuS, melche bie 
jahlreidjfte ©emeinbe in ihren SDtauern bereinigt, noch h eute e ‘ ne Sterbe beS 
9temsfi»ißrofpect. 

ÜRit bem rapiben SßaehSthum ber norbifchen Siefiben} hielt bie ©nttoicfelung 
ber beutfehen Kolonie gleichen Schritt. Sie 3^1 ber beutfehen ©intoohner in 
ooneinanber meit entlegenen Stabttheilen nahm beträchtlich }u, unb mit ihr ftieg 
baS SSebfirfnifj nach neuen proteftantifehen ©otteshäufern unb ber ©onfotibirung 
neuer ©emeinben. geh !ann hier auf bie ©efcf)ichte ber ©ntfteljung ber beutfehen 
©emeinben unb Kirchen Sanct4ßeterSburgS, bie noch JeineSmegS ihren Slbfchlufj ge= 
funben hat, unmöglich ausführlicher eingehen unb muß mich auf eine Sufammem 
fteDung beffen befchränlen, maS gegentoärtig }ur Sefriebigung beS religiöfen Se- 
bürfniffes ber Sanct=$ßeterSburger Seutfchen Oorljanben ift. 

gftr bie beutfehen Katholifen an ber Sterna ift bisher nur färglidj geforgt, 
SBie oon bem Stoffen bie Sejeichnungen polnifdj unb fatholifch gemöhnlich als 
gleichbebeutenb angefehen merben, fo ftnb auch bie beiben römifch=fattiolifc^en 
Kirchen ber Stefibenj mefentlich für bie polnißhc Seoölferung beftimmt; ber ©otteS= 
bienft in ihnen mirb oon polnifchen Sominicanern oerfehen. gür bie beutfehen 
Katholifen merben bie gotteSbienftlichen ©afuathanblungen in jiemtidj fdhledhtem 
Seutfch Oerrichtet unb auch in einer ber Kirchen oon Seit ju Seit beutfeh geprebigt. 

Sie beutfehen ißroteftanten erfreuen fi<h augenblidlich ber beträchtlichen 3“hf 
oon 13 Kirchen mit fonn- unb fefttäglichem ©otteSbienft. Siefelben jerfallen in 
brei große ©ruppen. Sie erfte umfaßt bie anfehnlidjen ©otteShäufer ber fetb» 
ftänbigen beutfehen ©emeinben, in benen ber ©otteSbienft nur in betttfeher Sprache 
celebrirt mirb; bie jmeite befiehlt aus ben Kirchen, bie urfprünglidj für eoan* 
gelifche ©emeinben anberer Stationalitäten beftimmt maren, an bie fich jeboch eine 
beutfehe ©emeinbe angefchloffen hat, melche bie Kirche, mol auch ben ißrebiger, 
für ihren beutfehen ©otteSbienft benufct. Sie britte ©ruppe enthält bie bei großen 
SBohlthätigfeitS* ober UnterridjtSanftalten gegrünbeten Kirchen, in benen urfprüng- 
lich nur für bie Snfaffen jener Snftitute eoangelifcher ©otteSbienft in beutfeher 
Sprache gehalten mürbe, um bie fich jeboch mit ber Seit Reine ©emeinben 
trpftatlifirt haben- 

3ur erften ©ruppe gehören bie folgenben fe<hS Kirchen: 1) Sie ermähnte Kirche 
ber Slpojtel ^ßetruS unb ißauluS, gemöhnlich Sanct^etritirche genannt. Sie liegt 
jtoifchen ben beiben StaHhofftraßen unb fdjaut mit ihrer jmeithürmigen $aupt- 
fa;abe nach bem StemSfbißrofpect. Srei angefteHte ©eiftlicße oerfehen ben ©otteS* 
bienft. 2) Sie Sanct=2lnnenfirche im Siteinajaftabttheil, gleichfalls mit brei ©eift* 
liehen. 3) Sie Sanct=Katharinenfirche auf SBaffili-Oftrom, mit jtoei ©eiftlidjen. 
4) Sie Sanct=3JHchaeliSfirehe, gleichfalls auf SBaffili = Dftrom (b. h- ®afiliuSinfel), 


& 


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222 


Unfere ^ett. 


bem oorjugStoeife beutfdßen ©tabttßeit. 2)iefe Äircße ftettt baS intereffante ©eifpiet 
bar, tote fitß aus beit Keinen Anfängen beS ©otteSbienfteS bei einer öffentlichen 
Seßranftatt nacß unb nacß eine große, ftattlicße, felbftänbige ©emeinbe entmicfett. 
®ent beutf<ß=eBangetifcßen ©otteSbienft int fogenannten erften ©abettencorps, ber 
Bon einem jfingftoerftorbenen ßodßBerbienten ©entließen Berfeßen mürbe, fcßloß 
ftdh nacß unb nacß eine fo zahlreiche ©emeinbe an, baß biefetbe im Saufe beS 
lebten 2)ecenniumS ficß fetbftänbig conftituiren unb ein eigenes fcßöneS ©otteSßauS 
erbauen fonnte. 5) $ie beutfcß-reformirte Äircße. ®aS ßöljente ©ebäube, in 
meinem bie beutfcße reformirte ©emeinbe feit 1747 ben ©otteSbienft für ftcß allein 
cetebrirte, brannte im 3aßre 1762 ab. 2Ran ßat fidh bann batb auf bie eine, 
halb auf bie anbere Strt beholfen, bis unter ber außerorbenttidß lebenbigen unb 
tätigen güßrung beS gegenmärtigen ©eifttidßen, ©onfiftoriatratß Paftor ®atton, 
bas überrafdßenb fcßöne unb gefcßmacfootle, in romanifcßem ©tit erbaute @otteS= 
ßauS entftanb, metdßeS eine ber ebetften 3krt>en beS eteganteften ©tabttßeits ©anct« 
Petersburgs bitbet. Sludß biefe Sirene mürbe, faum ooltenbet, oon einer geuerS* 
brunft ßeimgefudßt, bie jeboch feinen bebeutenben ©traben anrießtete. 6) ®te Sirene 
ber eoangelifeßen Srübergemeinbe. Stucß in Siufjlanb bat $errnßut eine bebeu» 
tenbe Kolonie, meldbe jtuei umfangreidbe Stiebertaffungen begreift: bie adferbau« 
treibenbe unb inbuftriettytrobucirenbe in ©arepta unb baS große $anbtungSßauS 
in @anct=PeterSburg. $ier befißt bie ©otonie in bem mädbtigen ©omptef ihrer 
©ebäube eine fdßöne geräumige, gut auSgeftattete Äircße, an metdber ein eigener 
Prebiger ber Srübergemeinbe fungirt. Obgleich ber teuere mefentticb nur für ben 
retigiöfen 3)ienft ber Keinen £>errtißutergemeinbe berufen ift, trat bodb Bor nicht 
tanger ber galt ein, baß man bem Keinen Häuflein einen fo eminent begabten 
unb ßerBorragenben Prebiger gefanbt hotte, baß berfetbe häufig in ber Srüberfircße 
einen anfehntidhen 3heit beffen um fich Bereinigte, maS ©anct=PeterSburg an fir<h= 
tich gefronten, gebilbeten 2>eutfcßen utnfdhtießt. 

3u ber jtoeiten ©ruppe gehören brei Streßen: bie SefuSfirdße, bie SoßanniSftrcße 
unb ©ancfcSJtarienfircße auf ber fogenannten ©anct=peterSburger ©eite. 3)ie erfte 
ift für bie tettifchen, bie jroeite für bie eftnifeßen unb bie britte für bie ruffifeßen 
Proteftanten beftimmt. $a aber bie ©eifttießen, meteße Bon ber ©ntfteßuug biefer 
Streßen an ben ©otteSbienft in benfetben Berfaßen, biefen aueß beutfdß ju cete» 
briren im ©tanbe unb berechtigt maren, fo bitbeten fidß neben ben ©emeinben 
ber genannten ^Nationalitäten audß Keine beutfeße ©emeinben, meteße nacß unb naeß 
fo beträcßtticß an 3aßt ßeranmueßfen, baß j. ö. bie tettifeße Äirdße jeßt jtnei 
©eifttidße ju ißrer Pebienung nötßig ßat. 

2)ie britte ©ruppe feßtießt bie fotgenben Streßen ein: 1) bie Sircße beS 9lrmen= 
afßtS ber Saiferin Sltejanbra geobororona; 2) bie ©anct-®eorgSfinße im jmeiten 
ajtititärgßmnafium auf ber ©anct=peterSburger ©eite; 3) bie @anct=9Jtarienfirdße 
beS ©motna=2BitroenßaufeS; 4) bie Äircße beS eOangetifcßett ^oSpitatS. 

3n ben genannten 13 beutfdßen eBangetifcßen ft'ircßen, bei benen mir bie im 
PataiS beS Prinzen Bon Dlbenburg, meit nießt für jebermann jugängtidß, über« 
geßen, mirb attfonntägtieß minbeftenS einmal ebangetifeßer ©otteSbienft geßatten; 
in ben großen Äircßen ber erften ©ruppen jmeimat. ®aju fommen SBibelftunben, 


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©eiftiges £ef>ett ber Sand »Petersburger Deutfdjen. 


223 


SinbergotteSbienft unb bie fürglich aus $eutfdjtanb oerpftangte, oortrefflich 
gebeiljenbe Einrichtung ber ©onnntagSfchulen für beit retigiöfen Unterricht ber 
Äinber. 


2) 5)ie ©djulen. 

3)ie @anct»fßeterSburger beutfdje Sngenb erhält ihre AuSbitbung in tuet großen, 
Don ben eöangelifdhen ©emeinben gegifteten Sehranftalten unb baneben in einer gangen 
{Reihe ausgezeichneter unb umfangreicher {ßriDatfdjulen. 3*« großen unb gangen 
finb fämmtliche genannte Snftitutionen ben Sehranftalten $eutfchlanbs nadhgebitbet, 
unterfcheiben fich jeboch in wefentlichen fünften, in benen ben localen ©ebürfniffen 
{Rechnung getragen werben mußte. @o Wirb in fämmttichen ©hüten felbftoer» 
ftänbtich bie ruffifdje Sprache theoretifcß unb praftifch bis gur gewanbten, fehler» 
freien £>anbhabung getrieben; baS grangöfifcße h a * bie ©ebeutung eines fjaupt» 
fachcS, baS Englifche Wirb in beträchttich höf) erm ®rabe cuttiüirt als in ben An» 
ftatten ®eutfchlanbS, unb in ber üRathematif wirb ntinbeftenS ebenfo oiet »erlangt 
Wie in ben heröorragenbften preußifdjen ©pmnafien. {Ratürtich muh für bie ®e» 
genftänbe, welche ber Sehrptan ber ©pmnaficn in 3)cutfd)lanb nicht tennt unb 
forbert, 3eit gewonnen unb bafür baS fßcnfum in anbem $iSciplinett herabgejeßt 
werben, ©o oertangt man im Sateinifhen unb ©riechifdjen bebeutenb weniger 
atS bei utiS, unb bie Äenntniffe eines @anct»©eterSburgcr beutfdjen Abiturienten in 
ben claffifdjen ©prachen Werben ungefähr bem ©tanbpuuft eines guten prcußifd)en 
DberfecunbancrS entfprechen. 2)ie ättefte unb bebeutcnbfte ber erwähnten groben 
©emeinbetehranftatten ift bie $auptf<hule gu ©anct=©etri, Welche bereits im 3al)rc 
1862 ihr h u «bert jähriges Subiläum feiern tonnte. Dicfetbe befteht aus einer 
männlichen unb einer weiblichen Ableitung. 2)ie Shtabenfchulc gerfätlt Wieberum 
in brei abgefonberte Sehranftatten: baS clajfifhe ©hmnafium, bie {Reatfcfjute unb 
bie Elemcntarfchule. $ie beiben erftern genießen alte {Rechte unb fßrioilegien, 
welcher bie ruffifhen ©taatSanftatten gleicher ©egeidjnung theilhaftig finb, ihre 
Sirectoren unb Sehrer flehen im ©taatsbienft, ihre Abiturienten gehen birect gut 
Unioerfität u. f. w. S)ie Etementarfchule bereitet gum Eintritt in bie höher« 
Anftalten oor. ®ie weibliche Abteilung enlfpricßt einer höhern %ä<S)tn\d)uk mit 
©eminarftaffen. 3h r e Abiturienten erhalten baS ®iplom als Sehrerinnen. Auch 
ihr fteht eine Elementarfchule als ©orbereitungSanftalt gut ©eite. 2>er ©efuch 
biefer großen Sehranftalt fteht jebermann frei, ber genug ®cutf<h »erfteljt, um bem 
Unterricht in biefer Sprache folgen gu tönnen, ohne jeben Unterfchieb ber Son= 
feffion. gür bie nirfjtcöangclifcEien Gt)riften finb befonbere {Religionslehrer angefteUt. 
@o befanben fich unter Öen Schülern ber genannten Anftalt am 1. SRai 1880: 
919 Sutheraner unb {Reformirte, 291 ©riechifdfj^atholifdK, 54 {Ritmif<h»fi’atholifche 
unb 16 Sfraeliten. 2)iefe 1280 ©chüler öertheilten fich ro > e folgt au f bie oerfeffie» 
benen Anftalten: baS ©pmnafium unb bie {Realfchule gählten gufammen 610, bie 
höhere £ö<hterfchule 376, bie Elementarfchule für Knaben 148 unb bie Elementar» 
fchute für äRäbdjen 146. Abgang unb SuWadjS betragen jährlich gwifdjen 200 
unb 400. 






22 H 


Unferc ^eit. 


5)er ißetrifchule am nädjften ftehen bie Anftalten bet Sanct=Annenfchule. 5)ie= 
fette hat gleichfalls ihre ^unbertjä^rige Jubelfeier erlebt, h°t int großen unb 
ganzen biefelbe Hinrichtung tote ihre Sdjwefteranftalt unb zählte an bemfelben 
Termin in ber ©hmnafial* unb Siealabtheilung 463, in ber SorbereitungSHaffe 44, 
in ber SBaifenhauSfdjule 141 Schüler, in ber loeiblichen Ableitung 407 Schü* 
lerinnen; jufammen 1055 ßernenbe. 

S5aS britte große beutfthe Jnftitut, bie reformirte Schule, mürbe im 3ahre 1818 
oon ben brei reformirten ©emeinben Sanct»ißeterSburgS, ber beutfcßen, franjöfifchen 
unb hoQünbifchen, gegrünbet, hat aber trofebem einen auSfchtießtich beutfchen @h“' 
rafter. 3h r SJlitgrünber unb langjähriger 5>irector mar ber hochberbiente Ißaftor 
Johannes Oon ÜDiuralt, ein tüchtiger unb begabter SJiitarbeiter ijJeftalojji’S. Sie 
nimmt nur Knaben auf unb befteht gleichfalls aus einer ©hmnajtal* unb einer 
Siealabtheilung. 5>ie Schülerjahl im gahre 1880 betrug 403, toeldje fidj Wie 
folgt auf bie betriebenen ©elenntniffe Oertheilten: SReformirte 53, Höangelifch* 
Sutljerifche 141, ©riechifch=Katholifche 176, Siömifch‘Katholifche 28, Angtifaner 2, 
Sfraeliten 3. 55er jährliche Sßedjfel beträgt 80—100. Am 11. SRärj 1868 
feierte bie Schule ihr fünfzigjähriges Jubiläum. 

5)ie jüngfte ber öffentlichen beutfchen Sehranftalten ift bie ftatharinenfdjule auf 
3Baffili=Oftrom. Sie ift noch iw ihrem ©ilbungSproceß begriffen, jählt, fooiel 
ich Weiß, noch wicht fämmtliche Klaffen beS ©hmnafiumS, unb hat bemnach auch 
nicht bie entjpredjenben Siechte. 3n nicht allzu langer griff mirb ße gleichfalls 
biefen Stanbpunlt erreicht haben. 

Unter ben feljt wohlhabenben Sancb^JeterSburger 55entfchen gibt es nun eine be¬ 
trächtliche Strahl, Welche aus localen, hhgteinifchen unb anbern Siücffidjten Ootziehen, 
ihre Kinber nicht in ben oielbefuchten öffentlichen Anftalten unterrichten z« laßen, 
unb fie bcShalb einer ber zahlreichen unb üortrefflich eingerichteten Sßrioatfdjulen 
anbertrauen, Welche bcnn auch für AuSmärtige, SBeitmohnenbe u. f. m. mit Snter« 
naten unb IJJcnfionatcn oerbunben finb. 5)ie bebeutenbften biefer ^ßrioatfdjuleu 
ftehen ootlfommen auf bem Siioeau ber öffentlichen ßehranftalten unb genießen bie 
Abiturienten ber Knabenanftalten biefelben Siechte mie bie ber StaatSghmnafien. 
©S mürbe mich § u toeit führen, mollte ich hier auf bie zahlreichen Jnftitute biefer 
Kategorie näher eingehen; ich wenne oon ben Slnftalten für Knaben nur bie 
beiben heröorragenbften unb berühmteren: Dr. SBiebemann’S ißrioatgbmnafium 
unb |>anbelöfchule, gegrünbet oon bem oerftorbenen frühem 5)irector ber Sanct* 
Annenfdjule Dr. SBiebemann, unb Dr. ÜJiai’S ißrioatghmnafium, Oon einem tüch¬ 
tigen ißlfftotogen, ber noch heute an ber Spifce beffetben fteht, ins Seben gerufen. 
5)aS erftere neigt mehr nach ber realen, bas zweite nach ber claffifdhen Seite hiw. 

$ie Saht ber Sßrioatanftalten zur AuSbilbung beS meibtidjen ©efdjlechts ift eine 
noch Oiet anfeljnlichere als bie ber Knabenfchulen. 3m allgemeinen mage ich oon 
ben Sanct*ißeterSburger Xöchterfdfjulen z» behaupten, baß biefelben in ihren Sei* 
ftungen unb Siefultaten höher ftehen als bie entfprechenben Anftatten beS SJeutfchen 
SleicheS. S)er ©runb mag in oerfchiebenartigen 5)ingen unb ©erhältniffen be= 
ruhen: ich Will nur barauf hinweifen, baß man bort, bis in bie untern Klaffen 
hinab, bie größere Ausgabe für afabemifdj gebilbete Sehrer nicht fcheut, mäljrenb 


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©eifriges Ccbcn ber Sand*Petersburger Doutfefjen. 


225 


man f«b Ijier bielfacb bis in bie obern Staffen hinauf mit ©lententarlebrern unb 
Seherinnen begnügt; baß man in ®anct=lßeterSburg ein biet größeres ©ewidjt auf 
bie $anbbabung ftember ©praßen unb bie Senntniß ihrer Siteratur legt, unb baß 
bort ber Unterricht bis in ein biel höheres Sitter fortgefefct Wirb, als in $eutf<b= 
tanb ju gegeben pflegt. STOeine ©ebauptung |at übrigens bereits ihren praf* 
tifdjen S3eteg gefunben: bie feingebitbete ebte ©roßberjogin bon Saben, in twh m 
©rabe angefproeben bon ber trefflichen ©rjiebung junger 2)eutfd)*Nuffinnen, bot 
eine angefebene ®ame aus ben bortigen bentfeben Sreifett nach SartSrube berufen, 
um bort eine ©rjiebungSanftalt für junge SNäbcben nach beutfcb*ruffif<bem SBuftcr 
ju errichten. 2tu«b her tonn i<b mich nicht barauf eintaffen, einjetne Stnftatten 
eingebenber }u fdjitbern, unb nenne nur bon ben erften unb beften bie attberübmte 
ber gräutein ÜJteefe, unb bie jüngern bon gräulein ©ebaffd, grau ©cf, unb bie 
fdjneti aufgeblähte ber ®amen ©tunbe*gelbtnann. 

3) SBiffenfdjafttidfe Vereine. 

Jn ber norbifeben Nefibenj gibt eS eine ganje gälte ruffifeber unb internatio* 
nater wiffenfebafttidber ©efeHfcljaften, an benen ficb bie $eutfcbcn fetbftoerftänbticb 
in brrborragenber SBeifc betbeitigen. ©ie liegen naturgemäß außerhalb unferS 
gegenwärtigen ©eficbtSfreifeS, in Wetten ich einzig unb allein biejenigen Steuße- 
rungen beS ©anct^ßeterSburger geiftigen SebenS hinetn^tehe, Welche rein beutfeben 
©barafterS finb. 

®ie beutfeben Slerjte ©anctißeterSburgS, früher borjugSWeife bon ben Stuffen 
gcfuch*, wie Ißetcr ber ©roße in feinem Seiche nur ben beutfeben ertaubte, Slpotbcfer 
ju fein, bitbeten bon atterS bet einen geiftig eminent berborragenben ©tanb. 2Bäb= 
renb fonft feine einzige gelehrte Serufsflaffe ihren eigenen beutfeben ©erein bat, 
ejriftirt, neben bem großen ©erein ber ©anct=©eterSburger Slerjte bon gemifebter 
Nationalität, nunmehr feit 62 Jahren ber fteutfebe ärztliche ©erein. ©ein 3>®c(f 
mäbrenb ber ganzen 3eit feines ©eftebenS war görberung ber praftifeben |>eilfunbe 
unb Sitbung eines SDtittetpunfteS für cotlegialifcbeS Jufammentreffen. Urfprüngticb 
batte ber ©erein nicht bie 2tbfi<bt, titerarifebe Arbeiten ju pubticiren. StuStaufdj 
bon Meinungen unb Stnficbten auf bem ©ebiete ber praftifeben ^eitfunbe, gegen* 
feitige ©etebrung, ÜKittbeitungen über ©rlebteS unb bor altem baS Slufrecbtbatten 
freunbfcbaftticben unb cottegiatifcben ©erbaltenS bei allen ©elegenbeiten beS ©er* 
febrS war baS 3*el ber Stifter bei ber ©rünbung beS ©ereinS. 2tts ficb fpätcr 
im Slrcbib ber ©efettfebaft eine beträchtliche Slnjabt febriftti^er ©orträge angebäuft 
batte, beröffenttidjte man in ber 3eit bon 1821—52 eine StuSWabt berfetben in 
acht Sänben unter bem litet: „Sermifcbte Stbbanbtungen aus bem ©ebiete ber 
$eilfunbe", bie im gaebpubtifum eine beifällige Aufnahme fanben. Slußerbem 
Würben in berfdfjiebenen ^eitfebriften Jahresberichte publicirt unb feit 1861 Werben 
bie ©ij}ungSprotololle in ber „SancMßeterSburger SWebicinif^en 3eitfchrift" ber* 
öffentlich. Jn ben ©erbanbtungen beS ©ereinS wäbrenb ber fechS 3)ecennien 
feines ©eftebenS fpiegett ficb, oft mit befonberm, ben localen ©erbättniffen ent* 
fpreebenbem ©epräge, bie ©efebiebte ber SBiffenf^aft. 

Unfett Beit. 1881. II. • 15 


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226 


Unfere <3eit. 


Sieben biefent großen ©erein beutfcher Sterjte f^ben in Sanct Petersburg nicht 
wenige engere Eirlel ejiftirt, gleichfalls mit ber ©eftimmung, bie SBiffenfdjaft ber 
9Kebicin unb eine fdjöne Eotlegialität ju pflegen. So hatte in jüngern Sohren ber 
befannte ?trjt unb 2icf)ter griebrid) ^»inje einen mebicinifchen Eirfel gegränbet, ber 
in Wöchentlichen Bufammenfiinften bei einem ber fieben SJlitglieber fich bie Aufgabe 
fteUte, im wiffenfchaftlichen ©ebiet gegenfcitige Anregung unb ©eteljrung anju» 
bahnen. 2)er jcbeSmalige SEBirtJ» trug einen 2luffa| mebicinifdjen 3nIjaltS oor, 
ber befprodjen unb fritifirt tourbe. Slach 9 Uljr abenbS, bei bem Xfjee, burfte, 
um jeben SupS $u oerbannen, nur $umor mit ©utterbrot unb Sfäfe gereicht 
Werben. (Sin anberer Wiffenfchaft(ich*mebicinifcher ©erein ift feiner eigentümlichen 
Einrichtung wegen bemerfenSwerth. 2ie große SluSbehnung Sanct»©eterSburgS unb 
ber Mangel an 3cit waren oon jeher für bie prattifchen Sterjte ein großes $inberniß, 
fich fo oft ju fehen unb ju fprechen, als fie eS wünfchten. 2a fanb man benn 
ein intereffanteS SluSfunftSmittel, Welches ben ©enuß wedjfelfeitigen 3beenauS» 
taufcheS gewöhne, ohne bie ©ielgcptagten aus ber oft fo nötigen Stuhe unb ihre 
©quipagen aus ben gugen ju bringen. ÜJlan organifirte ein wiffcnfchaftlicheS 
Ärättjchen, beffen ÜKitglieber wöchentlich einen furjen Sluffafc mebicinifchen 3nh«ltS 
oerfaßten unb bcnfelben couoertirt untereinanber circuliren ließen. 2ie jWölf 
2hcit«t mer erhielten jebet eine SRummer §u ihrer ©ejcidjnung unb jeber fanbte 
wöchentlich feinen neuoerfaßten Sluffaj} unb bie im Eirfel an ihn gelangten Slb» 
hanblungcn an bie folgenbe Ziffer, bis bicfelben baS ganje Zifferblatt burchlaufen 
hatten. 2er ©erein, ber auS ben geiftreichften Siebten SanctpcterSburgS beftanb, 
führte bie charaltcriftifche ©enennung „2ie Uhr". 

Son allgemein fcientififchem Eljarafter ift bie ©efellfchaft für Wiffenfchaftliche 
Unterhaltung, welche in ber ÜJlitte ber fechjiger 3uh rc gegrünbet würbe unb heute 
noch befteht. Zwed berfetben ift, fich °n ben geiftigen Errungenfchaften ber ©egen» 
wart unb Sergaitgenheit jn erfreuen, mit SluSfchtuß ber ©olitif. 2ie SJlitglieber, 
beren Z®ht au f 30 befchränlt ift, oerfammeln fich ' n &eu fieben SBintermonaten 
(October bis Slpril) in einem beftimmten Socal um 8 Uhr abenbS. 2ln bie ©or= 
träge unb 3Jlittheilungen, bie nicht abgetefen werben bürfen, fließen fich aUge» 
meine ©efprechungen, uttb auf biefc folgt ein getneinfameS 3Rahl. ©äfte bürfen 
eingeführt werben, gn ben erften gahren ihres SeftehenS war biefe ©efellfchaft 
ein wahrhafter ©rennpunft beS geiftigen SebenS ber SanctpeterSburger 2eutfchen. 
Unter ben ©rünbern, ju benen auch ber Serfaffer biefeS gehörte, befanben fich 
■Kamen wie E. oon ©aer, , ©ifdjof oon Stichler u. a. ©eint gemein» 
fchaftlichen SOtahl, baS nach bem Sdjluß beS wiffenfdjaftlichen 2heilS bie SDtit» 
glieber oereinigte, fchäumten, ftatt beS EfjampagnerS, ben man oerfchmähte, bie 
fchönften perlen beS SföißeS, unb baS geuerwer! beS Juniors, baS feine ftrahlenben 
gunfen in ununterbrochener ©iranbola auSWarf, oerfagte nie. 2iefe Spmpofien 
bauerten nicht feiten in ben jungen 2ag hinein. Später famen Weniger jufantmen» 
tlingenbe Elemente in bie ©efellfchaft unb bamit War bie eigentliche Slütejeit 
berfelben ooruber. 


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(Beiftiges Ccbcrt ber Sand*Petersburger Dcutfdjcn. 


22 ? 


4) 2)ie periobifefje Sßreffe. 

SSon ber beutfeben periobifdjeu treffe ©anct»tßeterSburgS betrauten Wir hier bie 
Kategorien ber Wiffenfcßaftticben unb ber potitifeben; bie bettetriftifc^en Scitfc^riftcn 
folgen unter einer anbern Shtbrif. Sei ben erftem jagten toir bie periobifdjen 
Pubticationen ber 9lfabemie ber SBiffenfdjaftcn nicht, ba biefetben, Wenn fie audj 
eine große 9tnpb* bon 9Ibbanbtungen beutfeber ©etehrten, in beutfeber Spraye 
getrieben, enthalten, bodj fetbftberftänbticb, wenn audj feinen fpecififcb ruffifdjen, 
fo boeb einen internationalen Gfjarafter tragen, ©ine Wefenttidb beutle, wiffen» 
febafttiebe 3eitfc^rift ift bie bereite genannte mebicinifcbe, bie fid^ unter ben gacb» 
männern ücutfcbtanbS einer etjrenbolten ütnerfennung erfreut. Son allgemein 
miffenfdjafttidjem S^arafter ift bie „SRuffifdje 3fettue, MonatSfcbrift für bie Kunbe 
SRußtanbS", bie bon bem überaus tätigen unb in weiten Steifen befajtnten fjof» 
buebbänbter Kart SRöttger ^erauSgegeben wirb. üer Qafjrgang beftefjt auS jwei 
Sänben in jWötf Rieften unb wirb foeben ber 20. Sanb in Stngriff genommen. 
®ie Serbreitung unb bie allgemeine Stnerfennung, welche biefe Beitfcbrift im Ser* 
taufe ber jurüefgetegten neun Sabre erworben, berbanft fie bem ftrengen gehalten 
an ihrem Programm: in objectiber $arftettung aut[)entifd)c» Material für bie 
Kenntniß SJtußtanbS ju geben. Mitarbeiter wie 9t. Srücfner, 9t. bon ©epblip, 
Subwig ©tieba, g. Martens, 9t. SßcffetoWSfi, g. SBiebemann, Saron bon ber 
;Often=@a<fen, Dr. ©. ©ebntje u. a. fiebern it;r aud) für bie 3ufunft ben ©rfotg. 

®en miffenfdjafttidien ßeitf^piften müffen wir ben ,,©anct=PetcrSburgcr beut» 
feben Katenber" jupbten, welcher, früher bon ber 9ttabemie, jefct gleichfalls bon 
Kart Stöttger publicirt, mit bem ga^re 1881 feinen 153. S“b r 9 nK 9 angetreten 
bat. üerfclbe trägt neben feinem fatenbarif«hett einen boUfommen wiffenfcbaftticben 
©barafter. Stuf 418 Dctabfeiten entbätt beifpielSWeife ber taufenbe gabrgang, 
außer bem aftronomifeben unb Eirdjticfjen Übeil, meteorotogifebe ÜabeHen, finanzielle 
Ueberficßten, 9tacbricbtcn über Poften, üelegrapben unb Bottcinricbtungen, eine 
ausführliche 9lbbanbtung über 9lreat unb Sebötferung beS 9tuffifcben Seines bon 
2B. ©trübe, einen ©ffat) bon ©buarb Sretfcbmamt über ruffifebe Sotfsfefte unb 
geftgebräudje, einen 9tuffab über bie Meteorologie in ütußtanb unb eine fdjäjjenS» 
Wertbe Mittbeitnng über bie SeWeguttg ber Sebötferung im europäifeben Htußtanb 
wäbrenb beS 3abreS 1870. 

ü)ie potitifebe beutfebe Preffe ©anct»PetcrSburgS beginnt mit bem Sabre 1727, ber 
©rünbung ber „@anct=PcterSburger (beutfeben) Bettung" bureb Peter ben ©roßen. 
SicfeS Statt, nach ber „9tugSburger Poftäeitung" baS ättefte ber ejdftirenben 
beutfeben ÜageSbtätter, führte in ben erften jWci üritteln beS 18. SabtpttnbcrtS, 
Wie fo ziemlich alle Beitungen, ein tiimmerticbeS ÜJafein. Sei ber „©anct* 
Petersburger Bettung" fam noch bie ©igentbümtiebfeit bittitt, baß fie nach ber 
Serfügung ißreS monardjifdben ©rünberS bon ber 9tfabemie ber SEiffenfdfjaftcn 
nicht allein berauSgegeben, fonbern auch gefebrieben, refp. pfammengeftellt Werben 
mußte, gür fie war natürlich bie weite Entfernung bon ben potitifeben ©entren 
Europas ein befonbereS fjemmniß befriebigenber SBeiterentwidetung. ©o fefjte fie 
ihre ©jiftenj in befebeibener SSeife bis weit in baS 19. gahrbunbert fort. 9tnS 

15* 




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228 


Unfere <3eit. 


bem jweimaligen wöchentlichen ©rfcheinen würbe ein breitnaligeS, fpäter ein täg« 
licheS. Daä (entere eigentlich nur nominell, ba ju ben 52 Sonntagen nodj eine 
große üRenge ruffifcher geiertage tarn, an benen in ber 2 )ruderei ber Sllabemie 
nicht gearbeitet werben burfte, unb bie mefjr als ein ®rittl)eil beS SaljreS baS 
©rfcheinen ber Seitung paufiren ließen. ©haratteriftifch ift, baß baS Statt größten« 
tßeits bon Seibeigenen ber Slfabemie gefegt unb gebrudt würbe, unb noch im 
Anfang ber fünfziger 3ah« biefeS 3af)rtjunbert$ war ber 9Retteur*en*pageS biefer 
beutfchen Seitung ein freigelaffener ruffifcher leibeigener, ber notdürftig ein 
beutfdjeS SRanufcript öerftanb, aber fein SBort beutfdj fprach. ©iS in baS erfte 
drittel biefeS SahrljunbertS würbe bie „Sanct=©eter 8 burget Seitung" bon bem 
einen ober anbern Slfabemifer beim SRachntittagSfaffee aus einigen beutfchen, 
namentlich berliner ©lättem jufammengefteßt. ®aS ließ fi<h natürlich nicht länger 
fortführen, unb bie Ülfabemie faß fich beranlaßt, bie SRebaction ihrer Seitung 
einem fpeciefl baju berufenen SRebacteur anjubertrauen. ®ie faft unmögliche 8 uf* 
gäbe, mit ben beutfdjen 3eitungen beS SluSlanbeS ju concurriren, bie an $unberten 
bon $inberniffen fdjeiterte, forberte eine SifpphuSarbeit, bet fich nientanb gern 
auf längere Seit unterjog. So wedjfelte SRebacteur auf Stebacteur, bis im 3ahre 
1852 ber ©erfaffer biefer Schilberung berufen Würbe, bon Welcher Seit befannttich 
bie ©ntwidelung beS ©latteS ju einem großen Politiken Organ batirt 3)a fich 
im Anfang ber fünfziger 3aßre eine ruffifche Seitfcßrift in politifcher SRicßtung 
nicht 3 U einer gewiffen ©ebeutung auffchwingeu lonnte, fo berfuchte es ber neue 
SRebacteur mit ber Siteratur, mit ber $unft, mit bem focialett fieben ßtußlanbS. 
@r gab in ben erften Sahren ein reiches ßJlaterial an Ueberfefcungen aus bem 
SRuffifdjen, ©olnifcf)en, ginlänbifdj=S<hwebifchen u. f. W., fowie an ©erichteti, 
©ffapS unb Ueberfidjten über bie literarifche, fünftlerifd)e, geiftige unb ßttliche 
©ntwidelung SRußlanbS. 3euguiß babon geben fethS ftattliche Sänbe, in benen 
er biefe cutturhiftorifdfj Wichtigen Slrtifel gefammelt unb h etauä 0 e 8 e & en h at: 
1 ) „SKagajin für bie Äunbe geiftigen unb fittlidjen fiebenS in SRußlanb. SBiffen» 
fchaftlidje SRittheitungen aus ben ©eilagen ber «Sanct «Petersburger Seitung»", 
1853—55 (3 ©be.); 2 ) „©eßetriftifdje ©lätter auS SRußlanb. 9lu8 bem geuifleton 
ber «Sanct=©eterSburger 3eitung» herausgegeben", 1853—55 (3 ©be.). 3)ie mit 
Ungeheuern Soften ebirten Sammelwerfe über SRußlanb bon @h ren &erg “ub SBolf» 
foßn h«ben nichts ©effereS bieten fönnen. 

SRun brachte bie Iljronbefteigung 911e|anber’S II. einen freiem Sluffdjwung in 
baS ruffifche Seben. ®ie ©anbe, welche bie ruffifche ©reffe fejfelten, würben aß* 
mählich gelodert unb gelöft, unb eS bot fich bie SRögtidjfeit, aus einer ruffifchen 
3eitung auch ein politifcheS ©latt ju machen, ©in materießeS £>inberaiß, bie 
Slbminiftration ber Slfabemie, würbe gleidjfaßs befeitigt unb bon biefem 3 eitpunft 
beginnt bie ununterbrochene gebeihlidje ©ntwidelung ber „Sanct=©eter 8 burger 
3 eitung" bis ju ihrer gegenwärtigen ©lüte. 

$)ie ©rincipien, Welche bem ©erfaffer wähtenb ber jWeiunbjwanjigjähtigen 
Leitung jenes ©latteS jur SRidjtfchnur bienten, laffen fich * n furjen ©Sorten fo 
jufammenfaffen: währenb er gewiffenhaft ftrebte, feine ©flidjt gegen Siußlanb ju 
erfüßen, für beffen geiftige unb materieße ©ntwidelung ju wirfen, trug er bie 


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©eiftiges £eben ber Sand*Petersburger Deutfc^cn. 


229 


Siebe für bie beutfeße $eimat unb feine SanbSleute unentwegt int $erjen, unb 
Wenn es feine erfte Aufgabe war, Aufflärung unb ©cfittung in Sußtanb »erbreiten 
ju Reifen, fo betrachtete er fidj in ^weiter Sinie als Vertreter beS XeutfcßthumS 
unb ber Xeutfdfjen in Sußtanb. Xiefe Stellung führte ihn ju ununterbrochener 
Sehbe mit ber ruffifchen treffe, unb er ift im Streite nicht gewichen, bis bie 
©egner untertagen ober ihn bie force majeure jum Schweigen brachte. 

Xa bie „Sanct*PeterSburger 3«tung" ein feljr großes unb verf)ältnißmäßig 
theuereS Statt geworben war, machte man hin unb wieber ben Serfuch, burch 
billige, wenig umfangreiche SBochenfdjriften bem Sebürfniß beS fteinen beut» 
fchen SJtanneS entgegenjufommen. So erfchienen nacheinanber bie „Petersburger 
SBochenfdjrift", „Seim Seibet", „Xeutfdje Stätter aus SRußtanb"; aber feine biefer 
3eitf<hriften fonnte fich auch nur fürjere 3eit Rotten; nach 3nf)att unb gorm 
entfpradjen fie ju Wenig ben Sebürfniffen ber beutfdjen Sevötferung Sanct»PeterS* 
burgS. 3m 3nfj« 1870 würbe eine jweite große politifd)e 3eitung, bie „Slorbifdje 
Preffe", in battifchem 3ntereffe ju Sanct=PeterSburg gegrünbet. Obgleich ihr bet 
große Stieg ju £>ülfe fam, führte fie unter beträchtlichen Opfern ein fümmerticheS 
finanzielles Xafein mehrere 3®hre fort unb enbete 1874. 3« bemfetben 3<*bre 
legte Serfaffer biefeS bie Seitung ber „Sanct=PeterSburger 3eitung" in anbere 
§änbe. Sein nädjfter Sadjfotger glaubte an 3nh“H «nb Sichtung beS StatteS 
manches änbern ju müffen, erregte baburch Unjufriebcnljeit bei einem Xheit beS 
SeferfreifeS unb würbe fo bie Serantaffung, baß abermatS eine große ©oncurrenz» 
Zeitung, ber „Sanct*PeterSburger £>erolb", gegrünbet Würbe, welche, gefchicft rebi» 
girt, ber „Sanct»PeterSburger Seitong", Was bie 3aßl ber Abonnenten betrifft, 
bereits ben Slang abgetaufen haben folt. 

5) Pflege ber Xtdjtfunft. 

3n beutfehtänbifeßen unb battifchen Seitfdjriften begegnen wir bis weit in bas 
vorige 3ahrf)unbert hinein ben Stauten Don Sanct»PeterSburger Xeutfcßen, Welche 
neben eroftett unb fchweren SerufSgefcfjäften bie Pflege ber Xidjtfunft zur erquiefenben 
SebenSaufgabe gemacht hatten. Aber baS norbifche Palmpra hatte — atterbingS 
mit beträchtlichen Unterbrechungen — auch im eigenen ffieicfjbilbe poetifdje Sräfte 
genug, um felbftänbige beüetriftifche 3°nrnale unb poetifdje Afmanache ans Sicht 
ber SBelt treten §u taffen. So ftnbett • wir in alten Sibtiothefen ein mehrbänbigeS 
„SorbifdjeS Archiv" aus bem Anfang biefeS 3ahrhunberts, welches zwar bie Ser» 
tagSorte Siga unb Seipjig auf bem Xitel trägt, aber von Petersburg auS mit 
Seiträgen verforgt würbe. Die „Sanct=PeterSburger SJlonatSfchrift" bagegen erfchien 
in monatlichen #eften in bet Seßbenz felbft. Sie richtete ihr befonbereS Augen* 
merl auf baS beutfdje Xheater unb Wir begegnen im 3“h« 1806 in ih rett blättern 
geifitreichen, eingchenben unb Von grünblichen literarifchen Senntniffen jeugenben 
Sefprechungen ber beutfehen Sühne, welche von niemanb ©eringerm h^ührten 
als von bem bamatigen ©tatSratlj ©eorg ©ancrin, aus bem fich im Saufe ber 
3eit ber berühmte ginanjminifter, ©eneral ber 3«fanterie, ©raf ©ancrin entpuppte, 
©ine anbere Seitförift *»n äfthetifdjer Sichtung würbe in bem erften 3ah^ehnt 
biefeS SäculumS unter bem Xitel „Sutljenia" in Sanct*PeterSburg herausgegeben. 


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230 


llnferc <3eit. 

Um bett Nahmen biefer ©figge nicht gu weit auSgubehnen, foQ ba<§ äfthetifdje 
Schriftftetlerthum ber ©anct=©eterSburger ®eutfdjen nur fo weit einer flüchtigen ©e* 
trachtung untergogen werben, als eS bem Beitraunt ber Icj}tcn 50 Satire angehört. 
3n ben breifjiger Sauren erwarb fich baS „SWagagin für beutfdje Sefer in SRujj» 
tanb", baS in ©anct*©eterSburg unter ber Stebaction beS geifttwtten Dr. SEattljer her* 
ausgegeben Würbe, ben aHgemeinften SBeifaH unb einen großen Seferfreiö. ®ur<h 
ben 2ob beS Herausgebers berwaifte baffelbe unb erfdjicn längere Beit nicht mehr. 

griebridj Hinge, beffen ich oben als 9(rgt gebacht unb auf ben ich noch aus* 
führlicher gurüeffomme, »ermijjte fdjmergtich ein Drgan für beutfdje Dichtung unb 
föritit unb faßte mit einigen greunben aus ber mebicinifdjen SSJett, bie gleich ihm 
mit poetifdjen Kräften auSgerüftet waren, ben Entfdjlufj, baS „SKagajin" gemein* 
fchafttich wieber aufgunehmen. ®aS gefchah. Unter ben ©fcubotuimen £eimbert* 
fohn, Dr. grei unb Sllfrcb gaben griebtich Hinge, Sßeic^tner unb SRafimilian Heine 
(ber ©ruber Heinridj’S) im gahre 1838 bie berlaffene Beitfchrift bon neuem heraus 
unb nahmen halb bie Slufmerffamfeit beS ©ublifumS ungetheitt in Stnfprudj. 3*®« 
Bahre hinburch Wibmeten bie greunbe bem „9Jtagagin" ihre befte Straft, unb biefe 
beiben ©änbe enthalten eine folche gütte beS SBifceS unb Humors, Wte fie feiten 
auf einer fo geringen SRenge Rapier geboten Wirb. SBährenb 9Ufreb borjugSweife 
Stobeletten unb ©auct=©eterSburger ©riefe fdjricb, Dr. grei feine beifjenben unb geift* 
reichen Epigramme hineinftreute, gab Hinge ^Ttjeatcrfritifen, humoriftifche ©etradj 5 
tungen unb Erzählungen. Natürlich ging eS ihm wie allen tüchtigen Iheaterfritilem 
bor unb nach Seffing. ®ie Sünftter, ftatt ben Xabel gu behergigen unb aus bemfelben 
gu lernen, fühlten fich berieft unb bereiteten, wenn auch nicht bent unbefannten 
©eurtheiler, fo boch bem ©erleger beS „Sltagagin" mancherlei Unannehmlidjleiten. 
®ie HumoreSfen §inge’S aus jener ©eriobe gehören gu ben beften unb geiftbottften, 
bie er gefdjrieben. Er berfiel auf bie föfttiche Bbee, fich eine ftereotppe gigur gu 
fdjaffen, bie er in feinen Wijjfpriihenben ©chilberungen in immer neuen ©erhält* 
uiffen auftauchen ließ. So entftanb ber harmlofe Spiepürger, Herr 9tigel aus StarWa, 
ber bei betriebenen Eelegenheitcn nach Sanct ©eterSburg tommt unb burd) feine 
Unbehülflidjfeit unb Unfenntnifj gn ben heiterften ©erwidelungen 2lnlaß gibt. SRod) 
ergöhlicher würbe ber ©pah, als ein wirtlicher ©ürger SRarWaS fich in Herrn SRigct 
gcfchilbert glaubte unb fich in eine Eorrefponbeng mit ben Herausgebern beS 
„9Ragagin" einlieh, Welche lange 3eit bie Soften einer frohen Unterhaltung be* 
ftreiten muhte. ®ie liebenSWürbige ©elbftberleugnnng ber jungen ©chriftfteller 
erftredte fich fognr bis auf ben perföntichen Erfolg, ©ie bertaufdjten bei eingelnen 
Slrtifeln ihre Flamen, um fo bie Sefer boKftänbig irreguführen unb baS Bncognito 
um fo fidjerer gu bewahren. 

®ieS Iebenbige titerarifdje Sßirten währte nicht biel länger als gwei Bohre. 
®ie Wachfenbe ärgtliche ©efdjäftigung lieh ben Herausgebern beS „äRagagin" nicht 
mehr bie nötljige ©tintmung. ©ic faheu fich gegwungeu, bie Bcitfdjrift in anbere; 
weniger gefdjidte Honbe übergehen gu taffen, unb fie ftarb einen gweiten lob, 
bon bem fie uiemanb wieber aufgewedt hot. 

ES war im Herbft beS B a hreS 1853. Bch johlte et© turge Seit gu ben ©e* 
Wohnern ber ©efibeng unb hotte nicht lange oortjer H*nge fennen gelernt. ®a 



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©eifriges £et>cn 6er Sand' Petersburger Deutfdjen. 23 f 

machte ich ihm ben SBorfdftag, in einem gefeßigen ©ercine ben 2Jtittetpunft für bie 
beutfdfjen ®idf)tet Sanct*©eterSburgS ju grünben, ju gegenfeiriger üRittheilung, Kritif 
unb Slnregung. Vi«J e erfaßte biefen ©ebanfen mit ber begeifterten Siebe, bie er 
für bie ©oefie im fperjen trug, unb berfelbe ^erbft noch fah bie gemünzte ©er= 
einigung ins Seben treten. SOtan toerfammette fich einmal wöchentlich bei ben 
Sljeitneljmern ber 9ieif)e nach, las fich bie eigenen ©robuctionen tior unb fririftrfe 
herzhaft. 3)iefe Stbenbe wirften auf alle SDtitglieber beS ©ereinS belebenb unb 
befrucfjtenb unb manche fchöne ®i^tuttg terbanft ihnen ben Urfprung. 

2lm ©nbe beS $ahreS 1855, nadhbem bie ermähnten „SSeHetriftif^en ©tätter 
aus ©ufjlanb" ju erfreuten aufgehört, faßte man ben ©efdjlufi, mit ben ©tgeb» 
niffen beS gemeinfamen poetifdjen SBirfenS auch gemeinfam an bie Deffentlicfjfeit 
ju treten unb eine jährlich erfdjjeinenbe Sammlung ber ©ebidjte beS ©ereinS 
berauSjugeben. Stnfang 1857 erfcf)ien unter bem Xitel „Sdjneeflocfen"*) biefer erfte 
©erfuch eines Sanct=©etetSburger beutf^en äWufenalmanachS, 1858 Würbe ber jweite 
Sa^rgang herausgegeben. Snjtoifcben waren }Wei heroorragenbe SKitglieber, §injc 
unb ßambecq, bem ©unbe burdb ben 2ob entriffen. Sie wenigen Uebertebenben 
fteßten bie Weitere Verausgabe ber Sammlung ein. Stach ber ©ublication beS 
„©rften SBinterS" ber „Scbneeftoden" erhielt ber ©erein ben Flamen „Sie SBolfe". 

3fcb glaube mi(b nidbt ju irren, wenn idb bei ben Sefem biefer Sfijje ein 
wärmeres gntereffe für bie poetifrfjen ©eftrebungen jener nadb bem Storben tterfchla» 
genen beutfiben Siebter ttorauSfefce, unb fo möge hier baS furje „©eteitwort" feine 
Stelle finben, mit welchem ber„@rfte SSinter" ber „Sdfjneeflocfen" eingeleitet würbe: 

„3n bie garbenpradbt beS Sropcnhimmels ragt bie fdjlanfe ©atme, umfdbwebt 
Don lebenben ©otbfunfen unb glänjettben Sattem; in ihrer Sädjerfreute fcblummert 
bie bnntfdbillembe Slnacottba; ju ihren Süßen fpielt bie fcblanfe ©ajelle. 3m 
lianenbnrcbflocbtenen ®idfidjt beS UrWalbeS fcbleidbt ber Königstiger unb nähert fidb 
unbörbar bem febüebternen SBilbe. Surch bie beiße Suft fchwirrt ber befieberte 
©feil beS febwarjen Kriegers unb ber mächtige Stäuber liegt entfeett im riefen» 
hoben ©rafe, ehe et ftch jum Sprunge bereitet. 

„Unter ber wolfengipfeligen ©ittie Spaniens lagern bodbgewaebfene braune SDtän» 
ner unb feböne üppige SBeiber in buntem Stinge. Ser ©uittarero lehnt im Schatten 
ber breitbtätterigen, ftadbetigen 8lloe unb entlocft ben Saiten woHuftatbmenbe, be» 
raufebenbe Klänge. 8« ber üßitte beS KreifeS aber, leicht gefc^ürjt, febwebt ein 
herrliches, feuetaugigeS Kinb, faum jur Jungfrau erblüht, unb alle ©liefe ruhen 
auf ihr unb folgen ben magifchen, füße ©ebeimniffc flüftemben ©erfdbtingungeti 
ber SeguibiHa. 

„21m herrlichen , ba ftrofct bie tjolle Xraube, ba Weibet auf buftigen 
Kräutern unter bem Saubbach beS ©uchenWatbeS ber ebte Virfch unb baS jierliche 
9teb; unb am Ufer ragen fteile Seife« empor unb auf ber Spijje ber fdjroffen 
SBanb ftebt bie jerfaflene ©urg unb erzählt bem wegemiiben SBanbcrer öon ber 
2lltöorbera eherner Kraft unb hotber Seaueu SDtinne. 

*) „©djneefiocfen. IJSoetifrfjcs aus IKitfilanb. Erftev Sinter" (Seipjig, Sörff* 

ring u. S ron de, 1857); „3weiter Sinter" ('-Berlin, 9Uejanber Suncfcr, 1858). 


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232 


Unfcre 3ctt. 


„Unter jenen poefiegetränlten $immetsftrichen wogt bie ©ruft unter unfägtidjer 
SieberfüHe unb baS Sehen ift fo burdjbuftet bon fjo^er Schönheit, baß Spraye 
unb Jon ben Steicßthum laum ju bewältigen bermögen. 

„Stber int Storben — ba breitet fid> nach flüchtigem Sommerblid baS unab* 
fehbare Scßneefetb über bie Slädje unb bie Statur fdjeint ftarr unb tobt, ohne 
Schönheit, ohne ©oefie. Unb boch ift fie nicht ftarr unb tobt, bodj ift fie nicht 
otjne Schönheit, oljne ©oefie. 2ln bie faftig=grüne buftenbe Janne fdjmiegt fich 
ber weifje, glänjenbe Stamm ber planten ©irte; baS graue (Eichhorn hüfift bon 
3weig }u 3t»eig; ber bunfle 2rudl)S fdjleidjt auf ber ftäljrte bes Schneehuhns; 
baS Reifere ©eilen beS SDBolfeö unterbricht grell bie meilenumfaffenbe Jobtenftiße 
unb bom bleigrauen Fimmel wirbelt baS' ©leer fdjintmernber Schneefloden herab 
unb hfiUt bie (Erbe tiefer unb tiefer in ihr weiches, blenbenbweißeS Schtafgewanb. 

„Studfj ber Sterben hat feine Schönheit, feine ©oefie, unb wem bie ©tut ber 
Dichtung Wohnt in begeifterter ©ruft, bem erftarrt fie nicht unter (EiSfchoßen unb 
Schneefelbern, in bem lebt fie fröhlich unb fräftig fort unb nährt fich bon ben 
Dräumen ber Seele unb bon bem Schönen in ber erhabenen Stulje beS 3torb= 
lanbeS. 

„(Ein Häuflein beutfeher dichter hot fich jufammengefunben im hohen Storben. 
Sie pflegen baS beutfehe Sieb mit forgfamer $anb unb glauben an bie unberfieg* 
bare Quelle beutfeher ©oeße. SBaS fie gefungen unb gebietet, fie fenben es hinaus 
in bie 2Belt, äberaU hin, wo beutfehe $erjen fdjtagen, als einen Siebesgruß aus 
bem innerften föern beutfeßen ©emütljeS. 

„»Schneefloden» nennen fie bie Dichtungen, bie fie halb bem Storben abge= 
laufcht, halb auS bem Söben erträumten. SBoljer bie Schneeflode ftammt, wer 
fie bitbet unb welche Stegion ihre ©eburtsftätte, wer mag baS fagen? Stber bom 
$immet fommt fie herab unb bedt bie falte, fröftelnbe (Erbe mit weichem fflaum. 
©alb finit fie tangfam unb fanft hemieber unb auf bunlelm Steine ruht fie in 
ber reinen Schönheit fhmmetrifcher formen; halb erfaßt fie ein wilber Sturm, 
che fie ben ©oben erreichte, unb peitfdjt unb jagt fie wirbelnb bor fich h er burch 
bie eifige Suft, bis er enbtich mübe unb matt bie ©equätte unb 3erriffene mit 
ben SchWeftern ju ©oben gleiten läßt. 

„Unb foß id(} noch reben bon bem beutfdßen Siebe fern bon feinem mütterlichen 
©oben, berwaift unter ©ölfem frember 3unge? Saßt euer 9tuge ruhen auf biefen 
«Schneefloden» unb fie werben erzählen bon ber ©efchichte ihrer Seiben unb 
ihres ©tüdeS. 

„SBeßet benn hinaus in bie SBett, ihr SHnber beS StorbenS, unb wo ihr ein 
empfängliches, beutfcheS ©emüth finbet, ba laßt euch nieber. #at euch ber nächfte 
Sommer hinweggetljaut bor ben Slugen berer, bie euch freunbtich begrüßten: 
bießeidjt bleibt bodh in bem §erjen ein tiebenbes Slnbenlen jurüd, baS fiel) in 
frohen SBißlommen wanbett, wenn ein neuer SBinter euch Wieber bon neuem 
herbortodt. (0r. SJt. bon SB.)" 

©inen neuen Sporn ju poetifchem Schaffen rief ber ©efdjluß Ijerbor, bon 3«it 
ju 3«it, in ©eftalt eines einfachen SBorteS, eine Aufgabe, ein Jljema i u beliebiger 
bidhterifdher ©erwertljung ju geben. Solcher Dh cma ta waren unter anbern: 




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©ciftiges Ccbcn ber Sand*Petersburger Deutfdjen. 


233 


Satire, ©rütfe, ©ang, ©dfjenfe, £at>’ SCc^t. ©ie mürben bon ollen SDtitgtiebern 
bed ©ereind, bon bem einen tprifcf), bom anbem epifcp, bom britten bramatifdj 
u. f. m. bearbeitet; bie ©ebidtite finben fid^ ttjeitd in ben „©dineeflocfen", tljeitd 
in ben poetifcljen ©Triften ber ©ereindgenoffen, ttjeild bitben fie fetbftänbige SBerfe. 

©on bem ©eifte, ber in biefem $ict)terfreife t)errfcf)te, möge neben feinen poe= 
tifd^en ©rjeugniffen bie 2frt unb SBeife 3eugniß geben, mie man ben ©tiftungdtag 
ber „SBotfe" jä^riidt) im ®ecember beging, äftan berfammette ftc^ in ber SBoljnung 
eine« ber bertjeiraüjeten SKitglieber, beffen ©ottin bad geftntatjl ju bereiten übernom= 
men ljatte; bad ©etränt mürbe Dörfer mit Sorgfalt gemäht, geprüft unb befdjafft. 
Sllled mor in ©ata. ®er Sßirttj bed $aufed empfing bie ©enoffen mit einer 
furjen poetifdjen Stnfpractie, bie t»om jüngften ÜJtitgliebe beontmortet mürbe. 2)ann 
begab man ficb in bad ©peifejimmer, jeber trat hinter feinen ©tuljt unb fpradj einen 
Guatrain. Seim gifdjgericfjt mürben meljrfadj in ber ©unbe Seberreime gemalt, 
©obalb ber atte, motjltemperirte 9?t|einmein auf bem liftpe erfdjien, fpradj einer 
ber geftttjeitnetjmer ein 9ttjeinmeintieb, beim ©Ijantpagner folgte ein ©Ijampagner» 
lieb unb bann bie geftrebe. ©ie mürbe am erften ©tiftungdtage t>on #in$e 
gehalten, unb idfj fann mir nid^t berfagen, bie fotgenben SBorte aus berfetben 
mitjuttieiten: 

„SSBit fammeln emfig bie ©turnen, metdje und bie tjotbe ©öttin Iüdielnb 
aud Ujrem ©d^ofe jumirft, mir fammetn biefe ©turnen unb binben fie mit bem 
©anbe ber greunbfcßaft ju einem ftatttid^en Strauße, nWjt um benfetben benen 
ba braußen praßtenb tjinjutjatten unb ju rufen: «©eßt, bad finb mir!», fonbern 
um ifjn unter und bon £>anb ju $anb getjen ju taffen, baß jeber f{<$ an feinem 
®uft unb an feinen garben tabe unb ergöfce. Unb mie tjaben mir und botß fo 
munberbar ßier jufammengefunben! 2tud alten ^immetögegenben unb aus bieter 
fetten Sünbera; bon ber Ijeimifdjen ©(ßofle geriffen unb mieber ßier im falten 
ÜRorben tjeimifdj gemorben! Sott id) eucf> bad erftären? 9iun fo ßört auf meinen 
Jrinffprudfj: 


fflo ift bed ©eutfdjen ©aterlanb? 

3ft’d ba, wo feine SBiege ftanb? 

Sffd an ber @I6e, ift’d am tR^ein, 

3ft’d an ber ®onau, tft'S am SJtain? 
Sßidfjt ©unbedftaat, nitpt fjollbetein, 

®ie ganje ®rbe muß ed fein! 

SBoßin er auef) berfdfjtagen ift, — 

3Bo beutfdber äftutterlaut üjn grüßt, 

SBo beutfdjer ftanbfdfjlag iljn empfängt, 
(Sin beutfdjed fjerj fid) ju iljm drängt; 
SBo beutfdjer SBetn bie Oläfer füllt 
Unb beutfdjer ©ang ber ©ruft entquillt, 
SBo, »ad bie 28elt untrer audj treibt, 
®eutfdj immerbar fein güljlen bleibt: 
©ei’d SRußlanb, fei'd Stmerifa, 

©ei’d ©f|ina, fei’d Stuftralia — 

$ed beutfdjen Senfend geift’ged ©anb 
Sad ftßafft bed ®eutf(ßen ©aterlanb." 


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23<* 


Unfcre (5ctt- 


9lad) ber Seftrebe warb bet freunbtichen SBirtljin be# läge« ein Sieb gebraut, 
ba# fpäter in ein reichgefchmücfteS 9ltbum eingetragen unb oon ®ebid)ten fämmt» 
lieber SWitgtieber begleitet, juroeilen audj iKuftrirt Würbe. ©eint SRoffa unb bet 
Sigarte würbe Dom ©ecretär ber 3o^reSberid^t Detlefen. 

•Mach Eambecq’# lobe befdjlog man, beim gcftmaljl be# Stiftungstage# aud) 
bet entfdjlafenen ©enoffen ju gebenlen. ©inet ber £ljeilnef)nter fpraef) einen poe» 
tife^en ©ebenffpruch, nach Welkem ein auSbrücflich hie*iu geftifteter, mit 3mmor* 
teilen befranster unb mit cbelm 9tbeintuein gefüllter ©ofat bie SRunbe machte, 
©in# biefer efegift^en SibationSgebicfjte enbete: 

Sie Siebe bauert unb e# bleibt ber (Seift, 

Qn unfern bergen tool)nen bie ©efellen; 

Ser ©unb, ben feine# Sturme# ®uth jerreigt, 

Sr fott am ffel# be# Zobe# nicht jerft^eKen! 

So trinfet benn! — unb wenn ber ©edjer freift, 

Sen finnig ihr befränjt mit 3mntortetten, 

Sei ben @ntfd)Iafnen unfer ©ruß entboten, 

Unb unfer Zrinffprudj t;ei^t: e# gilt ben Zobten! 

E# bleibt mir noch übrig, bie einzelnen SKitgtiebcr ber „SBolfe" ju nennen unb 
einige SBorte über iljr Seben unb ihre Dichtungen tiin^u^ufügcn. SDlan toirb mir 
babei geftatten, in ©ctreff meiner eigenen ©erfon, auf 3egör oon Siber#’ „Deutfd)e 
Dichter in SRuglanb", 6. XLVII fg., ©rümnter’# „Deutfc^e# Didjterlefiton", 
II, 36, ober ba# jweite 3 a h r e3fupplemcnt (1880—81) bon 2Ket)er'# „Eonberfa* 
tion#-£cjifon" ju bertoeifen. 

Sodann ftriebrich $eimbertfohn $inje tourbe 1804 in Sübecf geboren, 
too feine 9leltern beliebte bramatifche Zünftler toaren. SD?it 15 Sauren hatte er ba# 
lübccfer ©hmnafium abfolbirt unb foHte in ©öttingen Dljeologie ftubiren. Der 
Sanfrott bc# lübeefer Stabttljeater# bereitelte biefen ©tan unb man nahm ben 
©orfchlag eine# befreunbeten ©eefapitän# an, ben Jüngling auf feinem Schiffe 
mit nach ©anct*©eter#burg $u nehmen, wo er fich unter ber Slcgibe be# Schwieget* 
fogne# be# Kapitän# bem ®aufmann#ftanbe wibmen follte. 

So fam $inje 1820 nach 9tugtanb. Sein ©rincipal fanb halb, bag er fich 
bortrefflich fü* eine wiffenfcgaftliche Earrierc, für ben ©eruf be# Kaufmann# aber 
gar nicht eigne, unb lieg $inje auf feine Soften SKebicin ftubiren, junüchft auf ber 
Sanct*©eter#burger SRebicinifchen Slfabemie, bann auf ber borpater Unibcrfität. 911# 
junger 9lr$t fehrte er nach Sanct=©eter#burg jurüi, Wo er fich halb eine au#gebreitete 
©raji# erwarb unb an bem grogen 0bu<how*£o#pital in ben Staat#bienft trat, 
lieber fein wiffenfchafttiche# unb poetifche# Söirfen habe ich, foweit e# ber Umfang 
biefer Schitberungen geftattet, ba# ©rforbertiche oben gefagt. Detail# finbet man 
in ber ©orrebe ju^inje’# SSerfen.*) Er ftarb am 2. Scpt. 1857. 9lu#gejeich= 


*) ©gl. „©oetifdje Schriften bon fyriebricfj 4jeim6ertfobn fjinje. ffltit einem biogra* 
pgifegen ©ormort herau#gege6en bon griebrieg ©leger bon SBalbed" (Serlin, ffllejanber 
Sünder), ©rftcr Zheil: „©ebiegte." äßit bem ©ilbnig be# ©erfaffer# (1859), Sroeiter 
Zheü: „§untore#fen unb Stählungen." 9tebft einem Slngange: „Sramatifche firitifen" 
(1800). Dritter Zheil; „Sramatifche#" (1864). 


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(Seiftiges febcn ber Sand»Petersburger Dcutfcfjcn. 


255 


neter Slrjt, begabter Sichter, glücflicher SRebner, trefflicher Vumorift, unuergteieh* 
lieber ©efettfehafter, Wat er in ber beutfdjen Sßelt ©ancdpeterSburgS, tjier burdj 
bie eine, bort burdj bie anbere, meiftenS aber burdj ben ganzen Slütenftraufj 
feiner fdjönen ©oben pnt allgemeinen ßiebting geworben unb fein frütjjeitiger lob 
berfefcte bie ganje Kolonie in tiefe Stauer, Vinp’S poetifche SBerfe hoben bie aü= 
gemeinfte Sfnerfennung gefunben. Sh re ftärffte ©eite liegt in ben nedifdjen, aber 
bom ftarften unb reinften ®idjtergeifte burdjljouchten Srinfliebern, bie noch tyütt 
mit Sorliebe bon ben borpater ©tubenten gefungen werben. 

9Kaj ©ambecq, ©ohn beS Dr. SouiS ©ambecq, ber öiete Qiafjre hinburd) bie 
Profeffur beS SRömifdjen fRechtS an ber Uniberfität Äafan befteibete, war 1828 
in SBorpat geboren unb hotte in ©anctpeterSburg SRebicin ftubirt. ©ein poetifdjeS 
Satent war fehr bebeutenb, aber noch feineSwegS pr Steife gebiehen, als ein früher 
Sob ihn ereilte. ®r fchrieb für baS Feuilleton ber „©anctpeterSburger Seitung" 
eine ganje Steihe anjieljenber ÜRooetlen. ©eine ©rpljtung aus bem ruffifchen 
Sebeti ber „Somowoi", welche in ber „9tobetten=3eitung" beröffcntlicht würbe, ift 
eine fehr h^rborragenbe Seiftung. ©inige feiner ©ebidjtc finb in ben „Schnee» 
floden" enthalten. @r ftarb am 6. 2Rai 1856. 

Stlejanber Sollert (fein eigentlicher Stame war bon Spfardj genannt Sönigf), 
geboren p SRiga im gahre 1813, würbe in ber ©anctpeterSburger Sngenieurfchute 
erpgen unb war nacheinanber Qrtgeuieuroffiäier, Sreisfdjutlehrer, ©djaufpicler, 3oU* 
beamtet unb wanbte fief) fchtiefjtidj bleibenb ber Sühne p. @r gehörte 35 Sahre 
bem Petersburger beutfdjen Sljeater an, 20 Fahre als ©chaufpieter, 15 Fahre als 
Dberregiffeur uttb technifcher Sirector. ©r hot 53 ©tüde ttieilS überfefet, theilS 
berfafjt, welche fämmttich an ber ©anctpeterSburger Sühne pr Stufführung ge» 
langten, ©in Sljeit feiner ©ebichte erfchien in ben „©chneeflocfen"; feine ,,ÜRe» 
moireit eines ©chaufpielerS" würben im Feuilleton ber „©anctpeterSburger Bei» 
tung", feine „©efchichte beS beutfehen SheaterS in ©anctpeterSburg" im ,,©anct» 
Petersburger Verolb" beröffentlicht. ©r ftarb im Frühjahr 1880. 

Ferbinanb Stbotf ©elbde, geboren, wenn ich nicht irre, 1811 in gerbft, hot 
fich in 4?aHe pm Sehrfach auSgebilbet unb in 2>effau unter Friedrich ©chneibcr’S 
Seitung SRufil ftubirt. ®r würbe als Sehrer nach ©anctpeterSburg berufen, h°t 
bort Secennien hinburch an ber ©anct=Slnnenfchute gewirft unb fich jefet p Wof|lbcr= 
bicuter SRulje ouf feine ©teile als Sirector beS fürfttich Sjeloffclsfi’f^cn Frauen» 
aftjlS prüefgepgeu. ©elbcfe ift ohne B'oeifel baS bebeutenbfte unb am tiefften äuge» 
legte Salent beS ©anctpeterSburger SsidjterfreifcS, bo«h holt ihn eine unerflärliche, 
faft fraufhafte Scheu bor ber Dcffenttidjfcit bon ber Verausgabe ber reichen poe» 
tifchen ©djiifce-prüd, bie in feinem Pulte bergraben liegen. SBaS jeboch bisher 
auf bietfaches Bureben feiner Frcunbe pubticirt würbe*), reichte hin» ihm in ben 


*) 8fll. „Sie Peri. Sin bramatifcheS SScbicfjt in brei Abteilungen" (Seipjig, ff. S. Sörff* 
ling, 1845); „Sie SB rüde beS f)eil$" (Seipjig, (ptiuO fflinftjarbt, 1805); „Sie SWutter ber 
©trelipen. Sragöbie" (Seipjig, FuliuS fflinlbarbt, 1865); „Sfjatfpeare’b Sonette. Uebetfejjt 
bon F- A. (Vilbbutgbaufen, SBibliogtapljiidjeb Fnftitut, 1867). (Siefe Ueberfepng bilbet 
einen Sijeit ber Sl)af|'peare = Ausgabe Beo SBibliograp(;ifd;en 3(nftftut^ unb ift auch in bie 



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236 


Unfere 5 c * t> 


gebilbeten beutfdfjen Steifen fRußlanbS wie fceutftßlanbs einen gefdjäfeten Stauten 
ju erwerben. Seine Ueberfefcungen finb als borjügtid) anerfannt; fein „{Rabelais" 
Wirb bon Autoritäten erften {Ranges als SDteifterwer! gepriefen. 

Subwig öon Reffen (pfeubonpm bon Cften), ba$ jüngfte unter ben SJtitgtiebern 
ber „SBolle", Sol)n beS aus Jpotftein ftammenben berftorbenen {ßrofefforS {ßeter 
Reffen in $orpat, ftubirte in Sanct={ßeterSburg orientalifdje Sprayen unb wibmete 
ftdj bann ber biplomatifitjen Karriere. (Sine Steife Don Sagten war er Secretär 
ber ruffifdjen ©efanbtfdjaft am perfift$en §ofe unb befleibet jefct eine ^erborragenbe 
Stellung im SRinifterium beS Auswärtigen ju Sanct-fßeterSburg. 3)aS Stubium ber 
orientalifdjen 2)icf)ter wecfte in iljm eine befonbere öorliebe fär bie mit ber gorm 
fpietenbe Sprudfpoefie, unb biefem ©ebiete gehören aud& feine beften Seiftungen 
an. Seine Ueberfefeungen ruffifdjer 2)id^ter werben wegen itjrer Ireue bei glatter 
gorrn allgemein gefd^ä^t. Seine ©ebidjjte unb Ueberfegungen finb in einigen 
f ermüden Sänbdjen erfdjienen. 

tßorübergeljenb gehörten bem $id&ter!reife nur wä^renb furjer 3*it an: ber 
©omponift Dourij bon Arnotb, griebridf) bon Söppen, Auguft bon SSiebert unb 
Sonftantin ^itippeus. Später traten bem Sßerein als correfponbirenbe ÜRitglieber 
bei: 3 C 0°* bon SiberS in Siotanb, SJtinna bon äRäbler in 55orpat, {Roman grei¬ 
sere bon @ubberg=93enningf)aufen in ©ftlanb unb Sari bon Surft) in SJtitau. 

6) ®aS Sweater. 

(Bereits unter ber {Regierung beS Soren Alejei SJiidjailowitfd) tarnen beutfdje 
Somöbianten nacf) {Rußlanb, bie um bas 3a1fr 1676 jur Seluftigung beS #ofeS 
beutfdje Sorfteflungen gaben, unter benen ein $rama „#olofemeS" namhaft ge¬ 
macht wirb. Sie Würben bom Soren reidjlidj belohnt, ber audj in ber golge 
©efdfjmacf an üjren 5)arfteKungen fanb. lieber ben gortgang biefer t^eatralifc^en 
Unterhaltungen fehlt jebe {Rathridjt. 3m 3al)re 1701 lieg {ßeter ber ©roße ju 
SRoSfau ein SöIjemeS Sweater erbauen unb aus 2)anjig eine Iruppe beutfdjer 
Sdfaufpieler für baffelbe berfdjreiben. ®ie ©efeUfd^aft War nicht groß, ihre 
Seiftungen unter ber $irection bon Sodann Sunft nicht bebeutenb; aber fte gaben 
regelmäßige SBorftettungen mit ©efang unb Xanj. 

AIS nach ber ©rünbung SancfcfßeterSburgS bie SRefibenj an bie Sterna bertegt 
Würbe, brachte man baS Sweater in einem ©ebäube an ber SRoifa unter, in ber 
©egenb, wo gegenwärtig bie #offänger wohnen. ®er erfte üheaterunternehmer war 
ein gewiffet SDialjn, ber mit einer Sanbe mittelmäßiger ©auüer SSorfteHungen im 
SeitgefcSmatf gab, welche im ganjen wenig Anflang fanben. ®abei nahm er fidfj 
bem Soren unb bem ^ßublilum gegenüber nicht wenig IjetouS. S«w 1. April 1716 
War in einer großartigen Anzeige eine ganj ungewöhnliche, neue unb feltene 93or= 


.£aHberger’fd)e ifluftrirte Ausgabe aufgenommen.) „Jriftram ©f)anbt)’S geben unb SJtet« 
nungen bonSaurence Sterne. Aus bem Sngtifdjen überfejjt" ($ilbburgl|aufen, Sibliogra» 
PbifcbeS Snftitut, 1869); „{Rabelais’ «©argantua unb ^antagruel». AuS bem granjöfifdjen" 
(Seipjig, 93ibIiograpE(ifd^eä gnftitut, 1880). 


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©eiftiges Ccbcn 6er Sand * Petersburger Dcutfdjen. 


237 


Rettung angetünbigt. DaS Pubtifujn ftrömte ins X^eater, man riß fid) um Sißete 
unb jaulte breifad^e ©intrittspreife, ba ber Staunt afle Schauluftigen nicht $u faffen 
»ermocljte. ©nblid) !am bet Slaifer, bie SJtufif begann, ber Sorhang rollte auf 
unb ftatt beS Sdjaufpiels erblicften bie überragten 3ufdjauer eine weiße SBanb, 
auf ber mit großen Suchftaben gefdjrieben War: „£>eute ift ber 1. Slpril!" — 
„Da ift nichts ju machen", fagte ber Äaifer lächelnb, „geht nach $aufe! DaS ift 
ffomöbiantenfreitieit!" 

UebrigenS fanb 3ar Peter wenig Gefallen an ben blutigen Drauerfpielen unb 
$arlefinaben biefer fläglidjen ©efeßfehaft unb fefcte bamals einen Preis aus 
„für ein Drauerfpiel offne ftrömenbeS Slut, ein rütjrenbeS Stficf ohne unerträgliche 
ßiebeSfeufjer, ein ^eitere^ ßuftfpiel ohne bie plumpen $atlefinaben ber luftigen 
Perfon" — natürlich ohne ©rfotg. 

Unter Peter bem ©roßen, Katharina I. unb Peter ü. hatte Sanct*PeterSburg nur 
ein beutfdjeS Dljeater, erft im 3ah*e 1730, unter ber Äaiferin Slnna Sohannowna, 
lam eine italienifdje Oper baju. Da fie fein Sran^öfifth öerftanb, Sollet unb italie» 
nifche Oper ihr nicht hinreichenbe Unterhaltung gewährten, fo äußerte fie ben 
SBunfch, bei $ofe eine beutfehe Äontöbie ju haben. Iler bamaltge fäd^fifdje ©e* 
fanbte, ©raf ßpnar, beeilte fid), bem ©erlangen ber Äaiferin ju entfpredhen, unb 
berfeßrieb auS ßeipjig bie Steuberin mit ihrer ©efeßfdjaft, welche 1739 in Sanct» 
Petersburg anlangte. Die erfreute Saiferin befahl fofort, bie beutfehen Äomöbianten 
als |>off<haufpieter mit guter ©age anjufteßen. SluS jener 3eit werben bie Herren 
Steuber, Äodj unb SrabrijiuS fowie bie Steuberin unb gräulein Süehner mit Sei» 
fall genannt. Die ©efeßfdjaft gab, mit ber itatienifchen Oper alternirenb, beutfehe 
ßuftfpiete unb Poffen, bie fo gut bargeftefit würben, baß fie ju ben $aupt» 
beluftigungen ber Äaiferin gehörten, bie aßmähtich für bie italienifdje Oper erfaltete. 
Das »eranlaßte ben protector ber lefctern, ©rafen Söwenwolbe, gegen bie beutfehen 
©djaufpieler Sntriguen anjujettetn, bie jebodj unter ber Äaiferin Slnna Sah 0 » 5 
nornna ohne ©rfotg blieben, &aum aber hatte im 3afj« 1740 Slnna ßeopolbowna bie 
Bügel ber Stegierung ergriffen, fo würbe baS beutfehe #oftljeater aufgelöft. ©raf 
Söwenwolbe, ber erllärte ©ünftling ber Äaiferin, verfolgte bie beutfehen Schau» 
fpieler mit graufamer StücffidjtSlofigfeit, bie bei bem ©rafen ßpnar nur geringen 
Schuh fanben. So mußten fie Stußlanb »erlaffen, ohne ben rücfftänbigen ©eljatt 
aus bem $ofcomptoir empfangen ju haben. 

Unter ©lifabeth Petrowna (1741) lamen fran^öfifdje Sehaufpieter nach ©onct» 
Petersburg, 1748 aber eine beutfehe ©efeßfdjaft, »on ber es nicht recht flar ift, ob 
fie unter ber Principalfchaft Slefermamt’S ober $elferbing'S ftanb; jebenfaßs gehörte 
ber nachmalige berühmte Sehaufpieter unb homburger Director Siefermann ju ber» 
fetben. 3h« Sorfteßungen waren fehr gut, bennoch hatten fie feinen ©rfolg, ba 
bie italienifche Oper, baS glänjenbe Saßet unb »or aßem bie franjöftfdje Druppe 
baS Pubtifum fo fehr in Slnfpruch nahmen, baß es »on ben Deutfdhen nichts wiffen 
woßte. Stur einige $anbwerfer befugten baS Dfjeater, baS in traurige ©erhält» 
niffe gerieth. 

Slcfermann hatte im 3<»h re 1747 mit ber SEBitwe ©gröber, beren Sohn ba» 
mals brei 3afj?e alt war, in Danjig gefpielt. 3» bemfelben 3»h« gingen beibe 


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238 


tinfere ^cit. 


nacfe ©anct«5|kterSburg. $ier ersten bet breijäferige Sriebridfe Subrnig ©gröber in 
einem SSorf^iicte, in bet SRofle bet Unfcfeutb, jum etfien mal auf bet ©üfene. ®ie 
anmefenbe Kaiferin ©tifabetfe liefe ifen nacfe iferer Soge bringen, nafent iJ>n auf ben 
©efeoS unb liebfofte ifen. ©eine äJlutter, bie ©etfafferin be$ fßrologS, erfeielt ein 
bebeutenbeS ©efefecnf. 3m Safere 1749 ging bie ©efeltfcfeaft nacfe SHoSfau, wo 
am 24. SRob. Stdermann fiefe mit bet SBitroe ©cferöber berfeeiratfeete. 

©on 1750—57 gab eS in ©anct=©eterSburg nnunterbrocfeen beutfcfeeS ©cfeaufpiet, 
juerft unter bet $irection Don ©iegmunb, bann unter ^etferbing unb jutefet unter 
©cotari, metcfeer teuere ben §anStburft fpiette. SttS 1757 eine italienifcfee Opera 
buffa unter bet ®irection bon Socatetti na(fe @anct*f|3eterSburg !am unb bort atS 
§ofoper engagitt mürbe. Oerfiel bie ofenefein nitfet angefefeene beutfcfee ©cfeaufpiet« 
gefettfcfeaft gänjlicfe unb bie unglüctticfeen $irectoren jogen mit ifer na(fe Sfttanb 
jur ©etuftigung beS SanbabelS. 

(Sine beutfcfee Komöbianteubanbe, bie unter ber Sirection bon 9teufeoff in 
Königsberg, fRiga unb anbern ©täbtcn ifer SBefen getrieben, tarn im Safere 1762 
nacfe @anct»fßeterSburg unb crfeielt oom Kaifer ©eter III. bie ©rtaubnife, im £>aufe 
beS Surften ©olijtjn, in ber Kleinen ÜRoröfaja, ©orftettungen ju geben. Stuf ber 
armfeligen ©üfene mürbe biermat möcfeentlicfe gefpiett unb bie Kaiferin Katfearina, 
bie im Safere 1763 ben ©orftettungen biSroeiten incognito beimofente unb ben 
©ifer, baS latent, aber aucfe bie ärmticfeen ©erfeättniffe ber ©c^aufpieter bcmertte, 
befallt, ifenen unentgettticfe baS Sweater im atten feötjernen SßinterpalaiS unb bie 
baju gefeörige ©arberobe ju übergeben. fJteufeoff ftarb 1765 unb ©colari, ber 
injmifefeen ©aftmirtfe im Kraffnfe Kabaf unb julefet ©ucfefeänbter gemejen mar, über« 
nafem mieber bie $irection, unter metefeer grau Steufeoff atS feerborragenbe Künftterin 
gefeiert mürbe. $aS ©ubtifum befugte bie ©orftettungen je§t fefer jafetreiefe, unb 
als nacfe ben grofeen Saften 1765 fämmtticfee Ifeeater mieber eröffnet mürben, 
ernannte bie Kaiferin bie ÜRitglieber ber beutfefeen ©cfeüfcfeaft ju £offcfeoufpielern, 
bie nun möcfeentlicfe jmeimat auf bem faifertiefeen Xfeeater, bor ©cginn ber fran« 
jöfifefeen Oper, fpieten mufeten. ©alb erlangte ieboefe bie tefetere mieber ein folcfeeS 
Uebergemicfet, bafe bie beutfcfee Komöbie attmäfetiefe uerbrdngt, immer fettener unb 
enbtiefe mieber ©ribatunternefemen mürbe. 

2Bie ©aemeifter in feinet „3tuffifcfeen ©ibtiotfeet" erjäfett, featte bis bafein ber 
fpanSmurft aucfe auf ber beutfefeen Süfene ©anct«©eterSburgS feine Stolle gefpiett; boefe 
betlor er nacfe unb nacfe an Srebit unb oerfefemanb enbtiefe ganj, atS eine ©cfetl» 
fefeaft bon Kaufteuten fiefe bereinigte unb baS Sfeeater auf ifere Koften übernafem. 
35er ©efefemad, ben fie bei bem ©ubtifum borauSfefeten, jeigte fiefe in ber StuSmafet 
ber ©tücte. Operetten fefeienen am meiften ju gefallen, naefeft ifenen bie meiner« 
tiefeen Suftfpiete. Unter biefer neuen 2)irection mürbe am 27. 2)ec. 1775 mit 
einem bon ©rofeffor SBittamoro berfafjten ©rotog bie erfte Sorftettung gegeben. 
Unter ben ©tücfen, metefee aufgefüfert mürben, finben mir „©mitia ©atotti" unb 
„SDtinna bon ©arnfeetm". 35aS Ifeeater mürbe fleißig befugt, aucfe bie Kaiferin 
Katfearina mofente ben ©orftettungen jumeiten bei. Sroljbem tonnte bie beutfcfee 
©üfene fiefe niefet aus eigenen SJtittetn erfeatten unb 1783 mürben bie ©efeaufpieter 
auf ©efefel ber Kaiferin mieber in fpofbieuft genommen. fanb möcfeentlicfe, 


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(ßeiftiges £eben 6er $anct» Petersburger Deutfcfjen. 239 

bei brei ruffifdijen unb zwei franzöfifchen, nur eine beutfcije Sorfteßung ftatt. 3« 
ben Steten jener Seit finbet fich eine ©uriofität, bie bießeicht in ber ©efchicfite 
fämmtlicher Sweater ber SBelt einzig haftest: ein gräutein SDlöfler, bie für zweite 
Siebhaberinnen engagirt war, tarn bei bem Xtjeatercomite um ihre Gntlaffung ein, 
weit man ihr bie Stoßen einer erften Siebhaberin jut^eitte. 

3m 3af)re 1788 entftanb ein beutfdjeS Siebfjaberttjeater, baS bei einer Wödjent» 
lidfjen Sorfteßung fo SorzüglidjeS teiftete unb fotdjen Stnftang in ber ©efeflfcßaft 
fanb, baß baS beutfe^e ^»ofttjeater baburdf) böflig beraadfjläffigt würbe unb im 3af)re 
1791 aufgelöft werben mußte. 

3m Sah« 1793 erfcf)ien wieber eine beutfdje ©chaufpietergefeflfchaft in ©anct* 
fßeterSburg unter ber Direction ber S«ncipalin Xißtj. Sei ihr War ber ©cljaufpieter 
Sürget engagirt, beffen zwölfjährige Sochter Sophie als Sina in ber Oper „fRotlj* 
läppchen" mit Seifaß auftrat. $eutfchlanb tennt fie als Süljnengröße erften 
StangeS unter bem ÜRamen Sophie ©chröber. Sie ging fpäter nach Stebal, wo 
fie in ihrem fünfzehnten Sah« ben bortigen ©chaufpietbirector ©toflmerS heirathete. 
Stuch baS neue Unternehmen hielt [ich nidht. Stadh abermaligem Snterregnum er» 
öffnete am 20. Sehr. 1799 SDtirc ein neues beutfcheS Sweater mit einer faft gänzlich 
neuen ©efeßfehaft, unb bon biefem läge an ift ©anct=fßeterSburg ununterbrochen 
im Sefifoe einer bentfdhen Sühne gebtieben. SlnfangS recht unbebeutenb. Würbe baS 
neue Unternehmen bom ©lüd begünftigt. 2lm 20. Slug. 1800 würbe bie ©efefl» 
fchaft SDtire'S auf Slnorbnung ffaifer fßauFS in ^ofgage genommen unb ber laifer* 
tidhen ££) ea t er bi«ction untergeorbnet. 3»« laifertiche Sefehte beffelbeu ®atumS 
ernannten ben ©oflegienaffeffor Sluguft bon Sofcebue zum #ofrath unb gleichzeitig 
Zum 3)irector beS neugegrünbeten beutfehen ^oftheaterS. SOtire erhielt außer ber 
Sezahlung feiner beträchtlichen ©djutben eine angemeffene ©ntfehäbigung, trat baS 
bon ihm etablirte Xheatcr ber laiferlichen Sntenbanz ab unb würbe zum „©chülfen 
beS ®ircctorS" ernannt. SDtan erwartete bon bem neuen unb berühmten 5)irector 
fehr oiet; aßein aßeS btieb bei ber frühem SDtittelmäßigleit. Salb nach ber Ih r °u= 
befteigung beS ÄaiferS Stlejanber I. (1801) würbe baS beutfdjje wie baS italienifche 
Xheater bon ber laiferlichen Slirection abgefonbert, ®of}cbiie erhielt feinen Slbfchieb 
mit fßenfion unb ^Rangerhöhung unb bie beutfdje Sühne würbe bem Unternehmer 
SDtire mit fiebenjährigem fßribitegium unb einer jährlichen Unterftüfcung bon 
5000 SRub. zurüdgegebeit. Slm 22. ©ept. würbe baS Ih eQ t er als fßribatuntcr* 
nehmen Wieber eröffnet. 2)aS ^Repertoire fdjeint ein fehr anftänbigeS gewefen zu 
fein. SBir bemerfen in bemfetben im Sah« 1803: „gieSco", „Kabale unb Siebe", 
„5)on GarloS", „SDtaria ©tuart". 3m ©eptember beffetben 3alj«3 Würbe SDtire’S 
Sühne, Wegen beS 2obeS ber ©roßfürftin J^clene fßawlowna, bis zum 26. Dct, 
gefdhtoffen unb SDtirc erhielt für biefe unoorljergefchcne Unterbrechung bon ber 
©roßmuth beS SfaifcrS 11000 Stub. 2roh biefer günftigen Serhältniffe hatte 
ber 2)irector am ©chtuffe beS 3ah«3 1803 über 40000 9tub. ©cßutben. Gr 
wanbte fidfj an bie ©nabe beS ÄaiferS, unb nicht nur würbe ihm biefe ©umme 
gefchenft, fonbern auch noch ein jährlicher 3ufcf)uß bon 30000 Stub. bewißigt. 

®ie Saftenzett beS 3°h«3 1804 benufcte 3Rire z« einer Steife nach Sieutfdh- 
lanb, um tüchtige SDtitglieber zu engagiren. Unter ben neugeworbenen Zünftlern 


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2^0 


Unfcrc Seit. 


befanb fi<h auch ®eorg Heinrich Slrrejto aus @djwerin, ber bereits als bramati- 
fc^er ©chriftfteller befannt War, fid) halb mit 2Jitre affociirte, fpäter aber für eigene 
Rechnung bie ®irection beS X^eaterS übernahm, baS fich bamalS in bem #aufe 
beS Senators Sudelern befanb, an ber ©teile, wo fich gegenwärtig ber ©eneral 
ftab befinbet. 

?(m 31. San. 1806 brannte baS $ufdjelew’fd)e ©ebäube mit bem Realer ab, 
unb 9trrefto, ber bereits mancherlei Sßiberwärtigfeiten erlitten, manbte fich an ben 
Äaifer Stlejanber mit ber Sitte um Unterftüfcung. ®er Ä*aifer bewilligte bie 
Summe oon 55500 Rub. jur ®ecfung ber X^catcrfd^iilbcn, unb im ÜJiai beffelben 
SafireS Würbe bie beutfdye ©efeflfdjaft abermals ber laiferlidjen Xheatcrbirection 
untergeorbnet mit bem frühem jährlichen 3ufchufj t>on 30000 Rub. ®amit begann 
bie beutfche Sühne SancMßeterSburgS ihren nicht wieber unterbrochenen SebenS» 
lauf als faiferlidjeS $oftheater. 

2trrefto, ber unter ben neuen Serhältniffen zugleich ©chaufpieler unb tedjnifcher 
Seiter geblieben war, hotte mit mancherlei Eabalen unb Slnfeinbungen ju tämpfen. 
©chon im £>erbft nahm er feinen Slbfcfjieb unb fein Nachfolger als ®irector würbe 
ber ^ofrath Staffnopolsfi, bem 1807 Saron oon ®anfclmann folgte. äSährenb 
biefer Seit würbe baS Repertoire mit bem Seften, was bie beutfche ®ramatif bot, 
beftritten; Schiller, Seifewifc, Sfflanb, ftofcebue bilbeten baS Jpauptcontingent. ®ie 
Dper war oortrefflich. 

3m 91pril 1816 gab man ©chiüer’S „Räuber" jum erften mal in altbeutfdjem 
Softüm, währeitb fie bis bahin ftetS in 3°Pf unb ißuber erfchienen Waren; 1818 
engagirte man ben belannten Suftfpielbidjter Stngelp für lomifche Rollen. ?lm 
15. 3um 1823 würbe ber bamalige ®itulärrath Ißeter oon £>elmerfen, ein ®eutf<her 
aus ©ftlanb, gum ®irector beS beutfchen |>oftheaterS ernannt. (Sr hat bieS 9tmt 
30 3ahre Oerfehen unb ift baffelbe nach feinem Rücftritt nicht Wieber befefct worben; 
man begnügte fich fortan mit einem Dbcrregiffeur, ber bie ganze technifdje fieitung 
ber Sühne übernahm. 

©eit bem Anfang ber breijjiger 3“h ce erregte bie beutfche Dper, welche neben bem 
recitirenben ®rama gepflegt Wurb , in allen Greifen ©ancl4ßeterSburgS bie größte 
©enfation. ©ie war mit torjügtidjen Kräften befefct unb würbe trefflich geleitet. 
Äünftler Wie ©abine $einefetter, welche 1834 unb 1840 jWei ©jflen oon ©aft= 
rollen gab; #ai$inger, Welcher 1835, unb bie ißafta, Welche 1841 gaftirten, erhöhten 
zeitweilig baS lebhafte Sntereffe bis jum (SnthufiaSmuS. 3w Slpril 1843 erfchien 
Rubini in ber norbifdjen Refibenj unb gab 15 Dpemoorftellungen in italienischer 
Sprache, in benen baS beutfche ©ängerperfonal mitwirlte. @r fanb frenetifchen 
Seifall unb weite bei £>ofe bie 3bee, eine neue italienifche Dper ju begrünben. 
®iefer ißlan trat für baS ©efehid ber ©anct^eterSburger beutfchen Dper nur aUgu 
rafch ins Seben. ®iefelbc hatte in ben SBintermonaten 1843—44, ebenfo wie im 
oorhergeljenben 3 a h^» in SRoSfau SorfteHungen gegeben. 9tlS fie im 8lpril nach 
©anct^eterSburg jurüeffehrte, würbe fie aufgelöft, um ber italienifchen Dper 
Sßlafj zu machen. 

®aS lefcte ©ntwicfelungSftabium ber ©anct^eterSburger beutfchen Sühne batirt 
oon ber Ernennung beS oielgewanbten Sllcjranber ®oHert znm Dberregiffeur unb 


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(Sciftiges Ceben 6er Sand«Petersburger Deutfdjen. 2<{\ 

tedjnifcßen ßeiter, toeldjeS Slmt er 15 Säßre, mit ber ©unft beS |»ofeä uitb beS 
PubtifumS belohnt, ö ermattet hat. SBäßrenb biefer Periobe hat baS beutfcße Sweater 
ju ©anctpeterSburg offenbar feine befte Seit erlebt. SBenn aud) nicht öon großen 
fünftterifdßen Intentionen getragen, hat es bodj ftets mißt meniger ju teiften ge= 
mußt als jebeö angefeßene beutfcße £>of« unb ©tabttßeater jmeiten StangeS. SDabei 
ift Hießt }u überfein, baß bie ©ancfcpeterSburger beutfcße Sößne mit Schmierig* 
feiten ju tämpfen tjatte unb nocß heute tjat, bie man anberSroo faum verfielt, 
©in großes finan^ießeS $inberniß ergab fid) früher aus ber fefjr geringen Stnjaßt 
möglicher Sorfleßungen. SBödßentticß mürbe breU, ßödßftenS üiermal gefpiett, in 
ben fiebenmöchentticßen großen Saften oor Dftern unb roäßrenb beS ©ommerS gar 
meßt. @o fanben im gaßre nicht mehr als 90—100 Sorfteßungen ftatt, unter 
benen 20 unb mehr Senefije maren. Sie fämmttichen bentfdhen Sorfteßungen 
brachten im gaßre bet Sßeaterfaffe ßödjftenS eine ©innaßme öon 25—27000 Stob., 
toäßrenb bie Ausgaben aßein an ©agen unb ©pietfjonorar 47000 Stob. erforberten. 
®aS hat fich nun einigermaßen geänbert. 3« ben Saften mirb gefpiett unb bie 
Senefoe finb abgefchafft; bennoch aber hat ber ©etbpunft noch ^eute feine große 
Sebeutung in ber ©ntmiefetungSgefeßicßte ber beutfehen Söhne ju ©anctpeterSburg. 
©in anbeteS, meit größeres Jpinberniß bitbet ber Umftanb, baß bie beutfehen Schau« 
fpieter ber SRejibenj fein eigenes Sfjeater innehaben, mährenb 9tuffen, Sranjofen 
unb Italiener biefeS SorjugS theithaftig finb. ©o müffen fie ihre Proben ba 
unb bann hatten, mo unb mann ihnen bie StcteurS ber anbern brei ^Nationalitäten 
eine Söhne freitaffen, möffen biefe groben oft in ber SNitte abbrechen, menn 
bie eigentlichen Sefifcer baS Sfjeater brauchen, u. bgt. m. SBenn babei baS bentfehe 
©anctpeterSburger Theater afleS gibt, maS Seutfcßtanb an neuen unb atten guten 
©töcfen aufjumeifen hat, menn eS biefe ©tücfe mit einem im ganzen jufrieben 
fteßenben ©nfembte barfteßt, fo teiftet es in ber Spat faft mehr, als man oer« 
langen fann. Saju fommt noch, baß bie einßeimifcßen Sramatifer fich niemals 
äber Sernacßläfftgung öon feiten ber Sirection jn beftagen hatten, maS man nicht 
gerabe öon jebem beutfehen #oftßeater fagen bürfte. SBaS mährenb meines lang« 
jährigen StufentßattS in ber ruffifdhen Stefibenj bort gefchrieben mürbe, föhrte baS 
beutfcße |joftßeater auch auf, fobatb es nur irgenb auffährbar mar. ©ineS Sor* 
jugS aber barf baS ©anctpeterSburger beutfehe Sweater fich rühmen, ber bei feiner 
Stbgetegenßeit öon ben ©entren beS beutfehen SüßnenöcrfeßrS unb feinen be« 
fdjränften finanjießen Serhättniffen noch öiet bebeutenber ins ©emieht fällt: baß 
es nicht teießt eine Söhnengröße in Seutfcßtanb gegeben hat, metche baS ©anct« 
Petersburger Xßeater nicht in einem SloßencpftuS gefehen hätte. SaS fotgenbe 
Serjeießniß ber ©äfte an ber ©anctpeterSburger beutfehen Sößne mag biefe 
Seßauptung ftüpen unb jugteieß biefen hiftorifchen Slbriß fdßtießen: 

1827: ©ßartotte Sircßpfeiffer; 1829: ©opßie ©cßröber; 1830: Srau ©ticß= 
©retinger; 1831: ffarotine Sauer (engagirt); 1833: ©ßartotte öon #agn; 1835: 
Äart Seörient unb Slugufte öon Jpagn; 1841: Sißa £öme (engagirt) unb SBitß. 
Äunft; 1842: ©mit Deörient; 1845: 2tnna Särnborf (engagirt) unb SBitß. $unft; 
1847: SouiS ©dßneibet; 1860: S- #aafe (engagirt); 1862: Stnna ßangenßaun 
(geljt nach ®reSben) unb Sogumit ®amifon; 1864: £>ebmig Staabe; 1865: Sriebe* 

Untere ijfit. 1881. II. 16 


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ttnfere ^ett. 


2\2 


rite ©ofjmann; 1866: gannp ganaufcbef; 1867: grau Miemann»Seebacb; 1868: 
X^eobot Döring; 1877: ©mft Hoffart; 1878: ©lata 3i*0fo* 


7) Die SKufif. 

Sanct--©eter#burg ift bie SHetropote bec SJtufif; öiefleicbt in feiner anbern SBctt» 
ftabt wirb fo Diel unb fo gute 3Rufif gemalt at# bort. Die erften ©röfjen aßet 
benfbaren üirtuofen mufifalifcben Stiftungen pflegen auf ihren SBettwanberungen, fo 
früh ed ge^i, bie gtänjenbe Mefibenj an ber Sterna aufoufueben, wo ihnen ein 
ergiebigere# ©tborabo Winft al# überall fonft. Slucb bie Sanct»©eter#burger Deutfcben 
pflegen bie SJtufif mit au#gefprodjener ©orliebe unb unterfdjeiben |fi<b bieHeid^t 
nur barin non ben Muffen, baß biefe halb entfebiebene Anhänger ber italienifcben 
Dper, halb entbufiaftifebe SBagnerianer finb, wäbrenb bie beutfeben SRufiHiebbaber 
an ihren eigenen ©taffifern fefttjatten unb ©eetboöen, SRojart, SBeber, 9J?enbetS» 
fobn=©artbolbp, Schubert unb Schumann mit ihren Stacbfotgern ben ©öttern be# 
Süben# unb ber 3ufunft üorjieben. 

Sin bie Deffentticbleit tritt ber beutfebe üRufifcuttu# in ber norbifeben Mefibeitj 
bureb eine Sln^bt fpecififcb bentfeber Vereine, bie ficb bie pflege be# ©bor» 
gefange#, batb be# männlichen allein, batb be# gemachten jur frönen Stufgabe 
gemacht hoben. 

Der ajlännergefang bot fein öornebmfte# Zentrum in ber Sanct=ißeter#burger 
beutfeben Siebertafet. Diefetbe beftebt bereit# 40 3obre unb erfreut ficb feit ib rer 
©rünbuttg, befonber# aber feit bie mufitatifebe Seitung in ben Rauben be# Wadern 
UJteifter# ©jernp ruht, ber aßgemeinften Xbeitnabme in aßen Steifen ber beutfeben 
©inwobnerfebaft. SOtan berfammelt ficb SMontag abenb# in ben praebtooflen ©e» 
feßfcbaft#ränmen be# fpotef Demutb- 3 n ben oorjügticb cinftubirten 9Jtänr.ercbören 
Wirten etwa 80—90 Sänger; boeb nehmen noch einige bunbert pafftoe SDtitgtieber 
an ben 5BerfammIung#abenben tbeit. Sebent gebitbeten Spanne ftebt ber ©intritt 
offen. Die Seiftungen be# ©bor# finb fo berüorragenb, ber Don ber ©efeßfebaft 
ein fo ungezwungen ebter, baff biete bornehme Muffen ficb um bie Stufnabme be» 
werben, gürft Sfuworow unb ber berftorbene ©raf ©regor Strogonow gehörten 
ju ben fteißigften paffiben SRitgtiebern ber beutfeben Siebertafet. 

Der ©efangberein Strion berfolgt biefetbe Denbenj, refrutirt ficb jeboeb bor» 
jug#weife au# bem jüngern beutfeben ^»anbwerferftanbe. 

Drei Sereine für gemixten ©bor finb an ben brei großen eöangetif<b»lutbe= 
rifeben Sitten gegriinbet unb fteben unter ber Direction ber betreffenben Drga» 
niften. Der ättefte, ber Sanct»3tnnenberein, trat früher unter ber Direction 
Sable’# nicht fetten an bie Oeffenttic^feit. Dann folgt bem Sttter nach ber Sanct» 
Satbarinen» unb enbtieb ber Sanct=^etri»©efangberein. 

Die Srone ber Sanct=ißeter#6urger Vereine für gemifebten ©bor ift bie Sing» 
afabemie, welche nun auch Wot ein bolbe# gabrbunbert jurfidgetegt hoben mag. Sie 
bat, je nach bem ©ifer unb ber ©ef^idti^feit ihrer Dirigenten, oerfdjiebene weebfet» 
ooße @ntwidetung#ftabien burdbgemaebt, im testen Decennium aber, unter ber 
Direction be# trefflichen fßrofeffor# Db- ©eggrow, entfebieben ihre gtänjenbfte 


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(Beiftiges Ccbcn 6er Sanct=Petersburger Dcutfdjcn. 


2^3 


IBIiite gejeitigt. 3)ie oerftorbene geiftooQe ©rofjfürftin $elene fßamlomna, eine 
mürternbergifcije fßrin jeffin, ^otte bie ©ingalabemie unter ihren fpeciellen ©djufc 
genommen. Sn ihrem fßalais üerfammelte man fich ju ben UebungSabenben, bei 
benen bie 3JiitgIieber üon ber f)of)en ißrotectorin bemirtljet mürben, ^ä^rticf» faub 
minbeftenS ein öffentliches Eoncert ftatt, unb es fjerrfcfjte in ber ®ritif mie im 
fßublilum nur Eine Stimme, baff eine forgfältigere, feiner nuancirte unb geift* 
Oottere SBiebergabe fetbft ber fchmierigften Ehorcompofitionen nid^t benlbar fei. 
9?adj bem #inf<heiben ber hohe« grau ljat itire ertaubte Softer, bie ©rofjfürftin 
Katharina SDUdEjailomna, SBitme beS JperjogS ®eorg oon 3Jtec!tenburg«@trelifc, baS 
ißrotectorat ber ©ingalabemie übernommen, unb nacfibem ber oerbiente unb Der* 
ehrte Dirigent, oon unerträglichen 9?eroenleibeu gejmungen, ben laftftod beS 
S3ereinS mie feine ^rofeffut am Eonfcroatorium niebergelegt, ift bie muftfalifdje 
Seitung auch biefeS SJereinS in bie §änbe beS fßrofefforS Ejerntj übergegangen. 

Süngft meinte eins ber Keinen beutfchen ©lätter, bie Ijelbenttjaten ju oer= 
richten glauben, toerni fie auf SRufjtanb fchimpfen, nach ber lO^rocentigen Er* 
heutig ber ruffifchen EingangSjöHe bleibe für Deutfdjtanb nichts anbereS übrig, 
als mit ben Stoffen beutfch ju reben. 

Sch glaube, meine freunblichen Sefer merben ben obigen ©chilberungen eut= 
nommen haben, bafj an ben Ufern ber Dlcma recht Oiel beutfch gebadet, empfun» 
ben unb gerebet mirb. 9lber baS ®eutfdje, baS man bort rebet, ift bie Sprache 
beutfchen ©eifteS unb beutfchet Sitbung, unb bie üerfteljcn bie Stoffen Oortrefflich 
unb hören fie gern. 


io* 


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töttrrg Bfcpfjntfmt. 

»on 

«ffrattf Jtofepij -pisko* 

Mm 9. 3utti 1881 Waten eS ooße tjunbert 3<*^e, feit @eorg ©tephenfon, ber 
©ater bet (Sifenbaljnen, baS Sidjt bet SBelt erbticft ^at. Dbwol baS Mnbenfen 
biefeS ^ettlii^en Cannes niemals ber SBelt entfdjwinbet, fo trat es an biefem 
Sage bodj ftärler als gewöhnlich ^etoor. Mßerorten, unb befonberS in ben ffiifen» 
ba^nfreifen, würben ©ebenffeierlic^teiten üeranftaltet unb bet Staate ®eorg 
©tephenfon fdjwebte neuerbingS, auf aßen Sippen, wie et fcfjott längfit in aßet 
$erpn eingefdjloffen war. $aS Porträt biefeS wahrhaft großen SDtanneS taufte 
wiebet in SBort, ©djrift unb ©ilb auf. Mm erfjebenbften geftattete fid; bie 
©tepf)enfon=geier p Stewcaftle am Xtpe, wo ein imponirenber $ulbigungSjug p 
bem ©tanbbilbe beS Schöpfers bet ©ifenbaljnen ftattfanb unb bie ganje Einwohner» 
fdfiaft ben ©ebenftag feftlich beging. Söie fomrnt es, bafj getabe biefe ©tabt 
hierin fid^ auSjeicpnete? 3)ieS wirb fogleid) begreiflich, wenn Wir erinnern, bafj 
©eorg ©tepljenfon in bet 9tälje berfeiben, in bem fto^lengtäbetborfe SBplant, 
geboren würbe unb bafj er in ihrem ©annfreife nicht nur feine Sugenb, fonbern 
audj einen Sfieil feinet ßKanneSalterS oerlebte. Er fowol als fein berühmter 
©ohn Stöbert öerbanten ben ©ilbungSinftituten unb ©ilbungSmittetn StewcaftleS 
mancherlei görberung, unb im fpötern fiebenSfampfe tjaben beibe ljiet warme Mn* 
Ränget unb eifrige greunbe gefunben. Umgetehrt tjat bie ©ebeutung unb ®röfje 
SteWcaftleS burch baS geflügelte Stab ©tepljenfon’S fo mächtig pgenommen, bafj 
wir ben EntfjuftaStnuS biefer ©tabt für jenen Sföann oerfteljen, ber oor ihren 
Mugen Oom einfachen Jpeijerjungen bis pm Schöpfer ber Eifenbahnen geworfen ift. 

®ie erften Einbrüde, welche ©eorg ©tepljenfon erhielt, entfprangen bem rüh* 
rigen, inbuftrießen Seben StartljumbertanbS, ber nörblidjften ©raffchoft EngtanbS. 
§ier liegen phlreid)e ©ergwerte, befonberS für Sollen, beren MuSbeutung burch 
redenhafte, arbeitsbefliffene ßJtänner erfolgte. £>ier beobachtete ber aufmerffame 
Jfnabe frühjeitig mancherlei 3Rafd)inen unb ißumpwerfe, bie er halb plaftifdj auS 
2h on nadjbilbete; fpäter muffte er auch ihr SBefen p ergrünben unb aus benfelben 
bie Mnfänge feiner praltifdjen ffenntniffe ber IDtechanif abpleiten. SBo er hin» 
blidte, gewahrte er nichts als arbeiten; was wunber, bafj intenfioe Xhätigfeit ben 
Snlialt feines ®afeinS auSmachte! Mm Sage pigten ihm Slaudifäuten unb in ber 


V 

& 


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©corg Stepßenfon. 


2^5 

9tacßt bie auffteigenbe Soße bie pßtreicßen (Stätten, wo alle jene Scßäfce ber 
Unterwelt non unermttblicßen ©rubenleuten gewonnen unb tierarbeitet würben, bie 
auf bent $ßne p Stewcaftle pr ©erfcßiffung gelangten. Xäglicß fab er SBagen» 
reifen, welche Noblen p bent genannten gluffe, an feiner öäterlicßen §ütte üor» 
bei, auf ßöljernen Schienen ßinabrottten. Unb wenn er feinem ©ater Robert, 
ber $eipr bei einer Eampfmafcßine war, baS ©ffen ptrug, hotte er bie @efd^icf= 
lidjfeit beS ÜJtafcßinenWärterS unb bie ©ünftlidjleit bes? ©remferS üor Slugcn. 
®on felbft ergab fich in fotdber SBeife ein SlnfcßauungSunterricßt für ben bon Statur 
für SDtecßanil hochbegabten ßnaben, ber pnäcßft für Stepßenfon halb gute Früchte 
tragen fottte. Such in ber häuslichen Sphäre hotte ber finabe baS ©eifpiet ruße» 
lofen Steiges oor klugen. ®er ©ater unb ber ältere ©ruber hotten eine heiße 
©efcbäftigung beim Stnfeuern ber $ampffeffel, währenb feine SJtutter SRabel feine 
oier füngem ©efcßwifter p pflegen unb bie JpauSroirtßfcßaft p führen hotte. 
®ar halb muffte ©eorg trachten, fein tägliches ©rot felbft p oerbienen, unb er 
begann bamit in feinem achten SebenSjaßre, inbem er als ^pirtenfnabe unb fpöter 
als Stntreiber ber an ben SRafcßinen Wirlenben ©ferbe befteüt würbe. Ueber» 
glücftich war er, als er in feinem 14. 3aßre als ^eijergeßülfe angenommen würbe. 
$rei 3aßre fpäter finben wir ihn als SOtaf^inenjuugen. Stun hielt er pdf für 
einen gemachten SJtann — aber er fonnte Weber lefen noch fdfjreiben. SOtit ©ifer 
befugte er in feinem 18. 3aßre eine elementare Stbenbfdjule, bie ein pgewan» 
berter Beßrer in ber Stöße feines SBoßuorteS für bie Arbeiter errichtet hotte. 3« 
fürjefter 3^it hotte er bie ©eßeimniffe beS ©uchftabirenS überwunben unb eS 
bauerte nicht gar lange, fo war er mit Schulfenntniffeu fo weit auSgeftattet, baß 
er fich ^trdh Selbftunterricht weiter p helfen bermochte. 3nt Rechnen erwies er 
fich befonberS ftarf, fobaff er fpäter pr allgemeinen Stritßmetil unb ©eometrie 
fortfehreiten lonnte. 

3n feinem 20. 3aßre Würbe ©eorg Stephenfon, ba er fich als gefeßiefter 
SOtafdjinenburfche erwiefen hotte, pm SDtafcßinenbremfer beförbert. 3« biefer 
©igenfeßaft pg er pr tDoUpgrube nadh Slocf ©allerton unb etwas fpäter nach 
SBitlington Ouatj am 2ßne, unterhalb Stewcaftle. ©in ©remfer hotte in ber 
Slrbeiterhierarcßie etwas ju bebeuten. ©S würben nur gefehlte unb pünktliche 
Seute p bem Stmte beS ©remfenS berufen, welkes barin beftanb, bie SRafeßine 
regelmäßig anpßalten unb wieber in ©ang ju bringen, ©eorg fühlte fich auch 
in feinet neuen SBürbe. @r bepg nun 20 SJtar! wöchentlichen Sohn, bewohnte 
felbftänbig eins ber p SBitlington Ouatj bereingelt liegenben Räuschen, erwarb 
burch Stebenbefcßäftigung, wie Schuhflicfen, Seiftenfdjneiben, 3ufcßneiben oon grauen» 
Keibem unb Stepariren Oon Uhren, ©rfparniffe. ©r hielt feine jefcige ©Option 
für eine fo üorpglicße, baß er fein ©lüi mit einem SBeibe theilen wollte; er 
oermählte fich baßer in feinem 21. SebenSjahre mit gannß ^enberfon (28. Stoü. 
1802). Seine grau War jwölf 3 a ßre älter als er; fie wirb als ßübfdß, Oer» 
träglich unb oerftänbig gefcßilbet. Stod) oor Ablauf eines 3aßreS (16. Dct. 1803) 
befeßenfte fie ißn mit einem Knaben, ber naeß feinem ©roßoater ben Stamen 
Stöbert erßielt. $ie SBett ßat fpäter Stöbert Stepßenfon als ben genialften 3 n " 
genieur feiner fennen gelernt. 




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24(6 

Rod) waren nicht bier 3“h re abgelaufen, als ©eorg fein ©Jeib burd) ben lob 
üerlor (14. ©tat 1806). ®r war wäprenb feiner ©he in feinen Kenntniffen unb 
gfertigteiten fo weit gefomnten, bag er nunmehr als SKafchinenmeifiet bei einer 
Spinnerei ju SJtontrofe in Schottlanb ©ngeßung erhielt (1807). ©Bein halb jog 
es ihn nach feiner Heimat — er würbe (1808) wieber ©remfer ju Kiflingworth bei 
Rewcaftle. SSier 3Saf)re blieb et liier als foldjer. SJtittlerweite ^atte er burch 
gtücfliche Reparaturen bon aRafetjinen fo biete ©eweife feiner SnteQigenj geliefert, 
bag ihn bie groge KohlengefeÜfctiaft ju Kißingworth jum SRafchinenmeifter aller 
ihrer ©ewerte berief (1812). Schon nad) turjer 3«it berwenbete biefer neue 
©Jertffiljrer bie bis baljin wenig gebräuchlichen fetbftwirfenben fdjtefen ©benen, bei 
Wellen bie auf einer Spurbahn hinabroQenben belabenen Kohlenwagen bie leeren 
längs ben Schienen nach aufwärts jogen. £>ierburch fowie burch anbere SRaf<hi s 
nerien brachte es ©eorg halb baljin, bag in ben ihnt anbertrauten ©ewerfen bie 
groge ©njaljl ber fßferbe bis auf ein Siebentel rebucirt werben tonnte. 

®a nun halb bie 3dt herantommt, in ber fich Stephenfon mit ber ©erbeffe» 
rung bet erften ßocomotiben unb ber Schienenwege befchäftigtc, fo wollen wir 
jufchen, in Welchem ©ntwicfelungSftabium er beibe oorfanb. ©Jenben Wir uns 
juerft jn ben bcfdjienten Strafen, Welche biel früher als ber Dampfwagen erfun» 
ben Würben. Schon bei ben alten ©riechen unb Römern finben fich Spuren bon 
©leifen für bie ©Jagen, unb Wir erwähnen befonberS jener im lempel bet ßereS 
ju ©leugS. ferner liefen fchon feit 3<th r hunberten in ben beutfehen ©ergwerten 
bie ©rjtarren, „.fpunbe" genannt, auf Riegelbahnen. ®er ©ebrauch ber lefctern 
ift bon bem beutfehen ©ergbau auf ben fremblänbifchen übergegangen. ^Um bie 
SJiitte beS 17. SaljrhunbertS Würben in ©ngtanb biefe unterirbifchen, härmen 
Schienenwege auch nad) äugen bertängert, unb fie liefen in Rortljumberlanb unb 
in anbern ©egenben bis ju ben 31ug= ober Seehäfen hin. ben oft günftigen 
ReigungSberhältniffen beS ©rbbobenS roßten bie belabenen ©Jagen, lebiglicf) infolge 
ber Schwertraft, bom güflplafce bis ju ben Schiffen, in Welche fie fid) felbftthätig 
entleerten, ©ergan würben bann bie ©Jagen auf einer ©araßelbahn bon ©ferben 
jurüdgcjogen. Um ber ftarfen ©bnufcung ber ^oljbahn entgegenjuarbeiten, bebeefte 
man fie nachmals (1776) mit ©ifenbledj. 3m ^weiten drittel beS hörigen 3«h r " 
hunberts begann man bie #ol$riegel burch gugeiferne glatten ju erfejjen. ©twaS 
fpäter würben biefe rinnenförmig geftaltet, berart, bag bie ©Jagenräber in ber 
©ertiefung liefen. 2)a jeboch leptere geh halb mit Sanb u. bgl. m. füllte, fo 
würbe bas ©ergältnig umgetehrt, baS h«&t bie gugeifernen Räber betamen an 
ber Stirn ihres Umfanges eine Rut, mit welcher fie über bie Schienen pagten. 
DiefeS Stiftern war auch f<h on früher bei ben mit ©ifenblech befchlagenen Riegeln 
eingeführt worben (Surr 1776). 

$ie erften gugeifernen Schienen waren auf Sängenhöljer befeftigt; bann 
Würben lefctere burch ©teinwürfel unb etwas fpäter burch QuerfdjweBen berbrängt. 
3u Stnfang nnferS 3«h r hunberts waren bie Schienen oben gerablinig, unb unten, 
nach ber Sinie ber grögten Uragfähigteit, gfchbaudjartig gefrümmt. Rachmals 
traten bie mannichfachften Schienenfhfteme auf. ©3efentlieh ift, bag bie gut be= 


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(Seorg Stephenfon. 


2^7 


feftigten Schienen einanber parallel bleiben, baß fie mächtige Dragfäljigieit befißen 
unb nach oben ranbtos geformt finb. dagegen erhalten bie Stüber an ihren nach 
bem 3nnern ber Salm gemenbeten Seiten je einen borfpringenben Stanb, „Spur» 
franj" genannt, moburd) bas ©ntgleifen ber SBagen oer^inbert mirb. 

Stäubern fidj bie bedienten Straffen bei bem Iransport ber ©ergmerfspro» 
bucte in bebeutenbem ©rabe als frafterfparenb ermiefen Ratten, tauften ©erfudje 
auf, biefelben mit SJtafehinen ju befahren. Suerft ließ man auf ben Spurbahnen 
Segelmagen laufen, jebodj mit fchlechtem Erfolge. Dann, als bie Oon SBatt (1774) 
funbamental oerbefferte Dampfntafdiine jur Slnmenbung auf bie gortbemeguitg bon 
SBagen gelommen mar, backte man baran, auf ben Scßicneuftraßen Dantpfmagen 
rollen ju taffen. Unter ben berfdnebenen Eonftructeuren bon Straßen- unb 
©ahntocomotiben ragt befonberS Sticharb Irebithid empor, Er mar ber erfte, 
metcßer ben Dampfmagen auf einer Schienenbaljn rotten ließ (1802—4). Sittein 
er jmeifette, ob bie „Slbljärenj" jmifdjen ben Stübern unb ben Schienen groß 
genug fei, um bie Stüber ber Socomotibe ins Stollen ju bringen, menn bie tefc» 
tere gemicßtige Saftmagen nach fic^ ju jie^en hätte. Unter „Slbljärena" ober 
„Stbpßon" berfteljt man Ijier nicht mie in ber ©h 1 #* jene moleculare 2ln» 
jiet)ung, bermöge melcßer bie Körper mit il)ren Oberflächen aneinanber haften, 
fonbern man begreift barunter bie amifdjeit Stab unb Schiene ftattfinbenbe Steibung. 
©ejügtich teuerer ßegten Ireoitfjid unb alle feine Beitgenoffen einen grrtßum, 
ber erft ein gaßrje^nt nadj ©rfinbung beS SdjienenbampfmagenS bureß einfache 
©erfucfie aufgehoben morben ift. ©iS baßin mühten fich bie meitigen Socomotib» 
bauet jener Seit bamit ab, in nachtheiliger SBcife bie Steibung amifeßen Stab unb 
Schiene burdj Slufrauhung unb ©eraaßnung ju bergrößern unb baburch bem 
Dampfmagen einen fcßleicßenben, gehemmten unb ftoßenben ©ang aufaujmingen. 
Derartige Socomotiben mit Bühnen an bem einen Dricbrabe unb an einer baju 
paffenben Stange, melche feitlich an ber einen Schiene befeftigt mar, hatte ©len» 
finfop (1811) bei SeebS unb ©ladett (1812) bei SBplant jum SoßtentranSport 
bertoenbet. Seibe berbefferten bie Irebitßid’fcße Socomotibe. 3ßr ©ßftem lann 
als ©ortüufer ber heutigen Bußnrabbaßnen für fteile flöhen angefehen toerben. 
Bene ©eraaßnung entßel erft, nachbem SB. ^ebtep, ber Bnfpector in ben ©ladett’» 
fchen ßoßtenmerfen, experimentell gezeigt hatte (1813), baß ber Drud bermöge 
beS ©emießts ber Socomotibe hinreiche, um jmifchen ben Stübern uub Schienen 
fo biel Steibung ßerboraurufen, als jum gorthemegen einer baju paffenben oerßält- 
nißmüßig großen Saft erforberlicß ift. 

So mar benn ber langjährige SBatjn ber bamaligen 3Jtedjanifer miberlegt, baß 
ein Dampfroagen auf unrauhen Schienen mit glatten Stübern leine Bugfraft 
erhalten lönne; eS mar bie SBaßrßeit ermittelt, baß es hierbei nur auf ein rieh» 
tigeS ©erhältniß amifdjen bem Drud ber Socomotibe auf bas ©leis unb ber 
©röße ber fortjurottenben Saft anfomme. Stach biefer michtigen ©rlenntniß er» 
fdjienen bie ©erfuche bereinjetter SDtedjanifer (©runton 1813 u. a.), bie Soconto» 
tibe mittels Süßen fortfeßreiten au taffen, ebenfo überftüffig als unpraltifch, i“ 
abfdjredenb, inbem bei biefen Experimenten einige Bufchauer bureß bie ©jplofiott 
beS Äeffels löblich berieft mürben. 


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2<*8 


Unfere ^cit. 


Um baS Sßefen ber Socomotiben ju berfteljen, wollen wir nach ber SBirfungS* 
weife ber Tampfmafchinen überhaupt forfchen. Sei einer folgen ift wenigftenS 
ein aMaflcptinber borhaitben, in welkem ein anfcf)liegenber ftotben bon bem 
hoch gefpannten Tampfe. bin 5 unb hergefchoben wirb, hieraus folgt, baff man 
ben Stampf, abwedjfelnb, je auf eine ©eite beS ÄotbenS leiten mug. Tie b<n= 
unb hergeljenbe Sewegung beS tefctern lägt fidj bur<h 3toif<henborrichtungen in 
bie Dotation eines Stabet umwanbetn. Sei ben fteljenben Tampfmafchinen in 
gabrtfen wirb biefe Stabumbrepung auf bie StrbeitSmafchinen berpftanjt; bei ben 
Socomotiben bagegen werben ftatt eines Stabes minbeftenS jwei auf ben beiben 
Schienen ruhenbe Triebräber angebracht. Sei ben heutigen Socomotiben fann 
jebermanit an je einer ihrer ©eiten einen Tampfcptinber wahmehmen. Tie juge* 
hörige $otbenbewegung wirb mittete Triebftange unb fturbel auf bie beiben Trieb» 
räber übertragen. Sejjtere geraden, infolge ihrer Steibung an ben Schienen, in 
fortroßenbe Sewegung. Tie anbern Stäber ber Socomotibe finb in ber Stege! nur 
ba, um bem SBagen bie gehörige ©tanbfeftigfeit ju geben; fie roßen, oermöge 
ihrer Steibung an ben Schienen, mit. 3uweiten taffen fiep iebodh auch biefe Stöber, 
wenn fie fo grog wie bie Triebräber finb, mit teptern bur<h Stangen unb S'urbetu 
berbinben. @S gefd^iegt bie$, wenn bie Stbpäfion ber Socomotioe, mithin ihre 
3ugfraft, gefteigert werben foß. 

Sei ben aßererften Socomotioen ftanben jene Tampfcptinber totprecpt unb bie 
Umwanbtung ihrer auf» unb niebergehenben Sewegung in bie Umbrehung beS 
TriebrabeS tonnte nur burdj mehr ober minber jufammengefepte SJlecpaniSnten 
(3ahnräber, Stabfetten u. bgt. m.) erjiett werben. Steugerticp fah jebocp fcpon bie 
Socomotioe bon Trebithicf (1802—4) nahezu wie bie heutige auS; fie befag aber 
nur einen einjigen oerticat gerichteten Tampfcptinber, oon bem aus jwei hintere 
Triebräber in Stotation berfept Würben. Som Waren jwei gleichgroße Saufräber 
angebracht; ber auSgebiente Tampf warb in ben Slaucpfang enttaffen. Stucp Stacfett 
in SBptam, ate er, wie bereite erwähnt, bie Socomotibe Trebetpicf’S berbefferte, 
behielt jene gorrn für ben Tampfwagen bei. 

Tie erften Tampfwagen, welche ®eorg ©tephenfon fah, waren jene Sladfett'S 
ju SBptam. hierher tarn ©tephenfon öfter bon &ißingWortp, um mit pöcpften 
Sntereffe bie fortfchreitenben Serbefferungen an ben Socomotiben ju beobachten. 
SBaS teptern bamate (1812) fehtte, war eine genügenb mächtige Tampferjeugung. 
infolge beffen äcpjten bie träg bapinjiepenben Stacfetffchen Socomotioen unter ber 
Saft bei ber SWfjtenbeförberung. 3» fie felbft mugten, wenn ©todfungen juweiten 
eintraten, was h cute foft fomifch Hingt, burdp ißferbe weiter gezogen werben. Tie 
Sefeitigung ihrer Sttpemnoth war bringenb nothwenbig, wenn fie wirtlich teiftungS» 
fähig Werben foßten. Tenn ju jener Seit btieben bie ftotpemb bahinfchteichenben 
Socomotiben fetbft beim Saftenfchteppen auch öfonomifcp gegen ben Setrieb burch 
^Jferbe jurüdf. ©eorg ©tephenfon war eS, bem es gtüctte, ber Socomotibe ben 
eigentlichen SebenSobem einjubtafen unb fie wahrhaft brauchbar ju geftatten. Tie 
Schaffung ber richtigen Socomotiben war baburch hö<hft fchwierig, weit ber Tampf 
in einem fehr Keinen Staume in ausgiebiger SJtenge in türjefter Seit erzeugt werben 


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«ßeorg Stcppenfon. 


2W 


fottte, b. p. mit anbera ©orten bur<p eine berpältnifjmähig Keine geuerung fottte 
fo biel Kampf pergeftettt »erben, baff nicpt nur bie Socomotibe fammt ihrem ©renn» 
material unb ©peife»affer, fouberit überbieS aucp gröbere Saften fcpnett fortbewegt 
»erben fottten. Unb babei geftattete bie Socomotibe fein popeS 3ugto^r, »ie es 
bocp jur Mftigem Stnfacpung ber föeffetpeijung notpwenbig ge»efen »äre. Um 
ben Kampfwagen möglich ft compenbiöS geftatten p fönnen, hotten fchon GbanS 
(1800) unb Krebitpid (1802—4) bei benfetben pocpgefpannten Kampf angeWenbet. 
Siflein baS Problem nach einer fdjnetten unb auSreicpenben Kantpferjeugung »ar 
nocp aufjutöfen übriggebtieben. SBit »erben im ©erlaufe unferer Karftettung fehen, 
»ie Georg ©tephenfon baju tarn, biefe »efentticpe gorberung für bie ©elebung 
beS KampfroffeS §u erfüllen. 

0btool bie »planier Socomotiben »eit hinter ben befcpeibenen Grwartungen 
jurüdgebtieben »aren, bie man bamals (um 1812) über bie gugfraft einer Soco¬ 
motibe hegte, fo erfannte Georg ©tephenfon hoch halb, baff in berfetben ber Seim 
ju einer borjüglicpen URafcpine tiege. Gr »uffte Sorb SRabettSWortp, »elcper am 
meiften bei bem ©achte ber litting»ortper ftoplenfelber betheiligt »ar, ju gewinnen 
(1813), baff berfelbe bie Soften ju einer bon Georg ©tephenfon auSjufüprenben 
Socomotibe auf fich nahm. Ker teptere berftanb eS, ben Grobfcpmieb beS fiHing= 
»ortper ßoplentoerleS, 3opn Xpitlwatt, fo ju fcpulen, bah berfelbe jum ttJtedpaniler 
an ber erften ©tephenfon’fchen Socomotibe tturbe. Kiefe im 3fuli 1814 bottenbete 
SRafcpine befaf? $»ei lotprecpte Kampfcplinber, bon »eichen aus, mittels Sen!» 
ftangen unb 9täberfap, bie glatten Kriebrftber auf ebenen ßantenfcpienen in rottenbe 
Setoegung berfept »urben. Georg ©tephenfon benupte alfo fchon §eblet)’S Ser» 
fliehe über bie Stbpäfion jtoifepen SRäbem unb ©chienen, naepbent and) er fich burep 
einfache Gfperimente bon bem Sorhanbenfein genügenber Reibung überzeugt hotte. 
Ka biefe ÜDiafcpine — fie pieh ©lü<her — einen ftofsenben Gang unb überbieS 
leine ölonomifchen Sortpeile jeigte, fo ging ©tephenfon (1815) an ben ©au einer 
jweiten. ©ei biefer »ar er junäepft fepr glüdlicp baburch, bah er mittels eines 
engen „©laSrohreS" ben bereits benupten, aus ben Gplinbern entwichenen Kampf 
in ben ©epomftein entlieh — taum war bieS gefdpepen, als baS geuer auffattenb 
angefacht »urbe. KieS lam baher, »eil ber in bie Gffe rafch aufgeftiegene Kampf 
bie Suft mitrih; baburdp entftanb pier eine Suftberbünnung. Ker äufiere Euftbrucf 
trieb baher einen Suftftrom burep ben SerbrennungSraum, »obei baS geuer fräftig 
angeblafen »urbe. infolge biefer lebhaftem Serbrennung Warb audp in berfetben 
3eit biet mepr unb pöper gefpannter Kampf erzeugt, mithin ber Socomotibe eine 
gröbere Gefcp»inbigleit ertpeilt. 

GS ift über baS „©laSropr" ©teppenfon’S biel polemifirt worben unb mehr» 
feitige Stnfprücpe bezüglich ber ©riorität maepten fiep geltenb. 2tucp »aren Kra* 
bitionen im Umlaufe, als ob fpülfSarbeiter ©teppenfon’S biefe »ieptige Grfinbung 
gemaept pätten. Gine ertoiefene Kpatfacpe ift jeboep nur, bah fepon Krebitpid bei 
feiner Socomotibe (1804) ben Kampf, naepbem er auSge»irft patte, burep ben 
Saucpfang entweichen lieh. 9Jttein entroeber patte biefer fonft feparffinnige 2Jtann 
bie baS geuer anblafenbe SBirfung feiner Sorricptung niept bemerlt ober es »aren 
bie Serpältniffe beS ©laSropreS juin Saucpfang fo ungünftig, bah fein überrafepen» 


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250 


Unfere <3eit. 


bet Suftjug cntftanb, genug — Xretjit^icf tiefe biefen fich bon felbft barbietenben 
gunb unbenufet entf<^titpfen. 3a nod) im 3ah« 1815, nachbem ©tephenfon’S 
SlaSroht befannt geworben war, nahm er ein ißatent auf eine iiberfliiffig geworbene 
©dhwingmafchine jum einfachen beS geuerS in ber Socomotibe. 

Sie Seranlaffung jur ©rfiitbung beS mirfungSbotlen unb bielbefhrittenen Sampf» 
gebläfeS war für ©tephenfon eine unangenehme. Ser frühere birect in bie 2uft 
weidfjenbe Sampf hotte bur<h fein heftiges 3if<h e « ^ßferbe unb Sieh erfchrecft, was 
ihre ©gentljümer ju ernften ©nfprücljen unb SerWarnungen trieb. Um biefen 
Serbrieglidfjfeiten unb ben angebrohten ißroceffen ju entgehen, leitete ©tephenfon 
ben Sampf mittels einer fdfjmalen, berticalen fRöljre in bie @ffe, unb bie ©rfinbung 
beS SlaSrohreS war gemalt — weil ©tephenfon trefflich ju beobachten berftanben 
hat. Sie wahrhaft mächtige SBirfung beS SlaSrohreS fonntc jeboch erft herbor= 
treten, als eS 14 3®h« fpäter (1829) in ben ©ieberöljren beS SfeffelS tüchtige 
SunbeSgenoffen befam. 

Singer bem SlaSrohr erhielt bie jweite Socomotibe ©tephenfon’S einen beretn» 
fachten unb birecten SRechaniSmuS, um bier Sriebräber in Sewegung ju fefcen, 
fobafe fie beffere SRefultate als bie erfte ergab. Sa jeboch noch immer bie erwar» 
teten ©rfparungen an fitaft nicht eintraten, fo wibmete jefct ihr ©rbauer feine 
Unterfuchungen — bem SEBege für ben Sampfmagen. 

Sor allem erfann (1816) ®eorg ©tephenfon ein beffereS Serfahren für bas Segen 
unb Serbinben ber Schienen. Sarauf (1818) ergab er fieh im Setein mit 5R. SBoob 
einem cingehenben unb e;perimenteüen ©tubium ber SSiberftänbe, welche beim 
SranSport bon SSagen auf befchienten ©tragen, unter berfchiebenen Umftänben, p 
überwinben finb. ®r beftimmte hierbei mittels eines bon ihm erfunbenen S'raft* 
mefferS baS Serhättnig ber erforberlichen 3ugfraft pr boßen Selaftung. Sie fo 
erhaltenen 3ahlen, berglidhen mit jenen bei gewöhnlichen ©tragen bon berfchiebenfter 
Sefdfjaffenheit, erwiefen fich äugerft günftig für bie ©fenbahnen. ©S burfte jeboch 
bie Steigung berfelben nur gering fein. 2luS lefcterm ®runbe fuchte ©tephenfon 
alle bon ihm fpäterljin angelegten ©fenbahnett mögtichft wagerecht ober mit laum 
merllicher Steigung anptegen, unb beShalb fcfjeute er Weber groge Surchbrüche 
noch mächtige ©nfchnitte ober lange Umgehungen bon $öl>en bei ber |>erftetlung 
bon ©chienenftragen, wenn auch h°h e Soften unb augerorbentliche SDtühen bamit 
berbunben waren, gür bie Socontotiben auf gewöhnlichen ©tragen waren bie 
©rgebniffe feiner Unterfuchungen bernicgtenb; er blieb benfelben feitbem für 
immer abholb. 

Um bie 3eit, als ©tephenfon feine jweite Socomotibe baute (1815), befchäftigte 
er fi<h auch mit ber ©finbung einer ©idjerheitslampe gegen bie fürchterlichen, bie 
Slrbeiter töbtenben ©rplofionen, welche burch bie ©ttpnbung ber leichten ffoI)ten= 
Wafferftoffgafe ober ber „fchlagenben Sßetter" in ben Äohlenbergmerfen auftrateu. 
Stach breimaliger Stbänberung ber bon ihm erbauten Sampe beftanb bicfe plefct 
(SRobember 1815) auS einer blechernen Saterne, bereit üRantel fiebartig burchlöchert 
mar. 3u entjünblicheS ©rubengaS gebracht, brang tejjtereS burdh bie lleinen Deff* 
nungen jur gtamme in ber Sampe, ejplobirte, worauf bie gtamme erlofch — ohne 
baS geuer nach äugen ju berpflanjen. 


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«ßeorg Stepgenfon. 


25 [ 


®iefe auf rein empirifcgcm Sßege gemalte widjtige ©rfinbung braute ©eorg 
©tepgenfon, bet biSger nut im näcgften Greife befannt Wat, in ©oflifion mit bem 
ftgon bamats Wettberügmten Berniter @ir |iuin|)^ ®aot), beffeit $fitfe gegen 
bie „fcgtagenben SEBetter" in bemfetben Sagre oon ben Sngabetn bet Äogtenwerle 
StorbengtanbS angetufen worben war. $aüt) fam infolge gieroon naig Stewcaftte 
(Stuguft 1815), unterfinge bie fcgabticgen ©afe ber nagen ftogtenbergroerfe unb 
gab, naig einigen Variationen, feinet ©icgergeitstampe bie betannte f$otm, wonach 
bie flamme bon einem engmafdjigen, feinen EDragtnege umgeben ift. Sßenn man 
eine fotdge Saterne in ein ßnaßgaS taucgt, fo ftrömt festeres burcg bie Süden bes 
©efteigteS jur Stamme unb betbtennt, ogne bag fidj bie ©ntjünbung nacg äugen 
berbreitet. $)ieS fommt, Wie 2)aog erfannte, bager, Weit bie feinen Sföetaflfäben, 
als oorjügticge SBärmeteiter, ber Stamme fdinett bie SBärme entgegen unb biefetbe 
fo abfügten, bag fie augergatb beS EBragtnegeS ertifcgt. 8lt3 biefe Campe (®e= 
cembet 1815) in SRewcaftle eintraf, würbe ©tepgenfon bon ben Steunben $aOty’S 
beS ißtagiats üerbäcgtigt. ®S entftanb ein Deftiger, teibenfcgafttidger Stampf um 
bie ißriorität ber ©rfinbung. $eute ift allgemein jugegeben, bag jeber ber beiben 
©enannten egrticg unb fetbftänbig bei ber Eonftruction ber ©iigergeitstampe Oor* 
gegangen ift. 

©ooiet Verbrug unb berget audj ber ^fßrioritätöftreit beiben ©rfinbern einge» 
tragen gaben mocgte, fo fegtte eä anbererfeits aucg niigt an Stnerfennung; benn 
bie Vereinter $aOg’S überreizten biefem als .Qeidjen berfetben ein filbemeS 
EJafetgerätg nebft 2000 ißfb. ©t.; bie minber reifen, aber begeifterten ttngänger 
©tepgenfon’S gaben biefem ein öffentticgeS Scfteffen $u Stewcaftte unb überraftgten 
ign mit einem @grengef<genf, wetigeS aus einem fitberncn $edelfruge unb nageju 
1000 Eßfb. @t. beftanb. 3n ben Äogtengruben ber ®aot)’ftgen ißartei fanb nur 
EDaog’S Sampe ©ingang. 3fgre ©egnet nagmen ©tepgenfon’S Campe auf, wo ge 
nocg geute unter bem populären tarnen „©eotbg" in beoorjugter ^tcgtung ftegt. 
3n ber wiffenfdgafttiigen SEBett jebocg ift nur 3)aüg’S ©idgergeitstampe befannt 
geworben. ®ag man no(g geute nacg einer unfegtbaren ©iigergeitstampe fingt, 
mag giermit erwägnt fein. 

Vatb fommt nun bie $eit gerau, in wetiger ©eorg ©tepgenfon oon feinem 
©ogne 8tobert wefentticge Säuberung unb Unterftiigung bei feinen Verbefferungen ber 
Cocomotioe unb ber bamit jufammengängenben Arbeiten ergiett; wir Woßen bager 
fegen, in wetcger SSeife ©eorg ©tepgenfon feinen ©ogn erjog. ©S tagt g(g bei 
bem praftifdgen unb ftaren Verftanbe beS Vaters im twrauS annegmen, bag er 
ben ßnaben in bie eigene Stiftung ju bringen fucgen werbe, auSgcrüftct jebocg mit 
©cgulfenntniffen, bie er fetbft fo mügfam unb tüdengaft als Slutobibaft nadgjugoten 
gatte. 3unäcgg fegen wir Stöbert frügjeitig, bis ju feinem zwölften SebcnSjagre, 
bie ärmtiige ©tementarfcgute ju Song Venton befudgen. ®ie ©cgutgütte tag oon 
feinem Vatergaufe etwa 3 Wei Nitometer ab; biefe ©ntfemung gatte ber &nabe t&gticg 
minbegenS einmal gin» unb jurüdjugegeu, um notgbürftig baS Cefen, ©igreiben 
unb Siecgnen ju erlernen, hierauf würbe er jur SOtittetfcgute Vruce’S in Stewcaftte, 
etwa oier Nitometer oon S'ißingwortg, gefenbct. 3n ber erften Seit mugte Stöbert 




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mi täGia 




252 


Untere ^eit. 


biefe ©treefe täglich bin* unb juriiefge^en. er jeboeb etrnag leibenb mürbe, 
!am er nur über beu ©onntag beim. ©eorg ©tepbenfon tourte eg fo einjuric^ten, 
ba| nicht nur ber @of)n, fonbern auch er fetbft bie in ber netocaftler ®<bule be» 
banbeiten SRaterien mit bearbeitete. Ueberbieg liefe er auefe feinen ©obn alg 
SRitgtieb in bie Siterarifcfee unb 1J3E)iIofo^^ifc^e ©efettfdjaft in Siemcaftte aufnebmen, 
um bie ©ibtiotbel berfetben benu^en ju fönnen. Sefctereg gefdjab befonberg intenfio 
an ©onntagen. ©ater unb ©obn Oertieften ftdj bann in bie Oon Slobert mitge- 
braebten literarifeben ©cf)äjje. ©g mürben mit Sorliebe bie ©nepftopäbien unb 
Stepertorien für Kunft unb SBiffenfdjaft, ferner bie SBerfe über SRecbanif unb 
SRatbematif ftubirt, mobei ©eorg ©tepbenfon barauf brang, bat Stöbert ohne £ejt 
bie beigebraebten 3ei<bnungen tefen foflte! ffibenfo leitete ber ©ater feinen ©obn 
an, jeben tßlan ju einer SRafdjine u. bgt. fo beutlidj zu entmerfen, bat berfelbe 
ohne SBorte oerftänblicb mar. 

Siet Sabre blieb Stöbert in bem Snftitut ju Stemcaftle, morauf er in feinem 
fecbjebnten Sebengjabre alg Unterauffeber in bie SBeft*2Roorgrube trat, um eine 
praltifcbe Slugbilbung im ©ergtoefen unter ber Seitung beg tüchtigen St. SBoob 
ZU erlangen. Sefeterer bot fpäterbin (1830) bag erfte praftifdje ^»anbbueb ber 
©ifenbabnfunbe gefeferieben, toelcbeg oiete Auflagen, in mebrem ©brachen, erlebte. 

Stadjbem Stöbert brei Sabre beim ©ergtoefen oerbraebt hotte, befuebte er im 
neunzehnten Sebengjabre, nur für etma neun SRonate, bie Unioerfität ju ©binburgb 
(oom October 1822 big Suni 1823), hm er tior^üglicb Staturmiffenfcbaften (be= 
fonberg ©eologie) unb SRatbematif cultioirte unb, am ©ebluffe ber Surfe, bie 
praftifeben Sjcurftonen mitmaebte. Obmol er nur furze Seit jene bamalg glänjenbe 
^ocbfcbule frequentirt hotte, febieb er bennoeb atg „berechtigter Sngenieur für aße 
Steile beg Königreiches". 

Sur 3«it, afg Stöbert noch ber netocaftler Schule angebörte, mar er feinem 
©ater in mannigfacher Beziehung bei feinen fßlänen für bie ©erbefferungen ber 
Socomotioe unb beg ©efeienenmegeg nüfelicb gemefen. 2Sir merben im meitem 
©erlaufe unferer ©rzäbtung mabrnebmen, mie fi<b mit ber ©ntmicfelung Stobert’g 
biefe $ütfe immer mehr fteigert, big zulebt ber Scbenglauf biefer beiben, für 
längere Seit, gleich jWei zufammenflietenben mächtigen ©trömen, ficb üereinigt, 
um bem SBeltoerfebr mit ihrer ganzen Kraft zu bienen. 

©eit ©eorg ©tepbenfon bie Socomotioen unb ihre Sifenbabn oielfeitig Oer» 
beffert hotte (1815—18), ergaben ficb f° befriebigenbe Stefultate, baß bie ©efijjer 
ber Koblenmerfe zu $etton in ber ©raffebaft ®urbam befebfoffen (1819), ben 
oon ihren ©ruben big zu ben S)ocfg am SBear laufenben, gemöbnlicben Schienen» 
meg in eine oon Socomotioen zu befabrenbe ©ifenbabn umgeftalten zu taffen. ®ie 
gemäblte Sinie mar bamalg bie längfte ©ifenbabnftrecfe, fie betrug unter — z We * 
geograpbifebe SReilen. Sunt leitenben unb übertoacbenben Sngenieur marb ©eorg 
©tepbenfon aug ben benachbarten fißingmortber SBerfen ermäbtt. ®ie ©efefl» 
febaft ber le^tern behielt ihn, mie bigber, atg SRafcbinenmeifter unb fühlte ficb 
burd) feine ©erufung zum Oberingenieur eineg fo großen Untemebmeng geehrt. 
®a einige £öben im SBege ftanben, zu beten Ueberminbung bie Kraft ber bama» 



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<0eotg Stepfjenfon. 


253 


tigert ßocomotioen nicE>t auSreicpte unb Durcpbrücpe, wegen bet popen Soften, ju 
Oermeiben tarnten, fo Würben fünf felbftwirfenbe unb jwei mittel)? ftepenber Dampf« 
mafcpinen ju übetwinbenbe fcpiefe Ebenen angelegt, fobag nur bie jwifcpen biefen 
liegenben ©treden mittete ©teppenfon’fcper ßocomotioen befahren würben. Am 
Eröffnungstage (18. Kot». 1822) waren fünf ßocomotioen ober „eiferne ißferbe", 
Wie fte baS Sott nannte, tpätig, oon welken jebc, jum Erftaunen bet maffenpaft 
jugeftrömten Sufeper, 17 belabene Kohlenwagen im ©efammtgewicpt oon 64000 Kilo« 
gramrn, mit einer ©efcpwinbigfeit oon 6 Kilometer in ber ©tunbe, beförberte. 
Der Erfolg War bebeutenb unb bie ganje Klafcpinerie imponirenb. 

DaS bamalige Eifenbapnwefen war, abgefepen oon ben norbenglifcpen Kohlen« 
reoieren, in weitern Kreifen nur wenig befannt. ©eine erften unb wärmften 
greunbe jinb haper in jenen ©egenben ju fucpen. Darunter gab es einige, beren 
EntpufiaSmuS {ich burcp baS eifrigfte SBirfen für bie allgemeine Verbreitung biefeS 
neuen unb mächtigen SerfeprSmittelS burch 3ßort unb ©chrift funbgab. Mein 
nicht oon biefen follte eine praftifcpe görberung biefer großen Angelegenheit aus« 
gehen, fonbern oon einem SKaune, ber oorerft feine Aufmerffamfeit nur auf einen 
für Vferbcjug berechneten Schienenweg oon ben barlingtoner Kohlengruben bis 
©todton richtete (1817). Diefer ÜDtann hieg Ebuarb V ea f e > ®r War aus Dar« 
lington unb Actionär oon Kohlenwerfen, Welche etwa jwei geograppifcpe ©feilen 
Oon feinem Wohnorte lagen. Die oon ihm geplante neue Eommunication mit 
©tocfton am DeeS, welcher glug fich unweit Oon piet in bie Korbfee ergießt. War 
für ben Abfafe ber barlingtoner ober bifhop audtanber ©teinfohlen ton enormer 
IragWeite, weil biefelben in ©todton ju ©chiffe oerfrachtet werben fonnten. Der 
feltenen Energie unb jähen Ausbauer fßeafe’S gelang eS, eine ©efeUfchaft für eine 
Dramwap Darlington«@todton ju conftituiren unb bie üerfcpiebenften SBiberftänbe 
unb Eroberungen ju überwinben. @o j. V. mugte wegen ber gucpSgepege bes 
EerjogS oon Eleoelanb bie Kichtung ber ßinie geänbert werben, bie Actien für 
bie parallele, gewöhnliche ©trage muffte fßeafe erflären einlöfen ju wollen u. f. w. 
Enbiich nach oier 3“pten (1821) geht bie SiH für bie ipferbcbahnlinie Darlington« 
©todton burch. 

SEBäprenb fßeafe noch immer an eine Dramwap für Darlington«@todton benft, 
hat ©eorg ©tephenfon, ben felbftterftänblich biefe Angelegenheit mächtig intereffirt, 
befchloffen, bahin ju wirfen, baff biefe ßinie als regelrechte ßocomotiobahn, nach 
feinem ©pftem, auSgefüprt werben möge. Er fteüt fiep bei Veafe oor (1821). 
Die beiben ©treber finben ©efaüen aneinanber. Der ftets oorfidjtige ^ßeafe wirb 
für ©eorg ©tephenfon’S ©orfchlag gewonnen, naepbem er bie ßeiftungSfäpigfeit ber 
©teppenfon'fcpen Dampfroffe ju KiHingWortp grünblicp erprobt pat. Allein eine 
Umänberung ber Sill für ben ßoeomotiobetrieb burcpjufefcen nimmt wieber längere 
Seit in Anfprucp. Enblicp ift auch biefer ißunft georbnet (1823), unb nun wirb 
©eorg ©tephenfon jum leitenben Ingenieur biefer wichtigen Eifenbapnlinie, welcpe 
bie Koplenfcpäpe beS bifhop=audlanber DpaleS ber Korbfee ju üerbinben pat, 
ernannt. Augerbem grünbete er jefct, unter äJlitpülfe fßeafe’S, in Kewcaftle eine 
fleine gabrif für ßocomotioen, welcpe ein 3fapr barauf (1824) unter ber girma 
feines ©opneS Kobert eröffnet wirb. Diefe pat fiep fpäter ju einem weltberühmten, 


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25$ 


Unfere <3eit. 


riefig auSgebehnten ©tabtiffement, ju einet internationalen praftifdjen $odjfd)ute 
fär ben Socomotibbau entwicfelt. 

9?adj allerlei Kämpfen unb Wütjfaten mar ber große Dag ber ©röffnung ber 
Dartington*©tocftoner ©ifenbatjn herangefommen (27. ©ept. 1825). ©ine unjä^l= 
bare Wenfcßenmenge umgab erwartungSbott ben ©djauplal} ber erften Slbfahrt bei 
ben Kohlengruben im X^ate ©iftjopsSlucftanb, jwei Weiten oberhalb Darlington. 
©ine fteljenbe Dampfmafchine jog eine Steife aneinanbergehängter, betabener Wagen 
eine geneigte ©bene hinauf unb ließ fie bann auf ber ©egenfeite hinab. Unten 
würbe ber non ber gabrif ©tephenfon in Stewcaftle gelieferte, mit 9tr. 1 bejeidj» 
nete Dampfwagen „Socomotion" (nicht „Stctiöe“, toie es in manchen ©ersten 
heißt) bem S«ge borgefpannt. Diefer beftanb aus 34 Wagen, bon welchen 12 
theils mit Kohlen, theils mit Weht, bie übrigen mit natjeju 500 fßerfonen betaben 
Waren. Die ©orherfage, baß furcht bie Wenden abhatten werbe, fich einem 
ejptofionSfähigen Kotoßpferbe anjuoertrauen, war atfo nicht eingetroffen. ©3 mußten 
im ©egentheit bie fich im Uebermaße jubrängenben tßaffagiere jurücfgewiefen Werben. 
Die ©efammttaft betrug etwa 90000 Kilogramm. 

Der fid) in ©ewegung fefcenbe Drain bot, nach unfern heutigen ©rfahrungen, 
einen fonberbaren Slnblicf; benn ber fiocomotioe ooran fah man einen Fteiter mit 
einer gähne, welche baS Wotto ber ©efetlfchaft: „Periculum privatum utilitas 
publica“ („Die ©efahr beS ©injetnen bient bem allgemeinen Woht"), als gnfchrift 
geigte. 9113 Socomotibführer fungirte ©tephenfon. ©ine alte 3ei<hnung hui baS 
Sitb biefeS 3uge3 erhalten. Die Wagen finb, bis auf jenen für ben ©erwattungS» 
ratf), offen. Leiter unb Säufer bewegten fleh um bie Wette parallel jum Drain. 
9113 teuerer auf bem wagerecht üerfaufenben Dljeite ber ©ahn anfarn, rief ©tephenfon 
bem ©orreiter ju, feitfich abjufchwenlen. Diefer folgte bem 3nrufe, unb nun gab 
©tephenfon boHen Dampf, worauf ber 3ug mit einer bantals unerhörten @e* 
fehwinbigteit bon jwei bis brei geograptjifchen Weiten in ber ©tunbe, unter 
jubetnbem 3utuf ber ungläubig gefommenen ©otfSmaffe, bie Wetttäufer hinter (ich 
laffenb, „bahinrafte“. Diefe ju jener 3«t angeftaunte ©eßhwinbigteit ift bie — 
eines heutigen SaftjugeSl Die Socomotibe 3tr. 1, welche biefeS Wunber bottbradjt 
hat, ruht heute, nach langjährigem Dienft, als „©hrentocomotibe“ auf einem 
fßiebeftat bor bem ©ahnhof ju Darlington jum eigenen Sftuhme unb ju bem ihres 
©chöpferS — ©eorg ©tephenfon. 

SHad) einer ©tunbe fant ber 3ug in Darlington an. $ier blieben fechS Kohlen» 
Wagen jurücf unb es würben bagegen anbere Wagen mit Steifenben unb einer 
Wufifbanbe aufgenommen. Der Drain fefcte fleh in ©ewegung. Der ©orreiter 
fcheint wieber an ber ©pifce beS 3«geS gewefen ju fein; benn teuerer !am erft 
nach brei ©tunben in ©toefton an, was freilich bie Witfaljrenben noch immer 
befriebigt hat; benn ber ©erichterftatter beS SocatblatteS hebt rühmenb herbor, baß 
hierbon noch bie Seit für ben Stufenthalt unterwegs in Stbredjnung ju bringen 
fei. 2« ©toefton jubelnber ©mpfang. 

©eorg ©tephenfon hatte auch ben erften fßerfonenwagen geliefert. Diefer war 
fehr einfach unb anfpruchSloS. @r befam ben Sftamen „©fperiment“ unb glich 
einem größem DmnibuS mit je brei Keinen genftern jur ©eite unb einer rüef* 




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<£>eorg Stephenfon. 


255 


wärtigen Stjür. Stn jeher Sängenfeite ftanb eine burchlaufenbe Pant unb in bet 
SKitte — ein SujuS, ben wir jefct meiftenö entbehren müffen — ein paralleler Sifdj. 
@o War ber SSagen begaffen, in bem bie Honoratioren am @röffnung£tage ihre 
^läfee genommen Ratten. Sei Slbenbfahrten blieb ber SSagen unbeleuchtet, bis 
ein Herr Sijon (fein SRame fei gefegnet), bet oft hin» unb hetaufahren hotte, eine 
brennenbe ßerje auf ben Sifch ftettte. Sein Peifpiet fanb fpäter Stachahmung 
feitenä ber Unternehmer ber ©ifenbaljn. 

Schon auf biefer furzen Strecfe jeigten fidj fehr halb bie überrafchenbften, 
bamat# neuen SSirfungen ber ©ifenbaljn. Sin SDtitglieb be3 Parlaments, welches 
bie Soncurrenj im ftohleuhaubel fürchtete, hotte fchlau einen Paragraphen in bie 
bejügliche ©ilt aufnehmen taffen, wonach bie Sefettfdjaft für bie jum Sjport be- 
ftimmten ®of)len höchftenS 4 Pfennige für je 10 SDletercentner auf je anberthatb Silo» 
meter einheben burfte, währenb ihr für ben Socatberlehr mit ®oljten ein achtmal 
fo hoher gradjtfafc geftattet Würbe. Sie ©efettfdjaft glaubte baher ihren urfprüng» 
liehen ptan, ber alterbingS ben Sßelthanbel im Stuge hotte, burdjfreuat unb fefjte 
jefet ihre Rechnung auf ben Äohlenabfaj} in ber Umgegenb. Sur Perfchiffung 
Waren nunmehr etwa 10000 Sonnen (ju 1000 Äitogramm) für baS 3ahr in 
StuSficht genommen als Pattaft — fdjon nach einigen fahren betrug jeboch bie 
jährliche StuSfuhr ju Schiffe 500000 Sonnen. Ser tiefe grachtfafc war jum 
©tücf ber Unternehmer auSgefdjtagen; ber SSetthanbet mit bartingtoner Sohlen 
brachte bie Houpteinnatjme, ber örtliche Pertauf bagegen würbe jur Siebenfache. 

Staunen erregenb war bie ©röße be$ perfonenberfehrS. @S war unbegreiflich, 
woher auf einmal bie SOtaffen Peifenber tarnen, StnfangS hotte bie ©efetlfchaft 
bie Peförberung ber Perfonen Pribatunternehmern übertaffen, welche ihre SSagen, 
gegen einen pachtfchiHing, auf ben Schienen oon Pferben jieljen tieften. Sletjntich 
Derzeit es fi<h mit bem gottfehaffen bon SBaaren. Stur bie großen, gewichtigen 
Sohtenfuhren würben in ben erften fahren bon Stephenfon’fchen Socomotiben be» 
forgt. Pei leichtern Senbungen mit wenigen SSagen wirtte je ein Pferb als 
Suglraft. Sa, wo ba$ Sanb gegen bie See hin allmählich abfällt, Würbe ba$ 
Pferb auögefpannt; eS fprang bann in ben testen niebetn SSagen jum gutter. 
Sie SSagen rollten hierauf, bermöge ihrer Schwere, an ihr 3>«t. Mein fchon 
nach einigen 3 a h ren nahmen Honbet unb SSanbet fo großartige Simenftonen an, 
baß bie Socomotibe jur Stüeinherrfchaft tommen unb bie ©efeltfehaft ben ©efammt» 
betrieb in ihre H°nb nehmen’unb organifiren mußte. 

Sticht ber Pertehr allein übertraf weit alte Srwartungen, fonbern ebenfo über» 
rafeßenb fchnell unb in erfreutichfter SBeife wuchfen bie an ben Snbpuntten ber 
Paßn tiegenben Drtfdjaften an SSohttjabenheit unb Sinwohnerjahl. 3a, am Sees 
entftanb eine neue Stabt — üRibbteSborough. 3nr 3eit ber Pahneröffnung be= 
fanb fich h*ee eine einzige Pauerljütte fammt Siebengebäuben. Sie Umgebung 
War fumpfigeS SSeibetanb. 8llS jeboch burch ben niebern Sohtentarif eine mächtige 
SfohtenauSfuljr erblühte unb Stocfton ju eng würbe, tauften ber weitfehenbe Peafe 
unb feine greunbe ba, too jefct SDtibbteSborough liegt, große gtächen SanbeS unb 
bauten hier einen neuen Seehafen. Selbftoerftänbtich würbe auch bie „Quäler» 
bahn" (fo heißt bie Streife Sarlington»Stoctton im PoltSmunbe noch heute, weit 


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256 


Unfere <3eit. 


ißeafe unb feine Duälerfreunbe ba« meifte ju ihrer ©rünbung beitrugen) bi« h»« s 
her öerlängert. Sdjon nach jehn galten ftanb bü eine «Stabt Bon 6000 Einwohnern, 
beren 3aht gegen Enbe ber fünfziger 3a^re bi« auf 15000 angewadjfen war. 
Seitbem hat bie Seöölferung bi« auf metjr at« 23000 Äöpfe jugenommen. Much 
wegen ber fester Ijier entbecften reifen Eifenlager, welche eine neue 3nbuftrie 
($ounb Sdimetjöfen u. bgl.) Werften, ift bie Seelen jaf|l in ftetigem Steigen. 

$arttepooI in ber Kachbarfdjaft hat fich oon 1300 auf 15000, Storfton Bon 
7700 auf 16000 Seelen gehoben u. f. W. Derartig Waren bie Ergebniffe unb 
folgen ber jweiten, Bon ©eorg Stephenfon angelegten Eifenbahn. Unb borf) war 
bie« nur ein SSorfpiel Bon bem $auptftürf, ba« norf» lommen fottte — wir meinen 
feine geniale Erbauung ber 2iberpool*2Jtan<hefter Sahn. Erft bie glänjenben Er* 
folge biefer trugen feinen -Kamen in alte SBett ^inau« unb erwarben ihm für 
ewige 3«ten bie 8tuhme«lrone. 

Die erften ißläne, SiBerpool unb äKamhefter mittel« einer Eifenbahn ju Ber» 
binben, flammen au« bem 3ah« 1821. Um biefe 3«t batte ber ©efdjäft«Berleljr 
jwifchen biefen beiben Stäbten einen foldjen $öfjepun!t erreicht, baß bie Dran«* 
portbebürfniffe burcb bie gewöhnlichen 2anb* unb SBafferfubrWerle nicßt mehr 
befriebigt Werben tonnten. Der StuffdjWung ber ©efrfjäfte würbe baburdj febr 
empfinblicb gehemmt. 3unächft (1821—22) bad)te man baran, baß eine ißferbe* 
eifenbahn hi« einige 9lbf)ü(fe bringen tönnte; fpäter (1824) jebocß griff man nach 
bem fräftigem SKittel, nämlich nach ber SocomotiBeifenbahn ©eorg Stephenfon'«. 
Diefer Würbe baber oon bem Eomite ber EifenbabngefeUfcbaft, Welche fich für bie 
2inie 2iOerpool=3Kan<hefter gebilbet hatte, mit ber SSermeffung für bie projectirte 
Schienenftraße betraut. Da« war eine horte unb fauere Slrbeit. Die ©egen* 
intereffenten ber Eifenbahn, wie Straßen* unb ffanalactionäre, guljrleute, SBirthe 
u. bgl. m., hotten burch allerlei SDtärdhen über bie ©efährlichteit be« neuen Unter* 
nehmen« ba« 2anbooll gegen bie ©eometer fo aufgebracht, baß lefctem $inberniffe 
unb SBibcrftänbe aller Slrt, ja fogar Drohungen unb ©ewalt entgegengefefct würben. 
Stephenfon ließ fich nicht abfdjrerfen. Seiner Klugheit, 3öhigteit unb ?tu«bauer 
gelang e«, alle SBiberwärtigleiten ju überwinben unb ba« «ftioeUement ju beenbigen. 

©efährlicßer al« ber Kampf mit bem aufgeftacßelten 2anbBolte war jener, ben 
©eorg Stepßenfon im Eomite be« Parlament« mit ben ©egnern ber Eifenbahn ju 
beftehen hotte. E« waren ihm §war Bon ber Eifenbahngefeüfchaft tüchtige unb 
rebefertige $tboocaten jugefellt worben; aber bie mächtige ©egenpartei befaß foldje 
noch in größerer Slnjahl al« er, unb fie ftetlte ihm überbie« weitberufene unb 
angefehene Dechniter unb 3n9«kure entgegen, welche feine Sßläne ju burdjlreujen 
hatten. 3n ber Dhat blieb nicht« an ber Stephenfon’fchen Vorarbeit unbeftritten. 
Die Slnlageloften foHten ju hodj/ bie Schienenftärfe ju niebrig, bie 3rahrgefcf)Win= 
bigleit ju groß fein, obwol er nur jwei geographifdje äKeiten in ber Stunbe an* 
gegeben hotte. Er würbe Bon feinen gachgenoffen, bie ihn jeboch al« foldjen nicht 
gelten taffen wollten, al« ißhantaft hingeftedt, ber Unmöglichleiten realifiren wolle. 
E« liegt einiger Junior baritt, Wenn man fich ben geraben, fdjtidjten, Wenig 
fprachgemanbten ©eorg Stepheufon im Stampfe mit ben fchlaueften unb geriebenften 


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<55eorg Stepfjenfon. 


257 


Sarteimämtern oorfteßt. Die ihm beigegebenen 9tebner »erben burch baS ab» 
fpredjenbe Sotum ber auSgejeidjneten Decpnifer im ©egenlager fetbft etwas irre 
an ihrem gelben, es wanft il)r ©taube unb erlahmt il)r ©ifer. ©obalb jebod) 
bie fiocomotioe unb ihre ©djienenftrajje pr ©brache lommen, fteßt ©tephenfon 
feinen 3Kann. @o j. 33. wirft einer ber ©egner mit fiegeSgewiffer ÜRiene bie 
Frage auf: wenn ftch bem fdjneß baperfommenben ©ifenbahnpge eine auf bem 
Schienenwege oerirrte Suh entgegenftettte, wäre bieS nicht eine arge Situation? 
„©ehr arg — für bie $ufj", antwortete ©eorg unter $eiterfeit aller. 

Stoch * tt fpätern fahren gebachte Stereofon biefeS feinbfetigen föreuperljörS 
nur mit Unwillen. Durch Anfechtung ber SermeffungS* unb SoranfchlagSarbeiten 
brachte eS bie gegnerifche Serbinbung bieSmal (1825) in ber Dhat ba^tn, baf» bie 
Vertreter ber ©ifenbahngefeßfdjaft ihren Antrag auf ^Bewilligung ber Sahn prüd* 
nahmen. Allein fchon im nächften Fahre brangen fie mit ihren erneuerten Sor* 
lagen burd). 

©eorg ©tephenfon würbe pm leitenben Ingenieur ber bebeutenben ©ifenbahn» 
linie £ioerpool»3Jtanchefter gewählt, ©r begann feine Arbeiten mit bem fchwie» 
rigften ©tücf. Die ©chienenftrafje follte etwa eine geographifehe Steile lang über 
einen fumbfigen Soben, baS „ßapenmoor", gehen. Die Fngenieure in jenem 
ißarlamentScomite hotten eS als abfolut unausführbar hingefteüt, über baS naffe, 
fchwammige SJtooS, in welchem fchon ein ©tod burch fein ©ewicht tief einfanl, 
eine ©ifenbahn bauen p Wollen — ©tephenfon griff biefe ©trecfe perft an. ©r 
entwäfferte ben torfigen ©runb burch Sängen» unb Quergräben, füllte tiefere 
©teilen mittels pfammengeprefjter Dorfrafen aus unb fteHte burch biefe unb anbere 
originelle Sehelfe einen auf bem Sumpfe fchwintmenbeit Damm oon h<>h er 2rag= 
traft her. Dabei waren bie Äoften, gegen bie überwunbenen ©chwierigfeiten ge* 
halten, überrafchenb niebrig. 

Salb faßten biefer ftaunenerregenben Seiftung noch anbere, felbft in unfern 
Dagen noch bewunbertc SBerfe folgen, wie j. S. ber 2 l l i Kilometer lange 
Dututel Oom Sahnhofe p Sioerpool bis nach ©bgeljiß; ber 3 Kilometer lange, 
fteßenweife 35 SJteter tiefe ©infchnitt in ben Dlioenberg; ber impofante ©anteh* 
oiabuct mit feinen neun Sogen oon je 16 Steter SBeite u. bgl. m. ©tephenfon 
entwarf felbft aße ißläne nicht nur für ben Sau ber Sahn unb Srüden, fonbem 
auch fß* bi* Ausweisen, Drchfchciben, ftreujungen u. f. w. Dabei oerftanb er es 
in oorjüglichfter SBeife, bie Arbeitermaffen p biScipliniren unb Böglinge für biefen 
ganj neuen dtoeig beS FngenieurwefenS p fchulen. 

Der Sau biefer Sahn war nahezu ooßenbet unb bie Direction p Sioerpool 
war noch immer p feinem ©ntfchluffe über bie SEßahl bet Sugfräfte gefommen. 

Als mit ber Anlage ber ©chienenftrafje begonnen würbe, war fie gewißt, 
fiocomotiüen anpwenben. Aßein währenb ber Saujeit war es ben Seibern 
©eorg’S, trofc feiner herrlichen Schöpfungen, gelungen, ben ©lauben an feiner 
fiocomotioe p erfchüttem. Fachmänner erften Sanges hotten fich ouf baS ent* 
fchiebenfte gegen biefelbe auSgefprodjen unb angerathen, bie Saften mittels ftehenber 
Stafcpinen oon ©tation p Station in furpn Diftanjen p jiehen. Stan war 
auch geneigt, bie Sahn einfach als Drantwap mit ißferbepg p benupen. ©eorg 

Unfnt Beit. 1681. II. 17 



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258 


Unfere 


Stephenfon braute bie Direction enbtic^ boch bahin, bap wenigftenS ©erfuche mit 
bet Socomotibt gemalt »erben foQten. Dagegen traten feine Segnet ben (lugen 
©djacfjjug, bap fte borfdjlugen, eg fottte eine ißreisbewerbung für bie befte Soco« 
motibe auSgefdjtieben »erben. Die« gefdjalj in bet 2^at im Srähjahr 1829. 
ES »urbe für bie leiftuitgSfähigpe Socomotibe, welche beftimmte, bon bet Direction 
oufgefteüte gorberungen ju löfen hatte, bet ©reis bon lOOOO SRarf fepgefept. 
Die öffentliche Prüfung bet Socomotiben fottte am 6. Dct. 1829 beginnen unb 
na(| ©ebarf fortgefefet »erben. 

Sin bent ebengenannten Dage erfdjienen auf bet Schienenftrape bei Sainhitt, 
gwifchen Siberpool unb äJtancheper, biet ©ewetber mit ihren Dampfwagen. Wir 
nennen gunächft Stöbert Steph«nfon n. Eomp. mit bet „SRafete". Sein beben» 
tenbfter Eoncurrent »ar EricSfon, welcher fcpon bamalS als Ingenieur in ttnfehtn 
ftanb; ffiäter errang et fid) burch bie Erfinbuttg bet Ealorifchat SDtafchine fo»ie 
burch bie Eonftruction bet fdjwimmenben ©atterie SWonitor einen Weltruf. Erics» 
fon hotte fich mit ©raithwaite betbunben unb ihre girma trat in biefe Bewerbung 
mit bet Socomotibe bie „9teuheit". Diefe betbiente ihren Slawen, benn pe hatte 
bie originettfte unb babei fdjönfte gorm. 3h* Dampffeffel tag nicht »ie bei ben 
anbent Socomotiben horizontal, fonbetn et ftanb aufrecht; pe befap auch (einen 
©eiwagen fät ben Waffer» unb Sohlenoorratp, fonbem trug biefen fetbp in einem 
Saften. Sät baS Änfadjen beS geuetS »at pe mit einem eigentümlichen ©eblüfe 
betfehen. 

Die übrigen zwei ©ewerber waten ©urpatt mit bet „©eharrtidjleit" unb #acf» 
motth mit bet „Unbergleichlichen". Super biefen biet Eoucurrenten finb j»ar noch 
anbete angemetbet gewefen; allein pe hatten fleh berfpätet. SIS Euriofum mag 
erwähnt fein, baff ein fünfter ©ewerber, StaraenS ©ranbreth, gelommen war mit 
einer SDtafchine „Der Ehflopenfup''; aber er (onnte nicht ernp genommen »erben, 
benn feine SRafchine »urbe bewegt burch — ein ©ferb, welches in einem @et)üufe 
berfteeft »at. 

DaS Wettrennen bet Sftafchinen Ȋhrte neun Doge. Das ScEiaufpiet hatte 
eine ungeheuere SDtenfdjenmaffe hetangelodt, welche ju beiben Seiten bet wage» 
rechten, 2*/^ Silometer langen Rennbahn ©lafc nah». ES war ©ebingung, 
bap jebe Socomotibe biefe Streife ohne Unterbrechung neunmal hin» unb jurücf» 
fahren fottte, »aS eine Sänge gleich bet Entfernung gwifdjen Siuetpool unb 
SRanchefter ergab. Unter groper Spannung begann ber Sarnpf bet SRafchinen. 
Sene, bie jum erften Saufe in ©ereitfehap fein fottte, »at hierbon noch feh* »eit 
entfernt. Erope ©erlegenheit. Der Sntrag ber beiben Stephenfon, einftweilen 
ihre „Utalete" rennen ju taffen, warb mit greuben angenommen. Derartige 
Störungen »ieberholten fich täglich unb immer war bie äuperlich befcheibene 
„atalete" bei ber $anb, um bie langen Raufen burch luftiges $in» nnb ^erfahren, 
allein ober mit angehängten öolten ©erfonen* ober Safttoagen, auSjufüöen. Diefe 
anfänglich mit SJiiStrauen angefehene SRafchine »urbe nach unb nach ber Siebting 
beS ©ubtitumS. Umgelehrt erging es ber „Sleuljeit". Diefe hatte bon $auS auS 
burch ihre elegante Eeftalt bie Shmpatfjien aller erobert. SHein allmählich toerlor 
Pe biefetben gänzlich- 3h r erfter Sauf War freilich befteeffenb, benn fie legte nahezu 


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(ßeorg Stephenfon. 


259 


fünf geograptjifche ©leiten in ber Stunbe jurücf. Slllein gar batb traten allerlei 
Unterbrechungen ein. @innta( öerfagte ba$ ©ebtüfe, bann jerbractj bie jumpen» 
röhre, bann wieber ein anbeter Beftanbtheit u. f. w., bis baS Spiet oerloren War. 

Die „Unoergteidjliche" gtich äußerlich ber „Watete", was begreiflich wirb, wenn 
man erfährt, bafj ihr ©leifter $a<fwortt) ehebent SBerfffltjrer bei Stöbert Stephenfon 
gewefen. Sie war programmwibrig ju gewichtig, jeigte fich niemals jur be= 
ftimmten 3«it reifefertig, befam währenb beS jfatjrenS am fteffet unb bann wieber 
an ber Bumpe Schöben, unb tierbrauchte (um hoch ihrem Staaten ju entfprechen) 
unoergteiehtich oiet Brennmaterial. Dies fam baher, weit £acfworth baS Blas* 
rohr ju fehr oerengt unb baburch ju ftarl wirfenb gemacht hotte, fobafj eine fehr 
große ©trage ftteinfohte burch ben Schornftein entführt würbe. Die „Unöergleich= 
ließe" Würbe gleich ber „9ieuheit" Oon ber ftetS fahrenben unb immer auSbauern* 
ben „Stafete" ht tiefen Schatten gejtettt. 

Die „Beharrlichleit" oon ©urftalt blieb beharrlich bei ihrer Keinen ©efdjwin» 
bigfeit oon beiläufig einer geographifchen ©leite für bie Stunbe, unb fie jog fich 
batb ebenfo tangfam oom Schauptaße jurficf, wie fie gefommen war. 

Äm läge ber tßreisoertheitung (14. Dct. 1829) warb bie „Statete" allgemein 
gefeiert Sie hotte nicht nur bie anbern ©tafchinen weit übertrumpft, fonbent 
hatte an unb für fich io überrafchenbfter SSeife alte Sichtfeiten einer Sugmafdjine 
gezeigt Sie war ftetS bienftbereit unb babei gefügig unb tenlfam wie baS befte 
Bferb. Bon #anS aus fotib gebaut, ^ielt fie bie Strapazen bes Kampfes aus, 
ohne auch nur ber geringften ^Reparatur ju bebürfen. Sie tegte im ©littet brei, 
unb wenn eS gemünfctjt würbe auch fe<h* geographifch« ©leiten in ber Stunbe 
jurürf. Slie ging ihr ber Stthem aus. Unb barin tag eigentlich baS Specififche 
biefer ©tafdjine, ja biefem Umftanbe oerbanfte fie ben Sieg unb Xriumph- 3h re 
Schöpfer ©eorg unb Stöbert Stephan hotten fie mit einer trefftichen eifernen 
Sunge oerfehen. Sie hotten nämlich auf Borfchtag beS SecretärS ber tioerpooter 
(SifenbahngefeQfchaft — er hieß Boottj — im Innern beS DampffeffetS parallel ju 
feiner Sänge 26 Stühren in gleichen Stbftänben für ben Durchjug ber ^eijftammen 
angebracht. Die in fotcher SBeife erhi|ten Stöhren brachten bie jwifchen ihnen 
liegraben bünnra SBafferfctjichten fo fchneü unb ausgiebig jur Berbampfung, baß 
bie SocomotiOe ftetS mit hochgefpanntem Dampf in Ueberfütk oerfehen War. Unb 
bieS um fo mehr, ats baS Blasrohr bie Neuerung fräftig anfachte. Das BtaS* 
rohr unb jene Sieberöhren, welche bei neuern Socomotioen bie 3of)t 100 über- 
fteigen, bitten baS betebenbe B r »ncip ber Socomotioe Stephenfon’s. Der erfte 
©ebattfe, mittels geheilter Stöhren baS SBaffer fchnett §u oerbampfen, fdheint oon 
Seguht (1828) ju ftammen; aber bie beiben Stephenfon waren bie erfien, welche 
bie Sieberöhten in fo höctjft wirlfamer ©Beife jur ©ettung brachten. 

Der großartige ©rfotg ber „Statete" auf bem Bfotean ju Bainhitt hotte bas 
Schidfal ber Socomotioe für alle 3ofunft in gtücftichfter ©Seife entfliehen. ©BaS 
©eorg Stephrafon tauben Dljren unb ungläubigen Seelen, wenn auch nicht mit 
ben ©Borten beS Dichters: 

Schon fet>' ich bort entlang bes ©aues ©traben 
Die bampfgetriebnen Wagenburgen fliegen — 

17* 



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260 


Unfcre <5eit. 


fo bodj in guter ißrofa öon feiner „Steifemafchine" fo oft prophezeit hatte, follte 
enbtich halb pr Wahrheit toerben. 9lm 15. ©efjt. 1830 fanb bie (Eröffnung ber 
©ifenbaljn öon Siöerpool nadf Stand) efter in feierlicher SÜBetfe ftatt Die«mal 
mären nicht, wie bei jenen frühern ©ahnfibergaben, nur bie localen Honoratioren 
pgegen, fonbern bie erften Würbenträger (Englanb«. Der (EabinetÄdhef 
öon Wellington, ber Staat«fecretär Sir Stöbert Sßeet unb zahlreiche ©ertreter ber 
Regierung fowie be« ißarlament« waren gefomnten, um ba« nunmehr berühmte 
neue ©erfeljtämittel Stepljenfon’« felbft ju erproben. (Etwa 600 Sleifenbe würben 
in adjt Drain«, benen je ein Stephenfon’fche« Dampfroß öorgefpannt War, mit 
ber mittlern ©efchtoinbigteit öon fünf geographifdjen Steilen in ber Stunbe, unter 
bem 3ubel ber 3ufchauerlegionen, öon Siöerpool gegen Stanchefter entführt. 

Stolz, arbeitöluftig unb mit beflügelter (Eile hatten bie geuerroffe ijjre Wagen» 
colonnen bi« fßarffibe gebraut. Diefer Drt liegt fd)on etwa« in ber zweiten 
Hälfte ber Streife öon Siöerpool nach Stand)efter. Hier follte neue« Waffer für 
bie Stafdjinen eingenommen werben. 3ugleidj warb beabfidjtigt, bie Wagenreiben 
an bem $remierminifter öorbeijieben ju taffen. Der Wagen be« le|tern würbe 
baljer auf ein anbere« ©lei« geflohen, wäljrenb bie ad)t Drain« auf ber H au P* 5 
linie blieben. Stuf ber lefctern, öor bem Wagen be« Stinifter«, ftanb Hxöliffon, 
ber ©arlament«abgeorbnete Siöerpool«. (Er war ein greunb öon ©eorg Steppen» 
fon’« ©eftrebungen unb hatte öon jeher niibt nur für ba« 3uftanbefommen biefer 
(Eifenbaljn, fonbern auch für ihre ©ermählung mit ber Socomotiöe gefämpft. $11« 
Stnwalt ber hart angefoibtenen (Eifenbaljnen fab er fi<b heute enblicb freubeftrab 5 
lenb am 3iel. Seiber war er e«, bet al« ßpfer be« erften (Eifenbahnunglüde« 
fallen follte. (Er war eben im ©egriff, ben Stinifter ju begrüßen, al« bie „Stalete" 
auf bem Hauptglei« baherfdjoß. Stan rief ibm öon allen Seiten Warnungen 
$u — e« war ju fpät; er würbe mit jerfcbmettertem ©ein öon ben Schienen ent» 
fernt unb ftarb noch an bemfelben Doge. 

Drübfelig unb traurig »erlief bie jweite Hälft« ber gabrt, unb man hätte 
meinen lönnen, ba« Unglücf werbe h öc hft nacbtbeilig auf bie grequenj be« neuen 
Serfebrömittel« wirf en; aber fcbon in ben erften Dagen fanben fi<b täglich 12 — 
15000 Sleifenbe ein, wäbrenb man im günftigften galle nur auf etwa ein Drittel 
ber genannten 3aljl gerechnet hatte. Stach fünf fahren beförberte biefe ©ahn 
jährlich etwa eine halbe Stillion ©erfonen unb eine großartige Saftenmaffe. 

Weber ba« ejplofioitffäljige Stoß noch bie gefteigerte ©efchwinbigleit ber 3üge 
tonnte bie Ißaffagiere öon bem herrlichen ©ertehr«mitte( gurücffchrecfen. (Sä rief 
im ©egentheil ba« ©ublifunt halb nach befchleunigten 3ügen. Unb wie muthig 
nunmehr lefotere« geworben War, läßt fiih am beften au« einem Sluäfprudje ber 
„Quarterly Review" öom gahre 1825 ermeffen. Damal« hatte biefe bem ©eorg 
Stephenfon geneigte Steöue über feinen ©lan, mittel« feiner „Steifemafdjine" in 
ber Stunbe jwei geographifche Steilen jurücflegen p wollen, entfeßt au«gerufen: 
„(Sbenfo tönnte man glauben, baß bie (Einwohner öon Wootwidj ftch auf einer 
(Songreöe’fdjen Statete abfeuern ließen, al« baß fie fi<h einer folchen Stafchine 
anöertrauen würben", unb fdjon fünf galjre fpäter ließen fi<h bie ©roßen be« 
Steidje« unb bie Steporter ber Journale, unter welchen öiefleidjt ber Schreiber 


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cßeorg Stephenfon. 


26 \ 


jene« Beilen faj», non Sioerpoot nach SRanchefter abfeuern, unb gleich barauf 
fuhren täglich na^eju anberthalbtaufenb ©erfonen auf jener ©trede. 

Äoloffal Maren bie folgen ber ©tephenfon’fchen ©ifenbaljn. Stur ein ©tati» 
fHfer bertrftgt offne Aufregung bie mamtichfachen unb riefigen .Sohlen eines mo» 
bernen Ba^rbuc^eS ber ©ifenbahnen; nur ein gemiegter gadjmann beS SerfehrS» 
mefettS ifl ^eutjutage im ©tanbe, baS immer mehr ftc^ öerbicfjtenbe 3tefc ber auf 
ben Sattbf arten gejeit^neten ©d)ienenftrafjen ju entminen unb Har ju überfein; 
nur ©pecialiften enblid) oermögen fich in bem reid^üerjmeigten ©ebiete ber 
jefeigen ©fenbaljntechnif jure^tjufinben. Uebermächtig unb erbrücfenb mirlt 
bie SRaffe beS jum ©ifenbalfnraefen gehörigen SRaterialS. gunfjig Boh« nach 
Eröffnung ber ©todton»$)arlingtoner ©ifenbahn betrug (1875) bie ©efammtlängc ber 
eifenbefchienten ©tragen na^eju 39000 SReilen, b. h- beinahe fieben ©rbumfänge. 
SBie oiele ©erfonen unb Saften auf biefer Sänge jährlich fahren unb melcher 
Umtaufch an ©elb unb @ut (ich ba jährlich ooüjieht, mag ber ißhontafte beS 
SeferS überlaffen bleiben. Unb ben Hnftofj ju all biefen gigantifdjen SBirlungen 
gaben ©eorg ©tepbenfon unb fein ©ohn Stöbert. 

©inige Beit nach ©röffnung ber £iüerpooI=9Rand)efter Sinie bauerte ber 333iber» 
ftanb ber föanal» unb ©trafjenpädjter, ber ©runbbefifcer unb ©onforten gegen bie 
©ifenbahnen noch fort, um bann ins ©egentheil umjufchlagen, nachbem auch für 
fte grpfje Sortljeile aus bem mächtig gefteigerten Serfehr entfprangen. Salb !am 
eine Beit, mo bie ©ifenbahnprojecte mie bie ißilje auff(hoffen. Siele ber entftan» 
benen ©ifenbahngefeüfchaften moflten menigftenS einen ber beiben ©tephenfon als 
$aupt» ober berathenben Ingenieur befifeen. Bm ganzen genommen behielt ©eorg 
mehr bie nörbtidjem Xheite ©nglanbs als baS Xertain, melcheS er im ©ifenbahn» 
bau beherrfchte, mährenb fein ©ohn Stöbert oorjügtid) im ©üben bas ©cepter 
auf biefem ©ebiet führte. SefonberS großartig mar bie Xhätigfeit beiber in ben 
Bahren 1834—37, mo fte ein Steh oon ©ifenbahnen au flechten hotten. Um biefe 
Beit (1836) errichteten fie in Sonbon ihr ©eitiralbureau für ©ifenbahnmefen. Bhr 
Stame unb ihr ©ifenbahnfpftem hotte bereits nicht nur in ©nglattb, fonbem auch 
im übrigen ©uropa unb in Hmerila SBurael gefaxt, um halb mächtige B>oeige 
unb Hefte au treiben. 

©eit Einführung ber geuerroffe oon ©eorg ©tephenfon in ben SBettoerlehr 
haben fich, burch ben gortfdmitt ber SRechanil, mannigfache Hrten berfetben ent» 
midelt. ®er Saftaug oerlangt eine anbere SRafchine als ber ©laug, unb bie 
SocomotiOe für ©ebirge unterfdjeibet fich oon jener, bie nur in ©benen mit leichten 
Steigungen läuft. ®ein anbereS als baS Socomotiofhftem oermochte fich oüen 
Umftänben fo innig anaufdjntiegen. 2>ie atmofpliärifchen ©ifenbahnen, bei melden 
bie XrainS burch ben Suftbrud oormärts getrieben mürben, hoben bie ißroben ber 
©ra;iS nicht lange au überftehen oermocht. Son ben ©egnem ©tephenfon’S mit 
greuben begrübt unb auf alte SBeife möglichft geförbert, hotten fie bennoch nur 
ein feljv furaeS Sehen. 

Ueber baS ©tabium beS SRobeÜS lamen nur menige atmofphärifche ©fenbahnen 
hinaus. SUS ein Serfuch im ©rofjen läfjt fich bie Sinie oon ftingStomn nach 



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262 


Unfere ^cit. 


Dalfet) tu Srlattb anfehen. Diefetbe mürbe bon ben Ingenieuren tttegg unb 
©amuba int 3at>re 1844 eröffnet. ßlegg fatte ftc^ fdjon borget im herein mit 
feinem Steiftet Sturbodj burdj dinfiitjrung bet ©aöbeteuchtung einen Konten 
gemalt, maö iljm je|t bei (Schaffung ber atmofphärifdjen difenbahnen baö Ver¬ 
trauen beö fJubtifumö entgegenbrachte. 3m 3at)re 1845 flbergab er unb fein 
©enoffe bie atmofphärifdje difenbaljn bon ßonbon nach dropbon bem öffentlichen 
Setfeljr. (Eine foldje Sahn lief auch °on djeter nach ^tpmouth unb bei $ariö 
bon Slanterre nach ©aint»@ermain. 

Sei ben atmofphärifchen difenbahnen mar jmifdjen ben ©dienen, parallel gu 
tejjtern, ein eiferneö Stotjr auf ben Schmetten feftgefchraubt. Än ber obern ©eite 
befajj biefeö tRotjr ber Sänge nach einen ©djlifc, metdjer mit Seberflappen tuftbicht 
berfchtoffen mar. 3n bem tRoljt befanb fi<h ein tuftbicht tibember Kolben. Sefc» 
terer hotte einen ftarfen eifemen Sinn, meiner auö bem tRohrfdjtifc l)*rborragte, 
mobei einö ber Seberbentite gehoben mürbe. Stn biefem au8 ber 9tot)rfpatte her« 
borfehenben (Eifenarm mar ein auf ben Schienen bemegtidjer Sagen befeftigt. 
Senn nun an ber einen ©tation mittels einer ftehenben Dantpfmafdjtne im 9tol)te 
bie Suft fräftig berbünnt mürbe, fo geriet^ jener Äotben unb ber bamit berbun» 
bene Sagen in Semegung naih jener tuftberbfinnenben Station. Die« !am baher, 
meit auf ber einen ©eite be« Äolbettö ber äußere Suftbruct ftärfer mar als bo, 
mo bie Serbiinnung herborgerufen mürbe. Der ftotben nahm ben mit ihm ber¬ 
einigten Dreibmagen, unb biefer mieber bie an ihn gehängten menigen Sagen mit. 

Die Stetbet ber beiben ©teptjenfon riefen bie atmofptjärifdjen difenbahnen at« 
epodjemadjenb unb als ba« Socomotibfhftem bernichtenb au«. Stöbert ©tephenfon 
bemie« jeboch fogteich (1846) in einer @djrift bie Unljattbarfeit ber atmofphärifchen 
difenbahnen. dr geigte, bajj ber Siohrberfchlufj nicht tuftbicht bteiben tönne unb 
bafj bie Steibungömiberftänbe gu grofj feien, mithin eine ffraftberfdjmenbung ein« 
treten miiffe. 3« ber Xhat fiedjten bie toftfpietigen, unbequemen atmofphärifchen 
difenbahnen fehr batb bahin; bie lefcte (@aint=©ermain) oerfchieb 1859. hin¬ 
gegen hot jidj biefe« ^Jrincip, mogu e« gleich urfpränglich (1810) bon bem Dänen 
SJlebhurft borgefchtagen morben mar, bei ber pneumatifchen Stojjrpoft in ben ©rofj« 
ftäbten bemährt. 3ener fiolben ift bann h®hl gefaltet unb enthält al« fapfet 
bie dorrefponbengpapiere. dr ift bom 3?ot)re böttig umfatoffen unb mirb bon 
berbidjteter Suft bormärt« gebrürft. ©tetjenbe Dampfntafdjinen berrichten bie 
Strbeit ber Suftberbichtung. 

Die atmofphärifchen difenbahnen hoben, gum Serbrufj ber ©tephenfon’faen 
©egner, bto« bagu gebient, bie Sorgiige be« Socomotibfhftem« im fchönften Sichte 
gu geigen. Stur bie difenbahn ©tephenfon’« hot bie Seit erobert. 3n ber Dh°t 
fehen mir bie beiben ©tephenfon in ben breifjiget unb biergiger fahren unfer« 
Sohrhunberts at« Stattjgeber unb Reifer duropa« in difenbahnangetegenheiten. 
UeberaQ, roo difenbahnen entftanben, fanb man bamals, menigftenö theifaeife, 
ihre Dampfmagen, ihre SRafdjinenfüfjrer, ihre 3öglinge unb ihre Stffiftenten. 

Sefonber« häufig unb intenftb nahm Setgien bie ©achfenntnifi ber beiben 
©teptjenfon in difenbaljnfragen in Slnfprud). ©eorg ©tephenfon mürbe biermal 
bon Seopotb I., Sönig ber Setgier, nah Srüffet gu Sefprechungen über bie Stn- 


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cßeorg Stephenfon. 


263 


tage Bon ©ifenbahnlinien eingelaben (1835, 1837 unb gweimal im Bahre 1845). 
©r warb fogleldj Beim erftett Sefudj gum Sitter beS SeopolborbettS ernannt 
Mein nicht nur Born Könige, fonbem and; non ben Ingenieuren unb öom gangen 
Solle würbe er in feliener SBeife auSgegeichttet. Sei feiner testen Suwefentjeit 
gu Srüffet gaben bie belgifchen Ingenieure ihm gu ©fjeen ein glängettbeS Sanlet 
im Stabthaufe, wo feine mit einem Sorberfrang gefdjmfidte SJtarmorbüfte auf» 
geftettt war. 3(14 Safetauffafc fah man bas 9JtobeH ber „Safete". 3n fonberBarem 
Sichte erfdjeint biefen geregten $nlbigungen gegenüber bie 3$atfa$e, baß bas 
englifdje Bnftitut ber,©ioitingenieure iljm bie Aufnahme als SKüglieb berfagte — 
weil er ben SadjweiS nicht liefern fonnte, feinen Seruf regelrecht erlernt gu haben. 
Unb wie gur ©Ahne gegen biefe Unbill wählte biefe ©enoffenfdjaft fpäter feinen 
©ohn gu ihrem Sicepräfibenten (1848—55) unb Ißräfibenten (1856 unb 1857). 
Sagegen erwies fich ber Ser ein ber Ingenieure für URedjanil in Sirminghant 
anerfennenb auch für ®eorg, inbem er ihm bie SEßürbe eines SorftanbeS übertrug. 
Sie ©hre, in ben englifdjen Sitterftanb erhoben gu werben, lehnte ®eorg ©tepljen* 
fon ab; er wollte feinen einfachen Samen behalten, ©benfo benahm fid) hierin 
fein ©ohn SRobert. 

Qm September 1845 ging ©eorg ©tephenfon auf ffirfudjen einer ©efellfchaft, 
bei welcher fich auch bas englifdje Kapital betheiligen wollte, nach Spanien, um 
bie projectirte nörbliche ©ifenbaljnlime Bon SJlabrib nach bem SReerbufen Bon 
SiScapa gu prüfen, ffir fanb bei ber Seoöllerung jener ©egenben bie guBor» 
lommenbfte Aufnahme. Mein ba bie fpanifcpe Regierung ber ©ifenbapngefellfchaft, 
welche bie Sorbbapn bauen wollte, wenig ©ntgegenlommen geigte, fo riet!) ©eorg 
©tephenfon Bon biefer Unternehmung, welche ihm gu wenig lohnenb erfdjien, ab. 
Stuf feiner SRücfreife Bon Spanien erfranfte er an einer SippenfeUentgünbung, Bon 
ber er fich n i e mehr grünblich erholen fonnte. 

Sie eigentliche Saft beS ©ifenbapngefdjäfteS ber beiben ©tephenfon ruhte feit 
bem 3ahre 1840 auf ben Schultern beS ©ohnes. Um biefe Seit trat ©eorg 
mehr in ben $intergrunb bei ben großen Unternehmungen unb überlieh biefelben 
ber Sorge StoberfS; er felbft half jeboch lefcterm noch immer mit feinen beften 
Kräften unb, Wie wir gefehen haben, gab er auch im SuSlanbe feine Satpfcpläge, 
wo man fie anrief. Sach feiner SBiebergenefung (@nbe 1845) gog er fich faft 
gänglich ins ißrioatleben gurüd. Schon feit etwa Bier Bahren hatte er als feinen 
bleibenben SBopnfifc Sapton £>oufe bei ßpefterfietb gewählt, nachbem er früher 
(1830) in SiBerpool unb bann (1831—41) in Sllton ©ränge bei Seicefter gewohnt 
hatte, foweit ihm bieS feine Bielen Seifen gu jener Beit geftatteten. Son Sltton 
©ränge aus hatte er auch We großen Arbeiten geleitet, welche nothwenbig geworben 
waren, um auf einem Bon ihm angefauften ©ute ©nibfton neue, Bon feinem 
©ohne entbecfte Kohlenlager gu erfcpließen, bie befonberS ber gabrifftabt Seicefter 
gugute tarnen. 

Sach Sapton $oufe bei ©pefterfielb war er um bas Bahr 1841 gegogen, nach» 
bem er bie umliegenben ©teinfohlenwerle gu ©lat) ©roß gepachtet unb hier über» 
bieS großartige Kallbrennereien errichtet hatte, ©ein jefciger SBopnfifc lag an einem 
Knotenpunfte Wichtiger ©ifenbapnen, bie er bamals noch i» überwachen hatte. 



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26<* 


Unfere ^cit. 


X)a« weitläufige ©ebäube ftanb auf einer Slnljöhe, in ber SJtitte einer herrlichen, 
hügeligen nnb watbigen ©egenb. $ier wibmete er fid) feit 1845 bent ©arten* 
bau nnb ber Sanbwirthfcljaft. Seine Xreibljäufer für SRelonen*, Stnanas* unb 
SBeintraubenjudjt Waren bur<h itire Seiftungen weit unb breit berühmt, ©r würbe 
hierin nur non feinem Freunbe 3ofeph Sajton, bem ©ärtner be« $erjog« bon 
Xeoonfljire unb fpätern ©rbauer be« ÄrpftaUpalafte« (1850/51) übertroffen. X)a* 
gegen ftanb er mit feinen „geraben ©urfen" einzig unb allein ba. ©r hatte fidE) 
nämlich in ben Äopf gefegt, feine ©urten müßten gerabe wachfen, wa« er enblich 
mittetä gläferner formen, in bie er fie jwang, triuntphirenb ju ©taube brachte. 
Stile fßrobucte feiner ©arten* unb Sanbrnirthfetjaft Wußte er butdj ein eigenthüm* 
ließe« Verfahren jum üppigften ©ebeihen ju bringen, ©ein SDiaftbieh War au« 
ben fdjönften unb fetteften Staffen gewählt. 

Son feiner fönbljeit het hatte ©eorg ©tephenfon eine befonbere Steigung für 
Söget, Kaninchen, $unbe unb überhaupt für Xljiere bewahrt. Xiefen wibmete 
er jeßt Wieber einen Xheil feiner freien Seit. 

Xapton $oufe war ein ©entralpunft hoher ©aftfreunbfehaft. Salb waren e« 
©ifenbahnmänner unb Ingenieure, bie fidj hier oerfammetten; bann tarnen Wieber 
Fachmänner ber $orti= unb Slgricuttur an bie Seihe u. f. W. 2tudj bie Arbeiter 
unb ©enoffen au« ber früßeften Seit ©eorg’« würben nicht tergeffen. Stuf ba« 
©rfeßeinen biefer wactem Seute freute er ftch befonber«. Sn ihrer SERitte bereitete 
er ftet« eigenhänbig feine unb ihre Siebting«fpeife „Crowdie", b. i. ein mit heißem 
SSaffer unb frifdjer 9Rilcß angemachte« #afermu«. Xiefe ©äfte würben ftet« reich 
befeßenft enttaffen. 

Su feinen Freunben jäßlte ©eorg ©tephenfon ben ©taateminifter @ir Stöbert 
Seel, bann ben berühmten Ingenieur für Sifenconftructionen @ir SBütiam Fair* 
bairn, ben weitberufenen ©eotogen Sucflanb unb Diele anbere ERänner erften Stange«. 

©eorg ©tephenfon War feit bem Xobe feiner erften Frau (14. SDtai 1806) 
nahe 14 3aß*e lang SBitwer geblieben; er hatte ftch wft am 29. SDtärj 1820 mit 
©tifabetß ©inbmarfh Wieber Derheirathet. 8tuch biefe @ße toar glficflicß. 3«t Saßre 
1845 üertor ©eorg biefe tiebeooüe SebenSgefährtin. ©r nahm im 3 a ßre 1848, 
etwa ein halbe« 3 a ßr oor feinem Xobe, feine junge SBirthfcßafterin jur Frau. 

3m Sluguft be« 3“hre« 1848 Würbe ©eorg ©tephenfon Dom SBedjfelfieber 
befallen, bem ein Slutfturj folgte. ®r ftarb am 12. beffelben SDtonat« im Älter 
Don 67 3ahren. ©obalb fein Xaßinßheiben in Sßefterfielb betannt geworben War, 
würben, al« Sei<h eK bet Xrauer, bie S'aufläben unb SBerfftätten gefchloffen. X)ie 
©inwohner biefer ©tabt, mit ihrem ©emeinbeDorftanb an ber ©piße, begleiteten 
bie irbifchen Ueberrefte ©eorg ©tephenfon’« jur ©ruft in ber Xreifattiglcitelirdje 
in ©hefterfielb. ©ine ©ebenltafel in jenem ©otte«haufe jeigt bie ©teile, wo ber 
©chöpfer be« ©ifenbahnwefen« ruht. 

®ie 8ioerpool*3Ranchefter ©ifenbahngefetlfchaft hat bem Slnbenfen ©eorg 
©tephenfon’« eine Statue in ber @anct*©eorg«halIe ju SiDerpool geweiht, ©benfo 
hat ber Serein ber Sngenteure für SRedjani! ein Don Saiteß geraffene« ©tanb* 
bilb ihre« ehemaligen Sorftanbe« in ber herrlichen $atle be« fRorbWeftbaßnhofe« 
in Sonbon, ©nfton*@guare, aufgeftetlt. ©ine fehr gelungene Statue ©eorg 


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(Soorgi Stepfy?nfon. 


265 


Steppenfon’S ftept feit 1862 ju Sewcoftle, nape bet berühmten, oon feinem Sopne 
Stöbert entworfenen nnb ouSgefüprten popen (Eifenbapnbrüde über ben Xpne. Seift, 
HRännlicpfeit unb ©erabpeit fprecpen aus ben ©eficptSjfigen jenes plaftifdpen Sb» 
bilbeS. ®ie pope Stirn unb ber eigentümlich morfirte Bug um ben SJiunb weifen 
bie (Erinnerung an ben Scporffimt, SBip unb $umor ©eorg Steppenfon’S. Stuf 
feinen SebenStauf fpieten bie ©eftalten an ben oier (Eden beS StatibS an. SRan 
fiept pier bie Sculpturen eines ©rubenmanneS, eines $anbwerferö, eines Soco» 
motibfüprerS unb eines Schienenlegers. 

(Eigentümlich ift baS „Steppenfon=9Wemorial", welches an jener Stelle erbaut 
würbe, wo einft am 2BiHington=£lnap baS Räuschen beS ehemaligen ©remferS ©eorg 
geftanben. SKan finbet jefct hier ein fdjöneS, im gothifchen Stil errichtetes Schul» 
hauS mit frifchen Sdfenpläpen jum Spielen für bie 3ugenb. ®iefe ©itbungS» 
anftalt befifct auch eine ©ibliothef unb eine Sefeftube für §anbwerfer. ©ebor bas 
alte Räuschen ab gebroden worben war, würbe es mittels ber ©potograppie ber» 
ewigt. (Ein fcpöneS ®en!mal hot fiep ©eorg Stephenfon felbft geftiftet ju (Elap (Erofj 
burch Organifation eines mufterhaften ©erforgungSfpftemS für feine Arbeiter unb 
beren gamilien fowie burih Schenfung eines ©emeinbepaufeS, einer trefflichen 
Schule unb einer fiürcpe. 

®aS bauembfte Stnbenfen an ihn bleibt jeboch beffen (Eifenbapnfpftem, Welches 
nicht Wie anbere SDtonumente berfällt, fonbem fleh täglich mächtiger entwidelt. 
©eorg Stephenfon fann, Wenn man bie weit» unb tiefgepenben, wohltätigen 
golgen feines SBirfenS ins Stuge faßt, ohne ©ebenfen an bie Seite SBatfS, gutton’S, 
©utenberg’S unb ber (Erfinber beS eleftromagnetifcpen XelegrappenwefenS (Schilling, 
Saug, SBeber unb SKorfe) gefteüt werben. 

SIS ©runbjug im SBirfen ©eorg Steppenfon’S erfcheint, mit $inbtid auf ben 
©au feiner (Sifenftraßen, bie Äüpnpeit feiner ©läne unb bie ©eparrlichfeit fowie 
bie SuSbauer im ©erfolgen unb ®urcpfüpren berfelben. fmuptfäcpticp feinem 
ftarfen SBiHen nerbanft er feine großen (Erfolge; aHerbingS muhten biefem uner» 
fchütterlichen SBoHen antreibenbe ©ebanfett ju ©runbe liegen. SQein tefctere waren 
nicht, wie wir bei feinen fucceffiben ©erbefferungen ber Socomotibe gefepen haben, 
bon jenem Sange, wie fie bei ben großen (Entbetfem unb (Erfinbern aufblipen. 
©ei ber folgenreichen ©elebung ber Socomotibe, b. i. bei §erftellung beS ©las» 
ropreS unb ÄeffelS mit Sieberöpren, fepeint ipm bie ©riorität bezüglich beS pier 
ju ©runbe liegenben ©rincips ju feplen; aber er unb fein Sopn Sobert paben 
nnftreitig baS ©erbienft, biefeS ©rincip burep gebulbigeS ©jperimentiren fo praf» 
tifcp berwertpet ju paben, baß nur baburep bie fiegreiepe „Safete" ju Stanbe fam. 
Sm glänjenbften jeigten fiep fein flarer ©erftanb unb feine jäpe ©eftänbigfeit beim 
Ueberwältigen beS ßapenfumpfeS; heute ift jener für unüberwinblicp gehaltene 
SKoraft mit Wegen, Straßen, (Eifenbapnen unb SBirtpfcpaftSpäufern bebeeft. |>ier» 
per gepären aud) alle feine großartigen (Ebnungöarbeiten für ben Schienenweg, 
in weltper Sichtung er im eigentlichen Sinne beS SEßorteS bapnbrecpenb für alle 
Beiten genannt werben fann. 2Bie oft würbe ber ©taube an feine ©erfpreepungen 
bei bem ®irectorium ber Biberpoot»8Jlancpeftet ©apn bon nampaften gadpmännern 



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266 


Unfere ,Jeit. 


erfd^üttevt, inbem fie barauf ginwiefen, baß er fotool mit feinem Sifenroß atd mit 
feinem Sifenweg über einen ©umpf u. bgl. m. Unntügliiged audffigren mode. 
Sulejft Abertrafen aber getd bie Stefuttate feine Sergeißungen. Sei igm gingen 
bie Worte bed $idgterd in Erfüllung: 

®tit bem @eniu« ftegt bie Statur in ewigem ftanbc, 

SBa* ber eine Derftiridjt, (eiftet bie anbre gewig. 

Stur bie Sgaraftergürfe @eorg ©tepgenfon’d bermoigte #err ju werben über 
ben mächtigen SEBiberftanb, meldet ber ©Raffung bet Sifenbagnen fo oielfeitig unb 
bielartig entgegenftanb. ©gne feine Energie unb Sludbauet wären bie Sifenbagnen 
nie ind Beben getreten. Sin ergnbetifiger Sopf allein, ogne bie gartnüifige Se< 
garrlidgfeit im $urdgfegen bed als richtig Srfannten, wäre gier ogne Stugen 
gewefen. $terbon bürfte und j. 83. eine fur^e parallele jwifigen @eorg ©tepgenfon 
unb feinem genialen Vorläufer Siiigarb Xrebitgid überzeugen, Segterer f(geint an 
83ilbung, ^Sgantafie unb Sebanfenreiigtgum über ©tepgenfon ju gegen. Stilein 
er begnügt pcg getd nur mit ben erften Slnfängen in ber Sermirtticgung feiner 
3been. ©obalb er ju einem gübfigen Srgebniß gelangt ig, fegt er fein bielber* 
fpredjenbed Sinb au9, um eine neue Srffnbung ju macgen. Unb fo girbt biefer 
fegr bebeutenbe SKecganifer im tiefften Slenb, weil er ftet* fein Werl bertägt, be* 
bor ed igm gelungen ig, baffelbe ind praftifdge Seben einjufügren. ®eorg ©tepgenfon 
bagegen prüft feinen eigenen ober ben bon igm aufgenommenen ©ebanfen juerft, 
ob beffen Serförperung für bad praftifcge Seben bon Stugen fein fönne. 3m Se= 
jagungdfaße rügt er nidgt eger, atd bid er ju einem befriebigenben Srgebniß 
gelangt. Sr ig audg fpätergin notg fortwägrenb auf Serbegerungen feiner aud* 
gefügrten SBerfe bebaut. ®abei Wirft er ogne Stag, um feine ©djöpfungen in 
bad groge Seben einpfügren unb ignen bort einen bleibenben Soben $u berf(gaffen. 

3u ber gebutbigen Segarrti(gfeit unb Energie ®eotg ©tepgenfon’d gefeilten 
fiig ein unermübti(ger gleiß, eine fefte Seffnnung für Steigt unb Sißigfeit fowie 
eine goge SJtoralitüt unb ©ittti(gleit. Sr jeicgnete pdg audg burig §erjendgüte 
unb SJtilbtgätigfeit aud. Dbwol er niigtd weniger ald ein Stebner War, fo macgte 
er bennodg, wenn er ft(g in feiner Srregung gegen ungereigte Angriffe bertgeibigte, 
burig bie gerborbredgenbe Sgrlidgfeit einen tiefen Sinbruif. Oeorg ©tepgenfon 
war jWar fein Stebner, aber ein guter Srjägler. ®ied geigte gig befonberd in 
fpätem ftagren, wenn er in größern Serfammlungen bon feinen bieten Sümpfen 
um bie Sifenbagn SDiittgeitungen maigte. Sr befaß SBig unb §umor. $)en 
breiten 2>ialeft bed Stotgumbertanberd fonnte er nie ganj lod werben. Sr. War 
im Beben fowie in feinem faigtiigen (Sebiete im gödgften Stabe egrliebenb, bocg 
fegtte igm ber Sgrgei}, in einem fremben Sereiige tgätig fein ju Wollen; er 
legnte bager bad igm ange6otene SJtanbat eined ißartamentdabgeorbneten ab. Sr 
blieb ftetd fdgtidjt unb cinfadj in feiner Sebendweife unb in feinen Sitten. Sr 
War förpertidg äußerft fräftig unb gielt in feiner 3«0enb auf ggmnagifdge Sümpfe; 
ja fetbg bid turj bor feinem lobe liebte er ben SBetttauf bergan jum lapton §oufe. 

Sanj benfetben borjügliigen Sgarafter befaß audg fein ©ogn Stöbert, jeboig 
nodg gesteigert burdg eine gögere Sitbung. 




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©eorg Stephenfon. 


267 


Stad) bettt lobe feine« SBater« fe|te Robert ©tephenfon ben Sau non Socomo» 
titoen unb (Eifenbaljnen fort. (Einen unbergänglidjen Stamen hot biefer ficE> befonber« 
burd) feine gigantifchen eifernen Stöhrenbrücfen gemalt. (Er ftanb fomol in (Eng» 
lanb al« in allen anbem ciöiliftrten Staaten in fo hohem Anfeljen, bafj fein Urtljeil 
in aQen Angelegenheiten be« (Eifenbatjnmefen« al« enbgflltig angenommen mürbe, 
©eit 1847 fajj er im Parlament für SBhitbp; er gehörte jur Xorppartei. (Er 
fprath meift in tedjnifchen unb SBerfehr«angelegenheiten, aber bann ftet« entfdjeibenb. 

Stöbert ©tephenfon hatte ftdj in feinem 26. 3ah re mit Seance« ©anberfon am 
17. 3uni 1829 berheirathet, berlor aber biefe treffliche Sen« f^on am 4. Dct. 
1842. Itofc ihre« auf bem Sterbebett au«gefprochenen SBunfche«, er möge fich 
nach ihrem lobe mieber »erehelidien, nahm er nie eine jmeite grau, ©einen 
©chmerj über ben Serluft be« ton ihm heißgeliebten SBeibe« fueßte er burch inten» 
fite« Arbeiten $u betäuben. Stach einem Seben glorreicher ©rofjthaten auf bem 
tedjnifdjen Selbe, ftarb Stöbert ©tephenfon am 12. Oct. 1859 im Alter oon 
56 fahren, (Er hinterlieh reiche Sonb« für Stiftungen unb Stotljleibenbe. ©eine 
Afche ruht in ber SBeftminfterabtei $u Sonbon unmeit öon lelforb, bem (Erbauer 
(1819—26) ber rieftgen ffettenbrücfe über ben SDtenaifanat in ber Srifdjen @ee. 
Stöbert ©tephenfon hot über biefelbe 2Jteere«enge in epochemadjenber AJeife feine 
loloffale rohrförmige Sritanniabrücfe für bie (Eifenbahn öon ©heftet nach £>olpheab 
gelegt (1847—50). @o mie jene noch heute angeftaunten SBerle, fo liegen auch 
ihre bemunberten unfterblichen SDteifter nahe beieinanber. An bem ©rabe Stöbert 
©tephenfon’« fehlte bie meinenbe Samilie, benn er mar linberlo«; aber ganj (Eng» 
tanb, ja ganj (Europa trauerte über ben SSerluft be« mahrhaft grofjen SDtanneö. 
©ein Anbenlen, mie ba« feine« Saterö, mirb nie erbleichen. Unb ju ben größten 
SBohlthötern ber SRenfdjheit mirb man attejeit jäljlen: ©eorg unb Stöbert ©tephenfon. 


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. **nr 


Ixankxeid), Algerien unb Muttis. 

Bon 

©erftarii Koftlfs. 

SJtit 2tu«nahme einer Partei in ©ngtanb unb faft aller Italiener bot bie 
ganje gebilbete SBelt mit grofter ©enugthuung bie jüngft boltjogene Hnnejion 
Xunefien« feiten« fffranfreich« Eingenommen. SBenn „faft aller" Italiener gefagt 
ift, fo foQ bamit bie Xtjatfache angeführt werben, ba| fetbft in Italien eine 
Partei ejiftirt, Welche e« ganj natürlich gefunben hot, baft granfreich mit bem £>er= 
einjiehen bon Xuni« in bie algerinifc^e SKachtfphäre nur einem jwingenben ©ebot 
folgte, welche« bor allem in ben örtlichen ©ertjättniffen begrünbet liegt.*) 3)iefe 
Partei in Italien wirb repräfentirt burch bie geografhiföen Steife, an beren 
Spifce ber Ehefrebacteur be« „Esploratore", |»err Eommenbatore Eapitano Sam» 
perio, fteht. Eamperio hot fich nicht gefcheut, feine bie«begügtiche Stnfidjt auch 
burd) potitifche Blätter bor ber Dffenttidjleit ju oertreten. 

SBenn Wir ba« ©orgehen granfreidj« at« „Slnnefion" bezeichnen, fo ift für 
ben unparteiifch Urttjeitenben biefer Stuöfpruch gewijj boülommen berechtigt; benn 
wenn auch in biefem Slugenölicf bon einer offen anggefprodjenen Stnnejion nicht 
bie fRebe ift, fo ift e« in SBirflichfeit boch um bie Unabh&ngigleit Xuneften« 
gefchehen. 

^Betrachten wir in ber Xhat ba« Sanb, fo lann felbft ber Saie auf ben erften 
©tief erfennen, ba| ba« 8ta« Slbbar (ßap ©on) bie äufcerfte ©erlängerung ber 
3lure«berge bitbet. Unb nicht nur orographifö ift jwifdjen ben tunefifchen unb 
atgerinifchen ©ergjügen ein dufommenhong, fonbem auch ber geotogifthe ©au ift 
beiben gemeinfam. ©benfo ift ba« fogenannte „afrifanifche" ©ebirge eine gort» 
fefcung be« bie ©robinj Sonftantine burdjziehenben „numibifchen", bie« fetbft aber 
ein SluStäufer be« Xjurbjuragebirge«. ®ie tunefifchen ftftüffe bertaufen jum Xh e ^ 
auf franjöfifchem ©ebiet. ®ie Sebölferung ift biefelbe, unb ebenfo ungtüdliche 
©erhättniffe, wie fie auf ber SBeftgrenje bon Sttgerien nach SJtaroffo ju beftehen, 
finb im Dften; nämlich häufig ift eine Xribe mit einigen ihrer Stbtheitungen ben 
granjofen unterthon, währenb anbere unter ber Oberherrtichfeit be« ©ei bon 
Xuni« ftehen. 


*) Sir erwähnen nicht ber Bartei ©aribalbi, ba fie in Italien nicht ernftlich in Be* 
tradjt tommt. 


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^ranfreidj, Algerien unb (Tunis. 


269 


©om geograpljifch* potitifdjen ©tanbpunft aus fann man alfo nicht baS @e= 
ringfite, wie es ja fetbft in Italien jugegeben wirb, einwenben gegen bie ®in= 
berteibung XunepenS, unb bom rechtlichen ©tanbpunft aus fann granfretch manches 
geltenb matten, meines ferner in bie SBagfdjale fällt ju fünften biefeS ©drittes. 

©ot allem fann angeführt »erben, bah Xunis fepon im borigen galjrhunbert 
unb bis 1830 Algerien tributpflichtig war, granfteidj alfo, als Rechtsnachfolger 
ber algerinifchen Dberherrlichfeit, biefen Tribut gleich noch 1830 bon Xunis hätte 
berlangen Wunen. SBenn bie franjöpfffje Regierung nie batan gebacht h«t, bieS 
3U thun, fo tag baS einfach an bem Umftanbe, bah Algerien felbft noch nicht boH= 
fommen unterworfen war. SBurbe hoch erft 1857 ber Xell bon Stgerien mit 
Eroberung ber großen ftabplie ganj unb gar bedungen, unb pnb bie ©egenben 
füblich bom ?lttaS, bie bodj ein fo notljwenbigeS Komplement bon Algerien ober 
bom Xell bitben, felbft heute noch nicht unterworfen. Xie ©inoerteibung bon 
Xunis ift eben einer bet lejjten ©aupeine, welcher bem algerinifchen ©emölbe 
nothwenbig jugefügt werben muhte. 

®S wirb fobann niemanb berfennett, bah XuniS in ber §anb granfreidjS eine 
ganj anbere ©ebeutung erlangen Wirb, als es für fleh bepehenb befommen fonnte. 
SBir Wollen gar nicht barüber grübeln, bah eS unter türfifcher ^errfepap etwas hätte 
werben fönnen; benn bie benachbarte Regentfchaft Xripotitanien beranfchaulicht ja 
gar ju beutlich, WaS bie Xflrfen auS biefem Sanbe gemacht hoben. ©*it 1835 
im ©epfce ber Xflrfen, ift Xripotitanien heute noch fchlimtner in allen feinen ©er» 
hättniffen baran, als Algerien eS War jut 3eit, als granfteich bie $errfchaft 
bort antrat. SBaS ift aus Algerien geworben, WaS aus Xripolitanien? 3n 911= 
gerien pnb ©ifenbahnen, Xelegrappen, borjüglidje QT^auffeen, Kanäle jum ©ewäffern 
unb £>unberte non bttthenben Drtfchaften entftanben, wäljrenb non allen erft= 
erwähnten Hnpatten in Xripotitanien abfolut nichts ju pnben ift: jahtreich jerftörte 
©täbte unb (Dörfer aber auf bie echt tflrfifche SRiSwirthfchaft beuten. 

Xunis ip übrigens factifch nur furje Seit unter ber ^errfdjaft ber Xflrfen 
gewefen. @tnan4ßafcha, ber es erobert hotte, erhielt eS üon bet ©forte als Sehn, 
unb bie bann fpäter t>on ben 3anitf<haren erwählten XeiS, bon benen flbrigenS bie 
meipen nach Wrjefter RegierungSjeit emiorbet würben, würben gleich abhängig 
bom ©ei, welcher aus ber alt angepammten gürftenfantilie ber Regentfcpap ge= 
nommen würbe. Roch Weniger KinPup hotten bie birect bom ©ultan ernannten 
©afcfjaS, bie. Wie Rialtjan richtig bemerft, bon bomherein baS fflnpe Rab am 
Sagen waren. 8lm ffinbe beS 17. SaprhunbertS erlofch benn auch tpatfächtich bie 
Stacht unb ber Rame „Xei", unb nur ber ,,©ei" blieb.*) 

2Bie baS Sanb unter ber Xpnaftie ber #offainS, welker auch ber jefcige ©ei 
Stoljantmeb et ©fabuf angehört, an ben Ranb beS 9lbgrunbeS gerathen ift, babon 
hat uns unfer leiber fo früh bapingefchiebener SanbSmann ebenfalls eine betaiHirte 
©djilberung gegeben. grüper ohne ©chulben, hotte baS Sänbchen bon 1863—69 
eine ©cputbentaft bon 275 Still. grS., welche mit 35 Still. jährlich ju berjinfen 
waren, fiep aufgebflrbet. Xem gegenüber ftanben 26,916680 jährliche Sinfünfte! 


*) ©gl. Btaltjan, „Reife in ben Regentfdjaften Xunis unb Tripolis", I, 113.. 



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270 


Unfere 5*it. 


greilich berfdjhriegen barf nic^t merben, ba| bet biefer faubern SBirthfehaft ftd^ 
Snbuftrieritter aller europäifdjett ßänber beteiligt Ratten. 8udj aus Jeutfdj» 
lanb eilten Schmarofeer ba^in, »nb als enbtich eine Siegelung »on ben eutopAifchen 
ajiäditen norgenommen tuurbe, fonnte man conftatirru, ba| lein (Europäer mit 
teeren $Anben, niete aber mit SWiHioneu babonjogen. Jaf» bie SBürben träger beS 
©ei nicht teer auSgingen, bebarf mol laum bet ©erftcherung; bie alleinigen ftoften 
trug baS arme ©oll. 

©ei fotdjen 3uftAnben mar es borauSjufehen, bafj eine ftataftrophe über furj 
ober tang eintreten mufite. SRattjan in feinem 1870 erfdjienenen SBerfe fagt 
(I, 142) prophttifd}: „ J>ie ganje äußere ©olitif befielt hier, mie in alten lleinen unb 
fdjmachen (Staaten, barin, bafj man bie ffiiferfucht bet ©roftmächte gefchidt ju 
nähren beftrebt ift, bafj man bem engtifchen Jonfut mit ftranfreich, bem ttalie» 
ntfdjen mit Qngtanb u. f. m. bange jn machen fucfjt, bafj man aus feiner eigenen 
Schmädje potitifdjeS Kapital macht, bafj man jebermantt fc^meic^elt unb jebermann 
öerrätl), bafj man bie fünften ©erfpredjungen gibt nnb nichts hält, nnb bafj man 
fdjtiefstidj alten mirltich ernfien Sorberungen bet ausmArtigen SRädjte jene «vis 
inertiae» entgegenfefct, metche ben orientatifdjen Staaten jut jmeiten Statur gernor» 
ben ift. 86er mie ber ftrug fo lange $um ©rannen gebt, bis er verbricht, fo 
bürfte auch folche biplomatifdie Spiegelfechterei nur fo lange bie ©jriftenj biefeS 
erbärmlichen Staates ju friften oermögen, bis einmal einer ©rofjmacht bie ©ebulb 
ausgebt unb fie baS biptomatifche Spinngemebe beS erften SDtinifterS mitfammt ber 
ftaatli«ben Sjiftenj biefer Stegentfdjaft mit (Einem Schlage aunidjte machen mürbe, 
maS oielteicbt ju geringem potitifdjen ©ermidelungen führen möchte, ats man ge» 
möhntich anjunebmen beliebt.“ 

Jiefe ©orauSficht unferS fdjarfbtidenben ßanbSmanneS bat fi<h ooQlommen 
bemabrbeitet in alten Stüden. Jas ßanb, metcheS am meiften berechtigt ift, bie 
©ermattung bon Junis in bie &anb ja nehmen, bat enblich jefct ben borhetgefelje* 
nen Schritt getban: Junis ift heute eine franjöfifche ißrobinj. 

Um ben ©efifc bon Junis lonnten fid) überhaupt nur brei ßänber ftreiten: 
bie Jürtei, metche neben bet geiftticben Oberberrtichfeit bie metttidje tbeoretifcb 
ftets beanfpracht bat; granfreid), metcheS Algeriens megen nie butben fonnte, bafj 
irgenbeine anbere SRadjt als eS fetbft fich in Junefien feftfefcte; enblich 3tatien, 
metcheS megen ber jahtreich bort bertretenen Italiener, megen feiner commerjtellen 
©ejiehungen mit ber afrilanifchen ©egentfehaft uub megen ber fogenannten geo» 
grapbifdjeit Bnfammengehörigleit — biete 3tatiener behaupten, ßampebnfa, ßinofa, 
ißanteltaria unb Sicitien feien gortfefcungen oon Junis, ober umgefebrt — eben» 
falls glaubte ein Htnredjt ju haben, bie (Erbfchaft bort antreten ju fönnen. 

Orerner fam noch ©rofjbritannien in ©etracht; nicht als ob es je baran gebucht 
hätte, fya fetbft feften 3u§ ju faffen, fonbera nur um bie türfifchen ttnfprüdje 
ju unterftüfcen, §u befeftigen, um baburch momöglich ben ©influfj ber anbern bei» 
ben üRAcbte, Italien unb granfreich, lahm $u legen. SBat bieS ©erfahren bod> 
in oorjügtichfter SBeife 1835 mit Jripolitanien gelungen, metche fRegentfchaft bis 
ju bem Stugenbtid abfotut unabhängig gemefen mar, bann aber bon ©nglanb ben 
Jürlen factifch auSgetiefert mürbe. 


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^ranfreicg, Algerien unö Tunis. 


27 \ 

2>ag aber bie Don 9Jtalt$an oorgergefagte Umwätjung bneinbrecgen unb bog 
Srantreicg äber turj ober lang bie $errfdjaft antreten würbe, tonnte man 1864 
fegen, als wegen innerer Streitigleiten auf ©efefjt EnglanbS eine mit einigen 
Regimentern bemannte türlifcge fjtotte oor Eotetta erfehien mit einem bom Sultan 
ernannten Eßafcga, ber Drbnung machen foHte. Sranfreicg aber wiberfefete fidj bem 
Sanben beS türtifcgen tßafcgaS mit feiner Ärmee aufs entfdjiebenfte, nnb ber 
Eeneratgouberneur bon Algerien erhielt bie Shtweifung, auf ber Stelle mit 
20000 äRatm bie Erenje JunefienS ju überfcgreiten, fowie ein türtifcger Solbat 
auSgefcgifft würbe. Jiefer Swifegenfatl, ber wenig Seaigtung in (Europa fanb, 
jeigte ganj beutlicg, baff bamatS fcgon Sranfreicg ogne feine Einwilligung feine 
groge Stetion in Junis mehr geftatten wollte. Unb es batte boQfommen redjt; 
benn Junis, in ber #anb einer fremben Stacht, war eine ftete Sebrogung beS 
franjöfijcgen Segge! in Algerien. Ein fdgwacgeS Junis tonnte es fidE) atlerbingS 
gefallen taffen. 

Racg bem Sertiner Eongreg, in wel<bem, wie man fegt wol annebmen barf, 
bon Erogbritannien (unb oieUeidbt auch bon Jeutfcgtanb, Rugtanb unb Defterreicg) 
an grantreicg baS 3ugeftänbnig gemacht würbe, einer ebentueUen Sefifcergreifung 
ZuniS’ feitenS SranfreicgS mit „Eewegr beim 2fag" jujufegen, begann für bieS 
Sanb eine ißeriobe ber Unruhe, ber unhaltbaren guftänbe, bie erft fegt mit ber 
Seggnagme beS SanbeS burcg bie ffranjofen igr Enbe erreicht bat.*) 

Italien, ognebieS burcb ben StuSgang beS EongreffeS nicht befriebigt, wollte 
mit fieberhafter Eite in Junis ben, Wie es ihm fcbien, finfenben Einflug roieber» 
berftellen unb befeftigen. Jelegrapgenantage, Eifenbabnbanten, 9tubattino=Eoncef= 
ftonen würben oorgefcgoben, aber es half nichts mehr. Setbft wenn gfcanfreicg 
im berliner Eongreg Junis nicht jugefprocgen befommen hätte, würben geh bie 
Eefcgicfe fcgwerlicg mehr gaben aufhalten laffen. Rur wären — ba öon Italien 
ja niemals ein emftlicber ffiiberftanb $u erwarten War — feitenS ErogbritannienS 
oieUeicht Scgwierigleiten bereitet worben. St an bente nur an bie Knüppel, welche 
bie Engtänber ben granjofen wägrenb ber erften ißeriobe ber atgerinifegen Erobe- 
rnng jwifegen bie ftüge warfen. So aber war Erogbritannien burdg feine Bnfagen 
auf bem ©erliner Eongreg gebunben. 

J)ie Reibereien jwifegen ben ofgcieUen höcgften Organen ghcanfreicgS unb 3ta* 
lienS am tunegfegen #ofe befegteunigten bie ffrife; gtanfreidg lieg Rebotten unb 
Räubereien non ben Erenjftämmen, namentlich ben ÄgroumirS gefegegen, um einen 
bewaffneten Einmarfdg infeeniren ju fönnen. SEBic halb bie Unterwerfung aller 
Jriben bis jur §auptftabt Junis gin erfolgte, wie fcgneU ber Sei fetbft feine 
ißrotefte in ErgebengeitSfcgreiben an bie fran^öfifege Regierung um wanbette, bas 
gaben wir alles foeben mit erlebt. Unb fetbft bie wiebergotten Einfpracgen ber 
Pforte, non ben Erogmäcgten einfach ben Rrcginen einnerteibt, bie Interpellation 


*) StlS bieS gefegrieben würbe, gatte lieg bie Seftgnagme JunefienS ogne STOüge botl» 
jogen; baS Äofettiren ber Sranjofen mit ben Eingeborenen, bie Unwiffengeit ber Staunten, 
welcge niegt einmal wiffen, baf» bie religiöjen Drben ber Simffi nnb Stuleg Jgaib fieg 
feinbtieg gegenüberftegen, gat feitbem neuen 9Iufrugr gerborgerufen. 


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272 


Unfete 3 e ^- 



im englifchen Parlament, bie geharnifchten Strtifet bet itatienifdjen treffe öer* 
mochten ben ©ang ber Dinge nicht aufzuhalten, toeldjer bamit ba| granfreidj 
eine ffionöention mit Xuni« abfchlojj — mahrfdjeinlich mit nieten geheimen 3u* 
fä|en, beten ©fiftenz man nicht früher, al« bi« fie mitten tnerben, erfahren toirb 
— unb bah bet etfte SRinifter non Xuni« nach fßari« abreifte, nm granfreich in 
ber fßerfon feines fßräfibenten }u h»tbigen. 

©omol bie beutfche [Regierung mie ba« beutfche Sott hat ba« ©orgehen granf* 
reiche mit grober Sympathie nerfolgt. 2Ran hot ber Regierung mohltnoQenbe 
Spaltung gegen granfreich unb namentlich in fremben Beitungen baburch ju erflären 
nerfucht, bah granfreich jefct notlauf zu thun betäme, mithin fobatb an einen 
Stieg gegen Deutfdjlanb nicht benten fönne.*) SRan tann aber ftcher annehmen, 
bah bie beutfche [Regierung nur au« cinitifatorifchen [Rüctfichten ba« Vorgehen granf» 
reich« mit mohtmotlenben Äugen betrachtete, unb meit fie längft eingefehen hatte, 
bah Deutfdjlanb« gntereffen am JRittelmeere baburch in teiner Seife gefchäbigt 
mürben. Änbere SRotibe tonnen mir in ber Gattung ber beutfchen [Regierung 
abfotut nicht finben, benn ber ©efifc Älgerien« mit feiner noch n i e untermorfenen 
©eoölferung hat auch auf ben Stieg non 1870 nicht ben geringften ©influfj au«* 
geübt. Unb mie non ber beutfchen [Regierung ba« [Borgehen grantreich« in Xu* 
nefien nur gebilligt mürbe, fo fanb bie ©inoerleibung Xuni«’ auch iu ber beutfchen 
[ßreffe überall eine fhmpathifdje ©eurtheilung. 

Sirb aber grantreich, biefe gtage fei uit« geftattet, nicht mieber mit halben 
SDiafjregeln ftehen bleiben? Senn man ba« £)ört unb fieht, ma« angenblicftich iu 
Älgerien nor fich geht, fo fottte man e« faft glauben. [Rach einem fünfzigjährigen 
©efifce biefe« Sanbe« entftehen bort noch in jebem 3al)re [Renotten, unb toa« für 
[Reoolten! Sagen e« boch bie SRebeQen bi« ©aiba, bi« ©ibi bei Äbbe«, bi« in« 
£erj be« Xefl oorjubringen. 

granfreich h®t nie gemagt, ernftlicf) mit ben ©ingeborenen abzurechnen. Der 
SRarfdjaQ [ßeliffier, melcher einftmal« benfelben eine mohlberbiente, heilfame Section 
gab, mürbe üon ber gefammten ßreffe granfreich« ber Unmenfchlichteit berichtigt. 
Die [Regierungen oon granfreich merben e« nie uerantmorten fönnen, fortmährenb 
jene $umanität«rü<fft<hten gegen bie ©ingeborenen malten ju taffen, burch bie nun 
fdjon fo biele Xaufenbe oon granjofen, fomol ©oloniften al« tapfere ©otbaten, 
ihr Seben eingebüht haben. Saturn hat man Älgerien noch nicht feine natürlichen 
©renzen gegeben? Denn menn bie« jefet auch nach bem Dften }u ber gall ge* 
morben ift, fo hat Ätgerien im Seften feine oon ber Statur gezogenen ©renzen nicht. 

[Rieht nur orographifdj betrachtet gehört ba« ganze SRuIupathat zur fßrooinz 
Dran, fonbern auch htnfiöhtli^ ber ©intheitung ber ©eoölterung muh biefer Xheil 
Zum franzöfifchen ©ebiet gefchlagen merben. Sarum hat man nach ber Schlacht 
oon 3«th jene ungtücflche ©renzlinie gezogen? Sarum folgte man nicht ben natür» 
liehen ©renzen? Diefe liegen aber entmeber auf bet Safferfcheibe zmifchen Xlemfen 
unb ©ei Äbbe«, alfo innerhalb ber [ßrooinz Dran, ober auf ber ztoifchen bem 


*) Unb wenn ba« wahr märe, melcher unparteilich Urtheitenbe, fetbft in grantreich, 
tdnnte barau« ber beutfchen [Regierung einen Sormurf machen? 


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-—.nt 


,f ranfteich, 2Ilgerien unö Cuitis. 273 

©ebu unb ber SDiulu^a. 9Jtan 30 g es bot, eine fünfttiche burcfj nichts motibirte 
©renje ju fchaffen, ganj offen, burch nichts gefcf)ü|t, unb maS baS ©djtimmfte 
War, man fdjnitt einen ber größten Stämme SttgerienS mitten burch- $)ie Raffte 
ber Uteb ©ibi ®dji<h berblieben bei SJiaroffo, bie anbere Raffte fam unter fron« 
jöftfdie ^errfdfjaft. EDamit mürben aber bie blutäbertoanbtfdjaftlidjen ©efüfjte, bie 
©pmpathien nicht mit jerf^nitten. Unb menn auch einzelne borjäglii^e ©chiuch 
ber Uteb ©ibi ©cljich mährenb ihres ganzen SebenS treu jur franjöfifdjen ‘SErico« 
Iore ftanben, fo mären bieS nur StuSnaljmen: bie ©pmpathie ber 9Jtefjrjatjf ber 
franjdfifd^en Uteb ©ibi ©djidj mar ftetS mit ben SJlaroffanero. Sie beneibeten 
ihre Settern, bon einem „Seherrfcher ber ©laubigen" regiert 3 U merben, mährenb 
fie fetbft einem „Ungläubigen" untertan fein mußten. 

Son hier aus erfolgten bann auch bie meiften Slufftänbe, melche im retigiöfen 
#aß immer eine tjinreidjenbe -Wahrung fanben. £>atte eS boc^ bie franjöfifc^e 
Regierung nie bahin 3 U bringen bermodjt, baß man ftatt für ben ©uttan bon 
SKaroffo für ben Äaifer ober Sräfibenten ber Wepubtif in ben SKofc^een betete. 
Unb bie Uteb ©ibi ©d^id^, tjunbertmat geflogen, fanben bei ihren Sriibern, ben 
maroffanifchen Uteb ©ibi ©djidj, ober in ben Dafen fjrigig, Xafitet, Jhtetfa unb 
namentlich $Euat ftetä nicht nur eine fixere 3 u fi U( htSftätte, fonbern auch neue 
©rmuthigung 3 U frifchen Kämpfen gegen bie befaßten ©Triften. 

SBirb »Jranfreich jefct enbtich baran gehen, jene Uebet 3 U befeitigen, unb baS 
Unrecht gegen feine eutopäifdEien ©otoniften gut 3 U machen fliehen? SBirb cg jene 
©umfdjaren*) abfehaffen, bon benen bie fransöfifc^en Strmeecommanbanten noch nie 
ernftlidje Dienfte, moht aber Serrätfjerei genug geerntet haben? SBirb eä bie 
©ftaberei im ©üben abfehaffen? SEßirb eS auf bie SKonogamie, auch bei ben 
SKohammebanern, beftetjen? SEßirb tß bie Unfitte abfdfjaffen, baß bie ETotba unb 
gafitj in ben SWofcheen greitagS beim ©hotbaljgotteSbienft für frembe §errfcf)er (für 
ben ©uttan bon SJiaroffo int SEBeften bon Sttgerien, für ben ©uttan bon ber 
Ittrfei in ffonftantine unb Junis) ftatt für bie eigene Regierung beten? SBirb tß 
eine allgemeine ©ntmaffnung ber ©ingeborenen anorbnen, b. h- ihnen bie ©djieß; 
maffen abnehmen, mit benen fie gerabe in biefem Slugenbticfe mieber §unberte bon 
©uropäern im ©üben ber i|Srobin 3 Dran morben? SBarunt entmaffnet benn bie 
fra^öfifefje Regierung jene Seftien nicht? 3ft es nicht gerabe, atS ob man einem 
Setbrecher, nachbem man feiner habhaft gemorben, einem profeffionirten ©inbrecher, 
feine Dietriche unb Stachfchtfiffet beließe? SBirb benn nicht enbtich bie fransöfifdfje 
Regierung ftrenge SJtaßregetn ergreifen, ftatt fortmährenb fatfdje £>umanitätS= 
rücffidjten matten 3 U taffen? 

JieS alles finb fragen, bie fid) uns angeftdjts ber bortiegenbett Jhatfadjen 
aufbrängen. SBir benten nicht fo peffimiftifdj mie Stochefort, ber auSrief: „®ic 
Slnnejion Junis mirb ben Serfuft SttgerienS nach ftef» 3 ietjen." J>ie Stuncjion 
hat fidfj bott 3 ogen unb bie blutige Stebotte in ber Eßrobin 3 Dran mirb unterbrüeft 
merben. ©ins aber möchten mir hoch ber fransöfifdjen Regierung rathen, 3 U 
untertaffen: baS, maS fie biSje^t jebeSmat nach einer unterbrächen Stebolte 


*) @um, franjöfifch Goum, b. tj- ®afd)i*S3ofuf$. 

Untere 8t«- > 89 l- II. 18 


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Unfere ^ctt. 


27^ 

gettjan hat, fetbft bei 3nbiöibuett unb Stämmen, bie fünf» bi$ fedjSmal bie Mutige 
Stanbarte beS SlufruljrS gegen bie granjofen erhoben: nämlich bie um „Slman" 
Sittenben betart SJerjeifiung ju gemähten, baff fie obenbtein reich beft^enlt ent» 
taffen würben! 3« ber Sieget gefd^at» ba$! Unb ftets ^at man fie im ©ejifce ihrer 
SBaffen getaffen! 

gür lunefien aber, wenn biefe ißrobinj nicht ein fteter $erb be$ Stufruhrä 
fein fott, Würbe eS bringenb geboten fein, ftairuan ju beferen. 34 Weiß» & wirb 
nicht geschehen. 2luS retigiöfen Scrupetn — benn §umanitätäf4winbet fönnen 
hier bie ©enerate unb Slnwälte ber ©ingeborenen nicht inS gelb führen — Wirb 
man Oermeiben, bie tjeitige Stabt jn beferen. ©tan wirb bie „retigiöfen ©efü^te" 
ber ©lufetmanen „fronen" wollen unb bon ber Zeitigen Stabt werben bann nach* 
her bie tptane ju neuen Siebolten gegen bie berfjaßten grembtinge gefdjmiebet Werben! 

2Bir aber tjegen bie fefte Hoffnung, baß enbtic^ bie jüngften ©reigniffe, bie 
©rmorbung ber gtatter'fcheit ©Epebition, ber fdjänbtidje Stufftanb ber Iriben im 
SübWeften bon Dran, bie Siebotte in Sfaj ben granjofen bie Sfugen öffnen Wirb; 
baß fie nicht ferner hören auf jene §umanität3prebiger, Welche ftcf) ju ©lörbern 
ihrer eigenen fianböleute machen, fonbern baß fie burch ftrenge Suchtmittel bieö 
fchöne Sanb bott unb ganj ber europäifchen ©uttur unb ©ibitifation gewinnen werben. 
$or altem aber, Wenn granhreich nihig über Algerien unb lunefien herrfdfjen 
Witt, lege eS bie Iräger ber Sietigion tahm: ben Schich ber ©tulep Ihaib in 
©laroffo uub ben Schich ber Suuffi in ber Dafe be$ 3upiter Slmmon. SSon hier 
auS werben bie Siebotten gefchiniebet, bon hier aus bie ©taffcnmorbe ber ©hriften 
geplant. SBahrfcheinticf) gefchehen aber fotche energifche Schritte nicht. SBatir* 
fdjeinlich ift bie fd)ließliche Unterwerfung S3u Stmema’ö, feine tßenfionirung, ber» 
bunben mit 2)ecoration, unb wa^rfdEjeinfidj ift auch, baß Si Stiman ben fpainfa 
— auf beffett ©efährlidjfeit ich öor faft 20 3«hren bie granjofcn aufmertfam 
machte, ba ich längere Seit feine ©aftfreunbfdjaft genoffen ^atte — mit bem 
ijßoften eines ©ouberneurS betraut, hoch bejaljlt unb frifch becorirt (er war fdjon 
einmal becorirt) wirb . . . bamit er bei günftiger ©elegenfjeit bon neuem reoot» 
tiren tann! 




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3Die UuU 

öer gegenwärtigen IHrffjfefjaffsbenjegung 


®on 

Äbolf Samter. 

n. 


SJtit bet Schaffung bet SSirt^^aftäöerbänbe ift bet erfte Schritt getrau, um 
bet Vereinzelung bet wirtljfchaftlich tätigen ^ßerfonen, bei meldet bie Schwachen 
untetliegen müffen unb bie ©tarfen ein ju grofjes Uebergewidjt erlangen lönnen, 
ein ©nbe ju bereiten. Seboch bebatf eS noch weiterer 2Rafinahmen, um bie 
Stäben, welche fich auS unfetet atomiftifdjen SBirthfchaftSgeftaltung entwicfeln, bie 
©pifce ju bieten unb ben freien ijjerfonenberbänben, Welche in erfter ßinie berufen 
finb, bem ootwiegenb inbibibualiftifchen pribatwirthfchaftlidjen ©Aftern baS Ueber» 
gemixt ju entziehen, ßeben einzuhauchen. 

Unter allen ©Köpfungen, Welche aus ber freien prioatwirt^f^afttic^en SBirttj' 
fdjaftSorbnung herborgegangen, ift unzweifelhaft baS ©elb» unb ©rebitfpftem, unb 
im 3uf<wnment}ange mit bemfelben baS ©anfwefen, baS am meiften mit ihr ber» 
wachfen unb am meiften ben Stempel ihres Ursprungs an fich trägt. @s ift 
bejeichnenb, ba| alle Angriffe, welche gegen baS pribatwirthfdjafttidje ©hftem er» 
hoben werben, fich auch auf unfer ©elb» unb ©rebitwefen rieten. ©eibe finb in 
ber !That aufs innigfte miteinanber berwebt, unb es ift borweg auSgefdjloffen, baS 
©ebiet beS je^igen ©ribatmirthfchaftSfgftemS zu berlaffen, ohne eine entfprechenbe 
Äenberung beS ©elb» unb ©anlwefenS borzunehmen. 

©elb muh realen SBertlj hüben unb jebeS ©elbftjftem, baS nicht auf reater 
SBertljgrunblage beruht, ift in fich unhaltbar. 2)ie ©runblage unferS ©elbfhftemS 
ift ber aJtetallumtauf, unb biefe ©runblage ift ebenfo unerfdjütterlich wie bie freie 
ißribatwirthfdjaft. ©benfo wenig wie bon einer Aufhebung ber ©ribatmirthfehaften 
fann bon einer Slbfdjaffung unferS ©elbfhftemS bie 9tebe fein; aber ebenfo wenig 
Wie eS möglich bei unferm auSfcbitie^ticfpen inbibibueHen ©etriebe eS beWenben 
ZU Iaffen, ebenfo wenig barf unfer ©etb» unb ©anffhftem in feiner jefcigen ®e= 
ftattung aufrecht erhalten werben. 

2Bir hüben es fchon lange nicht mehr mit bem reinen ÜJtetaßgelbfhftem zu 
ttjun. Sluf ©runb beffelben war fcf)on früher repräfentatibeS ©elb gefchaffen, in» 
bem man burch 9RetaK gebeefte 9toten, Slnweifungen u. f. w. auSgab, worauf man 

18 * 


i-.v 


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276 


Unfcrc (Jo¬ 


hann aber einen Schritt weiter ging unb, im ®runbe genommen, fictiüeS Selb 
creirte, inbem man oon ber SHetaHbecfung abfaf) unb bie ©anfen ermächtigte, 
©elbjeichen auSjugeben mit ber formellen SSerpftic^tung jwar, fie gegen 9JtetaH= 
gelb einjulöfen, aber in ber geWiffen ©orauSftcht, baß bie ©inlöfung nicht werbe 
oerlangt werben. 3a fchließlidj ift man oielfach auch hierüber hinausgegangen 
unb hoi oon ber ©inlöfungSpflicht ber ©elbjeichen abgefehen, man hot uneinlöS* 
licheS ©apiergelb geraffen unb an ©teile bcS gefieberten SDletaöuinlaufS bie 
unheilootle ©apiergelbwirthfchaft eingeführt. 

SBäljrcnb bei bem ©elbe ber effectioe SBerth in ben ÜJietaHftücfen enthalten, 
mit ihm förperlicf) oerbunben ift, wirb er bei bem repräfentatiüen ©elbe, bei ben 
burch Ntetatl gebeeften Noten bereits äußerlich getrennt, aber burch bie Stetall» 
beefung thatfächlich aufrecht erhalten; bei ben nicht burch NietatI ooU gebeeften Noten 
bagegen wirb ber SBerth beS ©elbeS nicht nur äußerlich, fonbem auch fachlich oon 
ben ©elbjeidjen getrennt unb in ben SluSfteHer Oerlegt. Die ©elbjeichen behalten 
nur fo weit unb fo lange ihren SEBerth, als bie 2luSftelIer berfelben für ihre ©im 
löfung ju forgen im ©tanbe finb. DiefeS ©apiergelb beruht baher lebiglich auf 
Vertrauen, auf bem Vertrauen, baS in bie 3afjlungSfäljigfeit ber SluSfteHer gefefct 
Wirb, unb alle ©anfnoten, welche in ber ©egenwart eine fo große Solle fpielen, 
fallen, foweit fie burch SRetaH nicht gebeeft finb, in biefe Kategorie, llnfer ®elb= 
fpftern beruht nur ju einer Oerhältnißmäßig fleinen Quote auf realem ©elbe unb 
in weit überwiegenbem ÜDiaße nicht nur auf repräfcntatiüem, fonbem auf fictiüem 
©elbe, auf ben burch SWetaH nicht gebeeften ©anfnoten. 

@S ift erforberlich, bie folgen biefeS ©elbfhftemS, beffen ^Berechtigung an fich 
nicht in Srage geftellt werben foH, ins Sluge ju faffen. 3Kan hat feljr treffenb 
bie ©reirung ber ©anfnoten baßin charafterifirt, baß burch fie ber ©rebit auSge* 
münzt wirb. ©S ift biefeS richtig. Die Noten fönnen nur üon 3nftituten 
ausgegeben werben, beten ©rebit über allem Broeifel erhaben ift, unb fie fönnen 
nur an ©erfonen geliehen werben, beren 3ahlungöfäf)igleit für üollftänbig ficher 
gilt; fowol bie ©mittenten ber ©anfnoten fowie bie DranSactionen, bie mit bem 
fclben oorgetiommen werben, miiffcn bie ©ernähr geben, baß ber burch fie auS= 
gebrüefte SBertlj intact, baß ihre ©elbnatur aufrecht erhalten bleibt. Die ©anfnote 
bafirt auf ©rebit unb biefeS macht fich «m fo fdjärfer unb bebeutungSfdjwerer 
geltenb, je mehr fie auf perfönlichen ©rebit gegrünbet loirb. @S ift biefeS in weit 
überwiegenbem SDlaße in ber ©egenwart ber Satt. SSenn auch SBnorem unb ffonbs» 
beteihungen bei ben ©anfen nicht auSgefchloffen finb, fobaß ber SBerth ber auf 
©runb berfelben emittirten Noten fnbftantiirt ift, fo beruht ber Weitaus größte 
Notenumlauf auf SSechfelbiScontirungcn, atfo auf ©rebitoperationen, fobaß im großen 
©anjen unfer gefammtcS ©anftoefen auf ©rebit unb auf perfönlicfjem ©rebit baftrt. 

Die ftolge ^iertjott liegt flar ju Dage. Der Nujjen ber ©anfnoten fann, 
wenigftenS in erfter Sinie, nur ben beoor^ugten SBirthfchaftSflaffen zugute fontmen; 
bie ©anfen miiffcn, wenn fie fich nicht ben ©oben-unter ben güßen fortjießen 
wollen, mit unzweifelhaft fichcrn ©erfonett arbeiten; bie Strahl ber fogenannten 
banffähigen ©erfonen fann nur eine befchränfte fein. Sicherlich Wirb ber Nufcen, 
ben bie ©anfnote ftiftet, auch in weitere Greife getragen; aber bie ©renze biefer 




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Die ^tele 6er gegenwärtigen JDirtfyfcfyaftsbewegung. 277 

ihrer mittelbaren aßirffamfeit ijt befdjtänft genug unb fie berfagt nur §u halb unb 
gerabe ba ihre 35ienfte, roo ihr Singreifen am meiften geboten märe. SBir finben 
auf bem ©ebiete beS ©anfmefenS biefetbe ©rfcfieinung, bie mir auf bem ©oben 
bet gefammten ©ribatmirthfcljaft antreffen. 35er mirtfif^afttic^ Starte fief»t fi(fj 
burch bie gefellfdjaftlidjen Snftitutionen, t)ier burch bie San!» unb ©rebitnote, 
geförbert; ju bem mirttjfdjaftticfi Sdjmachen fteigen fie nicht hinab. 

$ie fjrage ift unabweisbar, ob biefeS Selb» unb Sanffpftcm allein berechtigt 
fei, ob nicht bie SEBirt^fe^affcSbemegung bal)tn brängt, ein Shftem ju aboptiren, 
welches ben fttufcen ber ©anfnoten meitern Sreifen jugänglidj macfit. Unb biefeö 
ift in ber £t)at burdjführbar. 3)ie ©runblage beS ©etbfpftemS muh ber unent* 
behrtiche SDtetattumtauf bteiben, bem ältetattgelbe barf fich aber ein ftettbertretenbeS 
©etb anreihen, unb biefen burch bas ©anfmefen ju bemirfenben ©rfaj} beS ©elbeS 
braucht nicht tebiglich bie auf ©erfottalcrebit bafirenbe ©anfnote ju bitben, Welche 
unmittelbar nur »erhättnifjmäfjig menigen ihre 35ienfte teiftet, fonbern eS tann ein 
fubftantiirteS ©rfahmittel gefchaffen merben, meines allen SESirt^fd^aftSfreifen }U» 
gute fommt. 

©elb tann jebe aßaare fein; unb menn auch nur ®ine beftimmte aßaare, je|t 
allgemein, Weil E|ierju am borjügtichften geeignet, ©belmetatt int eigentlichen Sinne 
beS 3ßorteS als ©elb functioniren tann, fo tann jebe aßaare als ©rfajj beS ©elbeS 
bienen unb fich um baS als baS eigentliche ©etb beftimmte ©olb ober Silber 
gruppiren. 35er @rfa| beS ©elbeS fchtechtmeg burch ©apicrgelb, inbern, menn auch 
Don noch fo competenter Stelle ein Schein ausgefertigt mirb, etma: biefeS gilt für 
1000 üJtart, mögen bie ©autelen für biefeS ©apiergelb fein, Welche fie motten, ift 
jebenfattS ber bentbar rohefte ©rfafc Pon ©elb. dagegen ift jebe aßaare, bie baju 
beftimmt mirb, im ©ertehr auSgetaufcht ju merben, mit ©rfolg als ftettbertretenbeS 
©etb betmenbbar unb bilbet ben natürlichen ©rfafc für ©elb. 

Sauf ift ©erfauf. Saufen tann nur berjenige, ber für baS ju Saufenbe ein 
aiequibatent ju geben hot; w lauft bie 3Baare mit ber aßaare, bie er berfauft. 
3n berfelben Sage befinben fich alle Säufer. Seine aßaare fann getauft merben, 
ohne bah eine anbere aßaare berfauft merben muh, unb feine aßaare mirb ber» 
fauft, ohne bah eine anbere aßaare getauft mirb. lieber SBaare atfo, bie getauft 
mirb, muh «in aßaare, bie berfauft mirb, gegenüberftehen. ©ine jebe aßaare, bie 
jum ©erfauf gelangt, tritt als Säuferin einer aßaare auf, bie fie als ihren ©egen» 
fafc fucht. ©iS biefer ©roceh bottjogen, mirb ©etb, atfo menn ©elb ©belmetatte 
finb, in gorm bon ©olb unb Silber gebraust. 35ic ©belmetatte finb atfo nicht 
3iet beS ©roceffeS, fonbern nur ein UebergangSftabium in beinfelben; baS 3iet 
beS ©roceffeS bleibt bie aßaare, bie ber ©erfäufer fucht. 3)cr ©erfäufer fann 
baher recht moht auf baS ©belmetall, baS nur Saufinftrument für ihn ift, ber» 
jidjten, mie er es gegenmärtig thut, menn er bie ©anfnote nimmt, falls er bon 
bem Säufer ein Saufinftrument erhält, mittels beffen er bie bon ihm erftrebte 
aßaare ebenfo gut erlangen fann mie mittels ©olb unb Silber ober ber ©anfnote. 
Unb jeher Säufer, ber ja feinerfeits ©erfäufer fein muh, h a * •" feiner aßaare, 
bie er jum ©erfauf ftettt, ein folcfieS Saufiuftrument. $ebe jum ©erfauf geftettte 
unb berfäuftiche aßaare bermag bie ©runbtage einer aßerthanmeifung — mehr ift 



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278 


Unferc ^cit. 


Selb, ©anfnote aucf) nicht — abzugeben. SllS Daufchmittet fönnen Sfnweifungen 
gegrünbet auf ben SBerth bei fich auStaufchenben, alfo Oerfäuflichen SBaaren fungiren. 
SMan Wirb fie bejeic^nenb SBaarengelb ober SBaarennoten nennen. 

Der Unterfc^ieb zwifcfjen ber ©anfnote unb bet SBaarennote ift leicht erfi<htli<h. 
©ei ber ©anfnote bafirt bie ©ertretung beS ©elbeS auf einer giction, auf ber 
giction, baf? bie Oerljeijiene Zahlung beS baaren ©elbeS nicht wirb in Slnfpruch 
genommen werben; bei ber SBaarennote bafirt bie ©ertretung auf bem materiellen 
SBertlje ber iljr ju ®runbe liegenben SBaaren. Die ©anfnoten, Oon prioilegirten 
gnftituten ins Beben gerufen, fönnen wegen ihrer febigtid^ perfönlidjen Unterlage 
nur mit ejclufioen wirtt»f<^aftti(^en klaffen in ©erbinbung gebraut Werben; bie 
SBaarennote wurzelt unmittelbar im ©erfefjr unb entfpringt ihm naturWüdjfig. Die 
SBaarennote oertritt nicf|t baS ©elb unter ber ©rätenfion, ®elb ju fein; fie ift ein 
aus bem Xaufdjoerfeljr entfpringenbeS Daufchmittel, Welses burch ftc^ felbft baS 
©elb erfejjt; fie ift ein ©robuct ber gefammten SBirthfcljaft, bie ©anfnote bagegen 
baS ©robuct ejclufiüer Steife. Die ©anfnote fommt baljer nur ejclufioen Steifen, 
bie SBaarennote bagegen bem gefammten Serfehr zugute. 

Um bie SBaarennote tfiatfädjlid) cinjufü^ren, ift eS erforberlitb, baj? iE)re Sicher¬ 
heit allgemein als unzweifelhaft anerfannt unb baf? i!jr allgemeine Umlaufffi^igfeit 
bereitet wirb. Die Sicherheit ber SBaarennote zu begrünben, macht feine Schwierig; 
feiten. Der SBerth fteeft in ben SBaaren unb eS Ijanbelt fiel? nur barum, eine 
©ontrole barüber eintreten z« laffen, baf? auf ©runb ber betreffenben SBaaren 
nicht mehr Uioten ausgegeben werben, als ber SBerth beträgt, z« bem fie oerfäuf- 
lieh fmb. ®S macht biefeS feine größere ©chwierigfeit, als bie ©rebitfäljigfeit ber 
©erfonen z u prüfen, oon benen bie ©anfen SBedjfel biScontiren unb auf welche 
fie ©anfnoten auSgeben. ®S ift nur unweigerlich feenhaften, baf? bie ©erlauf* 
lichfeit ber SBaaren, auf ®ntnb welcher SBaarennoten ausgegeben werben, bie erfte 
©orbebingung einer gebetfjlicljen, ja möglichen SBirffamfeit berfelben ift, unb eS ift 
barauf zu adjten, baj? nicht mehr Uloten auSgcgcben werben, als ber ©erlauf ber 
betreffenben SBaaren unzweifelhaft ergeben wirb. UebrigenS ift barauf zu Oer= 
weifen, baß bie ©erfonen, Welche auf ©runb ihrer auSzutaufdjenben SBaaren 9toten 
beanfprudfjen, für ©intöfung berfelben Sorge tragen, bezichungSWeife haften müffen, 
fobaf? bie Sicherheit, welche bie betreffenben SBaaren an fich gewähren, burch bie 
perfönlidje £>aftbarlcit ber ©erpflichteten oermehrt wirb. Die perfönliche Sichet* 
heit, auf welche bei ber Smiffion ber ©anfnote auf ©runb oon DiScontirungen 
auSfdjlieftfich SBerth wirb, fallt auch bei ber SBaarennote nicht fort, fie bilbet 
jeboch, unb baS ift ihr Sorzug, nicht baS einzige Sriterium, fonbent eS tritt bie 
fubftantiirte Sicherheit, bie burch bie SBaare gegeben Wirb, in ben ©orbergrunb 
unb wirb burch bie perfönliche Sicherheit beS SBaareninhaberS nur ergänzt. Sn 
ben concreten gälten Wirb einmal mehr auf bie fachliche, ein anbermal mehr auf 
bie perfönliche Sicherheit ©ewicht .gelegt werben. 

Sludfj bie Umlauffähigleit ber SBaarennote ift leicht zu erzielen, ffirforbernij? 
ift, baf? ihre ©miffiott, entfprecfjenb ber ber ©anfnoten feitenS ber ©anfen, Oon 
hierzu berufenen Snftitutcn auSgeht, alfo entweber oon ©elbinftituten, Wie eS bie 
jejjigen ©anfen finb, mit auSreichenbem ©ermögen, ober oon wirthfchaftlichen 




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Die £ieU 6er gegenwärtigen lDirtIjfdjafts6et»egung. 


279 


Korporationen, iuetd^e, toie als erforbertidj ^ingeftettt, Ijeroorgegangen aus ben 
©ewerben, in fid^ für bie bon ihnen auSzugebcnben SBaarennoten alte erforberlidien 
©arantien bieten. Eiefe ©arantien beziehen ftdE), abgefehen bon ber Sicherheit ber 
Noten, toie fie borbin als erforbertidj t»ingefte£tt ift, auf bie ©inlöSlidjleit berfetben 
unb auf baS Quantum ber Notenausgabe. 

Eie Sin(öSlid)!eit ber SBaarennote muff ebenfo toie bie ber ©anlnote getoabrt 
bleiben; benn bie SBaarennote barf ebenfo toie biefe, toenn fte ihre mirthfchafttiche 
Stufgabe erfüllen fott, ben SNetattumlauf nicht oerbrängen, fonbem foll benfetben 
nur atS ftettbertretenbeS ©etb ergänzen. Eie SBaarennoten lönnen unb fotlcn an 
©teile ober richtiger an bie ©eite ber 93anlnoten treten, bie auch UjrerfeitS ejiftenz* 
berechtigt finb, atfo nicht aus ber SBett gefchafft ju toerben brauchen; bie SBaaren* 
noten bürfen baher wirthfdwftlidj nicht ungünftiger auSgeftattet werben atS bie 
S3anlnoten, benen bie ©iitlöfungSpflidjt aufertegt ift. 

©benmäfsig muh bafiir geforgt werben, bafj bie emittirten SBaarennoten ftch 
in ben ©rennen bewegen, innerhalb welcher ber ungeftörte ©etbumtauf aufjer Srage 
bleibt. Eie SBaarennoten taffen fid; unb jWar fehr üiet leichter in biefen ©renjeit 
hatten, atS es mit ben Sanfnoten ber galt ift. SBeit testete zum weitaus größten 
Steile auf SBechfelbiScontirungen beruhen, wobei ber ©rebit eine herüorragenbc 
Nolle fpielt, fo fchwittt bie Notenmenge oft totoffat att, was nur ju oft ju ben 
bebenflichften Srifen führt. 'Eie SBaarennote bagegett enbet ihr Seben, fowie bie 
SBaare, auf ©runb beten fie auSgefteflt ift, jum SSerlnuf getangt ift, unb eS bleibt 
nur barauf ju achten, baß bie SBaaren, welche pr SBaarennotenemiffion Slutajj 
gegeben hoben, nicht p lange unüerfauft bleiben. Nodj wefenttidher ift es, bah 
bei ben SBaarennoten es fid) leicht überfehen läßt, ob eine p grofje Notenmenge 
ausgegeben, refp. üertangt Wirb. Eie SBaarennoten finb nach einzelnen S3randjen 
ju emittiren, unb Wenn eS auch erforbertidj ift, bah bie SBaarennotenemiffion ein* 
tjeitlidj pfammengefaht wirb, fo ift eS ebenfo geboten, fie p beccntratifircn, unb 
biefe Eecentralifation täht einen genauen ©inblid in bie ©eftattung ber fßrobuction 
p unb fefct bie Sanfleiter, fpeciett bie ©entratbanl in ben ©tanb, rechtzeitig ein* 
jugreifen unb SluSfchreitungen entgegenzutreten. 

©teht eS fomit unzweifelhaft feft, bah bie SBaarennoten nicht nur biefetbc 
Sicherheit, fonbern noch gröbere Sicherheit wie bie 33anfnoten gewähren, unb ihr 
Umlauf nicht nur ebenfo leicht, fonbern leichter als ber jener geregelt Werben fann, 
fo unterliegt eS feinein Siebenten, bah man fie ebenfo willig, wie eS bei ben 93anl= 
noten bet Satt War, nehmen Wirb, bah fie fi<h unbebenflich einbürgem Werben. 
Eie SBaarennote, als ©rfafcmittet beS ©etbeS, ift fomit theoretifch berechtigt, wirt(j* 
fchaftlidj folibe unb thatfächtich burchführbar. 

Eer wirthfehaftlidje Nufcen, ben bie SBaarennoten zu ftiften oermögen, ift fo 
weitreidjenb, bah mit ©inführung berfelben eine ootlftänbige Umgeftaltung ber 
SBirthfchaftSüerhältniffe in SluSfidht genommen werben lann. Bnnächft Wirb bie 
SBirthfdjaft oon bem S3anne befreit, ber burch baS jefet herrfchenbe ©rebitfhftem 
auf ihr laftet. ^e^t lann wirthfehaftlich felbftänbig nur berjettige fein, ber crcbit* 
fähig ift, unb bie 3«hl berfetben muh bei ber 93efdjaffenheit unferS SanltoefenS 
eine nur befchränlte fein. Nach Eurchführung beS SBaarennotenprincipS lann jeber 


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280 


Untere <3eit. 


ißrobucent in ben Stanb gefegt »erben, auf feine non ihm erzeugten ffiaaren 
©orfdjujs ju erhalten; baö Kapital, bag jefct nur einem oerhältnihmähig {{einen 
Greife juflieht, toirb bur<h bie SBaarennote in Weiteren Umfange mobilifirt, unb 
inbem eg in »eitere Greife getragen »irb, bie ftcf) je|t oon ihm auggefdjloffen 
fetien, wirb bie 3at}f berjenigen, welche ju einer felbftänbigen wirthfchaftlicfien 
Dljätigfeit ju gelangen oermögen, wefentlich Dermetjrt. 

ßugteidj tritt ju läge, ein »ie bebeutunggoodeg Korrelat bie {Reform beg 
©anf» unb Erebitwefeng ju ben ©eftrebungen ift, aug bem augfdjüefjlidj inbioi» 
bualiftifchem SBirthfchaftgfhftem tjeraugjulommen unb ju ©robuctioaffociationen ju 
gefangen. Stile {Bemühungen, auf bem ©oben beg jefcigen ®elb= unb ©anffhftemg 
jur erfpriefelidien ©ilbung oon ©robuctioaffociationen ju gelangen, finb gefdjeitert 
unb mufften f(heitern. Erft bie Durchführung beg SBaarennotenprincipg »irb ben 
©robuctiöaffociationen bie ©elbmittel juführen, »eiche fie jn ihrer Entfaltung 
bebürfen, ®elbmittel, »et<he unfer jcfcigeg ©elbfoftem ihnen nur feljt unoottfommen 
gewähren fann. 

©ewerbeoerbänbe, »eiche ben oereinjelten Kräften £>att gewähren, ©robuctiü» 
affociationen, »eiche auch ben mit unjureidjenben ÜJtittetn auggeftattetcn einzelnen 
ju einer felbftänbigen »irthfchaftüchen Ejüftenj Oerhelfen, eine ©anf» unb ©etb= 
reform, »eiche burch Einführung Oon SBaarennoten auch ben »irthfchaftlich (Schwachen 
bie nötigen £>ütfgmittet juführt, bilben ein untrennbareg ©anjeg, um aug ber 
3erfahrenheit unb ©ereinjetung ber ©egenwart heraugjufommen. Den »irthfcf>aft= 
lieh ©tarfen foll bie Entfaltung ihrer felbftänbigen »irthfchaftüchen Dhätigleit nicht 
genommen »erben, »ie eg biejenigen beabfichtigen, »eiche aug bem jejjigen ©rioat» 
»irthfehaftgf^ftem in ein jwangggemeinfchaftlicheg übergehen »öden; ben »irtf)= 
fchaftlich Schwachen muh aber bie SRöglichfeit geboten »erben, ju einer wirthfdjaft* 
liehen Selbftänbigfeit ju gelangen, bamit fie nicht gezwungen finb, unter jener 
SOtinorität »irthfchaftlich thätig fein ju müffen. Der erfte Schritt hierzu ift bie 
freiwillige ©ilbung Oon ©erfonenöerbänben, welche erfolgreich nur unter ben 
angegebenen SRahnahmen taum thätig fein tönnen. 

Der erfte Schritt! Die freie Slffociation ift fdjon lange bie Deoife geworben, 
unter welcher auf bem ©oben ber ©rioatwirthfdjaft ©eftrebungen heruortreten, 
aug ber Sötifere ber ©egenwart heraugjufommen; eg ift biefeg aber bigher oon 
geringem Erfolge begleitet gewefen, weil man nicht ben äRuth gehabt hat, aug» 
reichenb ben rein inbioibuetlen ©oben ju oerlaffen, unb man eg auch unterlaffen 
hat, bag Sanf» unb ©elbftjftem entfbredjenb ju reformiren. 916er wenn auch biefer 
Schritt getljan unb in Erfolg berheijjcnber SSeife gethan ift, fo wäre eg Däufchung, 
annehmen $u »öden, bah mit ber felbft erfolgreichen ©ilbung ber freien Slffocia» 
tionen ein gefunber gefedfchaftlicher Buftanb herbeigeführt Werben fann. Die freie 
Stffociation ift bie ©rüde aug ber reinen ^nbiöibuaüoirthfchaft in bie genoffen» 
fchaftliche SBirtjjfchaft, »eiche bereitg mächtig nach ©eltung ringt unb bie geeignet 
ift, bie SBirthfdjaft auf eine höhere Stufe $u heben, alg fie jefct einnimmt; fie 
fann aber nicht für augreidjenb befunben »erben, ben focialen Stäben ber ©egen» 
»art entgegenjutreten unb befriebigenbe 3«ftänbe Ijerbeijuführen. Diefeg fann nur 


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Die ^telc 6er gegenwärtigen IDidhfcfjaftsbewegung. 


28 H 


burch baS ^injutretcn ber zWangSgemeinfdjaftlichen tl)ätigfeit, burdf) bie SBirthfchoft 
ber ©emeinbe unb beS Staates erreicht »erben. 

äJian muß bie SRiSbräudje unb baS Unheil, Welche ber Staat feit feinem 
©mporWadjfen burch fein VelwrmunbungS * unb ©infdjüchterungSfhftem angeregt, 
fennen, um ben tief eingewurzelten SBiberWitlen gegen jebe Staatsthätigfeit ju 
begreifen. Sebodj, Wenn man benfelben erflärlicf), fogar, was bie Vergangenheit 
betrifft, gerechtfertigt finben fann, fo barf bieS bodj niemals ben ©runb abgeben, bie 
Wirthfdjnfttiche Staatsthätigteit ^rinci^ietl abzulehnen unb ficfj baburch beS mächtigen 
Debets zu berauben, Wetten bie Staats» unb ©emeinbetljätigfeit in Bewegung 
fefcen fann, um erffmefjtidje 28irthfcf)aftSzuftänbe hetbeizufflhren. SBeil ber Staat 
mannichfachen SKiSbrauch auf bem SBirthfchoftSgebiete getrieben, barf er nicht a(S 
bie bäte noire gelten; eS barf nicht bie Staatsthätigteit an fidf, fonbern nur bie 
ungehörige »erpönt werben. t>ie Stimmen, bie ftch Z u ber ^Behauptung nerfteigcn, 
bah jebe wirthfc^afttic^e X^ätigfeit beS Staates zn nerwerfen fei, hoben nicht baS 
geringfte Slnrecht auf Veacf)tung. @S geht mit bem Verwerfen ber Staatstljätig» 
feit genau fo Wie mit ben Singriffen auf bie Ißriöatwirthfchoft. SBeit bie $ßriöatwirth= 
fdjaft — unb biefeS wirb nahezu einftimmig anerfannt — wefentlidje Schattenfeiten 
ZU läge geförbert, fotl fie, fo wirb twn gewiffer Seite berlangt, einfach abgefchafft 
werben! ©benfo berfehrt, wie biefe gorberung ift, ift bie Stbtehnung ber Staats» 
thätigfeit, Weit fie ihrerfeits auch ungünftig gewirft. tiefe Schlüffe gehen Weiter 
über baS ,3iel hinaus. SBeil bie Ißrioatwirthfchoft unleugbare SRiSftänbe zur golge 
gehabt, bebarf fie ber ©orrectur unb ©rgänzung; weit bie Staatsthätigfeit ficherlich 
im bebenflidhen ©rabe gemiSbraucht Werben fann, barf fie nicht allein ^errfc^enb 
bie ißriöatwirthfchaft erfejjen; aber ebenfo Wenig barf auf fie Verzicht geleiftet 
werben, fonbern baS Veftreben muh barauf gerichtet fein, fie neben ber ^ßriöat» 
unb genoffenfdjaftlichen SBirthfchnft zum Vortheil beS ©anzen wirfen zu laffen. 

SllS unumftöfeti^eS Sljiom muh gelten: bie ©emeinbe» unb StaatSWirthfchaft 
ift nicht z u entbehren. Sie hot auch ftetö in geringerm ober ftärferm ©rabe, in 
günftigerer ober ungünftigerer SBeife ihre thätigfeit auf bem wirthfchoftlichen Voben 
entfaltet. Sltfo nur über bie ©renzen, nicht über bie thotfache *h rer SBirffam» 
feit fann eine SDteinungSberfchiebenheit henrfdjen, unb bah biefe ©renzen fchwcr 
Zu beftimmen finb, ebenfo ferner zu beftimmen, wie bie ©renzen ber inbioibuellen 
greiheit unb ber ftaatlichen 2Racf)tbefugniffe überhaupt, fann unbebingt zugegeben 
Werben. tie einen Werben bie Staatsthätigfeit in bie benfbar engften ©renzen 
bannen, bie anbern ihn Weitern Spielraum einräumen Wollen. ÜRiemanb ift 
berechtigt, feinen Stanbpunft als einen unfehlbaren hinzuftcßen, am aßerwenigften 
wenn es fidj, Wie im oortiegenben galle, um ©rlebigung oon ©renzftreitigfciten 
hanbelt. Slttgemeingiiltige ©runbfäfce laffen fich in biefer Veziehung ebenfo wenig 
aufftetten Wie bei Slbmeffung ber einem Volfe zu bewiHigenben greiheiten. @S 
hängt biefeS ganz bon bem jeweiligen guftonbe ber Verhältniffe, ber Politiken 
unb ber gefetlfchoftlichen ab. 

©egenwärtig, baS fann unb muh olS SluSgangSpunft genommen werben, hot 
baS einfeitige Ueberwiegen beS prioatwirthfchaftlichen SpftemS fo tiefgehenbc Stäben 
Zu tage geförbert, bah beS ftarfen Sinnes beS Staates bebarf, um fie zurücf» 


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282 


Unfore <^cit. 


aubrängen. SWag man barauf achten, baff bet Staat nicht ju Weit in bie fßritoat» 
Wirthfdfiaft ^intibergreift unb biefe juriicfbrängt: baS ift burdhauS gerechtfertigt; 
aber ^uraficfjtigfeit, wenn nicht unautäffiger SBiberwiüe gegen bie Staatsgewalt 
ift eS, biefe nicht gegen bie unleugbaren Ausbreitungen beS tßriöatwirthfchaftS» 
fpftemS in Anfprudj nehmen unb Oerwenben ju wollen. SWidht barum hanbelt eS 
fid), bie fRedhtc beS Staates auSbehncn ju wollen, fonbem eS honbelt fich barum, ben 
Uebergriffen feitenS ber Sinjetfräfte ju Schaben ber ©efammtheit gegenfibertreten 
}u wollen. $afj hiermit ein SBadjfen ber Staatsthätigfeit öerfnüpft ift, erfcheint als 
unabweisbar. ®a